VIER JAHRE KRIEG

In einem uckermärkischen Dorf steht an einem Haus mit weißer Farbe geschrieben: wir siegten, unsere Sache ist richtig – in russischer Sprache und kyrillischen Großbuchstaben. Aber der erste Eindruck täuscht: nicht die Russen siegten im zweiten Weltkrieg, sondern die Sowjetunion. Es kann also sein, dass es ein Ukrainer war, der den selbstbewussten Satz damals so ordentlich an das Haus schrieb. Heute regen sich viele alte Menschen über Graffiti auf, obwohl sie schon damals mehr als üblich waren, aber von Erwachsenen gemalt! Und die Sowjetarmee siegte aus genau den wichtigsten Gründen, die auch heute gelten: sie waren die Angegriffenen und daher, laut Clausewitz‘ berühmtem Buch, in der besseren Position. Sie hatten die bessere Motivation und die stärkere Resilienz, so wie heute die Ukraine. Und ihnen wurde auch geholfen: etwa 15-20% der Kriegsmaterialien kamen aus den USA. Die Bezahlung waren die riesigen Goldmengen, die auf der Nordroute mit Eskorten von Kriegsschiffen und U-Booten die USA erreichten.

Der zweite Weltkrieg, in der Sowjetunion und – heute – in Russland Großer Vaterländischer Krieg genannt, dauerte 1418 Tage, an denen die Rote Armee im Schnitt 2 km pro Tag vorankam. Darin eingerechnet ist das Zurückweichen bis kurz vor Moskau und bis Stalingrad. Die sowjetische Militärdoktrin ging für einen künftigen Krieg von 30 km pro Tag mit Panzerverbänden aus. Sie hat sich vielleicht das rasante Vorrücken der Zweiten Belorussischen Front unter Marschall Rokossowski von der Oder bis zur Elbe ab 25. April 1945 zum Vorbild genommen, der schon vorher, 1944, 600 km in zwei Monaten während des sowjetischen Blitzkrieges zurückerobert hatte.

Aber obwohl die russische Armee unter sehr großen Opfern vorankommt, sie hat in vier Jahren 1% des ukrainischen Territoriums erobert, die anderen Gebiete waren schon von den russisch unterstützten Freischärlern besetzt worden, gelingt es ihr weder Territorien noch Städte und Dörfer zu halten. Auch der Donbass ist nur zu einem Teil von russischen Nachfolgetruppen besetzt. Immer wieder behaupten die Russen, etwa Pokrowsk und Kupjansk, zwei Kleinstädte nahe der Grenze, erobert zu haben, aber immer werden am folgenden Tag Fotos mit ukrainischen Fahnen, Soldaten und Präsidenten veröffentlicht.

Die ukrainische Zivilbevölkerung wird im bitteren Winter 2026, im vierten Jahr des Krieges, mit der Zerstörung ihrer Infrastruktur, insbesondere Wasser, Strom, Heizung, terrorisiert. Aber es gelingt den Russen nicht, den Widerstand der Ukrainerinnen und Ukrainer zu brechen. Es ist übrigens den siegreichen Alliierten im zweiten Weltkrieg trotz unvergleichlicher und auch immer wieder umstrittener Bombardierungen[1] nicht gelungen, den Glauben der Bevölkerung an den letztlichen Sieg ihres Verbrecherregimes zu verhindern. Sie glaubten an den ihren Sieg, bis sie in ihren Kellerlöchern die amerikanischen oder sowjetischen Panzerketten hörten. Wie sollte denn also der viel kleinere Terror der Russen auf die resilienten Verteidiger wirken? Das ist genauso aussichtslos wie das zentimeterweise Vorrücken einer bis zur Lächerlichkeit und bis zur Widerlichkeit verkommenen und zerfledderten Armee. 

