FRIEDRICH DER ZWEITE DACHTE

 

Nr. 185

Obwohl er den berüchtigten, fast tödlichen Konflikt mit seinem jähzornigen Vater hatte und man verstehen könnte , dass er alles anders machen will, hat Friedrich ein gutes Verhältnis zu einer Tradition gefunden, die alles andere als rational war. Sein Vater hat ganz auf die Armee, die Vorsicht und den berechtigten Zorn gesetzt. Er hatte eine große, ungeheuer teure Armee, aber er hat sie nicht eingesetzt. Sein Verhältnis zum Menschen war mehr als patriarchalisch. Er fühlte sich als Sklavenhalter und von Gott dazu berufen, auf seine Mitmenschen einzuprügeln. Katte musste sterben und Friedrich dabei zusehen, obwohl Friedrich die Flucht geplant hatte und nicht Katte. Friedrich war gerade einmal achtzehn Jahre alt.

Friedrich schätzte und nutzte trotz des falschen, schändlichen und zurecht verhassten Verhaltens seines Vaters dessen traditionell auf das Wohl des Landes ausgerichtete Einwanderungspolitik.

Zweitens aber tat er, was damals mit Ausnahme seiner Erzfeindin Maria Theresia niemand tat, er setzte auf die Aufklärung, und zwar in einem ganz praktischen Sinn. Während er vielleicht Schlesien eroberte, um Maria Theresia zu ärgern, was wir heute ganz vehement ablehnen, hat er sich mit der Kartoffel und der vorsichtig versuchten Gewaltenteilung einen Dauerbonus in der Geschichte verschafft. Die Kartoffel war und ist so nachhaltig, dass die heutigen Migranten uns sogar so nennen.

Friedrich, sein Vater und sein Großvater sagten nicht nur ‚Bienvenue aux réfugiés‘ und ‚Wir schaffen das‘, sondern sie schufen ein auch wirtschaftlich günstiges Klima. Wer heute von Neulietzgöricke im Oderbruch bis Bagemühl in der Uckermark fährt, sieht immer noch viele Dutzende französische Kolonistenhäuser. Manche sind in der zwölften Generation liebevoll restauriert, andere sind vom Verfall bedroht.

Der Verfall hat indes nichts mit Ein- oder Auswanderung zu tun, er ist das Ergebnis bedauerlicher und heilloser Überalterung und Kinderlosigkeit, kurz demografischer Wandel genannt, denn wir lieben Metaphern und Euphemismen.

Warum stellen wir nicht interessierten Flüchtlingen verfallene oder verfallende Häuser zur Verfügung, dazu Baumaterialgutscheine, Steuerfreiheit, ein zinsloses Darlehen für startups und dazu braucht man in Deutschland leider auch bürokratische Hilfe. In anderen Ländern kauft man sich einfach ein Schild, auf dem die Firma, die man gegründet hat, steht, und schon steht die Firma. Aber dafür haben andere Länder andere Nachteile, die zum Teil nicht hinnehmbar sind. Wer sich ernsthaft einen solchen Präsidenten vorstellen kann, den kann man nicht mehr ernstnehmen.

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Der Vorschlag staatlich geförderter Hausbesetzungen ist relativ leicht umzusetzen. Wenn auch nur ein Viertel der Flüchtlinge auf diese Weise unterkäme, könnte doch mit größerer Streuwirkung gerechnet werden. Aber was sollen die Flüchtlinge, die nun Neubürger und Hausbesitzer sind, tun, um Geld zu verdienen.

Es gab einst einen schönen Werbespruch von ESSO, der sagte, dass es viel zu tun gäbe und man es nur anpacken müsste. Man könnte einerseits eine Expertenkommission einsetzen, die zu prüfen hätte, woran es uns fehlt. Viele denken, dass es uns an nichts fehlt, aber das ist eine Frage der Perspektive. Es fehlt uns an Pflegekräften. Wir müssen endlich Pflegekräfte besser bezahlen und ihnen viel mehr Zeit einräumen. Es fehlt uns an innovativer Implementierung vielfältiger Computertechnik. Es fehlt uns an Fußballtrainern, Feuerwehrleuten, Erziehern und Sozialarbeitern. Es fehlt uns an Dichtern und Mathematikern, die die Leistungsgesellschaft schrittweise in eine poesie- und computergestützte Idylle verwandeln. Die Expertenkommission dürfte auch gerne einen Wettbewerb ausschreiben.

