VOM KRIEGE

‘Who the fuck are you to lecture me?’ – das ist ein Zitat und die Sprache des russischen Außenministers Lawrow. Er ist das Sprachrohr Putins. Beide lügen nicht für uns, sondern für die alten Frauen in Moskau und Sankt Petersburg, von denen wir nicht wissen, ob sie ihren Führern wirklich glauben oder ob sie die Lügen nachplappern, weil sie eine Welt ohne Lügen gar nicht kennen. Aber jenseits jeder Polemik über die Unverfrorenheit muss man Putin doch fragen, wie er das Land, das er erobert haben will, regieren kann, wenn er sich bestimmt zwei Drittel bis drei Viertel seiner Bewohner zum Feind gemacht hat, von der Welt ganz zu schweigen: nur die diensthabenden Idioten dieser Erde, Lukaschenko, Assad, Kim Jong Un und Isayas Afewerki haben in der eigens einberufenen UNO-Generalversammlung für ihn gestimmt. Aber er kann und wird diesen Krieg nicht gewinnen: Wie haben wir alle gezittert, als in den Eilmeldungen der Nachrichtensender verkündet wurde, dass sich ein sechzig Kilometer langer russischer Konvoi auf Kiew zubewegt. Aber das war vor zwei Wochen, heute erzählt einer unserer Reporter, dass in Kiew alle infrastrukturellen Verbindungen noch funktionieren. Auch die gefangenen russischen Soldaten sprechen nicht die Sprache der Sieger.
Ein Krieg ist ebenso wenig zu begründen wie ein Mord. Beide sind wesensgleich und verstoßen nicht nur gegen seit langem codifiziertes Recht, sondern gegen alles, was den Menschen und das Leben überhaupt ausmacht: Fürsorge, Empathie, Solidarität. Jeder Versuch der Begründung des Krieges bedarf einer Ideologie, eines narrativen Baugerüsts, das aber immer im Wind umstürzt, bevor das Haus darunter gebaut ist. Jeder Irredentismus – die vermeintliche Befreiung von Menschen der eigenen Sprache im anderen Land – ist genauso ein Vorwand wie ein Präventivschlag. Auch das berühmteste Beispiel für eine erfolgreiche präventive Verteidigung – der Sechstagekrieg Israels 1967 gegen kriegsbereite potenzielle Angreifer – leidet so sehr unter dem moralische Makel, dass im Jomkippurkrieg auf den Angriff gewartet wurde, der dann am höchsten israelischen Feiertag auch tatsächlich erfolgte. Beide Kriege hat Israel gewonnen. Noch mehr in Misskredit geriet das Eingreifen der NATO in die serbischen Aggressionen in Bosnien und im Kosovo. Genau dieses Muster benutzen jetzt Putin und sein Lautsprecher Lawrow, nur dass sie selbst – auch im Donbass – die Angreifer sind. Die Putin-Apologeten bei uns hatten kurz ihre Agitation eingestellt, aber nach wenigen Tage wussten sie: „Da die Ukraine keine Chance hat, diesen Krieg militärisch für sich zu entscheiden, verlängern die geplanten Waffenlieferungen nur das Sterben.“
In Abwandlung eines berühmten Moshe-Dayan-Zitats könnte man ihnen und ihren links- und rechtsradikalen Freunden antworten: DIE RUSSEN KÖNNEN HIER NICHTS GEWINNEN, NOCH NICHT EINMAL DEN KRIEG.
Bei uns im Osten war es nicht en vogue, über den Finnlandkrieg, auch er ein irredentistischer und lächerlicher Feldzug, zu sprechen. Stalin hatte gerade seinen besten Marschall – den ‚roten Napoleon‘ Michail Tuchatschewski – erschießen lassen und marschierte genauso dilettantisch, chaotisch und verbrecherisch in Finnland ein wie Putin jetzt in die Ukraine. Auch damals war der Who-the-fuck-are-you-to-lecture-me-Außenminister die Stimme seines Herrn. Er dementierte die Bombenangriffe und sagte, dass aus den Flugzeugen Brot für die ‚Brüder‘ abgeworfen würde. Gut, sagte die Finnen, dann braucht er noch einen Cocktail dazu, der Herr Molotow. Ich weiß nicht, ob diese Brandsätze kriegsentscheidend waren, aber die Russen haben nicht gewonnen und mussten heute vor 82 Jahren einen schmählichen (Goliath gegen einen kleinen schmächtigen Hirtenjungen) Waffenstillstand unterzeichnen. Ein damaliger sowjetischer General kommentierte das so: Wir haben gerade soviel Land gewonnen, dass wir unsere toten Soldaten beerdigen können.
Aber selbst wenn Putin – was Gott verhüten möge – siegen sollte, hätte er nichts gewonnen. Denn ein Sieg ist niemals absolut. Ein Sieg ist immer nur der Traum vom Sieg. Der Sieger träumt, dass nie wieder ein Feind ihn ‚scheel ansehen‘ wird, so der letzte deutsche Kaiser in seiner berüchtigten, protofaschistischen Hunnen-Rede. Das Gegenteil ist die Regel: Der Verlierer stellt sich als Opfer dar, der Gewinner lebt fortan mit dem Makel seiner Gewalt.
Ein Sieg ist deshalb nicht absolut, weil keine Handlung, kein Ergebnis, keine Untat, kein Zweck und Ziel und kein Gedanke absolut ist. Noch nicht einmal eine Absicht kann alleine für sich bestehen. Wir können es am Kleinkind studieren: es läuft mit einem Ziel los, aber ziellos hält es bei jeder Blume und bei jedem Schmetterling ein. Alles unterläuft sich selbst mit und durch Friktionen.
Während frühere Generationen die Sprüche der kriegerischen Vorväter zitierten, um sich selbst zu rechtfertigen, bezeichneten sie den Krieg als den Vater alle Dinge und glaubten (glaubten sie es wirklich?), dass sie dem Krieg dienen müssten, wenn sie Frieden haben wollen, sollten wir wissen, dass durch Krieg nichts zu beginnen und zu gewinnen ist, nur dass er weit tiefer in unserer DNA sitzt, als wir glauben wollen und können. Wir leisten uns Geheimdienste und wundern uns, dass sie nicht die Zukunft voraussagen können, statt dessen aber solche Monster gebären wie Dr. Maaßen und Oberstleutnant a.D. Putin, jeder auf seine Weise, aber beide preisen sich selbst als lupenreine Demokraten an.
Dass wir zum Glück keine Zeitenwende haben, sondern allenfalls eine Kurskorrektur, sieht man schon daran, dass Sätze, die seit zweihundert Jahren offensichtlich nicht gelesen und verstanden werden, so wirken, als wäre sie gestern Abend in der Absicht geschrieben worden, Putin mit Verstandes-argumenten zum Einlenken zu bewegen. Der Autor, selbst ein bedeutender General, wusste selbstverständlich, dass seine klugen Worte in den Wind geworfen wären. Nun warten sie auf neue einsichtsvolle Leser. Who the fuck am I not to be lectured.
Das berühmte Buch, das den Krieg beschreibt, ist eigentlich eine Abhandlung über friedenserhaltende Politik.
„So stimmt sich im Kriege durch den Einfluss unzähliger kleiner Umstände, die auf dem Papier nie gehörig in Betracht kommen können, alles herab, und man bleibt weit hinter dem Ziel. Ein mächtiger, eiserner Wille überwindet diese Friktion, er zermalmt die Hindernisse, aber freilich die Maschine mit.“

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