ES WIRD ALLES [GUT] [WERDEN]

Nr. 331/332

I

Nach dreieinhalb Stunden über den Wolken, wo immer die Sonne scheint, ist man in einer anderen Welt. Zwar ist Island in vielen Punkten seinen skandinavischen Brüdern oder Schwestern sehr ähnlich, aber es unterscheidet sich auch. Das faszinierendste an Island ist, dass nur 350.000 Menschen nötig sind, um diesen Wohlstand, diese Gelassenheit und Freundlichkeit aufrechtzuerhalten. Die großen Hotels, Reykjavik ist eine einzige Baustelle, werden allerdings von polnischen Gastarbeitern gebaut, die auch bei bitterer Kälte und andauernder Dunkelheit unermüdlich am Schweißen und Hämmern sind, assistiert von Unmengen von Kränen. Diejenigen Isländer, die Geothermik für ihre Heizung benutzen, lassen diese Tag und Nacht auf 80°C laufen und können unbesorgt auch die Fenster geöffnet lassen. Viele Menschen scheinen zwei Autos zu besitzen, einen Kleinwagen für den Sommer und einen großen SUV, der früher Allrad hieß, für den Winter. Es gibt sogar ein Verkehrsschild: Allrad empfohlen. In der Nationalgalerie hängt eine Fotoserie von Olafur Eliasson, die fünfunddreißig der merkwürdigsten Unfälle zeigt, die trotz schwerer Autos passierten: in Schnee und Eis und Wasser und Vulkanlöchern verschwundene Autos oder Busse. Der Fotograf ist nicht verwandt mit dem gleichnamigen Organisten an der protestantischen Domkirche, der jeden Dienstagabend aus Bachs Wohltemperierten Klavier auf einem estnischen Flügel spielt. Und dieser Titel erhält hier eine schöne Nebenbrisanz. Die kleine, sehr schöne Kirche war gut beheizt und schlecht besucht. Hier wimmelt es nur so von guten Ideen, und niemand scheint sich von mangelnder Resonanz abschrecken zu lassen.

Mehrere Busunternehmen bieten Rundreisen an, und wir wählten Geysir, Wasserfall und Amerikaspalte. So wie man in Istanbul auf der einen Seite des Bosporus nach Asien, auf der anderen nach Europa blicken kann (während man am Goldenen Horn von der türkischen auf die ehemalige griechische Seite sieht), so steht man hier auf der europäischen Platte und fotografiert die nordamerikanische oder umgekehrt. Vor etwas mehr als tausend Jahren fand hier das berühmte Thing, das basisdemokratische Parlament der isländischen Männer (!) statt. Der Führer redete gegen die amerikanische Felsenwand und das Echo seiner Worte erreichte ohne weitere Verstärkung seine Zeit- und Landgenossen. Natürlich fällt uns sofort Troll Trump ein, der hier seine Mauer vorfinden würde, die Amerika vom Rest der Welt trennt. Aber das geografische Unwissen amerikanischer Präsidenten und vieler ihrer Mitbürger ist legendär – my name is legion, for we are many. Am Wasserfall, der ein gespaltener Fluss ist, waren -17°C und der orkanartige Wind aus dem Film Goldrausch. Man wärmt sich dann in einem der 1000 Luxusläden auf. Unser pakistanischer versierter Guide hatte uns schon auf die Schwierigkeit hingewiesen, die Viersekundenaktivität des Geysirs zu fotografieren. Das schaffen wohl nur professionelle Fotografen. Aber diese Erkenntnis hindert hunderte japanische Touristen nicht am warten und aberwarten bis zum Aberwitz.

Ich habe sozusagen als doppeltblinder Passagier in einer Studenten-WG übernachtet, in der es ein ständiges kommen und gehen gab, während im untergegangenen Ostblock alle Studenten sich fünfzehn Minuten nach acht einzufinden hatten. Das war übrigens der Grund, dass beim Absturz eines sowjetischen Jagdflugzeuges in der Technischen Hochschule Cottbus niemand außer dem Piloten zu Schaden kam. Heute wird aber englischsprachige Flexibilität eingeübt, und eingeübt ist nicht das richtige Wort: vielleicht eingelebt, vielleicht sogar eingeliebt. Einige meiner rechten Leser hadern immer wieder mit meiner und der allgemeinen Auffassung von Globalisierung. Sie ist genauso wenig umkehrbar wie die Entdeckung Amerikas durch Erik den Roten und seinen Sohn Leif Erikson und Christofor Colombo, der mittlere steht als riesige Statue vor der expressionistischen Halgrims-Beton-Kirche, die wie ein Eiszapfen des lieben Gottes aussieht. Diese Unumkehrbarkeit, unter der wir alle leiden und um derentwillen es so schöne Märchen gibt, ist gut durch den Unterschied von Addition und Kumulation beschrieben: durch hinzufügen verändert sich die Ausgangsbasis. Es führt kein Weg zurück in vorkolumbianische Zeitalter. Auch wenn man Globalisierung als Sündenfall sieht, sie ist geschehen, und wir müssen mit ihr leben. Daraus eben ergibt sich unsere Verpflichtung, nicht aus Schuld.

Seit der Finanzkrise von 2008, in der Island unterzugehen drohte, setzt es auf nur zwei wirtschaftliche Faktoren: Aluminiumschmelze wegen der niedrigen Energiepreise und Tourismus wegen der einzigartigen Naturschönheiten. Mehr als 99% der Energie wird aus Wasserkraft und Geothermik gewonnen, so dass es sich lohnt, Bauxit, den Ausgangsstoff der Aluminiumproduktion, von weither zu holen, um ihn hier zu schmelzen und zu verarbeiten. Die Touristen dagegen kommen von selbst. Der größte von mehr als hundert Flughäfen, Keflavik, ist ein ehemaliger NATO-Stützpunkt. Island ist Gründungsmitglied er NATO, stellt aber heute nur noch Radarstationen und medizinische Hilfe zur Verfügung, auch darin sollte es uns Vorbild sein. Dieser Flughafen ist deshalb ziemlich groß, weil er, von uns in Zentraleuropa nicht beachtete, der größte Umschlagplatz zwischen Europa und Nordamerika ist. Nach Kanada und in die USA ist es ein Katzensprung. Warum der Flughafen so angenehm leise, voller Hilfe und Freundlichkeit ist, bleibt isländisches Geheimnis.

Die Touristifizierung[1] Islands und des gesamten Abendlandes, so der mich begleitende Volkswirt, ist Gefahr und Chance zugleich. Für Island kann man tatsächlich eine neuerliche tiefe Krise befürchten, wenn man Pessimist bleiben und das einstige Ausbleiben der Touristen voraussagen will. Venedig und Florenz müssen ohnehin – und nicht zum ersten Mal – ihre Existenz neu bedenken.

Aber es gibt noch mehr kleine Länder voller Wunder. So wie Island als Modell, wenn nicht sogar als Paradigma, dienen kann, könnte man ein anderes kleines Land in der immer noch so genannten dritten Welt aussuchen und mit dem demokratisch eingeholten Einverständnis[2] seiner Bewohner zu einer touristischen Oase ausbauen, in der viele Beschäftigung und Lebensunterhalt finden könnten. Auch in Eritrea – zum Beispiel – gibt es Vulkane und durch die Höhenlage dünne Luft zum Trainieren, Wandern, Radfahren, Bergsteigen. Es gibt in der Hauptstadt Asmara futuristische (also spätexpressionistische) Architektur, mit der der italienische Diktator Mussolini, übrigens ein ehemals sozialdemokratischer Lehrer, den Weltherrschaftsanspruch Italiens begründen wollte. Es gibt eine italienische Eisenbahn von vor 150 Jahren, die genau so noch in Betrieb und bis jetzt das einzige touristische Ziel ist. Es gibt Felsenklöster wie in Tibet und uralte kulturelle Zeugnisse, deren Ursprünge mit dem weisen König Salomo datieren. Eritrea und Island sind außerdem durch die bis heute anhaltende Sitte der Patronyme verbunden und verähnlicht.

Wer nach Island fährt, kommt auf jeden Fall mit Visionen auch für sein Leben zurück, und er lernt die Gelassenheit der Isländer schätzen: Þetta reddast – es wird alles [gut] werden.

[Ich danke meinen Söhnen CST, TST, CDS und ARS für die Finanzierung der Reise als Geburtstagsgeschenk und darüber hinaus CDS für die sachkundige und liebevolle Betreuung und wissenschaftliche Begleitung.]

 

II

Wer ankommen will, muss aufbrechen. Dazu war in den letzten fast dreißig Jahren reichlich Gelegenheit. Wenn in Ostdeutschland die Verhältnisse nach wie vor schlechter sind als im Westen, dann gibt es mehrere Möglichkeiten, das zu verändern: man kann dorthin gehen, wo es besser ist, man kann hier etwas verändern oder aber man kann jammern, und noch schlimmer: sich einem der Jammervereine anschließen. Die ganze Debatte um die Ungerechtigkeit dauert seit 1990 an, aber 1990 war sie auch berechtigt und verständlich. 2019 dagegen ist diese Debatte, wenn sie mit den gleichen Argumenten geführt wird wie damals, überflüssig, überholt und kontraproduktiv. Es gibt keine Gerechtigkeit. Und deshalb gibt es Religion, politische Parteien und den Sozialstaat. Das Streben nach Gerechtigkeit, das uns allen eingegeben ist, ist dagegen kein Himmelsgeschenk, sondern ohne eigene Beiträge nicht ergiebig.

Die erste Grundannahme, die man ändern muss, ist die, dass den ostdeutschen etwas genommen wurde. Bekanntlich fanden 1990 Wahlen statt, bei denen die CDU eindeutig gewonnen hat. Statt sich solange über dieses Ergebnis, dessen Hauptursache alle, die dabei gewesen sind, erinnern können, zu wundern bis es seitenverkehrt erscheint, sollten wir uns lieber darüber aufregen, dass wir die vierzig Jahre davor an Wahlen teilgenommen hatten, deren Ergebnis immer schon feststand. Nur eine Handvoll von uns hat sich dagegen gewehrt. 1990 wurde also niemandem etwas genommen, sondern vielen etwas gegeben: von Mallorca und Bananen bis zu neuen Straßen und Häusern. Im Supermarkt hört man erfreulicherweise niemanden über Ungerechtigkeit und Westprivilegien schimpfen.