Auf der anderen Seite kann man einfach abwarten: was werden die hausbesitzenden Neubürger als nächstes tun? Sobald sie etwas Gemeinnütziges auch nur vorhaben, muss man ihre Vorhaben finanziell und logistisch unterstützen. Es wird sich zeigen, dass bei dem einen oder anderen Projekt die Neugierde über die Fremdenangst siegen wird. Über den maroden Zaun hinweg wird Deutsch gelernt und Innovation. Es werden langsam, Schritt für Schritt, auch Altbürger einbezogen werden, die zu Transferleistungsbeziehern degradiert wurden, nicht von jemandem, sondern durch die Eigendynamik einer einerseits höchstleistenden, andererseits aber auch sozialen Gesellschaft. Es ist billig und populistisch, die Erhöhung der Sozialleistungen auf ein, wie es heißt, menschenwürdiges Niveau zu fordern. Menschwürdig ist es allein, sich selbst – wenn auch mit Hilfe – zu unterhalten. Selbsthilfewerkstätten, Dorf- und Kleinstadtzentren, in denen geplant und gewerkelt werden kann, könnten das Ergebnis dieser neuartigen Zusammenarbeit sein.

Nun sind die Flüchtlinge, selbst die gut gebildeten syrischen, keineswegs alle genügend qualifiziert oder gar überqualifiziert, um solch ein gigantisches Werk zu vollbringen. Aber sie haben alle einen Unterdruck an Aktionismus und Innovation. Sie kommen alle aus repressiven oder wenigstens autoritären Mangelwirtschaften, so dass sie jede finanzielle, logistische und liebevolle Hilfe dankbar annehmen. Sie wissen Bildung als hohes, oft unerreichbares Gut zu schätzen. Statt ihnen schon wieder einfach nur Geld zum Konsumieren zu geben, sollten wir jede Idee, jede Tat und jede Gemeinnützigkeit belohnen. Wir haben schon wieder Monate mit solchen Fragen zugebracht: Sind alle oder doch einige Flüchtlinge Terroristen? Darf man mit einem Kopftuch schwimmen/kochen/helfen? Was ist der Unterschied zwischen einem Kirchturm und einem Minarett?

Die Chancen für ein funktionierendes Miteinander sind in den Dörfern und Kleinstädten größer als in den Großstädten. Die Gefahr der Ghettoisierung auf beiden Seiten ist geringer. Wenn du immer nur die Gruppe ändern willst, zu der du gar nicht gehörst, wirst du nichts ändern! Lasst uns Spielräume schaffen und nicht Geld verteilen! Öffnen wir unsere Häuser und unsere Köpfe!

Der Staat und die Gesellschaft, und wer soll das sein, wenn nicht wir, sollten sich endlich auf ihre Großen besinnen: Friedrich und sein hochproduktives Verhältnis zu Tradition und Fortschritt. Was wir brauchen, ist eine Innovation von der Dimension der Kartoffel.

