MORALPREDIGT

Nr. 359

Polonius, den später die Würmer fressen, nachdem er Hamlets erstes Opfer wurde, gibt seinem Sohn Laertes moralische Regeln mit auf den Weg zum Kontinent. Laertes instruiert zwei Minuten vorher seine Schwester Ophelia ziemlich stringent, wie sie sich Hamlet gegenüber verhalten soll, der sie, wie man heute sagen würde, ständig anmacht oder vielleicht wirklich liebt und den sie liebt, weil er ein Lottogewinn wäre. In dieser Parallelität ironisiert Shakespeare den Wert solcher Sermone. Andererseits: wer würde eines seiner Kinder ohne gutgemeinte Worte oder gar nicht verabschieden, wenn sie für längere Zeit den Kontinent wechseln? Erziehung ist immer konservativ. Die Regeln der meisten Menschen können nur aus der Vergangenheit stammen. Wir vertrauen dem Instrumentarium zu wenig, aber sobald wir Inhalt mitgeben wollen, kann er nur von gestern sein. Polonius arbeitet als Berater der Königsfamilie, die damals die tatsächlichen Machtpolitiker waren, und er weiß: Give every man thy ear, but few thy voice*.

Demokratie und Kommunikationstechnik haben uns in die Lage versetzt, genau umgekehrt handeln zu können. Wir hören nicht mehr zu, wir lesen nur noch die Überschriften, und der Grund dafür ist der ungeheure Überdruss, den die Inflation flacher Nachrichten uns bereitet. In der Schule lernen viele Kinder und Jugendliche, dass Erörterung ein vorher bekanntes Ergebnis hat. In den Parlamenten versuchen viele Abgeordnete den Diskurs für ein vermeintlich alternativloses Ergebnis zu führen. Die rechten Abgeordneten und ihre Echos in den Blogcommunities stellen sogar regelmäßig jeden, der die Welt nicht so sieht wie sie, als geistesgestört oder wenigsten weniger intelligent dar. Für viele Menschen erscheint die Politik auch nur an ihren bürokratischen Ergebnissen spürbar, die auch tatsächlich für den Moment nicht veränderbar sind.

Wer Hartz IV bezieht, muss genau die Fragebögen ausfüllen und die Regeln einhalten, die ein oft herzloser Bürokratismus für ihn bereithält. Deshalb ist es möglich, dass Hartz IV nicht mehr als solidarische Leistung angesehen werden kann, sondern als ein Sammelsurium unsauberer Sanktionen. Viele Menschen im Osten sehen Politik ebenfalls als ein Komplott westlicher Politiker gegen sich und die besseren Seiten des Ostens an. Dabei zeigt gerade die Wiedervereinigung Deutschlands, dass Ereignisse nicht vorhersehbar sind, dass Politik also auf jähe Wendungen reagieren muss und dass sie immer nur mit Kompromissen handeln kann. Auch die derzeitige Krise der Demokratie ist von niemandem vorausgesagt worden. Ebenso wie 1989 kann man von einem neunundneunzigprozentigen Versagen der so genannten Geheimdienste ausgehen. Diese Geheimdienste liefern gewöhnlich keine Erkenntnisse, sondern Alibis für Verhalten oder Verfehlungen.

Niemand glaubt zuhören oder lesen zu müssen, wenn es sich um ein Thema handelt, bei dem er oder sie durch Anwesenheit oder Herkunft mitreden zu können glaubt. Wir haben dieses Phänomen schon oft Scholllatourismus nach dem Fernsehkorrespondenten und erfolgreichen Buchautor Peter Scholl-Latour (1924-2014) benannt, der tatsächlich sehr viele Länder bereist hatte und, je älter er wurde, desto unsinniger darauf insistierte, dass nur seine Meinung richtig sein könne, da er ‚dabei‘ oder wenigstens ‚da‘ gewesen sei. Sein unseliger Satz über die Bevölkerung von Kalkutta ist seither Ikone der rechten Besserwisserei. Aber gerade dieser Satz erwies sich als doppelt falsch: Kalkutta hat einen guten Weg gefunden, sich selbst zu retten, und jeder Mensch bleibt aufgerufen, ein guter Mensch zu werden oder zu bleiben, egal wie hoch die Erfolgsaussichten oder die Kollateralschäden seiner Handlungen sind.

Jeder, der schon einmal eine Unfall-Zeugenvernehmung miterlebt hat, weiß, dass die Anwesenheit für die Wahrheitsfindung eher unwesentlich ist. Obwohl – zum Beispiel – der Tod eine Tatsache ist, ist er nur sehr schwer und nur für Experten feststellbar. Wer – ein letztes und krasses Beispiel – an der Kreuzigung von Yesus als Augenzeuge beteiligt war, kann keine Aussage zur eventuellen Göttlichkeit des Menschensohns machen. Er weiß nur, was wir auch wissen: da starb einer der großen Visionäre, die früher Propheten genannt wurden und das Gegenteil der heutigen Berater zu sein schienen. Es fällt schwer, eine Meinung nicht für eine Tatsache zu halten, wenn man sie teilt. Hybris, früher den Tyrannen vorbehalten, ist zum Leichtgewicht geworden. ‚Größer als mein Ego ist nur mein Spiegel‘, rappt A$AP Rocky.

Noch nie haben so viele Menschen geschrieben. Die Inflation des geschriebenen Wortes scheint sich selbst exponentiell zu verstärken und von Echokammer zu Echokammer zu rasen. Daraus folgt zwangsläufig – aber nicht alternativlos – eine Inflation des Unsinns. Der ergibt sich schon aus der sinnlosen Benutzung vorgefertigter Sprachen. Zunächst einmal wird die Sprache der Medien selbst nachgeahmt. Aber nachahmen ist bestenfalls nachahnen. Die Journalisten können nur manchmal besser schreiben als wir, aber immer besser recherchieren. Warum dagegen die Sprache der Juristen imitiert wird, bleibt für immer rätselhaft. Denn die Verklausulierung der Paragrafen, Anklagen, Verteidigungen und Urteile dient ja dem Ausschluss.

Die Hochzeit der Justiz währte vielleicht von der Strafrechtsreform Dr. Dr. Anselm Ritter von Feuerbachs 1813 bis zu den Nürnberger Prozessen 1946. Seither nimmt die Kriminalität ab und die Bedeutung der Justiz beschränkt sich auf weniger sichtbare Bereiche. Die Bürokratie wird verachtet, aber ihre Sprache wird fleißig kopiert. Selbst Deutschlehrer reden und schreiben in Floskeln der Schulaufsichtsbehörde. Obwohl Politiker nur etwa alle zehn Jahre (‚und das ist auch gut so‘) einen zitierfähigen Satz hervorbringen, ergibt sich ihre sprachliche Kompetenz anscheinend aus der PS-Zahl ihrer gepanzerten Limousinen. Allerdings gibt es Entwicklungen: bei Angela Merkel immerhin von der Meisterin des Anakoluths zu einem zitierfähigen Satz.

Schreiben ist ein kreativer Akt. Die Welt wird mit handwerklichen und künstlerischen Mitteln auf eine A4-Seite, die selbst das Ergebnis des schöpferischen Akts der Ingenieurskunst war, geworfen. Schreiben ist nicht das Abarbeiten von Schreibregeln. Schreiben stärkt das Vertrauen in das instrumentelle Vermögen gegenüber der Analogie des schneller vergänglichen Inhalts. Deshalb sagen die IT-Leute auch, dass sie ein Programm schrieben. Schreiben ist kein Alibismus. Man schreibt nicht, um seine An- oder Abwesenheit zu dokumentieren. Schreiben ist ein Denkangebot und keine Definition. Die Welt anhalten zu wollen oder gar zu können, ist immer Metapher oder Propaganda. Wer durch einen Text berührt oder gar verändert wird, sollte dankbar sein. Ob allerdings nach vierhundert Jahren noch ein Satz von uns übrig bleibt, hängt davon ab, wie sehr wir dies beachten: Give every man thy ear, but few thy voice*. Nichts spricht gegen Moralpredigt, das Ohr macht den Unterschied.

 

*Shakespeare, Hamlet, I,3

NIEMAND HAT DIE ABSICHT EINE BRÜCKE ZU BAUEN

 

Nr. 358

Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zerfiel der zweimalige Versuch eines südslawischen Völkerbunds in einem blutigen und archaischen Krieg. Religion wurde als Grund des Krieges vorgeschoben und Massaker verübt, die gewachsene Strukturen durch Mord beenden sollten. Der Krieg ging von Serbien aus, das seine Vormachtstellung behalten wollte, und schließlich wurden die unterlegenen, angegriffenen Gebiete von der NATO unterstützt. Die damaligen Altlinken und die heutigen Neurechten feiern den Nationalbolschewisten Milošević als Märtyrer, während einige europäische Länder Kriegsflüchtlinge aufnahmen. Einer dieser Kriegsflüchtlinge, eine Junge namens Božidar*, der seine Eltern in diesem Krieg verloren hatte, war in meiner Klasse, um sein Fachabitur zu machen. Allein das ist schon erstaunlich, aber außerdem war er noch ein herzensguter junger Mann und ein sehr guter Schüler, vor allem auch im Fach Deutsch. Solche sprachbegabten Menschen sind in der Minderheit, aber sie erfreuen uns besonders. Damals gab es in Berlin noch kein Zentralabitur und die Lehrer konnten die Lektüre und die Prüfungsthemen selbst bestimmen. Bei mir war das ein demokratischer Prozess, in dem Schüler ihre Lieblingsbücher vorstellen konnten und dann wurde das Prüfungsbuch gewählt. In dieser multiethnischen Klasse schlugen die Osteuropäer AUFERSTEHUNG von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi vor, die Eingeborenen wollten DIE BLECHTROMMEL von Günter Grass lesen. Božidar aber benannte ein Buch, das niemand kannte, DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA von Ivo Andrić. Alle drei Bücher waren gleich gut geeignet, wenngleich alle drei sehr dick, und hatten alle drei ein äußerst hohes, für eine Fachabiturklasse sogar ungewöhnlich hohes Niveau. Božidar war aber auch ein äußerst geschickter Politiker, er verstand es, zuerst mich für sein Projekt zu gewinnen, dann die Osteuropäer und zum Schluss müssen auch einige autochthone Deutsche für ihn gestimmt haben, aus pure love. Niemand verstand damals das nationale Chaos – so wie heute kein Reisender versteht, dass er sich in Bosnien, aber in der serbischen Entität befindet und plötzlich die Ortsschilder nicht mehr lesen kann.  – niemand verstand den Krieg. Berlin internationalisierte sich weiter, aber im ehemaligen Jugoslawien wichen sich die Brüder und Schwestern gewaltsam aus. Selbst die Sprache war nun nicht mehr eine gemeinsame, wie in Novi Sad beschlossen, sondern über Nacht gab es drei verschiedene Sprachen: serbisch, kroatisch und bosnisch.