Die zweite falsche Annahme ist, dass man überhaupt jemandem die Heimat nehmen kann. Selbst für einen Deportierten bleibt sie da, wo sie ist, nämlich links hinter der Birke und in seinem Herzen. Ein Staat ist keine Heimat, auch wenn das die Hymnen der autoritären Länder suggerieren wollen. Wäre ein Staat eine Heimat, dann hätten alle Menschen in Deutschland 1918 und 1933, 1945 und viele 1989 ihre Heimat verloren. Das ist einfach Unfug. Erstens behaupten nicht alle Ostdeutschen, dass ihnen jemand die Heimat stahl, und zweitens sollten wir uns genauer ansehen, was der andere Teil, der glaubt, dass ihm etwas genommen wird, meinen könnte. Die DDR war weniger vom Staatsterror bestimmt, vielmehr von der Overprotection[3]. Alles, fast alles, war im Osten vorherbestimmt und demzufolge vorhersehbar. Um dieses System der Staatsgeschenke aufrechterhalten zu können, wurde zuerst die Mangelwirtschaft als Preis bestimmt, dann das Unwesen der Westkredite, was auch den endgültigen Untergang des kleinen Landes brachte, wenn man einmal die außenpolitischen Faktoren außeracht lässt. Aber es gab auch noch einen anderen Preis zu zahlen, wenn auch nur für eine bedauernswerte Minderheit: wer sich ernsthaft den Staatsgeschenken widersetzte, der hatte auch mit ernsthaften, schwerwiegenden Folgen zu rechnen. Wenn man also alle diese Bedingungen missachtet, dann könnte diese Form des staatlich gelenkten Overprotection als Geborgenheit interpretiert werden. Und wenn man das tut, dann, und nur dann kann man sagen, dass uns etwas genommen wurde: nämlich die staatlich verordnete Unmündigkeit. An ihre Stelle hat sich das gesetzt, was Kant aus Königsberg und das Grundgesetz wollten und was jeder vorher hätte nachlesen können: der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, die Initiative, die Verantwortung eines jeden für sich selbst. Die kalte Pranke des Kapitalismus wurde und wird flankiert durch Bildung, Wohlstand und Demokratie. Niemand ist verpflichtet, ein lupenreiner Demokrat zu sein, während man im Osten schon verpflichtet war, DIE PARTEI, die immer recht hatte, höher zu stellen als die Demokratie aus dem Namen des Landes, das in der eigenen Unfähigkeit ertrank. Aber das heißt noch lange nicht, dass alle seine Einwohner unfähig waren. Ein Staat ist nicht nur keine Heimat, sondern auch nicht identisch mit seinen Bürgern. Wenn mein Nachbar nicht schwimmen kann oder will, muss er sich dafür nicht rechtfertigen. Vielleicht gehört er zu jener Gruppe, die meint, dass in den Wäldern mehr steht als in den Büchern und dass Wasser keine Balken hat. Rechtfertigen muss man sich nur für Untaten, nicht für Unglauben. Das ist gerade der Fortschritt, den wir feiern sollten, nicht der Verlust, den es nicht gab und den wir deshalb auch nicht fortwährend bejammern müssen. Bei jeder Veränderung gibt es Pioniere und Nachzügler. Wer weiter das Pionierlied von unserer schönen Heimat singen will, kann das gerne tun, wer nicht zur Wahl gehen mag, wird nicht von Schleppern abgeholt und genötigt. Weniger Ärzte und Schulen gibt es nicht, weil wir im Osten unterprivilegiert sind, sondern weil es hier immer weniger Menschen gibt. Allein in meiner Heimat, der Uckermark, die so groß ist wie das Saarland, nur viel schöner, geht die Einwohnerzahl von 1990 bis 2030 von 170.00 auf 100.000 zurück, während sich meine Altersgruppe verdreifacht. In Island, wo nur etwas über drei Menschen je Quadratkilometer leben, jammert niemand. Sie steigen dort in ihr Privatflugzeug und sagen: Þetta reddast – es wird alles [gut] werden. Und Island ist in der Weltrangliste der Demokratie auf Platz zwei. Es gibt also genug zu tun.

[Dieser Text ist eine Erwiderung auf den Artikel ‚Über das blinde Privileg, westdeutsch zu sein‘ von Carsten Korfmacher im Nordkurier vom 29. Januar 2019, den ich in Island gelesen habe.]

[1] CDS

[2] beachte: in Afrika sind die Menschen keine analphabetischen Skelette mehr, denkende Menschen waren sie aber auch schon vorher.

[3] Überfürsorge

NOT IN MY BACK YARD

Nr. 330

Schon mehrmals habe ich hier einen Satz geschrieben, der auch falsch verstanden werden könnte. Wer viel schreibt, weiß, dass jeder Satz anders verstanden werden kann, als der Autor ihn gemeint hat. Wer einen Text liest, wird sein Autor, auch das stand schon mehrmals hier. Der Satz aber, den ich meine, lautet: Seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war, gibt es schwarze Deutsche. Der Satz ist nicht falsch und auch nicht unschön, weil er zwei Dinge zusammenbringt, die zunächst nicht zusammenzupassen scheinen. Aber man könnte ihn auch so verstehen, dass sein Autor etwas gegen schwarze Deutsche hat. So ist es aber nicht. Nicht jeder Satz ist eine Autobiografie, eher umgekehrt, jeder Satz wird Eigentum der Leser. Was der Satz immer sagen sollte und auch gesagt hat und auch heute noch sagen soll, ist, dass der Wächter über die so genannte ‚Rassenreinheit‘ selbst dafür gesorgt hat, dass wir heute wissen, dass es weder ‚Rasse‘ noch ‚Reinheit‘ gibt. Wenn man also ein Prinzip, noch dazu ein so falsches und widriges, auf die Spitze treibt, muss es zwangsläufig scheitern. Trotzdem fallen immer wieder Menschen auf Versuche herein, eine komplexe Sache einfach erklären und verändern zu wollen. Es ist immer wieder der unauflösbare Gegensatz zwischen Wahrheit und Evidenz, der uns die fata morgana der Trivialität vorspiegelt. Wahrheit wäre die völlige Übereinstimmung eines Dinges oder Vorgangs mit seiner Beschreibung. Die kann es also nicht geben, nur Näherungen. Deshalb flüchten wir uns gerne in die Evidenz, in den schönen Schein, es könnte so gewesen sein, und gerade das erscheint uns oft unbezweifelbar. Ein Sonderfall von Evidenz ist die Augenzeugenschaft. Viele glauben, etwas besonders gut zu verstehen, weil sie dabei gewesen sind.

Der Versuch also, das ohnehin schon konstruierte Deutschtum zu komprimieren und isolieren, bedeutete sein beschleunigtes Ende. Nation ist immer schon nur der Versuch gewesen, Nation zu sein. Und Deutschland hat diesen Prozess natürlich nicht in der Isolierzelle erlebt, obwohl es nach dem letzten Krieg dahinein gehört hätte, sondern im Verein mit anderen untergehenden Nationen:  das britische Empire versank wie die Grande Nation, von Balzac mit seiner Figur grandeur et decadence[1] vorausgesagt.  Wir alle versuchen, Probleme aus unserem Hinterhof in einen anderen Hof zu verschieben. Das ist, nach meiner tiefen Überzeugung, auch der Grund dafür, dass ein menschenähnlicher Gott, obwohl er für so viele Menschen evident ist, arithmetisch nicht möglich ist. Zu viele sich widersprechende Bitten müsste er erfüllen oder versagen. Genauso kann man Probleme eben nicht verschieben. Ein schöner Sonntagsaufruf wäre es zu sagen: Dann lasst sie uns doch gemeinsam lösen…Das ist merkwürdigerweise immer nur als Ausnahme möglich. Allzu schnell verfallen wir wieder in unser Hinterhofdenken.

Der letzte Krieg[2] hatte als eines seiner Nebenziele[3] die Zementierung des patrialinearen Weltbildes. Das Mutterverdienstkreuz gab es für einen biologischen Akt, nicht für eine Innovation oder einen Gedanken. Die Geburtenrate hat sich dadurch nicht signifikant geändert, wohl aber das Bild und Selbstbild der Frau. Denn obwohl sie Kinder bekommen sollten und obwohl mehrere Millionen Kriegsgefangene dafür ebenfalls eingesetzt wurden, mussten sie – wie schon im ersten Weltkrieg – in der Rüstungsproduktion arbeiten. Nach dem Krieg haben sie nicht nur die Trümmer weggeräumt, sondern auch die Kinder allein erzogen und wahrscheinlich ganz pragmatisch auf eine Reihe von bis dahin für unverzichtbar gehaltene Prinzipien verzichtet. Die aggressive Verteidigung der Männerherrschaft hat ihr Ende beschleunigt.  Allerdings hat die Verwirklichung der manchmal Gleichberechtigung, manchmal Emanzipation genannten neuen Stellung der Frauen lange gedauert und dauert noch an. Anders als bei der Nation war vielen unserer Vorfahren vorher nicht klar, dass es zwischen Frauen und Männern mehr Schnittmengen gibt als es vorstellbar war. Das binäre Geschlechtssystem schien zu felsenfest und zu ewig zu sein, als dass man es sich wankend und erodierend vorstellen konnte. Wir dürfen nicht vergessen, dass die heutige Diskussion um die marginale Frage des Transgender nur eine Projektion der tatsächlichen und großen Probleme ist. Nicht gelöst ist die work-life-balance, wenn man Kinder hat, keine Vision leitet die Vaterrolle, noch nicht einmal die gerechte gleiche Bezahlung von Frau und Mann ist angedacht. Auch Quoten sind immer nur eine Zwischenlösung, wenn überhaupt.

Obwohl fast übergangslos nach der Aufklärung die Romantik einsetzte und starke gegenläufige Impulse gegen die Industrialisierung, Urbanisierung und Verwissenschaftlichung des Lebens einbrachte, dauert der etwas sinnlose Kampf zwischen (Populär-)Wissenschaft und (Elitär-)Erzählung an. Es ist ein schon sprichwörtlich gewordener Vorwurf, dass sich die Aufklärung an die Stelle der alten Vormünder gesetzt hat. Der Glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse und Halbwahrheiten und an die Zeitung hat den Glauben an die bis dahin einzig vorstellbare religiöse Welt abgelöst. Das ganze neunzehnte Jahrhundert über ist Europa im Aufbruch: Flucht und Migration, religiöse Atomisierung – ein Schisma jagt das nächste, und das nicht nur im Christentum -, Not und Verelendung werden dicht gefolgt und bald überholt von Hygiene und ausreichender Nahrung. Der Paukenschlag der Tamborakrise[4] hatte auf der einen Seite biblische Ausmaße, auf der anderen Seite aber auch einen riesigen Innovationsschub vom Fahrrad über den Mineraldünger bis zum Suppenwürfel zur Folge. Erst im neunzehnten Jahrhundert lernten die meisten Menschen in Europa lesen und schreiben, denn dazu braucht man nicht nur eine Schule, sondern auch Zeit, Lesestoff und Freiheit. Unbemerkt von der pseudoreligiös aufgefassten Wissenschaft und dem sich rasant entwickelnden Journalismus – beides hält auch bis heute an – hat sich die von den Romantikern ersehnte Erzählkultur verbreitet. Ironisch könnte man sogar sagen, dass nach der Religion und der Wissenschaft Grimms Märchen den Diskurs bestimmen, und Diskurs ist noch nicht einmal mehr das richtige Wort: es geht fast nur noch um Zuhören und Kopieren. Die Märchen hämmern auf allen Bildschirmen auf uns ein. Musik ist zur Hauptkommunikation geworden.  Gleichzeitig wurde die Arbeit immer mehr entmenschlicht, was merkwürdigerweise Rationalisierung genannt wurde. Das ist insofern irreführend, indem zwar zur Erfindung der Maschine ratio gebraucht wurde, aber allen weiteren Prozessen wurde sie entzogen.  Man könnte also auch gut sagen, dass die Rationalisierung zur einer Irrationalisierung führte. Wenn man weiter bedenkt, dass Rationalisierung auch immer nach einer Optimierung sucht, also einer Verbesserung ohne Verschlechterung, dann zeigt sich, dass der alte Egoistengrundsatz: not in my back yard nur fortwährend seine Grenzen nach außen verschiebt. Unsere Fabrik produziert kein CO², zahlt Tariflohn, hat einen Betriebsrat, aber unsere Seltenen Erden werden von Kindern in Afrika ausgebuddelt, unser Müll wird nach Indien und China exportiert und für Möbel-H***** wird der Amazonas- und indonesische Urwald gerodet. Diese Irrationalisierung hat aber mehrere Seiten, deren eine nur der sinnlose Ticket- oder Pfandflaschenautomat ist, einschließlich der überall überflüssigen, aber alimentierten Arbeitskräfte. Die andere Seite ist die Unterhaltungsindustrie, über deren Megakitsch man lachen darf, deren geradezu omnipotenter Bildungseinfluss aber nicht unterschätzt werden darf. Zwar gibt es noch 800 Millionen Menschen, die hungern und Analphabeten sind, aber schon drei Milliarden Menschen haben ein Smartphone, was einen ungeheuren, noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbaren Innovations- und Bildungsschub bedeutet. Je mehr Bildung wir haben werden, desto mehr werden wir auch unseren Hinterhof öffnen wollen.

[1] Cesar Birotteau, Roman von Honoré de Balzac

[2] das ist immer wörtlich gemeint: es war der letzte Krieg, danach kamen – zum Glück – nur noch begrenzte und kalte Kriege; wir leben nicht in einer Zeit der Kriege.

