
Kurz vor dem Ende dieses nur semifiktionalen Romans von Helene Bukowski treten Zweifel an der Hauptquelle, das Tagebuch des Vaters, zutage. Auf diesem Zweifel beruht das ganze Buch: die Hälfte unseres Lebens scheint fiktiv zu sein: Erfindung, Lüge, Lebenslüge, Euphemismus, gar Ritual und Ideologie.
Die erste große Stärke des Buches ist seine Spannung. Von der ersten bis zur letzten Seite wissen wir zwar, dass dieses Leben der Christina tragisch enden wird, aber wir erleben zunächst jeden Aufwärtsschritt mit großem Interesse und mit Sympathie, denn so viele hochbegabte Kinder gibt es nicht. Aber auch der Abstieg, der viel kürzer ist, lässt noch so viele Möglichkeiten des Ausstiegs zu. Endlich begegnen ihr Menschen, die ihr Partnerin oder Partner hätten werden können, auf die eine oder andere Art. Diese Menschen hätten sie aus der toxischen Umklammerung der gutmeinenden Eltern befreien können. Aber die Eltern waren vielleicht zu sehr mit der Karriere der Tochter verwoben, als dass es überhaupt noch einen Ausweg hätte geben können.
Die zweite Stärke ist die bildhafte, präzise und literarische Sprache, die mit Bukowskis Erzählkunst, die Lücken dieses Lebens ausfüllt und bis in die kleinste Einzelheit beleuchtet. Und trotzdem stehen die Leserïnnen – gern übernehmen wir das gendergerechte diakritische Zeichen, das den Lesefluss weniger hemmt – am Schluss ratlos. Denn wir wissen, wer solche Fähigkeiten erworben hat, auch ohne den ersten Preis im Bach-Wettbewerb, dem stehen eigentlich alle Türen offen.
Die dritte Stärke wird auch als Schwäche wahrgenommen werden können. Es ist nämlich die Erfindung einer Erzählerin, die in das Geschehen eingreifen kann. Die ganze erste Hälfte des Romans fragt man sich, ob man eine solche Erzählerin wirklich aushalten will. Aber etwa in der Mitte hat man sich an sie gewöhnt, nimmt sie hin, um am Ende zu verstehen: da niemand alle Gründe und Abgründe eines Lebens kennt und kennen kann, ist die gedachte Erzählerin und das ausgedachte Erzählte genauso legitim wie die Lücke.
In der Rheinsberger Straße in Berlin steht das nun schon altehrwürdige Musikgymnasium, das über einen langen Hof bis in die Brunnenstraße reicht. In diesem Haus verbrachte der Komponist Max Butting als Sohn eines Eisenwarenhändlers seine Kindheit und Jugend, als er sein Ende nahend fühlte, schenkte er es dem Musikgymnasium, welchem es heute als Übehaus und Eingangsbereich einschließlich kleinem Konzertsaal dient. Das Schulgebäude aus dem Jahre 1895 wurde liebevoll restauriert, auch mit Hilfe des Unternehmers Dussmann, und hat einen der schönsten Schulhöfe Berlins. Aber das war nicht immer so. Die Protagonistin des Romans wird Schülerin der Spezialschule für Musik in Ostberlin, genannt Spezi, ebendort. Nur das Internat befand sich in der Strelitzerstraße, die in diesem Abschnitt aber Reinhold-Huhn-Straße hieß nach dem von den eigenen Leuten erschossenen Unteroffizier der Grenztruppen der DDR. Aber das kam erst nach der Wiedervereinigung heraus. Diese Spezialschule wird im Roman als schäbig, baufällig, kalt und abweisend, auch überideologisiert geschildert. In diese Kälte hinein werden die hochsensiblen und hochbegabten Kinder von ihren meist überbesorgten Eltern entlassen. Das ist schwer vorstellbar. Wenn aber Bukowski gut recherchiert hat und nicht auf eventuelle anekdotische Evidenz hereingefallen ist, dann ist diese Schilderung ein krasser Schlag ins Gesicht der merkwürdigerweise gerade jetzt auftauchenden Verteidiger der DDR und der ostdeutschen AfD-Wähler. Auch das Moskau der siebziger und frühen achtziger Jahre wird glaubhaft als grauenhaft beschrieben. Tatsache ist auch, dass alle Auslandsstudenten vom Auslandsgeheimdienst des Generalobersten Markus Wolf beschattet wurden, leider ist es hier ein erpresster armer schwuler Junge namens Kamil.
Christinas Vater singt im ersten Tenor des Leipziger Opernchores, überwirft sich aber dort mit seinen Oberen und wird stellvertretender Direktor der Musikschule in Neustrelitz, die Familie wohnt aber in Neubrandenburg im sogenannten Scheibenhochhaus. Die Mutter ist Stenotypistin, fotografiert und singt aber gerne, und sie ist eine etwa tausendprozentige Hausfrau. Der Vater scheint Vater und Mutter und Manager und Security in einem. Von Anfang an bewachen, beschützen und bevormunden die beiden ihr einziges Kind. Schnell wird das Talent des Kindes erkannt, ein Klavier wird gekauft, später sogar ein Flügel, der sozusagen vollumfänglich den Rahmen der WBS70-Wohnung sprengt und zum Schluss dann auch tatsächlich mit dem Schlafverhalten eines Schichtarbeiters kollidiert. Aber da ist es ohnehin für jede Rettung schon zu spät.