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DIGITALES NADELÖHR

Nr. 183

Plötzlich erinnern sich Menschen an den greisen Revolutionsführer Fidel Castro. Seinerzeit ist er im Westen wie im Osten eine Ikone gewesen, wenn auch nicht vom Rang seines begnadeten und trotzdem gescheiterten Genossen Ernesto Che Guevara. Weil der bei seinen kommunistischen Zeitgenossen, wenn nicht verboten, so doch auch nicht recht erlaubt war, mussten wir uns mit der Bürger- und Genossenschreckvariante Fidel Castro begnügen. Während unsere Partei- und Staatsführer stundenlange Reden schlecht von widerwilligen Blättern ablasen, sagte Fidel Castro das gleiche vier Stunden lang auswendig. Wir waren begeistert. Wenn wir spanisch verstanden und vier Stunden lang zugehört hätten, wären wir weniger begeistert gewesen. Im Grunde sprach er zwei Stunden gegen den amerikanischen Imperialismus. Dessen Zeit, so jubelte Castro rhetorisch mehr als wirkungsmächtig, sei abgelaufen. Obwohl er seit der Kubakrise hätte wissen können, als Politiker sogar wissen müssen, dass da etwas nicht stimmte. Kennedy war weltweit übrigens nicht weniger beliebt. Aber auch der zweite Teil seiner eigenen Rede hätte Castro eines besseren belehren können: die letzten zwei Stunden erklärte er, warum in Kuba weniger produziert als gebraucht wurde. Das lag zum einen wieder am amerikanischen Imperialismus, nämlich sogar doppelt: an der Zuckermonokultur, die einst die Amerikaner (?wer?) installiert hatten und am Handelsembargo, das Dwight D. Eisenhower, der immerhin schon einen Weltkrieg, den er nicht begonnen, gewonnen hatte, verhängte, nachdem Fidel Castro im Ergebnis seiner Revolution die US-Amerikaner enteignete. Zweitens aber, und das war die vierte Stunde seiner Rede, vielleicht hörten die Kubaner jetzt doch nicht mehr so aufmerksam zu oder hatten gar zuviel Kubarum getrunken, auch bei uns wurde bei Massenveranstaltungen sehr viel Alkohol konsumiert, jedenfalls waren laut ihrem Staats-, Partei-, Armee- und Revolutionsführer die Kubaner zwar qualifiziert, aber nicht so sorgsam, wie es zur Erfüllung ihrer Wünsche notwendig gewesen wäre. Zum Schluss musste selbst der Zucker importiert werden. Dieser Krug ging solange zu Wasser, bis er brach, und das war 1990.

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Fidel Castro hätte drei Stunden seiner vielen Reden streichen müssen, er hätte sich selber Lügen strafen müssen, wenn er geglaubt hätte, dass die Amerikaner (‚Gringos‘), überhaupt der Westen, der von Kuba aus gesehen allerdings im Norden und im Osten lag, sich bewegen und entwickeln könnte. Castro war der felsenfesten Meinung, dass die Amerikaner mitsamt ihrem Westen zum Scheitern verurteilt waren. Von sich dagegen glaubte er, dass ihm die Geschichte recht geben würde. Dieselben Worte gebrauchte, vielleicht als Zitat, der Hilfsschuster Nicolae Ceaucescu kurz bevor er in einer kruden Mischung aus Rache und Zumschweigenbringen erschossen wurde. Seine Frau fragte sogar das Erschießungskommando, ob es nicht wüsste, dass sie, Elena Ceaucescu, eine der größten Wissenschaftlerinnen der Welt und die Mutter der Nation sei. Castro kannte auch die Verdorbenheit der katholischen Kirche gut und von innen, auch von ihrem Untergang war er überzeugt.

Vor diesem Hintergrund ist sein Satz aus dem Jahre 1973 zu verstehen, der jetzt plötzlich, aber nicht zufällig zitiert wird, dass nämlich die USA kommen werden um mit uns, den Kubanern, zu sprechen, ‚wenn sie einen schwarzen Präsidenten und die Welt einen lateinamerikanischen Papst haben werden‘. All das ist in der vorigen und vorvorigen Woche eingetreten. Der lateinamerikanische Papst hat sich auf Kuba mit dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland getroffen, um über den seit tausend Jahren währenden Streit zu reden. Im Ergebnis riefen sie ihre Völker auf, sich nicht zu streiten, so als ob sich die Völker und nicht die Patriarchen gestritten hätten. Ich bin sicher, dass die meisten Katholiken und Orthodoxen nicht wissen, worüber der Streit tausend Jahre lang ging. Das Merkwürdige an den Religionen und Ideologien ist, dass wenn zwei ihrer Anhänger zusammenkommen, ein jahrhundertelanger Streit beginnt. Vielleicht träumen sie deshalb vom ewigen Leben. Obama, der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, traf allerdings nicht mehr auf Fidel Castro, der aber sicher am Fernseher saß, sondern auf dessen älteren Bruder, der im Laufe der Jahre immer mehr Funktionen übernahm.

