trojanische stute

trojanische stute

von ferne hörn wir gern die ketten klirren
die büttel drohn, wir sind und bleiben still
wenn keiner täte, was auch keiner will
dann könnte uns kein paragraph verwirren

die ordnung feiert sich als himmelsmacht
und macht scheint mutter aller fundamente
und was man macht, dient nur der eignen rente
ein geist, der stets nur auf sich selbst bedacht

an müden wänden gähnt schneeweißer schimmel
der denunziant verklagt die frohnatur
gesetz wird kakophonisches gebimmel

und vater staat mit wasserkopfstatur
zeugt in fast unerträglichem gewimmel
im bauche jedes amtes: diktatur

SEELENRUHE ALS MENSCHENRECHT

SEELENRUHE ALS MENSCHENRECHT
Erinnerung an Seneca

Viele Menschen waren empört und erstaunt, als der Moderator im Radio sagte: Sie stehen nicht im Stau, Sie sind der Stau! Vor einer Kaufhalle in Ostberlin predigte ein junger Mann der Schlange: Wenn ihr nicht anstehen würdet, müsste man nicht anstehen, es würde alles ohne anstehen geben, wenn ihr nicht anstehen würdet.
Die Zeit ist so schnelllebig, weil ihr so schnell lebt. Man kann nicht vor sich fliehen, auch wenn man noch so weit reist. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass man wo anders auch anders werden kann. Nicht die Dinge sind schuld, sondern wir. So schreibt Seneca, eines seiner Werke heißt: Von der Seelenruhe, und so ist der Ton: ruhig, fließend, beruhigend. Seine Texte sind aber nicht beruhigend wie Trostworte oder Worte für den Tag, sondern aufregend, intellektuell, scharfsinnig. Wer also annimmt, diese so genannte und viel zitierte Schnelllebigkeit sei eine ganz heutige Erscheinung, zumindest aber ein Produkt der Leistungsgesellschaft, irrt und übersieht, dass es das gleiche Thema mit der gleichen Kritik schon im Barockgedicht, in Shakespeares Zeit-Sonetten (XII, XV, XVI, XIX, LIX, LXII, LXIV) und eben bei Seneca gegeben hat. Bei Shakespeare steht die kürzeste Lösung, dass es nämlich gegen den blutigen Tyrannen, die gefräßige Zeit nur einen Schutz gibt: Hinterlassenschaft. Geld und Dinge sind selber zu flüchtig und übrigens auch zu inflationär, um hinterlassen werden zu können. Hinterlassen kann man nur, was man selber gezeugt oder erzeugt hat, Kreationen im besten und im doppelten Sinn des Wortes, Kinder und geistige Produkte. Die Forderung, kreativ zu sein, bezieht sich also keinesfalls nur auf das Verbringen der Zeit, sondern vor allem auf die Folgen, die wir der Nachwelt hinterlassen, kurz: den Sinn des Lebens. Man sagt ja auch: die Zeit totschlagen. Das ist das Gegenteil von Kreativität, vom Hervorbringen neuer Dinge und Menschen.
Man könnte also sagen, dass Seneca das input-output-Problem gemeint hat. So viele Menschen verwechseln input und output oder aktiv und passiv, wie es bei Nietzsche heißt. Wer zum Beispiel annimmt, dass er etwas tut, wenn er kauft oder Musik hört, irrt sich. Musik machen und allenfalls verkaufen, aber da kann man auch nicht sicher sein, ob nicht nur das Herstellen wirklich ‚output’ ist. Das Paradox unserer Zeit besteht darin, dass wir zu viel Zeit haben und zu viele Möglichkeiten, diese Zeit zu töten, zu verbringen, zu vergeuden, ohne unsere ebenfalls beträchtlichen Kraftreserven dafür einzusetzen. Wir alle glauben überdies, dass wir zu wenig Zeit hätten, so wie viele Menschen ja auch glauben, dass sie zu wenig Geld hätten. Sie merken nicht, dass sie zu viele Wünsche haben, nicht zu wenig Geld. Es scheint so, dass mit der Zeit umso verschwenderischer umgegangen wird, je mehr man davon hat. Je weniger man davon