Perfide ist es vom System Putin, die Söhne armer Familien zu kaufen, das heißt gegen eine hohe Summe, die das Leben dieser Familie deutlich verbessert, in die Armee zu verpflichten. Es gibt bis jetzt keine weitere Einberufung Wehrpflichtiger. Das wagt das Regime nicht. Dem Narrativ Putins, dessen einzelne Bestandteile sich widersprechen, wird zwar weitgehend gefolgt: die Ukraine ist kein souveräner Staat, die Ukraine wird von Nazis regiert und vereinnahmt, es ist ein Krieg gegen den Westen oder des Westens gegen Russland, das Russentum (Russkij Mir) repräsentiert das wahre Christentum, aber das Regime ist sich nicht sicher, wie weit der Glaube echt ist. Deshalb will es keine krassen Veränderungen, wie etwa eine Mobilisierung. Die Losungen an den Wänden und auf den Riesenpostern, die schleunigst erneuerten Lehrbücher, die Zensur und die Fakenews in den Medien, die Unterdrückung jeder Opposition – all das wirkt zwar, gibt dem Kreml aber keine Garantie seiner Macht.

Hierzulande wird gerne argumentiert, dass man eine Atommacht nicht besiegen kann. Das sagen zum Beispiel Oskar Lafontaine und Gabriele Krone-Schmalz, obwohl sie sich doch an den Vietnamkrieg und sein Ende am 2. Mai 1975 erinnern müssten. Starphilosoph Precht, die Reste des BSW und der Chrupalla-Flügel der AfD gehen davon aus, dass Russland eine Großmacht ist und deshalb noch nicht einmal provoziert, geschweige denn bekämpft werden darf. Die ‚Großmacht‘ hat knapp doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, aber ein Bruttoinlandsprodukt, das knapp halb so groß ist wie Deutschlands und dessen Herkunft aus dem Export von Rohstoffen, Getreide, Düngemitteln und Waffen besteht. Das Wachstum des BIP beruht auf der Kriegswirtschaft. Die Inflation betrug im Jahresdurchschnitt 2025 10%, betrifft aber vor allem Lebensmittel. Schon die Sowjetunion – und übrigens auch die gegenwärtige VR China – hatte und hat nicht verstanden, dass zu einer Großmacht auch eine großmächtige Wirtschaft und eine wohlhabende Bevölkerung (BIP/Kopf) gehören.

Weitere Argumentationen sind, dass es Völkerrechtsverletzungen auch durch die USA und durch die NATO gab und gibt. Als Beispiel wird gern die Zerstörung der serbischen Luftwaffe im Bosnienkrieg genannt. Es stimmt, dass dieser Einsatz nicht durch eine UNO-Mandat gedeckt war, aber er diente auch nicht der Eroberung. Im Gegenteil hat sich Serbien zweimal derselben irredentistischen Argumentation bedient wie heute Russland. Aber auch das war nicht der Grund für den NATO-Einsatz. Vielmehr haben wir damals den überfallenen Schwächeren (Bosnien und dann Kosovo) geholfen, und wir tun das heute wieder.       

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Böse nicht siegen wird, weil es nicht siegen kann und darf. Es gibt Beispiele für siegreiche Gewaltherrschaften, für Tyrannei und Krieg. Aber wo sind sie geblieben? Selbst langlebige Diktaturen, zumal in dynastischer Form, wie in Nordkorea oder in Haiti sind lächerliche, operettenhafte Kleinstaaten, natürlich nicht für die Einwohner. Die Halbwertzeit für eine Diktatur liegt nach unserer Erfahrung zwischen zwölf und vierzig Jahren, kein Menschenleben. Die Tiefenwirkung solcher ideologisierten Tyranneien ist allerdings auch nicht zu unterschätzen. Man sieht es, wie die Begriffe und Narrative der vergangenen Diktaturen wieder aufleben und ihr Tabu überwinden. Schreiben wir dagegen an! Zeigen wir unseren Kindern und Schülern, wohin das führt! Sorgen wir durch unser Wahlverhalten und durch unsere Teilnahme an der Demokratie für den Erhalt der Demokratie!