[3] seine Hauptziele waren offensichtlich die Eroberung von Raum und Rohstoff und die Ermordung von sehr vielen Menschen, darunter mehrere Millionen Kinder

[4] auf den Ausbruch des Vulkans Tambora (heutiges Indonesien) 1815 folgte eine weltweite Hungerkrise

JEDE KETCHUPFLASCHE HAT EINEN NAMEN…

Nr. 329

Über ‚CAPERNAUM‘ von Nadine Labaki

…und ein Herstellungs- und ein Verfallsdatum, nur illegale Flüchtlinge nicht, sagt der Menschenhändler auf einem Beiruter Markt, der zum Schein und zur Geldwäsche einen Marktstand betreibt und den Menschenfreund spielt. Der Film wiederum spielt mit der Realität. Die Slums von Beirut kommen dem Zuschauer wie in einem Dokumentarfilm ganz nahe. Und deshalb wirkt der unglaublichste fiktive Fakt ebenfalls realistisch: dass der kleine Zain seine Eltern verklagt, so wie alle Kinder in den Slums und auf den Flüchtlingsbooten uns, die Erwachsenen dieser Zeit, verklagen müssten, weil wir der Verantwortung, die wir uns entweder durch sie, die Kinder, oder durch unser luxuriöses Leben aufgeladen haben, nicht gerecht werden. Aber auch die Eltern des ungeheuer starken Zain sind Opfer ihrer Unbildung, ihrer Abhängigkeit, ihrer Mutlosigkeit und ihres Fatalismus. Dieses ganze Leben handelt nur von Müll und Leid. Alle Gegenstände, die man sieht, stammen aus und kommen wieder in den Müll. Nichts ist etwas wert. Es gibt keine Werte. Und da das Leben ebenso wenig wert ist, ist die zweite Komponente, das Leid, noch stärker als der Müll. Und trotzdem geht es um Fürsorge und Zuversicht.

Kapernaum – in verschiedenen Schreibweisen – ist sowohl eine biblische als auch eine historische Stadt. Yesus hat mehrfach in ihr gelebt und gelehrt, allerdings nicht in der vor hundertfünfzig Jahren ausgegrabenen Synagoge, sondern in ihrem Vorgängerbau. Mehrere seiner Jünger stammten von hier. Einst wurde Yesus von einem römischen Hauptmann gebeten, dessen Knecht zu heilen. Und da er nicht glaubte, dass Yesus dafür in sein Haus kommen musste, das der Hauptmann als zu klein und niedrig empfand, wurde er von Yesus vor dem versammelten Volk für seinen Glauben gelobt. Kapernaum versank 746 in einem Erdbeben in der Wüste. Vielleicht hat es dann so ausgesehen, wie die Slums von Beirut heute. Der Glaube des Hauptmanns an Heilung und seine Fürsorge ließen ihn zum allgegenwärtigen und noch heute verständlichen Symbol werden.

Der erste Mensch, um den sich der schon mit der Arbeit im Laden des Vermieters überforderte Zain kümmert, ist seine Schwester Sahar. Sie mag die Lakritze des Vermieters und Arbeitgebers Assad, aber Zain ahnt, dass sie an ihn verkauft werden soll. Was er nicht ahnt, ist, dass er sie nie wiedersehen wird. Erst als er den Kampf um seine Lieblingsschwester verliert, verlässt er die Bretterbude ohne Betten und ohne Liebe. Die schöne Äthiopierin Rahil, die so gerne Tigest hieße und für gefälschte Papiere spart, vertraut ihm ihren kleinen, nirgendwo registrierten Sohn Yonas an, um den er sich bis zur Verzweiflung sorgt. Zain ist ein ungeheuer durchsetzungsfähiger Junge. Er besorgt ein Skateboard, auf das er einen Topf montiert, in dem er den ungeheuer folgsamen hochempathischen kleinen Yonas durch die Slums und Märkte navigiert. Ein syrisches Flüchtlingsmädchen gibt ihm marktwirtschaftliche Tipps und vor allem eine Zukunftsperspektive: in Schweden, sagt sie, haben die Kinder eigene Zimmer, wo die Erwachsenen anklopfen müssen. Zain verkauft zunächst den Hausrat, der im Gegensatz zu dem seiner Eltern wenigstens verwertbarer Müll ist. Leider verkauft er auch wieder das aus Schmerztabletten gewonnene Rauschwasser, was ihn der Gewalt der Halbstarken unterliegen lässt. Man vergisst, wie der Richter in der Rahmenhandlung, ständig das Alter des kleinen Zain.

Die ganze Zeit überlegt man als Beiwohner dieser Tragödie, die aber immer wieder durch das Lächeln des Schützlings Yonas aufgehellt wird, den Zain wider allen Anschein stets als seinen Bruder ausgibt, welches Leid das größte ist: der Verlust der Schwester, das Aufbegehren gegen die verantwortungslosen Eltern, die Überforderung mit Yonas, die Verhaftung von Rahil, der Mutter des Yonas, der Verlust des Geldes, der endliche Verkauf des Yonas an den Menschenhändler, der Mordversuch an Assad, der für den Tod der Schwester verantwortlich ist, das Gefängnis in Beirut, die Zeugenaussage der Eltern vor Gericht. Es ist eine Kette von Leid und Müll und Tod.

Im Gefängnis, dessen Zustände für uns nicht erzählbar sind, tritt eine christliche Gruppe auf, die hilflos, geradezu albern wirkt, aber als sie eine christliche Schnulze singt, wirkt plötzlich die Kraft der Musik. Nach der Liebe ist die Kunst die zweite große Kraft. Die Musik des Films – von Khaled Mouzanar, das ist der Ehemann von Nadine Labaki – ist eine bezaubernde Mischung aus orientalischem und elektronischem Mirakel. Man vergisst sie streckenweise, genauso wie man vergisst, dass man nicht in einem Dokumentarfilm sitzt.

‚Capernaum‘ erzählt eine große Geschichte mit großen Mitteln. Die Unmittelbarkeit erinnert an Iñarritus ‚BABEL‘, aber es geht um etwas anders. Es geht darum, dass wir übersehen, dass in dem Müll und Leid und Tod der Slums der großen Städte, die nach dem Vorbild der europäischen und nordamerikanischen großen Städte gewachsen sind, nur dass in ihnen statt Industrie nichts als falsche Hoffnung blüht, dass in diesen Slums die Grundwerte der Menschheit weiter gültig blieben, entgegen dem Anschein, der einerseits durch Menschenhändler und andere Kriminelle, andererseits durch den repressiven Staat entsteht. Der Staat ist aber gleichzeitig auch der Bewahrer ebendieser Werte. Ein pensionierter Richter, der in der Spencer-Tracy-gleichen Rolle (‚Das Urteil von Nürnberg‘) die Hilflosigkeit des Staates, der Gesellschaft und ihrer Institutionen, aber auch ihre Funktion als Korrektiv und Katalysator zeigt. Nadine Labaki, die Filmemacherin, spielt sich selbst, sie ist die Anwältin, die zu einer Nebenrolle verdammt ist.

Tolstoi schon stellte die Frage, was aus dem Intelligenz- und Moralpotential all der Menschen wird, die nicht in die von ihm gegründete Schule gehen konnten. Wir müssen uns fragen, warum wir die Kraft dieser Kinder aus dem Müll vergeuden, statt sie zu schützen und zu nützen. Die Zukunft der Menschheit wird nicht Industrie mit Menschenhand sein. Damit die großen Städte, die anscheinend nicht verhinderbar sind, zu Städten der Hoffnung werden, brauchen wir verschenkbare Bildung, nicht verschenkte. Die trostlosen Eltern der Kinderschar in diesem Film überlegen kurz, ob sie dem Wunsch Zains nicht nachgeben sollten und ihn zur Schule schicken. Ihr einziges Motiv ist aber, dass er dort kostenlose Schulkleidung und Lebensmittel bekommt. Den Wert bedruckten Papiers können sie nicht erkennen, weil sie es weder haben, noch lesen könnten, wenn sie es hätten.

Libanon ist ein religiös und politisch zerrissenes Land. Aber schon in der Antike hatte es eine Scharnierfunktion zwischen Orient und Okzident. Es hat großartige Dichter hervorgebracht, die hierzulande niemand kennt. Labaki lässt einige ihrer Protagonisten so sprechen, wie unser Klischee von Dichtung im Orient geht. Aber vielleicht ist das gerade der Realismus?

DAS PARADOX DER NÄCHSTENLIEBE

Nr. 328

Wer einem Menschen oder einem Tier oder einer Pflanze etwas Gutes tut, muss damit leben, dass die Welt dadurch besser wird, obwohl er oder sie das gar nicht gewollt hat. Das gleiche gilt leider auch für das Böse, das aber wunderbarerweise niemals dauerhaft gewinnt. Mit dem Guten ist es so wie mit dem Bäcker von Adam Smith: obwohl er bäckt, damit er satt wird, werden auch wir satt. Trotzdem steckt in diesem Vorgang Planung, Arbeit, Mühe und Zuversicht. Nicht jeder Bäcker wird reich. Insgesamt geht von der Tätigkeit der Bäcker und Dönerläden ein Grundvertrauen aus, dass wir nicht verhungern können. Uns scheint es so, als dass eine unsichtbare Hand, auch dies eine Metapher von Adam Smith, dafür sorgt, dass wir nicht nur nicht verhungern, sondern an Döner und Croissants unser Wohlgefallen haben. Der Staatsrechtler Georg Jellinek, dessen Bruder übrigens einem urdeutschen Symbol den Namen gab: Mercedes, nannte dies die normative Kraft des Faktischen. Wir tun wiederholt  etwas, und dann erscheint es uns als Norm. Das ist leicht zu verstehen.

Aber was machen wir mit dem Bösen oder mit den Bösen? Die platteste Lösung ist eine Losung, die oft an Wände geschrieben wird und wie ein Menetekel wirkt: NAZIS RAUS. Das hört sich gut an, ist aber nicht nur falsch, sondern eine Nazilösung. Denn der Faschismus beruht auf Segregation und auf dem Glauben an Segregation. Eine bestimmte Menschengruppe, so will der Segregationsglaube glauben machen, ist schuld am Elend. Diese Menschengruppe befindet sich wahlweise außen oder sie ist zwar innen, aber fremd. Und so funktioniert auch der Grafittospruch NAZIS RAUS. Er unterstellt, dass die Nazis andere Menschen sind, die man wegschicken, im schlimmsten Fall internieren kann. Tatsächlich sind die Nazis aber unsere Kinder, Eltern, Brüder, Schwestern, Nachbarn. Man kann sich Menschen nicht aussuchen. Natürlich kann nicht jeder Mensch mit allen seinen Mitmenschen gut klarkommen, aber wenn man vorn vornherein ganze Gruppen ausschließt, dann kann das nicht gut sein.

Die zweite Lösung, die oft angeboten wird, ist das von Karl Popper stammende Paradoxon der Toleranz. Das wird oft so verstanden, dass man gegen Intoleranten letztlich nicht mehr tolerant sein kann, weil sie die Basis der Toleranz zerstören wollen. Dieser Vorschlag unterstellt, ebenso wie jede Segregation, dass die Grenzen zwischen den Menschengruppen starr und unveränderbar sind, was selbst bei der Hautfarbe, aber ganz offensichtlich bei politischen Ansichten nicht stimmt. Popper meinte übrigens, dass sein Paradoxon nur dann griffe, wenn es keine Argumente mehr gäbe. Wer zum Molotowcocktail statt zum Wort greift, für den gilt selbstverständlich das Strafgesetzbuch als Minimum der Ethik, wie es Georg Jellinek formulierte. Würden wir also die heute Intoleranten aufgeben, so hätten wir und sie keine Chance, sie in das Lager der Toleranten hinüberzuziehen.

