PLOT ODER SPOT?

Da das Land Brandenburg ausgerechnet in der größten Nachkriegskrise, wie Angela Merkel sagte, kein Geld für seine bedürftigen Schüler hat, die ohnehin, also auch ohne Krise, einiges aufzuholen haben, Brandenburg befindet sich im ranking auf Platz 14 von 16 möglichen, da also trotzdem kein Geld da ist, müssen meine Förderschüler vergeblich auf Förderung warten. Am gleichen Tage aber, an dem wir dieses unschöne Ende erfuhren, erhielt ich ein Angebot zur Förderung einer hochbegabten Schülerin, die Tochter reicher Eltern ist. Leider rief am Abend vor dem ersten Unterricht á la Rousseau der besorgte Vater an und teilte mit, dass das Töchterchen sich an der Côte d’Azur eine eitrige Angina geholt hätte und die Förderung fürs erste ausfallen muss. Das Schöne an der Freiheit, dachte ich, ist ja, dass man frei für Neues ist, ich beschloss also, nach Berlin zu fahren und die Straßen aus dem Roman GOTT WOHNT IM WEDDING noch einmal, denn eigentlich kenne ich sie, in der Hoffnung aber, Neues zu entdecken, entlangzugehen. Der Bahnhof war leer, weil kein Zug fuhr, weil die Lokomotivführer streikten. Gut, dachte ich, dann mache ich meine neue Skulptur KÖPFE MIT NÄGELN fertig, fahre zum Baumarkt, um die noch benötigten Hölzer und Metallteile zu kaufen. Immer belästigen uns viele Menschen mit ihrer unsinnigen Ankündigung, dass sie nun aber Nägel mit Köpfen machen werden. Das ist ein Spruch aus der Zeit der handgeschmiedeten Nägel, und wenn es drängte, dann machte der Schmied eben schnell Nägel ohne Köpfe. Dagegen grassieren gerade wieder Ideologien, die nichts anderes können als vernagelte Köpfe zu produzieren, als Bretter an die Stirnen zu nageln, als vorzutäuschen, es gäbe für irgendetwas eine schnelle Antwort oder gar Lösung. Aber mein Auto sprang nicht an. Es wird wohl meine vierte defekte Lichtmaschine innerhalb von vier Jahren sein, obwohl ich ein großer Bewunderer von Werner von Siemens bin. Ich rief einen meiner vielbeschäftigen Söhne an, aber die beiden bodenständigen Söhne hievten gerade einen neun-Meter-Balken auf ihre Feldsteinscheune. Ich würde also mit dem Bus nach Hause fahren müssen und das Auto zunächst hier stehen lassen. Auf der Vorderseite des Bahnhofs kontrollierten drei Bundespolizisten, der vierte wartete im Auto mit laufendem Motor, einen tätowierten Punk. Aber in seinem Ausweis stand wohl nicht, dass er ein Verbrecher wäre, deshalb verschwanden die drei Polizisten in der Bahnhofshalle mit den automatischen Schwingtüren. Aber in dem Moment flog (flog?) ein Eurofighter Typhoon über den Bahnhof genau auf der Strecke, in vielleicht zwanzig bis dreißig Metern Höhe, mit vielleicht 2.400 Kilometern pro Stunde, weswegen uns die Bezeichnung ‚fliegen‘ zweifelhaft erscheint. Der dritte Bundespolizist rannte aus der Halle zurück nach draußen und fragte: WAS WAR DENN DAS?  Der Punk merkte, wie recht Hamlet hatte, als er sagte, dass es eben mehr Dinge als Bundespolizei und Schulweisheit gäbe.

In der Bushaltestelle wollte ich mein neues Buch zu lesen beginnen, es ist wirklich neu, denn es erhielt im vorigen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse, zurecht, wie ich schon auf der ersten Seite bemerkte. Weiter kam ich nicht, denn neben mir debattierten zwei stockbetrunkene ältere Männer, wo sie nun trotz des Streiks noch hinfahren könnten. Der eine Mann schlug vor, die drei dreiköpfigen tschetschenischen Familien, die auf dem übernächsten Bussteig lautstark aufmarschiert waren, mit einer Kalaschnikow zu erschießen, wenn man eine hätte. Diese Notwendigkeit oder Möglichkeit bestritt der andere vehement, gleichzeitig betonend, dass er schließlich nicht aus der DDR stammte. Daraufhin begann der erste ältere betrunkene Mann BAUAUFBAUAUF FREIEDEUTSCHEJUGEND BAUAUF zu lallen, was die Tschetschenen stark verunsicherte, vielleicht, weil es Erich Honeckers Lieblingslied war. Aber sehr wahrscheinlich kannten sie Erich Honecker gar nicht und Putin und Ramsan Kadyrow reichen ihnen als Gewaltherrscher. Warum sie aber, obwohl in Deutschland geduldet, kaum Anzeichen von Anteilnahme, Interesse oder gar Mitarbeit zeigen, das bleibt uns ein Rätsel.

In dieser Betrachtung störte mich ein nicht mehr ganz junger, aber keinesfalls alter Mann, vielleicht höchstens Mitte dreißig. Er hätte, sagte er, schon seit zwei Stunden am Bahnhof auf einen Zug gewartet, suche nun aber den Bus nach Neuruppin. Den gibt es nicht, erwiderte ich wahrheitsgemäß, aber das konnte und wollte er nicht fassen. Ich glaube zwar, dass er Neustrelitz meinte, aber dorthin gibt es auch keinen Bus. Es stellte sich heraus, dass er nicht etwa ein verirrter Reisender war, sondern hier in dieser Stadt beheimatet. Und plötzlich stellt er fest, dass es keinen Bus nach Neuruppin gibt. Am liebsten hätte ich ihn zu dem beschränkten Schulrat geschickt, der Förderstunden für Brandenburger gestrichen hat.

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