Bald kommt Christina an die Spezi in Ostberlin, von der Mutter stets mit zusätzlichem Essen im Dauerhunger unterstützt. Zwei Freundinnen scheinen auf, aber schaffen es nicht bis in die Tiefen der Seele Christinas, teils aus Konkurrenz, teils aus eigenen psychischen Schwierigkeiten. Trotzdem begleiten die drei sich lange und gegenseitig. Der eigentliche Bruch kommt aber durch das Studium in Moskau. Aber auch hier ist der rote Faden des Lebenslabyrinths so angelegt, dass er zu einem guten Ausgang hätte führen können. Die Großmuttergestalt der berühmten Pianistin Tatjana Nikolajewa nimmt sich in wirklicher Zuneigung ihrer an. Sie hat eine für die damaligen sowjetischen Verhältnisse großzügige und freiheitliche Vorstellung von ihrer Professorinnenrolle, lädt die Studentinnen und Studenten zu sich nach Hause ein. Aber wenn sie dann über die Einsamkeit der Virtuosen referiert, fragt man sich schon wieder, ob der gemeinsame Tee nicht auch ein Medikament gegen die Verdrossenheit war. Wir wissen es genauso wenig, wie wir wissen können, ob wir geliebt werden oder lieben, oder nur begehrt oder gar nur benutzt werden. Ein neuer Sympathling taucht auf: Jura, der sich liebevoll und durchaus auch zärtlich um Christina kümmert. Aber immer, wenn er sie eigentlich küssen müsste oder sollte – ganz zu schweigen von weiteren möglichen Annäherungen – wendet er sich geschäftig ab. Sein Geheimnis: er liebt Sascha, der den Bach-Wettbewerb gegen Christina gewinnt und später eine Geigerin heiratet. Auf russisch heißt das закон бутерброта – das Gesetz der Butterstulle, die immer auf die beschmierte Seite und eben immer fällt. Alles geht schief. Hinzu kommt eine seltene und noch seltener erkannte psychische Krankheit, die zusammen mit der Menstruation auftritt. Sie ist zeitweise so stark und vereinnahmend, dass die hinzugefügte Erzählerin vorschlägt, die Person Christina in Chris und Tina zu teilen. Und da sind wir nun in der bipolaren Krankheit, heute meist Depression, früher Melancholie oder bei Frauen auch Hysterie genannt.
Indessen nimmt das Unheil seinen – wie wir damals sagten – sozialistischen Gang. Christina wird, nachdem sie den Bach-Wettbewerb nicht gewonnen hat, zwar nicht fallen gelassen, aber doch in eine Schmuddelecke verschoben. In Neubrandenburg will man ihr, nach dem Vorbild von Brigitte Reimann, ein Haus anbieten und sie damit in die kulturell auch heute noch prosperierende Stadt einbinden. Aber als das scheitert, bekommt sie eine Assistentinnenstelle an der Ostberliner Hochschule für Musik. Aber dort hat sie buchstäblich keinen Raum. Auch eine Wohnung kann man ihr nicht beschaffen, so dass sie im Studentïnnenheim in Friedrichsfelde untergebracht wird. Schließlich fährt sie in Vorbereitung auf den Chopinwettbewerb noch einmal nach Hause, nach Neubrandenburg. Sie stirbt dort unter – wie sich erst viel später in den Stasiakten zeigt – ungeklärten, aber selbst herbeigeführten Umständen.
Es ist eine Lebensgeschichte, der Wirklichkeit nachempfunden, deren Umstände manch einer Leserin oder manch einem Leser fremd vorkommen mögen: das Schicksal eines hochbegabten Mädchens, dann einer jungen Frau, die an ihrer einseitigen Bindung zu den Eltern, bei gleichzeitiger Bindungsunfähigkeit zu anderen Menschen scheitert und umkommt. Das betrifft nur eine Minderheit einer Minderheit. Aber wir alle – die Mehrheit – haben eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann, ohne dass man zum Hilfsmittel der Fiktion greift. Der einzige Trost, dass die Mehrheit der Mehrheit gar keine erzählenswerte Geschichte hat, ist nicht nur selbst traurig, sondern höchstwahrscheinlich auch unwahr. Das Versprechen der Religionen und Ideologien, dass wir alle ‚wertvoll‘ sind, solange wir diesen Religionen und Ideologien folgen, ist schon deshalb falsch, weil der Mensch einen Wert oder Preis nur hat, wenn man ihm vorher seine Würde nimmt. Das Ticket aber, das wir kaufen, um ein bestimmtes, den Zufall überwältigendes Leben zu haben, dieses Ticket hat einen Preis, und er ist tragischerweise manchmal das Leben selbst.
Eine junge Autorin hat einen Roman voller Lebensweisheit (und nicht Lebensweisheiten) hingelegt, in einer umwerfend ergreifenden, hochliterarischen, aber auch gut lesbaren Sprache. Es ist eine Geschichte voller Spannungen und voller Spannung, die uns fast auf jeder Seite an uns selbst erinnert, obwohl die Protagonistin einer ziemlich abgehobenen Spezies zu entstammen scheint. Wir wollen hoffen, dass Helene Bukowski dafür den Preis (da ist er wieder) der Leipziger Buchmesse erhält.
fast gleich zu beginn fiel mir da Das perfekte Leben des William Sidis ein. auch ein hochbegabter. sie scheinen es alle schwer zu haben, so gut es auch ihre umgebung mit ihnen meinen mag.
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