[1] Dresden                     13.Februar 1945

Berlin                             8. Juni 1940 – 18. März 1945

Hamburg                       28. Juli 1943 (Gomorrha)

Ruhrgebiet                   März -Juli 1943

Köln                               Mai 1940 – 2. Mai 1945

Frankfurt                       18. Und 22. März 1944  Tausend-Bomber-Angriffe

FRIKTIONEN

 

Nr. 308

Autobahnen wurden zuerst in Amerika und Deutschland gebaut, damit Automobile unbehindert von langsameren Fahrzeugen, von Kreuzungen oder Ortsdurchfahrten vorwärts kommen. Fährt man nun aber zu Beginn des Hochsommers oder am Montagmorgen auf der A 9 in den Süden oder der A 2 in den Westen, dann wird das eigene Automobil durch unzählbare weitere Automobile behindert. Manchmal sitzen Rentner am Weg und zählen die unzählbaren Vehikel. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: jede Erfindung oder Verbesserung schafft neue Probleme. Das Doppelparadox des Automobils besteht darin, dass es, je weniger Autos es gibt, desto ungerechter zugeht, je mehr Autos es dagegen gibt, desto undurchdringlicher und ungerechter wird der Verkehr. Das ist sogar ein klassisches Dilemma, und je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass das ganze Leben ein Dilemma ist. Und je mehr man über diesen schönen Satz nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass er genau die Mitte bildet zwischen dem philosophischen – ein Problem mit zwei gleich schlechten Lösungen – und dem Alltagsbegriff – ganz allgemein eine ausweglose Lage. Das zweite Paradox: je stärker ein Automobil ist, desto größer ist die Abhängigkeit von ihm. Der zweite Schluss jedoch ist beinahe noch interessanter: sobald wir uns auf einen Weg machen, einen Entschluss verwirklichen, eine Aufgabe lösen, ein Leben leben, stoßen wir auf Schwierigkeiten, die wir vorher nicht kannten und absehen konnten. Umgekehrt heißt dies: dass man ständig Erfahrungen macht, die man dann nie wieder braucht.

Es besteht sogar die Gefahr, dass wir diese Erfahrungen als zusätzliche Behinderung empfinden könnten: Wir gehen einen neuen Weg, wir stoßen auf unvorhersehbare Schwierigkeiten und versuchen, sie mit alten Mitteln zu lösen. Am bittersten empfinden wir diese aufgetürmten Probleme, wenn wir mit anderen Menschen zusammen Probleme oder Aufgaben lösen, mit denen wir uns erfahrungsgemäß gut verstehen, die aber plötzlich nicht mehr mitmachen wollen oder können. Menschen, überhaupt Lebewesen, verfügen nicht nur über rationale, seit dem neunzehnten Jahrhundert weit überschätzte Lösungsalgorithmen, sondern auch über emotionale, tief eingegrabene Spuren. Beide können sich befördern und befeuern, gemeinsam wirken, aber natürlich auch gegenseitig behindern. Der schlimmste Fall einer solchen Behinderung ist die Spaltung, zum Beispiel die Schizophrenie. Andererseits ist jedes Schisma auch eine Konfliktlösung, denn oft genug wird die Spaltung des gegnerischen Schädels als eine Lösung angesehen.

Immer wieder entstehen, ob nun aus Spaltungen oder neuen Ideen, neue Parteien oder Bewegungen. Der Gedanke ihrer Gründung mag gut sein, vor allem gut gemeint, aber sobald sie die ersten Schritte machen, müssen sie zwangläufig stolpern, schlittern und scheitern Sie müssen, ob sie es wollen oder nicht, sich einerseits den Gepflogenheiten, die sie gerade bekämpfen wollten, anpassen, und andererseits einen großen Teil ihrer Ideen und ihrer Energie für den Machterhalt abstellen. Deshalb kann nur Politiker werden, wer Machtmensch ist. Genau das kann ihm später schlecht vorgeworfen werden.  Wir anderen folgen diesen Machtmenschen so sehr, dass wir selbst in der Demokratie alle Leistungen und alle Fehler immer mit einer Person in Verbindung bringen oder die Führungsperson ausdrücklich ausnehmen, wenn es um Fehler geht. Wir haben ein Bild der Welt, die von Menschen gemacht ist, und vergessen, dass  auch das Bild von Menschen gemacht ist.

