DEN WEG SUCHEN – NICHT DEN STOCK

 

Nr. 274

Dreizehnter Hauptsatz

Seid nicht wie die Blinden

die den Stock suchen

aber nicht den Weg        Stordeur

 

 Als vor fünfzig Jahren die erste Singleschallplatte der Beatles erschien (Love Me Do, 5. Oktober 1962), stand an den Telefonzellen der Spruch: Fasse dich kurz. Ganze Industrien verdienen heute daran, dass wir uns lang fassen und kein Mensch würde sich jetzt noch das Wort verbieten lassen, das endlos lange, oft sinnlose Gespräch. Gerade der Titel dieser Schallplatte im Gegensatz zu den späteren Songs der Beatles zeigt, wie sehr sich verrechnet hätte, wer aus diesem banalen Englisch (lieb mich, tu es!) den Schluss gezogen hätte, dass der Inhalt hinter dem Medium zurückbleiben könnte. Die Angst, dass es morgen schlechter sein könnte als heute, ist einerseits eine Kriegserfahrung, andrerseits pessimistisch-neidische Rechthaberei und insofern jeweils Generationskonflikt. Zwar geht das Niveau der Botschaften mit der Zunahme der Menge tatsächlich zurück, aber nicht auf das Level des reinen Mediums, wie Marshall MacLuhan meinte. Er betrachtete auch vorwiegend das dümmste Medium, das Fernsehen, bei dem sich obrigkeitliche oder elitäre Auswahl und Wahrheitsanspruch mit dem Massenkonsum auf kommerzieller Basis verbindet. Nicht abzusehen sind dagegen die Folgen, wenn eine Milliarde Menschen bei Facebook kommunizieren. Zwar hat wahrscheinlich keiner von ihnen eine Botschaft, die alle betreffen könnte, aber die letzten verbliebenen Diktatoren dürfen schon ein mal in Vorangst ihres Absturzes zittern. Es entsteht nicht nur eine neue Struktur der Mitteilung, sondern auch eine neue Kultur. Es wird sich erweisen, dass die Beobachtung von Watzlawick, dass man nicht nicht kommunizieren kann, eine Prophezeiung war, vielleicht sogar eine sich selbst erfüllende. Dagegen spricht, dass es nicht absehbar ist, wieviel vom technischen Fortschritt verwerflicher Kommerz und wieviel auf der anderen Seite erfreuliche Innovation ist. Und weil wir das nur im Einzelfall wissen können, können wir die Verwerflichkeit nicht auf alle Produkte projizieren. Wir neigen immer dazu, einen Teufel zu suchen, und sei es im Detail. Tatsächlich sind wir auch mit schnellster Technik nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. In dieser neuen Mitteilungskultur, die sich zu neunundneunzig Prozent mit sich selbst befassen wird, können neue kulturelle Leuchttürme entstehen.

Demokratie und Pluralismus werden aber verhindern, dass es zu einer neuen Monokultur alter oder neuer Wahrheiten kommt. Je komplizierter und komplexer die Abbildung, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Unschärfe. So gesehen ist ein Gemälde genauer als das gesamte Wikipedia-System zusammen. Das ist das Paradoxon der neuen Welt. ‚Das ist nur noch nicht erforscht,‘ war der Leitspruch des neunzehnten Jahrhunderts. Das zwanzigste Jahrhundert überraschte uns dann mit den überflüssigsten Dingen: dem Pappbecher und der Atombombe (Jean-Luc Goddard). Auch bei ihnen konnte man nicht absehen, wohin sie die Menschheit führen würden: In einen ziemlich umfassenden Frieden und in das tiefe Nachdenken über unser dilemmatisches Verhältnis zur Natur. Das Problem der Entsorgung von Plastikbechern und nuklearen Brennstäben wird uns dazu führen, dass wir nichts mehr herstellen, was dann entsorgt werden müsste. Die Entsorgung wird wieder durch die Vorsorge ersetzt werden.

Die neue Schule,  die neue Orientierung  und die neue Sorge um den Menschen lässt sich modellhaft zeigen am Schicksal eines blinden Jungen aus Californien [Daniel Kish, Spiegel 22/2004], der seine Eltern bat, ihm ein Fahrrad zu schenken. Der Aufschrei seiner Eltern glich dem Widerstand des alten Europa gegen eine Bildungsreform: Lehrer, die mit dem Röhrenradio aufgewachsen sind, schreiben Formeln und Merksätze mit Kreide an Tafeln; ihnen gegenüber sitzen dreißig Schüler mit Smartphones, mit denen sie sich unterhalten. Blinde Jungen können nicht Fahrrad fahren, sagten die Eltern. Kish ist heute weltweit gesuchter Mobilitätstrainer, dessen Echomethode so einleuchtend wie befremdlich ist. Wir glauben nicht an eine Orientierung außerhalb des Normalen. Andererseits glauben wir, dass man ohne die normale Orientierung – Verkehrsschilder, ewige Wahrheiten, Formeln, Dichotomie, Hierarchie – nicht existieren kann. Die Überbetonung der neuen Instrumente gegenüber den alten Wahrheiten liegt an deren rasanter, revolutionärer Entwicklung, die weder ihre Nutzer noch ihre Kritiker wirklich verstehen können,  und an dem kumulierenden Versagen der alten Systeme. Die herkömmliche Schule macht aus sehenden Kindern blinde, die statt zu sehen Regeln abtasten und dafür mit Zuckerstückchen belohnt oder mit dem Entzug von Zuckerstückchen bestraft werden. Dabei ist ein ‚aggiornamento‘ (Johannes XXIII., 11. Oktober 1962) nicht möglich, es wird immer bei einem gewissen Anachronismus oder Generationenkonflikt bleiben. Eine Gesellschaft kann ebensowenig ihre Sozialleistungen gegenüber dem Markt optimieren (Pareto-Optimierung). Unsere aus dem neunzehnten Jahrhundert geprägte Vorstellung von Gleichgewicht, Gerechtigkeit und Optimierung ist überholt. Gleichwohl versprechen Politker in Hoffnung auf ein unaufgeklärtes Wählervolk immer wieder die Lösung der Probleme. Man kann Probleme immer nur auf Kosten anderer Probleme lösen. Die Welt ist nicht dichotomisch, sondern dilemmatisch.

Die Natur des Menschen scheint aber auf Harmonie abzuzielen. Deshalb arbeiten wir seit dem Neolithikum nicht nur an der Rationalisierung von Jagd und Sammeln und der Mobilität, sondern auch an der Herstellung einer immer perfekteren Traumwelt. Sie benutzt die gleichen Instrumente wie die Jagd und die Mobiltät. Deshalb vielleicht erscheint es der jungen Generation so, dass man sich, um zu überleben, nur der Instrumente bedienen muss. Und das ist ja auch so, zumal die Instrumente von den Älteren konstruiert und bereitgestellt wurden. Allerdings bleibt gleichzeitig ungelöst die Teilnahme am Markt für ein Siebtel der Weltbevölkerung und mehr als die Hälfte der eigenen Bevölkerung. Aus diesem Grund leben wir nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der es soziale Unterschiede weniger durch die Geburt als vielmehr durch Bildung und Aktivität gibt. Insofern ist den heute Jungen durchaus zu raten, mehr als die Instrumente den eigenen Kopf zu benutzen, Kreativität vor die Orientierung zu stellen, einen eignen Beitrag vorzubereiten, sei er nun eine Marktlücke, eine technische Innovation oder ein neuer Traum in der immer größer werdenden Traumfabrik. Diese Sicht ist übrigens schon vor zweihundert Jahren von Wilhelm Freiherrn von Humboldt in Anlehnung an Moses Mendelssohn zum Ideal der Bildung erhoben worden: je entschiedener der Mensch seine Individualität ausprägt, desto mehr nähert er sich der Vollkommenheit.  Man könnte dies als Berliner Konfession zum neuen Bildungsideal ausrufen. Dabei stört uns nicht im geringsten, dass die bayrischen Grundschüler ‚besser zuhören‘. In Berlin gibt es die befriedigendere Aufgabe: glückliche Menschen sind nicht interessant [kraftklub].

Der Stock, den man statt des Weges sucht, ist übrigens auch ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, hergestellt von autoritären Erwachsenen mit ihren Röhrenradios, in denen die Hierarchien toben.

VOM TEILEN DES GLÜCKS

Nr. 273

Zwölfter Hauptsatz

Glück ist das einzige

was sich verdoppelt

wenn man es teilt                      Schweitzer

 

Das ist ein Spruch für Kalenderblätter, im besten und im doppelten Sinn. Ein Lottogewinn verdoppelt sich nicht, wenn man ihn teilt. Er ist aber auch kein Glück. Wovon Schweitzer ganz offensichtlich genug hatte, daran mangelt es immer mehr Menschen: Lebenssinn. Wer ihn früh fand, für den ist das Leben Glück, das man teilen kann. Wer ihn sucht, für den kann die Suche Abenteuer und Glück sein. Wer nur seine Tage abbummelt und verbringt und verludert, kann kein Glück finden. Zum Glück hat unsere westliche Zivilisation alle existentiellen Probleme gelöst, so dass auch Menschen Lebenssinne haben können, deren unmittelbarer Nutzen für die anderen nicht gleich zu erkennen ist. Nutzen ist ohnehin eine zu kurz gedachte Beurteilung, kein Mensch taugt nichts. Der Reichtum der Gesellschaft zahlt sich für den einzelnen aus. Welches bessere Ziel könnte andererseits eine Gemeinschaft haben, als das Glück jedes einzelnen?

Es scheint sogar die Umkehrung zu stimmen: die Unzufriedenheit, die sich aus dem Weiterwirken fundamentaler, existentieller Probleme ergibt, wird von vielen Betroffenen als Unglück empfunden, dessen Ursachen sie immer wieder außerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft suchen, aber selten finden. Gemeinschaften, Gesellschaften und Kulturen unterscheiden sich sicher in vielen Punkten. Aber sie haben doch auch mehr als eine Gemeinsamkeit: das Individuum kann erst aus der Masse heraustreten, wenn es von der unmittelbaren Sorge um das tägliche Brot entbunden ist. Mit leerem Magen kann man weder studieren noch demokratisch denken. Exzesse sind nur erklärbar, weil unglückliche Menschen verführbarer sind: hinter jedem Ende ihres Unglücks vermuten sie das Glück. nur so ist verständlich, dass unglückliche Menschen von einem ins nächste Unglück stürzen.