Wir lasen den Roman, hielten uns gegenseitig Referate über die schwierigen Zusammenhänge und Probleme, lernten eine Geschichte voller Widersprüche. Božidar moderierte den ganzen Prozess und lehrte uns die Aussprache der Namen. Der Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Brücke über ein halbes Jahrtausend. Ein buntes Gemisch von fast hundert Personen zieht am Leser vorbei, die Spannung entsteht nicht durch die Entwicklung einer Person, sondern durch die Episoden auf der Brücke. Die Brücke ist nicht an sich außergewöhnlich, es gibt solche Brücken überall in Südeuropa, zum Beispiel sind die ebenso berühmte halbe Brücke von Avignon oder die römische Brücke in Trier sehr ähnlich, sondern die Brücke an genau dieser Stelle ist außergewöhnlich. Erbaut wurde sie von dem berühmtesten und bedeutendsten Architekten des osmanischen Reiches, Mimar Sinan, gestiftet vom ungewöhnlichsten Großwesir (das ist der Premierminister) Mehmed Sokolović, auf türkisch Sokollu Mehmed Paşa, der aus einer wichtigen bosnischen Familie aus einem Dorf unweit von Višegrad, wo die Brücke die beiden Drinaufer verbindet. Außergewöhnlich ist, dass die Drina, ein reißender, äußerst schneller Fluss, schon 1571 überbrückt wurde, und dass die Ideen zweier großer Gestalten des osmanischen Reiches hier in diesem Tal, an diesem winzigen Ort verwirklicht wurden. Dass sie sich in der wunderschönen Sokollu-Mehmed-Paşa-Moschee in Istanbul ein weiteres architektonisches Kleinod als Denkmal setzten, mag dagegen weniger verwundern. Außergewöhnlich ist weiter, dass hier das oströmische an das weströmische Reich stießen, die katholische an die orthodoxe, die christliche an die muslimische Welt, der Orient also an den Okzident. Das kleine Nest Višegrad, in dem vor dem ersten Weltkrieg Juden, Christen und Muslime mehr oder weniger friedlich zusammenlebten, bildete also die Diversität der Welt, die dann von Ivo Andrić auf diese Brücke, sogar auf die Mitte dieser Brücke projiziert wurde. Dort war der Treffpunkt dieser multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Welt, der sich zum Gegenteil von Babel entwickelte: trotz unterschiedlicher Sprachen verstand man sich immer besser. Andric sparte aber die Widersprüche nicht aus: eine der eindrücklichsten Szenen ist die Pfählung eines widersetzlichen christlichen Bosniers, angeordnet durch die türkische Obrigkeit, ausgeführt aber durch einen willigen, unterwürfigen Zigeuner. Der Konflikt mit der Roma-Minderheit ist in ganz Europa immer noch nicht gelöst!

Die Klasse von Božidar hatte damals verstanden: Überall begegnen sich Menschen. Menschen kann man nicht auf ihre Sprache, ihre Religion, ihre Herkunft, ihr Geschlecht, ihre sexuelle Orientierung, ihre politische Richtung, ihre Leistungen in der Schule reduzieren, sondern jeder Mensch ist so komplex wie damals der Mittelpunkt, die Kapija, das Tor, der berühmten Brücke. Jeder Mensch ist diese Brücke, ob wir es wollen oder nicht, da wir ohne Kommunikation nicht leben können, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Kommunikation ist allerdings kein Automatismus, sondern setzt den guten Willen voraus. Jedes Wort kann verstanden oder missverstanden werden, jedes Wort kann auch zum Unwort werden. Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, wurden in  Višegrad und anderswo die Denkmäler von Ivo Andrić gestürzt, weil jede Seite ihm vorwarf, dass er auf der anderen Seite stünde. Andrić, der einen serbischen Vater und eine kroatische Mutter hatte und in Bosnien aufwuchs, Botschafter und Verfechter der jugoslawischen Idee war, in seiner Jugend Mlada Bosna-Mitglied wie Gavrilo Princip, den er auch kannte, Andrić war da schon lange tot. Man hätte ihn nur lesen müssen.

Es gibt in Višegrad zwei große Friedhöfe: einen schwarzen serbischen und einen weißen bosnischen. Die dort liegen, wurden kaum älter als zwanzig. Die Synagoge ist jetzt ein Feuerwehrdepot mit einer Gedenktafel. Auf der Landzunge zwischen Rzav und Drina, kurz vor der Brücke, wartet das von Kusturica initiierte Andrićgrad, ein Disneylandverschnitt ohne Moschee, auf Touristen, die den Streit nicht nachvollziehen können, der auch darüber wieder entstanden ist.

Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, ging in Heidelberg ein weiterer bosnischer Kriegsflüchtling ins Gymnasium, der, wie Božidar, nicht nur mit guten Deutschkenntnissen glänzte, sondern dessen schriftstellerisches Talent vom Deutschlehrer im Biologieraum entdeckt wurde: Saša Stanišić, dessen erster Roman WIE DER SOLDAT DAS GRAMMOFON REPARIERTE ebenfalls in Višegrad spielt, sozusagen unter der Brücke ausgeheckt wurde.

Nach der Überlieferung wurde in die ersten Brückenpfeiler auf jeder Seite der Drina ein Zwilling eingemauert, Stoja und Ostoja, Halte und Bleibe, ein Junge und ein Mädchen. Damit liefert die Brücke auch, über die Romane hinaus, eine der großen Erzählungen der Menschheit von der Aufopferung, aber auch von der Auferstehung: Man muss nicht verstehen, was soeben passiert; man darf hoffen, dass alles besser wird. Wissen schafft Glauben.

*Name geändert

GESCHICHTE IST QUATSCH

Nr. 357

Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, dass man die Geschichte kennen sollte, um sich einzuordnen, dass aber die eigne Herkunft kein Qualitätsmerkmal gegenüber anderen Menschen ist. Eigentlich schließen sich die beiden sogar gegenseitig aus. Denn wer glaubt, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer Gruppe über dem aktuellen Verhalten steht, glaubt ja gerade, dass die Geschichte nichts bewirkt. Lange Zeit habe ich Henry Ford für seinen prägnanten Satz bewundert, dass Geschichte Quatsch sei. Der Satz, so schien mir in meiner ganzen Jugend, wäre antiautoritär, weil er der offensichtlichen, plakativen Berufung der gesamten Erwachsenenwelt in Ost und West auf die Geschichte widersprach. Aber der Mann war Antisemit, ein Bewunderer Hitlers, eher ein Trump als ein Tramp. Seine Bedeutung liegt in der sozial gestützten industriellen Massenproduktion mit wissenschaftlich untersetzter Technologie. Dieser in Deutschland von Rathenau begründete Produktions- und Konsumtionstyp wird auch Fordismus genannt. Der Satz war nur antiautoritär in bezug auf Produktionsmethoden. Der Fordkonzern ist heute noch in Familienbesitz und an der Spitze der Weltautomobilproduktion (2017 an vierter Stelle). Im Nachkriegsdeutschland wurde betont, dass man aus der Geschichte lernen müsse, aber die Menschen verhielten sich noch genauso wie vor dem gerade erst verlorenen Krieg. Die Kinder spielten auf der Straße Krieg. Die Erwachsenen schlugen die Kinder und sagten: uns hat das auch nicht geschadet. Hätten sie ihre Köpfe erhoben, so hätten sie die menschlichen und baulichen Ruinen gesehen, die ihre Herkunftshybris angerichtet hatte.

