BELLINCHEN

BELLINCHEN (BIELINEK)

1000 Worte Sommerferien

Der Mensch hat vier Urgroßmütter und vier Urgroßväter, aber nicht alle ragen gleichermaßen in die Gegenwart hinein. Das kann nur derjenige der Großeltern, der eine lebendige Erbengemeinschaft hinterließ, der ein Haus gebaut hat, das heute noch steht, der eine Firma gegründet hat, die es heute noch gibt, oder der seine Erinnerungen so interessant und umfänglich aufschrieb, dass sie heute noch Bedeutung haben. Das alles tat mein Urgroßvater Robert Wendt (1850-1939), und zurecht ist er in der Familie die Legende geblieben, die er schon zu Lebzeiten war: er lief mit seiner Gitarre von zuhause fort, gründete eine Familie und eine Firma, baute ein Haus und baute noch ein zweites Haus, wurde zeitweilig sehr reich, verlor aber seinen Besitz durch Krieg und Inflation wieder. Aber das Haus steht noch und wir pflegen die Legende des kleinen, aber äußerst geschickten Großhandwerksmeisters. Klein blieb er deshalb, so schreibt er in seinen Erinnerungen, weil sein verbrecherischer Lehrmeister, der 100 Taler Lehrgeld genommen hatte, ihn und einen weiteren Lehrling Bleiweiß mischen ließ, ohne auch nur darauf hinzuweisen, dass der Umgang mit dem höchst giftigen Material höchst gefährlich war. Er verachtete ihn so sehr, dass er glaubte, er, der Meister, hätte selbst nicht gewusst, dass Bleiweiß giftig ist. Und er lief das erste Mal weg und suchte sich einen neuen Lehrmeister.
die neue ist die alte kirche
Über drei Generationen hinweg wurde nicht nur die Geschichte des erfolgreichen self made man erzählt. All die fast 150 Jahre wurde auch immer wieder betont, wie schwer es ihm gefallen war, von zuhause wegzugehen, was für ein Paradies er verlassen musste, um der Mann zu werden, der er werden wollte und wohl auch sollte und der er schließlich wurde.

