ZWISCHEN PANKOFF UND KAHLA

Zwei Romane im Ursachenmilieu

Zu Spitzenzeiten des Kalten Krieges benannten  sich die Kontrahenten nicht mit Namen, sondern mit Metaphern. Adenauer und Brandt (!) hießen im Osten ‚Bonner Ultras‘, während im Westen nur vom Pankower oder Zonenregime gesprochen wurde. Adenauer sagte zudem nicht Pankow, sondern Pankoff, und nahm noch nicht einmal zur Kenntnis, dass die ostzonalen Schwestern und Brüder nicht in Pankoff regiert wurden, sondern dass im Majakowskiring nur die Machthaber wohnten. In der nicht so geschlossenen Siedlung auf der anderen Seite der  Grabbeallee wohnten die systemtreuen Künstler mit Ausnahme von Brecht. Wenige hundert Meter nördlich davon hat die Familie Erpenbeck sogar eine eigene kleine Straße. Und unter der fortwährenden Existenz in dieser pseudoelitären Situation leidet der zu großen Einsichten fähige und befähigende neueste Roman von Jenny Erpenbeck. Er erzählt von einer blutjungen Angehörigen einer solchen proletarischen Edelfamilie, die sich in einen vierunddreißig Jahre älteren anscheinend berühmten Schriftsteller verliebt, der aber eigentlich nur ein neues Verhältnis sucht, für die vergangenen Verhältnisse war er stadtbekannt. Halt: der zweite Makel des auch stilistisch – gemessen an Juli Zeh – herausragenden Romans ist die selbst produzierte und auf alle potenziellen Opfer projizierte Berühmtheit und Größe der eigenen Leute. Jeder Weltbürger hat natürlich Hegel und Marx gelesen, jeder findet die angepinnten Lenin-Zitate gut (Beispiel: Der Marxismus ist richtig, weil er wahr ist.), Brecht ist überhaupt der größte Dichter, den es gab, gibt und geben kann. Im Falle von Brecht fielen sogar die Selbstdarstellung und das von oben herab gelassene Bild des sozialistischen Oberklassikers zusammen. In dem Roman ‚Kairos‘ fehlt es schon nicht an Ironie und Selbstironie, aber ich schwöre – und ich habe auch vierzig Jahre nicht gerade als Gegner in der DDR gelebt –, ich kenne keinen einzigen Menschen, der zum Grab von Ernst Busch gegangen wäre. Viele, die ich kannte, mich selbst eingeschlossen, haben Ernst Busch erst zur Kenntnis genommen, als der Buschfunk meldete, dass Ernst Busch betrunken Honecker die Meinung sagt. Viele, die ich kannte, hätten, wenn ich sie nach Ernst Busch gefragt hätte, zurückgefragt, ob das der Direktor von Zirkus Busch sei. Vielmehr erwies sich am Beispiel von Busch und Brecht der Glaube der DDR-Kulturfunktionäre, dass die ganze DDR nichts anderes las, hörte und sah, als die verordnete Kunst mit ihrer verordneten Berühmtheit, als Aber- und Irrglaube.

Umgekehrt ist jeder Glaube an den Staat Aber-, wenn nicht Irrglaube.