Fidel Castro hat damals ganz sicher gemeint, dass die USA niemals mit Kuba sprechen, niemals das Handelsembargo und die Blockade aufgeben werden. Er hat deshalb zwei aus seiner Sicht völlig absurde Vergleiche gewählt, die seiner Meinung nach zeigten, dass sich die USA und die westliche Welt niemals ändern werden. Seine eigene Theorie, der Marxismus, der ja punktueller oder linearer Linkhegelianismus ist, sprach zwar immer davon, dass sich alles bewegt, verändert, gar revolutioniert (uns Bewohnern des Ostblocks hätte schon eine Evolution genügt), aber manches war eben einfach am Dauersterben.

Man kann heute nicht mehr streiten, was Castro damals gemeint hat: hat er vorausgesagt, was tatsächlich eintrat, oder wollte er im Gegenteil sagen, dass es so absurd ist, dass es nie eintreten könne. Es ist dies ein Beispiel dafür, dass selbst eindeutige Aussagen tatsächlich nur Interpretationen sind und keine Faktbeschreibungen.

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Es gibt einen historischen Präzedenzfall, in dem ein viel berühmterer und philosophischerer Provinzführer einen ebensolchen absurden Vergleich brachte, um zu zeigen, dass es, trotz Gottes Allmacht und Prophetie des Sohnes, Dinge gibt, die nicht eintreten werden. Obwohl die Bewegung, die sich später Christentum nannte, nur dann wirklich erfolgreich war, wenn sie sich mit der Macht zur Staatskirche vereinte und demzufolge auch horrende Reichtümer anhäufte, hat sie die Bibel nach einer gewissen Zeit nicht mehr verändert. Viele Muslime schließen übrigens daraus fälschlich, dass der Koran im Gegensatz zur Bibel nicht historisch sei. Jesus meinte mit seinem berühmten Wort, zeitweilig war es sogar sein berühmtestes, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Das steht dreimal in der Bibel und einmal im Koran (Markus 1025, Lukas 1825, Matthäus 1924 und 7:40). Manche Forscher meinen, die Bibelstellen könnten auf einem griechischen Übersetzungsfehler beruhen und Jesus könnte gemeint haben, dass ein Tau, das auf griechisch dem Kamel ähnlich klingt, durch ein Nadelöhr einzufädeln sei, gleichviel meinte er etwas Absurdes. Andere glauben, dass Jesus eine bestimmte schmale Gasse in Jerusalem, die in ein sehr kleines Tor mündet, meinte, durch die man niemals ein beladenes Kamel treiben konnte, gleichviel meinte er etwas Absurdes. Er wollte sagen, dass Reiche nicht in dem Himmel kommen. Das ist keine Tatsache, sondern eine Interpretation, weil wir nämlich nicht wissen, was Jesus meinte. Es gibt tausend Bände Kommentar zu dem, was er alles gesagt und getan hat. Genau genommen müsste Jesus vorausgesehen haben können, dass die Armut ab-, also die Güte der Reichen zunimmt. Inzwischen gibt es Reiche, die durchaus in den Himmel gehörten, wenn wir ein Mitspracherecht hätten. Genausogut hätte Jesus aber meinen können, dass tausende Kamele pro Sekunde durch Mikronadelöhre passen: digital.

 

Es ist nicht wichtig wo, sondern wer man ist. Heute war ich Freiherr von Eichendorff  [WANDERN & DICHTEN] im Schloss der Grafen von Schwerin in Zinzow. 

