DIE PEST VON ALBERT CAMUS

 

Nr. 393

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve 1795

 

I

Vor einigen Tagen sagte in einer abendlichen Diskussion ein IT-Experte, ein bekennender Atheist, dass er hoffe, dass Gott das oder das richten werde. Scherzhaft wurde er von mir darauf hingewiesen, dass, selbst Allmacht und Allgegenwart vorausgesetzt, Gott niemals die oft widerstrebenden Wünsche oder Bitten von rund acht Milliarden Menschen erfüllen kann. Wir hatten schon früher darauf hingewiesen, dass sich Gott in dem Sinne schon rein arithmetisch ausschließt. Stattdessen aber, wenn alle diese kleinen Menschen danken würden, wenn sie ihr Leben als – wenn schon nicht glücklich – so doch erträglich oder gar zufriedenstellend empfänden, dann könnte der GROSSE ADMINISTRATOR aus den Summen der Zustimmungen alte Regularien bestätigen oder neue entwickeln. Das würde auch erklären, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad der Gläubigkeit und dem Glück oder Unglück gibt. Dann sind Katastrophen immer noch nicht ausschließbar, aber sie nehmen nicht zu, sondern ab, und das Gesamtsystem droht nicht wirklich zu kippen.

Der atheistische IT-Experte fragte mich dann, ob mir bewusst sei, dass ich soeben die Wirkungsweise natürlicher und künstlicher neuronaler Netze beschrieben hätte. Ich musste das leider verneinen, obwohl ich darauf verweisen konnte, dass ich seit langem von kumulativen und reflexiven, statt nur additiven Prozessen beim Lernen – und damit ist keinesfalls nur Schule gemeint – ausgegangen bin.

Wenn man so auch an die gegenwärtige ideologische und hygienische Gesamtkrise heranginge, könnte man besser verstehen, dass der Staat nicht allmächtig und allwissend und sein Handlungsspektrum mit trial and error besser beschrieben ist. Allerdings hat er durch seine Aufgeblähtheit auch genügend Expertise und durch seine über zweihundertjährige Existenz in dieser neuzeitlichen Form auch eine Unmenge an Erfahrungen, die vor allem auch als Recht codiert sind. Und darüber spannt sich – beinahe selbst verständlich – der riesige Schirm der allgemeinen Menschlichkeit als Übermoral ohne Moralapostel.

Die Meinung des einzelnen Menschen, die seit der Entdeckung der Individualität ebenfalls gefragt ist, erscheint wie ein Kanu in den Stromschnellen des Lebens. Der Staat dagegen, und das ist nicht die eine Führungsfigur, sondern die Unmenge an überbordender Bürokratie, der Staat ist wie ein riesiger Flugzeugträger, mächtig, aber nahezu unbeweglich. Auch in der Krise ist es durchaus möglich, dass einzelne Menschen, seien sie nun sachverständig oder nicht, Meinungen und Vorschläge haben. Dabei ist es nicht schwer, eine höhere Evidenz zu erreichen. Evidenz, Einsichtigkeit, ist eher von Rhetorik, Redekunst, abhängig als von Tatsachen, die ohnehin niemand genau kennt. Es können aber auch Vorschläge darunter sein, die besser auf die Situation zu reagieren imstande wären. Nur, wenn man diesem – also jedem – Vorschlag folgte, läge die Rettung in einem Chaos sich widersprechender Aktionen. Der Staat ist durch die Krise zur Spontaneität gezwungen, zu der er nicht fähig sein kann.

Deshalb setzt er übergroße Geld- und Gütermengen als Vorsorge ein. Auch in der Expertise muss er sich rechtzeitig auf ein selbstgeschaffenes Monopol verlassen, was ein Widerspruch in sich selbst ist. Während es im Gesamtsystem immer Alternativen gibt, muss in der Krise zeitweilig eine Meinung monopolisiert werden, ohne den kritischen Blick ganz zu verlassen.

Immer aber gilt: nach dem Spiel kommen die Spielverderber und nach der Katastrophe die Besserwisser.

