Potemkin taucht alle paar Jahre auf: entweder seine Dörfer, die zu einer in Osteuropa allgegenwärtigen Metapher des deep fake geworden sind, oder die Treppe in Odessa[1], die fälschlich seinen Namen trägt, oder sein wirkliches Verhalten als Wüstling und Günstling am Hof der einstigen Zerbster Prinzessin, die aber in Stettin geboren und in Position gebracht wurde, die dann in Sankt Petersburg Katharina die Große hieß und deren sprichwörtliches Sexualverlangen so groß war wie ihr imperiales Gehabe und Getue. Rauch dagegen kennen nur Insider der Kunst und des Ostens.
Aber was verbindet die beiden? Sie sind das Einzige, was uns vom Osten, von der guten alten DDR geblieben ist: die richtige Aussprache von Potemkin und eine Handvoll stinkreicher Maler.
Aus der unbestreitbaren Tatsache, dass alle Schüler im Ostblock Russischunterricht hatten, darf man nicht schließen, dass damit eine Freundschaft zu den Russen begründet worden wäre. Im Gegenteil: der Russischunterricht wurde krass abgelehnt, die Sowjetunion wurde verachtet und in zahlreichen Witzen verspottet. Jeder wusste, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Sowjetsoldaten bei uns und auf unsere Kosten lebten. Jeder sah, dass sie die Güterzüge mit Braunkohle per Hand abladen mussten und jeder bemitleidete die halbnackten Russen auf den Bahnhöfen, wo das geschah, zum Beispiel in Eberswalde, wo 50.000 Sowjetsoldaten in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern lebten. In Fürstenberg, gar nicht weit von Eberswalde, lebten die nächsten 50.000 Sowjetsoldaten, dort wurde jeden Abend um 18.00 die Hauptstraße (F96) gesperrt, weil da ‚die Russen‘ durch die Stadt marschieren mussten. Das fand niemand lustig. Es waren übrigens nicht, wie wir damals sagten, ‚Russen‘, sondern Sowjetsoldaten, also auch Ukrainer, Kasachen, Usbeken, Krimtataren, Uiguren und viele andere. Wenn es wahr wäre, dass die DDR-Bürger die Sowjetsoldaten geliebt haben, dann waren es genau so viele Ukrainer. Es lässt sich also doppelt nicht aus der ostdeutschen Besatzungsmacht eine Liebe oder auch nur Nähe zu den Russen ableiten. Das war damals und ist heute vielen Menschen nicht bewusst. Diejenigen DDR-Menschen, die ein Abitur machten oder aus einem anderen Grund der russischen Sprache etwas mehr Aufmerksamkeit widmeten, erinnern sich, dass ein unbetontes o wie ein anlautendes a, und ein betontes je wie ein jo gesprochen wird: also Patjomkin [pɐˈtʲɵ.mkʲɪn] und nicht Potemkin.
Die Kunst der DDR diente zu großen Teilen der Propaganda. Es war absolut möglich, sich über den ‚sozialistischen Realismus‘ lustig zu machen, in dem man zum Beispiel sagte: ‚Besser vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt.‘ Auch Womacka mit seinen Riesenbildern wurde eher verachtet. In Prenzlau kaufte Netto die SED-Kreisleitung und ließ sie samt Wandgemälde von Wolfram Schubert abreißen. Der Künstler jammert bis heute darüber, und architektonisch hat die Stadt leider kein Plus mit diesem Tausch gemacht. Es gab Lehrer, die Willi Bredels Machwerke nicht als Abiturstoff gelten ließen und ihren Schülern offen sagten, dass sie, falls Bredel Prüfungsthema wird, dann eben ein Thema weniger hätten. Ein bisschen besser sah es in der Musik aus, es gab und gibt einige Lieder, die heute noch gesungen werden, zum Beispiel ‚Traumzauberbaum‘ von Reinhard Lakomy oder ‚Sind die Lichter angezündet‘ von Hans Sandig. Aber fast unbemerkt gab es in der Malerei und in der Literatur Nischen: Plötzlich durfte der dritte Band