KEIN UNDANK

 

Nr. 288

Ein notwendiges Fragment

 

Abgesehen von der frühen Kindheit und von linearen Arbeitsverhältnissen handeln wir meist ohne Auftrag und ohne Dank. Warum glauben wir also an einen hinter den Dingen stehenden großen Auftraggeber und an die Berechtigung seiner und unserer Vergeltung?

Die Arbeitsverhältnisse haben sich eigentlich schon gebessert. Tatsächlich standen aber fast hundert Jahre lang entfremdete Menschen an seelenlosen Fließbändern und drehten an der einen sprichwörtlichen Schraube, die ihnen genauso sinnlos erscheinen musste wie ihr ganzes Leben. Geblieben ist das Wort Entfremdung für Verhältnisse, die nicht überschaubar sind. Aber wann sind denn die Verhältnisse für uns überschaubar? Wenn Hegel schreibt, dass der Unwissende in einer fremden Welt lebt, die er nicht versteht, weil er sie nicht gemacht hat, dann gilt das für die überwiegende Menge der Menschen, für die tatsächlich Unwissenden vielleicht noch ein bisschen mehr. Wir können und wollen nicht plötzlich den Wert der Bildung bestreiten. Aber die Welt verstehen? Hegel ist also nicht der Beginn einer neuen offenen Weltsicht der Relativität, sondern das Ende einer geschlossenen, letztlich mechanischen Denkwelt, die auf Ursache und Wirkung, gut und böse, Gott und Ungott und eben auch Auftrag und Vergeltung beruhte. Seine Schriften sind genauso faszinierend wie krank. Sein Weltgeist hat zwar den Namen gewechselt, aber nicht sein Wesen. Deshalb behaupten Autokraten gern, dass sie einen göttlichen Willen verwirklichen würden. Was sie tatsächlich verwirklichen wollen, ist immer und nur die Vergangenheit. Denn die Zukunft können wir nicht verwirklichen, weil wir sie nicht kennen. Eine Vision ist immer ein Wagnis, ein Schritt in die Dunkelheit. Der erste Mondbetreter hat es schon ganz richtig gesagt oder es ist ihm gesagt worden: eine visionäre Tat ist für den einzelnen Menschen nur ein winziger, für die Menschheit aber ein riesiger Schritt. Jahrtausende haben die Menschen vom Mond geträumt, weil er allgegenwärtig, aber unbegreifbar ist. Die Landung auf dem Mond erforderte Mut, aber brachte keine Konfliktlösung auf der Erde. Vielleicht wird gerade deshalb auch diese Mondlandung angezweifelt und für eine propagandistische Fakemeldung statt einer Tatsache gehalten. Jeder Auftrag muss nach alter mechanischer Ansicht auch einen Nutzen haben: cui bono [Cicero] = wem nützt es?*, wird oft gefragt, und der Frager glaubt, wenn er die Antwort weiß, dann kennt er die Ursache, dann versteht er die Welt. Stattdessen stürzt der aktuelle Nutzen den Verursacher oft in ein Dilemma, bei dem uns nur wundern sollte, dass es schon so lange bekannt und benannt, und trotzdem immer wieder nicht begriffen ist: Es gibt nicht die eine Lösung. Es gibt nicht den einen Verursacher. Es gibt nicht hier die Ursache, da die Wirkung. Des einen Nutzen ist nicht zwangsläufig des anderen Schaden. Ein Parasit muss nichts schlechtes sein, es gibt überhaupt nicht das Gute und das Böse. Wenn das Böse das Unterlassen des Guten ist, dann gibt es nur eine Kategorie, so wie es auch nur eine Temperatur gibt, und nicht Wärme und Kälte.

In wessen Auftrag handeln wir also und wessen Dank erwarten wir? Wir stehen gleichermaßen in einer langen Reihe der Urahnen und Kindeskinder wie auch allein. Unser Auftrag ergibt sich daraus, dass wir fähig sind, unsere Endlichkeit zu bedenken, nicht die Endlichkeit der Menschheit, sondern unsere individuelle Endlichkeit:

Was du tust, so bedenke das Ende, so wirst du nimmermehr Übels tun.

[Jesus Sirach 7,40]

So und so ähnlich lauten die Mahnungen aller Philosophien und Religionen. Noch deutlicher stimmt die Kunst mit ein: Alle Menschen werden Brüder, all you need is love. Aber wir wollen all diese Botschaften nicht hören. Statt dessen glauben wir lieber, dass das Medium die Botschaft sei oder dass die Welt in Beliebigkeit versänke, wenn man nicht einer der tausend sich für richtig haltenden Ideologien folgte, die alle kostenlose Wässer und Weisheiten versprechen.

Es gibt keinen Auftraggeber, der sich verschworen hätte, die Welt zu beherrschen. Es gibt keine Berechtigung zur Vergeltung, wenn jemand vom Weg abweicht. Merkwürdig ist, dass gerade immer diejenigen am lautesten nach einem Richter schreien, die sonst behaupten, es gäbe nur einen Weltenrichter. Dieser Weltenrichter ist das eigene Ende. Wir sollten unser Leben so einzurichten versuchen, dass etwas von uns bleibt: unsere Kinder, unsere Gedanken, ein Haus, ein Baum, Treue zu einem Menschen, ein Trost, eine Hoffnung, ein Euro für den, der darum bittet.

Das Gute ist unendlich, sowohl als Tatsache wie auch als Möglichkeit. Dagegen ist das Böse, die Unterlassung des Guten, immer endlich.

Leider hat nicht jeder Mensch immer Glück. Das Leben mag im großen und ganzen sinusförmig sein, aber es ist nicht für jeden einzelnen harmonisch. Mancher mag sogar aus dem Leid Produktivität ziehen können (‚Schmerz gebäre Tat‘, [Ernst Toller]), aber manch anderer zerbricht an seinem Leid, von dem wir gerne sagen, dass es ihm oder uns auferlegt sei. Glück gehört nicht zu den Gewährleistungen. Harmonie ist nicht versprochen. Aber zu jedem Erfolg gehört auch immer Glück. Aber der Erfolg lässt sich nicht berechnen. Demzufolge ist der Ruf nach Bescheidenheit und Demut verständlich und hilfreich. Besser ist es jedoch optimistisch und selbstbewusst zu sein. Man kann besser helfen, wenn man von sich glaubt, dass man ein Helfer sei. Die Welt wird besser, weil und wenn wir mehr geben als nehmen.

 

* aber: cum hoc ergo propter hoc

DIE SCHWEIGENDE KLASSE IM FRANKFURTER HAUPTBAHNHOF

Nr. 287

Eines der vielen Rätsel autoritärer Herrschaft ist der Widerspruch zwischen der Schuldsuche im Ausland und der Bestrafung an den eigenen Leuten. Die einfache Antwort, dass man der Schuldigen eben meist nicht habhaft werden könne, kann nicht befriedigen. Denn sie erklärt nicht, warum oft gerade diejenigen bestraft werden, die man leicht überzeugen oder anderweitig einbinden, auf jeden Fall aber dringend zum Funktionieren des Staatswesens brauchen würde. Während des Ungarnaufstandes 1956 hat eine Schulklasse in Storkow, einer Kleinstadt südöstlich von Berlin, für die Opfer in Ungarn eine Schweigeminute eingelegt. Das war, folgt man dem Buch und dem Film, fast spontan. Aber die autoritäre Herrschaft reagiert, nachdem sie langsam anfährt, mit allen Mitteln. Sie schließt schließlich, nach einem denkwürdigen und schändlichen Auftritt des Bildungsministers, alle Schüler von der Bildung im ganzen Land aus. Aber sie vergisst, dass die Grenze offen ist und alle Schüler, bis auf vier, sich in die S-Bahn setzen und dort im Westen nicht ohne Häme gut aufgenommen werden und das Abitur machen können.

Warum also schadet sich eine autoritäre Herrschaft solange selbst, bis sie verschwindet? Wir müssen uns schnell noch erinnern, dass alle diese Staatsysteme an wirtschaftlichen, Isolations-  und Loyalitätsproblemen scheiterten. Zum Schluss wollen selbst die einst Gutwilligen das System, welches am Zusammenbrechen ist, nicht mehr mittragen. Wenn es so einfach ist, dann kann man sich schon wundern, dass es immer wieder Menschen gibt, die autoritäre Herrschaft wollen. Wir lernen nicht aus der Geschichte. Alle diesbezüglichen Aufrufe sind sinnlos und dienen mehr der eigenen Entlastung: Es wäre schön, wenn wir aus der Geschichte lernen könnten. Wir können nicht aus der Geschichte lernen, weil sich die Bedingungen so ändern, dass die Erfahrung von gestern heute nicht mehr viel wert ist. Die Leute, die, sagen wir, am 8. November 1989 stehen geblieben sind, können noch so viele Geschichtsbücher lesen, wenn sie weiter glauben, dass am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ihre Welt endet, werden sie nichts verstehen und nicht weiterkommen. Wir lernen noch nicht einmal aus unserer eigenen Geschichte. Die Psychologie kennt den schönen Begriff des Wiederholungszwangs. Aber nicht nur die Witwe des Alkoholikers, die als nächsten Mann wieder einen Alkoholiker heiratet, frönt ihm, sondern wir alle lieben Rituale. Wir alle lieben die Bestätigung, die in der Wiederholung lebt, schon das kleinste Kind ruft: noch einmal. Aber inzwischen wissen wir: vieles lässt sich nicht wiederholen. Die Zeit insgesamt ist unumkehrbar. Wir zögern vor jedem Schritt ins neue Ungewisse, aber wir können auch nicht zurück, und selbst wenn wir es könnten, würden wir auch davor zögern.

Etwas übertrieben könnte man sagen, dass wir alle irgendwo in unserer oder in der Gesamtgeschichte stehenbleiben und den Rest der Welt nicht mehr verstehen. Die kopfschüttelnden Alten, die alles ablehnen, sind genauso typisch, wie die Jungen, die nicht wissen können und wollen, was gestern war. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass wir weder die Zukunft noch die Vergangenheit voraussagen können. Versucht man zum  Beispiel, einen Verkehrsunfall mithilfe von zwanzig Zeugen zu rekonstruieren, so wird man scheitern und zum Schluss glauben, es hätte zwanzig verschiedene Unfälle gegeben. Hitler, ein weiteres Beispiel, war, auch als seine Zeitgenossen, Gegner und Parteigenossen, noch lebten, alles von der willenlosen Marionette des Finanzkapitals bis zum triebgesteuerten Psychopathen. Hinterher wusste es jeder besser.

Und so geht es den Autokraten auch heute noch. Der Streit zwischen Empathie, die ihren politischen Ausdruck in Demokratie und Sozialstaat gefunden hat, und einer charismatischen, aber autoritären Herrschaft, die durch die sogenannte Vaterliebe legitimiert war, währt schon sehr, sehr lange. Vielleicht ist er nicht entscheidbar. Tröstlich ist nur, dass die Herrschaft der Autoritären immer nur zeitweise anhält, schon deshalb, weil die Herrscher sterblich sind. Nordkorea ist eine Ausnahme, deren Ende absehbar ist, so wie Kanada mit der Familie Trudeau auf demokratischer Seite auch die Ausnahme ist.