Evolutionär scheinen wir uns am wenigsten zu ändern, wenn wir darunter nur die genetische oder physische Anpassung verstehen. Aber ist evolutionär nicht auch der gemeinsame Ursprung in vielleicht einem Dutzend vormenschlicher Gruppen im östlichen Afrika? Die Metapher dafür sind die – vielleicht ebenfalls ein Dutzend – Menschentstehungsparabeln: Gott als der große Häfner[1] (HARRY POTTER!), der das erste Menschenpaar aus Ton fertigte und ihm Leben einblies, so wie wir heute noch tun, wenn wir einen fast Ertrunkenen retten. Diese – also doch – gemeinsame Quelle des menschlichen Daseins ist zweifellos auch die gleichzeitig das Fundament der Menschlichkeit. So gesehen sind Kriege geschichtsvergessenes Ausnahmeverhalten, vor dem uns auch nachträglich immer schauert. Obwohl es  inzwischen in Europa zwei Weltkriege gegeben hat, ist der dreißigjährige Krieg nicht vergessen und wird in jeder europäischen Regionalgeschichte mit den oft bis heute spürbaren Auswirkungen betont. Jeder Krieg, aber auch Hunger und Epidemien erzeugen verstärkte Migrationen. Insofern ist jede Region ein Konglomerat der eingewanderten Bevölkerungen und fast nirgendwo monochrom. Sprachen verbreiten sich in umso größeren Gebieten, je größer die sozialen Abhängigkeiten sind. So gibt es bis heute isolierte winzige neolithische Völker, aber auf der anderen Seite riesige Sprachen, die von der Hälfte der exponentiell gewachsenen Weltbevölkerung gesprochen werden. Nigeria und Brasilien sind fast gleich groß (je >200 Millionen Einwohner), aber in Nigeria gibt es 514 Sprachen, während in Brasilien 97% aller Menschen portugiesisch als Muttersprache haben. Deshalb sind die beiden Länder auch gute Beispiele, die Renan[2] noch nicht kennen konnte, dafür, warum wir von Regionen und nicht von Völkern oder Nationen sprechen, wenn wir Geschichte meinen. Die Geschichte hat uns geboren, dividiert und wieder zusammengeführt. Diversität ist sowohl ein inhaltliches als auch ein methodisches Nonplusultra. Denn so sehr die Steinzeitvölker auch wegen ihres friedlichen Lebens, ihrer Naturverbundenheit, ihrer Unaufgeregtheit bewundert werden, die meisten von uns wollen nicht ohne Kunst, Kommunikation und Kommerz leben. Außerdem sind sowohl die Zeit als auch die Geschichte irreversibel. Wir könnten vielleicht im Mittelalter leben, aber in der Steinzeit sicher nicht. Und der Neolithiker aus dem Amazonasbecken oder von Neuguinea, übrigens weisen beide Gebiete weltweit die höchste Biodiversität auf, würde bei uns nicht nur am Fahrkartenautomaten, sondern auch am Individualismus scheitern.

Biografisch sind wir ebenfalls keine Kopien, vielmehr hat der Generationenkonflikt sowohl das Potential zur Entwicklung wie zur Zerstörung in sich. Die Bibel und die Freudwerke[3] sind voll davon. Auch der archaische Bruderzwist zwischen Kain und Abel scheint mehr zu sein als eine Parabel. Auf der anderen Seite ist die Familie selbstverständlich eine tiefe und unerschöpfliche Quelle des Menschen, Orientierung und Fundament zugleich, allerdings muss es nicht die genetische Familie sein. Seit Jahrhunderten tobt der Streit zwischen Natur und Kultur im Menschen, seine vielleicht eigentümlichsten Ausformungen waren die Gestalttheorie[4] auf der einen Seite und der ein Jahrhundert später entstandene Sozialdarwinismus auf der anderen Seite. Beide gehen von einem monokausalen Zusammenhang zwischen Seele und Genetik aus.

So wie aber die regionale Kultur das Konglomerat der eingewanderten Menschen ist, so ist der Mensch auch die Mischung der verschiedensten, vorher oft nicht absehbaren genetischen und kulturellen Eigenschaften. Das macht gerade seine Stärke aus. Immer wieder aber wird die Schwäche aus der Einfalt konstruiert, werden Menschen auf eine, oft zufällige Eigenschaft reduziert. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus dem Osten Deutschlands ist schwul, linkshändig, dunkelhäutig, farbenblind, kurzsichtig, stotternd und zuckerkrank. Was an ihm oder ihr ist dann Ossi mit dem Hang zu populistischen Gurus, ob sie nun Gauck, Gauland oder Gysi heißen?  Vielmehr zeigte sich nach den vierzig Jahren der Trennung, dass die Verschiedenheiten von Ost und West nicht größer waren als die von Nord und Süd. Nicht jeder Unterschied und nicht jede Gemeinsamkeit ist uns gleich oder überhaupt bewusst. Deshalb ist Geschichte interessant, auch in der merkwürdigen Doppeldeutigkeit des Wortes. Geschichtslos ist gesichtslos. Nur, wer denken kann, kann auch gedenken. Das Leben wird nur nekrologisch logisch. Deshalb kann man an kaum einer Stelle des Lebens Evidenz verlangen. Wir wissen selten genau, warum wir uns jetzt so oder so entscheiden. Wir wissen deshalb auch nie genau, warum wir dieser Mensch geworden sind, der wir geworden sind. Wir können es aus keiner Logik ableiten. Überhaupt heißt, nach Dr. Dr. Schiller, warum zu fragen, sich in den Jungle von tausenden Möglichkeiten zu begeben, deren jede einzelne wieder tausend Ursachen und Abweichungen beinhaltet. Aber die Diversität einzuräumen heißt noch lange nicht vor ihr zu kapitulieren. Lesen wir hin und wieder einen 1000-Seiten-Roman[5], um uns zu erinnern, dass wir in diesem Moment ein Wort aus einem Tausend-Seiten-Roman sind, bei dem auf jeder Seite tausend Wörter stehen, wie in diesem Blog, von denen jedes tausend Bedeutungsschattierungen hat.

 

[1] süddeutsch für Töpfer, englisch potter

[2] Ernest Renan, Nationtheoretiker

[3] Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse

[4] Lavater, Physiognomik

[5] Krieg und Frieden, Der Mann ohne Eigenschaften, Joseph und seine Brüder, Ulysses, Glasperlenspiel, Der Klang der Zeit, 4321

‚IN ZEITEN WIE DIESEN‘

 

What’s gone and what’s past help should be past grief.

                                                                                   SHAKESPEARE, The Winter’s Tale, III,2

Nr. 356

Am Ende der siebziger Jahre stand in Ostberlin eine steinalte Frau an einer Bushaltestelle und fragte mich, ob ich nicht auch fände, dass die Kinder heute laut seien, zu laut. Ostberlin befand sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rohzustand der Vormoderne. Die Drittelstadt war einerseits noch vom Krieg gezeichnet, Ruinen und Lücken blickten in ihre traurige Vergangenheit, einarmige Altnazis, teilweise als Hilfspolizisten verkleidet, schrien Kinder an, um ihnen ihr erfolgloses Konzept von ‚Zucht und Ordnung‘ nahezubringen.  Auch die fortschreitende Militarisierung des Lebens war dem Hitlerismus so ähnlich wie der weiland Staatssekretär Globke aus dem Bonner Bundeskanzleramt. Andererseits begannen architektonisch einfallslose Neubauviertel das Bild zu prägen und die Altstadt zu verdrängen.  Die DDR war so gesehen nicht ahistorisch, sondern log die Geschichte dreist zu ihren Gunsten um und erklärte, was ihr passte, zum Erbe der Arbeiterbewegung, als deren Krönung sie sich selbst definierte. Einmal waren Karl Marx oder Thomas Müntzer, ein anderes Mal gar Ernst Thälmann ‚der größte Sohn des deutschen Volkes‘.  Der Aufbruch, der wenige Jahre zuvor in Prag stattgefunden hatte, war im Hauch eines Konsumrausches untergegangen, den der neue Partei- und Staatschef Honecker als ökonomische Neuheit pries. Honecker hatte eine geteilte Moderne angeschoben: im Konsum sollte aufgeholt, politisch und kulturell dagegen ausgebremst werden.  Als Marken dieser verfehlten Politik zeigten sich Biermannausbürgerung, das Konstrukt der DDR-Kulturnation und die Kreditaufnahmen.

Trotzdem war auch das Ostberliner Weltchen lauter geworden, das antwortete ich der alten Frau an der Bushaltestelle.  Sie beharrte aber darauf, dass man die Kinder zur Ruhe bringen könnte oder sogar müsste. Dann erzählte sie, wie sie als Familie zu Fuß die Schönhauser Allee stadtauswärts ‚ins Grüne‘ wanderten, und ihr Vater sie, vorneweg und lauthals, wohl auch gewalttätig, an jeder Freudenkundgebung jenseits des gemeinsamen Gesangs hinderte. Das war vor dem Individualismus, aber auch vor der vollendeten Urbanisierung.

Dass die Zeit ver- und die Sonne unterginge, sind zwei gleich schräge, untaugliche und trotzdem petrifizierte Metaphern. Dass Dinge vergingen heißt doch nur, dass sie aus unserem Bewusstsein verschwinden: aus den Augen, aus dem Sinn. Dinge, Regeln und überhaupt Ordnungen sind es, die sich uns aufdrängen oder eben verschwinden. Der Umbruch von 1945 war so tief, dass er nicht verstanden werden konnte, zurecht wurde er damals Zusammenbruch genannt. Aber während ein Haus tatsächlich, wenn es zusammenbricht, verschwindet und seine Form radikal ändert, und selbst durch einen epigonalen Nachbau nicht annähernd ersetzt werden kann, bleiben Ordnungen in den Köpfen der Menschen hängen und dürsten nach weiterer Bestätigung. Ich habe den zweiten Weltkrieg nicht veranstaltet, aber mich ohrfeigte der einarmige Altnazi, dessen anschließende Lagerhaft tragisch gewesen sein mag, der aber nicht einsah, dass seine Anwesenheit in Stalingrad noch tragischer war und der deshalb auf der soeben untergegangenen Ordnung bestand und sie fortzuführen suchte. Tragik ist unverschuldetes Unglück. Die antiken Griechen ließen ihre Protagonisten – auf dem Theater – noch generationenweit von unermesslichem Leid verfolgen. Die Seele des Zuschauers sollte von der Harmoniesucht gereinigt werden. Bei Shakespeare nimmt sich das mit der überholten Ordnung kollidierende Liebespaar Romeo und Julia das Leben, bei Sophokles wird das rebellierende Paar Antigone und Haimon gar eingemauert.  Aber zwischen der Seelenreinigung durch die tragischen Ereignisse auf der Bühne und der Angst vor dem wirklichen Leben mit seinem manchmal auch nicht geringen Leid ist nur eine Handbreit Schatten.  Die allererste Fiktion war eine Tatsache. Aber schon vor hunderttausend Jahren trennten sich die Wege von Fiktion und Leben. Der Schrecken ist geblieben, und kein geringerer als der größte Balladendichter deutscher Zunge wusste, dass der schrecklichste der Schrecken der Mensch in seinem Wahn sei und dass noch jede Furcht den wirklichen Schrecken überrage.