Streng genommen stimmt das natürlich nicht, denn das Glück eines hungernden Menschen kann ein Stück Brot sein, das Glück eines satten der Verzicht auf ein Stück Brot. Aber diese streng genommene  Gedankenführung ist doch reichlich zynisch. Ein Stück Brot ist kein Glück, sondern sollte selbstverständliche Voraussetzung menschlichen Seins sein. Würden wir ein Stück Brot als Glück anerkennen, wäre uns und den Betroffenen die Motivation genommen, für bessere Verhältnisse zu sorgen.

Vater Schweitzer, Mutter Tereza, Bruder King und andere Heilige der Neuzeit sind die Kronzeugen dafür, dass höchstes und höchst teilbares Glück das Wirken für andere ist. Dabei brauchen wir dank dieser Vorbilder keine Heiligen mehr. Heiligkeit ist ja nur ein weiteres Attribut für Güte, Glück und Hoffnung. Das Charisma der Güte bessert uns schon. Der Sozialstaat hat nicht nur die Nehmerseite, die immer beachtet und kritisiert wird, sondern auch die viel größere und schönere Geberseite. Wenn wir uns freuen können, dass alle existentiellen Probleme gelöst wurden, heißt das nichts anders, als dass wir sie gelöst haben. Die bürokratisch-finanztechnische Verschleierung der Güte lässt uns vergessen, dass wir jeden Monat einen Armen speisen und tränken, ihm Obdach und Halt geben. Sobald wir ironisch in diese biblische Sprache verfallen, wird uns klar, dass wir ethische Forderungen höchster Qualität erfüllen. Und das ist nicht etwa nur im christlichen Abendland so, sondern überall dort, wo Wohlstand herrscht. Man kann nur ein Brot teilen, das man hat. Alle Kulturen und ihre Gedankengebäude streben die Güte und das Glück als Ziel an und weisen sie gleichzeitig als Hauptlebensmethodik aus.

Immer wenn von Armut auf der Welt die Rede ist, macht jemand den Vorschlag, dass man doch einfach nur den Reichtum teilen müsste. Das zeigt, dass in allen Menschen dieser Teilungsgedanke tief verwurzelt ist, kulturell implantiert und immer abrufbar. Erst in letzter Zeit ist uns bewusst geworden, dass diese Art von Barmherzigkeit auch eine Abhängigkeit erzeugt, die für den Nehmer weitaus schlimmer ist als Armut, weil sie ihn nämlich lähmt, ohne dass sie sein Problem löst. Jede Problemlösung ist nun einmal dilemmatisch.

Der zweite Sinn des schönen Satzes von Schweitzer, nach dem Welthaushalt, ist der Seelenhaushalt jedes einzelnen. Wenn das Böse nicht substantiell ist, sondern die Auslassung des Guten – und wie wir gesehen haben normalen -, die Summe aller falschen Entscheidungen, dann ist seine Auslassung identisch mit Glück. Das würde einerseits heißen, dass man nur richtige Entscheidungen treffen darf. Davon abgesehen, dass dies wünschenswert wäre, ist es leider Unfug. Es ist so, als wollte man einem Menschen, der vor einer Weggabel steht, raten: ‚Nimm den richtigen Weg‘. Das geht leider nicht. Aber es gibt andererseits viele moralische Handreichungen, die uns zur Verfügung stehen, um das Böse zu meiden, was nur heißt, das Gute nicht zu unterlassen. seit Anbeginn der Menschheit oder des Denkens gibt es Analogerzählungen. Sie ermutigen, es so zu tun, wie der Held der Geschichte, des Bildes oder des Liedes, des Tanzes oder der Trance. Sodann wurden stets gute Geister projiziert, denen wir rechenschaftpflichtig sind. Niemand kann ausmachen, ob wir sie an die Wand gemalt haben oder ob sie da schon vor uns standen. Je weiter sich Kommunikation entwickelt, desto größer wird der berechtigte Glaube, dass es einen Sinn hinter all dem Unsinn gibt. Die Verschwörungstheorien sind übrigens nur die Umkehrung des Urvertrauens, das wir alle nicht nur haben, sondern auch brauchen. Und schließlich kann man sich all das, was jeder Mensch und die Menschheit braucht, auch immer wieder gedanklich erschließen. Dazu gibt es, und hier schließt sich der Kreis, eine Riesenmenge an Daten, wie man heute sagt, die Bibliothek des Guten, bestehend aus Gedanken, Geist und Güte. Man kann das Gute analog aufnehmen, durch die Kunst etwa, oder digital, durch Religion und Philosophie vermittelt. Niemand sollte entscheiden, was besser oder schlechter ist. Unsere Wege sind so vorgeformt, dass sie uns oft und immer öfter als immer schon vorhanden erscheinen. Wir hängen mehr von unseren Eltern ab, als wir glauben wollen. Unser Leben wird, je älter wir werden, desto algorithmischer.

All die Angst vor dem Fremden und vor sich selbst, jeder billige Rachegedanke, durch dessen Ausführung das Böse rein arithmetisch gestärkt wird, jede Rechthaberei und Glaube an Wahrheiten – Religion ist Weg, nicht Wahrheit -, all das führt uns vom Guten, und damit vom Glück weg. Wer böse ist, schadet sich selbst am meisten. Und das gilt natürlich auch umgekehrt: wer gut ist, nutzt sich am meisten. Die Lösung des Allmendedilemmas und gleichzeitig die beste Glücksformel ist: man hilft sich am besten, wenn man anderen hilft.

VOM WANDERN UND SURFEN

 

Nr. 272

Elfter Hauptsatz

Denn wo viel Weisheit ist

da ist viel Grämens

und wer viel lernt

der muss viel leiden                  Salomo

 

 

 

Der Satz klingt auf den ersten Blick wie die abgestandene Resignation eines Teilweisen oder wie amerikanische Billigkritik und Fastmalice an den Intellektuellen. Die Quelle mag ein pessimistischer König oder sein gequälter Ghostwriter sein, auf den zweiten Blick stellt sich der Satz als viel tiefer heraus, als er ist. Denn das Grämen geht zunächst der Weisheit voraus. Das Lernen als Investition sowohl für Problemlösungen als auch für ein glückliches Leben zu begreifen, fällt naturgemäß schwer, da es überwiegend  in der Periode des Lebens stattfindet, die zwar nicht natürlich glücklich, aber doch eher unbeschwert ist. Nie ist die Langeweile angenehmer ausgefüllt als in der Jugend. Selten wird Lernen als so quälender und störender Prozess empfunden als dann, wenn es am leichtesten fällt. Je mehr Geld es auf der Welt gibt, desto mehr Menschen glauben, dass es möglich sein muss, dessen Erwerb zu minimieren, seinen Anteil jedoch zu maximieren. Hinzu kommt, dass zweihundert Jahre lang sogenannte Beweise und Fakten für Weisheit gehalten wurden. Genau diese Fakten aber sind nie schneller zu erlangen gewesen als gerade jetzt. Jugendliche können ihr Smartphone schneller bedienen als ihre Lehrer sich räuspern. Aber selbst wenn man die ganze Welt verlinken könnte, erlangte man doch keine Weisheit. Weisheit ist eine Kombination aus Zusammenhängen und Güte. Selbst Wissen ist nicht additiv, sondern zumindest kumulativ, wenn nicht exponentiell. Zudem ist Weisheit, und das ist eine Binsenweisheit, nicht an Faktenwissen oder gar Abschlüsse gebunden, sondern eher an Geist, Erfahrung und Gefühl. Geist, Erfahrung und Gefühl aber widersprechen jeder Verankerung oder Verlinkung. Verankert ist ein Fakt in einem kohärenten Weltbild, verlinkt ist ein Fakt, der durch äußere oder innere Merkmale Zusammenhänge oder Scheinzusammenhänge herstellt oder herzustellen glaubt.

Es ist also schon einmal das Lernen selbst gemeint, das Leiden nicht hervorbringt, sondern begleitet. Noch besser ist es umgekehrt gesagt: das Leiden wird vom Lernen begleitet. Zwar geht von Weisheit auch tiefe Befriedigung aus, aber das Lernen ist eher lästig als befriedigend. Diese Belästigung durch das Lernen nimmt in dem Maße zu, wie die Faktenbeschaffung sich beschleunigt. Man könnte sagen: je länger das Suchen dauert, desto befriedigender ist das Finden, und umgekehrt, wo man nicht mehr suchen muss, freut man sich auch nicht über das finden. Das ist die eine Seite des Trugschlusses. Die andere Seite ist die Beliebigkeit von Wissen, nicht aber von Weisheit. Folgt man im Internet einer Spur, so ist es nicht die Spur des Wissens oder gar der Weisheit, sondern es ist die Spur von Filtern und Filtern der Filter. Der Einwand, dass das früher auch nicht anders war, wo der Weisheit suchende Wanderer etwa von Kloster zu Kloster ging, kann leicht entkräftet werden mit dem Hinweis auf die Mühe, die Zeit, die Kraft und die Muße, die der damalige Wanderer aufwenden musste oder gewann. Heute gewinnen wir Zeit, um sie zu verschwenden. Früher verloren die Menschen Zeit, die sie dann, als Sinn des Lebens zurückzuerhalten glaubten. Es ist die Zeit, die uns Angst macht. Es ist die Angst, die uns antreibt. Jedes Problem hat keine Lösung. Jede theoretische Lösung ist ein Dilemma, jede praktische eine Katastrophe.

Dass das Leben trotzdem nicht nur weitergeht, sondern schön ist, liegt daran, dass es Höheres gibt als Wissen, nämlich Weisheit und Vertrauen. Vertrauen wiederum gibt es zunächst in einer allgemeinen Form, nämlich als Glauben oder schnelles Denken.  Dass die Ungläubigen keine Hilfe haben, heißt doch nur, dass Unglauben nicht hilft, nicht mehr: das ist die Hölle. Das waren früher verankerte Sätze, heute sind sie verlinkt, gleichviel. Ein Satz wirkt nur, wenn man ihn denkt.

Ach, was macht uns alles Angst, und wir leben schon seit zwei Millionen Jahren weiter. Aber nicht, weil wir etwa unbesorgt wären, sondern im Gegenteil, weil wir die Weisheit und das Grämen, den Glauben und den Unglauben aushalten, das schnelle Denken und das langsame Denken, welches für das wirkliche Problemlösen notwendig ist. Die größte Lösung war wohl, dass wir evolutionär aus der zur Fortpflanzung notwendigen Sympathie die Liebe machen könnten, die die zweite und konkrete Erscheinungsform des Vertrauens ist. Es gibt keine Weisheit ohne Liebe. Hass macht nicht nur hässlich, sondern auch dumm.