Hätten wir einen Biologen mitgeführt, so hätte er uns gleich die jumping spiders und die äußerst seltene quercus pubescens zeigen können, aber selbst wir Laien bemerkten sofort die Verfolgung durch Riesenhornissen und die Umspielung durch bunteste Superlibellen. Insgesamt gibt es 6000 Tierarten allein in dem kleinen Tal zwischen Bellinchen (Bielinek) und Nieder Lübbichow (Lubiechow Dolny).
Das Tal entstand durch eine nach Süden gerichtete Moräne, die direkt auf die Oderarme zeigt und dadurch ein pontisches Binnenklima entstehen ließ, ein Klima wie an der Südküste des Schwarzen Meeres.
Diese Straße, die in Nieder Lübbichow mit einer Eiche beginnt, die so groß und dick ist, dass unsere Vorväter sie eingemauert haben, mag unser Urgroßvater oft gelaufen oder mit dem Pferdewagen gefahren sein, auch später noch, als er schon in Zehden (Cedynia) lernte.
Das Haus seiner Eltern, das übrigens eine Kate war, in der die Eltern wohnten, obwohl sie einen Lastkahn besaßen, das Haus ist uns überliefert durch kleine Ölgemälde, die er aber als alter Mann malte, so dass ihr Realitätsgehalt durch Erinnerung, Perspektive und Fähigkeiten stark eingeschränkt sein mag. Aber Kunst ist ja ohnehin nicht das Abbild der Wirklichkeit, wie ja Wirklichkeit auch nicht das Abbild der Welt ist. Dazwischen ist immer der Mensch, in diesem Fall unser Urgroßvater. Wir fanden zwei Häuser, die, 1 ½ Jahrhunderte Veränderung hinzu und hinweg gedacht, mit seinem Bild übereinstimmen könnten. Der Friedhof kann das Opfer einer Flut oder des berechtigten, zum mindesten verständlichen Deutschenhasses geworden sein. Ob man überhaupt moralisch die Werke seiner Vorgänger zerstören können sollte und dürfte, das mag ein höherer Richter entscheiden. Zu der Größe, den anderen zu akzeptieren, auch wenn er mich vernichten will, werden sich wohl erst künftige Geschlechter zusammenraffen können, aber dann ist da ja wohl niemand mehr, der einen anderen vernichten will. Ein durch und durch erfreuliches Signal ist dagegen der Kirchturm: er wurde in der Form des alten Kirchturmes der neuen Kirche beigegeben, so dass Bellinchen so wie schon immer in die Vergangenheit blicken kann.
Aber was sieht es da?
In tausend Jahren fanden in diesem wunderschönen Winkel, in diesem paradiesischen Tal, in der Idylle der Idylle zwei Schlachten statt. Am 24. Juni 972 wurde der Lausitzer Markgraf Hodo vom Piastenherzog Mieszko I. geschlagen, im März 1945 kämpfte Stalin gegen Hitler, aber gewonnen hat eigentlich wieder Polen. Der Museumsverwalter in Cedynia zeigt uns, was er alles gefunden hat: Waffen, Helme, Knochen. Dagegen ist die Töpferscheibe natürlich langweilig, aber sie macht das Menschsein aus, nicht der Krieg. Manche deuten das so, dass Menschheit und Krieg, Gewalt und Macht eben immer zusammen gehören. Wir stehen gerade im Paradies, aus dem unser Urgroßvater stammt, und sind wohl auch deshalb der Meinung, dass die letzten beiden großen Kriege in Europa Atavismen waren, Rückfälle in die Vergangenheit, in der die Welt leichter zu begreifen war, weil die Begriffe primitiver waren: gut und böse. Wer sich selbst auch nur mit einem Hauch Aufrichtigkeit beobachtet, weiß, wie eng bei ihm selbst gut und böse zusammenliegen. Sie sind sozusagen verheiratet und suhlen sich im Bett der Amoral. Nicht die Welt ist dichotomisch, sondern unser Kopf. Wir sind mit dem Binärcode zur Welt gekommen. Wir benutzen ihn, um die Welt wie durch einen Fleischwolf hindurchzupressen. Es bleibt, wie bei unserer Großmutter am Fleischwolf, ein hässlicher Rest, über den wir meist schweigen. Ein letztes Mal ist die Menschheit, jedenfalls die europäische, darauf hereingefallen, die Welt einfach doppelt zu sehen: die Guten, die Bösen, Gott wurde hingegen schon mit der Vorsehung für kompatibel erklärt. Diese wurde dann unter den Kommunisten noch einmal gegen das ‚Gesetz‘ eingetauscht, und – keiner hats gemerkt – schon waren wir wieder bei Moses.
Der schwere, mühselige und komplizierte Weg, die außerdem enge Pforte, ist die Demokratie, der Pluralismus, das Eingeständnis, keine Antwort, ja zuweilen noch nicht einmal eine Frage zu haben. Viele merken zum Beispiel gar nicht, dass der Sozialstaat keine natürliche Lebensform ist, sondern eine – um es pathetisch auszudrücken – täglich neu zu erringende, sozusagen die emphatische Empathie, gelebte Nächstenliebe ohne pastorales Interpretationsmonopol, fragil-funktionierendes Allmende-Dilemma.
Nachdem wir doch schon gemerkt haben, dass sehr vieles so funktioniert wie Ökosysteme, nämlich selbstregulierend, entropisch, also wegstrebend vom Gleichgewicht, und antikatalytisch, also die Katalysatoren verbrauchend, sollten wir auch wieder in die Natur gehen und begreifen, dass die Welt nicht dichotomisch, nicht leicht, nicht gerecht, nicht paradiesisch, aber auch nicht paranoid ist, obwohl so vieles neben dem Verstand zu sein scheint. Aber der Verstand bleibt immer noch neben der Welt, und Wahn und Welt kann man oft nicht auseinanderhalten! Was der Hornisse guttut, die man im Übrigen nicht fürchten muss, täte auch uns gut: mehr Selbstzufriedenheit. Denn je unzufriedener wir mit der Gegenwart sind, desto mehr zerstören wir unsere eigne Zukunft und die der jumping spiders aus dem Naturschutzgebiet Bellinchen-Bielinek.