hat, als desto wertvoller erscheint sie. Das klingt völlig trivial, wird aber wenig erkannt. Die meisten Menschen bemerken diesen Zusammenhang erst im Alter und, man könnte etwas gehässig hinzufügen, wenn es zu spät ist. Deshalb kommt es nicht darauf an, zu mahnen und zu warnen, sondern von vornherein Kreativität zu lehren. Das muss man einem Kind nicht zweimal sagen, es ist schon kreativ. Es kann dichten, komponieren, malen, tanzen und konstruieren. In der Schule stehen zwei Probleme der Kreativität im Wege: erstens die Zensuren und zweitens die immer noch vorhandene Stoff- oder Wissenslastigkeit. Solange man die Vorstellung hat, dass Bildung oder Lebensvorbereitung in einem Höchstmaß höchst zweifelhafter Fakten besteht, solange wird Kreativität behindert. Senecas berühmtester Satz wurde von eifrigen Lehrern in sein Gegenteil verkehrt: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! (106. Brief an Lucilius). Zensuren beschämen mehr, als dass sie helfen. Sie geben vor, ein objektiver Gradmesser für abgepacktes Wissen zu sein. Wissen kann man kaufen, Erfahrungen und Kreativität dagegen nicht. Der Einwand, dass schon allein das Wort Kreativität inflationär gebraucht würde, schwächt sich selber dadurch ab, dass man erinnert, wie oft die Worte Wissen oder Fakten ge- und missbraucht wurden. Diese Kreativität, wenn sie den Kindern erhalten bleibt, statt wie jetzt gegen so genanntes Faktenwissen, Zensurenstreben und Konkurrenzverhalten eingetauscht zu werden, bedarf der inneren Ruhe, des Selbstbewusstseins und der Kraft. Diese Faktoren kann man nicht lernen wie das Einmaleins oder die binomischen Formeln, aber man kann Bedingungen schaffen, unter denen diese Faktoren gedeihen können. Genau genommen sind es, wie die Zeit, keine Faktoren, keine immanenten Inhaltsbestandteile, sondern Bedingungen.
Außer der alten dichotomischen Teilung in Form und Inhalt (HEGEL) haben wir noch etwas Drittes hervorgebracht, nämlich Container, Beinhalter, die Inhalt sein können, aber eben nicht sind. Das klassische Beispiel ist der Computer. Eindeutig ist er Form, Werkzeug, Maschine, von vielen wird er aber genau so eindeutig mit dem Inhalt verwechselt. Auf unseren Gegenstand bezogen heißt das, Zeit, Seelenruhe, Kreativität sind die Bedingungen, die wir uns gegenseitig schaffen müssen, um der Flüchtigkeit durch Hinterlassenschaft zu entkommen. Eine Gesellschaft, die es geschafft hat, den natürlichen Solidargedanken zu formalisieren und in ein Versicherungssystem zu gießen, das die Armut abschafft, eine Gesellschaft, die es geschafft hat, aus der ständigen Mangelwirtschaft eine Überflusswirtschaft zu machen, eine Gesellschaft schließlich, der es gelang, so stark zu werden, dass sie immer wieder riesige materielle Fehler kompensieren kann (zwei Weltkriege, Vertreibung, Teilung), eine solche Gesellschaft sollte auch imstande sein, ihr Bildungs- und Solidarsystem von den Kriterien der Leistungsgesellschaft in die der Kreativgesellschaft zu überführen. Solche Paradigmenwechsel gelangen auch schon früher: Bismarcksche Sozialgesetzgebung, Umstellung des Schulsystems auf berufliche und vor allem mathematisch-naturwissenschaftliche Forderungen, Demokratisierung der Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg, deutsche Wiedervereinigung.
Sehr zu Recht wurden im letzten Jahrhundert hundert Rechte, Selbstverständlichkeiten, zu Menschenrechten erklärt. Die Seelenruhe gehört bis jetzt nicht dazu, obwohl sie ganz offensichtlich Voraussetzung für Kreativität und Stärke ist.