Der Frankfurter Hauptbahnhof ist das Gegenteil von all dem. Man kann von ihm aus in jede Richtung, jeden Ort fahren. Das gilt eigentlich von fast jedem Bahnhof, ist aber in Frankfurt durch dessen zentraleuropäische Lage besonders gut sichtbar. Berlin, Paris und Bern sind gleichweit entfernt. Täglich sind 350.000 Menschen mit 180 verschiedenen Herkunftsländern Gäste des Bahnhofs. Der Sinn des Bahnhofs ist keinesfalls, wie man im ersten Anlauf denken könnte, das Verreisen. Vielmehr ist der Sinn des Bahnhofs nicht eindeutig bestimmbar. Wer einen der mehr als 350 Züge benutzen will, für den ist einigermaßen klar, dass der Bahnhof nicht nur Sinn, sondern auch Zweck und Nutzen hat. Was aber, wenn er oder sie sich unsterblich in sie oder ihn verliebt und beide den Zug verpassen, aber dafür das Lebensglück finden? Was aber, wenn man erschossen wird oder einen Herzinfarkt erleidet? Was aber, wenn du der Äthiopier bist, der einen CUCCI-Kiosk betreibt und damit sein Lebensglück an einem Ort gefunden hat, den er nicht nur nicht kannte, sondern sich nicht hätte vorstellen können, wenn nicht… Was aber, wenn wir, statt als Deutscher, Franzose oder Schweizer geboren zu sein, als kleiner Rom zur Welt gekommen wären und jetzt auf dem Frankfurter Hauptbahnhof zu der fast militärisch organisierten Truppe gehören würden, die jeden der 350 Züge aufsucht und jeden der 350.000 Gäste nach Geld fragt? Dann würden wir wohl an diesem Ort über unser Schicksal verzweifeln, weil sich in ganz Europa für uns keine bessere Lösung findet als die unseres Familien- oder Clanchefs.

Ein so großer Bahnhof bildet sehr schön das Leben in seinem Verhältnis von Regelhaftigkeit, die hier im realisierten Fahrplan erscheint, und Chaos ab. Das Chaos sind immer die anderen, denn wir wissen, was wir wollen. Auf einem Bahnhof kann man niemanden zum Schweigen bringen. Auch im Leben geht es offensichtlich nicht. Jener Bildungsminister, die Schulrätin, der Direktor, der Geschichtslehrer, sie alle sind einfach nur der Lächerlichkeit preisgegeben. Und doch malt dieser Film kein Schwarzweißklischee, sondern er zeigt auch die inneren Nöte des  Kommunistensohns, der loyal zu der Partei sein will und muss, von der er erfährt, dass sie seinen Vater als vermeintlichen Verräter erschoss. Aber gibt es denn keine Verräter? Vielleicht gibt es sie, vielleicht auch nicht, denn wer kennt den Ausgang der Geschichte, aber auf keinen Fall gibt es irgendeinen Grund, einen Menschen zu töten.

Aber jetzt muss ich zum Bahnsteig 11, am CUCCI-Kiosk vorbei, dem Romajungen einen Euro zuwerfen, meiner ewigen Verspätung mit zweihundert Stundenkilometern voraus- oder hinterhereilen…

GO TELL IT ON THE MOUNTAIN

Eine Rezension

Nr. 286

Was bei uns wie ein Weihnachtslied klingt, kann man auch so verstehen, dass jemand den Leuten hinter den Bergen sein Leben erzählt, damit sie sehen, dass er ein Mensch wie sie ist und dass er seinen Weg gefunden hat. Seit der Antike und in Wellen auf und ab schwappt die Angst vor dem Ertrinken im Fremden und riskiert, dass die Fremden ertrinken. Die menschlichen Botschaften werden scheinbar nur auf den Bergen gehört, in den Tälern der Ahnungslosen herrscht dagegen die Angst. Aber der Wanderer kennt beides: auf dem Gipfel die Begeisterung, im Tal die Verzweiflung.

Anfang der fünfziger Jahre, 1951 und 1953, erschienen zwei Bücher, deren Protagonisten östlich und westlich vom Central Park in New York in scheinbar zwei verschiedenen Völkern oder Kulturen aufwuchsen. Aber darum geht es in beiden Büchern nicht. Sie beschreiben vielmehr die Menschwerdung eines Kindes und Jugendlichen, coming of age, als eine Geschichte, die sich zwar unter konkreten, oft widrigen Umständen entfaltet, aber dabei einem geheimen Programm oder Plan zu folgen scheint. Dabei ist es leider fast genau umgekehrt: das Leben und die Geschichte verlaufen plan- und sinnlos, aber wir versuchen ihnen nachträglich einen Sinn  zu geben durch Tradition, Religion, Interpretation und auch durch Vergessen.

Das erste Buch ist DER FÄNGER IM ROGGEN von Jerome David Salinger, das eine zeitlang jeder Jugendliche kannte. Es war und ist ein Kultroman, der seinem an sich schon reichen Verfasser gestattete, fortan ein Leben ohne Menschen und ohne Arbeit in einem abgeschotteten Grundstück zu führen. Er wurde der sprichwörtliche alte Amerikaner, der mit seiner Schrotflinte auf jeden ungebetenen Besucher schoss, und jeder Besucher war ungebeten.

Das zweite Buch ist GO TELL IT ON THE MOUNTAIN von James Baldwin, das soeben in neuer deutscher Übersetzung und mit neuem, zum Karfreitag passenden Titel VON DIESER WELT erschienen ist. Auch dieses Buch, obwohl weit weniger bekannt, ermöglichte seinem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Verfasser ein Leben in Luxus an der Côte d’Azur und in Paris. Aber dann wurde er in der Bürgerrechtsbewegung von seinen Freunden Malcolm X., Medgar Evers und Martin Luther King gebraucht und kam zurück und wurde einer der zurecht bewundertsten amerikanischen Intellektuellen.

Das Buch erzählt die Geschichte und Vorgeschichte eines intelligenten Jungen namens John Grimes, eingebettet in die Geschichten seiner Mutter, seiner Tante, seines Stiefvaters, seines Vaters, seines Stiefstiefbruders, seines Stiefbruders. Mit allen diesen Menschen muss er leben und aus all diesen Leben holt er sich seinen Lebensstoff. Während seine Mutter einfach ein lebenslustiges Mädchen ist, versucht sein Vater aus dem unfreiwilligen Leben voller Armut und Demütigung durch Bildung herauszukommen. Er liest nicht nur viel, wie dann  später sein Sohn, der das Abbild des Verfassers ist, sondern er geht mit seiner Freundin auch in die großen Museen in New York, ins Kino, ins Theater. Sein Weg war richtig, bis sich in einer nächtlich leeren U-Bahn-Station drei flüchtige Einbrecher neben ihn stellen. Er wird verhaftet, gefoltert, aber er kommt frei und nimmt sich das Leben. In einer solchen Skizze zeigt Baldwin, dass der Mensch nicht nur durch die Tatsachen des Lebens gefährdet ist, sondern auch durch seine Vision vom Leben, mag sie positiv sein, wie die Bildung, mag sie negativ sein, wie die Angst, durch ein rein äußerliches und zufälliges Merkmal sterben zu können.

Sein Stiefvater dagegen ist ein äußerst jähzorniger, gewalttätiger und heuchlerischer Christ, ein scheinheiliger Hausmeister, beinahe muss man sagen ein Fundamentalist. Trotzdem ist das Leben in der immer größer werdenden Familie nicht nur schrecklich, denn John liebt seine Mutter und seine Stiefgeschwister, vor allem seine kleine Schwester, der er flüsternd rät, sobald sie auf ihren Beinen stehen kann, sie in die Hand zu nehmen und abzuhauen. John liebt auch seine Bücher und den wegen seiner Mädchengeschichten kritisierten Hilfsprediger. Überhaupt wird die Geschichte nicht ein bisschen selbstmitleidig oder larmoyant erzählt, schon gar nicht belehrend. Das Leben der Familie ist eigenartig auf und um den Sonntag und den Stiefvater zentriert. Aber gerade da liegt auch der Spielraum für John. Die Sprache des Erzählers und der kongenialen Übersetzerin Miriam Mandelkow gibt äußerst präzise die Mischung des Tons als die Mitte aus Gospel und Gosse wieder. Auch der Geist der Familie, all ihre Geschichten, sind aus der Bibel gespeist. Aber dann dringt die Straße mit ihrem Mord und Totschlag ein und übertönt die Bibel mit deren Mord und Totschlag. Weiter jedoch gibt es ganz lange und niemals langweilige meditationsartige Innenkommentare, die uns zeigen, wie jede Figur des Romans, so wie jeder Mensch im Leben, aus den Ereignissen Geschichten macht. Baldwin selber nennt das an anderer Stelle: aus der Unordnung des Lebens die Ordnung der Kunst machen.

Zu den erstaunlichen Eigenschaften des Romans gehört seine Präzision, mit der er die Verhältnisse und die Seelen, die Sprache und die geheimsten Gefühle der Menschen zu beschreiben vermag. Auch formal ist es Baldwin gelungen, eine überzeugende, fast adäquate Übereinstimmung zwischen den Geschichten und dem brillanten Stil zu finden. Die Vorgeschichten werden ohne Perspektivwechsel am selben Tag in Form von langen Gebeten den Figuren selbst in den Mund gelegt, ohne dass sie etwas, zum Beispiel ihre Geheimnisse, aussprechen müssen. Das Geheimnis des Stiefvaters, dass er schon einmal einen Sohn hatte, der aber statt von Gott berufen gewesen zu sein an seiner Wildheit zugrunde ging, wird virtuos als Spannungsmoment sowohl in seiner ersten tragischen Ehe als auch in bezug auf seine Schwester, zu der er ebenfalls eine sehr problematische Beziehung hat, benutzt. In dem selben Zeitraum und Maßstab, in dem das Geheimnis anschwillt, vermehrt sich aber auch die Fähigkeit des Stiefvaters, sein verlogenes Christentum als Selbstverteidigung einzusetzen.

Und langsam, beim Weiter- und Immerweiterlesen, dämmert dem faszinierten Leser auch, warum das Buch einen neuen deutschen Titel hat. Denn der amerikanische Titel beinhaltet sowohl die christliche Weihnachtsgeschichte, als auch, in einer älteren Textversion, das Suchen eines Menschen, der dann über die Berge und Hügel seinen Weg findet. Das bleibt dem deutschen Leser vielleicht verschlossen. Dagegen kennen wir alle, ob Christen oder Unchristen, die Karfreitagsantwort des weisen Yesus auf die Frage des bornierten Beamten Pontius Pilatus: dass er nämlich, im Gegensatz zu James Baldwin, nicht von dieser Welt sei. Baldwin hat sich viel später, nach diesem Roman, mit seiner berühmten Formel zur Welt bekannt: ‚I’m not a nigger. I’m a man.‘ Das scheint ein bisschen die neue Losung der gegenwärtigen Bürgerrechtsbewegung auszuschließen: BLACK LIVES MATTER. Aber beide gehören zusammen: erst wenn wir nicht mehr schwarze Leben extra zählen müssen, und wir alle sagen können: ich bin ein Mensch und nicht Mitglied einer Sorte Mensch, die sich für besser hält oder schlechtgeredet wird, erst dann wird die Welt besser geworden sein.