Der Text des pessimistischen Königs Salomo, ob er nun von ihm selber oder seinem Lieblingsintellektuellen stammt, ob er nun der Auftraggeber oder der Ideennehmer war, ist also keineswegs pessimistisch. Er wendet sich gegen das reine Wissen und gegen das Unwissen gleichzeitig. Einerseits gibt er die Richtung vor: obwohl Wissenerwerb mit Leiden verlinkt ist, ist Wissen die Vorbedingung für Weisheit. Und obwohl Weisheit mit Grämen verbunden ist, wenn sie reine intellektuelle Reflexion bleibt, also die Überprüfung der Welt nach Sätzen, die selbst nur die Welt gespiegelt haben, ist sie höchst anstrebenswert. Allein ihre Menge wird in dem Satz des Salomo als wünschenswert gesehen. Sie muss mit der Zuwendung zum Menschen gekoppelt werden, damit das Grämen durch die Liebe aufgehoben werden kann.

Es sind die Weisen, die wir fragen. Es sind die Weisen, die uns immer wieder in Erstaunen versetzen durch ihre Güte, und was wäre Güte anderes als Weisheit gekoppelt mit Liebe. Surfen bleibt ein Gleiten über Sätze, meist noch nicht einmal dies, sondern nur über Zahlen und dürre Fakten. Wandern dagegen ist ein nachhaltiges Fortbewegen, das keinesfalls erfolgsorientiert sein muss. Vielmehr versteckt sich der Erfolg oft hinter dem Leid, über das wir uns gerne grämen, statt uns über den Erfolg zu freuen. Wandern, wie so viele Begriffe, sollte immer gleichzeitig faktisch und metaphorisch verstanden werden. Beides ist nachhaltig, beides bringt uns voran, beides lässt uns die Angst vor der Zeit, vor der Erkenntnis, vor dem Dilemma oder gar vor der Katastrophe, heute gerne Absturz genannt, vergessen. Auch vergessen ist Weisheit.

AUG UM AUGE

 

Nr. 271

Zehnter Hauptsatz:

Aug um Auge –

und die Welt wird blind sein.                     Gandhi

 

Warum kann man das Böse nicht einfach abschaffen? Das Böse ist keine Substanz, sondern eine Eigenschaft, die Summe der falschen Entscheidungen. Es ist leider tautologisch – wie so viele Definitionen – wenn wir sagen, falsch ist eine Entscheidung dann, wenn sie böse ist, wenn sie anderen schadet. Viele Menschen glauben, dass man das Böse wie das Gute gleich ausschütten kann, dass Gerechtigkeit ein arithmetisches Mittel sei, das man immer wieder, wie auf einer Waage, herstellen und harmonisieren kann. Man muss lernen, die Ungerechtigkeit auszuhalten und man darf gleichzeitig das Ideal der Gerechtigkeit nicht aufgeben. Dazu gibt es glücklicherweise eine ganze Reihe von Helfern. Der einfachste Helfer ist die Gewohnheit. Sodann treten Kunst, Religion, Drogen, Gruppe und Schlaf herzu. Das ist auch die einfachste Lösung des Theodizee: Gott lässt das Böse zu, weil er uns das Gerechtigkeitsstreben eingeboren hat. Der gleiche Satz ohne Gott: das Böse ist die tatsächliche Kehrseite des Gerechtigkeitsstrebens.

Die Rache ist ein blinder Reflex, aber trotzdem verständlich, weil wir alle unter Herabsetzung leiden, wenn sie uns zugefügt wird. Entschließen wir uns selbst zur Demut, ob nun religiös-psychologischen Ratschlägen folgend oder nicht, so ist sie ein Zeichen der Stärke. Rache dagegen ist immer ein Zeichen von Schwäche und insofern nicht verurteilungswürdig. Würden wir die Rächer verurteilen, wären wir selbst welche. Rache gibt auch dem Gerechtigkeitsimpuls nach, ohne aber die Folgen auf uns selber zu beachten. Die höchste Strafe, die man erhalten kann, ist die Selbstverachtung. Sie tritt auch ohne Hinrichtung ein. Das Schlimme an der Weltgeschichte ist doch aber wohl, dass die meisten Hingerichteten unschuldig waren. Der Anspruch, die vermeintliche Berechtigung zum Richten, ist stets mehr missbraucht worden als dass sie gebraucht wurde. Schon aus dieser Ungleichung ergibt sich die Überflüssigkeit von jeder der Rache ähnlichen Strafe.

Und es zeigt sich, dass jede Konditionierung von Anmaßung ausgeht. Denn die Bedingungen für das Leben ändern sich so schnell, dass das heute Gelehrte und eventuell Gelernte morgen schon falsch sein wird. Zensuren und Strafen imitieren also das Leben auf hinfälligste Weise. Aber warum überhaupt? Die Lehre sollte sich, auch angesichts neuer Quellenbeschaffungsmöglichkeiten, auf den Ursprung besinnen: Methoden anzupassen oder zu entwickeln, die dem Zögling, seinem Verhalten und seinem Tun, entsprechen. Wem fiele da nicht das Glasperlenspiel ein, ein höchst unmoderner, weil zeitloser Roman.

Der Schrei nach Rache, außer dass er falsch und verständlich ist, kann also nur ein Schrei der Angst vor sich selbst sein. Wir glauben nicht (wir glauben nicht!), dass wir immer wieder die nötigen Selbstreinigungskräfte besitzen, um das, was in unser Bewusstsein tritt, nicht zu tun und das, was wir aus Tradition oder Überzeugung wollen, zu tun. Wir hoffen, dass andere uns ermahnen. Im Gegensatz zum Mikroleben, wo wir Strafzettel deshalb ablehnen, weil wir nicht einsehen wollen, dass wir etwas falsch gemacht haben, hoffen wir im Makroleben auf solche, die außer uns niemand sieht. Die liebsten Strafzettel dagegen sind uns diejenigen, die andere erhalten. Wir können dann das Gute in uns hineinprojizieren, glauben, dass uns das Böse nicht passieren kann und soll. Regelwerke mit oder ohne Strafen sind uns Korsett, Gängelwagen und goldener Käfig einer unverstandenen Moral.

Es ist schwer sich auf sich zu besinnen. Es ist schwer mit sich auszukommen, dabei wissen wir schon: die Antwort auf unser Unperfekt ist Demut, die wir für Schwäche halten, weil sie uns schon so oft aufgezwungen wurde.

Die Welt ist dann blind, wenn sie auf Rache und Vergeltung setzt. Die Augen öffnen sich, wenn wir die anderen verstehen.

Der Norweger Anders Breivik hat im Jahre 2011 auf der Ferieninsel Utøya neunundsechzig Menschen erschossen. Er glaubte, uns bestrafen zu müssen, indem er unsere Kinder erschießt, weil wir uns dem vermeintlich Fremden öffnen. Und manche zeigen sich, weil sie Opfer des Rachgedankens sind, als seine Schüler, wenn sie für ihn die Todesstrafe fordern. Die höchste Strafe für Breivik wird sein, dass niemand auf ihn hört. Trotz und wegen des ungeheuren Schmerzes, den er uns zugefügt hat, werden wir nicht auf ihn hören!

Der moralische Fortschritt, das Bessersein, erscheint gegenüber dem technischen Fortschritt, dem Schnellersein, als klein. Daraus darf man nicht schlussfolgern, dass die Rache jemals richtig war, im Gegenteil, man wusste es nur nicht besser. Zwei verfeindete Sippen, die sich gegenseitig die Väter erschlugen, verhungerten beide, statt nur eine, wenn sie auf Rache verzichtet hätte. Die Abhängigkeit von Herkunft gilt nur intern, nicht extern: jemand kann von sich sagen, dass er sich so verhält, wie er sich verhält, weil er aus der Welt stammt, wo man sich so verhält, aber ich darf es von ihm nicht sagen, auch nicht als Entschuldigung. Die Sippen haben übrigens überlebt, sonst wären wir nicht da, und daran kann man mathematisch exakt nachweisen, dass Rache sich immer von selbst überlebt.

Der dank ist der weitsichtigste Reflex, zu dem wir fähig sind, weil er uns immer wieder in die menschliche Gemeinschaft zurückführt, auch wenn wir uns durch Rache, falsche Entscheidungen, durch das Böse, durch Versagen und Angst an den Rand der Gesellschaft gebracht haben. Es wird noch viel Zeit vergehen, der moralische Fortschritt ist noch lange nicht an dem Punkt, bis wir auf abscheuliche Untaten anders als mit Strafe reagieren können. Niemand will weltfremde Lösungen. Es wird immer auch ungeheuerliche Kurzschlusshandlungen geben, aber vieles werden wir auch voraussagen können. Wenn wir endlich der Erziehung von Kindern und Jugendlichen unsere ganze Kraft widmen, jedenfalls mehr Kraft als etwa den Kapitalanlagen, dann werden wir auch bestimmte Verhaltensweisen, die gegen die Würde, gegen die Unverletzlichkeit, gegen die Integrität und das Selbstbestimmungsrecht von Mitmenschen gerichtet sind, im Vorfeld verhindern können. Erstaunlicherweise hat sich selbst die Mikrochirurgie fast explosiv-revolutionär verändert, während die Psychologie von Freud immer noch modern wirkt: die Überschätzung von verbaler Belehrung durch Schule, Polizisten und Moralapostel hält entgegen aller Erfahrungen an.

Der Dank mag der weitsichtigste Reflex sein, notwendig ist aber immer die denkende, dankende, einfühlende und emotionale Reflexion. Reflexion ist Orientierung, wenn sie von Wissen, Erfahrung, Tradition und Innovation untersetzt wird.

Die Quelle des Wissens ist das Glauben. Aber die Quelle von Demut und Gerechtigkeitsstreben ist das Wissen.