von Strittmatters ‚Wundertäter‘ doch erscheinen, obwohl darin ein Rotarmist ein deutsches Mädchen vergewaltigt. Plötzlich durfte einer der Köpfe der Leipziger Schule ungestört sein gigantisches Panoramabild vom Bauernkrieg malen, wenn es auch anders hieß, und ein anderer durfte seine barocken Vorstellungen ungehindert auf die Leinwand bringen. Da beide Maler, Tübke und Heisig, Professoren waren, hatten sie viele Schüler. Fast gleichzeitig kam es scheinbar in Westeuropa und in Amerika zu einer Ermüdung der geometrischen Abstraktion. Und siehe da, Wunder über Wunder: die gegenständlichen Maler aus dem kunstfeindlichen Ostblockländchen wurden berühmt und reich. Andersherum gesagt: bis auf Anselm Kiefer sind alle berühmten deutschen Maler der Gegenwart Ostdeutsche. Der berühmteste und reichste ist Gerhard Richter aus Dresden. Ein Bild von ihm hat hundert Millionen Dollar gebracht, viele andere allerdings nur zweistellige Millionenbeträge. Der zweite ist Georg Baselitz aus Lessings Kamenz. Er hat sich sogar nach einem Ostort benannt, nämlich nach Deutschbaselitz, wo sein Vater Lehrer war und wo sie wohnten. Ich weiß keine Preise, aber er besitzt ein Schloss, in dem er auch wohnt, und fährt einen Bentley, weil sein Widersacher Anselm Kiefer auch ein Schloss besitzt und einen Rolls-Royce fährt. Und der dritte im Bunde ist Neo Rauch, auch er verdient verdientermaßen Millionen mit seinen Bildern, die manchmal aussehen, wie abgemalte Propagandaplakate. Neo Rauch ist nicht nur ein großer Maler, der gut verdient, sondern eine Kunstinstitution, ein sächsischer Gigant aus Sachsen-Anhalt. Er ist einer der vielen Belege dafür, dass die Herkunft aus der DDR nichts mit Erfolg oder Misserfolg zu tun hat. Erfolg ist überhaupt keine primär an die Herkunft geknüpfte Kategorie. Erfolg ist das Zusammenspiel von überragenden Fähigkeiten, immensem Fleiß (Bach-Zitat[2]!) und den Umständen, die nicht einmal vordergründig günstig sein müssen.
Was helfen all diese schönen Erkenntnisse dem ehemaligen DDR-Landarbeiter, der, als seine LPG zusammenbrach, zusammenbrach, arbeitslos und verzweifelt wurde und der erst PDS, jetzt aber AfD wählt, nicht weil er aus dem Osten ist, sondern weil er den Herrschenden den Konsens aufgekündigt hat, weil die Herrschenden ihm den Konsens aufgekündigt haben. Die Erzählung, dass die DDR der bessere deutsche Staat und strikt antifaschistisch war, kommt anscheinend jetzt erst an. Die Erzählung, dass mit dem Sieg der Demokratie über die Autokratien und proletarischen Diktaturen der ewige Frieden oder sogar das Ende der Geschichte erreicht sei, erweist sich als falsch. Im Osten wählt man jetzt also die bessere Erzählung. Aber auch im Westen ist der Wohlstand zum Teil durch die Inflation aufgefressen worden. Man sucht und findet – wie schon immer in der Geschichte – den Schuldigen. Die Armen und Benachteiligten in Bielefeld und in Bitterfeld haben sich auf ihre eigene Art vereinigt.
Wenn schon Hegels Annahme, dass die Geschichte ein Ende hat, nicht stimmt, können wir nur hoffen und den Weltgeist bitten, dass seine Erkenntnis von der Unwiederholbarkeit der Geschichte stimmen mag. Das würde bedeuten, dass die AfD nicht gewinnt, dass es kein zweites 1933 gibt, und – meine Tastatur schreit auf! – dass alles doch noch ein gutes Ende findet.
[1] Potemkinsche Treppe in Katerina Poladjans Roman ‚Goldstrand‘, die Treppe ist nach Eisensteins Film benannt
[2] Ich war sehr fleißig, wer ebenso fleißig ist, wird es eben so weit bringen.