VON DIESER WELT ist nicht nur eins der besten Bücher, das ich je gelesen habe, sondern beginnt auch mit einem der besten ersten Sätze, mit denen je ein Roman begann: ‚Everyone had always said that John would be a preacher when he grew up, just like his father.‘ Man ahnt sofort: sein Vater ist nicht sein Vater, und John will auch nicht sein wie sein Vater, und er will ihn auch nicht zum Vater haben, sein Vater will einen göttlichen Sohn, der ihm dreimal verwehrt wird, deshalb beschimpft und verprügelt er John, der ganz gewiss kein Prediger, und der genauso gewiss nicht nur erwachsen wird, sondern wahrlich groß. Wir alle sind der Stiefsohn.

Und fast zum Schluss des Buches kommt ein noch besserer Satz, der zwar konkret von einer Romanfigur über eine andere Romanfigur geschrieben ist, aber für uns alle, für die ganze Menschheit gilt, auch für diejenigen, die nicht wissen, dass jedes Leben mit einer Bilanz, ob nun mit oder ohne Posaune des Jüngsten Gerichts, für das Jericho ein guter Ort geworden ist, endet: ‚Von allen Menschen … solltest du am heftigsten hoffen, dass die Bibel lügt – weil wenn die Posaune erschallt, brauchst du die Ewigkeit für deine Erklärungen.‘

 

 

James Baldwin, Von dieser Welt, dtv München; 2018

Raoul Peck, James Baldwin, I am not your negro, Edition Salzgeber, 2018                                                        oscarnominiert, berlinaleausgezeichnet

DAS HÖLTERLEIN-ZIMMER

 

Nr. 285

1

Wir öffnen das Fenster und sehen hinaus. Draußen steht ein Baum. Wir sehen ihn, aber gleichzeitig fällt uns ein, was wir über den Baum und die Bäume wissen. Der Baum hat also eine eigene Erzählung. Der Fachbegriff dafür heißt Narrativ, von lateinisch narrare, erzählen. Gleichzeitig und unabhängig von den Begriffen gibt es auch große Menschheitserzählungen, mit und in denen wir uns besser erkennen können. In allen Kulturen gibt es Erzählungen von der Entstehung des Menschen, zum einen, weil niemand wissen kann, wie der Mensch entstand, zum anderen, weil Prozesse über Millionen Jahre nur in einer symbolhaften Erzählung verstanden werden können. Die Geschichte von der Zerstörung der Stadt Sodom wegen des unmoralischen Lebenswandels ihrer Bewohner mag uns kindisch vorkommen, aber Tatsache ist, dass es unmoralische Menschen, zerstörte Städte und die ständige Verwechslung von Ursache und Wirkung  gibt. Diese Geschichte, so kindisch sie die Vernunft auch verurteilen mag, kennt jeder.

2

Schelling, Hegel und Hölderlin lebten für kurze Zeit im selben Zimmer im Evangelischen Stift Tübingen, zwei künftige Philosophen und ein unglücklicher Dichter sollten Pfarrer werden, wurden es aber zum Glück nicht. Wenn Hölderlin, dessen Namen Goethe sich nicht merken konnte oder wollte und in Hölterlein verhunzte, nichts neues vorzutragen hatte und nichts zu lernen war, gab es vielleicht Gespräche. Schelling mag gesagt haben: Ich lerne nur, um selbst zu schaffen, nur durch dieses göttliche Vermögen der Produktion ist man wahrer Mensch, ohne dasselbe nur eine leidlich klug eingerichtete Maschine.* Hölderlin erwiderte vielleicht: O, ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Haus stieß und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.** Hegel überlegte lange und stieß dann hervor, indem er heftig in seinem Heft blätterte: Ist erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.***

3

Es ist möglich, dass Kafka mit seiner vor hundert Jahren entstandenen Erzählung über die Metamorphose des Handlungsreisenden Gregor Samsa die Entstellungen des Menschen durch den ersten Weltkrieg vorwegnahm. Im Gegensatz zu seiner trostlosen Figur Samsa, dem summenden Käfer, war Abteilungsdirektor Dr. Franz Kafka in seiner Versicherungsgesellschaft hochgeschätzt und galt als fast unersetzbar, er wurde weder für den Krieg noch für seine 1917 mit einem Blutsturz beginnende schreckliche Krankheit freigestellt. Aber auf seinen Wegen wird er die verstümmelten Opfer des Krieges gesehen haben. Im Hungerwinter mag dies besonders kafkaesk gewesen sein.

Der erste Weltkrieg hat sowohl die schrillste Kriegsbegeisterung hervorgerufen als auch den stillsten Pazifismus. Die Kriegsbegeisterung wurde von vielen Intellektuellen nicht nur geteilt, sondern auch begründet und befördert. Die lange Friedensperiode in Europa verband man kausal mit der Entfremdung und Erstarrung, statt dass die Ursache dieser Entfremdung in der Industrialisierung und Säkularisierung gesehen wurde. Der Abschied der europäischen Menschen von der Natur, dem Dorf, der Familie, dem Handwerk und der Staatsreligion hat über ein Jahrhundert gedauert, wurde aber von den um 1913 lebenden Menschen auf den Überdruss des Friedens verortet. Im Krieg erwartete man die große Seelenreinigung, die man zu brauchen glaubte. Nur wenige Fachleute werden das tatsächliche Skript des Krieges geahnt haben: die Mechanisierung des Tötens mit dem Ergebnis seiner Potenzierung. Der Aufschwung von Chirurgie und Prothetik ist, genau wie die Weiterentwicklung von Kettenfahrzeugen und U-Booten, allein dem Krieg als Katalysator zugerechnet worden. Indessen führte die Seelenreinigung (Katharsis) des Krieges zu einer Sinnentleerung und einer zeitweiligen Aushöhlung des Tötungsverbots, die in Auschwitz und in den Gulag ihren Höhepunkt fand. Erst die Abschaffung der Todesstrafe und die theoretische und praktische Ächtung des Krieges haben zur vollständigen Wiedereinsetzung des Tötungsverbotes, merkwürdigerweise aber nicht zur Renaissance der christlichen Kirchen als moralischer Instanz geführt.

Die Entstellung durch das Alter findet sich schon in antiken Sagen, in denen Blindheit mit Weisheit gekoppelt werden, wie bei Teiresias oder Ödipus. Bei Teiresias, dem blinden Seher, wird auch die Vermännlichung der alten Frau und die Verweiblichung des alten Mannes dargestellt. Der unbekannte Dichter Anton Kuh sagte über den berühmten Dichter Stefan George, dass er wie eine alte Frau aussehe, die wie ein alter Mann aussieht. Und das sieht man häufiger! Bei den Brüdern Grimm taucht ein durch Tremor entstellter Alter auf, dem erst durch das Verständnis des Enkels seine Würde zurückgegeben wird. Die signifikante Erhöhung des Durchschnittsalters durch den allgemeinen Wohlstand führt zu der gerne als Vergreisung beschriebenen Deformation der Bevölkerungsstruktur. Oft übersehen wir dabei die damit einhergehende Entstellung zum Beispiel der Mobilität, aber auch der Sinneswahrnehmungen. Das Straßenbild wird zunehmend von Rollator genannten Gehhilfen bestimmt, Krücken, Stöcke, Hörgeräte, Brillen und Prothesen gehören zum Standardequipment des modernen Menschen in den Industrienationen, besonders in Japan und Deutschland. Dagegen ist in einem bitterarmen Land wie Niger die quicklebendige Hälfte der Menschen jünger als fünfzehn Jahre. Das Dilemma des Alterns ist der Wandel der körperlichen Gestalt und Funktion bei gleichzeitiger geistiger Wahrnehmung und Gestaltungskraft. Der Kern des Menschen, sein Wesen, seine Psyche bleibt unverändert, unbenommen. Das zeigt der zum Käfer geronnene Gregor Samsa aus Abteilungsdirektor Dr. Franz Kafkas heilloser fantasy. Die Idee der Entstellung als Folge der Entfremdung, als Ausdruck des Widerstands nach der Unterwerfung, der Freiheit also nach der Sklaverei der Arbeit, führte zu einem neuen Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, das von Kafka vielleicht erahnt oder erhofft und in der ‚Verwandlung‘ versucht wurde.

4

Kafka ging gerne ins Kino. Das Kino war mit der Schallplatte, dicht gefolgt vom Radio und Fernsehen, der zweite Schritt der Reproduktionsfähigkeit von Information und Kunst. Weder Hegel noch Kafka konnten das erzählende, narrative Zeitalter voraussehen, ihre Vorahnungen waren aber höchst erstaunlich. Tatsächlich gibt es eine bemerkenswerte Differenz zwischen der Realität und der Vorstellung. Kinder leben in einer parallelen Spielwelt, aber das Theater gibt es auch schon seit altersher. Nachahmung ist das Gegenstück von Seelenreinigung****, wie die Klageweiber des Orients die Umkehr und die Mütter seiner Helden sind. Der Hass über den autoritären Lehrer entlädt sich am besten in seiner Parodie. Die Tragödie beschrieb schon Nietzsche als einen Zwilling der Musik als Bewusstseinserweiterung. Aber auch Drogen erzeugen parallele Inhalte, Vergrößerungen, Minimierungen, Mobilisierungen, Omnipotenzierungen der phantastischsten Art. Die Flugfähigkeit des Menschen, auch sie eine der antiken Ursagen, nämlich Ikarus und sein Erfinder und Vater Daidalos, der auch das Labyrinth und seine Lösung fand, den roten Faden, wurde noch im sechzehnten Jahrhundert im Bereich der Magie gesehen, so dass der vermutlich erste Mensch, der mehr als wenige Meter flog, Ahmed Celebi, zunächst kurz gefeiert, dann aber verbannt wurde. Im Verbannungsort, der maghrebinischen Wüste, starb er dreißigjährig und allein.

Zunächst erscheint es so, als ob all die Technik der Informations- und Kunstreproduktion die Entfremdung vertiefen oder ein neue Entfremdung erzeugen würde. Millionen tief in ihre Geräte versenkter Jugendlicher lassen uns glauben, dass sie für die Realität verloren sind. Auch die parallel entstandene HipHopKunst handelt von der Flucht aus der Welt, wie schon vor ihr die Romantik oder das Barock. Statt also ein apokalyptisches Verschwinden zeigt die Gegenwart vielmehr ein katalytisches Verwandeln, einerseits zyklisch, andererseits progressiv. Dass der Bruch mit der Vergangenheit diesmal tief und vor allem schnell sei, daran hegt niemand Zweifel, nur das heißt bei weitem nicht, dass er auch zerstörend oder gar endgültig sei.

