ZU ZEITEN DER NÄHMASCHINE

ZU ZEITEN DER NÄHMASCHINE

Beides kann Ideal und Wunschtraum sein: dem Klischee entsprechen oder ihm widersprechen. Diejenigen, die ihm widersprechen wollen, merken nur selten, wie sehr sie ihm entsprechen, ganz davon abgesehen, dass Widersprecher allein ja schon ein Klischee ist. Danach kommt der Querulant. Um nicht zu sehr am eigenen Klischee zu leiden, sucht der Widersprecher sich ein Feindbild, den Entsprecher. Das ist der Mensch, der so sein will, wie seine Eltern waren oder wie die Bilderbücher empfahlen, die Filmhelden von gestern und heute versprachen. Der Entsprecher teilt dir mit, dass er bald Silberhochzeit hat. Der Enkel macht bald Abitur. Die Karte, die er dir schreibt, gibts im Kunstpostkartenladen Ahrenshoop. Aber während die Silberhochzeit und das Abitur zwar unwichtig, aber doch noch erfreulich sind, folgen dann Briefe und emails zu den Details der Frühverrentung, über die Prozente, die ab- und zugezogen werden, wenn der Entsprecher drei bis sechs Wochen länger oder kürzer die Fron seiner Berufung erträgt oder nicht erträgt. Gleichzeitig wirft er dir vor, dass du Gedichte schreibst, weil sie ja, wie du selbst weißt, nicht so gut wie die von Goethe und Celan sind. Du hattest dir selbst schon Vorwürfe gemacht, du arbeitest daran, aber es ist immer gut, das aus berufenem Munde zu hören. Sodann teilt dir der Entsprecher mit, dass und wie er sterben und beerdigt werden will, nämlich anonym im Trauerwald. Du wunderst dich, dass du selbst noch nicht darauf gekommen bist. Es stand doch gestern im Lokalblatt. Das alles liest und erträgst du viele Jahre lang.
Dann streichst du ihn endlich von deiner Adressenliste. Er war eine Erinnerung aus den Zeiten der Nähmaschine.