messina-straße nr. 4

messina-straße nr. 4

wir konterten die pest
da kam die cholera
skylla schrie
charybdis kreisste
niedliche ungeheuer
zwischen baum
käfer und borken
warf pontius
pilatus vor:
in jedem heiland
steckt auch ein verbrecher

wir wünschten das böse wäre
ein mensch ein schwarzes loch
aber es ist bloß
die summe aller falschen
entscheidungen

ZEICHEN SETZEN

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DIE ANGST VOR ODER DIE SUCHT NACH LANGEN TEXTEN

1
Ein Gedanke, das sind etwa 1.000 Wörter oder 5.500 bis 6.000 Zeichen. Warum schreiben wir so etwas?
Wir sind so voll von uns selbst, da ist kein Platz für andere. Meist suchen wir nicht Kontakt, schon gar keine Informationen oder Lebensgeschichten, sondern einfach Bestätigung. Das Leben ist zu schwer, deshalb brauchen wir Schlaf, Drogen, Religion und Philosophie, Kunst und Bestätigung. Wir müssen uns richtig finden, sonst könnten wir nicht leben, dazu brauchen wir den anderen. Aber wir brauchen ihn nicht als den anderen, sondern als Bestätigung. Das klingt wieder negativ. Wir hören und lesen so etwas nicht gern, und wir befürchten, dass in langen Texten so etwas versteckt sein oder am Ende vorkommen könnte. Dann lesen oder hören wir schon lieber: der Mensch ist gut, er kümmert sich ununterbrochen um andere.
Mir scheint, dass Egoismus und Altruismus zwei Pole sind, die aber eine gemeinsame Schnittmenge haben, einen gemeinsamen Pool. Wer will unterscheiden, ob ich in einer Partnerschaft mehr gebe oder mehr nehme, ob ich nehme, um zu geben, oder ob ich gebe, um zu nehmen. Wer will wissen, ob ich nicht so freundlich bin, damit ich beliebt bin, ob ich nicht liebe, nur auf dass ich geliebt werde. Aber das hören und lesen wir nicht gern. Besser scheints uns, da steht: der Mensch ist gut, der gute Mensch ist Altruist, bestenfalls nach Feierabend darf er mal ein kleines bisschen an sich denken. Aber wie geht es Mönchen oder Diakonissen? Der Irrtum von Wichern ist ein doppelter: erstens ist Armut nicht die Folge von mangelndem Glauben (übrigens ist Armut auch nicht die Folge von Reichtum, wie Marx meinte) und zweitens macht Selbstlosigkeit unzufrieden und eben gerade nicht zufrieden, von Ausnahmen immer abgesehen.

2
Es ist schon ein Gemeinplatz festzustellen, dass reines Konsumieren auf Dauer langweilig bleibt und nur dazu führt, dass man immer mehr und immer mehr konsumieren will und vielleicht auch muss. Trotzdem leben wir in einer Welt, in der das Konsumieren immer raffinierter angeboten und angenommen wird. Ehe man sich durchringt kreativ zu werden, kann man sich Jahre und Jahrzehnte damit brüsten, welch ein großer Schnäppchenjäger man ist, wie gut man konsumieren, verbrauchen, genießen kann. Überhaupt sind so viele Menschen mit nichts weiter beschäftigt, als mit ihrem Alltagsleben. Genau das, vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht ein bisschen weniger schaffen sie in ihrem Alltag. Der Sonntag wäre das Darüberhinaus, das Besondere. Leider gibt es schon eine, wenn auch zum Glück noch sehr kleine Gruppe, auch eher von Jugendlichen, die die Einmaligkeit, die Berühmtheit, den Kick des Lebens durch eine Untat statt durch eine Tat zu erreichen versuchen: ein kleines Massaker, ein besonderer Mord oder Totschlag, meist übrigens auch nachgeahmt, kopiert und damit konsumiert.
Zur Besonderheit braucht man keinen Ruhm. Man muss nur die Schwelle von den kurzen Texten zu den langen Texten übertreten. ‚Text’ ist hier natürlich eine Metapher und kann auch für Kunst und Kinder, Kitsch oder Kochen stehen, wenn es nur kreativ ist, was man tut. Ob man nun glaubt, dass man den Schöpfer nachahmt, wenn man etwas Neues schafft, oder ob man glaubt, dass der Schöpfer – umgekehrt – die Formel für das Schöpfertum, die Kreativität der Menschen ist, das ist, glaube ich, ganz egal, wenn es nur kreativ ist, was man tut.