Das Reich der Vorstellungen ist technisch so radikal revolutioniert, dass auch der Inhalt sich zu verwandeln beginnt. Was mit Edgar Allan Poe und Jules Verne als science fiction begann, hat eine ganze fantasy-Industrie hervorgebracht, einen Komplex aus Filmen, Spielen, Musikproduktionen, Verbundnetzen, die thematisch festgelegt oder generalisiert sind. Zwar bleibt es eine Illusion, dass man zum Beispiel bei facebook mit mehr als zwei Milliarden Menschen kommuniziert, davon abgesehen, dass es nach wie vor keine Botschaft für sie gäbe, aber die Illusion hat die Möglichkeit an die Seite bekommen und das Minimalmodell: mit den uns bekannten Menschen können wir über Raum und Zeitgrenzen hinweg kommunizieren. Das hilft nicht nur bei der Bewältigung der komplexen Realität, sondern erweitert auch fortlaufend die Vorstellung. Der heutige Mensch muss sich nicht in einen Käfer verwandeln, er kann sich selber zu jeder Zeit und überall jede nur vorstellbare Gestalt geben, ohne entstellt zu werden. Seine Vorstellungskraft wächst mit der Zahl seiner Verwandlungen.

5

Es gibt auch immer die Angst, all das Neue könnte die Intimität zum Beispiel der Familie oder der Liebe zerstören, eine solche produktive Gedankenbrutstätte wie das Hölterleinzimmer würde es gar nicht mehr geben. Das Gegenteil scheint wirklicher zu sein: das Ende des achtzehnten und der Beginn der neunzehnten Jahrhunderts war für Jugendliche die Hölle. Man glaubte, dass man den Kindern das Gute und das Wissen einbläuen könnte, mit dem Stock das verstärken, was der Geist nicht vorstellen konnte. Das Böse erzeugt immer nur das Böse, aber das Gute erzeugt eben auch das Gute. Das wissen wir erst seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg dank der Geistesriesen Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und John Lennon, die übrigens Menschen waren. Dass drei von ihnen von ihren Gegnern erschossen wurden, bestätigt das bittere Faustwort, dass, wer etwas davon erkannt, seit je gekreuzigt und verbrannt wurde. Es gibt immer auch die Angst. Natürlich steht auch Goethe mit seinem vielzitierten Faust in der Ahnenreihe des narrativen Zeitalters. Das Silicon Valley ist sechshundert Kilometer von der alten Traumfabrik Hollywood entfernt, aber direkt aus ihr geboren. Das Silizium, der elementare Grundbaustein des Computers, ist das Gegenteil von dem alten verhängnisvollen Silentium (SCHWEIGE!!!), das Generationen disziplinieren sollte. Der alte Traum, den Staat, den man einerseits als Strukturfaktor braucht, der sich aber immer, auch in seiner bürokratischsten Form, der Demokratie, verselbstständigt und zur Ordnungsmacht wird, der in so vielen Utopien – Nirgendwoen – zerstört wurde, um sich immer wieder zu erheben, scheint erst im berühmten Tal von San Francisco sein wohlverdientes Grab zu finden. Fast unbemerkt hat sich die Romantik (‚die Welt poetisieren!‘) verwirklicht und Besitz von den meisten Menschen ergriffen. Selbst im  ärmsten Land Afrikas, in Niger, kann man sich fast leichter eine Geschichte beschaffen als eine warme Mahlzeit. Die Vorstellung wurde revolutioniert, und das ist wohl nach der Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsrevolution die größte und noch größere. Es ist wunderbar – im wahrsten Sinne des Wortes -, dass das Denken nach dem Fliegen die größte Errungenschaft und das schönste Vergnügen, die beste Verwandlung und tiefste Revolution der Menschheit geworden ist. Was zählt, ist das Erzählte, nicht die Zahl.

 

6

So wie die Romantik der Reflex und die Abwehr der Industrialisierung und Säkularisierung war, eine Anti-Technik-Bewegung, die mit dem Gedicht gegen die Lokomotive vorging,  eine Flucht in den Traum, so ist vielleicht das Heraufbeschwören des Nationalismus oder auch nur der Nation der letzte Reflex des bedrängten Menschen, der seine letzte Identität schwinden sieht, die seiner nationalen Herkunft.

Wahrscheinlicher ist hingegen, dass der Mensch, so wie bei Kafka vorausgeahnt, zu Verwandlungen fähig ist, die sich in den großen Erzählungen, inzwischen meist Filmen oder Spielen, spiegeln. Und wer Herr über alle Geschichten wird, muss und wird nicht mehr schweigen. Neben die Inflation des Geldes und der Dinge tritt die Inflation des Wortes, auch des Schimpfwortes. Aber man darf sich nicht täuschen: Was zählt, ist das Erzählte. Geschichten machen nicht satt, aber besser. Satter als satt kann man nicht sein, aber besser als gut.

 

 

 

*SCHELLING, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums

**HÖLDERLIN, Hyperion

***HEGEL an Niethammer 28.10.1808

****Mimesis ist das Komplement der Katharsis.

DER REISENDE. Eine Rezension*

 

Nr. 284

Um es gleich vorwegzunehmen, der Reisende aus diesem ungeheuer frischen und aktuellen Buch erreicht kein Ziel. Man kann sicher annehmen, dass er in der psychiatrischen Klinik, in der er endlich landet, endet. Auch der sehr junge und höchst originelle Autor hat sein Ziel nicht erreicht. Auf dem Weg von Australien, wo er in einem Lager für enemy aliens interniert war, zurück nach England wurde er von einem deutschen U-Boot versenkt. Nur seine beiden Bücher haben überlebt, wenn auch nur eines von beiden jetzt zum ersten mal in der Muttersprache des Autors erscheint.

Otto Silbermann, der so heißt wie ein typischer deutscher Jude und ein typischer deutscher Orgelbaumeister, ist ein typischer deutscher erfolgreicher Geschäftsmann. Aber in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brechen sein Geschäft und sein Leben plötzlich zusammen. Trotzdem, und das ist schon einmal bemerkenswert, findet er es richtig, was Herschel Grünspan in Paris getan hat. Wie viele deutsche Bürger dieser Zeit kann er nicht glauben, was er sieht. Sein nicht unbeträchtliches Vermögen schmilzt in wenigen Tagen zum Inhalt einer Aktentasche, und es ist nur eine Frage von wenigen weiteren Tagen, dass auch die verschwindet. Das Buch wird immer spannender, je weiter es dem Ende zugeht. Es wird sehr viel über Geld geredet, fast auf jeder Seite, fast immer sehr intelligente Bemerkungen, aber es verliert in dem Maße an Bedeutung, wie es Silbermann aus den Händen schwindet. Geld wird als akkumulierte Zeit gesehen und verliert seinen Wert, je weiter sich der Protagonist von seinem bürgerlichen Leben entfernt.

Die zweite Hauptmetapher ist das Reisen in den Zügen. ‚Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert‘, lässt der Autor seinen Protagonisten sagen, und beide können noch nicht wissen, dass in wenigen Jahren alle europäische Juden mit der Deutschen Reichsbahn in den Tod fahren werden. Zunächst hat er noch konkrete Ziele, er reist seinem ehemaligen Geschäftspartner und Kriegskameraden nach, er lässt sich auf einen bezahlten Grenzübertritt ein. Dann überlässt er sich dem Zufall, und noch einmal, diesmal durch einen jungen Kommunisten, der Geld braucht, um heiraten zu können, stolpert er erfolglos über eine Grenze. Aber zunehmend fährt er scheinbar sinnlos kreuz und quer durch Deutschland, um ein Panorama der verschiedenen Menschentypen zu erleben und der Endstation zu entkommen.

Immer wieder sieht er auf seine sicherlich wertvolle Uhr, obwohl die Zeit parallel zu dem Geld an Bedeutung verliert. Seine Familie entschwindet langsam aus seinem Bewusstsein. Sein Sohn, den er wegen der Erfolglosigkeit fast verachtet, versucht legale Einreisepapiere nach Frankreich oder Belgien zu bekommen. Seine Frau, die nicht jüdischer Herkunft ist, hält zwar theoretisch zu ihm, flieht praktisch jedoch zu ihrem Bruder, der durch einen Besuch Silbermanns, der ihm einst auch finanziell half, nicht kompromittiert werden will.

Die erschreckende Authentizität kommt durch die zeitliche und räumliche Nähe des Verfassers, der das Buch im November und Dezember 1938 in Belgien schrieb. Es liest sich wie ein Tatsachenbericht oder der Beginn einer Autobiografie. Die nicht minder schockierende Aktualität dagegen kommt daher, dass sich die Verhältnisse in dem ach so aufgeklärten Europa scheinbar nicht geändert haben. Die belgischen Beamten aus dem Buch sagen exakt das gleiche wie die bayrischen Beamten in der Wirklichkeit des Jahres 2015: Wir können doch nicht jeden aufnehmen. Aus einer nebulösen Hochrechnung (‚jeder‘) wird eine unmenschliche Ablehnung und Abschiebung des einzelnen. Niemand will sich kompromittieren. Zum Schluss lehnt sogar Silbermann selbst jüdisch aussehende Juden ab. Zum Glück merkt er es zwar noch, aber er kann nicht verhindern, dass bis zum heutigen Tag die Klischees, die Stereotype, der Primat der äußerlichen Merkmale und die Sprache der Täter weiterverwendet werden. Wir glauben letztendlich doch, dass in der gekrümmten Nase, den schwarzen Haaren oder der verbrannten Haut** negative Eigenschaften erkennbar wären. Besonders das Stereotyp von der permanenten sexuellen Übergriffigkeit wird seit dem Mittelalter benutzt. Zwar lag dem vielleicht die Angst um die korrekte Weitergabe ökonomischer Güter, des Erbes, zugrunde, aber wenn man bedenkt, dass selbst Könige sich gegenseitig adoptiert haben, dann wird klar, dass wir tatsächlich die wahre Vaterschaft vor die biologische stellen. Aber selbst wenn es nicht so wäre, rechtfertigt eine sexuelle Handlung keinen Totschlag, wie man im Johannes-Evangelium wunderbar nachlesen kann.