Vor ein paar Tagen hatte einer dieser Schlaumeier neunzigsten Geburtstag und sein Satz ‚Optimismus ist nur ein Mangel an Information‘ geisterte durch das Netz. Wenn Optimismus Mangel an Information ist, dann ist Pessimismus aber offensichtlicher Mangel an Glauben, Mut, Zuversicht, Realismus (denn da niemand in die Zukunft sehen kann, muss man auch für morgen nicht mehr befürchten als für gestern), Poesie, Solidarität, Menschenkenntnis, Geschichtsbewusstsein, Charisma, Fiktion und Magie. Ohne Information kann man leben, wenn auch vielleicht nicht die Welt verbessern, aber nicht ohne Zuversicht.

Nicht jeder Mensch wird zu jedem Zeitpunkt tolerant und optimistisch sein können. Aber aus diesem menschlichen Makel (Philip Roth) kann man keine Theorie gewinnen, dieser Fakt sollte nicht willkürlich zur Norm erhoben werden. Der Makel ist ja – im Gegenteil – nur ein Merkmal unter vielen, auf den sich der Mensch selbst gern fokussiert und auf den er gern von anderen fokussiert wird. So gesehen ist Intoleranz immer ein Mangel an Zuversicht, die aber, im Gegenteil zu Informationen, nicht immer leicht zu beschaffen ist. Das Leben ist nicht so rational, wie wir es uns wünschen. Demzufolge ist es auch nicht so leicht änderbar, wie uns manchmal scheinen will. Aber es ist auch nicht unveränderbar. Man muss nicht alles so hinnehmen, wie es gegeben wird. Das Leben unserer westlich-nördlichen Gesellschaften ist in den letzten zweihundert Jahren immer mehr in die Richtung von Wohlstand, Demokratie, Freiheit, Zufriedenheit gegangen. Trotzdem kann jeder einzelne Faktor immer wieder in die Krise geraten. Je ärmer die Menschen waren, desto sicherer konnten sie davon ausgehen, dass es sich nicht so schnell verändern wird. Je reicher die Menschen sind, desto mehr Unsicherheit akkumuliert und setzt sich wie Schimmel auf das Geld im Keller. Die hysterische Angst vor dem Verlust des Bargelds ist die Angst vor dem Verlust des Wohlstands. Das Organ oder das Attribut der Angst ist die Intoleranz. Es schwindet scheinbar nicht nur der Glaube an Gott, sondern mit ihm auch der Glaube an die Solidarität. Aber wer will übrigens wissen, woran wir nördlich-westlichen Menschen glauben? Und wer weiß, woran die südlich-östlichen Menschen glauben? Wenn all die Befürchtungen über verloren gegangene Werte stimmen würden, müsste das Leben deutlich schlechter werden. Aber es wird, zum Glück für uns alle und auch durch unsere kollektiven Anstrengungen, leichter und schöner.

Würden wir uns Wale, Wölfe und Elefanten, statt sie zu töten oder jedenfalls töten zu wollen, genauer ansehen, dann wüssten wir, woher unsere Empathie stammt. Sie ist das Fundament jeglichen Zusammenlebens, und Leben ist immer Zusammenleben. Zusammenleben ist immer Makel, Böses, Gutes, Empathie, Nächstenliebe, Paradox der Nächstenliebe. Dieses Zusammenleben geht nur mit Toleranz, man muss sich aushalten, wir können uns nicht gegenseitig aussuchen oder gar ausschließen. Auch Eremiten konnten nur überleben, weil sie toleriert wurden.

RACHE MIT REINHEITSGEBOT

Nr. 327

Um ein einziges WARUM zu beantworten, schreibt Schiller, brauchte man die gesamte Weltgeschichte. Das ist vom einzelnen zu viel verlangt. Wie wäre es, wenn wir stattdessen wenigstens das zwanzigste Jahrhundert im Auge behielten? Alle Versuche nach Reinheit, Rache und Autarkie sind kläglich gescheitert. Aber ein Teil der Menschheit glaubt weder an das Scheitern, obwohl es offensichtlich vor uns ausgebreitet daliegt, noch an den Gegenentwurf, der auch gerade in diesem schrecklichen Jahrhundert großen Auftrieb erhielt. Sozialromantiker gelten immer noch nicht als realistische Option, obwohl sie mehr und vor allem bessere Wirklichkeiten geschaffen haben als alle Ordnungsfanatiker zusammen.

Wenn man mehr landwirtschaftliche Produkte ernten will, hat man zwei fundamentale Möglichkeiten: entweder man erweitert die Fläche oder man verbessert die Bodenqualität. So erschien es auch den Staaten bis zum ersten Weltkrieg. Als Deutschland mit der Erweiterungsoption scheiterte, griff die von zwei – wie man damals linksseitig sagte – kapitalistischen Hyänen ausgedachte Variante: mehr und besser produzieren und der eigenen Bevölkerung so viel Geld bezahlen, dass sie am Wohlstand partizipieren kann. Zwischen den beiden unsinnigen und höchst überflüssigen Kriegen zogen verlachte, aber yesusähnliche Wanderprediger* durch Europa, die vom einfachen Leben und von Nachhaltigkeit schwärmten, und die uns, wenn wir auf sie gehört hätten, den zweiten Weltkrieg und die Wegwerfgesellschaft erspart hätten. Nach dem noch verheerenderen zweiten Weltkrieg fand der stellvertretende US-amerikanische Finanzminister George C. Marshall die nachhaltige Variante, den ehemaligen und durchaus bösartigen Feind statt durch Rache zu zerstören, beim Wiederaufstehen zu helfen, eine Lösung, die aus der Bibel sein könnte. In Indien siegte, fast unbemerkt in der so genannten zivilisierten Welt, die Zivilisation: Mahatma Gandhi hatte Tolstoi, den man als einen Gipfelpunkt der Sozialromantik ansehen kann, gelesen und auf eine faszinierende orientalisch- dramatische und gleichzeitig indisch-weisheitliche Weise verwirklicht. Er hatte eine Million freiheitsliebende Inder auf die Gleise und gleichzeitig die Frage gestellt, ob der britische Lokführer den menschenverachtenden Befehl seiner ordnungsfanatischen Macht befolgend weiterfahren oder aber auf den Ruf seines menschlichen Herzens hören und anhalten würde. Jeder weiß, wie es ausging, aber wir haben es sozusagen noch nicht auf die eiserne Tafel der ewigen Guttaten geschrieben: Eine Ordnung ist immer von Menschen gemacht und deshalb zeitweilig. Wer eine Ordnung verteidigt und sich dabei auf Gott oder die Natur beruft, ist falsch beraten. Allein das Wort Evolution sagt schon alles, aber Vorsicht, auch die Evolutionstheorie ist nur ein Gedankengebäude. Dass also das Gute ohne Gewalt durchsetzbar ist, zeigte sich in der Verdrängung der imperialen Macht Großbritannien aus Indien, das demnächst eine größere Volkswirtschaft haben wird als sein ehemaliges Mutterland. Mutterland ist ein Euphemismus. Aber auch im Land gab es zur göttlichen oder natürlichen Ordnung erklärte Ungleichheiten. Wir haben es schon mehrfach betont: der Rassismus wurde nur erfunden, um den seit 1444 wachsenden Sklavenhandel mit dem Christentum kompatibel zu machen. Trotzdem glaubten in Montgomery in Alabama sowohl der Bürgermeister als auch der Busunternehmer, dass es eine menschliche Rangordnung gäbe. Als Rosa Parks, eine zierliche Frau mit Brille, auf dem für hellhäutige Menschen reservierten Platz regelwidrig sitzenblieb, glaubten sie, dass die Weltordnung mit der Polizei schnell wieder herstellbar sei. Eine Ordnung, die sich einerseits für richtig und ewig hält, andererseits aber mit Tränengas und Wasserwerfern durchgesetzt werden muss, scheint mir brüchiger als brüchig und falscher als falsch. Das Ideal, das auch dem nächsten Sozialromantiker vorschwebte, und das in jeder Demokratie verwirklicht wird, ist natürlich, dass jeder freiwillig und ohne Strafen an dem teilnehmen kann und auch tatsächlich teilnimmt, was allen und damit ihm und ihr dient, der Gesellschaftsvertrag eben. Konservativ sein ist die eine Sache. Wenn man aber die alte Ordnung, vor dem Gesellschaftsvertrag und vor der Abschaffung des Rassismus und der Eroberungskriege, wiederherstellen will, dann ist das restaurativ. Die schwerste Erkenntnis für alle Menschen, gleichgültig was sie sonst denken und tun, ist wohl, dass etwas vorbei ist. Es nützt nichts, sich darüber zu grämen, was vorbei ist, ist vorbei, dem kann man weder helfen noch aufhelfen.

Bis zu diesem Punkt gehen durchaus sehr viele Menschen mit. Niemand will Gewalt, sagen sie, da hast du recht, sagen sie, niemandem hilft sie, sie ist hässlich, erfolglos und böse. Aber, sagen diese Menschen, es gibt Ausnahmen. Es gibt Feinde mit einer qualitativ anderen Kultur. Es könnte einen Angriff auf meine Familie geben, soll ich dann wehrlos zusehen? Politiker sprechen sogar von einer wehrhaften Demokratie. Ein grüner Spitzenpolitiker sagte neulich, in einem konkreten Fall müsse der Rechtsstaat mit seiner gesamten Härte zuschlagen. Die Rechten, ob nun konservativ oder restaurativ, meinen dagegen, dass der Rechtsstaat zu milde sei. Der Rechtsstaat ist weder hart noch milde. Er gibt uns nur die Möglichkeit, jedem Unrecht mit richterlicher Hilfe nachgehen zu können. Gerechtigkeit ist keine Tatsache, sondern ein Heilsversprechen und ein Trost. Nur durch den Rechtsstaat kann man Rache, die stets das Leid vergrößert, umgehen. Dass man trotzdem an Rache denkt und vielleicht sogar glaubt, ist ein Relikt der Steinzeit. Als Probe für die Wehrhaftigkeit und auf der anderen Seite für die hilflose Dummheit der Pazifisten wird gern der Vergleich von Yesus aus dem Matthäus-Evangelium genommen, dass man, statt zurückzuschlagen, dem Angreifer die andere Wange hinhalten soll. In der Diktatur, in der ich aufgewachsen bin, wurde dieses Zitat sogar als Beweis für die Unfähigkeit des Christentums, soziale Probleme zu lösen, missbraucht. Doch die Unfähigkeit des Christentums besteht gerade darin, die Kraft dieses Satzes und der Feindesliebe nicht erkannt zu haben. Wenn man die Stärke hat, seine Feinde zu lieben, hat man keine Feinde und braucht man keine Stärke mehr. Aber das ist natürlich schwer. Zu fragen, wie wörtlich man solche Metaphern nehmen soll, ist geradezu infantil. Statt also auf die Kraft dieser Sätze zu vertrauen und solche charismatischen Führer wie Tolstoi**, Gandhi, Schweitzer, Luther King zu fördern, hat man sich lieber in die düstere und verstaubte Ecke als Staatskirche verzogen und als Dank die Waffen gesegnet.

Obwohl das alles ganz klar aussieht und mit Händen zu greifen ist, hält die Menschheit auf ihrer Migration durch das Leben immer wieder inne und fragt sich, ob es nicht doch besser wäre, mit ewigen Regeln unterzugehen statt den beschwerlichen Weg des ewigen Lernens zu suchen.

