UTOPIA DÉJÀVU

 

Nr. 320

Wir hoffen nicht nur, dass es besser wird, wir wissen auch, dass kein Zustand, erscheine er nun glück- oder unglückbringend, andauert. Der Grund dafür ist ganz einfach zu verstehen: was für uns statisch – stehend – ist, bewegt sich tatsächlich. Ein Haus oder eine Brücke werden dieser ewigen und permanenten Bewegung abgetrotzt. Aber sie stürzen unweigerlich ein, wenn ihre Erhaltung nicht ausreicht. Anfang Dezember 1984 stürzte die Marienkirche der kleinen und weitgehend unbekannten Stadt Pasewalk in Vorpommern mit ihrem Turm und dem westlichen Teil des Gewölbes ein. Gotische Bauwerke halten sich selbst. Die Kräfte, die über die Gewölbe hinaus wirken, werden von mächtigen Mauern, und wenn diese nicht ausreichen, von noch mächtigeren Stützpfeilern, aufgefangen. An dieser Kirche nun zeigten sich immer wieder Risse und Schäden, die jeweils abgestützt und aufgefangen wurden. Doch die unzähligen Ausgleich- und Ordnungsversuche scheinen sich gegenseitig aufgehoben zu haben. Zuviel Ordnung kann das natürliche Gefüge zerstören. Der Mangel an Freiheit kann eine Todesursache sein.

In diesem Städtchen nun beschloss der kriegsversehrte Gefreite Adolf Hitler, seinem unordentlichen Leben ein Ende zu setzen und ein neues  zu beginnen. Vielleicht dadurch, dass es doch immer einige Menschen gab, die seiner unendlichen Reproduktion von Broschüren apokalyptischen Inhalts zuhörten, fühlte er sich ermutigt. Andere wendeten sich entsetzt oder angeekelt von dem platten Antisemitismus und Sozialdarwinismus ab, aber einige hörten gespannt zu. Es war die Zeit vor dem Radio. Aber war er überhaupt kriegsversehrt? War er blind oder simulierte er, um dem für ihn vollkommen erfolglosen Krieg zu entkommen? Immerhin hatte er es geschafft, viereinhalb Jahre als Gefreiter, also ganz unten in der Loserpose, zu verbleiben. Aber vielleicht wollte er auch unten und unerkannt bleiben, weil er einfach Angst hatte? Er war ein notorischer Schulversager und konsequenter Arbeitsverweigerer, warum sollte er sich plötzlich im Krieg hervortun? Nach dem Krieg aber ermöglichte ihm die Demokratie eine Dasein ohne Ausbildung, Bildung und Arbeit. Was er den Juden und Kapitalisten vorwarf, wollte er selber sein. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: der kleine Wittgenstein, dem er möglicherweise, andere sagen sehr wahrscheinlich, in der Realschule Linz als Schulfreund begegnete, war alles, was er auch sein wollte: reich, intelligent, schwul, musikalisch. Und nun bot sich die Gelegenheit. Aus dem Chaos dieser Nachkriegstage machten seine Gesinnungsgenossen und er die apokalyptische Gefahr des Weltuntergangs durch den Kommunismus: in Russland hatten die Kommunisten gesiegt, in München und Berlin waren sie dem Sieg knapp entgangen. Es gab eine Gefahr, sie musste nur übertrieben werden. Andererseits war gerade die erste deutsche Demokratie geboren worden, an deren Wochenbett die sich immer wieder spaltende Sozialdemokratie Pate stand. Das war die Stunde der Scharlatane.

Selbstverständlich kann es auch eine konservative Utopie geben. Warum soll sich der Konservatismus nicht mit der Demokratie verbinden können? Stauffenberg wäre vielleicht ein solcher konservativer Utopist geworden. Wenn man aber bedenkt, wieviel Schwierigkeiten der konservative Visionär Adenauer mit der Demokratie hatte, dann können Zweifel aufkommen. Er war kein Antidemokrat aus Überzeugung, sondern der vergangene Zeitgeist, der ihn geprägt und erzogen hatte, ließ ihn immer wieder mit dem Polizeistaat liebäugeln. Er ist dann auch über die Spiegelaffäre gestolpert, wie sein politisch begnadeter Parteifreund Strauß.

Ordnung ist aber keine Vision. Ordnung ist eine Voraussetzung, bestenfalls ein Attribut. Insofern ist das oft zitierte Paar Freiheit und Ordnung höchst ungleich, aber trotzdem komplementär. Die eine Seite beschreibt mehr die Form, die andere ist das inhaltliche Ideal. Der Sklave muss, wenn er mit sich in Frieden leben will, sein Ideal aufgeben und mit dem Brotkanten auf der harten Matratze zufrieden sein. Er muss seine Kinder maßregeln, wenn sie von Türen und Fenstern und fernen Ländern reden.

Oft wird die heutige Zeit mit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verglichen: ein Riss geht durch die Gesellschaft, erbitterte Kämpfe zwischen links und rechts, die sich gegenseitig zum Erzfeind erklären und auszuschließen versuchen. Aber gibt es überhaupt eine linke Vision oder gar Utopie, eine Partei, die die Interessen der einfachen Menschen vertritt? Es gibt den klassischen Arbeiter noch, wenn er auch von seinem Einkommen her eher zum schon oft totgesagten Mittelstand gehört. Ihn zu vertreten bedarf es keiner gesonderten Partei. Aber wer vertritt die Arbeitslosen, Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfänger? Brauchen sie eine eigene Partei? Warum fühlen sich so viele Ostdeutsche durch die Linke Partei allein nicht mehr vertreten? Selbst die Bewegung ‚Aufstehen‘, was ein bisschen nach ‚Deutschland erwache‘ klingt, ist mit einer Unterschriftensammlung im Sande verlaufen. Petitionen sind die neuen Revolutionen. Was die AfD und ihre noch rechteren Freunde mit ‚links‘ meinen, ist die Demokratie, der mainstream, sind die etablierten Eliten bis weit hinein in den Mittelstand. Viele Ostdeutsche fühlen sich immer noch nicht zugehörig, sie suchen also einen Nebenarm des Hauptflusses, auf dem man auch zur Schleuse gelangt. Der Dauervorwurf an die Politiker, zunächst einmal auch an die vielen Abgeordneten, heißt Geldgier. Man kann ihr Ideal nicht erkennen und vermutet es in den Diäten. Sachlich ist der Vorwurf schnell aus der Welt zu schaffen: die Höhe der Diäten ist wie die der Rente an das Lohnniveau gekoppelt. Damit aber nicht, wie bei der Rente, die Regierung über die Bezüge der Abgeordneten entscheiden muss, tun das, demokratischerweise, die Abgeordneten per Akklamation selbst. Das will aber niemand hören, viel schöner ist es, bei dem Vorwurf zu bleiben. Er trifft immer, glauben seine Rufer. Aber was ist mit den AfD-Abgeordneten? Spenden sie ihre Bezüge den verarmten Rentnern, die sie immer als Menetekel an die Wand projizieren, oder den Obdachlosen, die sie gegen die Flüchtlinge auszuspielen versuchen? Nein, eine ihrer ersten Handlungen im Bundestag war es, belegte Brötchen für 10.000 € zu bestellen und selbst aufzuessen und dem Personalmangel mit überhöhten Gehältern, die sie sich auf Kosten der Steuerzahler nun leisten konnten, entgegenzuwirken.

Um also die formale Seite der Gesellschaft, die Ordnung, das Gesetz, die Polizei und Armee, die Geheimdienste als Vision, als Garantie, als eigentliches Ziel darzustellen und zum Inhalt einer Partei zu machen, bedarf es einer Apokalypse, der Vorstellung also, dass, wenn diese Ordnung nicht errichtet wird, die Welt untergeht. Man braucht dazu einen Feind, der die Welt zum Einsturz bringen wird. Alle Autokratien und Diktaturen machen das so. Aber denken wir an die arme Marienkirche in Pasewalk. Sie ist nicht durch die Atheisten zerstört worden, sondern durch ihre Unterstützer. Diese Art von Konservatismus, die auf einen Pessimismus auf der einen Seite, aber auf den Polizeistaat mit Mauern und Obergrenzen auf der anderen Seite setzt, wird ebensowenig gebraucht wie eine linke Vision, die die Revolution will, die den einzigen Weg zur Gerechtigkeit ausgerechnet in der Enteignung sieht. Optimismus ist also keinesfalls dümmer als Apokalypse. Misstrauen ist nur dann etwas wert, wenn es in Vertrauen gewandelt werden kann, denn es schadet dem Misstrauischen weit mehr als dem Misstrauten. Die Angst vor dem Untergang kann am besten überwunden werden, wenn man anderen hilft. Der Sinn des Lebens ist nicht seine bloße Erhaltung durch immer wieder neue Stützen, sondern der Neubau oder der Erhalt durch konstruktiven Umbau. Leben ist nicht atmen, sondern tun, schreibt Rousseau im ‚Emile‘. Wenn die Pessimisten sich Realisten nennen, dürfen und müssen die Idealisten Optimisten sein.

GRÜNSPAN ALS FANAL

 

Vom  vorigen  bis zum heutigen Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 319