Die erste große Schlusspointe wird lange und tiefgründig vorbereitet: der berühmte Schriftsteller, und das zeigt, dass er nur scheinbar groß ist, tut fast nichts als ununterbrochen essen zu gehen oder in Cafés herumzusitzen. Den gleichaltrigen Freundinnen der blutjungen Geliebten bleibt nichts als Neid vor so viel demonstrativem Reichtum, der dann auch schnell zur Armut verkommt. Beim erstbesten Anlass verfällt der scheinbar berühmte Mann in sein eigentliches Metier: das Denunziantentum. Die Geliebte hat in Frankfurt an der Oder, wo sie einst im Bahnhofsklo eine Stunde lang geweint hatte, und ein Bahnhofsklo im Osten war wahrlich kein Vergnügen, einen einfühlsamen und gleichaltrigen Zuhörer gefunden, dessen sexuellen Avancen sie sehr tapfer und sehr lange widersteht. Unser Berufsdenunziant hat die folgenden Wochen und Monate nichts besseres zu tun als Dossier um Dossier über diesen von ihm so benannten Verrat (und das Wort verrät seine eigentliche Herkunft) zu füllen, bis wohlmeinende Freunde ihm eine Therapie empfehlen. Er geht auch zu einem Psychologen, aber nur, um auch diesen über die einzig wahre Sicht auf Hölderlin zu belehren. So wie in den ersten Monaten der Beziehung jeder Jahrestag (also eher das Monatsdatum) gefeiert wird, wird nun alles zurückgespult und alles unter dem neuen Vorzeichen – nicht des glücklichen Zusammentreffens -, des unglücklichen Auseinandergehens bewertet. Dabei bleibt alles beim alten: die Cafés, das Essengehen, Rauchen der Zigaretten Marke Duett, sechs Ostmark die Schachtel, verwirklichte Pornografie im Bett. Man ahnt, dass der Roman, der sich bisher wie Memoiren einer jungen Frau las, das Potential zur Parabel hat. Diese ganze Liebe beruht auf Verrat und dieses ganze Land beruht auf Verrat. Der Unterschied ist nur, dass die Bewohner des Landes sich unbemerkt von ihrer Führung von ihrer Führung entfernen. Seit immer mehr Nichtrentner in den Westen reisen dürfen, spricht sich herum, dass selbst die Arbeitslosen im Westen weniger klagen als die Entmündigten und Passlosen im Osten. Während wir Leser uns über die von ihm verfassten Kassetten empören, muss Katharina sie minutiös beantworten und gerät dadurch in Konflikt und schließlich in den Dissens mit ihrem Geliebten. Wir ahnen, worauf es hinausläuft, aber die Protagonistin der Fiktion muss erst Akteneinsicht beantragen.

Die zweite Pointe ist nicht so leicht zu erkennen, aber sie ist genauso konstruiert: gleichnishaft zeigt der Roman an der manchmal bis ins Kitschige gleitenden Liebe wie die DDR funktionierte. Denn wir sollten dem Staat unseren Dank, dass wir studieren durften, mit dem drei Jahre währenden Armeedienst abstatten. Aber hätte der Staat nicht uns dankbar sein müssen, dass wir uns auf seine unsinnigen Argumente einließen? Denn wenn wir uns nicht eingelassen hätten, wäre es ein Land ohne Ärzte und ohne Armee geworden. Jedes große System versucht, die Beweislast dergestalt einfach umzukehren. Die Diktatoren und Autokraten verlangen auch noch Dankbarkeit für ihre Anmaßung. Es ist dasselbe Paradox wie bei den Bankeinlagen: wenn alle Kunden ihr Geld an einem Tag abheben würden, gäbe es nicht genügend Bargeld. Aber die Kunden machen das natürlich nicht, und die DDR-Bürger haben zwar gemault, aber auch gekuscht, nur Torsten ging in den Westen statt in die Armee, und er wollte doch nur Zahnarzt werden. Auch das umgekehrte ist denkbar: der Staat, dem man sich widersetzt, rächt sich, er verkündet, alle Dissidenten und Attentäter zu erschießen, aber dann zeigt sich, dass das nicht geht. Zum 90. Geburtstag ließ sich Nina Gräfin Schenk von Stauffenberg ein Foto mit ihren 90 Nachkommen anfertigen, obwohl der allmächtigste Terrorist verkündet hatte, dass er die gesamte Familie mit Stumpf und Stiel ausrotten wird.

Jenny Erpenbecks Roman vom Gott des günstigen Augenblicks findet, obwohl ein bisschen elitelastig, dann doch noch den Weg zur Parabel. Denn die Elite war ja keine, und den berühmten Schriftsteller erkennt heute kein einziger Leser mehr, auch Jenny Erpenbeck musste, wie sie im Nachwort schreibt, ihren Vater und Professor Erdmut Wizisla befragen, um das Flair der untergegangenen Elite zu rekonstruieren. Die Würde des Menschen war nicht nur antastbar und demzufolge grundsätzlich befleckt, sondern wurde verliehen wie ein Orden, und wer ihn nicht erhielt, hatte sich ‚als unwürdig erwiesen‘, wie auch unsere Protagonistin Katharina. Jeder Versuch zu glauben, dass es sinnvoll sei, einen Staat oder eine Religion über ein Land zu verhängen, ist sinnlos und zum Scheitern verurteilt. Die Überschätzung des Staates ist uns Menschen aus der DDR aber doppelt zum Verhängnis geworden: nämlich damals, als wir auf die Pseudoelite hereingefallen sind und mit Brecht- und Leninzitaten um uns haben werfen lassen, und heute, da wir immer noch glauben, dass irgendeine heisere Bürokratin uns aus unserem Elend erlösen will. Das müssen wir schon selber tun und der Staat sollte dabei allerhöchstens der Nachtwächter sein und hin und wieder einen Sozialarbeiter vorbeischicken.