jumping spider Springspinne
quercus pubescens Flaumeiche

MALCHOW

überall ist malchow
Es gibt mehrere Dörfer und Städte mit dem Namen Malchow, der aus dem Urslawischen kommt und vielleicht einfach ‚klein’ (maliki) oder Bruchwald (maleko) heißt. Wer weiß! Das Städtchen Malchow, von dem wir hier reden wollen, liegt an der Autobahn Berlin Rostock oder besser: die Autobahn liegt an dem freundlichen Städtchen. Gleich fällt auf, dass die Insellage, das Umschlossensein von Wasser, schon etwas Chaotisches, wenigstens Instabiles hat. Die Drehbrücke, die Klosterinsel und Stadt trennt oder verbindet, ist der Beweis für den, der nicht glaubt. Zwar gehören Kirche und Orgel zusammen, doch überrascht mit ihrem Chaos die Kirche, die voller Orgeln steht. Das Kloster, das noch lange nach der Reformation weiter benutzt wurde, unter anderem als Stift für adlige Fräulein, war eine Einrichtung, die beinahe allem widerspricht, was man heute denkt. Doch die einfache Übersetzung ‚Altenheim’ fällt einem nicht gleich ein. Nach langem Verfall, der in der DDR noch durch Missachtung katalysiert wurde, aber ein halbes Dutzend alter Leute nicht hinderte, hier licht- und staatsabgewandt zu wohnen, die Namensschilder sehen aus, als ob sie selbst schon pensioniert wären, ist die Anlage in ein, wenn nicht grelles, so doch beachtlich neues Licht gerückt. Einige Räume, notdürftig, aber liebevoll eingerichtet, dienen als Ausstellung ortsüblicher Kleinmaler, die, obwohl sie ihre Vergangenheiten nachträglich nicht mehr ablegen können, sympathisch ihr kleines Städtchen in die Symmetrie satter Farben getaucht haben. Von der Klosterinsel geht man zurück zur Stadt der überhaupt nicht schweigsamen oder abweisenden Menschen, wir werfen das Vorurteil gleich in den Mülleimer der Geschichte und betrachten die genau gegenüber vom Kloster liegende neugotische Kirche. Auch hier wird das Blättern des alten Glanzes erst neuerdings durch einen auch im Internet aktiven Verein aufgehalten. Sieben äußerst aufgeschlossene Frauen mittleren Alters fragen mich, weil sie offensichtlich ihre Langeweile betäuben wollen, ob auch die Kirche aufgeschlossen und zur Besichtigung freigegeben ist. Nein, soweit geht die Liebe zum Bauwerk und zu dem transzendenten Wesen, das durch den Bau verehrt werden soll, denn doch nicht. Im Norden sind die Kirchen geschlossen. Hinter hohen Mauern beklagt man, dass irgendjemand Gott für tot erklärt und man nun die Folgen zu tragen habe. Jegliches hatte seine Zeit.
Schon auf dem Hinweg zur Stadtkirche ist die in Gerüste eingepackte Goetheschule aufgefallen, deren Sgraffito zeigt, dass die DDR gern jeden Dichter als Moralerzieher missbraucht hat, was in diesem Fall aber nicht verwerflich ist, denn der Mensch sollte tatsächlich edel, hilfreich und gut sein und ist es wohl auch überwiegend. Nur billige Betrachtungen wollen uns wegen des Sensationswertes des Bösen etwas anderes einreden. Dichotomisches Denken entspricht nicht der Struktur der Welt, sondern den Besonderheiten unseres Geistes. Die Wirklichkeit ist viel einfacher als unser böse-gut-Denken: Hasen sind aus Karotten, Karotten sind aus Hasen und Wölfen und Wehrmachtssoldaten. Was soll daran böse sein?