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

Woher wusste er, dass seine Tat schon am nächsten Tag in den Schlagzeilen aller europäischen Zeitungen stehen würde? Die Zeit ist nicht nur manchmal reif für Erfindungen oder Kriege, sondern auch für Fanale. Nicht alle Fanale jedoch werden gehört und gesehen. Sein Fanal ist von den Nazis willig aufgegriffen, von allen anderen, Europäern und Amerikanern, aber ignoriert worden. Die Nazis hatten endlich einen Beweis und die anderen, wer weiß, sahen sich in einem Vorurteil bestätigt. Aber in welchem? Wir alle wissen heute, dass es eine Verschwörung der Menschen aus dem schtetl[1] nicht gegeben haben kann. Vielmehr ist Grünspan ein Vorbote der Schulversagergeneration. Allerdings zählt dazu leider auch Hitler. Während man früher als Schulversager keine Chance hatte, ist das Widersetzen gegen die Welt der Erwachsenen bei manchen ein Synonym für Innovation, die, wie im Falle Hitlers aber auch ein Rückgriff sein kann. Grünspan dagegen wollte ein Signal dagegen setzen, dass der Staat sich das Recht anmaßen kann zu bestimmen, wer wo und wann sein darf oder soll. Die Freizügigkeit gehört zur Demokratie wie die Freiheit überhaupt, die Selbstbestimmtheit und die Intimsphäre. Er sah etwas verletzt, was zum Menschen gehört, aber damals noch nicht Allgemeingut war. Die Länder, die nicht so antisemitisch wie Deutschland und Polen waren, öffneten sich aber auch nicht sofort und vollständig für den zu erwartenden Flüchtlingsstrom, sondern gaben den Deutschen insgeheim Recht: ein Jude aus Polen zu sein bedeutete damals nichts Gutes. Fügt man dann noch Frau und Linkshänder hinzu, werden alle Vorurteile durch den Namen Curie hinweggefegt. Grünspan wollte zeigen, dass es unrecht ist, dass man erst zweifacher Nobelpreisträger sein muss, um überall geduldet zu werden. Dulden ist auch das falsche Wort. Jeder Mensch muss überall ganz selbstverständlich sein, dann wird die Welt bewohnbar. Der Streit zwischen Freiheit und Ordnung darf nicht Menschen opfern. Loyalität schließt den Tod nicht ein. Hätte Grünspan die heute zugängliche Literatur gelesen, so hätte er wissen können, dass in diesem Sinne seine Tat auch ‚falsch‘ war. Selbst wenn Tyrannenmord als Ausnahme vom Tötungsverbot bestehen bleibt, so kann man sich nicht beliebige Projektionsopfer wählen. Töten ist immer falsch, aber die Schuld am Töten kann man jetzt nicht Grünspan aufbürden, der intelligent genug war, aber nicht genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Grünspan wollte nicht gezwungenermaßen staatenlos sein, aber auch nicht freiwillig tatenlos. In bezug auf die Wahl seiner Mittel ist Grünspan ein Opfer des Zeitgeistes, aber für das, was er tat, gehört er auf die Liste der Weltinnovatoren. Grünspan ist der Vorkämpfer gegen jede Willkür der Behörden, die schon Hiob und Hamlet beklagten und die auch heute noch so viel Schaden anrichtet, obwohl die Behörden wissen können, dass sie Diener und nicht Herrscher sind. Auch ist er das letzte mögliche Signal gegen den Racheimpuls, der in jedem von uns als archaisches Element steckt, dem von Goebbels schon einen Tag nach Grünpans Tat brutal und alttestamentarisch nachgegeben wurde, der aber für immer geächtet ist durch die Unverhältnismäßigkeit. Das Leid wird durch Rache immer verstärkt, vergrößert. Dagegen verbessert sich das Gesamtsystem, wenn man etwas für andere tut. Das gilt sogar auch für die Grünspan-Initiative. Denn wir wissen heute, dass man Menschen nicht hindern darf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Leben – und wieviel mehr fliehen – heißt aber immer Risiko. Man kann das Leben genauso wenig optimieren wie Märkte, Regierungen und Wasserströme. Auch dafür ist Grünspan ein Zeuge. Er ging mit fünfzehn Jahren ohne Schulabschluss von seinen Eltern weg und es ist ihm alles gescheitert, außer in die Geschichte als leuchtendes Fanal einzugehen. In dem Punkt ähnelt er Gavrilo Princip. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, sieht er nicht glücklich aus. Er ist gerade von der französischen Polizei verhaftet worden. Glücklichsein scheint nicht der Sinn des menschlichen Lebens zu sein, nur zu leben, ohne etwas zu tun, aber auch nicht.

Niemand von uns kann die Konsequenzen seines Handelns absehen, nur machen die meisten so wenig, dass man die Folgen vernachlässigen kann. Es wäre also fatal, wollte man die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath als voraussehbares Signal zum Holocaust deuten. Also etwa so: Hitler hätte sich nicht getraut sechs Millionen Menschen umzubringen, wenn Grynszpan[2] nicht vorher den Botschaftssekretär erschossen hätte. Das ist absurd, so kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es nicht einmal so, dass die Nazioberen auf ein Signal gewartet haben. Dafür dass sie gewartet haben, spricht eigentlich nur der erste September 1939, wo sie den Anlass, das Signal auf perfide Weise selbst geschaffen haben. Auch zum neunten November 1938 kann man annehmen, dass Goebbels nachgeholfen hat, denn der Legationssekretär hatte außer den Schussverletzungen auch eine Krankheit, die er sich durch homosexuellen Geschlechtsverkehr zugezogen hatte. Wenn man ihn sterben ließ, und dafür spricht einiges, hatte man nicht nur einen Märtyrer mehr, sondern einen schwulen Nazi weniger. Indessen war Ernst vom Rath genauso wenig Nazi wie Grynszpan von der jüdischen Weltverschwörung beauftragt.  Vom Rath orientierte sich an seinem Onkel Köster, dem deutschen Botschafter in Paris, mit seiner kritischen Sicht auf die Nazis. Dieser Köster wurde wahrscheinlich von Hitler in Paris belassen, um dem Naziregime einen pluralistischen Anschein zu geben. Später wurde er ermordet. Grynszpan wurde von der Verzweiflung seiner ausweglosen Lage getrieben. Er hatte nirgendwo eine Aufenthaltsgenehmigung. Als er hörte, dass seine Eltern und Geschwister nach Polen ausgewiesen worden waren, kaufte er sich vom ersparten Geld eine Waffe und ging in die deutsche Botschaft. Wahrscheinlich hat vom Rath ihn empfangen, weil er das genau so sah. Grynszpan ist ein Vorkämpfer der Freizügigkeit. Eigentlich wollte er dagegen protestieren, dass seine Eltern in ein Land ihrer Unwahl abgeschoben wurden, er aber nirgendwohin konnte, denn er war auch keine Pole mehr, Deutscher schon gar nicht, in Brüssel zeitweilig geduldet, in Paris illegal. Er war ein Europäer aus Hannover, der sich nach Geborgenheit sehnte, denn als er nach dem Einmarsch der Deutschen zufällig frei kam, begab er sich in die Obhut der französischen Behörden. Er war kein Anarchist. Was mag er dann im deutschen Gefängnis und im KZ Sachsenhausen getan und gedacht haben? Er folgte jedenfalls der Strategie seines französischen Verteidigers, indem er darauf bestand, dass er gar nicht hätte ausgeliefert werden dürfen und dass er vom Rath aus homosexuellen Kreisen kannte. Das rettete ihn vor einem Schauprozess mit Todesstrafe. Rettete ihm diese Argumentation auch das Leben? Vielleicht war es aber noch ganz anders. Grynszpan hatte sich eine Waffe gekauft, um den deutschen Botschafter zu erschießen. In der deutschen Botschaft angekommen, traf er auf Rath, den er kannte und der sich das Leben nehmen wollte, weil er diese furchtbare Krankheit hatte. Rath riet ihm, ihn zu erschießen und den Botschafter zu verschonen. So haben sie beide in einem letzten Einvernehmen ihre Probleme gelöst. Wäre Grynszpan die Reinkarnation von Hiob, so hätte er überlebt. Er wäre vielleicht der US-Finanzminister geworden oder gewesen. Später glaubte er nicht mehr an Fanal und Rache, sondern an Worte. Er sagte zum Beispiel: Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meine. Er war in Satzkonstruktionen geflüchtet, denen niemand folgen konnte und sie deshalb lieber bewunderte als kritisierte. Er hatte erkannt, dass Zinsen, Schulden und Wachstum nicht nur rein quantitative Parameter sind, sondern auch durch die Qualität der dahinter stehenden Leistungen und Waren bestimmt sind. Das alles hätte er nicht wissen können, wenn er nicht an jenem siebten November den Mann erschossen hätte, der erschossen werden wollte, aber damit gelichzeitig das Fanal für die Würde des Menschen geliefert hat. Er war der moderne Hiob, der Hüter der Brüder.

[1] jiddisch für Ghetto

[2] polnische Schreibweise

HIOB ALS BOTSCHAFT

 

Vom  vorigen  bis zum nächsten Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 318

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

Hiob gehört zu den großen Erzählungen, die uns gleichzeitig bewegen und trösten sollen und auch können. Hiob sieht seinen Erfolg übertrieben groß und sein Leid erdrückt ihn. Sein Erfolg ist – mit Ausnahme seiner Kinder – Haben und sein Leid ist Krieg und Krankheit, also für die Zeit, in der er lebt: Sein. Er findet sich auserwählt für übergroße Not und Ungerechtigkeit. Aber er ist nicht auserwählt. Keiner ist auserwählt. Da er, wie wir alle, alles richtig gemacht hat, trifft ihn jede Strafe zu unrecht. Überhaupt: warum glaubt er denn, dass er bestraft wird. Oder: glaubt nicht jeder an seine Unschuld? Würde jeder die Schuld bei sich suchen, wären die Täter schnell gefunden.

Jede Strafe ist unrecht. Die spiegelnden Strafen waren bloße Rache, sie vermehrten das Leid, statt es zu vermindern. Auch heute noch glaubt eine knappe Mehrheit, dass Strafe gerecht sei. Daraus, dass die Untat ungerecht ist, folgt nicht, dass die Strafe gerecht sei.  Gerecht wäre vorbeugendes Verhindern der Untat und liebevolle Wiedereingliederung des Täters. Wenn eine Wiedergutmachung am Opfer nicht möglich ist, so erhöht sie doch die Bilanz des Guten in einer Gesellschaft. Das universelle Tötungsverbot muss noch mehr durch   Waffenverbote und -ächtung unterstützt werden. In Europa und Japan nimmt die Zahl dieser Untaten drastisch ab, während sie in Ländern mit Armut und Waffen erschreckend  und fast antik hoch bleibt.

So ist es auch mit dem Lohn, dem Verdienst oder Gewinn, den man sich aus seinen Taten erhofft. Wir würden alle Hiob sozusagen überwinden, wenn wir        es verstünden, Gutes zu tun, um es sofort zu vergessen. Stattdessen erwarten wir Dank und Lohn. Es schmerzt, wenn der Verdienst zum Bettler gemacht wird. Aber der wirkliche Gewinn liegt immer im Zugewinn an Seelenfrieden. All die dilemmatischen, schier unlösbaren Probleme der Menschheit, sie nähern sich mikrometermäßig ihren Lösungen, wenn wir anderen helfen, ohne zu fragen und ohne Lohn zu erwarten. Es gibt keinen böseren Verdienst als Finderlohn. Der Lohn der Treppe ist das oben, nicht noch etwas.

 

Die höchste Instanz zur Beurteilung unseres Lebens ist Gott, aber er gab uns ein Gewissen. Und deshalb muss ein jeder Mensch mit seiner Schuld leben. Niemand kann sie ihm nehmen und niemand nimmt sie ihm. In den griechischen Tragödien, die zur gleichen Zeit entstanden wie das Buch Hiob, geraten die Menschen unschuldig in Schuld. Auch Hiobs Leid geht auf die Wette Gottes mit seinem Widersacher, dem Satan, zurück, liegt also nicht in Hiobs Leben. Viele Täter erschrecken vor ihrer Untat. Sie wissen nicht, wie sie dazu gekommen sind. Es gibt immer nicht nur einen Grund, warum etwas geschieht. Vielmehr benötigt man, um ein Ereignis zu erklären, mehr Gründe als man je finden kann. Das geht soweit, dass man eigentlich gar keine Warumfragen stellen kann: niemand kann sie beantworten. Zu groß ist die Masse der Gründe und Gegengründe, der Tatsachen und Rechtfertigungen.