*zum Beispiel Gusto Gräser aus Siebenbürgen

**Tolstoi, der christlichste unten den großen Dichtern, wurde exkommuniziert

DREI WÜNSCHE

Nr. 326

Wir lieben diese selbstgeschaffenen Einschnitte: Mitternacht, Silvester, Zeitenwende. In vielen Märchen gibt es aber auch WÜNSCHEFREI ohne jeden Anlass. Wenn ich also, mit welcher Begründung und zu welchem Anlass auch immer, drei Wünsche frei hätte, dann wären es diese:

1

JOURNALISTINNEN, DIE GESCHICHTEN ERFINDEN, SOLLTEN SIE WEITER ERFINDEN DÜRFEN

In der griechischen Antike wurden angeblich die Überbringer der schlechten Nachrichten getötet. ‚SAGEN, WAS IST‘ hat also schon sehr früh einen deutlich negativen Aspekt gehabt. Und auch damals schon konnte man ja niemals sagen, was ist, sondern immer nur, was man gesehen hat. Vor Troja stand keine Armee, sagte der Bote. Das war sozusagen sein letzter Wunsch. Seitdem hat die Menschheit an der Verbesserung der Verbreitung von Nachrichten gearbeitet. Als zum ersten Mal ein wirklicher Geschwindigkeitssprung in der Nachrichtenübermittlung erreicht worden war, am 24. Mai 1844, war der Satz kein Geheimnis und der Erfinder wusste nicht, ob es überhaupt Sinn machte, dass beispielsweise die Bewohner von Maine wenige Minuten nach dem Brand einer Scheune in Maryland davon Kenntnis hätten. Der erste Satz, der mit Blitzgeschwindigkeit von Washington D.C. nach Baltimore telegraphiert wurde, lautete WAS HAT GOTT GETAN? Er steht in der Bibel, Numeri 23,23. Jeder hätte ihn auch ohne Samuel Morse und seinen Supertelegraphen wissen oder lesen können. Zwischen Adressat und Absender gibt es also eine große Sinndifferenz bei gleichzeitiger Redundanz. Allein der biblische Satz, der in English What hath God wrought?, also nicht getan, sondern gewerkt lautet, bringt es mit und ohne Kontext auf bestimmt 4000 Interpretationsvarianten. Der Kontext handelt übrigens auch vom Informationsgehalt der Trompeten.

Samuel Morse war im Hauptberuf Maler und Professor für Kunstgeschichte. Eines seiner berühmtesten Gemälde heißt ‚Gallery of Louvre‘. Er hat es während einer Choleraepidemie gemalt, als die meisten Einwohner von Paris die Stadt fluchtartig verließen, und es zeigt vierzig der berühmtesten Gemälde des Louvre, in deren Mittelpunkt der Maler selbst steht, dem seine Tochter beim Kopieren hilft. Information ist also Erzählung. Sagen, was ist, heißt also sagen.

Die Leser berühmter oder auch weniger berühmter Zeitungen und Magazine glauben selbstverständlich, dass, was in ihren Blättern steht, auch der Wahrheit entspricht. Demzufolge müsste es zeitgleich mit den Fakten eine genaue Abbildung geben, das ist noch nicht einmal mit hochauflösender Fotografie oder Permanentvideos möglich. Niemand kann sagen, was ist, sondern nur, was er oder sie gesehen hat. Und während wir das, was wir gesehen haben, aufzuzeichnen versuchen, wird es mit unseren Erfahrungen, unserem individuellen Bilder- und Gedankenarchiv abgeglichen. Dann muss es noch emotional und intentional mit dem übereinstimmen, was, wie und wohin wir wollen. Wenn man das alles bedenkt, dann ist es doch klar, dass irgendwann ein Journalist auf die Idee kommt, dass er nicht an den Ort fahren muss, von dem er berichtet, denn gedruckt wird ohnehin nur das, von dem die Redaktion meint, dass es die Leser ebenso sehen werden und sehen wollen. US-amerikanische Bürgerwehren haben schon afroamerikanische Jugendliche getötet, weil die Tüte mit Popcorn, die sie trugen, wie eine Waffe aussah, und das Tempo nach Flucht. Der Spiegelreporter hat von einer völlig blödsinnigen Bürgerwehr berichtet, die mit acht Mann versucht, an der Grenze nach Mexiko illegale Übertritte zu verhindern. Die Grenze ist etwas über dreitausend Kilometer lang. Mehr muss man nicht wissen. Jede weitere Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit den Fakten, die nur Gott wissen kann, wäre Redundanz.

Interessant wäre es zu erfahren, was Samuel Morse für seine größere Leistung hielt: den elektrischen Telegraphen samt seiner eigenen Schrift, von dem die Politiker glaubten, dass er die Welt revolutionieren würde, oder das Gemälde ‚Gallery of Louvre‘, von dem er meinte, dass es jungen Künstlern dienen würde, die nicht nach Europa fahren könnten.

2

MINISTERINNEN, DIE ARMEEN ZERSTÖREN, SOLLTEN SIE WEITER ZERSTÖREN DÜRFEN

Interessant an der Regierung Merkel sind nicht die langweiligen Zwischenjahre, sondern die jähen Wendungen. Die vielleicht schillerndste Wendung war die Abschaffung der Wehrpflicht. Die CDU hatte wie alle konservativen Parteien lange vorgegeben zu glauben, dass die Gesundheit der Nation ausgerechnet von dieser in alten Ritualen erstarrten, mit sexistischen Witzen übersäten, an das Erbe der Wehrmacht sich klammernden und gleichzeitig epigonal den Amerikanern folgenden Männertruppe abhängen würde. Schon Willy Brandt sagte deutlich in diese Richtung: Die Schule der Nation ist die Schule. In Deutschland (und wahrscheinlich auch in vielen anderen Ländern) wurde bestimmt einhundertfünfzig Jahre lang die Frage diskutiert, wieviel dieser Männerkultverein zur Mannwerdung beiträgt. Und Mann hieß nicht Geliebter oder Vater, sondern gehorchendes und funktionierendes Teil einer Vernichtungsmaschine. Es bedurfte zweier Weltkriege und einer Hannah Arendt um zu verstehen, dass das meiste, was in einer Armee gelernt wurde, der eigenen Vernichtung diente, aber erst, nachdem man ein Maximum an Unheil hergestellt hat. Wer das für übertrieben hält, der fahre nach Verdun. Dort liegen eine Million dieser so erzogenen Männer. Sie waren gerade einmal 18 Jahre alt. Und das war vor dem zweiten Krieg.

Trotzdem hielten die links- und rechtselbischen Konservativen in Deutschland an der Wehrpflicht, die erfunden worden war – und die Epoche der Söldnerheere ablöste -, um mit Napoleon sowohl die Fremdherrschaft, die Demokratie und die Freundschaft zu Frankreich abzuwehren, fest. Ein junger Mann, der sich im Osten Deutschlands unter Qualen und mit Gefängnisaufenthalten der Wehrpflicht entzogen hatte, wurde nach der Wiedervereinigung von der Bundeswehr und der mit ihr kooperierenden Justiz erneut ins Gefängnis gebracht. Das war der Tiefpunkt demokratischen Verständnisses: Regeln sind wichtiger als Lernen, vor allem musst du Unterordnung lernen.

Der letzten merkelschen Verteidigungsministerin wird nun vorgeworfen, dass sie den seit Jahrzehnten andauernden Verfall des Werte- und des Techniksystems der Bundeswehr nicht aufhält. Das merkwürdige dabei ist, dass sie ihren eigenen politischen Verfall auch nicht aufhalten kann. Sechzig Jahre nach dem letzten Krieg haben wir die Wehrpflicht abgeschafft. Da sich alle Prozesse beschleunigen, können wir davon ausgehen, dass wir dreißig Jahre nach dem Ende des kalten Krieges bemerken, dass wir keine Feinde mehr haben. Keine Feinde zu haben, bedeutet vor allem, selbst keine Feindschaft zu beginnen und zu pflegen, dann wird einem auch mit Freundlichkeit geantwortet. Von diesem zu einfachen, zu linearen Prozess muss man noch die Irritationen durch die Autokraten abziehen. Insgesamt gesehen aber braucht schon lange nicht mehr jedes Land eine Armee. Dänemark zum Beispiel ist hochgerüstet und gehört der NATO an. Es ist schon vorgekommen, dass ein von Jagdfliegern eskortiertes Transportflugzeug der königlichen Luftwaffe die Dackel der Königin Margarethe II. in deren Urlaubsresidenz Château de Cayx verbrachte. Montenegro, ein weiterer Kleinstaat, so groß wie Düsseldorf, besitzt 61 Panzer, die aber aus Kostengründen stillgelegt sind.

Die Gesamtwelt ist leider nicht feind- und aggressionsfrei. Deshalb muss es – leider auch bewaffnete – UNO-Truppen geben, zu denen die reichen Länder viel beitragen sollten. In einer Übergangszeit kann man auch über eine europäische Eingreiftruppe nachdenken, die von Großbritannien und Frankreich militärisch, von Deutschland finanziell und von den skandinavischen Ländern politisch geführt werden könnte.

Das Hauptargument der Gegenseite lautet, so etwas wäre Sozialromantik. Aber was spricht gegen Sozialromantik, wenn die sogenannten Realisten nur mit meist ziemlich gestrigen Wunschträumen regieren?

Alle großen Politiker waren Sozialromantiker, alle Sozialreformer sowieso. Es ist uns eine übergroße Ehre, zur Partei von Matin Luther King und Albert Schweitzer gehören zu dürfen. Nur die Militärs waren keine Sozialromantiker, aber die haben auch alle verloren. Die Qualität des Schimpfwortes Sozialromantiker ist auf der Ebene von ‚unmännlich‘*. Menschen, so heißt es manchmal, wurden hingeschlachtet wie Vieh. Will man damit sagen, dass Massentierhaltung und das Töten der letzten Elefanten wegen der Elfenbeinfigürchen moralisch höherstehend sei als Krieg? Diese vergleiche und diese Pejorative sind alle von gestern.

Es kann nur eine sinnvolle Schlussfolgerung geben. Die möglicherweise unfähige Ministerin hat recht, die Bundeswehr gehört in den Schrott, sowohl real als auch metaphorisch. Wir schleppen ein Paket aus der Vergangenheit mit uns herum, das nicht gebraucht wird. Man könnte jetzt schon das Geld verteilen – es sind knapp 35 Milliarden € jährlich -, aber das ist müßig. Wir wollen nur darauf verweisen, dass es in Deutschland mehrere Millionen Menschen gibt, deren Lebenssinn einseitig im Konsum besteht. Man könnte einen dritten Bildungsweg installieren und ihn Sozialromantik nennen.

3

LESERINNEN, DIE SICH ZU EINER GRUPPE RECHNEN, SOLLTEN DIE TEXTE DER GEGENSEITE ZUENDE LESEN

Wäre der einzige Impuls Neugier und das einzige Ergebnis Befriedigung der Neugier, so hätte die informationelle Revolution einen überschaubaren Verlauf genommen. Jedoch werden alle Prozesse immer komplexer. Wir sind nicht nur neugierig, sondern auch unsicher. Mit jeder neugierigen Frage verbinden wir – von Kindesbeinen an – auch immer die Rückversicherung zu unserem Herkunftssystem oder sonst einer sicheren Seite. Der Bergsteiger prüft nicht nur seine Sicherungen, hat nicht nur sein Ziel im Sinn, den Gipfel, sondern auch seine Kindheit mit den durch seine Mutter getrockneten Tränen. Wir lesen also in unserem Lieblingsblatt nicht nur, dass eine Scheune in Maryland abrannte, sondern wir wissen dann gleich, dass der Erfinder des Telegraphen meinte, das könnte die Menschen in Maine vielleicht nicht interessieren und dass rochusthal in seiner berühmten Sonntagskolumne schon mehrmals an diesem Beispiel das informationelle Paradoxon heraufbeschwor: wir hören oder lesen von Dingen, die uns nicht tangieren, aber wir können auch nicht darauf verzichten, weil wir überhaupt nicht auf die Dinge verzichten wollen, die wir haben können. Das Beschreiben einer bestimmten Sicht auf den Brand der Scheune in Maryland – Trockenheit, Klimawandel, Unordnung der Forsten, so zitierte Trump** den finnischen Präsidenten, der davon aber nichts wusste, Versicherungsbetrug, Unachtsamkeit, Rauchen im Stroh oder Heu, Rache der Nachbarn, Landstreicher, Profilierungssucht eines freiwilligen Feuerwehrmannes, Funkenflug einer überalterten Dampfmaschine – lässt uns gleich Mitglied der Gruppe von Lesern werden, die derselben Ansicht sind. Es gibt ganz große Gruppen: Zufall – Fügung***, rechts – links, die Menschen sind gleich – die Menschen sind ungleich, Einheimische und Fremde, und es gibt kleine Gruppen.