Ideologisch wie faktisch ist eine Flucht also immer zyklisch. Man flieht in die gleichen Zustände, aus denen man soeben entkam. Bei dem Silbermann des Buchs ist es schon deshalb so, weil es ihm nicht gelingt, die Reichsgrenze zu überschreiten. Aber wenn er es geschafft hätte, wäre er in Belgien oder in der Schweiz auf Menschen getroffen, die der Meinung waren, dass man nicht alle aufnehmen könne. In Großbritannien räumte man später ein, dass es ein Fehler war, jüdische Flüchtlinge als enemy aliens zu behandeln. Ulrich Alexander Boschwitz hat den Fehler mit dem Leben bezahlt. In Polen wird gerade über ein unsinniges Gesetz gestritten, nach dem man nicht mehr behaupten darf, dass der polnische Staat diesbezügliche Fehler gemacht habe. In der frühen DDR hat die kommunistische Führung lieber einen Nazi, der erpressbar war, zu Rektor der renommiertesten Universität gemacht als einen international anerkannten Wissenschaftler jüdischer Herkunft***. Das war zu der Zeit, als der Verfasser der Nürnberger Gesetze, Hans Maria Globke, Chef des Bundeskanzleramtes war.

Das erschreckend gleichbleibende Kriterium ist aber nicht nur der Antisemitismus, sondern auch die Xenophobie und die Abschottung, also jegliches ANTI. Kultur schließt aber nur eines aus: nämlich das Ausschließen. Kultur ist die Aufnahme nicht nur des Nächsten oder Feindes, wenn er das wünscht, sondern auch seiner Spezifika. Jede Kultur gehört allen Menschen. Keine Kultur ist elitär gegenüber den anderen. Vorteile von Gebieten und den dort lebenden Menschen sind genauso temporär wie Nachteile. Jahrtausendelang hat Afrika einen klimatischen Vorteil gehabt. Vielleicht kommt bald die Zeit, in der alle mit Freude nach Afrika blicken. Auch China oder der Islam waren schon einmal der kulturelle Mittelpunkt der Welt. Insofern gehören alle drei nach Europa, so wie Europa sich auch einen Platz in den Herzen der anderen geschaffen hat, trotz der vielen Kriege, trotz des Sklavenhandels, trotz der Überheblichkeit.

 

 

*  Ulrich Alexander Boschwitz, Der Reisende (The Man Who Took Trains, The Fugitive, Le fugitif), Klett-Cotta 2018

** daher kommt das Wort Äthiopier, früher Synonym für Afrikaner

*** der Jurist Walter Neye, NSDAP-Mitglied, gegen den Ökonomen und Kommunisten Jürgen Kuczynski, der außerdem Oberstleutnant der US-Army war

DER SCHLECHTE MENSCH WIRD ENDLICH GUT

 

Nr. 283

Im Mittelalter ging die Angst vor den Antipoden um, die auch von den herrschenden Eliten gestützt, dagegen von den meisten Wissenschaftlern nicht mitgetragen wurde. Sobald man anfängt zu denken, kann man Relativität einbeziehen. Solange man von  Dogmen abhängt, bleibt man im Gefängnis der Absolutheit. Das gilt auch umgekehrt: nur das Gefängnis ist ein absoluter Ort, der kaum Relativität zulässt.

Denn zunächst brauchen wir die Bestätigung und den Zusammenhalt der Gruppe. Diese Grundsolidarität, aus der sich auch ein Grundvertrauen speist, das uns ein Leben lang begleitet, ist es auch, das die meisten von uns an die eigene Gruppe und deren Vorstellungen kettet. Deshalb haben alle uns bekannten Gesellschaftssysteme eine Ausschließlichkeit der Gedanken und Taten von uns verlangt. Und da ist der Haken: ‚alle uns bekannten‘. Wir halten das herrschende Narrativ für richtig, für mehrheitsgetragen und unwiderlegbar. Und das ist alles falsch. Erstens gibt es kein ‚richtig‘. Das Gegenargument, dass es dann auch kein ‚falsch‘ geben kann, führt uns nicht weiter, denn wir operieren sozusagen im trial-and-error-Modus, der die nicht praktikablen Lösungen nicht bestätigt, die praktikablen dagegen relativiert. leichter gesagt: was heute richtig war, kann morgen falsch sein. Es gibt kein richtig, das länger als  die Zeit währt. Aber natürlich versuchen wir, Lösungen über den Tag zu retten. Man könnte auch sagen, jeder Konservatismus ist verständlich, aber unrealistisch.

Zweitens sind Lösungen der Gesellschaft eben nicht mehrheitsgetragen. An einem Krieg nehmen, das ist inzwischen sprichwörtlich, nur die jungen Männer teil. Ob sie nun von den älteren, konkurrierenden Männern absichtsvoll in den Tod geschickt werden oder ob die herrschende Elite tatsächlich glaubt, durch einen Krieg Land oder Ansehen zu gewinnen, das ist genauso unentscheidbar wie die Frage nach der Liebe, die möglicherweise echt und gegenseitig, aber genauso möglich auch taktisch und egoistisch sein kann. Tatsache ist nicht der Krieg, sondern das Narrativ des Krieges. Die Wahrnehmung von uns Menschen bezieht sich auf die Wirklichkeit und die Erzählung über die Wirklichkeit. Jahrtausendelang wurde der Krieg als legitimes Mittel eingesetzt, obwohl alle Religionen und Philosophien das Tötungsverbot haben. Alle Pazifisten wurden zu unmündigen Minderheiten erklärt: alle Frauen, alle Kinder, alle Greise, alle Kranken oder Behinderten, alle Denker. Krieg ist immer Kriegsgeschrei. So wie es keine Sklaverei von Natur aus gibt, sondern nur mit Gewalt, genauso gibt es auch keinen Krieg ohne vorherige Gewalt und keine Recht auf Tötung oder Eroberung. Das heißt nicht, dass es keinen Krieg, keine Tötungen und keine Eroberungen gibt. Wir rechtfertigen gern alle unsere Taten mit dem Verweis auf andere, nur ist Rechtfertigung eben keine Begründung von Recht. Recht kann nur durch Einverständnis entstehen. Das ist der Grund, warum wir plötzlich von Minderheiten umstellt sind, die nach Anerkennung rufen.

Drittens ist kein Gedanke unwiderlegbar. Da sich die Wirklichkeit verändert, sei es nun zyklisch, periodisch oder grundstürzend, muss sich auch die Wahrnehmung, das Denken und letztlich die Erzählung ändern. Als Beispiel mag die Geschwindigkeit dienen: dem romantischen Dichter Eichendorff erschien die Eisenbahn mit ihren damals fünfzig Kilometern in der Stunde als Wahnsinn gegenüber dem Wandern, der große Industrielle und Politiker Rathenau schrieb von der Kilometerjagd des Automobils, und heute akzeptieren wir Eisenbahnen und Elektromobile nur, wenn sie spielend zweihundertfünfzig Kilometer in der Stunde schaffen.

Wir sehen die Welt mit den falschen Augen. Nicht die Welt ist pervers, sondern unser Beobachtungsstandpunkt. Böse sind immer nur die anderen. Oder haben wir schon von einem Staat gehört, der sich selbst zum Reich des Bösen erklärt? Herodes, Nero, Napoleon, Hitler, Stalin, Mao taten das Böse in Übereinstimmung mit der Mehrheit. diese Mehrheit gaben sie immer als demokratische Legitimation und Wahrheitsbeweis aus. Dabei ist es umgekehrt: das Böse ist die usurpierende Minderheit, die der Mehrheit einzureden versteht, dass dieses Tun rechtens, alternativlos und die Lösung aller Probleme ist.

Auch alle guten Ideen haben sich bisher immer nach diesem Muster pervertiert und pervertieren lassen. Das Böse kann leicht zum Zeitgeist werden. Wäre aber das Böse die bestimmende Kraft der Welt, dann würde es keine menschliche Welt mehr geben. Auch die Natur ist kein Gegenparadies der Grausamkeit, indem sinnlos mordende Raubtiere wüten. Der Wolf, der das überdrauf getötete Lamm vergräbt, sorgt vor. Die Verurteilung oder gar Verfolgung des Wolfs ist nach einem Blick in unsere Schlacht- und Kühlhäuser eigentlich unmöglich. Die Natur ist ein Wechselspiel, gelebte Dialektik, und kein Schauspiel der Grausamkeit.

Nie in der Weltgeschichte hat das Böse überlebt. Immer ist es beseitigt worden. Allerdings war oft eine Gruppe obsiegend, die sich dann selbst der Mittel bediente, die sie einst bekämpft hatte. Leider gilt unsere schöne Formel auch umgekehrt: noch nie ist es gelungen, das Böse ganz zu vermeiden. Ob nun gestützt oder nicht, finden sich immer wieder Gewalttaten und Gewaltherrscher, gegen die man lange machtlos scheint. Man darf sich nur nicht freiwillig unter ihre Herrschaft begeben, also zum Beispiel glauben, dass eine salafistische oder maoistische oder nazistische Gruppe Europa oder gar die Welt beherrschen könnte. Das mag im Irak oder in Syrien schwer gewesen sein, in Bochum und Borna dagegen ist es leicht.

Schon Rousseau beschrieb mit seinen edlen Wilden Menschen, die nicht unter unserer Zivilisation lebten. Was innerhalb unserer Gesellschaft gilt, dass die Mehrheit Frauen, Kinder, Greise, Kranke, Behinderte und Denker sind, und nicht aggressive junge Männer geführt von vernichtungswilligen Greisen, weil sie selbst bald vernichtet sind, gilt nämlich auch weltweit: die Mehrheit der Menschen lebt immer noch in Dörfern und Waldsiedlungen, weitab von Krieg und Kriegsgeschrei. Die weltweit weitaus meisten Greise sind keine Generäle oder Kardinäle, obwohl diese Wörter gerade das suggerieren. Jede Behauptung über die Geschichte oder in die Geschichte hinein, ist immer eine Extrapolation unserer Vorstellungen in die andere Welt.

Deshalb ist unsere Angst vor den Antipoden die Angst vor uns selbst, die Angst, die anderen könnten so sein wie wir. Die Lösung ist, die Welt immer mit den Augen der anderen zu sehen versuchen. Die Mittel dazu sind der Dank und das Denken.

ÜBER VORAUSSAGEN

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Nr. 282

Im Zeitalter des Individualismus ist es schwer einzusehen, dass Ritualisierung ein Fortschritt war. Inzwischen gibt es berechtigten Zweifel, dass Fortschritt der richtige Weg sei. Nur wenn man Überdüngung und Massentierhaltung als Preis für den Sieg über den Hunger akzeptieren mag, kann man den Fortschritt loben. Wenn uns die vorausgesagte Umwertung aller Werte zunächst doch überrascht hat, sollten wir sie inzwischen einplanen können. Zu langsam verstehen wir, dass jede Lösung neue Probleme bringt, dass gar, wenn man zu kurz denkt, vieles in die Sackgasse des Dilemmas gerät. In diese Kategorie gehören der Waffenhandel, die intensive Landwirtschaft, das Wachstumsdenken, das forcierte internationale Konkurrenzdenken, die Überbürokratisierung.

Die Ritualisierung zum Beispiel der Jagd oder des Kräutersammelns war der erste, noch nebulöse Schritt zu einer lange Jahrtausende dauernden Rationalisierung. Noch vor wenigen Jahren wurde die Automatisierung von Produktionsprozessen Rationalisierung genannt, obwohl der Mensch durch die Maschine ersetzt wurde. Die Vernunft wurde antizipierend eingesetzt. Trotzdem hört sich das Wort sehr menschlich an, jeder glaubt seine Vernunft sei gemeint. Das ist die erste Einschränkung.