Wir müssen in diesem Geflecht von Taten und Untaten, von Schuld und Sühne leben, wir haben keinen anderen Ort als diese Welt. So gesehen gehören Hiob und Grünspan in die große Reihe der Märtyrer. Das sind Menschen, die standhalten, obwohl sie wissen, dass sie scheitern, unter der Last fremder Schuld zusammenbrechen werden, die     das auf sich nehmen, was andere ganz offensichtlich falsch machen. Aber die anderen sind das herrschende System, sie glauben erst recht Recht zu haben. In diesem Netzwerk von Taten und Untaten hat niemand recht. Der Fehler ist nicht die      einzelne Tat, sondern das Bestehen auf ihr, das Rechthabenwollen, gefolgt vom Wahrheitpachten. Dann kommen schon die Kreuzzüge und dreißigjährigen        Weltkriege. Gott ist keine Burg, in der man Recht hat. Gott ist innen, nicht außen.

Das Leben folgt keiner Rechenkunst. Kein Kalkül ist möglich. Während der Pest müssen die Uhrmacher schweigen. Wir werden von dem, was wir Glück nennen, genauso überrascht, wie von dem, was uns Unglück scheint. Jähe Wendungen des Lebens sind genauso wenig vorhersehbar wie lange Strecken der Langeweile. Deshalb brauchen wir Hoffnung, Erzählung, Schlaf, Droge, Ablenkung, Trost. Die Hoffnung wird am meisten kritisiert, manche glauben gar, dass nur Narren hoffen. Hoffen hängt mit Wahrscheinlichkeit zusammen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Lottogewinn ist zum Glück genau so klein wie für den Blitzschlag. Die Wahrscheinlichkeit dagegen, dass wir jemanden erfreuen können, ist groß, wenn wir nur genug dafür tun. Jeder hofft zurecht, dass er ein besserer Mensch werden kann. Niemand wird zum Narren, der hofft und harrt, erzählt und tröstet, schläft oder sich betäubt, wenn die Schläge des Schicksals zu hart scheinen. Wenn Sinus das Kreuz des Lebens ist, dann ist Cosinus die Lust des Strebens.

Das Leben ist kein Kalkül. Es hat demzufolge mit Zahl und Geld nichts zu tun. Das   Geld ist nur eine Projektion der Zeit, die wir zur Verfügung haben und für         etwas ausgeben. Genauso wenig ist das Leben digital abbildbar, wenn uns das      auch   Netz und Filme und Spiele immer wieder suggerieren wollen. Das Leben bleibt das Leben aus Fleisch und Blut, fragil, verletzlich, kostbar. Das Leben hat          Würde und muss seine Würde behaupten, nur die Dinge haben einen Preis. Die besten Dinge aber sind die        Geschenke, die Gaben, die ebenfalls keinen Preis, sondern eine Würde haben. Der schönste Satz, den ein Mensch zu einem anderen sagen kann, ist deshalb: du musst dich nicht bedanken, denn du bist das Geschenk. Das Leben ist kein Kalkül, und das einzige, was keine Inflation hat, ist das Wunder.  

Liebe ist die weiteste und größte Lösung aller unserer Probleme und unseres Schicksals. Sie eröffnet neue, weite Horizonte, weil sie sich anderen Menschen zuwendet.  Wenn die maximale Kommunikation dadurch zustande kommt, dass ein liebendes Paar in einem leeren Zimmer schweigt, dann schließt dies aber auch die gesamte Menschheit aus. Deshalb ist Liebe, wie jeder weiß, mehr als die individuelle Liebe zwischen zwei Menschen. Liebe, die die Menschheit einbezieht, ist Nächstenliebe oder Solidarität. Jedem Menschen ist das Kindchenschema eingeboren, viele haben das Helfersyndrom. Wer kalt ist, wird erfrieren. Wem kalt ist, wird geholfen. So funktioniert Gemeinschaft, ohne die wir nicht sein können. Gehe in ein fremdes Dorf irgendwo auf der Welt: man wird dir Tee bringen und deine Schuhe trocknen! Alles, was du brauchst, um keine Angst zu haben, ist Liebe, aber alles, was du brauchst, um zu lieben, ist, keine Angst zu haben. Liebe ist aber auch geben, ohne nehmen zu wollen. Nicht zufällig stammt einer der schönsten Sätze des Weltdenkens aus einer Liebestragödie: the more I give, the more I have: je mehr ich geb, je mehr ich hab[1].

Die tiefste Lösung aber für den Menschen ist der Glaube. Mit ihm und sich ist der Mensch allein. Wir glauben an etwas, das größer ist als wir, und wir bauen Häuser, die mehr sind als Schutz vor Regen und Sonne. Mit dem Tod aber können wir nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Es ist nicht wichtig, wie wir das, woran wir glauben, nennen, wenn es nur größer ist als wir selbst und die Summe von unseresgleichen. Hiob und Grünspan stellen sich einen Gott vor, den es nicht geben kann, der ihr Leben verwettet und verspielt. Das ist menschlich, aber nicht göttlich. Nur Ultraorthodoxe können sich den Teufel als Tatsache, aber den Frieden als bloße Metapher vorstellen. Tiefer Friede kommt aus tiefem Glauben. Das ist die Tiefe des Menschen. Glaube ist immer einsam. Gruppe dagegen ist Therapie und auch oft nötig. Die Frage, ob Hiob wirklich glaubt oder nur aus opportunistischen Gründen seinen Glauben bekennt, ist ebenso unbeantwortbar wie universell und unnütz. Wir wissen letztlich nicht, ob jemand, der sagt, dass er uns liebt, nicht sich und seine Befriedigung meint. Wir müssen es glauben, wir wollen es glauben, wir sollen es glauben. Aber genauso wenig wissen wir, wenn wir annehmen, dass wir glauben, ob wir uns nicht Vorteile bloß von der Einhaltung der Regeln, der Traditionen und Rituale versprechen. Wer – außer Grünspan – wäre kein Opportunist?

Hiob ist die Parabel für die Inflation schlechter Nachrichten. Aber sind es auch schlechte Dinge? Ist Hiob zum Schluss nicht stark und demütig, und ist freiwillige Demut nicht der Stärke gleichzusetzen? Hiob belehrt uns, aber wir wollen ihm nicht nacheifern, im bösen nicht, aber auch im guten nicht. Aber jeder von uns kennt einen: der den Schmerz ausgehalten hat, der das böse Schicksal angenommen hat, genauso wie vorher das gute. Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt, der unser Leben verwetten könnte, wenn er wollte, und der den Weg jeder einzelnen Ameise vorbestimmt. Aber wir wissen und glauben, dass es unsere Aufgabe ist, nicht aufzugeben, wieder aufzustehen, dem Nachbarn zu helfen, Gutes zu tun. Es ist gleich gültig, ob wir die Aufgabe als von Gott gegeben annehmen oder mit der Muttermilch der Menschlichkeit in der Vatersprache der Güte aufgenommen oder sogar beides, das ist gleich gültig, wenn wir nur mehr tun als haben zu wollen und sein zu sollen. Wir müssen mehr sein wollen: Geber und Gabe gleichzeitig.

[1] Shakespeare, Romeo and Juliet, 2,2

SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?

 

Von heute bis zum nächsten Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 317

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

 

Zu den Menschen, die man sich nicht aussuchen kann, und ich denke, das sind alle, gehört auch der Bruder. Gleichwohl hat er aber, als Bezeichnung, als Kategorie und als realer Bezug eine ungeheure Aufwertung erfahren. Das gleiche Schicksal, besser: der sehr ähnliche Ausgangspunkt, verband Brüder schon immer, aber der Name ‚Bruder‘ kann auch Metapher für die methodisch so beliebte Unterscheidung in zwei Kategorien sein: gut und böse, Mörder und Ermordeter. Die frühe Geschichte von Kain, der seinen Bruder aus Neid ermordet, zeigt uns aber auch, dass es auf den ersten Blick nur einen Weg gibt, nicht zum Mörder zu werden: nämlich ermordet zu werden. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voller Täter und Opfer. Mauern, Ketten, Fesseln, Kreuze, Galgen und Guillotinen sollen den Opfern ihren Status bewusst machen und sie einschüchtern und einsperren.

Aus dieser endlosen Opfergeschichte erhebt sie die Emanzipation, die manchmal von oben verordnet wurde, wie bei der so genannten Judenemanzipation in Deutschland und Österreich, manchmal mit einem mutigen Akt der Selbstemanzipation begann, wie bei der Emanzipation der Frau oder, doppelt sozusagen, als Rosa Parks im Bus auf dem Platz für Weiße sitzenblieb. Und wir wollen nicht vergessen, dass das Busunternehmen in seinem Beharren auf Segregation direkt in die Pleite steuerte. Aus dieser Bewegung der afroamerikanischen, eher auf der Opferseite befindlichen Bevölkerung Nordamerikas stammt die neuerliche, inzwischen weltweite Aufwertung des Bruderbegriffs, der in der Religion immer gebräuchlich war, aber mit der Religion auch das Schicksal der Unglaubwürdigkeit teilte.