Schon seit Ewigkeiten versuchen die Menschen, die eigene Gruppe, oft auch an die Herkunft gekoppelt, zur Norm zu erheben. Der große Satiriker Jonathan Swift**** lässt zwei Zwergenvölker Krieg miteinander führen, weil sie sich über die rechte Art das Frühstücksei zu öffnen – am stumpfen oder am spitzen Ende – nicht einigen können. Von dieser Qualität sind auch die Fragen, über die heute gestritten wird. Man muss nun nur noch bedenken – wir drehen die These jetzt um -, dass Streit natürlich auch ein Mittel der Informations- und Mehrheitsbeschaffung ist. Wir reden hier vom verbalen Schlagabtausch, nicht vom Streit, der von Streitkräften, welch törichtes Wort, ausgetragen wird. Schon als kleines Kind mussten wir, infolge von Streit, einsehen, dass unsere Eltern, Lehrer, überhaupt Erwachsene fähig oder unfähig sind.

Infolge der Inflation der Informationsmöglichkeiten hat sich auch das verständliche und grundlegende Streben nach Bestätigung und Gruppenbildung in eine alles ausschließende Sucht verwandelt. Jeder von uns würde eine Parkbank, auf der WHITES ONLY stünde, scharf kritisieren. Aber unter unseren Texten steht, wenn auch mit Geheimtinte: nur für meine rechten [linken] Freunde. Jede Gegenseite liest die Texte auch nicht wirklich – viele Zeitgenossen lesen ohnehin nur noch die Überschriften -, sondern scannen sie auf Stichwörter und Parolen. Kommt zum Beispiel der Name der Bundeskanzlerin in einem Text vor, dann suchen die Kommentatoren in ihrer Karteikiste nach den Beschimpfungen. Erwähne ich meine Heimatregion, dann wird mir das nicht als Heimatbonus angerechnet, sondern als Merkelfreundlichkeit. Das ist schon etwas mehr als merkwürdig.

Mein dritter Wunsch ist also mehr Appell als realistisch: könnten wir bitte wieder dazu übergehen, auch die Texte der Gegenseite bis zum Ende zu lesen und als Kommentare nur Argumente bringen? Auch für die eigenen Texte ist es unverzichtbar, sie immer wieder an den Gegenargumenten zu überprüfen und zu korrigieren. Demokratie lebt nicht nur von Kompromissen, sondern auch von Korrektiven. Wenn wir nicht so sein wollen, wie unsere Gegner, dann sind wir doch auf einem richtigen Weg: zu uns selbst, aber nur unter dem permanenten Vorbehalt des potentiellen Korrektivs.

 

 

 

 

*Schreiben Sie bitte bis zur nächsten Woche einen Essay mit dem Thema ‚UNMÄNNLICH‘, wohlgemerkt ‚unmännlich‘ in einfachen Anführungszeichen. Sie werden nach meiner Schätzung etwa 1000 Seiten brauchen.

**In diesem Punkt erinnert Trump an den Großvater des nordkoreanischen Diktators Kim Yon Un, Kim Il Sung, selbst auch schon Diktator, der seinen universellen Machtanspruch mit seinem universellen Wissen, an dem er unentwegt das ganze Land teilhaben ließ, rechtfertigte.

***Sonderform: the times are out of joint

****Gullivers Reisen

WEIHNACHTSFRIEDEN CONTRA WEIHNACHTSMARKT

Heute gibt seit langem einmal wieder einen Gastautor: Matthias Gienke, den Pfarrer unserer kleinen Stadt Brüssow in der Uckermark. Wir haben schon viele Projekte gemeinsam ausgeführt, aber noch nie parallel Texte zum gleichen Thema geschrieben. Ich habe seine Predigt erst am Heiligabend  gehört, er hat meinen Text, der schon vorher fertig war, erst am zweiten Weihnachtsfeiertag gelesen.

 

Ihr Lieben am Heilig Abend

Ich sitze mit meiner Tochter im Advent in einem Einkaufszentrum, beim Essen und füttere sie mit dem Essen, das ich dort gekauft habe. Ich höre: Was will er mit dem Kind hier, er nimmt uns den Platz weg, alles ist schon voll genug, so eng. Wir beide werden beschimpft. Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt und Menschen sagen, was wollen die mit den Kinderwagen hier, die sehen doch, dass hier wenig Platz ist.  Ja, mit dem Kinderwagen kann man schon etwas erleben.  Ja, wie oft werden allein Dinge erzählt und behauptet, auch hier in unserer kleinen Stadt und stiften Unfrieden.  Mit dem will ich nichts zu tun haben, ja weißt du nicht, hast du nicht gehört… und dann geht’s los. Ob es stimmt oder nicht ist völlig egal.
Frieden untereinander ist gefährdet. Wir können alle genug Geschichten davon erzählen. Aber die Sehnsucht in uns bleibt nach Frieden. Besonders in der Weihnachtszeit spüren wir dies. Wir bereiten mit so viel Liebe das Weihnachtsfest doch vor, schmücken unsere Stuben, kaufen den Braten ein, kaufen Geschenke und freuen uns, wenn wir mit unseren Lieben zusammen sind.  Weihnachten hält unsere Sehnsucht nach Frieden wach, oder wie Frieden übersetzt heißt, nach Versöhnung. Friede bleibt ein Geheimnis und ihm wohnt ein Zauber inne. Friede ist ein Geschenk und ohne es zu erleben, es zu spüren, wird es in unserem Leben nicht klappen. Wer immer nur den besten Deal für sich herausholen will, der ist weit weg vom Frieden, von der Versöhnung. Aber da sind wir angekommen in unserer Gesellschaft. Es zählt nur der eigene Vorteil.  Wie wunderschön, dass ihr da seid, dass ihr dabei nicht mitmachen wollt, dass wir gemeinsam Weihnachten feiern und mit unserer Sehnsucht uns aufmachen zum Kind der Krippe, denn dort liegt der Frieden der Welt.

  1. Ja, Gottes Friede wird heute Mensch

Die Bibel nimmt kein Blatt vor dem Mund. Sie beschreibt in allen Facetten, dass wir alleine Frieden nicht schaffen. Es ist das erste was passiert, als die Menschen aus dem Paradies geflogen sind, Kain erschlägt seinen Bruder Abel.  Es geht immer so weiter, das ganze Alte Testament – ein Ringen Gottes mit den Menschen, die sich immer mehr auf sich verlassen, als auf ihn. Er, der sich immer wieder erbarmt und gewähren lässt, Jona nach Ninive schickt, damit die Menschen umkehren und sich versöhnen. Er, der sich erbarmt, obwohl die Menschen in der Wüste nichts mit ihm zu tun haben wollen, sogar einen neuen Gott sich bauen, das Goldene Kalb. Die Geschichten wiederholen sich bis heute, denn wir ticken so oft gleich, wie Menschen vor tausenden von Jahren. Frieden ist und bleibt gefährdet. Schließlich hat Gott die Nase voll. Er macht sich selbst auf den Weg. Dann müssen doch die Menschen entdecken, was ihm wichtig ist, wofür sein Herz brennt, dass Friede werde.   So heißt es im Lukasevangelium: »Gottes Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe! Und sein Friede kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet!« Gottes Wille ist es Versöhnung zu schenken. Er sieht, wir mühen und mühen uns, aber der eigene Deal ist doch oft wichtiger, er sieht aber unser Herz und unsere Sehnsucht, darum kommt er zu uns.

 

  1. Weihnachten ein Geschenk an dich und mich

Gottes Wunsch und Hoffnung ist ganz einfach. Wir machen uns auch auf zur Krippe, zu Jesus, folgen den Hirten und den Heiligen drei Königen und entdecken Gott in ihm, den Frieden, den er für dich bereithält, für unsere Seelen. Denn das gehört doch zu unserem Leben dazu, dass unsere Seele unruhig ist, wir das Gefühl haben, dass uns etwas fehlt in unserem Leben, ja Gott hat ein Sehnsuchtsgen in uns angelegt. Darum suchen wir doch in unserem Leben und fühlen uns so oft nicht mit uns selbst im Einklang, oder haben Sehnsüchte, die wir niemandem erzählen. Wir machen Dinge und denken später, was hast du für einen Blödsinn gemacht.  Uns allen geht es so. Nicht mit Zwang, will er, dass wir zu ihm kommen. Er will uns hineinnehmen in diese große Liebesbewegung, die an Weihnachten geschieht. Gott spricht dich und mich heute an.  So wie die Freude ansteckt, so steckt der Friede an. So hat Gott sich das gedacht, dass sich ein Feuer in unserem Herzen entfacht, wenn wir dem Kind der Weihnacht begegnen.

  1. Ja, wir wollen dieses Feuer an andere weitergeben, den Frieden

Frieden ist und bleibt gefährdet, weil wir oft den besten Deal für uns herausholen wollen.  In Jesus durchbricht Gott dieses Schema. Im Leben von Jesus wird Gottes Friede sichtbar. Dieser Jesus wird transparent für Gott, wie er auf Außenseiter zugegangen ist, wie er Kranke geheilt hat an Leib und Seele, wie er den Tod durchbrochen hat und uns sichtbar für alle Zeit uns vor Augen geführt hat, dass er Frieden, ja Versöhnung mit uns will. Diesen Frieden dürfen wir in die Welt tragen.  Er öffnet uns die Augen für unser Gegenüber. Die Kraft dieses Weihnachtsfriedens haben Soldaten vor 100 Jahren im ersten Weltkrieg erlebt. Weihnachten 1914 ruhten die Waffen, Belgier und Franzosen reichten Deutschen die Hände. Sie sangen „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Silent night, holy night“. Sie zeigten sich Fotos von ihren Liebsten. In der Nähe des französischen Dorfes Fromelles feierten sie einen Gottesdienst. „Der Herr ist mein Hirte“ sprachen sie, den 23. Psalm, in Deutsch und in Englisch. Das Kind in der Krippe stellt alles auf den Kopf und wir brauchen sein Geschenk an uns nur auszupacken, ein Friede für uns selbst und für andere, den wir nirgends sonst auf dieser Welt finden.  Machen wir uns auf zur Krippe, Kommst du mit?

Amen

 

 

 

WEIHNACHTEN ODER DER BÄCKER VON ADAM SMITH

 

Nr. 325

Alle Jahre wieder rätseln wir, warum Weihnachten so früh, so aufwändig und letztlich weder vernünftig noch sinnvoll noch emotional befriedigend gefeiert wird. Trotz Weihnachten sterben nicht nur mehr Menschen in dieser Zeit des Jahres, sondern es bringen sich auch mehr selbst um. Es wird mehr gegessen, mehr getrunken, mehr gestritten und mehr getrennt, als alle die vielen Geschenke, die die Hermes- und DHL-Boten bringen, wieder gut machen können. Die Kirchen sind am Heiligabend voll, aber das sind sie auch, wenn das Weihnachtsoratorium von Bach oder der Messias von Händel gegeben wird. Diese Art der Kritik an Weihnachten gehört schon seit zweihundert Jahren dazu und ist beinahe selbst Teil des Rituals geworden. Sie hat also gar nichts mit Weihnachten zu tun, sondern mit dem Wohlstand, den wir uns eben anders vorgestellt haben, problemloser, fettlösender, perfekter, ein Wohlstand, der nicht wehtut.