WIE WEGE WERDEN

 

Nr.  270

Neunter Hauptsatz

Wege entstehen dadurch

dass man sie geht               Kafka

  1

Es gehört viel Mut dazu, einen Weg zu gehen, den es noch nicht gibt. Alle Traditionen, Verankerungen, Algorithmen und Navigationen sprechen dagegen. Trotzdem weiß jeder, dass Navigation nur durch den Mut des einzelnen ensteht, Wege zu bahnen. Der Konflikt findet sich im Schiffstagebuch von Kolumbus. Der Zeitgeist diktierte seinen Männern den Untergang. Nur Kolumbus wusste, wo es nach Indien geht. Was er entdeckte, war ein Traum, den niemand hatte. Denn auch er wollte nicht etwa Entdecker, sondern  Admiral der Weltmeere, Vizekönig von Asien, Beschaffer von Gold und Sklaven werden. Dazu musste nicht nur der Weg gefunden, sondern auch ein Paradies vernichtet werden. Jeder Weg führt in das Chaos, aus dem er kommt.  Sein Ziel, neben der Goldgier sein wichtigster Antrieb, war die Vergrößerung der katholischen Welt, die sich noch nicht dichotomisch gesehen hat, wie ihr Name schon sagt. Diese Überhöhung solitärer Ziele führte zum Zerbrechen von Kirche und Welt.

Eine Phase voller Findung und Entropie, Grausamkeit und Wahrheitswahn folgte. Menschen mit missionarischem Übereifer waren die Entdecker und Unterdrücker. Offensichtlich erzeugt ein Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet, auch Menschen, die keine anderen Menschen neben sich dulden. Andererseits konnte Toleranz, das Aushalten des anderen, nur wachsen, wenn das andere entdeckt und da war. Wieviel Blut der Entzweiung musste fließen, bis drei Subkontinente mit heute mehr als drei Milliarden Menschen die vier Sprachen ihrer Unterdrücker und Förderer auch als Symbol der Versöhnung annahmen? Die Ziele des mutigen Kolumbus mögen kleingeistig gewesen sein, Tatsächlich ist das Ergebnis aber eine latein- und englischsprachige Welt, deren Hauptziele, Wohlstand und Wohlleben, Brüderlichkeit und Toleranz, fast weltweit erreicht sind.

 

2

Es gehört viel Wut und aggressive Erziehung dazu, wenn man ein großes Reich ohne Hunger und Raumnot zum Weltreich erweitern will, erlaubt ist es übrigens auch mit Hunger und Raumnot nicht. Der türkische Sultan Mehmed der Zweite zog einen Weg voller Blut und Tränen durch Südosteuropa. Er gilt als der zweite Gründer des Osmanischen Reiches, weil er zwölf Reiche und zweihundert Städte erobert hat. Mit 24 Jahren errang er Konstantinopel in einem erbitterten Kampf, den zuvor sein Vater Murad II. schon verloren hatte.  Mehmed mag ein grausiger orientalischer Despot gewesen sein, grausig waren damals und sind heute viele Politiker, als einen Kopf und Wegebahner weisen ihn nicht nur seine überragende Intelligenz und Gelehrtheit, sein strategisches Genie und seine Eigenwilligkeit aus, Ein einziger Satz von ihm zeigt, dass er in die Reihe der Renaissanceriesen gehört. Als man ihm Rosen brachte, weil er der Eroberer von Konstantinopel sein würde, sagte er: Ich bin Mehmed der Eroberer, aber das ist mein Lehrer [ben mehmed fatih, ama o benim öğretmenim]. Sein Lehrer war der große islamische Gelehrte Akşemseddin. Das Denken und Fühlen, das Wissen und Können ist vor den Eroberungen. Istanbul ist eines der großen Weltzentren geblieben, Eine Stadt, von der immer wieder die  Modernisierung eines immer noch großen Reiches und ganz Mittelasiens ausgeht und ausgehen wird. Was zunächst, für ein paar hundert Jahre, wie eine Spaltung Europas aussah, erweist sich jetzt als die Vorbedingung der Versöhnung in einem viel größeren Ausmaß als je gedacht. Mehmed hat nicht Europa gespalten, sondern ganz Mittelasien an Europa herangeführt, und wir wissen nicht, wie sein Pferd hieß.

 

3

Wenn Filippo Brunelleschi der Lehrer von Masaccio war, dann verdanken wir ihm nicht nur die Kuppel des Doms Santa Maria del Fiore zu Florenz, sondern auch die Grundlagen der Perspektive, und der Schüler war dann der erste, der sie in der Kirche Santa Maria Novella ausführte. Die Kuppel des Doms aber ist das finden des vergessenen Weges in die Vergangenheit der byzantinischen Baukunst. Gewölbe und Kuppel sind die Nachahmung und die Metapher von Himmel und Unendlichkeit. Der Weg in die Spitze der florentinischen Kuppel erscheint zugleich unendlich und unendlich einsam. Es ist der berühmte schmale Pfad in die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen, kalt und faszinierend. Brunelleschi ist einer der ersten individuellen und nominellen Baumeister. Er war schon berühmt, beteiligte sich an der Ausschreibung und gewann mit seiner Idee der Zweischaligkeit den Wettbewerb. Die Planung liegt zeitlich vor der Eroberung Konstantinopels, die endgültige Fertigstellung aber danach. In Florenz mag man mehr an die Darstellung des eigenen Reichtums und an die Konkurrenz gegenüber Pisa und Siena gedacht haben, Tatsächlich wurde aber, als man sich im Orient anschickte, das Reich zum Weltreich nach Westen zu dehnen, dort über dem Gedanken der Versöhnung und Verbrüderung die Kuppel errichtet. Es ist leicht überall das Böse zu erkennen, aber hier sieht man, dass es noch leichter ist, das Gute zu erkennen, Man muss nur den Blick genügend weiten, die Orientierung in einen dem Gedanken ebenbürtigen Rahmen stellen. Das Böse ist einfach und naheliegend, das Gute ist komplex und oft in der Ferne. Nur wenigen gelang es, dahin Wege zu ebnen, die dann von den vielen begangen werden können.

 

4

Gutenberg, der ähnlich wie Kolumbus die katholische Welt und Sicht stärken wollte, allerdings nicht machtpolitisch, sondern literarisch, ist der größte Wurf gelungen. Seine Erfindung, die er ausschließlich in den Dienst der Frömmigkeit gestellt glaubte, wurde die größte mediale Wende der Menschheit nach Erfindung der Schrift und vor Entwicklung des Computers. Ganz schnell wurde sichtbar, dass die Menschen nicht etwa nur die Bibel, sondern überhaupt lesen wollten. Es war so viel Zeit und so viel Leere gewonnen, dass sie nach Erfüllung suchte und schrie. Flugblätter und Bücher, Raubkopien ohne Ende, Fluten von Texten überschwemmten und überschwemmen immer noch Europa, danach auch den berühmten Rest der Welt. Die ganze moderne mediale Welt hatte ihren Brutkasten in dieser Werksattt des Bankrotteurs Gutenberg, dem es nicht an Ideen überhaupt, wohl aber an Geschäftsideen mangelte. Bei dieser Betrachtungsweise scheinen die Autoren, scheinen die Inhalte vergessen zu sein. Nein, die Autoren gab es auch schon vorher. Aber ihr Wirkradius war so klein wie ihre erfahrbare Welt. Die Gedanken von Yesus sind gerade einmal übers Mittelmeer gekommen, von Mohammed bis Yerusalem.  Wie die Kuppeln wirkten die Gedanken zwar in die Ewigkeit, aber nicht in die Gegenwart. Aufklärung und Erleuchtung brauchen also nicht nur den Gedanken, sondern auch den Weg, die Verbindung, die Kommunikation. Zwar kann man nicht nicht kommunizieren, aber man auch nicht kommunizieren, wenn kein Weg da ist oder keiner, der den Weg zu bahnen bereit ist.

 

 

 

 

 

mut wut
cristofori colombo mehmet II fatih
1451-1506 1432-1481
wiederentdeckung amerikas eroberung konstantinopels
kuppel des doms zu florenz schnellbuchdruck
1377-1446 1400-1468
filippo brunelleschi johann gutenberg
einsam gemeinsam

AUCH MIT DEN STEINEN

 

Achter Hauptsatz

Auch mit den Steinen

die einem in den Weg gelegt werden

kann man Schönes bauen

Goethe

 

Nr. 269

Der Zorn ist groß: wie die Ameisen finden wir unsere Wege verstellt. Der große Baumeister will uns prüfen, ist eine der gängigen Erklärungen. Und wer will nicht Prüfungen bestehen? Man braucht ein ganzes Leben, um herauszufinden, dass das Leben selbst die Prüfung ist. Sodann gibt es natürlich den Zufall: da wo wir gehen, geht schon jemand anders. Man kann sich einigen oder sich aus dem Weg räumen. schließlich aber, und das ist der Grund, warum wir uns von fremden Mächten eher verfolgt als geborgen fühlen, schließlich glauben wir oft, dass es jemand oder etwas direkt darauf angelegt hat, uns zu stören. Denn wir wissen, als wir ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen waren, haben wir gottgleich im warmen Sand gesessen und Ameisen und Käfern Wege versperrt. Einer Ameise kann man übrigens keinen Weg versperren. Ihre Navigation ist untrüglich, sie lässt sich weder durch Hindernisse noch durch übergroße Lasten aufhalten. Man könnte sie mit einem Menschen vergleichen, der mit einem Klavier auf der Schulter geradewegs durch eine Kleinstadt geht: geradewegs, über Häuser, Bäume und Mitbewohner.

Die Schubkraft des Zorns ist groß. Wir wollen nicht verletzt oder aufgehalten werden, weil wir aus einem ganz einfachen Grund glauben müssen, dass wir Recht haben, dass unser Weg der richtige ist, und dieser einzige Grund ist, dass er unsere einzige Möglichkeit ist, unserem Leben einen Sinn zu geben. Das ist gleichzeitig der fragilste Grund, den es geben kann, denn für die meisten von uns gibt es keinen Sinn, trotzdem müssen wir ihn uns einreden oder einreden lassen. Es ist auch keinesfalls etwa eine Frage des bloßen Willens, den Weg trotz Hindernissen weiterzugehen. Es fehlt vielen Menschen tatsächlich an Kraft und an Navigation. Es gibt dafür die Gruppe und die Gruppentherapie.