In der spektakulären Ausstellung ‚BEWEGTE ZEITEN‘, die an archäologischen Fundstücken unsere im doppelten Sinne bewegte Vergangenheit zeigt – die Menschen wanderten von jeher ein und aus, und sie schufen bewegende Artefakte, wie zum Beispiel vor dreitausend Jahren das Speichenrad von Stade – kann man gut sehen, dass die Kunst, die Venus und die Flöte von vor 40.000 Jahren, der treueste selbstgeschaffene Wegbegleiter der Menschen ist. Die Kunst ist vielleicht ein Produkt des Überflusses an Zeit, der entsteht, wenn man satt zu essen hat oder ausgestoßen ist. Im New York der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand diese eigenartige Subkultur des Hiphops, die heute weltweit als Rap fortbesteht und den antiken Begriff des Bruders (‚bro‘) als Metapher tiefer und selbstgewählter Zusammengehörigkeit hervorgebracht hat. Es ist aber eine Renaissance dieses uralten Begriffs und wir müssen auch gleichzeitig eingestehen, dass er einerseits natürlich wie jeder Begriff auch verlogen sein kann (‚und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein‘), und andererseits ist es vielleicht der letzte männlich-dominierende Begriff. Das hat sich aber niemand ausgedacht, um die Frauen oder die Feministinnen zu ärgern, sondern das kommt daher, dass in der modernen Industrie- oder Arbeitsweltgeschichte wieder Millionen junger Männer übrig sind und sein werden, die sich dann auch in organisiertem Verbrechen und in gelangweilten Subkulturen wiederfinden. Es gibt also neben Klimawandel, Digitalisierung als Veränderung der Arbeitswelt und Migration noch weitere Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen. Dazu gehören die arbeitslosen jungen Männer genauso wie die seit siebenhundert Jahren in Europa lebende und verachtete Minderheit der Roma.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert waren die Menschen aufgrund von Mangel aufeinander angewiesen, andererseits fanden sie über sich ein Gedankengebäude, das genauso ewig zu sein schien wie die Kathedrale, in der Solidarität und Sicherheit gepredigt wurden. Neben den religiösen Begriffen gehörten im neunzehnten Jahrhundert auch staatlich-nationale Vorstellungen zu diesem Gedankengebäude. Für den folgenden Satz wären wir sowohl im Kaiserreich als auch in der Nazidiktatur unweigerlich im Gefängnis gelandet: Vaterland war eine hohle Ersatzheimat für hungernde und obdachlose Menschen. Vaterland ist so etwas wie ein Schokoladenweihnachtsmann, schön anzusehen, aber leider hohl und nicht aus bester Schokolade, jeder, der ihn begreift, beschmutzt sich die Hände. Wer das nicht glaubt, begebe sich nach Verdun und sehe sich dort eine Million Soldatengräber an. Auch in ihnen liegen als überflüssig erachtete junge Männer, die bedenkenlos in den Tod gejagt wurden, jeder von ihnen hatte einen Schokoladenweihnachtsmann namens Vaterland in der Hand. Die Geschichte wäre übrigens nicht besser ausgegangen, wenn wir, die Deutschen, den ersten Weltkrieg gewonnen hätten. Kaiser Wilhelm ist der erste Populist gewesen, ein Politiker, der etwas sagt, wovon er zwar nicht überzeugt ist, von dem er aber glaubt, dass ein Großteil der Bevölkerung es schnell glauben oder annehmen wird.

Hiob, die antike Gestalt, über die Gott und der Teufel eine Wette abschließen, ob er bei ihn beinah vernichtendem Leid weiter an seinen Überzeugungen festhalten wird. Die Überzeugungen werden nicht näher benannt. Wir warnen aber: mit Gottestreue ist immer auch Systemtreue, Nationalismus, Auserwähltheit, Wahrheitsmonopol, Rechthaberei gemeint. Bekanntlich verflucht Hiob das alles und bleibt doch in diesem Gedankengebäude.

Ganz anders Grünspan: in der Wahl seiner Mittel bleibt er ein Kind der Zeit, ist er der Aktivist des Zeitgeists: statt zu Argumenten greift er zur Pistole. Man muss aber auch seine Lage sehen, er war gerade einmal siebzehn Jahre alt und völlig mittellos. Er hatte nicht nur kein Geld, sondern auch nichts anderes außer sich. Der Inhalt seiner Botschaft, und deshalb wurde sie zum Fanal, ist aber: dass man seine Brüder nicht in die Staatenlosigkeit, Mittellosigkeit, Mutlosigkeit, Lebenslosigkeit schicken kann. Wir kennen heute das Ziel dieser Reise: Auschwitz. Er hat es wohl geahnt.

Wir brauchen nicht nur eine neue Welt, die sich unter unseren Augen nicht von selbst, aber doch von den meisten von uns nicht gewollt, schafft, sondern wir brauchen auch ein neues Gedankengebäude, ein Zelt der Brüderlichkeit, des Zusammenhalts und des Trostes. Ein Trost für die rechtskonservativen Nostalgiker: ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER ist nicht nur die schönste Zeile der Europahymne, sondern auch von dem Dichter, den man im neunzehnten Jahrhundert für den deutschesten der Deutschen hielt: Schiller. Aber er war kein fahnenschwingender Losungsproduzent, sondern ein lebenshungriger Großintellektueller, der größte Stilist deutscher Sprache.

 

 

VON HASEN UND KAROTTEN

 

Nr.  316

Bach schrieb seine h-moll-Messe, um den Titel Hofkomponist vom sächsischen Königshof  zu erhalten, der für seine Reputation, wahrscheinlich auch für seinen Marktwert, wichtig war. Der Hof war, weil dem König auch Polen gehörte, katholisch, Bach dagegen protestantisch, mochte sich aber wohl nicht zwischen lutherisch und pietistisch entscheiden, was heute ohnehin kein Mensch mehr versteht. Betrachten Theologen dieses Großwerk, die h-moll-Messe, so sagen sie, dass es zwar katholisch sei, aber im Gottesdienst nicht verwendet werden kann, weil Bach den kanonischen, festgelegten Text verändert hat. Außerdem hat er auch hier musikalische Teile aus oder in anderen seiner Werke verwendet. Trotzdem glauben einige Experten, dass die h-moll-Messe das größte musikalische Ereignis der Menschheitsgeschichte sei. Selbst wenn man, wie ich, annimmt, dass Bachs Matthäus-Passion ebenso groß sei, werden sich alle darauf einigen können, dass die beiden Werke zu den TOPTEN aller Kunst gehören. Geht man vom Text aus, beginnt der Streit, aber es handelt sich glücklicherweise um Musik. Spricht man mit einem Pfarrer, gleich welcher Konfession, über Bach, so meint der meist den vertonten Text. Bach hatte leider, mit zwei Ausnahmen, Gottsched und Picander, keine bedeutenden Textdichter zur Verfügung, und selbst die beiden kennt heute niemand mehr. Michelangelo hatte leider keine besseren Auftraggeber als die Päpste, die wenigstens soviel verstanden, ihn wegen seiner TOPTEN-Bilder nicht auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, was damals gang und gäbe war. Shakespeare hat für bierselige und rülpsende Typen TOPTEN-Werke geschrieben: the more I give the more I have for both are infinite*.

Die h-moll-Messe ist, ungeachtet ihres Textes, Musik. Aber selbst der Text ist für jeden Menschen, ungeachtet seiner Konfession oder Konfessionslosigkeit verständlich: ‚et resurrexit‘ – ‚und ist auferstanden‘ beschreibt das Wunder des Gestaltswandels. Die von Darwin beschriebene Bedeutung des Regenwurms liegt nicht in seiner Gestalt, sondern in dem von ihm bewirkten allgemeinen Gestaltswandel, dass aus den Toten Humus, und aus dem Humus frischer Salat und für Nichtvegetarier frisches Fleisch wird. HASEN SIND AUS KAROTTEN / KAROTTEN SIND AUS HASEN UND WÖLFEN UND MENSCHEN / DAS SOLL DER KAMPF UM SEIN SEIN SEIN? Hinzu kommen neuerdings die Plastikteilchen.

Als Mensch unter Menschen sehnen wir uns nach Halt – Identität -, als Erkennende unter Erkennenden brauchen wir einen Erkenntnisstop – Definition -, und verdrängen, dass wir uns in  ständigen Bewegungen befinden.

Wir halten Ausschau nach Gruppen: das Baby sieht Babies, die Frauen sieht Frauen, der Mann sieht Männer, der Christ sieht Christen – und bis vor kurzem war er der Meinung, dass alle anderen, vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz richtig sind, der Muslim zieht in ein anderes, fremdes Land und das erste, was er sieht: ist ein Muslim. Wir brauchen die Ähnlichkeit, deshalb schaffen wir uns Gruppen. Aber dann sehen wir die Zerbrechlichkeit der Gruppen: denn der Wasserfall fragt nicht nach Ähnlichkeit, er reißt mit, was kommt, Mauern, Menschen und Mäuse. Wem der Wasserfall als Bild zu gewaltig, zu michelangelisch ist, der nehme die vernichtende und kreative Kraft des ewig sickernden Moors.

Sobald wir in eine Gruppe eintreten, spaltet sie sich. Sobald wir eine ‚Wahrheit‘ festhalten, löst sie sich auf. Sobald wir unsere Identität festgestellt (welch wunderbares Wort aus der Mechanik, wenn nicht sogar Statik, der Wissenschaften, die versuchen, die Natur aufzuhalten) zu haben glauben, verschwindet sie. Ostbürger dürfen an dieser Stelle an ihren alten Personalausweis, Westbürger an die Volkszählung von 1987, denken, beides Missgeburten des Identitätsbewusstseins und angesichts heutigen Datentransfers absolut lächerlich. Wir versuchen, die Bewegung anzuhalten: manchmal bleibt ein Haus stehen, ein Dachstuhl überdauert sieben Jahrhunderte, aber die Regel ist, dass alles was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht, wie Goethe Mephisto sagen lässt.

Wahrheit, also Definition, und Identität, entstehen so in dem kurzen Moment der Begegnung zweier Menschen. Selbst oder gerade wenn sie verschiedene – dem jeweils anderen nicht bekannte – Sprachen sprechen, sehen sie sich als Menschen, also Teil der Menschheit, Teil der Welt oder Schöpfung, Teil des Universums. Und wenn sie beide blind sind? Ihr gemeinsames Menschsein ist die Wahrheit und gleichzeitig ihre Identität. Wir beziehen uns hier, interessanterweise, auf den sehr weit in die Zukunft reichenden Kommunikationsbegriff von Karl Jaspers**.

Viel spannender ist die Frage, warum wir die letzen zweihundert oder zweitausend Jahre als unendlichen Emanzipationsprozess verstehen: die Frau, der Afrikaner, das Individuum, der sogenannte Behinderte, das diverse Geschlecht…sie alle wollten geboren werden und sind geboren worden aus einer jeweils elitären Gruppe, die für sich das Wahrheits- und Identitätseigentum erklärt – definiert – hatte.

So kann man die großen Kommunikationsschritte der Menschheit – Schrift, Buchdruck, Binärcode – auch als Erkenntnisschritte sehen und vor allem: als Emanzipationsschritte, als Schritte zu einer Gemeinsamkeit aller Menschen.

Diese Gemeinsamkeit ist immer schon vermutet worden, besonders seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, seitdem große Denker aus der Masse der Rituale hervortraten, aber sie ist auch immer wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Der Horizont des Menschen ist auf elf Kilometer begrenzt. Selbst die ungeheuren Möglichkeiten der Weltreisen für vielleicht die Hälfte der Weltbevölkerung führt nicht zu Erkenntnisfortschritt, sondern allenfalls zu Wohlbefinden. Vielleicht sind diejenigen Menschen, die fliehen, identisch mit denen, die reisen? Das Telefon in seiner totalitären Variante führt allein auch nicht zu Erkenntnisfortschritt, aber zu einem wachsenden Bewusstsein der Gemeinsamkeit. Deshalb muss zu den drei großen Schöpfern von TOPTEN-Kunst, Bach, Michelangelo und Shakespeare, eigentlich der Universalkünstler des zwanzigsten Jahrhunderts hinzugefügt werden: Chaplin. Er hat eine allgemeinverständliche und universell angewandte bewegte Bildsprache geschaffen, die zur Grundlage der heutigen allgegenwärtigen Filmkunst wurde. Und seine Erzählung:: des stolpernden, einfältigen, aber guten Menschen, der es schafft, schafft Optimismus und Glauben. Milliarden youtube-Filmschnipsel bereichern und verarmen unser Menschheitsbewusstsein ebenso total, wie die Plastikschnipsel in den Ozeanen oder die Monokulturen der reichen Länder die Natur bedrohen.