Die zweite ergibt sich durch den Glauben an eine Wahrheit. Man darf nicht müde werden zu erklären, dass Wahrheitz eine hundertprozentiger Übereinstimmung einer Erkenntnis mit der Wirklichkeit wäre. Die kann es natürlich nicht geben. die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Also ist da, was für Wahrheit ausgegeben wird, ein ideologisches Konstrukt. Wahrheitsbesitzer sind umgekehrte Verschwörungstheoretiker. Sie glauben und wissen, dass die Welt eines Tages von ihnen beherrscht wird, wenn nur erst ihr ewige Wahrheit von allen erkannt wird. Die Verschwörungstheoretiker befürchten das. Je mehr Menschen und Fortschritt es aber auf der Welt gibt, desto mehr Ideen gibt es auch. Das ist eine Inflation von allem. So wie die Zahl der Dinge zugenommen hat, gibt es auch mehr Philosophen und Philosophien. Sie werden, wegen ihrer großen Anzahl, weitaus weniger wahrgenommen. Hinzukommt die noch größere Anzahl von Esoterikern, die sogar behaupten, das unbeherrschbar gewordene Leben beherrschen zu können, Sie sind eine Sonderabteilung der Wahrheitsbesitzer. Das einzige, was nicht zunimmt, ist die Vorhersehbarkeit der Zukunft (und die Wunder, aber die können wir hier vernachlässigen).

Mit dem vermeintlichen oder sogar behaupteten Besitz der Wahrheit war jede Art der Unterdrückung und Gewalt verbunden. Jeder Krieg ist von der Rechtmäßigkeit der Eroberung oder Verteidigung ausgegangen. Jede gewaltgestützte Verteidigung gibt aber dem Angreifer recht. (Wenn sie dieses Argument empört, sind sie eindeutig ein Opfer der Kriegspartei. [Man soll sich nicht verteidigen dürfen? Doch, man darf sich verteidigen, aber man muss es nicht.]) Die Kriegspartei behauptet zudem, dass Krieg das legitime Mittel aller Menschen, Gesellschaften und Zeiten war und ist. Aber das stimmt nicht. Schlimmstenfalls war es das Mittel eines Drittels der Menschen, denn die Frauen, die Kinder und die Greise haben an diesen Kriegen nicht teilgenommen. Und wir wissen nicht, ob es nicht über jeden Krieg die gleichen Auseinandersetzungen gegeben hat, wie es sie heute über die Flüchtlingsfrage, die Gleichheitsfrage oder die Fortschrittsfrage gibt. Ein sehr kriegerisches Land, Preußen, hat Soldaten dadurch beschafft, dass es ausländischen jungen Männern Alkohol zu trinken gab, sie dann unterschreiben ließ und gewaltsam über die Grenze schleppte. Ein anderes Land, Hessen, verkaufte ganze Regimenter an die Engländer, die sie im Unabhängigkeitskrieg gegen die Amerikaner einsetzten. Während des ersten Weltkrieges starben in den USA zwei junge Kriegsdienstverweigerer, weil man sie im Winter nackt und angekettet draußen erfrieren ließ. Sie weigerten sich, die Uniform anzuziehen. Ihre ganze Gruppe wanderte dann nach Kanada aus. Es waren Hutterer, eine fundamentalistisch lebende, aber nicht missionierende und in keiner Weise gewalttätige Wiedertäufergemeinschaft, die von Land zu Land zog, um dem Krieg und der Gewalt zu entgehen. Das ist der verlogene Konsens der Kriegspartei.

Nach der Umwertung aller Werte, die nicht durch eine Macht oder einen Demiurgen geschah, sondern als neue Summe neuen Denkens erscheint, stehen nun Freiheit und Glück auf Prioritätenliste weit vorn. Ihre Vorteile muss man nicht erläutern. Vor ihren Nachteilen kann man nicht genug warnen. Erst seit der Mensch nicht mehr hungert, kann er nach Freiheit streben. Der grenzenlose Konsumismus, der einerseits das Ergebnis der Massenproduktion ist, andererseits aber das Ideal des Wohlstands und der Freiheit für alle verwirklicht, schädigt und zerstört die gemeinsamen Lebensgrundlagen der Pflanzen, Tiere und Menschen. In den letzten Jahren gab es in Europa deutlich weniger Insekten und Vögel. Die von uns in Massen gehaltenen Nutztiere hinterlassen Millionen Hektoliter Gülle, die neben den von Menschenhand aufgetragenen Phosphaten den Boden nachhaltig schädigen, und erschöpfen – aufgegessen – die übersatten Menschen mit Herzkreislauferkrankungen und Adipositas.

Das Streben nach Glück befreit Minderheiten, was von der rechten Minderheit soeben heftigst bekämpft wird,  und schafft Raum für Individualität. Zeitgleich, aber aus demselben Motiv entstehen riesige chaotische Agglomerationen von Wohnsiedlungen, deren Kollaterale sozusagen massenweise Vereinsamung und Isolation erzeugen. Es ist schon beinahe trivial, von diesem isolierten Untertauchen in riesigen Massen zu schreiben. Im Großraum (Agglomeration) Tokyo leben fast vierzig Millionen Menschen. In Mauretanien (aus dem die Wörter Maure und Mohr kommen) leben auf einer Fläche, die fast dreimal so groß wie Deutschland ist, gerade einmal vier Millionen Menschen. In Mauretanien dürfte der Glückfaktor ziemlich niedrig anzusetzen sein, im Raum Tokyo dagegen sind die Kollateralschäden deutlich höher als an allen vergleichbaren Orten. Allerdings gibt es sehr viele Städte auf der Welt, in denen sich der Mauretanienfaktor mit dem Tokyosyndrom kreuzt, zum Beispiel Lagos, Mexiko oder Sao Paulo.

Faktisch und kategorial gibt es kein Zurück. Unsere Werte eilen den Fakten immer hinterher. Es gibt eine normative Kraft des Faktischen, aber ebenso normativ wirkt das jeweils vorherrschende Narrativ. Aber auch dafür gilt der schöne alte Spruch: der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht. Jedoch auch der Brunnen wird rissig, das Wasser versiegt, der Fluss tritt über die Ufer, das Wasser hat zu wenig Sauerstoff oder zuviel Nährstoffe, der Grundwasserspiegel steigt, obwohl jahrelang sein Sinken vorausgesagt war.

Es gibt eine signifikante Inflation der Menschen, Dinge und Gedanken. Eine Zunahme der Voraussagefähigkeit gibt es offensichtlich nicht. Wunder bleiben selten. Im Lotto kannst du nichts gewinnen, aber mit einem Lächeln gewinnst du alles.

MERKELISMUS ODER TEAR DOWN THIS WALL

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Nr. 281

Sollte Merkel die laufende Legislatur nicht überstehen, so werden ihre Kritiker sagen, dass sie an ihren Fehlern scheiterte. Ihre Befürworter aber können triumphieren: ein solch langes Scheitern hat es in der deutschen Politik noch nie gegeben. Möglicherweise erhält sie sogar eine eigene Kategorie (wie Quislinge, Gaullismus, Reagonomics, Thatcherismus): Merkelismus. Darunter würde man eine autokratische Herrschaft verstehen, die die Demokratie nicht beschädigt.

Die meisten Autokraten können und wollen mit Demokratie nichts anfangen, weil sie glauben oder glauben wollen, dass jede Mitsprache zu Mitbestimmung und damit zu Schwächung führt. Oppositionspolitiker, Journalisten, dann Generäle und Richter werden entlassen, eingesperrt oder gleich erschossen. Die nächste Stufe ist ihre Diskreditierung als Agenten eines feindlichen Systems. Und schließlich wird die Demokratie selbst als unfähig und schädlich für das Volk denunziert, welches diesen einen wunderbaren Führer verdient hat, wenn es ihm folgt. Das Volk ist immer, wer folgt. Jeder, der eine Gesellschaft auch nur einigermaßen nüchtern betrachtet, sieht, dass es Volk immer nur als definierte Menge geben kann, zum Beispiel als Staatsvolk, nie aber als ein undefinierter und undifferenzierter Brei von Menschen, die ihre Interessen aufgeben. Wer glaubt, dies träfe nur auf afrikanische oder lateinamerikanische Gesellschaften zu, fahre nach Belgien. Andersherum gesagt: es gibt deshalb verschiedene Politiker und Politikansätze, weil es Menschen mit verschiedenen, aber jeweils legitimen Interessen gibt. Die pluralistische Gesellschaft ist keine Gnade, die von oben gewährt wird, sondern Basisdemokratie, von unten gewachsene Vielfalt. Das Erschrecken über den von den Rechten so genannten Genderwahn ist die Ablehnung des Pluralismus. Sie glauben, Pluralismus sei gemacht, um die alte Ordnung zu stürzen. Unterdrückung ist Chaos, nicht Ordnung.

Jedem, der die Welt betrachtet, könnte klar sein: in den meisten Ländern geht es demokratisch zu, allerdings in verschiedenen Graden, Abstufungen oder sogar Arten. Die USA, eines der ältesten demokratischen Länder, haben die meisten Strafgefangenen und die meisten Opfer von Mord und Totschlag. Deutschland und Japan sind das ziemliche Gegenteil davon, unterscheiden sich aber deutlich im Arbeits- und Sozialsystem. Skandinavien ist die Musterschülergegend. Dass aber auch die Diktaturen und Autokratien divers auftreten, wird wohl erst jetzt richtig deutlich. Solange wir vor allem über Hitler, Stalin und Mao Tse Tung geredet haben, erschien Diktatur eineindeutig. Aber schon Piłsudski und Petain waren eine kategoriale Herausforderung. Putin, Erdoğan und Rodrigo Duterte stellen uns vor interpretative, aber sogar auch wirtschaftliche Schwierigkeiten, von den König Salman, einschließlich Kronprinz Mohammed, und Reformkönig Mohammed VI. ganz zu schweigen.

Am äußersten Rand der Demokratie, da wo sie in die Unbeweglichkeit übergeht, herrscht der Merkelismus.

Alle drei größeren CDU-Kanzler, Adenauer, Kohl und Merkel, hatten Rudimente des Autoritarismus in ihrer Amtszeit. Adenauer, dessen politische Begriffe aus dem neunzehnten Jahrhundert stammten, in dem er sein Studium und sein Referendariat abschloss, hatte kein Problem mit den Nazis Globke und Gehlen oder der Schließung der SPIEGEL-Redaktion. Zu seiner Entlastung muss man sagen, dass er seiner ersten Wahl 73 und bei seinem Rücktritt bereits 87 Jahre alt war. Kohl, von dem der schöne Brauch und auch das Wort ‚Aussitzen‘ stammt, was auch nicht gerade der Inbegriff demokratischen Handelns ist, erwies sich zum Schluss als Inhaber völlig veralteter und undemokratischer Moralbegriffe. Sein ‚Ehrenwort‘ in der Spendenaffäre galt ihm mehr  als der Rechtsstaat und dessen politische Würde. Er war zur Karikatur seiner selbst geworden.