Obwohl der im zweiten Roman beschriebene Ort Kana leicht als Kahla in Thüringen und Hort der Neonaziszene erkennbar ist, ist genauso leicht der Parabelcharakter des Buches überdeutlich. Der oberste Neonazi des kleinen Städtchens südlich von Jena, genannt DER BOSS, liebt Bach und nimmt sich eines armen Waisenjungen aus dem Kinderheim an, kurzum, alle unvereinbaren Subkulturen werden hier neu gemischt. Das Personal des kleinen, eigentlich liebenswürdig-verschrobenen Örtchens scheint aus einem Musterbuch des Kleinstadtbewohners zu stammen. Da ist der vom BOSS adoptierte Junge Florian Herscht, ein Riesenbaby von ungeheurer Kraft, man ahnt schon zu Beginn, dass er sie noch brauchen wird. Er ist genauso sympathisch, everybody’s darling, wie sein Vorbild aus der Weltliteratur: Lennie Small aus John Steinbecks großem, wenn auch kurzem Roman OF MICE AND MEN. Er ist der Freund der alten Frauen und der Hochhausbewohner, und er ist so glücklich, dass er im siebten Stock des Hochhauses eine eigene Wohnung besitzt, mit einem Stuhl und einem Tisch und einem Bett. Dort kann er aber mit seinem Laptop keine Bachkantaten hören, denn es gibt kein Internet. Dieses ganze wunderbare Leben verdankt er dem BOSS, der ihn vom Hochhaus zu den Einsätzen abholt, bei denen sie mit Spezialmitteln und noch spezielleren Werkzeugen Graffiti entfernen, besonders von den nationalen Heiligtümern der Bachgedenkstätten in Thüringen. Die Leiterin der Bibliothek gehört zu den Freundinnen und Freunden Florians ebenso wie der pensionierte Physiklehrer Adrian Köhler, von dem er zudem lernt, dass die Welt zu Nichts zerfällt, wenn die Politik nicht schnellstens reagiert. Florian schreibt deshalb mehrere Briefe an Angela Merkel und versucht auch, im Reichstag vorstellig zu werden. Kleinstadtmilieustudien werden nicht nur mit Frau Schneider und Frau Burgmüller vorgelegt, zwei konkurrierenden Nachbarinnen und omnipräsenten Zeitzeuginnen, sondern auch mit der – Frau Ritter aus Köthen nachempfundenen – völlig körperlich und geistig verwahrlosten Mutter des Nazis: die Geburt des [NATIONAL][SOZIAL][ISMUS] aus der Asozialität.

Eine Extrastudie widmet Krasznahorkai dem Festhalten an den alten Essgewohnheiten Bockwurst, Schweineleber und Köstritzer Bier. Es gibt wohl kein Buch, in dem mehr Bockwurst gegessen wird. Aber wir verstehen: die Essgewohnheit ist auch ein Widerstand gegen Burger und Döner. Jedoch wie Weihnachten nie mehr so sein wird wie in der Kindheit, so wird die DDR nicht wieder auferstehen, soviel Bockwurst ihre follower auch in sich hineinstopfen mögen.

Die Kleinstadtidylle ist nach 1990 durch demografische und ökonomische Prozesse zerstört worden, die nicht direkt von einem Staat zu verantworten waren, weder vom untergegangenen noch vom eben aufgehenden. Zurück blieb ein verwahrloster Topos mit so gesehen obdachlosen Menschen. In dieses Vakuum stieß der mentale Linksradikalismus (BANKEN ENTEIGNEN) genauso wie der latente Neonazismus (DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN), überhaupt jede vereinfachte Antwortoption und jedes autoritäre Reglement. Das Dilemma menschlichen Zusammenlebens ist hier zu sehen: entweder ein optionales Overprotecting oder die mögliche Verwahrlosung. Selbst die antiautoritärste Demokratie benötigt einen Grundkonsens, während auch die härteste Autokratie nicht ohne eine demokratische oder wenigstens merkantile Klammer auskommen kann. Das eine System basiert auf Emphase, dem permanent skandierten Unsinn, das andere auf Empathie, dem immer erneuerten Versuch der Annäherung.