Immer also, zu allen Zeiten, gibt es Angst und Zuversicht, Orientierung und Desorientierung. Zwanzig Jahre braucht der Mensch, um sich zu orientieren, zuerst assistiert von den Eltern, dann von der Gruppe der Gleichaltrigen, dann kann er vielleicht fünfzig Jahre mit seiner Navigation gut leben, wenn es keine großen Umbrüche gibt. Gibt es aber große Umbrüche, dann schwanken selbst die Vorstandsvorsitzenden. Jeder, der solch einen Umbruch miterlebt hat, zum Beispiel 1989, weiß, dass es rechts- und orientierungsfreie Räume gibt. Immer gibt es dann Menschen, die nicht mehr vorwärts, sondern rückwärtslaufen oder zumindest rückwärtsblicken. Der Trost ist: je älter wir werden, desto wahrscheinlicher und verständlicher ist das Stehenbleiben und Rückwärtsschauen.

Je größer der Abstand, desto absurder ist die Verzerrung.  Der Abstand kann zeitlich, räumlich, emotional oder rational sein. Eine Verzerrung, die leicht und immer wieder übersehen wird, ist die Institutionalisierung. Eigentlich ist jede Idee verloren, wenn sie in die Hände der Bürokraten fällt. Andererseits ist sie aber auch verloren, wenn sie nicht bürokratisiert wird, weil sie dann nämlich nicht wirken kann. Inzwischen wird Hartz IV nicht mehr als die aufrundende und zusammenfassende  Gesamtsozialleistung wahrgenommen, sondern als Schatten eines überbürokratisierten Molochs, der arme Menschen mit Sanktionen quält.

‚Wo bleibt der Aufschrei‘ und ‚in Zeiten wie diesen‘ sind also nichts weiter als tautologische Empörungsformeln, die den Benutzer von vornherein auf die richtige Seite stellen sollen. Er oder sie kennt die ‚Zeiten‘ zur Genüge, so dass eine kritische Zusammenfassung gewagt werden kann. Statt sich selbst zu ändern, kann man mit dem Mittelfinger der Empörung auf andere zeigen. Statt neue Ideen vorzulegen, kann man die alten zerlegen. Statt Visionen zu entwickeln, kann man ein Schreckgespenst nach dem andern aufrichten. Aber die Kraft der Vogelscheuche lässt schnell nach, besonders wenn sie auf junge Stare trifft, die im Pulk ihre Schwarmintelligenz ausprobieren, die ihnen von der Natur verliehen wurde, um die Vogelscheuchen zu verscheuchen. Wir verklären gern unsere Jugend und vergessen dabei, von wieviel bösen Geistern sie umwölkt war. Traditionen und Autoritäten, Institutionen und Vogelscheuchen konnten damals unsere gute Laune nicht stören. Mit neunzehn Jahren ist nicht nur jede und jeder schön, sondern auch mutig, voller Elan, Ideen und Zuversicht. Man darf nur seinen eigenen schönen Zustand nicht über die Epoche wie eine Zierdecke legen, die damit geadelt wird. Wer im Alter böse wird, hat die bösen Zeiten in sich nicht überwunden.

DIE NEUE GLÜCKSFORMEL

Nr. 355

Nur in der Kleinstadt gibt es nur eine Wahrheit. Jeder Großstadtbewohner weiß, dass schon sein Nachbar anders denkt. Trotzdem gibt es Menschen, deren Glück darin zu bestehen scheint, andere zu beschimpfen. Jeder sieht die Welt nur mit seinen Augen, insofern versagt Empathie, aber das ist kein Grund zu glauben, dass es nur eine Blickrichtung, nur eine Wahrheit, nur einen Schluss gäbe. Das ist nicht neu, wird aber durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten verstärkt und verschärft. Jeder kann sich jetzt einen Raum schaffen, in dem nur seine Wahrheit gilt, das war früher ein Privileg der Eliten, die im Besitz der Kanzel oder des Katheders waren. Demokratisierung und Industrialisierung erzeugten auch einen neuen Schub der Proletarisierung, der sich im Nationalismus genauso Bahn brach wie im Kommunismus. Die Nationalisten, deren tatsächliche oder propagandistische Angst dem Islam gilt, scheuen sich nicht davor, Saudi-Arabien als Vorbild für Patriotismus zu benennen. Die Salonkommunisten preisen die Bankenenteignung. Weichgespülte Rentner auf den Antillen fordern die neue Härte. Das ist alles absurd. Das wäre alles lächerlich, wenn nicht zur gleichen Zeit auf dem Mittelmeer Menschen ertränken, die leicht gerettet werden könnten.

2015 haben die deutsche Bundeskanzlerin und eine große Mehrheit aller Bewohner Deutschlands gezeigt, dass es für reiche Länder ein leichtes ist, eine Million Menschen aufzunehmen, zu versorgen und – wie in einem Crash-Kurs – mit den notwendigen Kenntnissen zu versorgen. Die Frage, ob man sich rückwirkend sozialisieren kann, ist nicht leicht beantwortbar. Sie wird vielmehr einerseits von dem Willen und den Fähigkeiten abhängen sich zu integrieren, andererseits von den ganz konkreten Umständen, den Nachbarn, den Lehrern, den Bearbeitern in den Jobcentern, Arbeitsagenturen und Ausländerbehörden. Wir alle haben schon von einem Menschen gelesen, der gerade deswegen abgeschoben wurde, weil er bestens integriert und demzufolge für die Behörden leicht erreichbar war. Demokratie und eben auch Integration beginnen, wie schon Alexis de Tocqueville wusste, mit der funktionierenden Mailbox. Es gibt Länder, in denen Tellerwäscher gesucht werden, egal welcher Herkunft. Zum Tellerwaschen braucht man keine Sprache. Aber wir leben in einem Land, das von einem Minimum an Gemeinsamkeit ausgeht, von einem Minimum der Überwindung von Babel. Die Sprachwissenschaftler wissen: je größer die Notwenigkeit des Zusammenhalts, desto größer der Sprachraum. Babel ist ja nicht nur das Symbol für die Sprachverwirrung als Strafe für Hybris, sondern auch die Metapher für Ungerechtigkeit, Sittenlosigkeit und Unmenschlichkeit: zwei Millionen Bürger unseres Landes fahren pro Jahr mit einem Kreuzfahrtschiff. Aber wir alle sehen zu, wie auf dem Mittelmeer, das mit Booten gekreuzt wird, die in allem das genaue Gegenteil eines Kreuzfahrtschiffes sind, Menschen in den Tod kreuzen.

Flucht ist ein höheres Risiko als Bleiben. Auf dieser Flucht sieht jeder Flüchtling dieses Risiko: er sieht Gewalt, Folter, Hunger, Durst, Vergewaltigung und Tod. Je mehr er aber davon sieht, desto größer wird sein Risiko, wachsen aber auch sein Mut und seine Kraft, durch dieses ‚Meer von Plagen‘ zu gelangen. Wer also die Überfahrt schafft, ist nicht nur stark, sondern auch gestärkt. Wer ein solches Boot überlebt hat, den kann nichts mehr schrecken. Eine kleine Minderheit, sie ist genauso groß wie in jeder autochthonen Bevölkerung, setzt die gewonnene Energie in Kriminalität um. Überall gibt es die trügerische Hoffnung auf das schnelle Glück und das schnelle Geld. Aber die meisten Menschen wissen sehr wohl: im Lotto kannst du nichts gewinnen, aber mit einem Lächeln kannst du alles gewinnen. Da die Statistik jeweils auch von einer neuen Gesamtbevölkerung ausgeht, hat die Kriminalität also nicht zugenommen. Für die Neubürger entsteht durch das racial profiling vielleicht sogar der Eindruck eines Polizeistaates und damit überdurchschnittlicher Respekt vor der Polizei. Viele Polizisten wirken dem aber durch besondere Freundlichkeit bewusst und erfolgreich entgegen. Diese kriminelle Energie ist die gleiche, die ab 1444 Kaufleute bewog, die Definition von ‚Mensch‘ zu ändern, um gleichzeitig Christ und Verbrecher sein zu können.

Jede Migration ist also ein Gewinn für die Migranten und für das Zielland. Allerdings kommen weltweit noch einige Probleme auf uns zu, die wir gemeinsam lösen müssen. Das bis 2050 anhaltende Bevölkerungswachstum in Afrika, Asien und Lateinamerika wird bei gleichzeitiger Digitalisierung der Produktion die Sinnkrise verschärfen. Die Lösung liegt nicht in China. China könnte vielmehr leicht zu einem weiteren Teil des Problems werden, wenn auch viele heute eher die Bedrohung durch Konkurrenz sehen. China hat weitaus mehr Geld verborgt, als es einlösen kann. Die Lösung liegt nicht in einem Land oder einem Wirtschaftssystem.