Aber zuletzt ist es doch immer am besten, wenn man den Weg selber gefunden, die Steine selbst aus dem Weg geräumt hat. Es geht nicht nur um die Ergebnisse, die von außen zu sehen sind: wir sind angekommen, wir haben eine Mission erfüllt. Es geht vor allem um unsere eigene Stärkung. Wir gehen aus dem Abenteuer, aus der Unternehmung kräftiger hervor, als wir hineingegagngen sind. So haben viele Religionen Prüfungen für ihre Angehörigen, wie zum Beispiel den Fastenmonat Ramadan. Es besteht die halbe alte Weltliteratur aus den Geschichten von Helden, die auszogen, um wiederzukommen. Aber auch die Trägodien handeln von Steinen im Weg: die nicht überwunden wurden. Vielleicht brauchen wir die Hälfte unserer Zeit zur Auffrischung unserer Kräfte: wenn wir jung sind durch Geschichten und Ablenkung, wenn wir alt sind, durch Schlaf und Hinlenkung.

Das beste jedenfalls, was man aus seinem Zorn machen kann, ist Kraft. Zorn vergeht zwar auch von allein, aber das dauert sehr lange und verbraucht sehr viel Kraft.

Sodann gibt es durch die Steine, die uns in den Weg gelegt werden, neues Material. Das kann man sich ganz bildlich vorstellen. Aber es ist oft nicht das eigentliche Material, das uns fehlt, sondern die Verknüpfung. Ein Weg, den wir schon oft gegangen sind, erhält eine neue Perspektive. Ein Weggefährte, den wir schon lange kennen, wird vom Freund zum Helfer, vom Helfer zum Retter, vom Retter zum Gott. Leider geht das auch oft umgekehrt. Deshalb brauchen wir den Trost und die Richtschnur, dass aus jedem Stein etwas zu machen sei.

Ein heiterer Trotz ist ist eine wunderbare Folge der Steine, die uns scheinbar oder wirklich in den Weg gelegt werden. Rache, Zorn oder gar still in sich gekehrte Wut und Resignation, das sind alles selbstzerstörerische Kräfte. Selbst wer es geschafft hat, seinen Nachbarn, der ihn zerstören wollte, zu zerstören, findet sich selbst am Boden, mindestens mit seinem Gewissen. Trotz zeugt von Eigenwillen und Selbstbehauptungskraft, Heiterkeit ist zusammen mit ihrer Schwester, der Freundlichkeit, der Wohlfühlkatalysator und die beste Umgangsform.

Auch mit der besten Laune hingegen ist noch kein Haus gebaut, wenn nicht Kreativität und Konstruktion hinzutreten.

Wir würden viel weniger über uns und unsere Steine grübeln, wenn es uns gelänge, uns immer in kreativen und konstruktiven Prozessen zu befinden. Wenn wir also, statt zu glauben, dass wir einen Weg nur gehen müssen, an seinem Rand Bäume pflanzen und Häuser bauen würden. Viele Lehren der Vergangenheit beziehen sich auf einen existenziellen Lebenskampf oder sogar Lebenskrampf. Dagegen könnte ein Großteil der Menschheit längst aufhören zu glauben, dass das Leben nur dazu da ist, das Leben zu erhalten. Man kann, ohne selbstlos sein zu müssen, für andere wirken. Endlich haben wir die Zeit und das Geld und die Kraft, nicht nur ein Haus zu bauen und einen Nutzgarten anzulegen, sondern ein Labyrinth daneben zu stellen, einen Rosengarten, der andere erfreut. Wir können für andere schreiben, für uns und andere singen oder rappen. Flohmärkte schärfen den Blick für das Vergangene. Feuerwehren erzeugen Mut und Entschlusskraft. Integrationsvereine zeigen uns, dass das Fremde machbar ist. Das Internet ist keine bittere Last, sondern eine Möglichkeit, die man auch immer wieder abschalten kann, so wie man sich selber abschaltet, wenn man es anschaltet.

Natürlich gibt es wirkliche Schwierigkeiten, Krankheiten, Schicksalsschläge. Aber das meiste, was uns aufhält, ist Angst vor dem Neuen. Deshalb machen wir aus den Steinen im Weg Dämonen. Sie hießen früher Vampire oder Teufel, heute Sachzwang und Datenklau.

Statt das zu glauben, sollte man lieber heiter seinen Weg gehen. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, der für uns bestimmt ist, den wir finden müssen, den wir freiräumen von gefallenen Steinen und Menschen. Diese Sicht hindert ganz bestimmt nicht, Häuser und überhaupt Schönes zu bauen.

Auch die Tradition in uns ist nicht unüberwindlich. Sie ist ein Stein, den wir oft nicht erkennen oder sogar nicht erkennen können, der uns mitgegeben wurde, um mit ihm unterzugehen oder mit ihm wegzufliegen.

Ab heute wollen wir die Steine besingen, die uns im Weg liegen, fröhlich lächeln, wenn etwas nicht nach Plan geht, uns freuen, wenn etwas Unerwartetes passiert, nach links sehen, wo wir bisher immer rechts das Böse vermutet haben, über irische Segenswünsche nicht mehr lachen und selbst die Lokalzeitung als einen Blickwinkel wahrnehmen.

EXKURS: Katastrophen

Am 1. November 1755 zerstörte ein Erdbeben, ein Tsunami und ein daraus folgender Großbrand Lissabon, die Hauptstadt eines Weltreiches und des Katholizismus. Sechs Minuten Katastrophe töteten 100.000 Menschen, zerstörten 85% der Wohngebäude und den hundertprozentigen Glauben an das alleinige Wirken eines allgütigen Gottes. der Pragmatismus der Aufklärung fand seinen Ausdruck in dem berühmten Satz des Ministerpräsidenten: ‚Und nun? Beerdigt die Toten und ernährt die Lebenden.‘ Das war die Geburtsstunde des Widerstands gegen religiösen Fatalismus, der Beginn der Aufklärung. Auch die Seismologie und die wissenschaftlichen Umfragen nahmen durch die Initiativen des Marques de Pombal, jenes denkwürdigen Ministerpräsidenten, hier ihren Anfang.

Am Nikolaustag des Jahres 1917, während in Europa die Urkatastrophe des bösen zwanzigsten Jahrhunderts wie ein Stummfilm, wie eine in die Tat umgesetzte Ballade Strophe für Strophe ablief, erschütterte die gewaltigste bis dahin von Menschen erzeugte Explosion die kanadische Kleinstadt Halifax. Zwei Schiffe mit tödlichen Ladungen kollidierten und töteten tatsächlich knapp 2000 Menschen. Zahlreiche Häuser und Straßen wurden zerstört. Ein Bahnbeamter warnte einen einfahrenden Zug und rettete 300 Menschenleben, wusste aber, dass das seine letzten Worte waren. Die beginnenden Aufräumarbeiten wurden durch eine Blizzard behindert. Ein Welle der Solidarität der Wohltätigkeit breitete sich über der Stadt aus. Sogar die Fremdheit zwischen evangelischen und katholischen Menschen wurde, nicht durch die Toleranzaufforderungen der Bibel, sondern durch dieses katastrophale Großereignis aufgehoben.

Von 1933 bis 1945 herrschten in Deutschland, von 1924 bis 1953 in der Sowjetunion Schreckensregime mit vielen Millionen Toten. Zurecht wird immer wieder daran erinnert, wie Menschlichkeit durch unerlaubte und völlig sinnlose Klassifizierung zeitweilig aufgehoben werden kann. Sowohl in den deutschen Konzentrationslagern als auch in den russischen GULAGs töteten Menschen ihre Mitmenschen, weil sie der Propaganda glaubten, dass es keine Mitmenschen wären. Demografisch hatten diese beiden Schreckensregime allerdings keine Auswirkungen. In dem Jahrhundert des Massenmords verdoppelte sich die Zahl der Menschen zweimal: von zwei auf vier und von drei auf sechs Milliarden Menschen. Und obwohl das wieder Angst und Hysterie auslöste, konnten die Demokratie, die Bildung und die Globalisierung nicht mehr aufgehalten werden. Die Globalisierung zeigt sich einerseits als Bewegung von Gedanken und Dingen, also Waren, andererseits als Migration. Nie war Kants Satz wahrer, dass im Reich der Zwecke alles entweder einen Preis oder eine Würde habe, als im Jahrhundert des Schreckens und des Aufblühens.

Während viele Menschen 1989 als den Schlusspunkt von Tyrannei und Krieg gesehen haben, zeigt sich keine dreißig Jahre später mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus eine ernste Krise. Wer diese Krise als Katastrophe sieht, sollte bedenken, dass am Emde dieser Phase dann ein neuer Schub von Demokratie, Bildung und Pazifismus kommen wird.

FRAG NICHT

 

Nr. 268

Siebter Hauptsatz

Ask not what your country can do for you

Ask what you can do for your country   

Kennedy

 

Der zweitberühmteste Satz von Kennedy spricht nicht dafür, dass das Verhältnis der Bürger zum Staat in Amerika sich so sehr von dem der Deutschen unterscheidet. Vielmehr scheint es das Erbe der Aufklärung zu sein, den Staat, dessen Souverän man selber ist, zu lieben und zu überschätzen. (Überschätzt man nicht alles, was man liebt, und unterschätzt man nicht, was man nicht liebt?). Zwar ist die alte Steuerangst uns geblieben, die Angst, die Steuern könnten nur den Regierenden nutzen, und sie wird geschürt, wenn ein großer Tanklaster mit der Aufschrift Bundesbranntweinmonopol als friderizianisches Fossil durch die Straßen rollt, aber auf der anderen Seite wird die vormals plakative Fürsorge mehr oder weniger korrupter und selbstherrlicher Souveräne, nun als wirkliche Fürsorge des Staates wohl angenommen. Dass wir sie weniger den Aufklärern als vielmehr einem scheinbar so unaufgeklärten, will sagen despotischen Kanzler, der das Parlament verachtete, verdanken,  trägt zu ihrer Widersprüchlichkeit bei. Fürsorge ist immer widersprüchlich, weil man viel zu sehr über ihre Motive spekuliert als ihre Segnungen zu schätzen weiß und danach trachtet, ihrem Einfluss zu entfliehen. Das gute soll man immer tun und annehmen, ganz ungeachtet seiner Motive.