Wir tun gut daran, in den gegenwärtigen Umbruchsprozessen der Globalisierung und Digitalisierung eine afrikanische Sprache und Kultur zu erlernen. Es könnte sein, dass in Afrika die größte Überlebenschance der Menschheit besteht. Die Zukunft der Menschheit muss kein Weltuntergang sein, aber sie muss auch nicht in der Fortführung eines doch in vielen Punkten auf Zerstörung ausgehenden  Fortschritts- und Wachstumsmodells liegen. Dieses Wachstumsmodell hat den Hunger verbannt, aber den Preis dafür übersehen wollen. Krieg ist für nichts eine Lösung, das wissen wir jetzt, aber wie wollen wir zusammenleben? Propheten haben Wege geahnt, aber jeder Prophet wurde bisher von elitären Gruppen definiert oder identifiziert. Vielleicht hilft uns der Binärcode, die Welt sowohl als dunkles Labyrinth als auch als Berg-und-Tal-Bahn zu begreifen und zu meistern? Dann sollten wir jetzt langsam anfangen, mit dem nehmen aufzuhören und mit dem teilen und geben zu beginnen. So steht es bei Shakespeare, Bach, Michelangelo und Chaplin.

 

*Romeo and Juliet II,2

**Jaspers, Karl, Vernunft und Existenz, Zürich 1987

BRIEF AN ZWEI TÜRKISCHE FAMILIEN IN DEUTSCHLAND

 

[YÜZÜNÜZÜ GÜLDÜRSÜN]

 

Nr. 315

Liebe Familie Y., liebe Familie G.,

sicher haben Sie schon oft indirekt Aufforderungen erhalten, sich besser zu integrieren oder Sie haben Berichte in Zeitungen oder im Fernsehen so verstanden, dass Sie der  Gesellschaft Leistungen zu erbringen hätten. Heute ist der Tag der Abrechnung, an dem ich Ihnen sagen möchte, was Sie für die Gesellschaft getan haben. Ich hatte das große Vergnügen, jeweils einen Sohn aus Ihrer Familie unterrichten und glücklich durch das Abitur bringen zu dürfen.

VSY war ein sehr sportlicher Schüler, der sicher, solange er Kind war, Fußballer werden wollte, aber er ist auch musikalisch und sozial. In den drei Jahren, die er bei mir war, hat er sich immer um andere Schüler gekümmert. An seinem Platz in der letzten Reihe hatte er den Überblick, wer gerade Hilfe braucht. Das hat er mir dann abends geschrieben. Umgekehrt, wenn ich etwas wissen wollte, was mich nichts angeht, schrieb er drei Punkte. Ich habe vorher und nachher keinen Schüler gehabt, der so sehr auf Diskretion und Vermeidung von Missbrauch einer Kommunikationslinie bedacht war. Statt Klatsch und Tratsch zu verbreiten, haben wir über die Türkei, über die türkische Sprache und über den Islam geschrieben. Der Zwiespalt des Migranten ist für die anderen schwer nachvollziehbar. Der Widerspruch tritt sogar in der zweiten und dritten Generation eventuell verschärft auf: man ist hier geboren, aber man weiß nicht warum. Es ist scheinbar auch kein Trost zu hören, dass die anderen Menschen auch nicht wissen, warum sie geboren sind.

In seiner Kindheit und Jugend war er oft in der Moschee. Er hat seinen Glauben auf eine durchaus moderne Art verinnerlicht. Wenn es darauf ankommt, steht er mit klaren Worten dazu, ohne aber andere Menschen zu belehren oder zu beschämen. Ich habe gesehen, wie er betet, ich habe ihn aber auch genauso oft beim Fußball spielen und fröhlich sein gesehen. Ein Klassenfahrt ohne Alkohol ist früher unvorstellbar gewesen. Die Klasse verdankt ihm übrigens die Fahrt nach Lloret de Mar, der europäischen Partyhauptstadt. Er hat solange auf mich eingeredet, bis ich mein, wie sich gezeigt hat, falsches Vorurteil aufgegeben habe. Er hat im Gegenzug auch sein, teilweise richtiges, Vorurteil gegen Lehrer aufgeben. Am meisten habe ich durch ihn über das türkische Leben, über die wohlklingende, musikalische Sprache und den Glauben als tägliches Lebenselement erfahren. Kurz hat er wohl sogar mit dem Gedanken gespielt, mich zur Konversion zu überreden, aber dann gemerkt, dass es nicht um Missionierung gehen kann. Ich hatte das auch erst kurz vor ihm entdeckt.

Als ich das erste Mal in Istanbul war, hat er mir alles über facebook oder Telefon übersetzt. Mein britischer Bloganbieter war damals in der Türkei verboten, aber er hat mir einen Zugang gelegt, so dass ich jeden Abend meinen vielgelesenen Blog hochladen konnte. Ihm ist es auch zu verdanken, dass ich einige Jahre später mit einer Klasse nach Istanbul gefahren bin. Auf seiner Hochzeit mit einer Mathematikstudentin – ich fasse es nicht – fremdelte ich etwas, aber das ist für uns eine gute Erfahrung, einmal in der Minderheit zu sein, aber seine ganze Familie kam immer wieder zu mir an den Tisch, alle kannten mich, allen hat er von mir erzählt, der schweigsame, manchmal sogar etwas verschlossene Junge, der jetzt zum Ehemann wurde.

HG kannte ich schon, bevor wir beide seiner Klasse Istanbul gezeigt haben, in deutsch und türkisch übrigens. Einmal haben wir sogar einer indischen Familie die Süleymaniye auf englisch erklärt, sie hatten so intensiv zugehört, dass wir uns nicht entziehen konnten.

Ein nicht alter Lehrer war an Lebensüberdruss und Krebs gestorben. Wir befürchteten, dass nur sehr wenige Menschen zu seiner Beerdigung kommen würden. Aber da hatten wir nicht mit HG gerechnet. Er hat seine Klasse zum Friedhof geführt, Schüler aus anderen Klassen gewonnen, er hat die Mutter des Lehrers, die im Rollstuhl sitzend und wider Erwarten doch noch gekommen war, getröstet und umarmt. So etwas habe ich vorher und nachher noch nie gesehen!

In Istanbul, in Üsküdar, aber da, wo keine Touristen mehr hinkommen,  habe ich einen alten Bekannten, mit dem ich aber leider nicht sprechen kann, weil er nur und ich nicht türkisch kann. Ich bin also mit HG hingegangen, er hat wunderbar übersetzt und durfte sich in dem Laden meines Freundes aussuchen und mitnehmen, was er wollte. Das ist ein Kindertraum, aber er war kein Kind mehr und der Laden das, was man in Berlin einen Späti nennt. Danach gingen wir unter der Galatabrücke essen. Im nächtlichen Istanbul sahen wir Flüchtlinge aus Syrien mit ihren Kindern auf der Straße. Sie haben nicht gebettelt, aber sie hatten auch nichts. Wir haben also in einem anderen Laden, im Altstadtbezirk Sultan Ahmet, ein Abendbrot für sie gekauft und Spielzeug für die Kinder nicht vergessen. Dann fragte HG besorgt, ob wir jetzt noch nach Hause, in unser Hotel finden würden. Das befreiende Lachen galt wohl eher der syrischen Familie als dem Nachhauseweg, der kein Problem war.

HG war als Schüler nicht so leicht lenkbar wie andere. Trotzdem hat auch er dieses eigenartige nichtegoistische, soziale Element, nicht sich, sondern die anderen in den Mittelpunkt zu stellen. Die deutschtürkischen Schüler verbreiten eine Atmosphäre der Solidarität. Sie würden keinen Mitschüler verraten, auch wenn sie selbst dadurch in Schwierigkeiten kommen. Sie haben eine Leichtfüßigkeit, Fröhlichkeit und Freundlichkeit, die uns guttut, die wir lernen könnten und sollten. Merkwürdigerweise findet Migration einen Anker in der Esskultur. Die Franzosen, meine Vorfahren, brachten das Weißbrot und die Frikadelle nach Deutschland. Versuchen Sie einmal heute in einer normalen deutschen Kleinstadt,  Sauerkraut, das uns im englischsprachigen Raum einen deftigen Spitznamen eingebracht hat,  als Essen zu erhalten. Es gibt in jeder Stadt in Europa gesündere orientalische Essensvarianten. Aber das Essen ist eigentlich nur nebenbei erwähnenswert.

An einem schönen Herbsttag, versöhnt durch einen Jahrhundertsommer, kann man sich Migration als ein Würfeln Gottes vorstellen. Nach ein paar Jahrhunderten erstarrt jede Gesellschaft in guten wie in weniger guten Eigenschaften, die man gerade in Europa gut beobachten kann. Dann schickt er wieder ein, zwei Völker auf die Reise, um besseres Verhalten zu mischen. Denn überall, wo Menschen aufeinander treffen, werden sie sich auch lieben, verstehen, miteinander reden und feiern. Und es wird Kinder geben, die eine neue Mischung guten Lebens versprechen und darstellen. VSY und HG sind zwei von ihnen.

Ich danke Ihnen, den Familien von VSY und HG, für zwei wunderbare Söhne, die hier stellvertretend für hunderte Schüler und Mitbürger genannt sind. Statt Vorurteile und gar Hass zu verbreiten, sollten wir lieber mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen. Es ist ziemlich gleichgültig, woher wir stammen und was für Politiker uns führen oder verführen, wichtig ist, wohin wir gemeinsam gehen.

ALLES GUT

 

Nr. 314

‚Alles gut‘ ist die erste gesamtdeutsche Formel, die wir auch mit den Flüchtlingen, die seit 2015 gekommen sind, teilen. Alle Angst, die deutsche Sprache könnte verschwinden, die so genannte Leitkultur könnte in sich zusammenbrechen, war umsonst. Eine Leitkultur, die man installieren muss, wird niemanden leiten. Wer zum Beispiel ein Land mit einer reichen Alkoholkultur durch Prohibition heilen will, wird scheitern. Das heißt nicht, dass sich Kulturen nicht verändern. Sie verändern sich langsam und von innen heraus.