Keine Religion und keine Philosophie hat es bisher geschafft, uns zu einer Veränderung unseres egoistischen Verhaltens zu bringen. Die Versicherungsformel, dass das individuelle Risiko desto kleiner wird, je mehr Menschen sich an der Vorsorge beteiligen, bringt uns auf die realistischere asymptotische Vorstellung, dass wir unser verhalten ändern müssen, aber dass es gerade deshalb auch kein vollständiges Glück geben kann. Es wird immer getrübt sein durch das Unglück anderer, das wir nicht verhindern, wohl aber vermindern können. Wir müssen lernen uns so zu verhalten, als wären wir der andere. Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach und auch nicht ganz neu:

mehr geben als nehmen, mehr lächeln als zürnen, mehr verzeihen als Verzeihung wollen, mehr lieben als strafen oder ausschließen,

und davon sind alle Religionen und Philosophien voll, wir haben es nur immer übersehen oder übersehen wollen. Die neue Glücksformel ist die alte.

DIE HERKUNFT ALS LEGENDE

Nr. 354

Wer durch seine Taten behindert ist, wird durch seine Herkunft nicht beschleunigt. 

an-Nawawi [1233-1277], Hadith 36

Die Herkunft erscheint uns lange als sicherer Ort, ja, als sicherster. Wenn wir einsam sind, wenn wir in Massen unterzugehen scheinen, dann ist es die Herkunft, die uns tröstet und führt. Unsere Eltern und der Ort unserer Geburt scheinen gewiss.

Die Unsicherheit der Vaterschaft war der Ausgangspunkt des fünftausend Jahre währenden Patriarchats. Die dazu passende Legende haben wir hier schon oft erzählt: Zeus hatte Lust auf die glücklich verheiratete Leda. Also näherte er sich ihr als Schwan und schwängerte sie. In der gleichen Nacht wohnte ihr aber, um es biblisch und antik auszudrücken, auch ihr Gatte Tyndareos bei, so dass die Zwillinge, die sie gebar, teils göttlicher, teils menschlicher Abstammung waren, wie wir alle. Als der große Sexforscher Alfred Kinsey 1948 und 1954 seine ersten großen Studien fertig hatte, stellte sich heraus, dass im prüden und angeblich streng monogamen Amerika zehn Prozent aller Kinder nicht vom Ehepartner ihrer Mutter stammten, ein Drittel der Menschen waren nicht treu. Im Nachkriegsberlin gab es einen sechzehnjährigen Jungen, der sich darauf spezialisiert hatte, die Gattinnen der fernen Helden zu befriedigen, die ihm oft schon beim Essen unter dem Tisch die Hose öffneten. Nach seinen eigenen Angaben soll er so 1000 Frauen heimgesucht haben. Sicher ist er oft Vater geworden. Das Ergebnis des strengen Patriarchats ist also Chaos, das Erbe geriet allzu oft in falsche Hände. Wir alle sind mit großer Wahrscheinlichkeit falsch, weil es ein richtig nicht gibt.

Über die Unsicherheit der Mutterschaft gibt es ebenfalls eine jahrtausendalte Legende, und zwar sowohl im nahöstlichen wie im fernöstlichen Kulturkreis. Brecht gab der Geschichte in seinem Kaukasischen Kreidekreis sogar noch ein klassenkämpferisches Attribut, in dem die eine Mutter ihren Reichtum als Argument einzusetzen versucht. Die hohe Säuglingssterblichkeit, die in Zeiten des Hungers oft als Segen empfunden wurde, war manchmal auch oft schmerzlich. Und so führte das enge Zusammenleben der Menschen vielleicht zum Streit unter zwei Müttern über die Mutterschaft, zumal es früher kein sicheres Erkennungszeichen jenseits der Muttermale gab. Jedenfalls ließ sich der große König Salomon, als zwei Mütter sich um das eine überlebende Baby stritten, ein Schwert kommen und drohte die Teilung an. Dank seiner Weisheit stellte sich heraus, dass Liebe und Besitz sich ausschließen: die wahre Mutter verzichtete zugunsten ihres Kindes auf die königliche Anerkennung ihrer Mutterschaft, die ihr aufgrund ihres Verzichts dann zugesprochen wurde. 1995 und 2014 sind in Südafrika zwei Fälle von unfreiwilligem Müttertausch bekannt geworden. Beim zweiten Fall möchte die eine Mutter ihre leibliche Tochter wiederhaben, die andere möchte die bei ihr sozialisierte behalten. Zur Lösung brauchte man einen neuen König Salomo.

Babyklappen gibt es mindestens seit dem Mittelalter. Trotzdem kann man jetzt einwenden, dass das alles nur Einzelbeispiele und Ausnahmen sind, aber das gilt nur, wenn man lediglich eine Generation betrachtet. Das menschliche Chaos wird größer, wenn man den Beobachtungszeitraum erweitert. Daran ändern auch nichts die biblischen und adligen Genealogien. Sie sind Märchen, wenn auch die erste Fiktion eine Abbildung von Taten war.

Wir können uns auf unsere Herkunft weder verlassen noch berufen. Wir sind wie Blinde auf dem Seil. Jedes Tun, jede Tat und vor allem jede Untat ist riskant und kann gegen uns verwendet werden. Die Einteilung der Menschen in Gruppen ist nichts als eine unzulässige Verknüpfung von Herkunft und aktueller Tat. Dagegen wendet sich der weise islamische Gelehrte, dessen Auslegung des Korans und der überlieferten Lehren des Propheten Mohammed vor allem zwei Erkenntnisse zeigen: alles ist Auslegung und alles ist menschlich. Die Tat kann zur Untat werden, und wir können uns dann nicht auf die Taten unserer Vorfahren berufen. Die Anerkenntnis, dass früher fast alles schlechter war, weil differenziertes Denken durch Hunger, Pest und Krieg oft verhindert wurde, fällt uns schwer, weil wir nach Sicherheit auch jenseits des Glaubens und des Sozialstaats suchen. Der mathematische Ausdruck für die Minimierung des Risikos durch große Mengen von Menschen, 1/√n ähnelt für Nichtmathematiker dem Seitenverhältnis unserer Papierformate 1/√2. Die philosophische Abstraktion ist nicht mehr der mathematischen gleich. Die Philosophie befasst sich, obwohl ihr in den letzten hundert Jahren Hilfswissenschaften wie die Soziologie oder die Anthropologie beigesellt wurden, zu sehr mit Alltagsproblemen.

Wenn also Taten und vor allem Untaten nicht durch die Herkunft getilgt werden können und die Herkunft niemanden beschleunigen kann, es also keine auserwählten Menschen, Völker, Nationen, Religionen, Hautfarben geben kann, dann ist die Tat, so wie es im ‚Faust‘ steht, das einzige Unterscheidungsmittel. Aber jede Tat für die Menschheit, und sei sie noch so klein, erhöht gleichzeitig die Qualität des Allgemeinmenschlichen, des Guten, Edlen und Hilfreichen. Wer also sich durch seine Herkunft nicht behindern lässt, kann durch seine Taten beschleunigt werden. Statt über Herkünfte und Regeln zu brüten und zu grübeln, sollten wir einfach mehr tun, als uns immer nur mit uns selbst zu beschäftigen. Man erkennt sich im anderen schneller als man denkt. Jedes Aufeinanderzugehen beschleunigt die Liebe. Gerade dass wir die Welt als zu schnell empfinden und ‚entschleunigen‘ wollen, was wir zu einem neuen Modewort gemacht haben, zeigt, dass wir zu langsam sind in bezug auf die Globalisierung von Menschlichkeit, von Gefühl, von Denken. Lebensretter, bei den Türken sogar ein Familienname Cankurtaran, zeigen, dass man im entscheidenden Moment nicht zögern darf. Die Welt wird gerettet durch das tiefe Denken und die schnelle Tat. Das Risiko bei beiden ist gleich hoch, weshalb wir beides scheuen.

Vielleicht sollten wir uns statt des Namens unserer unsicheren Mutter und unseres noch unsichereren Vaters lieber die Formel für die Risikominimierung auf die Stelle unserer Haut tätowieren lassen, wo wir früher eine Uhr getragen haben. Inzwischen kann eine ganze Generation mit einer analogen Uhr kaum noch etwas anfangen., was die Konzentration auf das Hier und Jetzt fördert.  Die Suche nach der verlorenen Zeit behindert unseren Tatendrang.

Wer sich durch seine Herkunft nicht behindern lässt, kann durch seine Taten beschleunigt werden.                

DIE ELENDEN SOLLEN ESSEN

Nr. 353

Die Ungerechtigkeit der Welt zu beklagen ist nicht nur richtig, sondern bringt auch viel Zustimmung. Aber es ist höchst ungerecht, die Fortschritte der Menschheit in den Strudel des Populismus zu werfen. Neid ist ein böses Kleid, aber wer es anzieht, beschmutzt sich selbst. Es gab noch nie so viel Geld, soviel Reichtum, aber es gab auch noch nie so wenig Hunger, Pest und Krieg[1]. Es gab noch nie so viel Freizeit, Kunst und Unterhaltung, es gab noch nie so viel Wissen für alle. Die Elenden der Welt leiden weiter unter der Ungerechtigkeit, aber sie hungern nicht mehr und sie sind keine Analphabeten. Sie sind nicht abgeschnitten vom Wissen der Welt. Im Gegenteil, sie erfahren täglich Dinge, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben, die aber immer auch Lösungsmöglichkeiten für Probleme enthalten, die wir alle haben. Die Kluft mag größer werden, aber es muss heute daraus kein Dissens mehr konstruiert werden. Gleichzeitig muss man aber auch bedenken, dass die Sicht, die Kluft würde größer, vielleicht selbst veraltet ist. Wenn es auf der Seite der Armen so viel weniger Elend gibt, dass selbst die verbohrtesten Marxisten auf die Verelendungstheorie ihres Begründers verzichten mussten, dann sollte man einen neuen Blick auf die Welt wagen.