Der Staat, mag man ihn nun schätzen oder nicht oder sogar an ihn als den neuen GROSSEN ADMINISTRATOR glauben, kann nicht anders – ganz wie in einem künstlichen neuronalen Netz – als die bestätigenden Hinweise möglichst vollständig zu sammeln und immer wieder, aber so mittelfristig wie möglich*, zu entscheiden, ob die angelaufenen Aktionen noch sinnvoll sind oder nicht. Der Staat muss handeln, selbst wenn seine Aktivität als Aktionismus wahrgenommen würde. Die Revolte gegen ihn wäre nur eine Revolte gegen sein Nichtstun.

Die gegenwärtige, durch die Pandemie einer neuen Viruskrankheit ausgelöste, Krise, die von Politikern mit der Herausforderung durch den zweiten Weltkrieg verglichen wird, zeigt uns dagegen unmissverständlich, dass es keinen GROSSEN ADMINISTRATOR gibt. Alle Handlungen von Menschen, ob sie nun im Kanu in einer norwegischen oder bosnischen Stromschnelle oder im Flugzeugträger im Persischen Golf sitzen, sind fehlbar. Niemand ist ‚to big to fail‘, auch nicht die Automobilindustrie oder die Finanzwirtschaft als Ansammlungen von Menschen, und schon gar nicht der Staat. Diese Krise zeigt die Fehlbarkeit unseres Assekuranzdenkens. Darunter verstehen wir die Hinnahme großer Nachteile durch die Versicherung des Überlebens: wir überdüngen den Boden, um nie mehr zu hungern, und schließen dann trotzdem eine Sterbegeldversicherung ab, damit unsere Hinterbliebenen nicht für etwas bezahlen müssen, das sie nicht verschuldet haben, und wir neiden und verbeißen jedem den Zutritt zu unserm Versicherungs- und Adipositasparadies. Dieses Assekuranzdenken führt auch dazu, dass Menschen, die angesichts der Krise in archaische und atavistische Ängste verfallen und hamstern, sich nicht nur des Inputs (Nudeln) versichern wollen, sondern auch des Outputs (Toilettenpapier).

II

Wie ein Skript zu dieser unsere Welt in den Grundfesten erschütternden Krise liest sich der 1948 erschienene Roman von Albert Camus, in dem er eine Pestepidemie in der sowohl realen als auch fiktiven Stadt Oran beschreibt. Es ist eine Grundkonstante im Werk von Albert Camus, die Welt als absurd anzusehen, gegen die nur Diagnose durch die Kunst als einzige Therapie gesetzt ist. Die heutige Welt erscheint in vielen Elementen als die Verwirklichung der Romantik mit ihrer Forderung nach Poetisierung, was wir heute als Kunst allgemein bezeichnen und in fast inflationärer Weise produzieren und konsumieren. Es gibt keinen Automobilkatalog, der nicht hochkünstlerisch gestaltet und formuliert wäre. Und der Roman ‚Die Pest‘ ist selbst ein hervorragendes Beispiel für die Rolle der Kunst als Diagnostikerin. Der Erzählstil von Albert Camus ähnelt manchmal dem seines Zeitgenossen Ivo Andric in ‚Die Brücke über die Drina‘, das kann an der Übersetzung liegen, aber auch daran, dass beide einen überschaubaren Ort gewählt haben, an dem sie sowohl ihre Geschichte erzählen als auch ihre Philosophie entwickeln. Auch die heute nicht mehr so übliche Autorsprache stützt die Ähnlichkeit.

Das fiktive Oran im Roman war eine Stadt von nicht ganz 200.000 Einwohnern, also nach heutigen Maßstäben eher klein. Das Leben wird als bürgerlich und durchaus modern dargestellt. Es geht nicht um ethnische Konflikte, im Gegenteil, unser Mottosatz von Beethoven, obwohl der erst im Jahr 2000 in einem einst verschollenen Brief entdeckt wurde, kommt vor, was zeigt, dass er Allgemeingut einer menschlichen Menschheit ist. Der Arzt, aus dessen Sicht die Pestepidemie gezeigt wird und der sich dann auch selbst als der Erzähler outet, sagt in einer äußerst interessanten Diskussion von zwei Protagonisten: „…aber wissen Sie, ich empfinde mehr Solidarität mit den Besiegten als mit den Heiligen. Ich glaube, ich habe keinen Sinn für Heldentum und Heiligkeit. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“** Auch unser eritreischer Rapper FILIMON, jetzt in Deutschland, weiß: „Mensch ist Mensch und Papier ist Papier.“