Viele Menschen haben Sprüche darüber, wie es kommt, immer anders als man denkt oder wie es kommen muss oder wie es eben kommt. Aber hinter leicht dahingesagten und oft wiederholten Sprüchen verbergen sich Welt- und Lebensanschauungen.
Schon als Kinder sagten wir empört: das ist doch ungerecht! Und noch als Alte glauben wir an eine, wenn nicht überbordende, so doch übersinnliche Gerechtigkeit. Alle linken Bewegungen und der Sozialstaat versprechen sie bedenkenlos, alle rechten Bewegungen wollen sie dadurch erreichen, dass sie einen Teil der Menschheit von vornherein ausschließen. Der Staat, diese Megamaschine aus Klammeraffen, Aktenordnern und Ausführungs-bestimmungen, der sich am liebsten mit sich selbst und der Versorgung seiner Beschäftigten beschäftigt, hat sich immer mehr an die Stelle der alten Institutionen Religion, Zünfte oder Allmende gedrängt. Und wir glauben ihm gerne. Aber: man kann den Staat nur aushalten, wenn man an die Freiheit glaubt und weiß, dass es Gerechtigkeit nicht geben kann.
Von Kindesbeinen an sind wir mit der Konstruktion von Artefakten beschäftigt. Der Konstruktion geht eine Destruktionsphase voraus, in der wir sozusagen Strukturen, Naturgesetze und Adhäsionen studieren. Aber indem wir jetzt das Bild des Kindes reproduzieren, das mit großer Geduld immer wieder aufgehäufte Bausteintürme kippt, wird uns klar, wie sehr wir dieses Spiel und diese Phase perfektioniert haben. Fröbel war noch stolz auf seine geometrischen Holzklötzchen, dann kamen hundert Jahre Anker- und Stabilbaukästen und schließlich konnte LEGO sein perfektionistisches Weltbild verbreiten. Wir dürfen nicht übersehen, dass während dieser letzten zweihundert Jahre immer wieder versucht wurde, die Mädchen auf das Spiel mit Puppen, Puppenwagen und Puppenstuben zu reduzieren. Aber das ist gründlich misslungen. Was heute so vehement gefordert wie bekämpft wird, ist damals schon immer sichtbar gewesen: Konstruktions- und Pflegespiele sind nicht an Geschlecht, Hautfarbe oder sozialen Status gebunden.
Auch die in der Schule gelehrten Kulturtechniken sind nicht nur analytisch, sondern immer auch konstruktiv, wenn nicht holistisch. Wenn auch bedauert werden kann, dass viel zu wenig kreativ geschrieben wird, so wird doch geschrieben. Schreibend setzen wir uns immer eine kleine, neue Welt zusammen. Wenn wir auf einem Dachboden eines alten Hauses ein Schulheft, einen Kalender, eine Briefsammlung oder gar ein Tagebuch finden, so finden wir auch immer eine Welt von gestern. Immer erkennen wir in den Dingen und Ereignissen einen konstruktiven Sinn, weil wir uns vorstellen, wir hätten die Dinge und Ereignisse gemacht. Hegel geht in seinem berühmten, aber leider auch sehr unsinnigen Satz[1], dass der Unwissende die Welt ablehnt, weil er sie nicht gemacht hat, sogar so weit, einen Teil der Menschheit von vornherein auszuschließen. Und auch da gehen heute noch genauso viele Menschen mit wie bei seinem Fortschrittsgedanken[2]. Der Satz ist trotz seiner rhetorischen Stärke und seiner bewundernswerten Konstruktion deswegen unsinnig, weil wir in seinem Sinne alle unwissend sind und die Welt, auch die kleine uns unmittelbar umgebende, nicht gemacht haben. Wer ein Haus gebaut hat, weiß, wie viel vom Grund abhängt, vom Material, vom Entwurf, vom Wetter, vom Geld von der Tagesform und von tausend Zufällen. Da aber das Haus heute noch steht, glauben wir an uns und unsere konstruktive Stärke und überschätzen unseren Anteil an Struktur und Wissen der Welt.
