DER KLAVIERSPIELER IM GREIFSWALDER DOM

Ein Manifest

Sie spielen doch auch? Wie spielen Sie das denn? Man kann es so oder so spielen. Ich spiele es so. Wie spielen Sie es? Sie sind doch aus Nordrhein-Westfalen? Aus Brandenburg? Das Brandenburger Tor hat Sie auch kaputt gemacht. Das Brandenburger Tor haben sie auch kaputt gemacht, einfach abgerissen, das Brandenburger und das Friedländer Tor. Es gibt kein Friedland mehr. Es gibt doch ein Brandenburger Tor? Oder wurde es abgerissen? Das macht etwas mit uns. Wie war es damals bei – jetzt weiß ich den Namen nicht mehr. Haben Sie den Maler gesehen? Er hat dort eine unordentliche Ausstellung. Der ganze Dom ist so unordentlich. Gestern traf ich den Herrn Habakuk, und er sagte, dass auch die Steine in den Mauern schreien und die Balken antworten werden. Da braucht man diese Bilder und diese Musik, wegen der fehlenden Ordnung. Überall in der Stadt hängen so kleine Zettel, die angeklebt sind. Darauf steht MAUTE LUSIK. MAUTE LUSIK, Sie verstehen, das ist nicht lustig? Das ist so wie diese Bilder, die hier so unordentlich angenagelt sind. Eines heißt: DER FLÜCHTLING. Aber wir fliehen doch alle, wenn die MAUTE LUSIK beginnt. Noch schlimmer sind all die Listen, auf denen die Namen stehen, die wir vergessen haben. Auch an den Häusern und auf den Bürgersteigen stehen die Namen der Toten. Heute ist Gorbatschow gestorben und auch er hat gesagt: das schlimmste, was er damals vorgefunden hat, waren alle diese Listen, auf denen die Namen standen, die wir vergessen sollen. Und die hat der Maler gemalt. Der Flüchtling liest einen Brief. Darin steht seine ABSCHIEBUNG. Es gibt auch ein Bild mit dem Brandenburger Tor, das abgerissen wurde. Auf dem Bild sehen Sie alle die Bilder, die verboten wurden. Das macht etwas mit uns. Bilder kann man verbieten, MAUTE LUSIK nicht. Sie sehen ja, ich spiele hier, und niemand widerspricht. Der Musik kann man nicht widersprechen. Die ist uns über, obwohl wir sie gemacht haben. Sehen Sie, da kommen immer neue Leute herein, die eigentlich schon tot sein müssten, die auf den Listen standen, die auf den Bildern gemalt waren. Aber sie leben noch, sie kommen hier hereinspaziert, das Eis noch in der Hand, die ihnen abfallen müsste, und fotografieren sich mit ihren Telefonen. Und schicken die Fotos gleich in die Welt. Und die Welt ist heute nur noch der Kommentar der Telefone, und der Zeitungen, und der Fernseher, und der Computer. Aber ich sitze hier jeden Tag an dem Klavier. Und die Steine in den Mauern schreien und ich antworte. Ich schiebe die dicke Kunstlederdecke weg, klappe den Flügel auf, und spiele so, wie die Welt ist, so wieder Maler mit den angenagelten Bildern sie auch gesehen hat. Ich höre sie, die Welt, nicht die Kommentare. Wer hört schon noch die Welt, wer sieht schon noch die Welt? Jeder Blinde tastet besser, als der Rest sieht. Das macht etwas mit uns. Der Flüchtling betrachtet den Globus und weiß nicht, wohin. Der Globus betrachtet den Flüchtling und weiß nicht, wohin mit ihm. Welt und Flüchtling, das passt nicht zusammen, also schieben wir sie ab, lassen wir sie auf dem Mittelmeer ertrinken, schenken wir sie den libyschen Sklavenhändlern oder der Putin-Armee, die braucht dringend Verstärkung. Aber sie wird zu Weihnachten untergehen. Bis Weihnachten werden wir frieren, aber dann wird alles besser. Dann wird alles besser. Das macht etwas mit uns. Uns verfolgen die Phrasen wie früher die Häscher des Herodes,  als wir zwei Jahre alt waren. Herodes metzelte die Babys, Hitler den Maler, der dort angenagelt ist, und Putin metzelt die Ukrainer. Aber er wird verlieren wie Falkenhayn. Kennen Sie Falkenhayn? Er stand in Verdun, da wo jetzt eine Million Kreuze stehen, und schlachtete eine Million Soldaten. Da kommt Putin nicht mit. Aber verlieren wird er wie Falkenhayn. Und wie Hitler und wie die alle heißen. Oh, losers, ich habe eure Namen vergessen! Die Namen gehören auf die Listen der Namen, die wir vergessen sollten. Das macht etwas mit uns. Früher war der Dom zum Beten da. Aber seit keiner mehr beten will, wird hier alles abgestellt. Da sehen Sie die angenagelten Bilder, im Turm sind Faces aus Tansania gefangen. Das ist gut, aber niemand weiß, warum, niemand weiß, wohin. Und dann das Kinderspielzeug. Müssen die Kinder hier spielen? Gibt es überhaupt noch Kinder? Fahren nicht die meisten Menschen schon ihre Hunde spazieren auf ihren Fahrradanhängern? Der tote Maler, wenn er noch leben würde, würde das malen: die Menschen auf den Fahrrädern und in den Anhängern die staunenden Hunde. Aber er stand auf der Liste. Ich muss jetzt weiter spielen. Einer muss weiter spielen oder wenigstens malen. Wenn sie nur das Brandenburger Tor hätten stehen lassen. Aber es ist kaputt für immer. Was macht das mit uns? Was macht das mit uns? Was machen wir mit uns? Was machen wir mit uns?   Die Steine in den Mauern werden schreien und niemand antwortet.  

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