Ist es nicht vielmehr so, dass auf der einen Seite der Welt die Menschen sich nach dem scheinbar omnipotenten Konsumismus sehnen, den sie auf der anderen Seite der Welt in ihren Fernsehapparaten und Smartphones sehen? Der Konsumismus ist der neue Kommunismus. Die reiche Seite der Welt verzehrt sich währenddessen an ihrem schlechten Gewissen, ihrem Überdruss, leidet an dem Wachstum, das sie nicht stoppen kann. Verlustängste werden zu Alpträumen. Aber das Leid der unablässig wachsenden Welt ist schon ein Alptraum, weil er vom ebenfalls zunehmenden und unübersehbaren Tod der Natur begleitet wird.

Die Lösung dieser Menschheitsprobleme sind also weder neue Parteien, die einfache Antworten in Unterschichtsprache zu geben versprechen, noch alte Parteien, die in ihrem Parteikauderwelsch so sehr erstarrt sind, dass sie sich selbst vergessen.

Vielleicht gibt es keine Lösung. Man muss das Scheitern nicht nur für Personen und Ideen denken können, es kann sich auch auf die Menschheit oder das Universum ausdehnen. Pflanzen- und Tierarten sind ausgestorben, Kulturen, Imperien und Nationen sind untergegangen, Menschen und Ideen haben sich selbst ad absurdum geführt. Byzanz wurde am 29. Mai 1453 von Mehmet II. erobert, aber das Sowjetimperium ist an seiner Hybris zerbröckelt. An Apokalypsen hat es nie gefehlt, und dass bisher keine in Realität umschlug, heißt nicht, dass das so bleibt. Was wahrscheinlich ist, muss nicht wahr werden, und was wahr wird, muss nicht wahrscheinlich gewesen sein. Andererseits ist mit Apokalypsen immer auch Stimmung gemacht, sind Ängste instrumentalisiert worden. Das Scheitern der Zeugen Jehovas beim Voraussagen des Endes der Welt zeigt nur, dass niemand die Zukunft voraussagen kann. Geheimdienste mögen erfolgreich sein in der Ausforschung der Vergangenheit, zum Beispiel bei der Verfolgung Eichmanns, aber die Zukunft können auch sie nicht voraussagen. Hier zeigt sich, dass der Konsumismus nur scheinbar omnipotent ist: Weisheit kann man nicht kaufen.

So wie die Schallplatte Emil Berliners das gesamte Universum der Information und Unterhaltung, Konservierung und Reproduktion revolutionierte, ohne dass irgendjemand diese Umwälzung vorher ahnte, obwohl alle Elemente dieser Technologie schon vorhanden waren, so wird auch innerhalb der bereits bekannten Systeme, Prozesse, Ideen oder Menschengruppen eine Vision entstehen, deren langsame Verwirklichung ein Weiterleben ermöglicht.

Die Probleme sind nicht leicht zu lösen. Wir müssen eine bis vielleicht 2050 wachsende, dann schrumpfende Weltbevölkerung ernähren, ohne das heute übliche extensive oder intensive Wachstum. Das gleiche gilt für den Energiebedarf, der völlig ohne fossile Träger reduziert und gedeckt werden muss. Die Verträglichkeit mit der Natur ist nicht nur Naturschutz um seiner selbst willen, auch nicht nur um den Menschen als Teil der Natur zu schützen, sondern er dient genauso auch der Förderung und dem Schutz der menschlichen Empathie. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er die Natur lieben, die er nicht sieht?[2]

Wir müssen eine Ordnung finden, die gleichzeitig offen und geschlossen ist. Der Diskurs ist umständlich und langwierig, jedes seiner fragilen Ergebnisse wird sofort angezweifelt. Der Zweifel mag das Automobil und das Smartphone gebären, für das Zusammenleben der Menschen ist er toxisch. Charisma neigt nur selten zur Demut, deshalb sind Führer, so beliebt sie auch zeitweilig sein mögen, schädlich für das Zusammenleben. Trotzdem wird in der Zukunft vielleicht eine Symbiose aus Charisma und Diskurs den Rahmen einer Ordnung bilden, die heute nicht vorstellbar ist. Vor kurzem war auch die Emanzipation der Frauen und der Elenden und der Kinder noch nicht denkbar. Was heute nicht denkbar ist, ist deshalb nicht undenkbar. Wir müssen vielmehr historisch denken und dürfen nie den Beitrag Einsteins zum Weltdenken vergessen: Es gibt keine Gleichzeitigkeit, und was nicht synchron ist, ist deshalb noch lange nicht ahistorisch.

Der Sinn unseres Daseins erschöpft sich indessen nicht im Essen. Je weniger sich Ernährung als Problem zeigt, je weniger also reine Reproduktion als Sinn des Lebens gesehen werden kann, desto mehr muss für eine dann wieder kleiner werdende Menschheit ein Sinn jenseits der Arbeit gefunden werden. Das Senftenberger-See-Syndrom führt dabei, selbst wenn es im Moment als richtig und sogar richtungweisend empfunden wird, in die falsche Richtung: man kann nicht einfach reparieren, was man vorher zerstört hat. Man muss stattdessen aufhören zu zerstören. Der Weg zu einem erfüllten Leben für alle Menschen liegt also nicht in der Reproduktion ihrer selbst, sondern in der Reproduktion des Lebens selbst: in der Kunst und Wissenschaft. Wissen schafft Glauben. Glauben wird immer weniger anthropomorphe Wesen wie Götter oder Gott hervorbringen, sondern Lebensmodelle. Wer durch seine Taten behindert ist, wird durch seine Herkunft nicht beschleunigt.[3] Auch auf dem geistigen Gebiet muss also der omnipotent erscheinende Konsumismus durch Produktion, also durch Denken, ersetzt werden. Dieses Denken ist auch das Durchdenken schon vorhandener Gedanken. Die Erziehung muss von der Dressur zum Fakt wieder zur Kultivierung des Denkens zurückfinden. Dieses Denken bricht sich nicht nur in der Wissenschaft Bahn, sondern auch in der Kunst. Das Ergebnis kann eine an sich selbst glaubende Menschheit sein. Dann muss es keine Elenden mehr geben.

 

 

 

 

 

 

 

[1] die apokalyptischen Reiter, Johannes-Apokalypse 6, 1-8

[2] 1. Johannesbrief 4,20 [für ‚Gott‘ wurde ‚Natur‘ eingesetzt]

[3] Hadith 36 von an-Nawawi [1233-1277]

BELOVED LOSERS

Nr. 352

Wenngleich viele Menschen harmoniesüchtig sind, so betonen sie doch die Verschiedenheit in der Person, in der Sache, in der Herkunft. Ich frage mich deshalb, ob wir nicht bedeutend stärker sein könnten, wenn wir den Konsens betonten. Statt dessen vergeuden wir unsere Kraft im Dissens. Der Dissens geht wahrscheinlich oft aus der Differenz hervor, die niemand leugnen wird. Die Frage ist nur jeweils, wie stark die Differenzen sind und welche Kraft sie entwickeln können. Unüberbrückbar scheinende Differenzen entspringen oft dem Vorurteil. Segregation und Hierarchie werden als Naturgesetze hingestellt, so dass ihnen nicht zu entkommen sei. Man könnte also sagen, dass die ahistorische Sicht den Dissens gebiert. Die menschliche Welt ist nicht synchron, aber immer historisch, asynchron ist nicht identisch mit ahistorisch.

Geschichte verläuft also nicht linear, sondern, wie wir schon oft betont haben, sinusförmig. Die Menschheit begann vielleicht im heutigen Kenia sich bipedisch fortzubewegen, aber das heißt nicht, dass sie in Kenia heute am weitesten ist. Das heißt eigentlich nichts. Nur merkwürdig ist eben, dass ein Vorurteil geschaffen wurde, das Entwicklung und Geschichte nicht nur umkehrte, sondern daraus auch die Bedeutung des europäischen Menschen ableitete. Selbst die Darstellung von Yesus als blondem, blauäugigem, hellhäutigem Menschen ist dieser reziproken Sicht geschuldet. Am schlimmsten ist es wohl, dass nicht nur die selbst ernannte Oberschicht diese Umkehrung glaubt, weil sie sie glauben will, sondern auch die verdammte Unterschicht, weil sie sie glauben muss. Allenfalls gibt es einen zeitweiligen Adel des Geistes oder einen Adel des Herzens.

Wer jetzt allerdings moralische Aufrufe, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, erwartet, wird sich getäuscht finden. Die Welt dreht sich von allein. Alle Vorstellungen von einem Demiurgen sind anthropomorph. Sie stellen sich also einen Menschen als Lenker der Menschen vor, einen entrückten Menschen, einen gestorbenen und wieder auferstandenen Menschen, einen Menschenmenschen, aber eben einen Menschen. So wie es aber keine Triebkraft der Evolution gibt, denn Evolution ist ja nicht der Prozess, sondern seine Beschreibung, so gibt es auch keinen Antreiber der Menschen. Der Prozess der Evolution oder des menschlichen Lebens ist die Akkumulation und das Miteinander tausender und abertausender Teilprozesse. Das wahre Wunder ist der Konsens, nicht seine Beschreibung.

Wir wissen nicht, welche Musik Emil Berliner bevorzugte, ob er überhaupt Musik liebte. Vielleicht liebte er, dem Vorurteil entsprechend, nur das Geld. Vielleicht hat er über seine Erfindung gar nicht nachgedacht, sondern sie nur ausgeführt, weil seine Frau ihm die Ausführung nicht zugetraut hat? Es ist über Emil Berliner und seine Brüder sträflich wenig bekannt, was auch mit der Atemlosigkeit der darauffolgenden Entwicklungen zu tun haben kann, aber es steht fest, dass sie die Welt in einen nie dagewesenen Schwung versetzte. Die Schallplatte hat gleichzeitig die zeitliche und räumliche Reproduzierbarkeit von Sprache und Musik ermöglicht. Das gleiche Musikstück in der nämlichen Interpretation konnte jetzt an jedem Ort und in jeder Zeit außer der Vergangenheit aufgeführt werden. Daraus sind vielleicht die falschen Gedanken der Identität und der Gleichzeitigkeit entstanden. Wenn ein Streichquartett spielt und gespielt wird und im Nebenraum die Aufnahme des gleichen Streichquartetts erklingt, so ist das weder wirklich gleichzeitig noch identisch. Wer das nicht glaubt, höre sich György Ligetis legendäre Komposition – Poéme Symphonique – mit den 100 Metronomen an.