Durch die Konstruktion von Artefakten kommt also unser Glaube an die universelle Machbarkeit. Die Welt, meinen wir zu wissen, ist genauso gemacht worden wie die Legowelt im Kinderzimmer, wie das Kinderzimmer und auch wie die Kinder selbst.
Die andere Seite ist die Ablehnung des Zufalls. Da wir in allem Sinn suchen und vermuten, müssen wir das sinnlose Walten der Natur hinterfragen. Letztlich lehnen wir es ab. Wir glauben nicht daran, dass es zwar Zusammenhänge, aber keine Kausalzusammenhänge geben soll, dass es zwar Kausalzusammenhänge geben soll, die aber nicht mit uns zusammenhängen. Fast jeder Mensch ist zum Beispiel davon überzeugt, dass er sich den Partner oder die Partnerin bewusst, sehenden Auges, vielleicht sogar ästhetisch oder utilitaristisch ausgesucht hat. Viele erinnern sich an den ersten Schritt aufeinander zu und halten die Verbindung für gewollt und gemacht. Tausend biotische und psychische, soziale und lokale Zusammenhänge werden nicht ignoriert, sondern sind uns unbekannt, weil wir eben auch in unseren persönlichsten Zusammenhängen Unwissende sind.
Neuerdings liest man sehr oft, dass die Freiheit des einen dort ende, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das setzt voraus, dass zwei Nachbarn entgegengesetzte Konstruktionen wären, die auch noch dazu ein entgegengesetztes Freiheitsideal hätten. Tatsächlich stimmen wir aber – glücklicherweise – zu bis zu 99% überein, wenn uns das auch bei einem unbeliebten Nachbarn weit anders erscheint. Es geht sehr oft um das Rechthabenwollen und nicht um das Recht oder um die Gerechtigkeit. Solche dichotomischen Ausschließungen – an meinem Gartenzaun endet dein Recht! – ignorieren die von Euler beschriebenen Schnittmengen zwischen den Dingen, Ereignissen und Menschen. Vieles ist sich ähnlicher, als es denkt. Jeder Wettbewerb beruht mindestens auf dem Konsens der Vergleichbarkeit. Und in jedem Wettbewerb regieren nicht nur das Können, der Verstand oder der Selbstwert, sondern auch immer das Glück und der Zufall. Aber trotz aller Konkurrenz, trotz allen Streits und Wettbewerbs, trotz aller Kämpfe sind wir immer auch eingehüllt und eingelullt vom Grundkonsens der Menschheit, der Großgruppe, der Kleingruppe, des Paars und etwa des Gartens, in denen wir uns befinden und ohne die wir nicht wären.
Es ist doch merkwürdig, dass gerade diejenigen, die die Freiheit einschränken wollen, sich bei der Entfernung vom Grundkonsens der Menschheit auf Freiheit berufen. Niemand aber entfernt sich ungestraft von diesem Grundkonsens. ‚Du sollst nicht töten‘ [Exodus 20,13] etwa ist nicht ein frommer Wunsch, der sich durch widrige Wirklichkeiten zu behaupten hätte, sondern eine conditio sine qua non[3] des Zusammenlebens. Wer sie missachtet, wird missachtet. Die Strafe ist die Entfernung aus dem Grundkonsens. Eine Umkehr ist immer möglich. Nichts muss, alles kann, aber es wird immer kommen, wie es kommt.