Diese Wohlfühlformel erschien gerade im Moment der Krise, die so viele mit dem Untergang verwechseln. Es gibt nicht mehr Krieg, Pest und Hunger, sondern immer weniger. Deutschland hat eigentlich kein Problem außer dem Überdruss, der andererseits von einem Innovationsstau begleitet wird. Das führte zu einer Krise der Demokratie mit seltsamer Rückwärtsgewandtheit. Aber wohin sollen wir uns denn wenden, wenn vorne keine Vision zu sehen ist? Wem sollen wir folgen, wenn vorne niemand läuft? Vielleicht begann diese Krise mit Schmidts destruktivem Satz von der Behandlungsbedürftigkeit der Visionäre. Vielleicht war er die Antwort auf einen konkreten Vorwurf, aber er ist auf jeden Fall falsch. Auch der andere berühmte Satz der Demokratie, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, ist falsch, weil es kein richtiges Leben gibt. Wohlstand ist keine Weltanschauung. Und eine Konfektions-Weltanschauung hat nicht das Zeug zur Weltverbesserung. Weltverbesserung ist aber dringend notwendig, weil die alten Ziele: kein Hunger, keine Pest, kein Krieg erreicht sind.

Eine der merkwürdigsten rechtskonservativen verschwörungstheoretischen Gruppierungen sind die Impfgegner. Tatsächlich gehörte der Impfzwang zu den diktatorischen Repressionen. Aber wenn es keine Diktatur gibt, kann impfen auch nicht repressiv sein. Man darf das nicht damit verwechseln, dass auch in der Demokratie die Bürokratie autoritäre Züge hat, vielleicht haben muss. Das ist ein alter, berechtigter Vorwurf. Die Verhirtung der Eliten ist schon mehrmals gescheitert, in der Gegenwart schon einmal deshalb, weil wir uns alle gegen die Verschafung wehren. Die Demokratie hat den mündigen Menschen geschaffen, von dem der unmündige Mensch geträumt hat, und die Technik hat ihm Kommunikationswerkzeuge in die Hand gegeben, mit denen er nicht nur täglich abstimmen, sondern auch zu jeder politischen Entscheidung eine Million Kommentare abgeben kann. Die digitalen Netzwerke verstärken die Kommentaridentität. Anders gesagt: jeder Mensch sucht nach Bestätigung und im Netz findet er sie schneller als auf der Straße. Umgekehrt zeigt sich aber heute auch viel schneller: jede Definition ist der Grund für die Spaltung. Haben früher gut und gerne fünfhundert Jahre (1054, 1517) zwischen zwei Spaltungen gelegen, sind es heute manchmal nur fünf Minuten.

Seit vielen Jahren reden wir von der Schnelllebigkeit. Nicht wir leben schneller, im Gegenteil, wir leben länger und das ganze letzte Drittel wesentlich langsamer, aber unsere Möglichkeiten werden immer schneller. Die Dinge und Gedanken bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit durch Raum und Zeit. Vielleicht ist es sogar so, dass wir staunend am Straßenrand stehen und unsere Gedanken und Dinge vorbeieilen sehen. Fast genauso schnell kann aber jede Ware von jedem beliebigen Ort der Welt zu uns gelangen.

Aber wir sitzen an unseren Computern mit den Vorstellungen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Wir sehnen uns nicht nach Autorität zurück, sondern nach Langsamkeit. Alles soll so bleiben, wie es bei unseren Großeltern war. Unsere Großeltern fingen einen der schrecklichsten Kriege aller Zeiten an. Wir wollen also am liebsten die Zukunft nicht verändern, aber die Vergangenheit harmonisieren?

Dieser Umbruch wird zurecht als Chaos empfunden. Wir sehnen uns nach der Geborgenheit, die wir gerade abgeschafft haben. Wir orientieren uns an Medien, die wir eigentlich ablehnen. Dabei spielt das Fernsehen die verhängnisvollste Rolle, weil Bild und Ton zusammen einen höheren Wahrheitsgehalt versprechen. Jeder Irrtum einer Medienanstalt wird aber auch als vermeintliches Staatsverbrechen gerügt. Wenn man einmal überlegt, was alle Religionen und positiven Ideologien eint, so ist es das Streben nach Demut und Gelassenheit. Wer zum Hass aufruft, glaubt sich im recht und will sich nicht zurücknehmen. Würden wir uns dazu erziehen, uns zurückzunehmen, würde die Welt langsamer und wieder verständlicher.

‚Alles gut‘ ist also der Aufruf, im Toben der Welt eine Insel der Güte zu finden. Wenngleich, so sagt diese Formel, die Welt verrückt geworden zu sein scheint, so bleibt doch bei mir alles gut. Gleichzeitig liegt in dem schlichten Gruß auch die Hoffnung für den anderen. Wir haben zu einer inselhaften Freude und Demut gefunden, aber wie ist es mit dir? Ist bei dir auch alles gut? Die Neubürger in unserem Land haben sogar die beiden Formeln ‚alles gut‘ und ‚alles Gute‘ schon zusammengelegt, wenn auch mehr aus semantischer Schwäche, weniger wohl aus visionärer Stärke.

Bleibt der inflationäre Gebrauch. Er ist immer furchtbar. Erinnern wir uns, wie schnell wir das Wort ‚geil‘ entsexualisiert und das Wort ‚genial‘ veralltäglicht haben. Einst war Goethe genial, jetzt ist es der Rabatt für Götterspeise. Inflation lässt sich wohl nicht verhindern. Sie gehört zum naturgegebenen Ablauf oder Profil. Wer Berge liebt, darf sich über Täler nicht wundern. Die Inflation der Wörter hat aber auch eine suggestive Wirkung. Obwohl in Europa mehr in Ordnung als in Unordnung ist – verglichen zum Beispiel mit Kenia -, haben wir eine tiefe Krise der Demokratie. Obwohl wir mehr Kommunikationsmöglichkeiten haben als alle Generationen vor uns, haben wir eine Krise der Glaubwürdigkeit. Obwohl wir die Welt besser kennen als sie jemals zuvor gekannt wurde, gehen wir weiter davon aus, dass es uns am schlechtesten geht. Jeder möchte sein Problem als Priorität anmelden und wundert sich, dass am Problemschalter das Anstehen wie im Ostblock wieder üblich wird. Und hier sollten wir uns erinnern, was wir uns alle am 10. November, ungläubig staunend geschworen haben: nie wieder anstehen. Warten können ist eine der großen Übungen der Gelassenheit und Demut. Statt auf den Orient zu schimpfen, sollten wir diese Gelassenheit von ihm übernehmen.

Obwohl wir also eine wahre Inflation der Krisen haben, sagen wir jeden Tag zwanzigmal ALLES GUT, und das ist auch gut so.

BEWAHREN

Nr. 313

Früher sagten die Hausfrauen, dass sie den Sommer in den Weckgläsern für die kalten und dunklen Wintertage aufbewahren würden. Und wie sieht es heute aus? Es gibt keine Hausfrauen mehr, die wenigsten Menschen wecken eigenes Obst ein, fast alle kaufen Fertigprodukte, darunter sehr viele von weither importierte, in den Supermärkten. Überhaupt, die Metapher für die Verbrauchs- und Wegwerfgesellschaft, in der wir uns heute befinden, ist der Supermarkt. Gleichzeitig ist er die Verwirklichung des Märchens vom Schlaraffenland und vom süßen Brei, die aber alle schon die Moral enthielten: man kann nicht mehr als essen. Jedes Märchen kehrt sich um, weil nichts bleibt, wie es ist. Obwohl wir hier alle mehr als genug und mehr als nötig essen, jammern die brandenburgischen Bauern, dass von ihren 70.000 Schafen hundert der Wolf gefressen hat, 0,1%. Die Äpfel an den früher gehegten und bewachten Alleen verkommen in diesem Jahr noch mehr, weil es weniger Vögel und weniger Insekten gab. Sie wurden der monokulturellen Landwirtschaft geopfert.

Man kann Gegenstände bewahren, man kann Werte bewahren, Zustände dagegen nicht. Nichts ist flüchtiger als ein Zustand, das haben wir alle im sonst eher überflüssigen Chemieunterricht und in der höchst nötigen Liebe gelernt. Die Gegenstände werden teilweise sogar wertvoller, wenn man sie konserviert, wie man sich auf jedem Kunst- und Antikmarkt und –laden versichern kann. Aber dann verfallen sie dem Rost oder dem Vergessen.

Auch Werte haben die Tendenz zu verfallen. In Europa gab es zwei dreißigjährige Kriege (1618-1648, 1914-1945) und alle Historiker und Dichter dieses Themas sind sich einig, dass die mentalen Zerstörungen am folgenreichsten waren. Die Barockdichter verwendeten die umgestürzte Kirche als Metapher für den Werteverfall. Kinshasa ist auch deshalb die Welthauptstadt der Vergewaltigung*, weil im Kongo der Staatsterror seit dem neunzehnten Jahrhundert wütete. Noch 1960 gab es in Belgien eine Postkarte ‚Souvenir de Leopoldville‘. Wir haben hier schon einmal auf den allerdings nicht kausalen Zusammenhang hingewiesen, dass in Europa Millionen Kinder ermordet wurden, und anschließend  signifikanter Kindermangel und Kinderangst herrschten. Erst jetzt kehrt sich dieses Verhältnis durch die Helikoptereltern und die Flüchtlingsmütter wieder um.

Die Zustände der menschlichen Gesellschaft haben sich in den letzten fünfzig Jahren schneller verändert als üblich, wenn man aber die davor liegenden fünfzig Jahre mit einbezieht, relativiert sich die Zeit und der Abgrund. Denn die Veränderung durch eine auf die Spitze getriebene Wertehierachie war gravierender als die darauf folgende, einfacher gesagt: 1945 brach mehr zusammen als 1990 neu entstand. Darunter sollten wir nicht nur die Völkermorde der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehen, sondern auch die Vertreibungen und Umsiedlungen, überhaupt die Menschenverachtung. 1945 ist letztmalig das falsche Konzept gescheitert, dass ein Mensch mehr oder weniger wert ist als der andere. Jeder spätere Versuch der Erneuerung oder auch nur Bewahrung steht unter diesem Verdikt des endgültigen Scheiterns.

Der Wert, den es zu bewahren gilt, ist also die Gleichheit aller Menschen, wie sie in Schillers berühmter Ode und Lessings nicht minder berühmten Drama als Ideal über der Menschheit schweben, wie sie aber auch in der Albert Schweitzers ‚Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben‘ Eingang in das neuere philosophische Denken gefunden hat. Schweitzer kombinierte übrigens die denkerische Voraussetzung mit dem christlichen Wert der Barmherzigkeit. Er hat sich damit Kritik von beiden Seiten eingehandelt: von den Christen und den Atheisten, was aber seiner Lehre keinen Abbruch tut.

Der Aberglaube, dass der Staat die Probleme, die seine Bürger haben, lösen kann, wächst aus dem Aberglauben, dass er sie verursacht hat. Die Industrialisierung war ein Kind der Dampfmaschine, die Erfindung des Sozialstaats war dagegen das Auffangen der äußerst harten Folgen der Industrialisierung, was man damals ‚die soziale Frage‘ nannte. Der Wohlstand, der nötig ist, um Freiheit durch Konsum zu erreichen, ist keineswegs durch den Sozialstaat oder gar den Nationalsozialstaat oder den Ostblock erreicht worden, sondern durch Henry Ford und Walter Rathenau und ihre industrielle Massengüterproduktion bei gleichzeitiger angemessener Lohngewährung. Nebenbei: ungeachtet ihrer Herkunft oder ihrer sonstigen Ansichten besaßen sie beide die damals weltgrößten Konzerne, FORD und AEG.