Indem all das bedacht ward, sieht man erst gegenüber der Goetheschule, die eingepackt nicht von Gerüstbauern, sondern vom Künstler Christo erscheint, ein DDR-typisches Gebäude, wie es als Kulturhaus oder, so hier, als Kino in viele kleinere und größere Städte und sogar Dörfer gezwängt wurde. Warum dieser leicht pompöse, auf jeden Fall den Klassizismus nachahmende Stil ZUCKERBÄCKER genannt wurde, will sich von hier aus nicht recht erklären lassen. Das Gebäude ist, grau in grau, vor die Kirche an den Fuß des Hügels gequetscht, passend allerdings zu der Schule. Noch immer steht ‚Filmpalast‘ in geschwungenem Schriftzug daran, ein Wort, das aber älter ist als die DDR und ungeschickt von großer Wertschätzung für die neue Kunst spricht. Das Kino hat mit der daneben liegenden Kirche das Überdimensionale gemein, die Markthalle mit ihrem transzendenten Gedanken des Handels, des Tauschs, fehlt hier noch. Die Scheune dagegen wird mit Wirklichkeit gefüllt. Der Stoff, aus dem die Träume sind (Shakespeare, Der Sturm, IV,1) wurde an die hundert Jahre im Kino gehandelt, nicht in der Kirche. Man kann Säkularisation nicht mit einem einzigen Ereignis (Erdbeben von Lissabon) oder gar mit einem einzigen Namen (Nietzsche) verbinden, vielmehr sollte man beachten, wer das transzendentale Bedürfnis bedient und befriedigt: auch in Malchow an jenem Tag war die Kirche geschlossen und das Kino offen. Der Film, ungeachtet des technischen Mediums, auf dem er transportiert und transparent gemacht wird, hat das Theater, die Literatur und eben auch die Religion substituiert. Allerdings muss man bedenken, dass das alles vor hundert Jahren noch ziemlich elitäre Einrichtungen waren, die heute fast jeden Menschen auf der ganzen Welt erreichen. Es ist fast leichter, einen Film zu sehen, als satt zu werden. Aber das gilt auch glücklicherweise nur noch für ein Sechstel der Menschheit, die anderen sind satt bis dick und sehen ununterbrochen Filme. Wenn wir Film für Kunst überhaupt setzen, dann sind, mit dem belehrenden Teil jeder Kunst, die Forderungen der Aufklärung, und mit dem unterhaltenden, poetisierenden Teil die Forderungen und Projektionen der Romantik erfüllt. Kein Wunder, dass mit dieser Erfüllung auch die programmatischen Zeitalter enden. Film widerspiegelt und repräsentiert aber natürlich, wie jede Kunst und Religion, nur Bruchstücke, Splitter der Welt. Wenn wir uns die Welt als in einem 10hoch9-teiligen Puzzle als realistisch abgebildet vorstellen können, dann sieht man, wie viele Filme nötig wären, um das zu erreichen. Im Kino in Malchow konnte man in der Woche zwei bis drei Filme ansehen. Zweiundfünfzig Wochen hat das Jahr. Es ist falsch anzunehmen, dass in der DDR alles verboten war, es gab auch französische, britische, italienische und sogar amerikanische Filme. Aber es ist genauso falsch anzunehmen, dass im Kino in Malchow oder Bochum die Welt auch nur halbwegs abgebildet werden konnte.
Das Kino in Malchow ist indessen als Kino auch tot. Stattdessen hat ein rühriger Verein, schon der zweite Verein, der etwas bewahrt, alle Dinge zusammengetragen, die aus der DDR stammen. Das sind sehr viele Dinge, denn man trennt sich von Haushaltsgegenständen nur schwer. Öffentliche Gegenstände dagegen, wie Honeckerbilder, Fahnen und etwa Uniformen, sind schon rarer. Ganz sicher ist so ein Raritätenkabinett oder Museum im ursprünglichen Sinne hilfreich. Trotzdem lehnten die sieben munteren Frauen mit den Worten ‚das haben wir auch zuhause im Keller’ einen Rundgang ab. Den Menschen aus dem Westen zeigt das Kabinett, womit sich die Brüder und Schwestern im Osten des geteilten Vaterlandes, so der menschlich warme Sonntags-O-Ton, behelfen mussten. Den Menschen im Osten treibt es Schauer behaglicher Nostalgie den Rücken herunter: ja, so war es. Jeder ist überzeugt, dass die WM 66 immer noch funktioniert. Und übrigens, dieser eigenartige Stolz, den manchmal DDR-Menschen aufbringen, kommt ja daher, dass die WM 66 – gegen alle Erwartungen – tatsächlich funktionierte. Der in diesem Kabinett der Bedürftigkeit aufgebaute Kiosk hat sogar noch das originale meistgehasste Schild ausgehängt: „Wegen…mit amtlicher Genehmigung geschlossen!“