3
Kurz gesagt: Wir fürchten uns vor langen Texten, weil wir uns vor uns selbst fürchten. Wir wollen uns nicht auf uns einlassen. Es reicht uns oft die Flüchtigkeit. Und wem bei diesem Wort nicht die flüchtigen, immer kürzer werdenden Partnerschaften einfallen, der sieht nicht besonders gut und weit. Wir projizieren unsere Fehler in den Partner, so dass der immer doppelt so viele Fehler hat wie wir, und dann muss er gehen. Denn aus unserer Sicht geht ja immer der Partner, wir dagegen bleiben wo und wer wir sind.
Deshalb hat die Bildzeitung so viele Leser, weil es da nichts zu lesen gibt. Bücher werden trotz unserer Angst vor langen Texten gelesen, denn sie sind gerade die andere Welt, die es nicht gibt, und die wir deshalb suchen. Kunst ist heute das, was früher der Himmel war.
Die Sucht nach langen Texten entsteht, wenn man sie schreibt, wenn man erfahren hat, dass man sich fortschreiben kann, fort aus dem Alltag, fort in die Ewigkeit, fort zum anderen: zu dir.
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ZU ZEITEN DER NÄHMASCHINE

ZU ZEITEN DER NÄHMASCHINE

Beides kann Ideal und Wunschtraum sein: dem Klischee entsprechen oder ihm widersprechen. Diejenigen, die ihm widersprechen wollen, merken nur selten, wie sehr sie ihm entsprechen, ganz davon abgesehen, dass Widersprecher allein ja schon ein Klischee ist. Danach kommt der Querulant. Um nicht zu sehr am eigenen Klischee zu leiden, sucht der Widersprecher sich ein Feindbild, den Entsprecher. Das ist der Mensch, der so sein will, wie seine Eltern waren oder wie die Bilderbücher empfahlen, die Filmhelden von gestern und heute versprachen. Der Entsprecher teilt dir mit, dass er bald Silberhochzeit hat. Der Enkel macht bald Abitur. Die Karte, die er dir schreibt, gibts im Kunstpostkartenladen Ahrenshoop. Aber während die Silberhochzeit und das Abitur zwar unwichtig, aber doch noch erfreulich sind, folgen dann Briefe und emails zu den Details der Frühverrentung, über die Prozente, die ab- und zugezogen werden, wenn der Entsprecher drei bis sechs Wochen länger oder kürzer die Fron seiner Berufung erträgt oder nicht erträgt. Gleichzeitig wirft er dir vor, dass du Gedichte schreibst, weil sie ja, wie du selbst weißt, nicht so gut wie die von Goethe und Celan sind. Du hattest dir selbst schon Vorwürfe gemacht, du arbeitest daran, aber es ist immer gut, das aus berufenem Munde zu hören. Sodann teilt dir der Entsprecher mit, dass und wie er sterben und beerdigt werden will, nämlich anonym im Trauerwald. Du wunderst dich, dass du selbst noch nicht darauf gekommen bist. Es stand doch gestern im Lokalblatt. Das alles liest und erträgst du viele Jahre lang.
Dann streichst du ihn endlich von deiner Adressenliste. Er war eine Erinnerung aus den Zeiten der Nähmaschine.