Eine Ausnahme oder ein Zwischenglied ist der Lehrer. Da er sein Wissen unmittelbar weitergibt, glaubt er, es auch unmittelbar empfangen zu haben, er hält es und sich für absolut und schon sitzt er in der ungewollten Autoritätsfalle, obwohl er eigentlich nur durch Einfühlung existieren kann. Adrian Köhler versucht vergebens, die falsche Interpretation zu stoppen und verfällt in Demenz als der notwendigen Zivilisationskrankheit. Keine Autorität kommt ohne Kataklysmus aus, ob er nun im kleinen Städtchen Kahla im Untergang der Porzellanfabrik oder in der prächtigen Metropole Lissabon passiert, wo einst und deshalb die Aufklärung geboren wurde. Das Erdbeben ereilt Kahla wie Lissabon.

Indes tritt zu den gewalttätigen Neonazis eine weitere Bedrohung: die Wölfe, die alte Urangst des Menschen, der sich immer mehr von der Natur entfernt. Der Wolf als Metapher für sich selbst und den Flüchtling und die Pandemie ist die verkörperte Irrationalität. Der Mensch, selbst wenn er an Gott glaubt, glaubt sich rational, demgegenüber kommen die genannten Monster aus dem Off der Unvernunft.

Der Staat bleibt hilflos und unsicher, die Polizei tappt im Dunkeln, weil sich das Paralleluniversum der Neonazis als Stecknadelkopf im Heuballen entpuppt hat.

Jeder Glaube an den Staat ist Aber-, wenn nicht Irrglaube.

Der Staat sind bestenfalls wir, aber dieser Fall kann wohl kaum eintreten, solange bezahlte Büttel von verlorener Macht träumen.

Beide Bücher spielen mit einer Art Unstrukturiertheit und spiegeln damit das zunächst unstrukturierte Leben, das uns erst nekrologisch logisch wird. Andersherum gesagt: nur im Kunstwerk können wir den Sinn oder den Unsinn des Lebens erkennen. Das tägliche Leben erschließt sich uns nur schwer. Wir wissen nicht, warum unser Nachbar stirbt oder drei Häuser weiter das siebte Kind geboren wird. Deswegen steht auf vielen Grabsteinen WARUM, aber keine Antwort, und Memoiren dienen eher dazu, die Gründe zu verschleiern statt sie aufzuklären. Erpenbeck beherrscht den Perspektivwechsel innerhalb eines Absatzes oder sogar eines Satzes. Dadurch entsteht im Leser eine Unmittelbarkeit, eine Dichte, die den Memoiren des alten Kindes dokumentarische Züge verleiht.

Dieselbe Wirkung erreicht Krasznahorkai dadurch, dass es in seinem ebenfalls 400 Seiten starken Buch nur einen einzigen Punkt gibt, den Schlusspunkt. Es gibt auch keinen Absatz und die Kapitelüberschriften sind Zitate vorheriger Kapitel. Dadurch können wir Leser glauben, dass der Roman das Leben so wiedergibt wie es ist: unstrukturiert, unverständlich, unglaublich, unverfroren, unwiederholbar, unhaltbar, unendlich. Aber der Schein trügt. Man ahnt es: Florian Herscht wird es beenden, so wie unser aller Leben eben endet. Am Schluss sterben sie alle wie die Fliegen. Aber die schönste Pointe, nach der die böseste der Bösen durch Genickbruch zu Tode kam, ist, dass die Pistole der toten Bösen noch einmal losging und HERSCHT mit den beiden vom Naturschutz geschändeten Wölfen stirbt, im Kopf hört er aus dem Stabat Mater von Pergolesi/Bach TILGE HÖCHSTER MEINE SÜNDEN. Ja, das wäre schön.  