Schild der sowjetischen Besatzungstruppen Foto: rochusthal
2
Der Satz von Hegel, dass der Unwissende unfrei sei, weil er die Welt nicht gemacht habe, scheint auch umgekehrt zu gelten: Weil er oder sie an einem Wendepunkt dabei war, glaubt er oder sie, ihn gemacht zu haben und hält sich deshalb – allerdings nur für sich selbst – für wissend. Wer zum Beispiel 1989 gegen die Erstarrung der DDR demonstrierte – was sehr mutig war, weil man nicht wissen konnte, wie die senile und wankende Führung reagieren würde – glaubt, die DDR zu Fall gebracht zu haben. Dasselbe glauben Egon Krenz oder Gregor Gysi von sich, der eine wollte die Macht, der andere das Geld retten, beide nannten das, was sie retten wollten, Partei. Wahrscheinlich wurden am Abend des 9. November 1989 aber zwei Zettel vertauscht und der Überblick endgültig verloren. Ein Schlagbaum öffnete sich, hunderttausend Ostberliner strömten nach Westberlin, Bundeskanzler Kohl kam eilends aus Warschau zurück. Es war etwas passiert, das niemand gewollt hatte, obwohl es sich fast alle wünschten. Ein vereinsamter Stasimann pfiff vielleicht auf der Bornholmer Brücke ‚Geschichte wird gemacht‘, ein Lied aus der FDJ-Singebewegung der sechziger Jahre. Nur selten hört die Geschichte, die Summe unserer Taten, auf die Intentionen von uns Menschen. Vielmehr ist sie von tausenden Faktoren abhängig, die sich weder Zeitzeugen oder Visionäre, Politiker oder Wissenschaftler, Ideologen oder Mafiabosse ausdenken können. Oft erst viel später – in Geschichtsbüchern heißt es oft: nach Öffnung der Archive – kommt Klarheit in das Knäuel von Absichtserklärungen, wahren Absichten und tatsächlichen Geschehnissen. Die Mauer fiel, die DDR brach zusammen, Kohl, der das nicht planen konnte, ergriff die Chance, der Ostblock verschwand wie ein Kartenhaus, die Sowjetunion übrigens zuletzt, erst am 31. Dezember 1991, und niemand wusste, wie es weitergehen sollte, könnte oder würde. Von nun an waren alle Akteure ahnungslos.
Mehr als dreißig Jahre danach, also jetzt, 2023, erscheinen drei Bücher[4], die den Eindruck erwecken, als ob die Wiedervereinigung Deutschlands im Gefolge des Zusammenbruchs der DDR (oder des Ostblocks) ein bewusster Akt der Demütigung des Ostens durch den Westen gewesen wäre. Oschmann, der kein Soziologe oder Historiker ist, versteigt sich zu der These, dass die von 1945-1975 geborenen ostdeutschen Männer die am meisten benachteiligte Bevölkerungsgruppe sei. Es ist, und das steht nicht in seinem Wut- und Jammerbüchlein, auch die Gruppe, die im Osten Firmen aufgebaut hat, die Schulen und Krankenhäuser am Laufen hielt, die Kommunalpolitik dominierte. Mehrfach wird Habermas zitiert, der dem Osten den Zugang zur Öffentlichkeit absprach. Aber Oschmann müsste wissen, dass es unverhältnismäßig viele Schriftsteller und Maler[5] aus dem Osten in die Öffentlichkeit und in den wohlverdienten Ruhm geschafft haben. Saša Stanišić wird als Beispiel für die Skandalisierung alles dessen, was noch weiter aus dem Osten kam, beschrieben. Dagegen beschreibt Stanišić in seinem Buch HERKUNFT[6], wie sein hochkompetenter und wohlwollender Deutschlehrer im Westen des Westens (Heidelberg) ihm zu seiner literarischen Berufung verhalf. Verschwiegen wird auch, dass eine Million ostdeutscher Frauen nach 1990 in den Westen wechselte.
Der Wissenschaftsbetrieb mag extrem ungerecht und voller eigensüchtiger Netzwerke sein. Wer im Norden des Ostens lebte, keine Ausbildung hatte und zudem immobil war, hatte schlechte Karten und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit so genannter Wendeverlierer. Aber gab es denn das Versprechen der Egalisierung? Der Westen erschien vielen Wählern im Mai 1990 als omnipotentes Heilsversprechen. Er war eine Erfindung ostdeutscher Träume. Er bestand nicht nur aus Engeln und Heilanden à la Brandt und Kohl, sondern auch aus Glücksrittern, drittklassigen Chefs, Hausierern und Manchesterkapitalisten.