Die relative Abgeschlossenheit der Stadt – Stadttore, Mauern – ermöglicht ihre schnelle Isolation. Genau wie heute wird der Schrecken der rasanten Entvölkerung durch eine „unendliche geometrische Progression“ (S. 60) der Infektion an die Wand gemalt. Und genau wie heute muss sich der leitende Arzt gegen den Vorwurf der Schwarzmalerei zur Wehr setzen. Er gibt die höchst aktuelle Antwort: „Es handelt sich darum, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.“

Im Gegensatz zu unserem fast anonymen Virus, das aus der Fledermaus oder dem Schuppentier entsprang, wählte Albert Camus für seine Parabel die seit der Antike bekannte und gefürchtete Pest, deren Erreger aber erst im zwanzigsten Jahrhundert als vom Rattenfloh entflohenes Bakterium erkannt wurde. Die Pest kommt aus dem Orient, das Wort, was allgemein Seuche bedeutet, aus Rom. Immer schon wurde die Pest mit Schuld und Schuldigen verbunden. Auch im zurecht berühmten Roman spielen Denunziation und Ordnungspolizei eine große Rolle. Die Heimsuchungen der Menschen sind eben nicht nur Natur-, sondern auch Mentalkatastrophen. Denunziation ist immer auch Distanzierung, weshalb – in der Umkehr gedacht – social distancing ein durchaus unredlicher Gedanke ist.

Im Haus des Arztes liegen die ersten toten Ratten, und der alte Concierge, der sie beseitigt, ist das erste Opfer.

Nicht das zweite Opfer, inzwischen ist die Krankheit voll ausgebrochen und die Toten werden mit der Straßenbahn in Massengräber befördert – ganz ähnlich wie die Militärlastwagenkolonnen im heutigen Bergamo -, aber ein weiteres prominentes Opfer ist der zunächst fundamentalistische Priester Paneloux. Zwei seiner Predigten umschließen den Roman wie eine philosophische Klammer, die aber unfähig ist. In der ersten Predigt wettert er gegen die Schuld der Welt und seiner Mitbürger, exkludiert sich fein säuberlich aus der Sünde kraft seiner Soutane und kraft seiner Redeposition. Aber die Kraft seiner Rede ist schon längst verblasst. Nach langem Widerstreben reiht er sich endlich bei den Helfern ein und muss mitansehen, wie das Kind des Untersuchungsrichters qualvoll, noch verlängert durch ein neuartiges Medikament, stirbt. Das ist zum Glück keine Tatsache, sondern eine der besten Todesszenen der Weltliteratur. Sie bringt den Priester zu einer zweiten, versöhnlicheren Predigt, in der er die Theodizee angesichts des unschuldigen Kindes zu erklären versucht, und er steigert sich trotzdem zu der falschen Annahme, dass der Priester des Arztes nicht bedarf. Er stirbt wie sein Herr, in dem ihn die – vorher vom ihm selbst verprellten – Helfer durch Einschlafen verlassen. Passend zum kommenden Freitag: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?*** Der Priester stirbt ohne medizinische Hilfe, die er ablehnt, und der Leser glaubt einen Moment an Strafe. Und es zeigt sich, dass der einzige GROSSE ADMINISTRATOR der Künstler ist, der uns einen Roman zu lesen, sein Bild oder seinen Film zu sehen, seine neunte Sinfonie oder seinen Rap zu hören und seinen Tanz oder sein Haus zu erleben gibt. Man kann die Welt nur modellieren, nicht wirklich schaffen, vielleicht – und das zeigt sich in der Krise, in der Pest – noch nicht einmal wirksam verändern. Wir bleiben Teil der Natur – DENN WIR ESSEN SCHUPPENTIERE – und wir bleiben Schafe, insofern wir uns Hirten unterstellen und in Herden einreihen.