Ungeachtet der Absichten der Erfinder stellt sich die Erfindung in eine komplexe Welt und macht sie noch komplexer, so komplex, dass wir ihr nicht mehr folgen können, obwohl wir mitten in ihr leben. Wir essen auch die Brötchen eines Bäckers, der bäckt, nicht damit wir, sondern auf dass er satt werde. Geschichte ist immer paradox, reziprok oder dilemmatisch, sinusartig, jedoch selten linear.

Aus der ständigen Anwesenheit von Geschichten ergab sich jedenfalls, dass wir die Ursachen gegenwärtigen Geschehens in gegenwärtigen Geschichten statt in Tatsachen suchen. Vielmehr haben wir erkannt oder glauben wir erkannt zu haben, dass es so gesehen gar keine Tatsachen, sondern nur ihre Interpretationen gibt. History und story waren früher zeitlich und räumlich getrennt. Die alten Israeliten glaubten die Gründungsgeschichte ihres Volkes und Staatswesens in des Hirtenjungen Davids Sieg über den Giganten Goliath. Aber das war lange her. Heute dagegen glauben wir nicht, dass ein böser Bube unsere Fensterscheiben eingeworfen hat, sondern wir nehmen lieber an, dass der Hausbesitzer einen noch böseren Buben angeheuert hat, der uns die Fensterscheiben einwirft, damit er die Miete erhöhen und/oder uns hinausekeln kann. Wir glauben sogar lieber Mythen als der Geschichte, weil die Geschichte weniger greifbar ist, als es die Mythen sind. Wir sehen in jeder Grippe eine biologische Waffe, so wenig logisch das auch sein mag, in jeder Gruppe, zu der wir nicht gehören, aggressive loser oder verlierende Angreifer. Periodisch tauchen Fremde oder Wölfe auf, um an unserem Reichtum zu nagen, den wir immer für verdient und für schwer erarbeitet halten.

Der Verlierer lebt eher im Konsens mit sich selbst als der Gewinner, der mit Mythen seinen Gewinn verteidigen zu müssen glaubt. Der geschäftlich erfolgreiche Mensch wird allerdings zum Mythos vom self made man gewöhnlich den Geiz als support hinzufügen. Hartherzigkeit ist in so zahllose Geschichten eingegangen, dass wir sie glauben müssen. Umgekehrt glaubt niemand an den Egoismus der Armen. Ihnen bleibt nur die Gutherzigkeit, da die Hartherzigkeit schon vergeben ist. Zur Geschichte und zum Mythos treten Dichotomie und Evidenz. Der Mythos lebt von der Gutgläubigkeit. Der Zweifel dagegen erschafft die Schallplatte und das Smartphone, das die Welt mehr verändern wird als heute irgendjemand auch nur ahnt. Die Verlierer werden wissender, die Gewinner werden zweifelnder, die Regierenden werden transparenter, die Regierten mutiger – all das wird möglicherweise durch das smartphone befördert werden. Oder aber es wird, wie bei der Schallplatte oder beim Automobil schon in einer Generation Folgen geben, die heute niemand ahnt, weil er sie nicht ahnen kann. Zwar kann man einerseits nichts vermissen, was man nicht hat, aber andererseits kann niemand wissen, was er schon bald haben wird. Vielleicht führt bald, bald ein gegenseitiger Maximalkonsens vermittels technisch gestützter Empathie zu gegenseitiger maximaler Zuwendung. Denn das smartphone und andere, noch nicht erahnbare Techniken verhelfen uns zur Verwirklichung unserer geträumten Imagines, statt starrer dummer Identitäten. Warum soll der Mensch weniger sein als eine Raupe, wenn er schon nicht mehr ist?

VERSCHWUNDENE MENSCHEN

Nr. 351

Immer wieder verschwinden Menschen. Viele werden schon am nächsten Tag wiedergefunden. Manche wollen ihr bisheriges Leben verlassen und ein neues beginnen. Vielleicht haben sie Schulden, vielleicht das Gegenteil: Überdruss, vielleicht belastet sie eine unerwiderte Liebe. Jugendliche beginnen mit dem verschwinden oft eine Drogen- oder Outlaw-Karriere. In vielen Wohlstandsländern, wie auch bei uns, nehmen sich viele Menschen das Leben.

Philosophisch und evolutionär mag der Tod erklärlich sein, die Religionen können tröstlich sein, aber für das namenlose Verschwinden von Menschen in einer überinformationellen und auch hochfürsorglichen Welt gibt es keine Erklärung.

Zwei Dörfer neben meinem lebten anfangs der neunziger Jahre in einer aus der DDR übrig gebliebenen verwahrlosten Siedlung Menschen am Rand der Gesellschaft. Nur mühselig gelang es ihnen, sich in das überbürokratisierte Sozialsystem des neuen Staates einzufügen. Für sie war die Welt aus den Fugen, und sie versuchten mit Gelegenheitsjobs und kleinen Diebstählen auf der einen, auf der anderen Seite aber mit Insistieren auf ihrem Lebensrecht und mit Umzügen in eine bessere Welt, wo die Beamtinnen in den Sozialämtern netter wären, sich diese ihre Welt neu einzurichten. Manchmal war auch einfach der Verkauf des Hauses, in dem sie bisher gelebt hatten, der Grund, die Gegend zu verlassen. Ein schon etwas älterer alleinstehender Mann, nennen wir ihn R., blieb übrig. Seine Nachbarn, die alten wie die neuen, versicherten immer wieder, dass sie ihm bessere Lebensbedingungen angeboten hätten, ein Zimmer, den Dachboden, einen alten Campinganhänger. Er blieb aber in seinem Schuppen ohne Fenster, ohne Strom und ohne Wasser. Er ging früh schlafen und stand spät auf. Man konnte das an der Tür zu seinem Schuppen erkennen, wenn man auf der an dieser Stelle engen Dorfstraße an dem Hof vorbeifuhr. Heute fragt man sich: wer half ihm, wenn er krank war. Manchmal stand er an der Bushaltestelle, um in die Kreisstadt zu fahren. An anderen Tagen fuhr er mit seinem Fahrrad und mit klappernden Flaschen im aufmontierten Einkaufskorb in die ‚Deine Kette‘ genannte ehemalige Konsumverkaufsstelle der benachbarten Kleinstadt, um sich ein paar Flaschen Bier zu kaufen. Manchmal versuchte er dabei eine Flasche Schnaps zu stehlen. Wenn er erwischt wurde, erhielt er als Strafe ‚gemeinnützige Arbeitsstunden‘, über deren Ableistungen in Gemeinschaft oder für Projekte er sich so freute, dass er leise verkündete, dass er wieder stehlen werde, um wieder hier arbeiten zu dürfen. Einige Nachbarn gaben ihm hin und wieder etwas Arbeit, die er auch still und gerne verrichtete. Das verdiente Geld trug er stets mit seinem klappernden Fahrrad in den Konsum, der jetzt DEINE KETTE heißt. Wie er den Winter überstand, wissen wir nicht. Im Winter sah man ihn fast nie. Jetzt ist er an Krebs gestorben, im Dorf wird aber auch gemunkelt, dass ihm niemand Essen und trinken und Medikamente brachte. Die Hütte, die manch anderer noch nicht einmal als Hühnerstall benutzt hätte, wurde sogleich abgerissen. Die Kriminalpolizei ermittelte wegen unterlassener Hilfeleistung. Auf dem Friedhof weiß niemand etwas von einer Beerdigung. Alle bisher befragten kannten seinen Namen nicht, sondern nannten ihn R. Wenn die Landschaft ein Gemälde wäre, würde er fehlen.

‚Er war selbst schuld.‘ Mit diesem Satz schleichen wir uns gern aus der Verantwortung für unsere Mitmenschen. Neuerdings gibt es sogar wieder eine Partei, die die sozialdarwinistische Ansicht vertritt, jeder – und jedes Land – sei sich selbst der oder das nächste, da ohnehin nur der stärkere gewinnt, wir seien nicht das Sozialamt der Welt. Mit dem Satz, dass jemand selbst schuld war, unterstützen wir den Hang zum monokausalen Denken. So wie niemand allein seines Glückes Schmied ist, so ist auch keiner allein seines Unglücks Müllmann. Wieder zwei Dörfer weiter in die andere Richtung wohnt eine Frau in einem Container, weil eine Abrissfirma, die die dem Nachbarn gehörende Scheune – schon das war fragwürdig – entsorgen sollte [ENTSORGEN, ABSCHIEBEN, WEGWERFEN – die Konservativen immer vorneweg] ihr Haus versehentlich mit abriss. Zum Glück, dessen Schmiedin sie nicht war, musste sie an diesem Tag zum Arzt, sonst hätte sie keinen Arzt mehr gebraucht. Das Unglück kommt mit Schuld daher, sicher, aber auch mit Unwetter und bürokratischen oder technischen Katastrophen, mit Neid und Missgunst, mit Eifersucht, Streit und Sozialdarwinismus. Wenn wir die Schuld bei uns suchen würden, wären die Täter schneller gefunden.