Man könnte dieses beschriebene Phänomen auch die uterale Staatsfunktion nennen. Das Elend und der Hunger, die noch bis ins neunzehnte Jahrhundert die bestimmenden gesellschaftlichen Bedingungen waren und in Kennedys Inauguralrede zu den vier Feinden der Menschen gezählt werden, Hunger und Elend sind durch staatliche Fürsorge bekämpfbar und auch erfolgreich bekämpft. Dadurch entsteht jedoch eine neue Bevölkerungsschicht, die ohne den uteralen Schirm des Staates nicht mehr existieren kann. Und es entsteht eine Verwaltungshierarchie, die die ohnehin beschlossenen Wohltaten des Staates wie Gnadenakte vormaliger Souveräne verteilt. Dadurch wird durch die Lösung eines elementaren Problems gerade das alte Staatsverständnis des sich bereichernden, korrupten und selbstherrlichen Führertums am Leben gehalten. Würde dadurch nur der selbstwert der linken Partei gestärkt, so wäre das hinnehmbar, ja sogar durch die Stärkung der Opposition der Demokratie förderlich. Aber es entsteht auch eine subproletarische Schicht, die, da sie noch nicht einmal ihren eigenen Unterhalt sichern kann, ganz auf Konsumtion orientiert ist. Ihre Würde wird also gleich zweifach angegriffen: durch ihre Abhängigkeit von der staatlichen Versorgung wie vom eigenen maßlosen Konsumtionsstreben. Maßlos ist es deshalb, weil die Werbung sich an einen Durchschnitt wendet (Haribo-Effekt), nicht speziell an die Gruppe mit dem wenigsten Geld, die aber weil sie immer noch zuviel Geld und noch mehr Zeit, aber zu wenig Sinn hat, ein Maximum an Werbung aufnehmen kann.

Alle Lösungen sind dilemmatisch. Es muss uns also nicht wundern, dass wir zwar eines der größten Probleme der Menschheit gelöst, nämlich die Teilnahme aller am Markt, aber dabei neue mentale und ökonomische  Probleme geschaffen haben. Es ist auch zu bezweifeln, dass die von uns im Moment favorisierte Lösung langfristig ökonomisch haltbar ist.

Hier nun setzt erstaunlicherweise der frühe Satz kennedys ein. Er bringt jenen Gedanken auf eine formelhafte Prägnanz, der das Denken der Menschen von altersher beschäftigt: das Paradox von nehmen und geben. Eine Gemeinschaft, hier Land genannt, kann nur durch die Aktivität ihrer Mitglieder bestehen. Vielleicht sind alle Paradiesvorstellungen Wunschwahn ewigen Nehmens, Tatsache ist, dass geben weitaus befriedigender als nehmen ist, was auch die alten Schriften schon wissen.

Wo zwei oder drei Menschen zusammen sind, entsteht sofort so etwas wie Gemeinschaftsgeist. Noch jede Religion und Ideologie hat das als nur für sie typisch erklärt. Einzelgänger sind Genies oder Verbrecher.

Wir vermuten hinter jedem Verbrechen Talent, Sinn und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Talent Verbrechen, Sinn und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Sinn Verbrechen, Talent und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Gewinn Verbrechen, Talent und Sinn.

 

Dieser Gemeinschaftsgeist, mag er nun aus der instinktiven Welt herüber gerettet, mag er – im Gegenteil – Frucht der Transzendenz, hier wieder himmlischen oder irdischen Ursprungs sein, dieser Gemeinschaftsgeist ist das Bindemittel der Gemeinschaft. Das ist keine Tautologie, sondern das immer gleiche Paradox: wo gegeben wird, kann auch genommen werden. Der Gemeinschaftsgeist entsteht aus dem Zusammensein und er erhält es auch gleichzeitig. Alle Lebewesen sind ganz selbstverständlich auf diese Kooperation angewiesen. Die Konkurrenz ist übrigens der Komplementär, nicht der Gegner der Kooperation. Wir brauchen das Bindemittel, den Konsumtionsfonds natürlich genauso wie den Katalysator. Er war es auch, der all diese Probleme der Menschheit gelöst hat. Zwar hat es Opfer gegeben, aber die Menschheit hat entgegen aller Voraussagen der sich selbst so nennenden Realisten überlebt.

Auch das reine Nehmen ist in einer als Arbeitsteilung verstandenen Menschenwelt erlaubt: für Kinder und solche Behinderten, die sich nicht selbst erhalten können. Sie sind aber nur von der Frage befreit ‚Was kannst du für dein Land tun?‘, nicht von der Antwort. Die Antwort ist schon gegeben: wer für Behinderte sorgen kann, ist stärker als derjenige, der sich gerade mal selbst behilft. Er stärkt nachweislich nicht nur die Kraft der Gemeinschaft, das wäre schon viel, sondern auch seine eigene. So gesehen sind Behinderte, entgegen ihrer eigenen Sicht, auch ein Katalysator der Gesellschaft.

Für Kinder gilt im Prinzip das gleiche. Allerdings ist hier der stärkende Aspekt mehr auf die Weltsicht gelegt. Wer mit Kindern umgeht, weiß nicht nur mehr vom Leben, er hat auch mehr vom Leben. Nur wer als Erwachsener in der Konsumstionsstarre verharrt, kann Kinder als Last empfinden. Deshalb – das ist eine Nebensicht unserer Betrachtung – deshalb ist es verkehrte Welt, wollte man, und das wollen immer noch zuviele, in der Schule nur die Weltsicht der Erwachsenen auf die Kinder übertragen. Schule ist eine Transformationsinstitution, die genau so der Verjüngung und Dynamisierung der Gesellschaft wie der Erfahrungsübergabe dient. Wir würden einen Riesenschritt vorankommen, wenn es uns gelänge, das den Kindern zu vermitteln: dass sie in der Schule etwas für uns alle tun, nicht Sätze eingetrichtert bekommen!

Etwas für sein Land zu tun, wie es Kennedy in seiner wunderbaren, wenn auch höchst pathetischen Rede gefordert hat, heißt also zum Beispiel Kinder haben und Kindern folgen. Es heißt, in einem unendlichen Geld-, Güter- und Gedankenkreislauf immer mehr zu geben als zu nehmen. Man sollte das wenigstens als Ziel haben und versuchen. Genauso wichtig ist es aber, die eigenen Beiträge nicht zu unterschätzen. Wer zum Schluss mehr für die Menschheit, also den kleinen Kreis, getan hat, kann niemals die rezente Menschheit, schon gar nicht der kleine Kreis, entscheiden. Wenn man auch meist mehr denkt, als man tut, so kann man doch auch viel mehr tun, als man denkt.

ES GIBT NICHTS GUTES

Nr. 267

Sechster Hauptsatz:

Es gibt nichts Gutes,

außer man tut es.

Erich Kästner

 

 

Dieser bestechend kurze, konsistente und prägnante Satz, der nur aus acht Wörtern in einer symmetrischen Konstruktion besteht, weist uns auf zwei Hauptfehler menschlichen Lebens hin und gibt gleich noch zwei Richtungen für unser moralisches Handeln vor, hat also bei einer minimalen Form ein Maximum an Inhalt. Er kann auch rhetorisch als Vorbild dienen.

I

Zunächst richtet er sich gegen unsere Neigung, anderen die Schuld zu geben und wieder  andere vorzuschieben, weil wir angeblich nicht in der Lage sind, dieses oder jenes zu tun. Nun sind wir ja tatsächlich nicht zu allem fähig. Wir brauchen also die Gemeinschaft, die anderen, um durch die Fährnisse des Lebens zu gelangen und um das Leben, da wo es nicht schwer ist, zu genießen. In eine funktionierende Gemeinschaft kann man aber nur mit Taten eintreten, die anderen helfen oder die andere erfreuen. Auf Dauer nur Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist nur wirklich Hilfsbedürftigen erlaubt und muss ihnen erlaubt bleiben. Daran zeigt sich gerade die Stärke einer Gemeinschaft, wieviel Hilfsbedürftige sie durchzubringen vermag. Merkwürdigerweise ist es nicht eine der großen Religionen, die uns hier die praktikabelste Hilfe an die Hand gibt, sondern es sind die von Lord Baden-Powell gegründeten boy scouts, die die einfachste Spur gelegt haben: wenn du jeden Tag eine gute Tat vollbringst, kannst du nichts falsch machen. Es ist natürlich erlaubt, mehr zu tun, aber man muss sich auch nicht übernehmen. Hielte man sich tatsächlich an die Regel, So würde man im Jahr 365 gute Taten vollbracht haben, im Leben, bei neunzig Lebensjahren, immerhin  32.850 gute Taten.

II

Eine andere Hauptschwäche von uns Menschen ist es, Situationen zu zerreden. Natürlich kann man auch Ereignisse zertun, und das wird auch häufig getan, aber am meisten werden sie zerredet. Wer jetzt daraus einen Angriff auf die Demokratie vermutet, irrt. Denn zunächst ist das Redenkönnen eine große Gabe. Wir interpretieren die Makrowelt und wir deuten die Mikrowelt, wir blicken vor unsere Haustür genau so wie auf andere Kontinente. Mit vermehrter Freizeit und verbesserten kommunikativen Hilfsmitteln können wir unseren Blick erweitern, vertiefen und schärfen. Allerdings liegt hier auch die Gefahr der Verwechslung: mancher hält das Mittel für den Blick, das Medium schon für die Botschaft (MacLuhan). Indem wir reden, können wir Aktionen vortäuschen und imaginieren. Das beruhigt unser Gewissen, aber es ist noch nichts getan. Die Ritualisierung, zu der wir naturgemäß auch neigen, erleichtert uns das wegschauen, die Ausrede: ‚Wir haben zu tun‘. Zur Ritualisierung und zur Überinterpretierung gehört allerdings auch der Alltag. Die Kraft, die unsere Vor- und Nebenfahren in den ärmeren Gegenden und Zeiten für die Nahrungsbeschaffung brauchten, geben wir für Ritualisierung, Verwaltung und Rechtfertigung aus. Das wird sich auch weder ganz vermeiden noch grundsätzlich verbessern lassen, aber wenn wir uns wenigstens beim Zerreden erinnern würden, was wir tun sollten und was wir auch tun wollten, dann wäre schon viel getan. Dieses zerreden kann gemeinschaftlich stattfinden, und dazu bietet die Demokratie, deren Alternativen wir im Moment alle aus gutem Grund ablehnen, einen schönen Nährboden, es kann aber auch ein Zergrübeln im eigenen Kopf sein. So etwas macht krank oder Literatur. Die Mahnung gegen das Zerreden ist also auch ein individuelles Heilmittel.