Ein kleiner Hilfsbeamter der Stadtverwaltung, Grand, hat ebenfalls große Schwierigkeiten, sich in die Hilfeleistungen zu involvieren. Er ist, wie er glaubt, nicht nur ungeheuer wichtig für die Stadt, sondern auch berufen, einen ganz großen Roman zu schreiben. Allerdings füllt er viele Seiten mit immer neuen Varianten des sich aber trotzdem immer gleichbleibenden nichtssagenden ersten Satzes. Aber gerade er, der ebenfalls an der Pest erkrankt, ist berufen, aufzuerstehen, gesund zu werden, die Pest zu überwinden und das Symbol des Endes der Epidemie zu werden.

Alle Figuren des Romans konzentrieren sich um den erzählenden Rieux, dessen Frau schwer erkrankt in einem Kurort verweilt, dessen Mutter stattdessen ihm den Haushalt führt und die Emotionen ordnet, alle Handlungsstränge ranken sich um diesen Arzt. Die ganze Zeit versucht er, der Krise einen Sinn abzugewinnen. Er überzeugt den Priester Paneloux, schließlich sogar den widersetzlichen Journalisten Rambert, der zu seiner Frau nach Paris zurück will, den Politiker Tarrou, der gerne ein Heiliger ohne Gott wäre, davon, dass der einzige Sinn der Krise und des Lebens überhaupt, die tätige Empathie, mithin die Liebe ist. Empathie mag ein Modewort sein, aber es ist es deshalb, weil wir unter unserer selbstgeschaffenen Assekuranzwelt wie in einem Käfig leiden. Uns sind die Hände vor lauter Sicherheitswahn gebunden. Je goldener unser Käfig wird, desto verachtungsvoller wollen wir ihn verwerfen. Aber er klebt wie Pech und Schwefel an unseren Händen. Das Wort Pech stammt keineswegs aus dem Märchen von den beiden symbolischen Marien, sondern aus der Verteidigung der Burgen, von wo aus es auf die Angreifer geschüttet wurde.

Der Leser weiß die ganze Zeit, die er verbraucht, um den Roman zu lesen, dass es sich um eine Fiktion handelt. Und trotzdem gelingt es dem großen Autor, die Fiktion als einen Tatsachenbericht erscheinen zu lassen. Dadurch hat er die Kraft, nicht nur als Parabel, sondern auch als Parallele gelesen werden zu können.

Den Zeitgenossen von Albert Camus erschien das Buch wie eine Parabel auf die Resistance, die in einem abgeschlossenen Raum gegen die Infektion des Zeitgeistes und der Denunziation operieren musste, ohne zu wissen, ob das Ziel realistisch, die Operation sinnvoll, der Tausch Freiheit gegen Leben machbar ist. Der Erfolg ist nie vorprogrammiert, und zu scheitern ist eben kein Pech. So gesehen ist die Pest nur die Metapher für das normale Leben: wir wissen nicht, ob und wie wir überleben.

Wenn wir aus dem Buch lesen, dass es keinen GROSSEN ADMINISTRATOR gibt, dann kann uns das versöhnlich gegen die Fehler unserer Zeitgenossen, seien sie Politiker, Virologen oder Romanschreiber, und gegen unsere eigenen Fehler stimmen. Und gegen den Verlauf des Lebens kann man sich nur insofern stemmen, indem man anderen hilft. Albert Camus hatte ein, aus heutiger Sicht, etwas eigenartiges Weltbild, das er mit Anarchosyndikalismus bezeichnete, was heute schon niemand mehr versteht, aber aus dem wir lernen können, dass regional verankerte Genossenschaften oft besser sind als global vernetzte Konzerne. Das Wort Genossenschaft ist durch die vielen Genossen (‚Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht‘, ‚Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt‘), die es gab, in Verruf geraten. Aber der Name ist Schall und Rauch: Genosse, Gefährte, Schwester, Bruder, Mitmensch, Mensch.

 

 

 

*in the long run we are all dead, Lord Keynes

**S. 290, rororo, 89. Auflage, 1997

***Matthäus 26,40

 

LIES AM NÄCHSTEN SONNTAG: DIE PEST VON RENAUD CAMUS

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s