Dieses Museum nun kann uns zeigen,obwohl es das gar nicht will, wie unser Gehirn mitsamt dem Gedächtnis funktioniert.

Fast ohne Auswahl werden Gegenstände und ihre Metaphern oder Symbole, Prozesse und Gedanken in das Museum geschaufelt. Im Innern verbleiben und veralten sie. Aber je nach Standort – im Innern – spielen sie in der weiteren Wahrnehmung und Beurteilung eine unterschiedlich gewichtete Rolle. Stellt man sich vor, dass im Foyer eine fragende Besuchergruppe steht, so hat der Museumsdiener zu tun, die nachgefragten Gegenstände zu finden und es dauert seine Zeit, bis er mit ihnen wieder im Foyer ist. Dort ging das Leben (zum Beispiel die Diskussion über der DDR) aber weiter. Der zu langsam gefundene Gegenstand wird jetzt anders betrachtet, als er noch vor zehn Minuten gesehen worden wäre.
Die falscheste Vorstellung war und ist aber immer die, dass die Welt draußen logisch und systematisch ist und somit auch das Abbild ein getreuliches Abbild sein kann und nur, sozusagen, logisch aufgestellt werden muss. Jeder stellt sich also unter einem Gehirn eher ein hierarchisch geordneten Computer oder ein systematisches Naturkundemuseum vor. Stattdessen gleicht unser armes Gehirn – was fast nie überfordert ist – aber vielmehr dem DDR-Museum Malchow: es ist schmuddlig, staubig, ungeordnet, aber es funktioniert wunderbar.
So wie die Grazie einer Bewegung mit ihrer Bewusstwerdung verloren geht (Heinrich von Kleist), so wird unser Gedächtnis von uns beschimpft, weil die Erwartung falsch ist. Da ist kein Regallager, das man von vorn und hinten lesen und durchsuchen kann, da ist kein Naturkundemuseum, noch nicht einmal ein Kino mit seinen 52×3 statt 10hoch9 Puzzleteilen pro Jahr, sondern eine nostalgisch-ordnungslose Bude, die bis ins hohe Alter funktioniert, obwohl es nicht erwartet werden kann. Sie funktioniert übrigens nie so, wie wir es wollen, nicht erst im zarten und hohen Alter nicht. Wir können es nur in der Mittelzeit besser verbergen, was uns alles einfällt, das nicht gefragt war, als Kinder und als Greise verplappern wir uns einfach. Der Weg vom Gedächtnis zum Mund ist nicht taktisch abgesichert, wie bei Menschen im Berufs- oder Sexual- oder gar politischen Leben.
Und weil das alles so ist, wie es ist, sehen wir ständig auch nur halbe Sachen, die wir dann auch noch getrost belachen (Matthias Claudius), nicht weil wir Ignoranten wären, sondern weil wir immer gleich in unser Raritätenkabinett zurückblicken müssen. Wir vergleichen alles Neue mit allem Alten. Auch die Art des Sammelsuriums ist gut mit dem Gedächtnis vergleichbar: während wir unsere Sammlung für einmalig halten, würden wir staunen, wenn wir engrammatisch in das Hirn unseres Nachbarn blicken könnten. Da steht die gleiche WM 66, allerdings hat sie ganz sicher einen anderen Stellenwert. Wir sind nicht unverwechselbar, wir müssen uns erst unverwechselbar machen, unersetzbar zu sein ist dagegen unerreichbar.
Als neuen Terminus für das hier beschriebene alte Phänomen schlage ich zu Ehren des sympathischen Städtchens MALCHOWMETAPHER vor.

ROUSSEAUS UHR

ROUSSEAUS UHR

Eine erstaunende Parellele