Jenny Erpenbeck, KAIROS., Penguin Verlag, München 2021

Laszlo Krasznahorkai, HERSCHT 07769, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2021

DIE GEGNER SIND ALLE IM INTERNET

Nr. 227

Ein Brief

 

Liebe D.T.,

endlich habe ich nun das von dir geschenkte Buch gelesen und verstehe, warum du es mir geschenkt hast. Viele Schreibende – bei den Lesenden erfährt man es nicht – sind in dieser uns so schnell erscheinenden Zeit – aber ein Blick in den Salomon, Shakespeare und die Barockdichtung zeigt: die fanden die Welt auch zu schnell, bloody tyrant time – fasziniert von der Gleichzeitigkeit der Menschen und Dinge. Wir erleben als nebeneinander stehend, was unsere Vorfahren noch schön sortiert nacheinander erfuhren. Genossen haben sie es auch nicht, sie litten unter dem, was sie sahen, wir leiden an der heutigen Welt und eines unserer klagenden Lieblingsworte ist deshalb auch ‚heutzutage‘, was immer so klingt, wie ein resignierender Greis im Kreis seiner technikbegeisterten Enkel.

Einen alternde Professor, der mit der plötzlich vorhandenen Zeit und dem leeren Raum um ihn her hadert, beschreibt Jenny Erpenbeck aus der Pankower Erpenbeck-Literatur-Dynastie in ihrem jüngsten und hochaktuellen Roman GEHEN, GING, GEGANGEN. Modellhaft stellt er unsere vielfach zerrissene und auf wundersame Weise Gleichzeitigkeit repräsentierende Welt dar. Er kann auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht so recht fassen, dass er im vereinten Deutschland nicht nur lebt, sondern hochangesehen und wohlhabend ist. Zwar wurde das Orchester, in dem seine Frau einst Bratsche spielte, abgewickelt, aber sie hatte, wie wir auf den letzten Seiten erfahren, noch drei weitere Probleme, nämlich dass sie nach einer Abtreibung keine Kinder mehr bekommen konnte, dass ihr Mann eine Klischeegeliebte hatte, nämlich eine Studentin, und dass sie deshalb dem Alkohol in diesen kleinen billigen Chantréfläschchen, die es an der Kasse gibt, verfallen war. Dieses Vakuum füllt der alternde Professor mit seiner Beschäftigung, denn zunächst ist es mehr Interesse als Engagement, für eine Gruppe westafrikanischer Flüchtlinge, die er auf dem Oranienplatz zufällig gesehen hat. Am meisten wundert er sich darüber, dass wir als aufgeklärte, höchstmoderne, mit schnellster Informationstechnik ausgerüstete Menschen nicht in der Lage sind zu unterscheiden, ob wir etwas wollen oder etwas uns will. Würden wir mehr auf die Afrikaner hören, so wäre die Antwort schnell gefunden: Wer das Mittelmeer in lecken Schlauchbooten ohne Steuermann überlebt, mit dem hat Gott etwas vor. Wer kurz vor dem Verhungern ist, dem zeigt das Schicksal einen Ring, der in einer für einen einzelnen Menschen viel zu großen Villa sinnlos herumlag, wie der Leser weiß, schon seit Jahrzehnten. Aber da begibt sich der Dieb, obwohl er sein Überlebensproblem kurzfristig gelöst hat, in ein unlösbares moralisches Dilemma, das mit seinen kindlichen Thesen und unserem übertriebenen Rechtsverständnis kollidiert. Er tritt, obwohl die Erzählerin die Schuldfrage letztlich offen lässt, nach dem möglichen Diebstahl nicht mehr auf und muss sich selbst verleugnen. Wir lehnen aber diese einfachen klaren Denkstrukturen ab und nennen sie kindlich. Wenn wir bei Verstand geblieben sind, lehnen wir aber auch die Produkte eines kranken, bürokratischen Ungeistes ab, der zum Beispiel Duldung als Aussetzung der Abschiebung definiert. Demnach wäre Leben auch nur die Aussetzung des Todes und der Bürokrat in einem üblen Sinne allmächtig. Vielmehr ist der Professor in seiner Ostvilla das Sinnbild, nach dem wir handeln könnten und nach dem er auch im letzten, fast utopisch zu nennenden Kapitel handelt: er füllt sein Sinnvakuum mit Menschenliebe und seine Bibliothek mit lieben Menschen. Um das als richtig, machbar und notwendig zu erkennen, muss er aber erst eine Berliner Odyssee durchlaufen, vom Altersheim, das jetzt ein Flüchtlingsheim ist, aber dann umgebaut wird, nach Spandau und von da in das Kirchen- und Wohnzimmerasyl.