Im Februar des vorigen Jahres ertrank unter dem Eis des Sees unserer Kreisstadt ein blutjunger Flüchtling aus Pakistan. Er war ein freundlicher junger Mann, wie seine Kollegen und Mitbewohner bestätigen. Er arbeitete in einer gastronomischen Einrichtung der Kreisstadt, einem Mittelding zwischen Hotel und Jugendherberge. So gesehen war er erstaunlich gut integriert.

Man kann die Faszination der Südländer für das Eis beobachten und verstehen. Vor vielen Jahren rief mein erster afrikanischer Freund I’M JESUS, als er über sein erstes Eis lief. Später wurde er erschossen – beinahe auch wie Yesus –, weil er zur falschen Befreiungsorganisation gehörte. Eis ist ein Phänomen, das es nur im Norden oder in großer Höhe gibt, vielleicht nicht mehr lange.

Der junge Mann, der Neubürger der Kreisstadt, hatte jedenfalls den ersten Urlaub in seinem Leben – bei uns genießen schon die kleinsten Kinder den Urlaub der Eltern als eigenen – und er ging vielleicht gern spazieren. Er ging auf das Eis, brach ein, rief um Hilfe, wurde auch gehört, aber die schnell eintreffenden Rettungskräfte konnten ihn nicht finden. Das Eis hatte ihn verschluckt. Wenn die Landschaft ein Gemälde wäre, würde er fehlen. Es gab dann eine großangelegte Suchaktion, darin sind wir groß. In diesem Fall war die aufwändige Suche vergebens, in vielen anderen Fällen rettet sie Leben. Der Junge wurde dann auf einem muslimischen Friedhof in Berlin beerdigt. Auf seinem Grab steht eine Nummer. Darin sind wir klein.

Integration ist nicht ein überwiegend juristischer und sozialbürokratischer Prozess, der sogar bei genuin-inländischen Menschen schwerer zu fallen scheint als bei – auffälligeren – neu zugewanderten. Integration geht nur, wenn man über den eigenen Gartenzaun, die Landesgrenze und Herkunft hinaus zu blicken bereit und fähig ist. Integration heißt nachfragen.

[DAS GEMEINDEKIND]

Nr. 350

Über Vergänglichkeit kann man sich nur wundern: alles vergeht, jegliches hat seine Zeit, aber bei manchen Dingen ist es eben bedauerlich, dass sie weg sein sollen. Wenn man durch Zufall oder was sonst auf die alte Geschichte vom Gemeindekind stößt, wundert man sich als erstes, dass es vergessen ist, dass Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach die größte deutschsprachige Erzählerin ist und sich heute noch atemlos liest. Dabei erscheint sie auf dem bekanntesten Bild als eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Sie musste nicht schreiben, sie besaß von Haus aus ein beträchtliches Vermögen nebst schönem Schloss und heiratete zum Überfluss mit achtzehn Jahren einen nicht nur reichen, sondern auch intelligenten und höchst originellen Mann, der Professor für das Geniewesen der österreichischen Armee war und dessen wichtigstes Arbeitsergebnis und Buch hieß: DER LUFTBALLON IM KRIEG. Sie schrieb, um die Menschheit zu erziehen, und dafür – für dieses heute etwas in Verruf geratene Schreibziel – sind ihre Geschichten umwerfend gut.

In dem kleinen Roman ‚Gemeindekind‘ geht es zunächst um eine höchst asoziale und verbrecherische Familie, deren Kinder nach Aburteilung der Eltern zur Disposition stehen. Das folgsame Mädchen kommt in die Obhut der Gutbesitzerin – das ist eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Ihre Verschroben- und Direktheit wird liebenswürdig geschildert und man glaubt ihr beinahe nicht ihre Empathie und ihre eigene Entwicklung, bis man ihr glaubt, dass Wohltaten wohltun. Allerdings versteht sie bis zum tragischen Ende des Mädchens nicht, dass man niemandem wohltut, den man in die Obhut der Unmündigkeit, und sei sie auch im prächtigsten Gewand, zurückgibt. Die Kirche erachtet die fiktive Seele höher als das reale Leben.

Dem Knaben hingegen scheint ein Leben als Nichtsnutz und Verbrecher vorherbestimmt. Er wird in eine wiederum asoziale und verachtete Familie gegeben, um Kosten zu sparen. In ganz Europa war damals das Armenwesen in die Hände und Kassen der Gemeinden gelegt. Das war weitaus konkreter als Hartz IV. Jedoch waren die Empfänger der dürftigen Sozialleistungen auch der Diskriminierung durch die direkt zahlenden Menschen im Dorf und in der Kleinstadt ausgesetzt. Als wirklich eingeboren galt damals der Hochangepasste. Als fremd und zu bekämpfen galt der Unangepasste, der Arme, Asoziale, der Nomade. Wirklich Fremde aus der Fremde gab es so selten, dass sie namengebend wurden.

Die Geschichte ist in zwei Teile gegliedert und bei all den Niederungen menschlicher Schicksale, die der erste Teil bis zur Schmerzgrenze schildert, kann man leicht glauben, dass der zweite Teil den reich gewordenen ehemaligen Verbrecher als Wohltäter zeigt. Dieses Märchen hat später der Schweizer Dichter Dürrenmatt zerlegt, indem er die alte Dame Wahltaten im höheren Sinne bringen lässt. Ebner-Eschenbach hingegen lässt ihn im zweiten erst erkennen, dass es überhaupt Alternativen gibt. Und nach der Entwicklung des Protagonisten und der alten liebenswert-mürrischen Gutsbesitzerin kommt nun das Porträt eines Dorfschullehrers, das von Tolstoi sein könnte, wenn Tolstoi statt über Grafen und Generäle über die Dorfschullehrer geschrieben hätte, von denen er selbst einer hätte sein wollen. Seine wichtigste Frage war, und es sollte auch unsere wichtigste Frage heute sein, – was wird aus den Talenten, die wir nicht entdecken? Die alte Freifrau, auch Tolstoi war Graf, weiß die Antwort: der Lehrer, der sich vollkommen überfordert mit der körperlichen Züchtigung vermeintlicher und tatsächlicher Delinquenten zeigt, ist selbst ein nicht entwickeltes Talent, das sein Ziel um Längen verfehlte, aber dessen Blick geschärft ist für nicht entwickelte Talente. Während heute und bei uns Verachtung, Überforderung und bürokratische Vereinnahmung der Lehrer üblich sind, wird hier das liebevolle und tiefsinnige Portrait eines Lehrers gemalt, der, wie es so schön heißt, seines Amtes waltet, und sein Amt ist es, Talente zu entdecken und zu fördern. Dieser Lehrer weiß schon lange: prügeln verschlimmert das, was es bessern wollte. Bessern kann immer nur die bessere Methode: Liebe. Vielleicht sind solcherart Botschaften überhaupt in Misskredit geraten, vielleicht aber stört uns, dass es bei den Protagonisten der hoch- und herzensgebildeten Freifrau um alles oder nichts, sein oder nicht sein, um existenzielle Fragen geht. Wir dagegen befinden uns in der komfortablen Lage, fast ausschließlich über Luxusprobleme zu diskutieren, die wir kurzerhand zu existenziellen Fragen umdichten. Flaschensammler sind bei uns keine Flaschensammler, sondern bis auf Hemd abzehrte, von der Regierung sträflichst vernachlässigte Typen. Weil wir eine, wenn auch in ihrer Überbürokratisierung manchmal unbeherzte und herzlose Regierung haben, die sich um fast alles kümmert, glauben wir allzugerne, dass sie sich um alles, aber auch wirklich alles kümmern muss. Am linken und am rechten Rand der Gesellschaft wird das lächerlicherweise bis ins Absurde geführt: da tummeln sich in Regierungsämtern frivole Ausbeuter und kaltschnäuzige Volksaustauscher. Dabei stammt dieser Gedanke aus einem hasenfüßigen Gedicht Bertolt Brechts, der zu feige oder zu geldgierig war, seinem Staatschef die Meinung zu sagen und stattdessen lieber ein Gedicht nicht veröffentlichte, das vorschlug statt der Regierung das Volk auszutauschen. Noch lustiger ist die Personifizierung einer modifizierten Wirtschaftsmethode, des Kapitalismus, als eine Art Väterchen Frost, dem man mit dem Teekesselchen des schon zu Marx‘ Zeiten falschen Marxismus leicht beikommen könnte.  Diese Blickwinkel vernachlässigen, dass es in der Mitte der Gesellschaft nach wie vor Millionen von Menschen mit Verantwortung und Leidenschaft gibt, darunter auch viele Rentner, die keine Flaschen, sondern Spenden sammeln und Erfahrungen weitergeben.

Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Lösung ist es, einfach dem nächsten besten zu helfen, der uns begegnet. Um das zu befördern, bedarf es keines Pessimismus, sondern guter Lehrer auf dem Dorf und in der Stadt, wörtlich und metaphorisch.

Der geübte Leser wird zu dieser Geschichte in seinem inneren Ohr Mahlers wunderschönes episodisches Gesamtkunstwerk hören, die erste Sinfonie, die voller Zauber ist und wie Ebner-Eschenbachs Geschichte voller unerwarteter Wendungen. Beide stammen aus derselben Zeit und aus derselben Gegend, nur dass Mahler eher das Gemeindekind war und Ebner-Eschenbach, ohnehin dreißig Jahre älter, die Erzieherin der Menschheit. Aber Vorsicht: erziehen ist ein altes und wahrscheinlich falsches Wort, denn es gibt eine verallgemeinerte, von der Gesellschaft oder dem Zeitgeist anempfohlene Richtung vor und verlangt Anpassung. Der wahre Lehrer dagegen spürt das Talent, die seelische Not, den Hilferuf, und versucht, die Gesellschaft an dieses eine Kind anzupassen, das er entdeckt hat. MORNING BELLS ARE RINGING?