Merkel stammt aus der DDR, was mit ihrem Demokratieverständnis insofern nichts zu tun hat, als sie erst 1989 und eher zufällig in eine politische Laufbahn geriet. Darüber hinaus ist es völlig albern, ihr ihre Tätigkeit, wenn es überhaupt eine war, in der FDJ vorzuwerfen. Das waren formale Funktionen, die fast jeder Mensch in der DDR einmal kurz innehatte. Ihre Gegner wollen ihr etwas vorwerfen, wissen aber nicht, was. Denn eigentlich verkörpert Merkel den Typ Politiker, den auch sie bewundern, dessen Autorität nicht aus dem Charisma, sondern aus dem Autoritarismus stammt.

Seit wann wurde Merkel als bedeutende Politikerin wahrgenommen? Seit der Finanzkrise mit der Bankenrettung und der Griechenlandkrise mit den Bürgschaften und der schleichenden Übernahme der griechischen Wirtschaft. Viele Menschen haben aber nicht das autoritäre an diesem neuen Agieren bemerkt, sondern das angeblich oder tatsächlich geflossene Geld. Die meisten Menschen haben keine Ahnung von Geld. Das ist auch nicht schlimm, weil sich niemand (niemand!) eine oder gar dreikommaneunacht Billionen Euro vorstellen können. Mit der Zahl Tausend hört unser Vorstellungsvermögen normalerweise auf. Das Wort Bankenrettung ist heute noch ein Pejorativ. Noch plastischer war ihr neuer Regierungsstil bei der Abschaffung (offiziell: Aussetzung) der Wehrpflicht zu beobachten. Während die CDU jahrelang die Wehrpflicht zu einer heiligen und nationalen Mission erklärt hatte, erschien es so, als ob der steinreiche und hochadlige Verteidigungsminister Reichsfreiherr von und zu Guttenberg im Alleingang diese dringend notwendige Modernisierung vorgenommen hätte. Dass er dann über seine wahrscheinlich gekaufte Dissertation, die er nicht nur nicht geschrieben, sondern auch nicht gelesen hatte, stolperte, bestätigt nur, dass Merkel damals schon bereit war, für den neuen Politikertyp (Macron, Kurz, Lindner, Kühnert, Trudeau) Platz zu machen, gleichgültig ob mit oder ohne Doktortitel. Fast noch deutlicher war die Wende in der Kernkaftwerkspolitik. Auch hier verharrte die CDU Jahrzehnte auf einem völlig überholten und schädlichen Standpunkt, da wir weder die Risiken der Atomkraft einschätzen noch die Brennstäbe entsorgen können. Der Tsunami, der das japanische Kraftwerk Fukushima hinwegfegte und unermessliches Leid brachte, drehte auch die Kanzlerin um hundertundachtzig Grad, ohne jemanden oder gar ein Gremium zu befragen.

Europa und Deutschland wurden schließlich gespalten durch ihren zum soundbite* verkommenen Satz aus der Bundespressekonferenz vom 31.August 2015:  Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Statt dessen wird der stark verkürzte Satz heute eher als ein Befehl einer überdrehten Kanzlerin zitiert: Wir schaffen das, wir haben das zu schaffen, wenn ich das will. Gerade ihre erbitterten Gegner im rechten Lager, denen die Art gefallen müsste, hören sozusagen das Gegenteil. Wenn Gauland als Bundeskanzler rufen würde: Wir schaffen das nicht, schließt die Grenzen!, würden sie jubeln. Aber was wäre das für ein Land? Dann wäre Deutschland ein schwaches Land, das in einer Krise paranoid reagiert, dessen Autoritarismus dann tatsächlich Befehlscharakter hätte.  Denn, erinnern wir uns an den Spätsommer 2015, als die Kanzlerin uns ermutigen wollte und als Millionen Menschen zu den Bahnhöfen und in die provisorischen Flüchtlingsheime strömten um zu helfen. Das war gemeint mit: Wir schaffen das!

Die Demokratie ist hingegen durch Merkel nicht angetastet worden. Fast könnte man sogar sagen, das Merkel-Paradoxon besteht darin, durch ihren autoritären, personalen Leitungsstil die Demokratie länger erhalten zu haben als das im Moment möglich ist. Allerdings erleben wir nicht das Ende der Demokratie, sondern eine Krise.

* ein anderer soundbite, nur wenige Meter von Merkels Satz entfernt gesprochen, war ‚tear down this wall‘. Reagan meinte am 12. Juni 1987 natürlich Mr. Gorbatchev, aber wenn wir heute die Welt meinen, wird der Satz nur noch richtiger.

HEIMAT II

 

Nr. 280

Ich bin in eine Gruppe hineingeboren worden, die weder eine Familie war, noch eine Heimat hatte. Wie gehetzt zog sie von einer brandenburgischen Kleinstadt in die nächste. Als ich fünf Jahre alt war, stand ich auf dem Turmbahnhof der Kleinstadt Doberlug-Kirchhain, deren sorbischen Namen die Nazis in einen deutschen gewandelt hatten, auf dem Weg zu meinen französisch benannten Verwandten. Dort glaubte ich zum ersten Mal, die Welt verstanden zu haben: es kreuzten sich zwei Bahnlinien der Nordsüd- und der Ostwestrichtung. Um die Welt zu verstehen, benötigst du n! Fakten und Synapsen – und schon hast du es. Wem die Zahl zu hoch erscheint, der lege erst einmal immer die doppelte Anzahl Fakten und Synapsen auf die Felder seines Schachbrettes. Damit kannst du jeden Großmufti in dir überwinden.

In diesen Kleinstädten gab es Vertriebene, die bei uns im Osten aber Umsiedler hießen, und bei denen es Mittagessen aus Schlesien, Ostpreußen, Hinterpommern und dem Warthe- und dem Sudetengau gab, ja, sie sagten Sudetengau, obwohl in der Zeitung Bruderland stand. Wie eine Antizipation des in der gegenwärtigen Jugendsprache wieder üblichen und fast inflationären Wortes Bruder, das der Bibel, Schiller und dem gesamtdeutschen Vokabular genauso vertraut war wie der sozialistischen Propaganda, kommt mir heute das merkwürdige Wort Bruderstaat vor. Denn der Staat ist niemandes Bruder. Nur der Bruder kann dem Bruder Bruder sein. Da ich keinen Bruder hatte, musste ich mir welche suchen.

Wir wohnten dann in einer Kleinstadt mit einer Russenkaserne. Die Soldaten waren eingesperrt. Wenn sie flohen, flohen sie nicht immer vor dem Sozialismus und der Mangelwirtschaft ihrer Blechnäpfe, sondern oft auch, was ich damals noch nicht wusste, vor der Dedowtschina genannten grausamen Herrschaft der dienstälteren über die blutjungen, wie Kinder wirkenden Soldaten. Tödlichen Ausgang der Dedowtschina gibt es auch heute noch.

Die Offiziere konnten sich zwar frei bewegen, aber sie waren geächtet und sie verachteten die Deutschen. Meine ersten Worte in einer fremden Sprache habe ich dort im gemeinsamen Spiel mit den Kindern der Offiziere erlernt und auch am Abendbrottisch. Sie waren sehr freundlich, aber die Väter wollten immer wissen, was mein Vater im Krieg gemacht hat. Zum Glück hatte ich keinen Vater, jedenfalls kannte ich keinen. Noch schlimmer ging es meinen Cousins: sie hatten keine Mutter, denn die war in Russland im Gulag. Aber das sagte man hinter vorgehaltener Hand.

Der erste Afrikaner, mit dem ich lange Gespräche führte und der viele Wochenenden bei mir verbrachte, war ein Partisan aus Südrhodesien, der in der DDR geschult wurde. Er zeigte mir an der Havel, wie er am Sambesi den Krokodilen entkommen war. Auf dem zugefrorenen Ruppiner See lief er und rief er: I am Jesus! Sein Pech war, dass er dem falschen Volk angehörte. Die Anhänger des bis vor kurzem dienstältesten und neben Isaias Afewerki und Kim Jong Un absurdesten Diktators der Welt erschossen ihn, als er in seine Heimat Zimbabwe zurückkehrte, um sie zu befreien.

Es hat mir sehr geholfen, dass meine ersten wirklich schönen und vertrauten Städte im Ausland zwei deutsche Städte waren: Danzig und Hermannstadt. In Danzig verschwanden damals gerade die Kaschuben, deren Verwandte ich aus Lübbenau kannte, und immer wieder geben sich Menschen zu erkennen, die auf der Gustloff oder auf der Kap Arkona Königsberg, Danzig oder Stettin entkommen konnten. Viele Jahre bereiste ich Siebenbürgen, sah noch die Geschlechtertrennung in den Dorfkirchen und die Äpfel an den Weihnachtsbäumen. Jetzt, ein Viertel Jahrhundert nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen zurück in die Heimat, wie sie sagen, obwohl sie heute noch von der süßen Heimat Siebenbürgen singen,  stürzen auch die Türme ihrer schönen, schönen Kirchenburgen ein.

Was ich also seit dem Turmbahnhof, der Russenkaserne, dem schlesischen Himmelreich und der Lügenbrücke in Sibiu  verstanden zu haben glaubte, war die Bikulturalität, wenn nicht sogar die Multikulturalität, obwohl es das Wort noch gar nicht gab. Ich bleibe im Konjunktiv, weil es einen Indikativ der Zukunft nicht geben kann.

Das Gegenargument wäre der uralte Pejorativ vom vaterlandslosen Gesellen. Ich dagegen glaube, dass es viel schwerer ist, Heimat als einen unverwechselbaren, monokulturellen Ort zu bestimmen, als anzuerkennen, dass wir jedes Fleckchen Erde mit anderen teilen.

Hört man sich Nationalhymnen oder Regionallieder an, so wird in jedem Song das Gleiche besungen und beschworen: das Vaterland, die Muttersprache, die Kindheit, die Wälder, Wüsten, Täler, Höhen, die süßer nie klingen als an eben dieser einen einzigen Stelle, von denen es unzählige gibt. Gläubige glauben zudem, dass ihre wahre Heimat im Jenseits ist. Kein Ort ist so schön, dass man nicht einen zweiten kennen würde. Also ist Heimat auch Gewohnheit, Erinnerung, Prägung. Man könnte von einem topical imprinting sprechen: wir sind von dem Ort geprägt, den wir zuerst gesehen haben. Später sagen wir: das ist unsere Heimat. Die meisten Menschen sagen: das war meine Heimat. Immer mehr Menschen sagen: das wird meine Heimat, weil Migration keine Ausnahme ist.