Und genau dort in Spandau, liebe D.T., du hast es vielleicht geahnt, kam auch ich in der ersten Flüchtlingskrise vor zwanzig Jahren zu meinem Interesse an der Verwandlung von Papierfetzen in Menschen. Genau wie damals in Spandau, sind auch hier die Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, und das ist allemal besser als in einer Turnhalle, die noch dazu gebraucht wird. Die Kaserne dagegen braucht niemand mehr. In ihren großen, für Appelle und hallige, louisarmstrongmäßige Befehlsschreie gedachten Fluren stehen noch die russischen Bezeichnungen aus der Besatzungszeit. Wenn ich noch länger dorthin gehe, entdecke ich im Keller vielleicht auch noch die Uniform eines toten Wehrmachtshauptmannes. Oben kochen meine Ostafrikaner ihre scharfen Saucen und brutzeln deutsche Hühner zu äthiopischen Kostbarkeiten um. Wie der Professor aus dem Buch erhalte ich als einziger Besteck, ich kann die Suppe nicht mit dem Brot, das injera heißt, essen. Eine weitere schöne Parallele sind die Autofahrten. Die Menschen, die uns an der Kreuzung stehen sehen, vier Schwarze und ein verrückter weißer alter Mann, verstehen die Welt nicht mehr. Und damit haben sie recht: es ist schwer zu verstehen, dass die Welt sich gerade wieder, vielleicht wirklich aller fünfzig Jahre, in einem Umbruch befindet. Wir wissen es nicht, aber vielleicht bringt dieser Umbruch wieder einen Schub Gerechtigkeit. Der fiktive Professor und der reale Dorfschullehrer hören jedenfalls die gleichen Geschichten aus West- und aus Ostafrika: jeder Cent, der hier durch Sparen und billigstes Essen übrig bleibt, wird nach Hause geschickt. Dort muss eine Schwester aus dem Gefängnis in Libyen freigekauft werden, hier wird ein Stück Land für die ganze Familie in Ghana gekauft.

Im Roman, den ich nicht gleich gelesen habe, weil mein Vorurteil gegen dokumentarische Literatur manchmal Zeit haben will, wird ganz deutlich der Gewinn gezeigt, den wir alle von den Flüchtlingen und überhaupt von allen Migranten haben: die Welt, die wir als Erfahrung brauchen, kommt zu uns. Migration ist so gesehen ein Pizzadienst der Weisheit. Unser Sinnvakuum füllt sich langsam, nicht ohne Rückschläge auf.  Das überflüssige (ich hoffe, dass die mitlesenden Ökonomen das leicht verachtende Wortspiel erkennen) Geld wird sinnvoll unter die Menschheit gebracht. Die Umweltkatastrophe, die durch unsere maßlose Energieverschwendung beschleunigt wird, kann durch die Aufnahme von Menschen aus anderen Weltgegenden abgebremst werden. Die Besinnung auf traditionelle Techniken könnte dies noch unterstützen, zum Beispiel Fahrräder aus Bambus, die in Ghana hergestellt werden. In Westafrika gibt es begnadete professionelle Autobastler, die aus von uns aufgegebenen Ruinen keine Nobelkarossen, aber doch fahrtüchtige Flitzer machen. Aus Ostafrika kam einst der Kaffee und kommt er noch, aber wir, die wir ihn lieben, verachten seine Erfinder. Vielleicht war der Finder des Kaffees wirklich ein Ziegenhirt in der äthiopischen Provinz Kaffa, der beobachtete, dass seine Ziegen munterer waren, wenn sie von einem bestimmten Strauch gefressen hatten. Auch er konnte in der Mittagssonne eine Aufwachdroge gut gebrauchen.

Gestern war ich im Heim verabredet, aber es war niemand da. Später wird eine Botschaft nach der anderen bei Facebook eingehen. In der Küche brutzelte ostafrikanische Köstlichkeit und ein Baby schrie. Und zum zweiten Mal merkte ich, dass sich schwarze Babies (a boy or a girl?) von alten weißen (stupiden?) Männern gern und gut beruhigen lassen. Die Mutter freute es.

Unsere Welten sind offensichtlich nicht nur kompatibel, sondern komplementär. Wenn jeder einen Flüchtling aufnähme, gäbe es keine mehr. Und in noch einem Punkt geht es mir und sollte es uns allen wie dem alternden Professor in dem Roman gehen: Ich kenne nur Sympathisanten. Die Gegner haben sich alle ins Internet verzogen.

 

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Knaus 2015