DIE DIKTATUR DES ZWEIFELS

Der Zweifel ist das Samenkorn des Untergangs[1]. Das freut uns für die Diktatur. Aber leider hat der Zweifel auch zur Zersetzung jener Demokratie geführt, die auf die Diktatur folgte und deshalb auf die verirrten und verwirrten Menschen wie die Weiterführung der Diktatur wirkte: man glaubte nicht, sondern befolgte nicht gegebene Befehle. Der April 1945 und der September 2026 zeigen, dass in der Diktatur nicht nur der Diktator irrational ist, sondern auch die Diktierten. Sie glauben über die Niederlage hinaus an den Sieg des Bösen, das ihnen als das Gute eingeredet wurde.

Das Gute ist immer nur konkret. Fehlt eine große Menge guter Taten, besonders auch von Seiten der Regierenden, so wird ein Abstraktum als Substitut des Guten eingesetzt: die Nation, gesteigert als das Wesen der Nation, zum Beispiel das Deutschtum oder das Russentum, die Kultur, meist sind damit beliebige Sekundärtugenden oder Mahlzeiten gemeint, die Sprache in ihrer literarischen und ideologischen Dimension, die Religion, die sich als alleinseligmachend versteht[2] und schließlich die Tradition, die allen Veränderungen trotzt. Diese Abstrakta können beliebig kombiniert werden. Sie sind alle variabel, obwohl sie als felsenfest dargestellt werden. Die Nation ist, nach Ernest Renan, ein tägliches Plebiszit, die Sprache ändert ihre Grammatik (Genitiv), ihre Lexik (Handy), auch die Semantik (geil, genial) ebenfalls in einem Menschenleben mehrmals. An das innere Wesen der Nationen glauben heute nur noch hartnäckige Theoretiker des Autoritarismus und des Sozialdarwinismus. Kultur bleibt allerdings ein Kampfbegriff, dessen Richtung aber nur durch unerschütterlichen Glauben jeweils entscheidbar ist.    

Aber das Böse kann nicht siegen und hat noch nie gesiegt und wird auch nie siegen. Das ist leider auch nur eine empirisch gestützte Glaubensbotschaft. Man glaubt sich entschuldigen zu müssen, wenn man an etwas glaubt. Dabei ist Glauben die Voraussetzung und das Fundament des Wissens, des Zusammenlebens, des technischen Fortschritts und der Freiheit.

Zunächst muss der Begriff des Glaubens vom Makel der institutionalisierten Religion befreit werden, gegen die wir hier nur in Bezug auf unseren Begriff polemisieren. Glauben ist das Urvertrauen, das die meisten von uns vom ersten bis zum letzten Augenblick des Lebens haben, die beschreibbare Seite des Vertrauens. Die nichtbeschreibbare Seite des Vertrauens ist das Wiedererkennen vertrauter Menschen, Tiere, Dinge und Räume. Danach kommt erst – und für eine kleiner werdende Hälfte der Menschheit – der Glaube an den Gott Abrahams[3]. Dieser Glaube krankt an der Tendenz zum Schisma. Während unsere Eltern konkret und greifbar sind, müssen  wir uns bei Gott erst für eine Sekte entscheiden, deren Liturgie uns einleuchtet oder eingetrichtert wurde.

Dies wird nicht durch die Säuglingstaufe und -beschneidung erleichtert. Deren Demokratisierung wurde und wird erbittert bekämpft (Wiedertäufer in Münster und Mühlhausen, Mennoniten, Hutterer, Moses Maimonides[4]).

Die größte Entdeckung der Aufklärung ist die Unmündigkeit und die Mündigkeit des Menschen. Ein ehemals juristischer Begriff – also schon damals die Allgegenwart der Advokaten – wird philosophisch gedeutet. Demnach gibt es zwei Modelle des menschlichen Zusammenlebens: die geführte Gemeinschaft und die pluralistische Gesellschaft. Schon aus dieser – wie immer im soziologischen Denken – ungenauen Begrifflichkeit ergeben sich Vor- und Nachteile der beiden Paradigmen. Die Gemeinschaft gleicht dem relativ stabilen Nest, das Vorhandensein von Alphatieren vergisst deren Endlichkeit, während die Gesellschaft ein fragiles Netz gleichgestellter, sich ständig verändernder Individuen darstellt. Die Gemeinschaft entsteht und verfällt revolutionär und kreationistisch, während die Gesellschaft sich evolutionär verändert, allerdings nicht linear ‚fortschrittlich‘, also auf ein Ziel hin, sondern sinusförmig. Die kopernikanischen Wendepunkte in der Betrachtung sind also Kant, Darwin und Schweitzer. Kant entdeckt die Würde als unveräußerliches Attribut des Menschen. Darwin beschreibt die Variabilität des Lebens, er schließt die bis dahin als Invariablen angesehenen Größen aus. Der ursprünglich protestantische Theologe Schweitzer entdeckt das Leben selbst als den zu heiligenden Gott[5]. 