Rousseau warf seine Uhr weg, obwohl er aus einer Uhrmacherfamilie stammte. Es war sein Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Selbst verschuldet ist jeder Aufenthaltsort, denn man könnte jederzeit da sein, wo man nicht unmündig gehalten wird. Dies erkannte der sechzehnjährige Jean Jacques, als er das Stadttor, den Ausgang, zum dritten Mal um neun Uhr abends verschlossen vorfand. Die meisten Menschen sagen, ja, man muss Tatsachen hinnehmen. Man kann sie nicht dafür verurteilen. Aber schon gar nicht kann man die Menschen verurteilen, die die so genannten Tatsachen nicht hinnehmen. Jesus hatte vorgeschlagen, nicht nur die Uhr wegzuwerfen, sondern sogar das rechte Auge auszureißen, wenn es uns ärgert. Das ist heute selbst als Metapher zu brutal. Wenn sogar der sanfte Jesus zu so harten Vergleichen greifen musste, um uns sein Anliegen nahe zu bringen, dann wird klar, dass Jean Jacques, der das wusste, ebenso radikal vorgehen musste. Rousseau selbst ist auch leider gleich ein Beleg dafür, dass das Streben nach Unabhängigkeit sowohl in Verfolgungswahn als auch in eine absurde Streitkultur umschlagen kann.
Goethe nannte die Unmündigkeit Marionettentheater, Nietzsche glaubte, dass die Menschheit ständig aktiv und passiv verwechselt und Freud fand schließlich das Über-Ich, die anderen, an denen wir hängen, und das Es, das aus uns hinaus will. Heute sind wir sicher: Eltern, Ämter, Medien, Partner und Partnerinnen, Adressensammler, Geheimdienste, Impfausweise und Verbrecherkarteien, sie alle wollen in unser Bewusstsein nicht nur aus investigativen Gründen, nein, sie wollen und sollen uns beherrschen, und sie tun es auch.
Was man wegwerfen will, muss man erst einmal gefunden haben. Man kann Rousseau nachmachen: Uhr und Kalender eignen sich wegen ihres Doppelcharakters gut. Sie sind einerseits die Hilfsmittel der Organisation selbst, andererseits deren Symbole. Das Nachahmen hat den großen Vorteil, dass der Erfolg schon einmal da war. Wir gesellen uns gern, gehören zu Parteiungen und Gruppierungen, sonnen uns in deren Erfolgen und fliehen ihre Misserfolge. Leider bieten die Gruppen meist Symbole zum Sammeln und Verehren, nicht zum Wegwerfen.
Wie das kleine Kind auf dem Teppich Mustern folgt, so folgen auch wir heimlichen Mustern, die auf dem Teppich des Lebens, wie wir glauben, für uns vorgezeichnet sind. Indem wir ihnen folgen, treffen wir auf der gleichen Spur auf Menschen, die uns ähnlich sind. Manche werden zu Partnern, manche zu Freunden, Geliebten gar, aber andere zu Feinden und Verächtlingen.
Hier ist es noch schwerer, den einmal erkannten Teppich zusammenzurollen und wegzuwerfen. Ludwig Wittgenstein verschenkte seine Milliarden und wurde Volksschullehrer, Karl Freiherr Drais von Sauerbronn warf seinen Adelstitel weg, nachdem er das demokratischste Fahrzeug erfunden hatte, das es bis heute gibt. Auch des Grafen Tolstoj ist hier zu gedenken, der lieber sein Geld mit dicken Bestsellern verdiente als auf dem Rücken analphabetischer geprügelter Leibeigener. Und der jüngste im Bunde ist der Mathematiker Grigorij Perelman, der die Poincaré-Vermutung löste, nämlich dass ein Gegenstand, der auf einen Kreis reduzierbar sei, auch auf den Punkt zu bringen ist, der aber, bei seiner Mutter mit Katzen lebend, auf Preise in Millionenhöhe verzichtet, weil er das übliche Leben und Treiben der Mathematiker, der Wissenschaftler überhaupt, ablehnt. Sie alle sind Käuze, Sonderlinge, aber auch Revolutionäre. Tolstojs Lebensweise begründete sogar eine sektenartige Bewegung, die noch heute in Menschen nachwirkt, die ausdrücklich geistige und körperliche Arbeit im Leben auf dem Lande zu vereinen suchen.
Gruppenmitglieder und Käuze – so sehen bisher die Mutigen aus, die den Gegenstand, den sie am meisten zu brauchen glauben, der sie aber am meisten abhängig macht, wegwerfen können, die einen aus der Sicherheit der Gruppenzugehörigkeit, die andern aus der Sicherheit ihres – wer weiß, woher gespeisten – gesteigerten Selbstbewusstseins.