Man muss noch einen Gesichtspunkt bedenken. Die meisten Menschen früherer Zeiten waren an einen Ort gebunden. Für sie war Heimat immer auch Gefängnis. Ihre weiteste Reise war in die Kreisstadt. Urlaub gab es für die allermeisten nicht. Eine wichtige Quelle der Fernerkundung waren der Militärdienst und der Krieg. Er speiste Fremdenangst und Völkerhass, aber auch Neugier und Sprachkenntnis. Trotzdem kennt jeder die Geschichten, wie im ersten Weltkrieg die Waffen schwiegen und stattdessen plötzlich Weihnachtslieder erklangen. Das bekannteste Weihnachtslied seit zweihundert Jahren ist: Silent Night. Wenn man es von Mahalia Jackson gesungen hört, kann man ihre und seine Heimat vergessen.

Von dem großen Weltreisenden und Welterforscher Alexander von Humboldt stammen zwei schöne Erkenntnisse: dass es nämlich keine Weltanschauung ohne Weltanschauung geben könne und dass alle Menschen, die er getroffen habe, und das waren solche in allen Weltgegenden, gleich intelligent und emotional gewesen wären. An diesem Beispiel kann man auch lernen, dass eine Gegend, in diesem Falle Berlin, sowohl Heimat des größtmöglichen Kosmopolitismus, heute würden wir eher sagen größter Multikulturalität sein kann, wie auch Herd und Heimat maximaler Menschenverachtung.

Man kann also auf der einen Seite beklagen, dass Menschen an einem zufälligen Örtchen kleben. Man kann genauso beklagen, dass andere Menschen keinen solchen Ort haben. Nie war es aber richtig oder gut, Menschen für den Ort, die Hautfarbe, den Zufall ihrer Geburt zu verurteilen oder sogar zu bekämpfen. Im Falle des Mordes sollte man allerdings neu bedenken: ein Mord ist immer eine infame Tötung aus Berechnung, aus niederen Beweggründen, dazu zählen auch Mordlust und Sexualität, mit Häme und nach Plan. Warum muss man also die falschen und widerwärtigen Motive der Mörder sprachlich konservieren? Es gibt keine ‘rassische’ oder ‘rassistische’ Verfolgung. Es gibt keine Rassen. Es gibt keine Heimat. Niemandem gehört ein Land.

TRIVIA:

Alle Menschen waren/sind/werden Brüder/Schwestern. Du sollst deines Bruders Hüter sein. Die Grenze zwischen Nomaden und Sesshaften verläuft in den Menschen, nicht zwischen ihnen. Ich bin, weil wir sind: Ubuntu. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Es gibt nur eine Erde. Geld kann man nicht essen. Man ist als Mensch vergessen, wenn man nichts hinterlässt, was überall gilt. Wetteifert um gute Taten. The more I give the more I have.  Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.

[Randbemerkung der Randbemerkung: Jugendliche erfanden das Rad, eine Frau war der erste Autofahrer, ein Linkshänder relativierte das All, ein Schwarzer kreierte die moderne Musik und ein Schwuler den Computer. Hört auf, euch zu feiern.] 

HEIMAT

 

Nr. 279

Heimat ist ein typisch deutsches, unübersetzbares Wort, so wie Sehnsucht oder Heimweh. Aber haymatlos ist ein türkisches Wort. Das heißt, dass andere Sprachen dieses unübersetzbare, diese mystische gerne übernommen haben. Heimat meint eine Idylle, die aber, wenn sie zerbricht, Splitter von Hass hinterlässt. Solche Idyllen sind immer ahistorisch und tautologisch wie Regelwerke, also weder wahr noch evident.

War es nicht vielmehr so, dass die Menschen, als sie noch mehrheitlich und aus Existenzangst an Orte gebunden waren, den Begriff Heimat als einen Trost gegen die Angst des Existenzverlustes verstanden? Hieß Heimat damals nicht: nicht in den Krieg müssen, nicht vor dem Krieg, vor dem Hunger und vor der Pest fliehen müssen? Hieß es nicht bleiben müssen, aber leben können. Das gleiche Dilemma, aber umgekehrt, durchlebt der moderne flexible und mobile Mensch: er kann besser existieren, wenn er sein Haus verkauft und die besser bezahlte Stelle tausend Kilometer entfernt übernimmt. Tausend Kilometer waren früher die ferne, die unerreichbare Weite, wochenlanges Reisen. Heute ist man nicht nur in ein paar Stunden da, sondern findet dort die gleichen Lebensbedingungen vor wie zuhause. Ist es das, was die Heimatschützer bedauern?

War es nicht vielmehr so, dass die Allmacht des Krieges in Europa zwar vor siebzig Jahren endete, aber die Flucht und Vertreibung den Heimatbegriff mehr besetzten als die neu gewonnene Mobilität? Leider hat diese Flucht und Vertreibung, deren Ausmaß so groß war, dass man von einem Jahrhundert nicht nur des Völkermords, sondern auch der Völkerflucht sprechen muss, gezeigt, dass nicht etwa nur das tatsächlich fremde und exotische Leben abgelehnt wird, sondern auch seinesgleichen, wenn es von fernher kommt. Genauso stellte sich heraus, dass man unter ‚Zigeunern‘ nicht Juden, Sinti, Roma und Jenische meinte, sondern vermeintlich heimatlose Nomaden. Andererseits war Heimatlosigkeit gleichzeitig ein Opferbegriff.

War es nicht vielmehr so, dass Heimat einfach ein volkstümliches Synonym für Konservatismus war, für eine geschichtsvergessene Vergangenheitssucht? In einer ahistorischen Heimat lebte nach dieser Vorstellung ein homogenes, sich immer gleich (‚treu‘) bleibendes Volk. Es wurde, teils mit Absicht, vergessen, dass wir nicht nur in einer Wirklichkeit leben, sondern auch immer in dem Narrativ derselben. Das Narrativ nennen wir dann Ideologie, wenn wir es strikt ablehnen oder aber wenn es uns als das einzig richtige erscheint oder erscheinen soll. Aber wer will das zum Schluss noch unterscheiden können? Lebt man in einer Autokratie, so scheint einem deren Feindbild plausibel, weil wir schon als Individuen lieber an die Schuld der anderen glauben. Lebt man dagegen in einer pluralistischen Gesellschaft, so flüchtet sich der von ihr überforderte oder vernachlässigte Teil gerne in Verschwörungstheorien, die keineswegs neu sind. Geblieben sind uns die Worte und Bilder Sündenbock, Brunnenvergifter und Drahtzieher, die Befürchtung von der Entführung der Kinder und der sexuellen Übergriffe durch fremde hochpotente junge Männer. Mit dem Drahtzieher ist keineswegs der Beruf gemeint, der lange Zeit Spezialwissen und große Geschicklichkeit erforderte und in Altena im Sauerland sein Zentrum hatte. Wir meinen damit den ebenfalls fast ausgestorbenen Marionettenspieler. So viele Menschen können sich nicht in einem System systemloser Zufälle vorstellen. Sie blenden Schicksalsschläge und jahrzehntelange Erfolglosigkeit aus und glauben sich ihres Glückes Schmied.  Ganz sicher kommt diese Vorstellung aus der Kindheit, wo wir wirklich so weitgehend von unseren Eltern abhängen, dass wir unser ganzes Leben von ihnen, die längst tot sind, geführt werden wie Marionetten.

Wer an solch eine Heimat glaubt, der stellt sich eine ahistorische, tautologische Leere vor, die genauso wenig zurückkommt wie das Weihnachten unserer Kinderzeit. Besser ist es, sich das Heimatdorf oder den Herkunftsstadtteil als soziales Biotop vorzustellen, in dem, wie von Darwin beschrieben, alles miteinander vernetzt ist, nicht als Zweck-, sondern als Verhaltensgemeinschaft. Teleologische  Modelle des achtzehnten und utilitaristische des neunzehnten Jahrhunderts mag man als Vorboten der Freiheit begrüßen. Nur in solch einem sozialen Biotop lässt sich das Paradox lösen, dass wir nach Freiheit streben, aber Ordnung brauchen, dass Ordnung aber, je weiter sie Raum und Herrschaft gewinnt, Freiheit geradezu erstickt. Nur in solch einem vernetzten Raum kann sich das Individuum und mit ihm die Kreativität entwickeln, ohne an sozialer Beziehungs- oder gar Hilflosigkeit zugrunde zu gehen. Damit einher geht allerdings ein schleichender Prozess der Atomisierung sowohl der sozialen Beziehungen als auch der Kommunikation. Auf der einen Seite sitzen vereinsamte alte Menschen in Pflegeheimen, auf der anderen Seite gehen junge Menschen unter dem Schirm ihrer Kopfhörermusik durch überfüllte Städte. Während aber die allermeisten jungen Menschen ihre Kopfhörer sofort abnehmen, wenn sie angesprochen werden, können die meisten alten Menschen nicht mehr aus ihrem Pflegeheim entspringen, sie sind zudem Gefangene ihrer Geschichten. Sie leben in einer gedachten Heimat, in der immer Weihnachten ist.

Heimat ist also schwerlich das, was hinter uns liegt. Wir sollten, statt ständig in den verzerrenden seitenverkehrten Rückspiegel zu blicken,  lieber versuchen, unsere Ideale und Träume nicht zu gering anzusetzen und Schritt für Schritt zu verwirklichen. Heimat liegt vorne. Heimat ist das, wo wir hinwollen. Das kann das Dorf unserer Kindheit sein, in dem ein einziger Landwirt zehnmal so viel produziert, wie früher das ganze Dorf mitsamt den städtischen Erntehelfern. Das kann der Jungle der Großstädte sein, in denen immer mehr Menschen Ersatz für einen individuellen Lebenssinn finden. Auch in den armen Ländern finden die Menschen mehr Ersatz als Existenzgrundlage. Allerdings leben wir im Zeitalter der Megastädte. Das lässt sich planmäßig nicht verhindern oder auch nur verändern, genauso wenig wie man homogene Völker schaffen kann, seit achtzig Jahren wissen wir zudem, dass es keine Rassen gibt. Die Zukunft lässt sich nicht voraussehen, deshalb auch nicht planen und gestalten; die Vergangenheit kann man ebenfalls nicht verändern oder verhindern.  Wir müssen mit der Gegenwart leben. Wir müssen den Zufall akzeptieren. Wir müssen das Narrativ als der Wirklichkeit gleichgeartet anerkennen. Wir müssen mit dem Raum auskommen, in den uns das Leben oder sogar unser Wille gestellt hat. Das ist keinesfalls Fatalismus, sondern im Gegenteil eine Freiheit, die ihre Bedingungen mitbedenkt, eine Ordnung, die niemanden einsperrt oder wegschickt, ein Kanon mit unendlich vielen freien Stimmen, die sich alle auf ‚tun‘ reimen.

Das ist alles nicht neu, muss aber immer wieder, in jeder Generation, an jedem Ort, neu gedacht werden. Wiederholung ist zwar die Schwester der Langeweile, aber auch die Mutter der Weisheit.