Jeder Staat, der glaubt oder versucht, die Probleme der Menschheit ohne die Menschen zu lösen, wird einfach in sich zusammenbrechen. Der Staat kann lediglich Tendenzen verstärken oder auffangen oder bremsen. Neue Tendenzen sind immer wirtschaftlicher, religiöser, technologischer und eben auch staatlicher Natur. Für jeden einzelnen Bestandteil menschlichen Lebens gibt es jeweils eigene Theorien oder gar Ideologien, die vorgeben, alle Probleme lösen zu können. Obwohl wir gerade ein ausgesprochen technologisches Zeitalter durchleben, setzen dafür nicht empfängliche Menschen weiter auf den Staat oder auf die Wirtschaft oder auf die Religion als allround-Problemlöser. Aber natürlich kann die Technologie auch nur einen Teil der Probleme lösen, indem sie gleichzeitig neue schafft. Hinzu kommt, dass viele Technologien auch Lösungen anbieten, die vorher kein Problem waren, das gilt für den Buchdruck wie für das Automobil oder den Computer, dessen Zukunft offensichtlich im Smartphone und im Roboter liegt. Gleichzeitig wird die Grenze zwischen dem Computer und dem Menschen verblassen.

Je komplexer die Welt und ihre Probleme werden, desto stärker muss die Betonung und Bewahrung der alten, scheinbar unabänderlichen Werte sein: Tötungsverbot, Solidarität, komplexes Denken. Jede Lösung eines Problems erscheint erst hinterher einfach. Wer nach einfachen Lösungen sucht oder sie anspreist, irrt oder wird sich und andere verirren. Nicht leicht wird es werden, unseren großen technologischen und energetischen Anspruch mit der genau so großen Aufgabe der Bewahrung  der Natur und der Würde des Menschen zu vereinbaren. In einigen Punkten ist sicher Minimalismus die Antwort, aber der setzt meist Überdruss voraus. Diogones, der erste Kyniker, soll angeblich beim Anblick eines aus seinen Händen trinkenen Hirtenknaben seinen Becher weggeworfen haben. Aber solche Geschichten sind mehr Appell als Nacherzählung.

Menschlichkeit oder Solidarität ist ein Allgemeingut der Menschheit, aber auf der anderen Seite ist das, was wir bisher als Fortschritt oder Wachstum bezeichnet haben, keineswegs ein linearer oder ununmkehrbarer Prozess. Es gibt nie nur eine Richtung oder eine Antwort. Jede Wahrheit hat die Tendenz sich zu spalten. Nichts ist unteilbar. Vielmehr bezeugen die gegenwärtigen politischen und ideologischen  Auseinandersetzungen, dass alle Bewegungen sinus- oder helixförmig sind. Für die Entdeckung der doublehelix gab es sogar schon den Nobelpreis**.

Bewahren sollten wir uns immer unsere Neugier und Freundlichkeit.

 

*Zitat von Denis Mukwege, Friedensnobelpreisträger 2018

**Crick, Watson und Wilkins 1962

DUNKELZIFFER

 

Nr. 312

 

Es ist schon merkwürdig, dass gerade die Statistik, ein Bestandteil der Mathematik einerseits, und andererseits der Versuch, das chaotische Leben in Zahlen zu stecken und damit zu objektivieren, derart in Verruf geraten ist. Als die Statistik als Instrument der Wissenschaft entdeckt wurde, im neunzehnten Jahrhundert, war der Glaube an die Wissenschaft groß, er löste gerade den institutionaliserten religiösen Glauben in seiner absoluten und totalen Form ab. Die Staatskirche brach zusammen. Die Aufklärung, so die Frankfurter Schule, setzte sich selbst an die Stelle der soeben abgelösten Vormünder. Eines ihrer überzeugendsten Mittel war die Statistik. Zahlen, so glaubte man, können nicht lügen. Es überschnitten sich fast das ganze neunzehnte Jahrhundert lang der Glaube an eine Wahrheit und die Wissenschaft. Wir ahnen heute, dass sich die beiden viel wahrscheinlicher ausschließen. Jeder wissenschaftliche Satz ist gleichzeitig Interpretation und Hypothese. ‚Die Erde ist eine Scheibe‘ ist genauso wahr und unwahr wie ‚Die Erde ist keine Scheibe‘.

An diesem Punkt der Erkenntnis wurde die Dunkelziffer erfunden. Sie besagt, dass zwar soundsoviele Menschen dasundas getan oder nicht getan haben, aber dass wir nicht ausschließen können, dass es mehr oder weniger sind. Wir brauchen immer ungefähr ein halbes Jahrhundert, bis wir Neuerungen gedanklicher Art verinnerlichen. Jetzt wissen wir, wenn die Statistik schreibt, dass vierhundert Menschen in Deutschland in einem Jahr ermordet wurden, dann können es auch achthundert sein, die Dunkelziffer. Aber gerade bei Mord und bei Wahlen sind die Zahlen ziemlich genau, weil das auf der einen Seite sensible Bereiche des menschlichen Lebens in einer modernen Demokratie sind, und weil andererseits auch die Instrumente der Zählung in diesem Bereich besonders tauglich sind. So werden in Deutschland 95% aller Tötungsdelikte aufgeklärt, was nur dadurch für verlässliche Zahlen spricht, als man aus der Aufklärungquote auch den Stellenwert ableiten kann, etwa im Gegensatz zu Fahrraddiebstählen. Im deutschen Kaiserreich waren der Besitz und der Verlust von Dingen noch höhere Güter als die Unversehrtheit des Lebens. Die Reste von dieser Haltung findet man im Strafgesetzbuch.

Wir benutzen sonst die Dunkelziffer gern als Dehnungsargument. Wir haben zum Beispiel die Meinung, dass zu viele Menschen nach Europa einwandern. Dann werden wir jede Zahl in dieser Richtung deuten und zur Verstärkung unserer Ansicht eine Dunkelziffer hinzufügen, die uns bestärkt. Dunkelziffer heißt aber gerade, dass wir die tatsächliche Zahl nicht kennen. In einem Land ohne Mauern gibt es illegale Einwanderung, wie es auch illegale Auswanderung, zum Beispiel Steuerflucht, gibt. Um von diesem schwer erfassbaren Sachverhalt abzulenken, wird auf den sichtbaren Teil verwiesen. Der Flüchtling wird in den Mittelpunkt der Argumentation gestellt, und nicht die Migration. Der Flüchtling wird als illegal denunziert und verfolgt. Das war bei der Massenauswanderung der Europäer in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so, das war in der DDR mit ihrer unseligen, todbringenden und symbolischen Mauer so, und es wird heute auch wieder versucht. Migration ist keine Dunkelziffer, sondern Bestandteil menschlichen Lebens. Wenn man zulässt, dass jedes Argument und jede Zahl durch eine Dunkelziffer unterminiert wird, dann macht man aus jedem Diskurs eine Gummizelle der Argumente. Die Dunkelziffer ist selbst eine Dunkelziffer, sie bringt – oft mit Absicht – die alte Ungenauigkeit und Unsicherheit als Herrschaftsinstrument zurück. Man muss sich Herrschaftsinstrument nicht nur als – unterstelltes – Regierungshandeln vorstellen, sondern neuerdings auch vor allem als Stimmenfang. Obwohl wir offensichtlich in einem eher erfolgreichen Land leben wird mittels der Dunkelziffer sein apokalyptischer Untergang vorausgesagt, entweder durch einen Volksaufstand, der ist in Deutschland eher selten, oder durch feindliche Machtübernahme. Dass wir gar keinen Feind haben, fällt in dieser Argumentation wahrscheinlich unter die Dunkelziffer.

Aber es gibt auch zwei Gegenentwürfe zur Dunkelziffer. Wenn es, wir folgen experimentell der vereinfachten Argumentation, eine Dunkelziffer auch bei Mord und Totschlag und Wahlbetrug gibt, dann muss es auch eine Dunkelziffer der Lebensrettung und der nicht gezählten Wähler – statt der angeblich hinzugefügten – geben. Weitaus mehr Menschen sind bereit, Risiken einzugehen, um Risiken zu minimieren. Ausschließen kann man Risiken bekanntlich nicht. Hinzu kommt dass eine Zahl eben nicht eine Zahl ist, sondern es ist eine Vorstellung, die sich ihren Weg durch die Friktionen des Informationsjungles bahnen musste. Was in der Zeitung steht, ist Interpretation. Was aber die Gegner der Zeitung sagen, ist auch Interpretation. Wenn wir dem SPIEGEL aus gutem Grund misstrauen, dann müssen wir uns fragen, warum wir dann aber plötzlich Herrn M. glauben sollen, der eine Facebookseite betreibt und gestern mit einem Pappschild ‚Merkel muss weg‘ gesehen wurde. Merkel ist nach Ansicht der einen die zweitbeliebteste Politikerin hierzulande, nach anderen Ansichten muss sie schnellstens weg.

Das zweite Gegenargument ist die Hellziffer. Sie wird einfach ignoriert. Der leider zu früh gestorbene schwedische Dunkelzifferforscher Hans Rosling* hat seine berühmte Frage, wieviel Mädchen in Ländern mit niedrigem Einkommen heute die Grundschule absolvieren (20, 40 oder 60%) auch Schimpansen vorgelegt, von denen wir annehmen, dass sie ihre Kreuze zufällig machen. Die Schimpansen kamen wenigstens auf den Mittelwert und schnitten damit besser ab als ihre menschlichen Brüder, die auf den schlechtesten Wert tippten. Und ‚tippten‘ ist das richtige Wort, wir folgen unserem apokalyptisch verseuchten Geist, unserem eingeborenen Pessimismus, unserer epidemischen Denkfaulheit. Wir sind zunehmend nicht bereit, aus dem Fenster zu sehen, auf die Straße zu gehen, ein einigermaßen sachliches Buch zu lesen, dem Diskussionspartner geduldig zuzuhören, mehr als die Überschrift eines Artikels zu lesen. Je mehr Informationen uns zur Verfügung stehen (könnten), desto mehr glauben wir an unerschütterliche Wahrheiten. Da hätten wir doch gleich im Mittelalter bleiben können. Das Gegenteil von Informationsflut und ewiger Wahrheit ist Navigation, wie man schon im Tagebuch von Christoph Kolumbus nachlesen kann. So wie nach der Erfindung des Buchdrucks versuchen auch jetzt Legenden, monokausale Einfachstbegründungen, Imitationsketten und sogar Hoaxes und UrbanLegends den Weg durch die neuen Medien. Die Antike belauert und bedrängt uns überall!