Es kommt nun darauf an, die Fähigkeit zum Erkennen des Gegenstands, der weggeworfen werden muss, bei jedermann zu entwickeln. Überließe man die Entwicklung der neuen Lehre herkömmlichen Schulräten, so würden sie ein neues Fach erfinden – WEGWERFKUNDE -, tunlichst kombiniert mit einem ebenfalls neuen Bewertungssystem.

Wir haben 1992 ein altes Landarbeiterhaus gekauft, das aus vier kleinen Wohnungen mit jeweils einem Zimmer, einer Kammer, einer Küche, einer Diele und zwei Kellern bestand. Die vier Kammern liegen zusammen und haben je einen Belüftungsschacht an der Außenwand, denn früher wurden sie mit einem Ofen beheizt, und wir nehmen an, dass der Architekt dieses auch anderswo gebauten Hauses eine zusätzliche Belüftungsmöglichkeit für erforderlich hielt. Da wir in dem Haus eine Heizung haben, benötigten wir die Luftschächte nicht und haben sie teils zugemauert, teils geöffnet. Einer ist aus Versehen in seinem alten Zustand verblieben: außen zugemauert, innerhalb der Kammer mit einer kleinen Metallklappe versehen. In diesem Frühjahr nun haben wir den Schacht geöffnet. In ihm befanden sich zwölf leere, aber äußerst gut erhaltene Flaschen HALBUNDHALB-Magenbitterlikör aus der Produktion der örtlichen Apotheke, Firma ALRICH: Alfred Richter, Urgroßvater und Großvater des heutigen Apothekers, und eine Taschenuhr. Der süchtige Bewohner der Kammer hat also auch, wie einst Rousseau, seine Uhr weggeworfen. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Die Datierung des gesamten Fundes wird einerseits erleichtert durch den Anzeigenteil einer zerknüllten, aber noch lesbaren Zeitung. Sie hat kein erkennbares Datum. Es finden sich in ihr aber Aussaattermine importierten Weizens und Anzeigen für Konzerte in der Soppoter Waldoper unter Hans Pfitzner, so dass man annehmen kann, der zweite Weltkrieg hätte noch nicht begonnen.
Wahrscheinlich war die Uhr kaputt und der Besitzer betrunken und verärgert. Möglicherweise aber warf er sie, lange nach der Zeitung, aus Angst vor den Russen in den Schacht. Das setzt voraus, dass der Bewohner der Kammer von 1939 bis 1945 der gleiche war, und er wusste, dass die Russen die Uhr stehlen wollen würden. Das ist wieder nicht sehr wahrscheinlich. Die meisten Menschen werden von den meisten historischen Ereignissen doch eher überrascht. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Besitzer der Uhr, ein einfacher Landarbeiter in einem uckermärkischen Dörfchen kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, diese aus dem gleichen Grund wie der große Philosoph Rousseau wegwarf, nämlich weil ihm die Abhängigkeit von einem zwar feinen, aber doch auch nichtswürdigen mechanischen Werkchen lästig war. Zudem hatte er ja die Sonne und andere agrotechnische Hilfsmittel in zahlloser Variation zu seiner Verfügung. So stand zum Beispiel auch ein Hahn bereit. Zwar lag seine Kammer im Westen, so dass er nicht von der aufgehenden Sonne, wohl aber von seinem geräuschvoll aufstehenden Kollegen in der neben seiner Nordwestkammer liegenden Nordostkammer, vielleicht auch von dem aus der Südwestkammer oder der Südostkammer, die aber diagonal zu seiner lag, geweckt wurde. Der Hahn mag das nach Kräften unterstrichen haben.