Man könnte eine neue Partei gründen, die AfW, die Alternative für Weihnachten, aber sie wäre – zum Glück – genauso rat-, tat- und erfolglos wie die Alternative für Deutschland. Man kann Alternative sein, aber die bloße Deklaration des Gestern reicht dafür nicht aus. Alternativen gehen von einer Idee oder von Menschenmassen aus. Je individueller zu sein allerdings der Zeitgeist uns vorschreibt, desto schwerer ist es, Menschen für ein Ziel zu gewinnen oder auch nur zu halten. Hinzu kommt – und das war schon immer so -, dass es leichter ist, empört zu sein, als etwas zu tun. Und die für die Empörung passenden Tribünen haben die Internetgiganten Bill Gates, Lord Zuckerberg oder Lawrence Edward Page zur Verfügung gestellt. Man könnte annehmen, dass sie das für uns taten, für unsere demokratische Beteiligung oder unser demokratisches Placebo, für unsere Information oder Desinformation, für unsere Konzentration oder Ablenkung. Aber –  fast möchten wir leider schreiben – es ist so wie mit dem Bäcker von Adam Smith: er bäckt nicht, damit wir, sondern damit er satt wird. Es gibt keinen Versorgungsauftrag. Es gibt keinen Auftrag. Es gibt nur Möglichkeiten.

Für Weihnachten sehe ich zwei Möglichkeiten: Frieden und Kinder.

1

Frieden fängt immer zwischen zwei Menschen an. Es ist leicht, mit einem Friedensplakat auf die Straße zu gehen und zu rufen, dass Wasserwerfer kein Mittel der Demokratie sein dürfen, können und sollen. Das ist zwar richtig, aber Ort und Zeit der Verkündung sind denkbar ungünstig. Der Polizist – der nur seine Pflicht tut, manchmal auch etwas mehr oder etwas weniger, wie wir alle – ist der falsche Adressat. Es ist leicht, anzunehmen, dass am Waffenexport die Waffenexporteure märchenhafte Summen verdienen. Am Export Deutschlands machen die Waffen weniger als ein Prozent (etwa 10 Milliarden €) aus. Das sage ich nicht zur Gewissensberuhigung, sondern um die Relation zu richten. Nicht nur der Waffenexport ist falsch und überflüssig, sondern auch die Waffenproduktion. So wie vor wenigen Tagen die letzte Steinkohlenzeche aus wirtschaftlichen Gründen feierlich geschlossen wurde, müsste auch in Kürze das letzte Waffenwerk aus moralischen Gründen seine Pforten schließen. Früher war alles schlechter. Und deshalb sollte Deutschland nicht nur das Sozialamt der Welt werden, sondern das weltweit erste waffenfreie und pazifistische Territorium. Das wäre eine Alternative für Deutschland! Das wäre Weihnachten! Aber das kann man nicht durch Warten, Empören oder Parteigründungen, so sinnvoll sie diesmal auch erschiene, erreichen, sondern nur dadurch, dass jeder seine Partei, seinen Bundestagsabgeordneten, jeden Politiker, jede Initiative, jede Zeitung, jede Facebook- oder Whatsappgruppe mit dieser Forderung überschüttet. Bis auf einige wenige Lobbyisten gibt es niemanden, der für Waffenexporte ist. Für Waffen gibt es viel weniger Argumente als für Steinkohle. Statt dass wir uns über Ereignisse von gestern empören, denn sie sind nicht veränderbar, sollten wir versuchen, endlich alle unsere neuen Mittel zu nutzen, um zu sagen, was wir wollen. Offensichtlich reicht es nicht, alle vier Jahre eine Partei oder eine Person zu wählen. Man muss auch wissen, was man will. Und man kann die ungeahnten neuen kommunikativen Mittel endlich für besseres nutzen, als für Fotos des Mittagessens oder von einem selbst. Wer nur sich als Botschaft hat, sollte schnellstens über sich nachdenken. Es ist nie zu spät.

2

Die Botschaft von Weihnachten ist ja die Geburt eines Kindes, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. Das Kind erscheint als so bedeutend, dass die Eltern fliehen müssen, weil der König einen Kindermord plant und auch tatsächlich ausführt, dass andere Könige von weither, aus dem Jemen und aus Äthiopien etwa, anreisen, um Teil einer Zukunftsoption zu werden. Das Kind ist die Alternative. Aber auch für die Kinder war früher alles schlechter. Im alten Rom wurden überzählige Babys aus dem Fenster geworfen, und noch bis 1871 durfte in Deutschland ein Vater seinen Sohn totschlagen, wenn er ihn züchtigte. Die Emanzipation des Kindes und der Kindheit gibt es erst seit dem neunzehnten Jahrhundert. Und jetzt haben wir in der reichen Hälfte der Welt wenige und in der armen Hälfte viele Kinder. Trotzdem gibt es sowohl in Kenia als auch in Deutschland Lehrermangel. Uns ist sowohl der Sinn – des Lebens wie der Kinder – verloren gegangen, wie auch die Priorität. Für die von uns merkwürdigerweise nicht so hoch geschätzten Steinzeitvölker ist Bildung kein Ressort, sondern tägliche Übung. Das Argument der Arbeitsteilung entfällt, weil wir nicht die Arbeitsteilung aufgeben müssen, um dieses Vorbild zu nutzen, sondern den sinnlosen Umweg über Regeln. Lernen ist besser als regeln. Die Schule ist in der industriellen Welt zu einer eigenständigen – und deshalb notwendigerweise kontraproduktiven Institution geworden. (Genauso wie die Kirche, die sich wundert, dass die Menschen Weihnachten zwar in die Kirche kommen, aber nichts für sich und andere mitnehmen.) Schule und Leben haben sich auseinandergelebt. Die Technische Universität Berlin, die genauso viele Nobelpreisträger hervorgebracht hat wie Harvard, liegt im Ranking der Bildungsstätten auf Platz 192, obwohl vor dem Mathematikgebäude Werner von Siemens steht.

Und auch hier geht es nicht um jammern, hadern, greinen oder rechten, sondern darum, jedem Kind, das wir kennen, ein Maximum an Bildungsoptionen zukommen zu lassen. Fangen wir morgen mit dem Kind an, das uns am nächsten und am fernsten steht. Nehmen wir einfach die Kinder in den Focus, der ihnen gebührt. Nicht den Eltern ist zu danken (denken wir an Adam Smith‘ Bäcker), sondern den Kindern, dass sie keine Kopie von uns sind, dass sie uns vom ersten Tag an neue Perspektiven geben, dass sie unser Erbe sorgsam behandeln und unsere Werke fortführen, falls sie sich nicht im abgebildeten Mittagessen erschöpfen. Der Wohlstand hat unseren Blick auf uns verkleinert, statt ihn zu erweitern. Eine arme Familie vor hundert oder vor zweihundert Jahren (als das Lied STILLE NACHT geschrieben wurde, weil die Orgel defekt war) konnte nicht anders als an sich und das Essen denken. Wir dagegen, die wir unendlich viel Zeit und kommunikative Möglichkeiten haben, rotten die letzten Elefanten, Wale und Wölfe aus, obwohl sie uns ähnlich sind, weil sie angeblich unsere Schafe fressen oder etwas haben, was wir gern hätten oder weil sie uns einfach im Weg sind, wir dagegen tun nichts gegen Waffen und für Bildung, wir dagegen sind mit uns und unserer Welt zufrieden. Und womit wir nicht zufrieden sind, dafür suchen wir Schuldige, und die sind leicht zu finden. Nicht so leicht ist es, sich selbst als den Mitschuldigen zu erkennen und jetzt, in dieser Minute sein Leben zu ändern. Das ist Weihnachten.

DIE LEHREN MEINER GROSSMUTTER

 

Nr. 324

Manchmal wünschen wir uns statt der Realität einen Albtraum. 1968 wurde der Bundespräsident in Westberlin gewählt und die Russen drohten, das mit Gewalt zu verhindern. Die Bundesrepublik war durch innere Kämpfe zerrissen. Zwanzig Jahre später war die gesamte DDR wie von einer Lähmung und einer Schweigestarre befallen. Nichts ging mehr, hätten wir die Lösung gekannt, wäre uns wohler gewesen. Wieder dreißig Jahre später ist die berühmte innere Stabilität unseres Landes auf eine harte Probe gestellt worden. Weltweit, aber vor allem in Europa herrschen plötzlich wieder rechte Trittbrettfahrer, denn keiner von ihnen hat auch nur den Zipfel einer neuen Idee. Sie haben keine Ahnung von einer Lokomotive und besitzen keine Fahrkarte. Ihr Mandat haben sie von Menschen, die einmal mehr hoffen, es könnte doch einfache Antworten geben. Das ist verständlich. Aber warum man dann Politiker wählt, die noch nicht einmal die Frage verstehen, ist himmelschreiend skurril.

Zum vielleicht dutzendsten Mal wird eine der möglichen einfachen Antworten darin gesehen, dass die Menschen eben unterschiedlich sind. Das fängt wieder bei Mann und Frau an: Genderwahn nennen die Minimalantworter den Versuch, sprachliche Gerechtigkeit in eine immer noch patriarchalische Welt zu bringen. Von den beiden Geschlechtern abweichende Menschen hat es schon immer gegeben, nur hatten sie noch nie die Chance auf Anerkennung und freies Leben. Früher, vor dem Genderwahn, wurden sie gedemütigt, geschlagen, gefoltert und getötet. Und es war nicht ein Mangel an Erkenntnis, sondern nur ein Mangel an Bekenntnis zu dem längst vorhandenen Wissen. Diese Bevorzugung des Schwarzweißdenkens, der ideologischen Fiktion (es gibt nur Mann und Frau zum Zwecke des Kindermachens) vor der Wirklichkeit ist außerdem immer als Herrschaftsinstrument gebraucht worden. Mein liebstes Beispiel von unbestimmten und unbestimmbaren, sozusagen nicht definierten Menschen sind die Dioskuren. Sie sind Zwillinge, die  in einer Nacht von zwei verschiedenen Vätern gezeugt wurden, einer war ein Gott, nämlich Zeus, der sich aber in einen Schwan verwandeln musste, um sich der potentiellen Mutter nähern zu können, und der andere war ein gewöhnlicher Mensch, nämlich der Gatte Ledas, Tyndareos. Als der sterbliche der beiden, Castor, starb, wünschte sich auch sein Halbbruder und Zwilling den Tod und die Sterblichkeit, ganz im Gegensatz zu allen anderen Menschen. Zeus belohnte diese vorbildliche Treue mit einem täglichen Wechsel zwischen den beiden Welten. Und das ist die Tatsache, die über jeder ausgedachten binären Norm steht: wir sind immer sowohl das eine als auch das andere. Niemand ist nur Mann, keiner ist deutscher als der andere, schwarz und weiß hat so viele Schattierungen, dass jede Einordnung naturwidrig wäre. Absurd ist die Definitions- und Alleinstellungssucht in der Religion, zumal die drei Monotheismen denselben Gott haben, was sie aber nur widerwillig realisieren. Einer der schönsten Sätze dazu, dessen Herkunft sich aber leider nicht mehr eruieren lässt, aber das passt zu seinem Inhalt, ist: I MET GOD. SHE’S BLACK. Verwendet hat ihn ein jüdischer Atheist* aus New York auf Postern und T-Shirts, aber er betont, dass er ihn nicht gefunden, sondern schon vorgefunden hat. Schon schreien die Fundamentalisten los. In Pakistan wäre ich schon tot. Soweit ich weiß, steht in der Bibel von Gott nur: I AM WHO I AM, noch kürzer geht es nur in türkisch: BEN BENIM (13:9 mit Leerzeichen). Ich bin, der ich bin (20) heißt doch eben nicht, dass Gott von sich glaubt, er sei der oder der oder die oder die. Es kann nur heißen, dass er für Menschen nicht definierbar, sichtbar, gestaltlich, materiell, anthropomorph ist. So wie die Menschen, wenn man sie genauer betrachtet, eben auch nicht definierbar sind. Was heißt definieren? Anhalten, denn das Gegenteil ist doch der Fall: wir sind immer in Bewegung von der Zellteilung bis zur Bewusstseinsspaltung. Selbst auf dem Friedhof sind wir, laut Shakespeares, eben nicht zur Ruhe gebettet, sondern beim Frühstück, aber nicht da, wo wir frühstücken, sondern wo wir gefrühstückt werden.