III

Zu tun haben wir, so suggeriert uns völlig zu recht unser Satz, das Naheliegende, das, was jetzt und hier zu tun ist. Man kann viele Witze darüber machen, was wohl das Richtige sein mag [wenn du an einer Weggabelung stehst, wähle den richtigen Weg], aber das ist auch nur wieder bewusste Fehlinterpretation. Denn sowohl die Menschheitsgeschichte als auch die Geschichten, die großen und kleinen Erzählungen geben uns so viel Beispiele des Guttuns, dass wir in uns ein Navigationssystem zu errichten vermögen, das wir Moral nennen können, Religion, Goldene Regel, guter Pfad, Säulen, Fundamente, die Hauptsache ist, dass wir so oft wie möglich so viel wie möglich Gutes tun. Denn die Male, die wir das Gute nicht getan haben, wo wir es hätten tun können oder sollen, belasten unser Gewissen, die Kehrseite unserer Navigation, so stark, dass diese dann aber auch wieder angetrieben wird. Unser Versagen darf uns nicht vernichten. Wir müssen uns immer wieder und so schnell wie möglich aufrichten. Deshalb ist die Einteilung der Menschen in Gewinner und Verlierer nicht nur falsch und entmutigend, sondern sie würde, konsequent angewandt, uns alle zu Verlierern machen. Viel einfacher und viel erfolgbringender ist es, sich den sechsten Hauptsatz über die Tür zu nageln und sich so oft wie möglich, mindestens aber einmal pro Tag, nach ihm zu richten. Wer das schnell wieder vergisst, sollte sich vom nächsten boyscout, den er etwa auf dem Markt trifft, dessen Halstuch geben lassen und es mit Knoten versehen als Erinnerungsstütze benutzen. [nicht vergessen: für das Halstuch eine Spende zu überweisen!]

IV

Die Arbeitsteilung, der dadurch erreichte Wohlstand, der Sozialstaat, die Spendenfreudigkeit, das alles bringt uns dazu, weniger zu tun. Es reicht für viele und vielleicht für immer mehr, zu gaffen, zu konsumieren, zu lamentieren, glaubt man. Denn blickt man in die alten Bücher, dann liest man dort die gleichen Klagen. Es liegt also in der Natur des Menschen, tun vorzutäuschen, Täter zu verurteilen, über die Untaten der anderen herzuziehen, das eigene Nichttun zu verharmlosen und zu rechtfertigen, sich in der Masse der Nichttäter oder gar Untäter zu verstecken, mit den Achseln zu zucken, sich zu ducken anstatt sich zu recken. Solange wir reflektieren, reflektieren wir auch darüber.

Wie freuen wir uns, wenn jemand zu uns sagt: dich schickt der Himmel. Also sollten wir doch versuchen, immer so zu handeln, als schickte uns tatsächlich der Himmel, das Gute, das Richtige, das Notwendige. Natürlich sind dabei viele falsche Wege, Rückschläge und Fehler möglich. Bei deren Analyse darf man sich auf keinen Fall so lange aufhalten, dass man die nächste Tat verpasst, nicht die nächste mögliche, sondern die nächste notwendige, für uns unumgängliche. Aber man muss, auf der anderen Seite, nicht suchen. Es gibt so viel zu tuendes, dass man fast willkürlich, zufällig zupacken kann und es wird das richtige sein, wenn wir unseren filter aus Großmutterweisheiten, Wissenschaft, Kunst und Religion angelegt haben.

obwohl uns hamlet widert, ziehn uns faust/jesus/gandhi nicht genügend an. obwohl uns faust/jesus/gandhi anziehen, widert uns hamlet nicht genügend.

MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

Nr. 266

Fünfter Hauptsatz

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Antoine Vicomte de Saint Exupery

 

Wir Menschen glauben alle und gerne, dass wir sehen, was wir sehen. Wir schwören auf unsere Beobachtungsgabe, Objektivität, Erkenntnisfähigkeit und unseren Wahrheitswillen. In dem Wort Scharfsinn verknüpft sich diese vermeintlich exakte Sicht mit der optimalen Verarbeitung unseres nie ausgelasteten und immer überforderten Gehirns. Bestärkt werden wir in dieser Selbstüberschätzung von falschen Propheten und Lehrern, die ihre kleinteiligen Weisheiten als empirisch nachvollziehbare religionsähnliche Wahrheiten verbreiten. Aber auch die Wirklichkeiten der alten Religionen predigen Abgeschmacktes, Heruntergezoomtes und als Geburtstagsgeschenke verpacktes, was wir in unser Wohnzimmer neben den Fernseher stellen können. Und der tickt auch Wahrheiten am laufenden Band, Nachrichten, nach denen man sich nicht richten kann, nach Sendern sortierte so genannte Fakten, mehr oder weniger manipulierte Bilder. Bilder sind insofern immer manipuliert, indem unsere Kameras einen Teil der von uns gewünschten Sichtweisen technisch herstellen, indem wir in bestimmten Situationen auch vorhersehbare Erwartungen haben, indem wir gewissenlos bereit sind, jede Veränderung als technisch bedingt und notwendig zu erklären. Darin bestärken uns die Politiker, die einerseits von Sachzwängen reden, denen man nicht ausweichen könne, und andererseits von alternativlosen Vorschlägen, diesen Sachzwängen auszuweichen. Die meisten Sachzwänge sind jedoch soziale Artefakte des Zeitgeistes. Wenn auch der Zeitgeist die Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt ist, so lädt er doch eher zum Verharren ein als zum Weiterschreiten. Insofern ist Erkenntnis auch die berühmte Entscheidung zwischen Freiheit und Sicherheit. Sie führt so oft dazu, dass wir uns von den Mächten der Welt bestimmen lassen, die wir selbst sind. Und dann erschrecken wir vor uns und zeigen mit dem Finger auf die anderen. Zwar ermöglicht eine ‚mea culpa‘ Haltung auch Märtyrertum, aber erstens ist es ethisch vertretbarer Märtyrer statt Tyrann zu werden, obwohl wir alle vielleicht aus Bequemlichkeit das zweite wählen würden, wie wir aus Bequemlichkeit auch den Zweiten wählen, aber zweitens leuchten Märtyrer in die Zukunft hinein, weshalb die Demokratie oft so verzweifelt versucht, Märtyrertum zu verhindern. Märtyrer sind natürlich nicht nur Rechtsextreme und Linksextreme, Christextreme und Islamextreme, sondern auch Yesus, Gandhi, Korczak und King. Ziel einer eigentlichen Erkenntnis wäre eine mit Freiheit kombinierte Geborgenheit.

Wie elitär Verschlüsselung und Entschlüsselung sind, kann man gut aus der Geschichte der Decodierung der Wehrmachtsbefehle durch den polnischen, britischen, französischen und amerikanischen Geheimdienst erfahren. Die Wehrmacht benutzte eine elektromechanische Chiffriermaschine ‚Enigma‘, die Arthur Scherbius erfunden hatte, die wie eine Schreibmaschine bedient wurde, jedoch nicht den getippten Buchstaben als Ergebnis entließ, sondern einen nach dem Zufallsprinzip von drei unabhängigen Rollen ermittelten. Der chiffrierte Text war jedenfalls so kompliziert, dass die Wehrmacht bis an das Ende des Krieges an die Bewahrung seines Rätsels glaubte, obwohl die Alliierten jeden Tag viele tausend Befehle decodierten. Allerdings ging dem ein äußerst langwieriger mathematischer Prozess voraus, in dem versucht wurde, hinter den rotierenden Walzen mit je 26 Buchstaben Algorithmen zu entdecken. Die Deutschen verbesserten ihre elektromechanische Maschine, die Polen, Franzosen, Engländer und  Amerikaner decodierten die Codierung immer aufs neue.  Alan Turing und anderen gelang es dann später, aus diesen Arbeiten die Grundlagen der Simulation menschlichen Denkens im Computer zu gewinnen, ohne dass wir genau wüssten, wie Denken oder besser gesagt Bewusstsein funktioniert.

Mathematik und Empirismus lassen uns glauben, dass alle unsere Erkenntnisse schon decodiert sind. Wir übersehen dabei die tiefe Verwurzelung auch elementarer Signale in unserem emotionalen Gedächtnis, was nicht nur viel größer und umfassender, sondern vor allem auch viel wichtiger für uns ist. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen ist so gesehen noch viel eingeschränkter anzunehmen als wenn wir, wie bisher, von einer Freiheit des verstandesgesteuerten Willens ausgehen. Da aber gleichzeitig und parallel die Zahl und die Qualität der Erkenntnisse rasant gestiegen ist, kann sich eigentlich niemand mehr auf die gefühlsmäßige Bremsung einer verstandesgelenkten Entscheidung berufen. Eher ist es umgekehrt. Die Zahl der Verbrechen, vor allem auch der Kapitalverbrechen, nimmt ab, in großen Teilen der Welt hat kaum noch jemand Gelegenheit zu Taten, die früher gang und gäbe waren: Progrome, Lynchjustiz, Blutrache.  Um so mehr stört uns, ganz zu recht, jeder einzelne Mord, und ganz zu Unrecht, jeder einzelne Tod.

Die eigentliche Erkenntnis ist Vertrauen. Die religiösen Grundlagen unserer Gesellschaft verbunden mit der Emanzipation von Freiheit und Individuum durch die Aufklärung, die Überschätzung des Verstandes einschließlich der Mathematik und das schließliche Verständnis für das Gefühl haben aus uns eine Gemeinschaft von im Vertrauen verbundenen Menschen gemacht, die es so vielleicht, im viel kleinerem Maße nur im Neolithikum gegeben hat. Die Jahrtausende dazwischen haben wir mit patriarchalischem Unfug, Krieg, nationalistischem Getümmel, Kampf gegen harmlose Minderheiten und dergleichen verbracht, eine grausame, vielleicht notwendige Übergangszeit.

Es ist keine Vision anzunehmen, dass sich das jetzt grundlegend ändert. Es muss sich gar nicht ändern. Wir hätten nicht überlebt, wenn nicht ein Großteil der Menschen, sagen wir etwa die Hälfte, schon immer vom Gefühl ausgegangen wäre. Durch die Zunahme an aufgeklärter Sicherheit kann sich aber immer mehr Freiheit ausbreiten, so dass wir heute beobachten können, wie sich immer kleiner werdende Minderheiten auf den Abwegen des vergangenen verlaufen. Zwar verharren andererseits große Bevölkerungsanteile in Bildung, die nur aus Bildern und Symbolen besteht, aber durch die repräsentative Demokratie ist der Einfluss solchen Nichtdenkens unter Kontrolle. Es hat sich also nicht so sehr die Teilung der Gesellschaft in Eliten und Massen geändert, sondern die Eliten können freier und transparenter entscheiden. Die Bindungen der Eliten bestanden einerseits in nichtabstrakten Traditionen, wie zum Beispiel Wörtlichkeiten oder Fundmentalismen des Christentums, die aber vor allem auch institutionalisiert waren. Wem das zu verschlüsselt klingt, der kann sich als vereinfachte Formel merken: Gewissen gleich Beichte gleich Inquisition; und umgekehrt: statt Inquisition Beichte, statt Beichte Gewissen.