Ein großer Teil des Risses, der heute durch die Welt geht, ist in Wirklichkeit ein gerissenes Bild. Noch vor hundert Jahren waren  drei Viertel aller Menschen Analphabeten, heute hat die Hälfte der Menschheit ein Smartphone. Nicht mehr der eigene Augenschein und eine überschaubare Ideologie entscheiden über die Glaubhaftigkeit, sondern Dutzende und Aberdutzende atomisierte und sich überschneidende und widersprechende Informationen. Auf der einen Seite gibt es ein Festhalten an archaischen Glaubenssätzen, auf der anderen Seite aber sekundenschnell wechselnde Informationsschnipsel. Die Medien müssen auch dann etwas berichten, wenn gar nichts passiert ist. Wir kehren zu unserem Anfangsgedanken zurück: am Morgen betritt ein missgelaunter Redakteur seine Arbeitsstätte, aber es liegt keine Nachricht vor, er hat auch keine Idee für ein Portrait oder einen Kommentar. Man muss gar nicht behaupten, dass er sich jetzt einen Mord ausdenkt, aber er wird etwas irrelevantes zu etwas relevantem zu machen versuchen. Vielleicht hat er Glück und seine Leser verlangen nur den zwölften Aufguss der Nachrichten von vorgestern. Wir vergessen zu leicht, dass es keine Staatsmedien mehr gibt, sondern dass eine Zeitung oder eine Fernsehsendung eine Ware ist, die verkauft wird. Natürlich gibt es staatsnahe Journalisten, es gibt ja auch staatsnahe Leser.

Diese überproportionale Personalisierung der Politik, die tatsächlich ein fast unentwirrbares Geflecht aus sich oft widersprechenden Kompromissen und nicht die einmalige Leistung eines einmaligen Politikers ist, und diese Monopolisierung eines Informationsmediums, das in Wirklichkeit ein Teppich oder ein Fluss aus vielen unwichtigen, nebensächlichen, redundanten oder vielleicht auch lebenswichtigen Nachrichten, Kommentaren, Bildern, Portraits besteht, sind ein großer Teil unseres Problems.

Wann haben wir das letzte Mal eine für uns lebenswichtige Nachricht gehört? Wann kam in welchem Fernsehsender etwas, das uns bis auf die Grundfesten erschüttert und zu gänzlich neuem Handeln befähigt hat? Nichts ist schädlicher als das Fernsehen, weil es Nähe suggeriert, obwohl es – richtigerweise – Fernsehen heißt und ist. Statt das Misstrauen immer neu zu formulieren, sollte man es einfach abschalten. Andererseits ist es schwer, gegen Gewohnheiten oder gar Süchte anzukommen. Mit diesen Friktionen müssen wir leben.

Der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz hat diesen Friktionsbegriff in dieser Bedeutung in seinem nachgelassenen Werk VOM KRIEGE verwendet. Sein Buch wurde viel gedeutet und viel missgedeutet. Man überlas gerne, dass er eigentlich nur Verteidigungskriege für gewinnbar hielt, man überlas, dass er begründete, dass jeder Krieg aus tausenden Schwierigkeiten besteht und deshalb die Neigung hat, sich von der Politik und von den allgemeinen Regeln zu entfernen, was später totaler Krieg hieß. Es ist ein durch und durch intelligentes und erstaunliches Buch. Clausewitz starb an der Cholera, und viele, die ihn kannten beobachteten, dass er nicht so ungern aus der Welt voller Friktionen ging.

Heute würde dieses große Buch geschrieben sein und wird gelesen für Leute und von Leuten, die lernen wollen, wie man einen Konzern oder ein Produkt in die Weltwirtschaft implantieren kann. Und da lernt man: Wirtschaft ist Chaos, sie folgt keinen Regeln oder jedenfalls nicht sehr lange. Schon allein die Friktionen zu überstehen, braucht es Genie.