Wenn also Nation, ‚Rasse‘, Religion und dergleichen nur durch Gewalt ‚rein‘ gehalten werden können, dann können sie keine Merkmale der Identität, sondern nur ideale Definitionen sein, und die sind, wie wir gesehen haben, immer zeitweilig, also fast immer falsch.

Wenn wir uns Deutschland in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurückvorstellen, dann ist es verständlich, dass man sich nach einer Nation sehnte, wie man sie in Frankreich vermutete, bevor man über den Unterschied von Franken und Galliern, Normannen und Römern nachgedacht hatte. Hoffmann von Fallersleben meinte mit Deutschland den Sprachraum, der damals, bevor die Nationalisten an die Macht kamen, tatsächlich von der Maas bis an die Memel reichte. Man konnte sich damals nicht vorstellen, wie schnell dieses Ideal schwinden und einem neuen Platz machen würde. Es ist absurd zu glauben, dass man auf Dauer in einer globalisierten Welt mit nationalistischen Regenten von der Sorte Trittbrettfahrer leben kann. Vielmehr wird es so kommen, dass die letzten Nationalisten gerade die Bewegung beschleunigen werden, die sie bekämpfen wollen. ‚Rasse‘ ist ein Begriff für gezüchtete Haustiere. Ganz deutlich wird der Zusammenhang, wenn man die Herkunft des Wortes ‚Mulatte‘ aus ‚Maultier‘ realisiert. Der ganze Rassismus ist eine Erfindung des Christentums zur Rechtfertigung des Sklavenhandels. Man hätte, nach christlicher, also damals in Europa vorherrschender Meinung nicht mit Sklaven handeln dürfen, wenn man sie als Menschen angesehen hätte. Also erklärte man sie zu Untermenschen. Wir nehmen bewusst das Wort, mit dem die Nationalsozialisten die Ermordung von Menschen rechtfertigte. In Wellen kommt immer wieder die Ansicht auf, dass es qualitativ verwurzelte Unterschiede zwischen den Menschen gäbe. Im Moment versuchen unverantwortliche Parteien, in Deutschland die AfD, gravierende qualitative kulturelle Unterschiede zu konstruieren, die ein Zusammenleben unmöglich machten. Jeder weiß, dass es fundamentalistische Imame, wie es auch fundamentalistische, zum Beispiel evangelikale, aber auch katholische Pfarrer gibt. Fundamentalistische Rabbiner, die es auch gibt, würden keine Rolle spielen, weil sie viel zu wenige sind, wenn sie nicht immer wieder durch unsägliche Koalitionen an der Regierungsbildung in Israel beteiligt wären.

Wo ist der kulturelle Unterschied? Überall auf der Welt, wo wir als Wanderer hinkommen, trocknet man unsere Strümpfe und bietet uns einen Tee an. Selbst wenn wir, was abscheulich zu finden unser aller Pflicht wäre, mit einem vollklimatisierten Reisebus in einem bitterarmen Dorf ankommen, weil einer unserer Mitreisenden in Not geriet, erfahren wir wunderbarerweise ein Maximum an Zuwendung, Empathie und Hilfe.**

Meine Großmutter erklärte ein schlimmes Ereignis, einen Schicksalsschlag oder einfach Unglück zu einer Prüfung wahlweise des lieben Gottes, des Schicksals oder sogar der Regierung, jedenfalls zu einer Prüfung, die wir zu bestehen hätten. Und das Leben selbst gab ihr recht: wenn nämlich das Unheil überstanden war, kamen nicht nur bessere Zeiten, sondern oft fühlte man sich auch gestärkt oder bestärkt, stärker jedenfalls als zuvor. Krankheit und Krise können die Abwehrkräfte stärken, aber in einem Krieg oder in einem Gefängnis verlieren immer alle.

*Dylan Chenfeld, 2017

**Babel, Film von Alejandro Iñarritu, 2008

POLITIK ALS MARKTGESCHREI

 

Nr. 323

‚Sahra Wagenknecht ist hochintelligent, aber in der falschen Partei.‘ Das ist ein typischer Partysatz, und ich habe ihn tatsächlich auf einer Party gehört. Es wird vielleicht später einmal als ein neues Kennzeichen der Demokratie angesehen werden, dass ein großer Teil der Politik in Talkshows stattfindet, die es live und im Fernsehen gibt, und dass Reden aus dem Bundestag millionenfach in YouTube verbreitet werden. Gleichzeitig sind diese Medien aber auch unter Generalverdacht, dass sie subjektiv sein könnten. Es ist unserer Beobachtung der letzten hundert Jahre wohl entgangen, dass Subjekte nur subjektiv handeln können, Objekte dagegen objektiv, also ohne Beachtung der Subjekte, weshalb vollautomatische Automobile moralisch bedenklich sind.

Diese mediale Komponente der Politik führt wahrscheinlich dazu, dass die rhetorisch begabten Politiker, die sich im Stimmen- und Gedankengewirr durchsetzen können, die für fähig gehalten werden. Früher redete, wer berühmt war, heute wird berühmt, wer redet. Wenn man sich heute die sicher vielen bekannte Rede Ernst Reuters vor dem Reichstag anhört (‚IHR VÖLKER DER WELT, SCHAUT AUF DIESE STADT‘), dann kommt man nicht auf die Idee, dass Reuters Stärke die Rhetorik gewesen wäre. Er schreit eigentlich emotionale Bruchstücke in die Welt hinaus. In Talkshows kommt es nicht auf den Inhalt an, sondern auf die rhetorische Stärke. Es fällt scheinbar noch nicht einmal auf, dass die Politiker immer dasselbe sagen, wichtig scheint uns Zuhörern nur, wer zum Schluss obsiegt. Die Partei, die Wagenknecht gerade spaltet, hat mit ihr schon das zweite rhetorische Großtalent hervorgebracht. Auch Gysi dominierte Talkshows und ganze Säle, er war brillant und charmant, aber nur mit dem Mund. Er hat weder als Berliner Wirtschaftssenator einen Fuß vor die Tür bekommen, noch hat er seine Partei vor Lafontaine und Wagenknecht bewahren können. Auch der Neuanfang 1990 ist gründlichst misslungen: es ging ihm nur darum, das Geld aus den Ruinen der SED zu retten, statt aus ihnen aufzuerstehn, wie es im Volkslied hieß.

Ein zweiter Politikertyp ist der Machtmensch. Als Angela Merkel, ebenfalls 1990, zum ersten Mal als Pressesprecherin des letzten DDR-Regierungschefs zu sehen war, schien es unprofessionell und unsicher, tapsig und geradezu lachhaft. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, dass diese kleine Physikerin – sie sah auch eher wie eine Studentin aus – eine Machtmenschin wäre oder werden könnte. Sicher ist sie auch keine Feministin, aber im Gegensatz zu Margret Thatcher und Indira Gandhi ist sie die erste wirkliche Frau mit einem weiblichen Charisma, weiblichen Beraterinnen und einer ausgesprochen weiblichen Politik. Insofern hat sie für die Frauen mehr getan als alle Suffragetten und Alicen Schwarzer zusammen. Ein Großteil ihrer Politik war Wegbeißen, Aussitzen, Macht- und Rachespiel, das man früher Ranküne nannte, eines der schönen verschwundenen Wörter. Vielleicht war ihre Modernisierung der CDU nichts weiter als die Entsorgung machtgeiler inkompetenter Männer? Während dieser achtzehn Jahre Machpolitik, zunächst in der Partei, dann im Kabinett und schließlich auf dem internationalen Parkett, hat sie Erfahrungen und Kompetenzen angehäuft wie kaum ein anderer Politiker weltweit. Die wirklichen Innovationen waren dagegen eher spontan und emotional: die Abschaltung der Kernkraftwerke, die überfällige Abschaffung der Wehrpflicht, die Ehe für alle, eigentlich ein Miniminderheitenprojekt, und schließlich die Aufnahme von etwa einer Million Flüchtlinge und vor allem ihr berühmter Kommentar dazu WIR SCHAFFEN DAS. Ja, wie denn auch nicht? Ein Land, das den Sozialstaat und das Automobil – in dieser Reihenfolge -, die Schallplatte und das Asprin, das Telefon und die Kernspaltung ge- oder erfunden hat, sollte nicht mit ein paar Flüchtlingen fertig werden? Allein schon die leerstehenden Immobilien und die Steuermehreinnahmen sprachen und sprechen dafür. Aber das hat sie – vermutlich – nicht gedacht, sondern sie hat emotional entschieden, eigentlich eher wie eine Hausmutter oder Patriarchin, die die überbordende Geburtstagsparty ihres halbwüchsigen Sohnes in den Griff zu bekommen versucht: WIR SCHAFFEN DAS. Der Übername ‚Mutti‘ ist ihr dagegen von spöttischen Journalisten gegeben worden, die der Meinung waren, dass sie das eben gerade nicht ist: Mutter der Nation. ‚Mutti‘ ist auch ein typisches DDR-Wort, das nicht verschwindet.

Aber auch den dritten Typen der heutigen Politiker gibt es wirklich: den kompetenten Sachpolitiker, der weiß, was er tut. Aber er meidet das Rampenlicht. Er sitzt in keiner Talkshow und schweigt am Kabinettstisch. Mein Beispiel ist der Entwicklungshilfeminister, der noch dazu aus einer Partei stammt, deren bundespolitische Inkompetenz zum Himmel schreit. Auch landespolitisch darf man sich wundern, ob die Aufhängung falsch interpretierter Kruzifixe Einfluss auf Wahl- oder Politikergebnisse haben wird. Leider reproduzieren sich solche Typen scheinbar selbst und ganz ohne Mutter. Ganz anders Müller, der schon – keiner hat es bemerkt – im zweiten Bundeskabinett sitzt und Gute tut. Er schafft es zum Beispiel an einem Tag, drei afrikanische Länder, darunter hartgesottene Diktaturen, zu bereisen und seine Vorstellungen durchzusetzen. Neben Merkel scheint er der einzige zu sein, der die Bedeutung Afrikas für die Zukunft erkannt hat.

Typologien ändern sich. Max Weber schrieb vor hundert Jahren seinen berühmten Aufsatz (in Wirklichkeit war es eine Rede) über die damaligen Politiker. Nach ihm gibt es den durch Tradition legitimierten Politiker, damit meinte er vor allem die Monarchen, die sich damals gerade aus der Politik verabschiedeten. Der zweite von ihm benannte Typ, der damals geradezu prophetisch wirkte, war der charismatische Volksführer. Leider ist das schöne Wort Charisma durch Hitler und Goebbels, aber auch durch Stalin und Castro beschmutzt worden. Denn eigentlich verband es die Politik mit der Religion, und heute scheint es an evangelikale Prediger und Rock- oder Rapmusiker abgegeben zu sein. Macron verspielt sein Charisma, wohl eher auch einfach Charme, gerade auf den Barrikaden von Paris. Und der dritte Typ bei Max Weber ist der eigentliche heutige Politiker: der durch das Gesetz und die Wahl legitimierte Macht-, Rhetorik- oder Kompetenzmensch. Wir können und wollen nur hoffen, dass diese populistischen Zwischentypen und Inkompetenzchampions, die ihren followern vorspielen, dass es doch einfache Antworten geben könnte, bald wieder von den Bildschirmen und aus den verwirrten Köpfen verschwunden sein werden. Denn letztlich beruht dieser Populismus darauf, dass man die unflätige Sprache der Straße salonfähig zu machen versucht: ‚Vogelschiss‘, ‚Pussy‘, ‚Volksverräter‘. Aber den Migranten wird vorgeworfen, dass sie die Sprache Goethes und Schillers verhunzen würden! Dazu brauchen wir keine Flüchtlinge, das tun schon Gauland und Gesellen.