Das Paradoxon des Lebens seit dem Neolithikum ist die Literalität, die einerseits der Herrschaft des Gefühls widerspricht, andererseits sie erst begründet. Wir leben seitdem in der Welt und in der Welt der Zeichen. Das wird sich auch durch die KI nicht ändern, so wie es sich auch nicht durch den Computer, die Lokomotive oder die Bibel geändert hat. Es gibt selbstverständlich Änderungen, aber sie sind evolutionär marginal.   

Während der Zweifel durchaus seine tiefe Berechtigung in allen rationalen und kreationistischen Systemen  hat, bleiben Liebe, Würde und deren Achtung, Dankbarkeit und Hoffnung als nicht zu falsifizierender Katalysator und vor allem Glaube als Leitspur[6] menschlicher Existenz im irrationalen, evolutionären, emotionalen Leben bestehen. Aber der Glaube ist das größte unter ihnen.     


[1] JOHANNES 1224

[2] im Gegensatz zu FRIEDRICHs II. Diktum, dass jeder nach seiner Façon selig werden solle

[3] alle anderen Religionen sind polytheistisch oder atheistisch

[4] MAIMONIDES, Führer der Unschlüssigen, III/49, S. 327ff.

[5] SCHWEITZER, Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben, Sammelband, München 1991

[6] BADEN-POWELL, Boy Scouting, 1911

2 Gedanken zu “DIE DIKTATUR DES ZWEIFELS”

  1. Lieber Rochusthal,

    Ihr Gedanke über die „Diktatur des Zweifels“ berührt einen entscheidenden Widerspruch: Zweifel kann zerstörerisch werden, wenn er jede überprüfbare Tatsache relativiert – aber er kann ebenso eine demokratische Tugend sein, wenn er Macht, Ideologien und vermeintliche Gewissheiten prüft\.

    Hannah Arendt hat nach den Erfahrungen von Nationalsozialismus und Stalinismus gerade die Unterscheidung zwischen **Tatsache, Meinung und Propaganda** hervorgehoben\. Politische Urteile brauchen unterschiedliche Perspektiven; zugleich verliert freie Meinungsbildung ihren Boden, wenn Tatsachen beliebig werden\.

    Auch historisch wäre deshalb Vorsicht vor einer Gleichsetzung von „Diktierten“ und „irrationalen“ Menschen angebracht\. Unter totalitären Bedingungen existieren Zustimmung, Opportunismus, Angst, Überzeugung und Widerstand nebeneinander\. Die Verantwortung des Einzelnen bleibt wichtig, aber die politischen und sozialen Bedingungen dürfen nicht ausgeblendet werden\.

    Mathematisch gesprochen: Aus **„Ich zweifle an Aussage A“ folgt weder „A ist falsch“ noch „A ist wahr“**\. Der Zweifel ist zunächst eine Aufforderung zur Prüfung\. Wissenschaft funktioniert gerade deshalb nicht durch blindes Glauben, sondern durch überprüfbare Hypothesen, Gegenargumente und die Möglichkeit der Korrektur\.

    Auch Ihr Gedanke zur Nation verdient Differenzierung\. Renans berühmtes „tägliches Plebiszit“ beschreibt die Nation gerade nicht als unveränderliches Wesen, sondern als eine fortdauernde politische und historische Willensgemeinschaft\. Identität kann daher Orientierung geben, ohne zum Absolutheitsanspruch werden zu müssen\.

    Vielleicht liegt die eigentliche Gefahr deshalb weder im **Glauben** noch im **Zweifel** allein, sondern dort, wo beides absolut gesetzt wird: Der dogmatische Glaube immunisiert sich gegen Fakten; der totale Zweifel immunisiert sich gegen Wahrheit\. Demokratie benötigt dagegen etwas Schwierigeres: **prüfenden Zweifel gegenüber Macht und zugleich die Bereitschaft, nach überprüfbaren Tatsachen zu handeln\.**

    Auch religiös ist das kein Widerspruch: „Prüfet alles, das Gute behaltet“ (1 Thessalonicher 5,21) verbindet Prüfung und Orientierung\. Das ist keine Diktatur des Zweifels, sondern eine Kultur verantwortlicher Urteilsbildung\.

    Vielleicht wäre daher die entscheidende Frage nicht: *Glauben oder zweifeln?* Sondern: **Was können wir begründen, was müssen wir prüfen – und wo müssen wir den Mut haben, eine erkannte Wahrheit auch gegen unsere eigenen Vorurteile gelten zu lassen?**

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  2. lieber hans gamma,

    a) den dogmatischen glauben hatte ich vorher schon ausgeschlossen

    b) renan ist für mich immer (nicht nur in diesem text) der rechte kronzeuge für die variabilität auch des nationbegriffs. andersherum gesagt: niemand kann sich auf ’nation‘ als identitätskrücke verlassen, oder: schopenhauer + stordeur: nation ist für menschen ohne ich

    c) die verabsolutierung versteht sich, weil der text eine antwort auf einen absoluten zweifler ist

    beste sonntagsgrüße

    rst

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