Diese Parallele sollte uns zu schnellerem Handeln im Rousseauschen Sinne auffordern.

trojanische stute

trojanische stute

von ferne hörn wir gern die ketten klirren
die büttel drohn, wir sind und bleiben still
wenn keiner täte, was auch keiner will
dann könnte uns kein paragraph verwirren

die ordnung feiert sich als himmelsmacht
und macht scheint mutter aller fundamente
und was man macht, dient nur der eignen rente
ein geist, der stets nur auf sich selbst bedacht

an müden wänden gähnt schneeweißer schimmel
der denunziant verklagt die frohnatur
gesetz wird kakophonisches gebimmel

und vater staat mit wasserkopfstatur
zeugt in fast unerträglichem gewimmel
im bauche jedes amtes: diktatur

SEELENRUHE ALS MENSCHENRECHT

SEELENRUHE ALS MENSCHENRECHT
Erinnerung an Seneca

Viele Menschen waren empört und erstaunt, als der Moderator im Radio sagte: Sie stehen nicht im Stau, Sie sind der Stau! Vor einer Kaufhalle in Ostberlin predigte ein junger Mann der Schlange: Wenn ihr nicht anstehen würdet, müsste man nicht anstehen, es würde alles ohne anstehen geben, wenn ihr nicht anstehen würdet.
Die Zeit ist so schnelllebig, weil ihr so schnell lebt. Man kann nicht vor sich fliehen, auch wenn man noch so weit reist. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass man wo anders auch anders werden kann. Nicht die Dinge sind schuld, sondern wir. So schreibt Seneca, eines seiner Werke heißt: Von der Seelenruhe, und so ist der Ton: ruhig, fließend, beruhigend. Seine Texte sind aber nicht beruhigend wie Trostworte oder Worte für den Tag, sondern aufregend, intellektuell, scharfsinnig. Wer also annimmt, diese so genannte und viel zitierte Schnelllebigkeit sei eine ganz heutige Erscheinung, zumindest aber ein Produkt der Leistungsgesellschaft, irrt und übersieht, dass es das gleiche Thema mit der gleichen Kritik schon im Barockgedicht, in Shakespeares Zeit-Sonetten (XII, XV, XVI, XIX, LIX, LXII, LXIV) und eben bei Seneca gegeben hat. Bei Shakespeare steht die kürzeste Lösung, dass es nämlich gegen den blutigen Tyrannen, die gefräßige Zeit nur einen Schutz gibt: Hinterlassenschaft. Geld und Dinge sind selber zu flüchtig und übrigens auch zu inflationär, um hinterlassen werden zu können. Hinterlassen kann man nur, was man selber gezeugt oder erzeugt hat, Kreationen im besten und im doppelten Sinn des Wortes, Kinder und geistige Produkte. Die Forderung, kreativ zu sein, bezieht sich also keinesfalls nur auf das Verbringen der Zeit, sondern vor allem auf die Folgen, die wir der Nachwelt hinterlassen, kurz: den Sinn des Lebens. Man sagt ja auch: die Zeit totschlagen. Das ist das Gegenteil von Kreativität, vom Hervorbringen neuer Dinge und Menschen.
Man könnte also sagen, dass Seneca das input-output-Problem gemeint hat. So viele Menschen verwechseln input und output oder aktiv und passiv, wie es bei Nietzsche heißt. Wer zum Beispiel annimmt, dass er etwas tut, wenn er kauft oder Musik hört, irrt sich. Musik machen und allenfalls verkaufen, aber da kann man auch nicht sicher sein, ob nicht nur das Herstellen wirklich ‚output’ ist. Das Paradox unserer Zeit besteht darin, dass wir zu viel Zeit haben und zu viele Möglichkeiten, diese Zeit zu töten, zu verbringen, zu vergeuden, ohne unsere ebenfalls beträchtlichen Kraftreserven dafür einzusetzen. Wir alle glauben überdies, dass wir zu wenig Zeit hätten, so wie viele Menschen ja auch glauben, dass sie zu wenig Geld hätten. Sie merken nicht, dass sie zu viele Wünsche haben, nicht zu wenig Geld. Es scheint so, dass mit der Zeit umso verschwenderischer umgegangen wird, je mehr man davon hat. Je weniger man davon hat, als desto wertvoller erscheint sie. Das klingt völlig trivial, wird aber wenig erkannt. Die meisten Menschen bemerken diesen Zusammenhang erst im Alter und, man könnte etwas gehässig hinzufügen, wenn es zu spät ist. Deshalb kommt es nicht darauf an, zu mahnen und zu warnen, sondern von vornherein Kreativität zu lehren. Das muss man einem Kind nicht zweimal sagen, es ist schon kreativ. Es kann dichten, komponieren, malen, tanzen und konstruieren. In der Schule stehen zwei Probleme der Kreativität im Wege: erstens die Zensuren und zweitens die immer noch vorhandene Stoff- oder Wissenslastigkeit. Solange man die Vorstellung hat, dass Bildung oder Lebensvorbereitung in einem Höchstmaß höchst zweifelhafter Fakten besteht, solange wird Kreativität behindert. Senecas berühmtester Satz wurde von eifrigen Lehrern in sein Gegenteil verkehrt: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! (106. Brief an Lucilius). Zensuren beschämen mehr, als dass sie helfen. Sie geben vor, ein objektiver Gradmesser für abgepacktes Wissen zu sein. Wissen kann man kaufen, Erfahrungen und Kreativität dagegen nicht. Der Einwand, dass schon allein das Wort Kreativität inflationär gebraucht würde, schwächt sich selber dadurch ab, dass man erinnert, wie oft die Worte Wissen oder Fakten ge- und missbraucht wurden. Diese Kreativität, wenn sie den Kindern erhalten bleibt, statt wie jetzt gegen so genanntes Faktenwissen, Zensurenstreben und Konkurrenzverhalten eingetauscht zu werden, bedarf der inneren Ruhe, des Selbstbewusstseins und der Kraft. Diese Faktoren kann man nicht lernen wie das Einmaleins oder die binomischen Formeln, aber man kann Bedingungen schaffen, unter denen diese Faktoren gedeihen können. Genau genommen sind es, wie die Zeit, keine Faktoren, keine immanenten Inhaltsbestandteile, sondern Bedingungen.
Außer der alten dichotomischen Teilung in Form und Inhalt (HEGEL) haben wir noch etwas Drittes hervorgebracht, nämlich Container, Beinhalter, die Inhalt sein können, aber eben nicht sind. Das klassische Beispiel ist der Computer. Eindeutig ist er Form, Werkzeug, Maschine, von vielen wird er aber genau so eindeutig mit dem Inhalt verwechselt. Auf unseren Gegenstand bezogen heißt das, Zeit, Seelenruhe, Kreativität sind die Bedingungen, die wir uns gegenseitig schaffen müssen, um der Flüchtigkeit durch Hinterlassenschaft zu entkommen. Eine Gesellschaft, die es geschafft hat, den natürlichen Solidargedanken zu formalisieren und in ein Versicherungssystem zu gießen, das die Armut abschafft, eine Gesellschaft, die es geschafft hat, aus der ständigen Mangelwirtschaft eine Überflusswirtschaft zu machen, eine Gesellschaft schließlich, der es gelang, so stark zu werden, dass sie immer wieder riesige materielle Fehler kompensieren kann (zwei Weltkriege, Vertreibung, Teilung), eine solche Gesellschaft sollte auch imstande sein, ihr Bildungs- und Solidarsystem von den Kriterien der Leistungsgesellschaft in die der Kreativgesellschaft zu überführen. Solche Paradigmenwechsel gelangen auch schon früher: Bismarcksche Sozialgesetzgebung, Umstellung des Schulsystems auf berufliche und vor allem mathematisch-naturwissenschaftliche Forderungen, Demokratisierung der Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg, deutsche Wiedervereinigung.
Sehr zu Recht wurden im letzten Jahrhundert hundert Rechte, Selbstverständlichkeiten, zu Menschenrechten erklärt. Die Seelenruhe gehört bis jetzt nicht dazu, obwohl sie ganz offensichtlich Voraussetzung für Kreativität und Stärke ist.