Auf der anderen Seite waren den Eliten durch handfeste Lebensnotwendigkeiten die Hände gebunden: Hunger, Krankheiten, Naturgewalten, kurz: geringe Lebenserwartung. Das Vertrauen der Massen stieg natürlich mit der Lösung dieser Probleme durch die Eliten und damit die Entscheidungsfreiheit der Eliten gegenüber den Massen, gebremst nur noch durch eine, noch dazu repräsentative, Demokratie.

Wenn Erkenntnis also Vertrauen heißt, dann heißt Vertrauen auch Verantwortung. Die Entdeckung und mögliche Entfaltung des Individuums darf auf keinen Fall seine Vereinzelung bedeuten. Vielmehr hat die zugenommene Freizeit nicht nur mehr Freiheit gebracht, sondern auch mehr Kommunikationsmöglichkeiten, die nun zu einer Vernetzung der Gefühle führen können, die sich leider oft zuallererst in kollektiver Empörung zeigt. Die Angst vor Oberflächlichkeit wird vielleicht auch gerade von denen geschürt, die glaubten, dass Entfesselung des Menschen unverantwortlich sei, weil sie unverantwortlich mache.

Anmerkung:

Alle in diesem Text erwähnten bedeutenden Menschen starben eines gewaltsamen Todes, bis auf Scherbius gemäß Goethes Vision im Faust: Die wenigen, die was davon erkannt…hat man von je gekreuzigt und verbrannt. [Faust I, Vers 590ff.]

Antoine de Saint Exupery:  auf einem Flug über dem Mittelmeer verschollen

Yesus: gekreuzigt

Mahatma Gandhi: erschossen

Janusz Korczak: mit seinen Waisenkindern in der Gaskammer ermordet

Martin Luther King: erschossen

Arthur Scherbius: fuhr mit einem Pferdewagen gegen eine Wand

Alan Turing: starb an einem [selbst] vergifteten Apfel infolge seiner Bestrafung als homosexueller

 

 

NEUE WELT PRENZLAU

Nr. 265

 

Die Welt mischt sich immer wieder einmal neu. In Prenzlau befand sich wenige Meter von der Marienkirche entfernt, ungefähr da, wo die immer noch vom letzten Krieg gezeichnete Jakobikirche heute eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge aus der ganzen Welt unterhält, ein slawisches Heiligtum. Mal nahm man an, dass die Slawen sich dem einwandernden Deutschtum willig assimilierten, weil sie es als technisch überlegen erlebten, dann wieder überwog die Ansicht, dass sich die Slawen erbittert der deutschen Ostexpansion und der damit verbundenen Zwangschristianisierung widersetzen. Kein Mensch kam bisher auf die Idee, dass es weder die Slawen noch die Deutschen gegeben hat. Es gab ganz sicher Slawen, die mit den Deutschen kooperierten, es gab die Anführer des großen Slawenaufstandes von 948 sowie die weinenden Mütter am Straßenrand, und es gab ganz sicher Slawen, denen alles ganz egal war. Es gab Deutsche, die den Osten kolonisieren und christianisieren wollten, was sich nach christlicher Ansicht ausschließt, es gab Deutsche, die einfach vor ihrem gewalttätigen Vater geflohen sind, andere wieder fanden die Mädchen der Slawen attraktiv, es gab Deutsche,die waren gar keine Christen, andere wieder waren gar keine Deutschen. Das war die Lage vor tausend Jahren.

Am Ende des zweiten Weltkriegs brennt die Marienkirche, einer der wuchtigsten Kirchenbauten Nordeuropas, nieder, nicht von alliierten Bombern getroffen, sondern sozusagen mit diffuser Täterschaft entzündet. So wie auch viele Dorfkirchen in der Umgebung kann die einheimische Bevölkerung, ähnlich wie die Massenselbstmorde vor allem von Frauen in Demmin, in einer Mischung aus Angst und Selbstbestrafung, die Kirche als mächtigstes Symbol der gesamten Vergangenheit (außer der slawischen) selbst in Brand gesteckt haben. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass SS oder HJ oder beide die Kirche als letzte Selbstverteidigung geopfert haben. Das wäre sinnlos gewesen, aber der ganze Krieg war sinnlos. Anklam wurde am selben Tag von der Nazi-Luftwaffe zerstört, weil es sich kampflos ergeben wollte wie die Nachbarstadt Greifswald, warum soll nicht Prenzlau von der SS geopfert oder bestraft worden sein? Jahrzehntelang wurde behauptet, dass die ankommenden Russen die Kirche und die Stadt nicht ertragen konnten und sie deshalb sinnlos (sinnlos?) zerstört haben. In der Zwischenzeit lebten in Prenzlau neben der assimilierten ehemaligen slawischen Bevölkerung natürlich die Deutschen, aber auch zeitweilig fast ein Viertel Juden, dann aber im achtzehnten Jahrhundert auch ein Drittel Franzosen. Immer gab es viele Polen, denn Polen war nicht nur nie verloren, sondern immer auch ganz nah, ob nun mit oder ohne Grenze. 1929 kam eine große Gruppe von wolgadeutschen Mennoniten, die auf dem Roten Platz in Moskau solange demonstriert hatten, bis sie nach Deutschland ausreisen konnten. Sie kamen ausgehungert und verwahrlost in Prenzlau an und die Überlebenden wanderten weiter nach Paraguay aus. Nach dem letzten Krieg kamen viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, zu Fuß auch solche aus der Batschka, der deutschen Insel in Kroatien. Bevorzugt kamen auch Siebenbürger Sachsen und Rumänen nach Prenzlau. In den neunziger Jahren gab es soviele Russlanddeutsche in Prenzlau, dass der Zeitungskiosk im Kaufland zwölf russischsprachige Zeitungen führte. Im Jahr 2015 hat Prenzlau ziemlich geordnet und fast vorbildlich etwa 1000 Flüchtlinge aus aller Welt aufgenommen, untergebracht, in der deutschen Sprache unterrichtet und ihnen den einen oder anderen Sinn für ihre Freizeit und Freiheit gegeben.

Wer definiert jetzt bitte, wer oder was ein Prenzlauer oder ein Deutscher ist? Jedes Land ist ein ständiges Auf und Ab, ein Kommen und Gehen, so wie es in einer Familie auch ist.

Viel merkwürdiger als die verschiedenen Gruppen der Alt- und Neubürger – inzwischen sind die Stettiner und Batschkadeutschen Altbürger und Salinger, eine Familie auf dem vorbildlichen jüdischen Friedhof im Süßen Grund, das klingt gut, ist aber zwischen der Bahnlinie und der Bundeswehrkaserne, die – ich finde es falsch, das so zu nennen – laut Uckermarkkurier – eine transsexuelle Kommandeurin hat, Salinger ist ein weltberühmter, toter, äußerst skurriler Dichter in den USA, viel merkwürdiger sind die neuen Nationalisten, die ständig auf ihr Land kotzen möchten. Es ist zu vermuten, dass sie sich auf das berühmte Zitat eines berühmten Berliner Juden beziehen, der, als die Nazis die Macht übernahmen, gesagt hat, dass er nicht soviel essen könne, wie er kotzen möchte. Er hat es wohl eher als Berliner gesagt, aber vielleicht als Jude gedacht. Es ist schwer zu glauben, dass er ein jüdischer Maler war, denn er hat keine jüdischen Sujets gemalt. Die Bundeswehrkommandeurin ist auch nicht in Prenzlau, um sexuelle Abenteuer zu erleben – das dürfte auch sehr schwer werden -, sondern um die NATO-Dienststellen in Stettin mit Nachrichtentechnik zu versorgen. Es werden neuerdings Attribute verteilt, die nicht mitteilungsrelevant sind.

Die neuen Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, sondern die Vergangenheit, haben genau die tausend Jahre als Richtschnur gewählt, die auch Hitler und Himmler vorschwebten. Wie wir alle wissen, haben sie diese Ziel verfehlt. Der Krieg ging verloren, wir sagen zum Glück, aber selbst wer es als Unglück empfindet, muss es eingestehen. Demzufolge muss man doch fragen dürfen, welche Vergangenheit sich die Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, zurückwünschen. Im Kaiserreich gab es bittere Not, Hunger und Kinderreichtum, von dem die neuen Nationalisten annehmen, dass er ein Geschäftsmodell der Flüchtlinge sei. Die Neudeutschen haben nicht nur keine Kinder mehr, einige von ihnen halten Kinder auch nicht für etwas beglückend Schönes, einen Lebenssinn vor allen anderen, sondern für ein Geschäftsmodell. Gleichzeitig schimpfen sie auf den Kapitalismus. Sie halten uns – als Deutsche – für dumm. Ständig preisen sie Polizeistaaten mit ihren Unrechtssystemen und fordern strenge Bestrafungen nach dem Vorbild Saudi Arabiens und Chinas, obwohl sie und wir alle in einem der sichersten Länder der Welt mit sinkender Kriminalität leben. Die Kriminalität sank auch 2015 und vor allem 2016 weiter, obwohl angeblich so viele potenziell kriminelle Neubürger hinzukamen.

Nach der neuerlichen Aufzählung der Menschen, die in einer relativ kleinen Stadt wie Prenzlau in den letzten tausend Jahren hinzukamen und wegwanderten – ich erinnere an New Prenzlau in Queensland und Familie Salinger -, kommt man eher zu dem Schluss, dass die ständige neue Mischung von Menschen normal und wünschenswert ist, jedesmal aber mit Vehemenz von einer winzigen verbohrten Minderheit bekämpft wird. Natürlich kann man Nörgeln nicht verbieten, Polizeistaaten versuchen es immer wieder, aber man kann es als lästig empfinden. Die mutigen Menschen leben in den Flüchtlingsheimen, nicht draußen.

 

Neue Prenzlauer vor den slawisch-deutsch-christlich-jüdisch-französisch-polnischen-russland- und batschkadeutschen Orten, deren Ururenkel womöglich einst Meier heißen werden.

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