Dem Trend dieser drei Bücher, der beiden Parteien, die das Ostklischee bedienen und einem aus all dem folgenden Diskurs sollen ich vier Thesen entgegengestellt werden:
Jammern ist eine äußerst retrospektive Tätigkeit. Sie mag Trost geben, aber sie schadet letztlich dem Jammerer mehr als dem Adressaten. All das, was im Osten Deutschlands zurecht oder zu unrecht beklagt wird, verstärkt sich durch das fortwährende Jammern darüber. Wir haben im Osten etwas verloren, sicher, aber wir haben doch viel mehr gewonnen. Das Scheitern der Linkspartei ist der lebendige Beweis, dass jammern und die Verstärkung des Jammerns nichts als den eigenen Untergang bewirkt. Jammern beachtet zudem nicht, dass jedes Ticket einen Preis hat.
2. Warum sich Jammern nicht lohnt, ergibt sich auch aus der Tatsache, dass es keine Gerechtigkeit gibt und geben kann. Gerechtigkeit ist (wie Freiheit oder Liebe) ein Ideal und keine Beschreibung. Wenn Armut der Normalzustand ist[7], dann ist jede Bereicherung beglückend. Leider können wir Glück nur im Vergleich erleben, und so gesehen sind wir in einer Art Parallelverschiebung an den von uns Westen genannten Süden Deutschlands gefesselt. Denn wenn wir erkennen könnten, dass der Süden das Zentrum des Reichtums ist, würden wir Retardierung als jahrhundertealte Schwäche begreifen, die auch einen langen Zeitraum ihrer Überwindung benötigt. Nicht alles, was wir überwinden wollen, ist überwindbar. In Mannheim wurden der musikalische und literarische Sturm und Drang erfunden, das Fahrrad, das Automobil, der Traktor, nimmt man die jenseits des Rheins im Nachbarbundesland gelegene Stadt Ludwigshafen mit dem Sitz der BASF[8] hinzu, so ergibt sich ein Gigant, ein Goliath der Innovation und Technik. Vergleicht man es mit dem ebenso als barocke Planstadt errichteten Neustrelitz, so zeigt sich dieses nicht etwa als David, sondern als Zwerg, als schöner Schein und etwas besseres Nichts.
3. Auf jede Neuordnung folgt eine Revision. Aber beides, Neuordnung und Revision, sind keine Konsumartikel, auf die Garantie gewährt wird. Wir müssen immer mit den Folgen unseres Tuns leben, in unserer Biografie und in unserer Geografie, in unserer Zeit und in unserem Raum. Dabei spielt der Staat, diese Megamaschine aus Klammeraffen, Aktenordnern und Ausführungsbestimmungen, manchmal eine größere, manchmal eine kleinere Rolle. Die Revision kann ebenso wie die Neuordnung ‚berechtigt‘ sein oder unsinnig, erfolgreich oder scheiternd.
4. Die wichtigste Schlussfolgerung aus dem Jahr 1989 und aus dem Dreikrisenjahr 2022[9] ist jedoch: man sollte jeden Bruch als Aufbruch erkennen und nutzen. Das ist schwer, weil wir an unseren Gewohnheiten kleben wie die Klimaaktivisten am Asphalt. Wir sind nun einmal neophob wie die Ratten, aber wir sollten auch so clever, so sozial und so überlebensstark sein wie sie. Die beiden Geschwindigkeiten der Welt und des Individuums sind nicht synchron. So gesehen laufen wir uns selbst hinterher und ziehen uns wie einst der Baron Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Moor. Zopfabschneiden erscheint deshalb vielen als Selbstmord und war doch im Sturm und Drang die Metapher für den Fortschritt, der immer auch ein Fortschreiten von sich selbst ist. Aber: je reicher wir werden, desto behäbiger sind wir auch. Deshalb appellieren die beiden Ostparteien so oft an die vermeintliche oder wirkliche Armut, reden allzu gern Katastrophen, Bürgerkriege und die Apokalypse herbei. Die Marschmusik der AfD ist der Apokalypso, das anachronistische Lieblingslied der Linken ‚Auf zum letzten Gefecht‘.
Lasst uns den Aufbruch selbst schon als Reichtum erkennen!
[1]„Der Unwissende ist unfrei, denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, ein Drüben und Draußen, von welchem er abhängt, ohne dass er diese fremde Welt für sich selber gemacht hätte und dadurch in ihr als in dem Seinigen bei sich selber wäre.“ HEGEL. Ästhetik, Berlin und Weimar 1984, Band 1, Seite 105