Die Dunkelziffer des Guten ist größer als die des Bösen, weil wir sonst bisher nicht hätten überleben können. Und da das Gute auch in der Hellziffer zunimmt, ist die Gefahr des Untergangs der Welt einschließlich ihrer Teile (zum Beispiel Deutschland) nicht größer als zur Zeit der größten bisher geschriebenen Apokalypse des Johannes aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert.

Die Dunkelziffer des Guten ist größer als die des Bösen.

* Hans Rosling, FACTFULNESS, Ullstein, Berlin 2018

HEIMAT

 

Nr. 311

 

Wir fahren durch eine nicht kontinuierlich berauschend schöne Landschaft. Sie ist weitgehend menschenleer und doch strukturiert. Aber es gibt wunderschöne Alleen und Wälder, in denen noch der Schatzhauser aus Wilhelm Hauffs wahrem Märchen zu leben scheint. Die letzte Eiszeit hat Hügel hingeworfen und Moore hinterlassen, die so scharf an die Straße grenzen, dass wir kurz denken, wie verschwunden wir wären, wenn wir vom Weg abkämen. Niemand wüsste, wo er uns suchen sollte, nicht für immer, aber für einige tausend Jahre wären wir unsichtbar, dann eine archäologische Sensation. Hier ganz in der Nähe ist im vorigen Jahr ein Bahndamm ins Moor abgerutscht. Vor ein paar Tagen verschwand eine steinalte, demente Frau, die in Russland geboren worden war, in die, wie ihre Tochter sagt, vierte Dimension. Sie brachte einen Mülleimer nach draußen, wurde dann von Hundestaffeln, Hubschraubern und Hundertschaften der Bundespolizei gesucht: vergeblich. Die Hügel sehen aus, als hätten Riesen sie hingeschoben, und ihr Schweiß sind die tümpelhaft täuschenden Moore.

In der scharfen Linkskurve hätten wir scharf nach rechts fahren müssen, nun müssen wir wenden und erreichen doch noch das versteckte Dorf. Die Kirche ist aus dem dreizehnten Jahrhundert, ein Feldsteinsaal mit angemalter Balkendecke. Vor dem Dreifenstergiebel steht einer der schönsten Renaissancealtäre weit und breit. Die Kirche war schon dem Verfall preisgegeben, der Altar auseinandergefallen, der auferstandene Jesus fehlt immer noch, die historische Orgel von einem Marder ausgeweidet. Wir glauben nicht an den Marder. Es gibt immer genug Menschen, die Zinn und Holz gebrauchen können. Vor dem wertvollen Altar ist ein Podest aufgebaut, von Scheinwerfern angestrahlt, ein Tischchen und drei Stühle. Die Vorsitzende des Bürgervereins, der schon die Kirche rettete, sagt den etwa siebzig Besuchern, die ihre Autos auf der Wiese neben den Schafen parkten, was sie erwartet:

Einst ging ein junger Mann* in Beirut in eine Bibliothek. Er schlug ein Buch auf und fand sein Lebensthema, ja, seinen Lebenssinn. Es waren Gedichte von Rainer Maria Rilke. Da er aber nicht Deutsch konnte, las er zunächst die englischen Übersetzungen, lernte dann Deutsch, wurde Philosophieprofessor und Lyriker.

In Deutschland lernte er einen berühmten Schauspieler** kennen, der jetzt, – die Rede der Vorsitzenden ist beendet -, eine Theaterlegende ist und in diese Kirche in diesem abgelegenen Dorf kommt. Er ist fast 90 Jahre alt und geht nicht am Stock, sondern spielt – immer noch als junger Mann – einen Greis, zum Beispiel den traurigen König Lear, der am Stock geht. Er spielte nicht nur in Berlin – Ecke Schönhauser und ein Dreivierteljahrhundert lang alle großen Theaterrollen unter allen großen Regisseuren, sondern auch Shakespeares Sonette mit Inge Keller in der Regie von Robert Wilson*** aus Waco, Texas, der Stadt mit den zwei Massakern, und mit der Musik von Rufus Wainwright, dem Schwiegersohn von Leonard Cohen. Bei uns ist in jedem Absatz mehr Welt als in einem ganzen Parteitag der so genannten Alternative für ein Land, das es so nicht mehr gibt und das man nicht zurückholen kann.

Jetzt liest er, dass ‚wir wie Stein im Bett des Schicksals‘ lägen und dass ‚der Wind an die Tür‘ klopfe und dass Jesus, der an dem Altar fehlt, gesteinigt wird, wieder und wieder. Ein Gedicht handelt davon, dass wir wissen wollen, woher alles kommt, aber nicht, wohin alles geht. Seine Stimme ist unverwechselbar, man hört den Berliner durch, aber es ist ein Berliner, der durch die Welt der Worte schlurfte und wie ein Schwamm, wie ein Moor den Sinn aufsaugte, der verborgen scheint und doch überall zutage liegt. Dieser Sinn des Lebens oder der Welt wird durch die atmosphärischen Klänge der arabischen Laute, oud, was Holz heißt und von dem unser Wort ‚Laute‘ abstammt, die seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend bekannt ist, bloßgelegt. Weil sie keine Bünde hat, können diese natürlich wirkenden Glissandi**** hervorgebracht werden. Sie klingen wie das schluchzende Singen einer alten Frau mit einer jungen straffen Sopranstimme. Eine Oktave ist nicht in zwölf Töne, wie beim europäischen System, sondern in achtzehn Töne unterteilt, so dass wir Vierteltöne hören. Die Tonsysteme der Welt haben ihre Namen vielleicht in Europa erhalten, aber sie sind auch tatsächlich vergleichbar, ähnlich, austauschbar. Wenn wir nicht hinsähen, würden wir nicht die arabische Musik von derjenigen unterscheiden können, die hier gespielt wurde, als der Altar entstand. Das war 1610.

Im Publikum sitzt eine Frau mit leuchtend rotem Haar, ganz wie der Judas in der Predella des Altars. Ein alter Mann hat eine usbekische Mütze auf. Wahrscheinlich ist er ein bekannter Künstler, die meisten Künstler hier sind Maler. Aber er ist der Traditionsbrecher, wir haben nichts dagegen, aber wir wollen es sagen, weil es soviel Geschrei auf den Straßen gibt, wer wessen Kultur missachtet. Diese Kirche hier wurde weder durch die Usbekenmütze noch durch den Islam fast zum Einsturz gebracht, sondern durch Gleichgültigkeit und durch das Verlöschen des christlichen Lichts in Europa. Und erhalten wurde sie, kurz gesagt, durch die Kunst.

Wir hören also in einem verschwundenen uckermärkischen Dorf sowohl das mehr als viertausend Jahre alte Instrument, sitzen vor einem mehr als vierhundert Jahre alten wunderschönen Altar, dessen Bildsprache zwischen höchster Abstraktion und fast infantilem Jahrmarkt schwankt, hören einem höchst bemerkenswerten alten Mann zu, der einen Dichter interpretiert, der zwischen Babel , Beirut und Berlin, aber immer in den Worten zuhause war. Hölderlin, der von einer weniger bekannten Frau gelesen wurde, verblasste vielleicht nur, weil er mehr bekannt ist.

In Babel, auch das ein uralter multikultureller und multireligiöser Ort, wurden angeblich die Sprachen verwirrt, aber die Menschen verstanden sich trotzdem. Sie lauschten der oud und summten in ihrer Seele, dass nur Liebe belebt – und beinahe hätten wir gesagt – und sonst gar nichts. Deshalb wurde Jesus gesteinigt und deshalb – vielleicht – fehlt er auf diesem Altar.

Das Geschrei auf den Straßen will uns weismachen, dass Heimat der Staat sei, dessen Grenzen, wie jeder, der aus Deutschland oder Babel ist, weiß,  verschiebbar waren und sind und tausendmal verschoben wurden. Grenzen sind immer auch gleichbedeutend mit Gefängnis. Draußen, vor der Kirche, weiden jene Schwarzkopfschafe, auch sie leiden unter dem Elektrozaun, der irre Grenze ist, denn nirgendwo scheint das Gras grüner als hinter dem Zaun. Der Bock trägt eine Schürze um sein Genital. Der Mensch hat sich schon sattgewürgt an den überzähligen Lämmern, die er dem Wolf und dem Migranten missgönnt. Wir missbilligen das Schlachten in angeblich anderen Kulturen, und billigen die Massentierhaltung und das Töten von, allein in Deutschland, fünfzig Millionen männlichen Küken jährlich. Wir missbilligen die Burka, billigen aber die sexistische Herabwürdigung der Frau in jedem Schmutzblatt, das in jedem Zeitungsladen sichtbar ist. Wir verurteilen angeblich mittelalterliche Rituale und dulden das Insektensterben, das Vogelsterben, den allgemeinen biologischen Tod, auch eines zwölftausend Jahre alten Waldes, nur weil wir nicht von der Gewohnheit des Überfressens lassen wollen.  Die Angst vor einem undefinierbaren und unvorstellbaren Identitätsverlust – wie können wir unsere Identität verlieren, die eine Eigenschaft der Seele ist? -, lässt uns Insektensterben durch Monokultur, Entwürdigungen aus merkantilem Größenwahn und Massentierhaltung hinnehmen und irgendwelchen unwichtigen Randerscheinungen die Schuld geben. Die vielen schwarzweißen Fachwerkhäuser hier zeugen von der einstigen Desintegration und der jetzigen Überintegration der französischen Einwanderer. Sie sprechen heute noch nicht einmal mehr ihre Namen französisch aus. Was ist richtig?

Wir bezweifeln, dass der Marder die Orgel fraß. Die Kirche wurde von einem Bürgerverein gerettet, nicht vom Christentum. Die Eiszeitlandschaft und der Renaissancealtar sind mehr Heimat als der Staat oder das Christentum oder Recht oder vergängliche Ordnung. Wer wüsste das besser als jede Hausfrau, die es nicht mehr gibt.  Das Menschenrecht, auf das Europa so stolz ist, stand schon auf den Gesetzestafeln des Hammurapi aus Babel und des migrantischen und unehelichen Sohns Mose aus Ägypten. Die Laute, aus der die gesamte Musik hervorging, die Kunst, ja, selbst der Maler mit der Usbekenmütze sind mehr Heimat als jeder Grenzpfahl.

Heimat ist ein Gedanke, ein Gefühl, eine austauschbare Traditionslinie, mehr Weihnachten als Staat oder Apparat.

 

 

 

*          Fuad Rifka 1930-2011

**        Jürgen Holtz, geboren 1932 in Berlin

***       dessen künstlerische und tatsächliche Biografie Abbilder der inneren und äußeren Welt sind

****     Rutschen auf den Saiten