Das ironische Wort ‚Provinzführer‘ bezieht sich einerseits auf Fidel Castro, denn Kuba ist nicht viel größer als Hohen Neuendorf, andererseits aber auf Jesus als er noch lebte. Aus Jesus ist dann Gottes Sohn, nach Meinung der Christen, ein Prophet, nach Meinung der Muslime, ein Überphilosoph, nach Meinung der Agnostiker, geworden. Das spricht für ihn. 

PERFIDER MORD

Nr. 182

Immer wieder wird der eine Mord gegen den anderen ausgespielt. Der halbe Ostblock hat Anfang der neunziger Jahre gehofft, dass die Verbrechen diesseits des Eisernen Vorhangs gerechtfertigter seien als die Verbrechen der Hitlerdiktatur. Immer wenn es einen Toten an der Mauer gab, wurde auf die Toten der anderen Seite verwiesen. Die andere Seite gab die Opfer zu, aber argumentierte, dass diese Opfer im Namen der zu erhaltenden Freiheit unvermeidlich seien. Die Toten wurden nicht nur aufgerechnet, sondern auch unterschiedlich gerechtfertigt und gewertet. Der eine Tote war mehr wert als der andere, also war der eine Mord weniger Verbrechen als der andere. Alle Seiten hatten schon immer ihre Märtyrer.

Alles ist Interpretation, und keine Interpretation ist richtig oder wahr. Wahrheit wäre die völlige Übereinstimmung zwischen dem Fakt und seiner Beschreibung. Richtig wäre die perfekte Voraussage eines künftigen Weges. Selbstverständlich kann man Probleme lösen, aber wir werden nie ein Problem so lösen, dass nicht andere entstehen. Dafür wollen wir zwei Beispiele ansehen. Wenn ich bestimmte Pflanzen anbaue, also auf einem abgegrenzten Raum eine Monokultur errichte, werden dem Boden überproportional Stoffe entzogen. Albrecht Daniel Thaer und Justus von Liebig haben nun vorgeschlagen, diese Stoffe dem Boden durch gezielte Düngung zurückzugeben. Da man diese Düngung nicht genau dosieren kann, entsteht leicht ein Überdüngung. Phosphate oder gar Antibiotika – beispielsweise – gelangen in den Boden und damit in den Ernährungskreislauf. Genau das gleiche passiert, wenn wir eine Krankheit oder einen Virus bekämpfen. Daraus folgt, dass es weder Wahrheit noch Richtigkeit geben kann, sondern nur Unwahrheit, die vielleicht im besten Falle nicht beabsichtigt ist, oder Unrichtigkeit. Warum leben wir trotzdem? Uns genügt ein Ungefähr. Wenn wir uns ein altes Kloster genauer ansehen, so fallen uns die unregelmäßigen Ziegel auf, im antiken Orient gar wurden handgeformte Ziegel sonnengebrannt, und die Häuser stehen immer noch. In einer vollautomatischen W*Ziegelfabrik entnehmen gelangweilte Arbeiter, von denen es nur vier gibt, jeden zehntausendsten Ziegel, der eine Abweichung von unter 0,1% haben darf. Wir werden sehen, ob die mit ihnen gebauten Häuser in tausend Jahren noch stehen. Uns genügt ein Ungefähr.

Gegen die Herrschaft dieses Ungefähr im technischen und technologischen Bereich haben unsere Vorfahren in der Moral einige Gebote errichtet, die zu 1000% gelten. Allerdings müssen wir manchmal abwägen: gilt das Tötungsverbot mehr als die Loyalität?

Es scheint fast so, als hätten wir die Hierarchie erfunden, um diese schwere Frage nicht immer entscheiden zu müssen: Ist jemand weniger wert als wir, so müssen wir ihm gegenüber auch nicht loyal sein und umgekehrt. Ist jemand weniger wert als wir, so können wir ihn auch vom Tötungsverbot ausnehmen. Das ist die allgemeine Erklärung für Krieg. Sie wird noch dadurch verstärkt, dass wir auf der anderen Seite Mitmenschen einen höheren wert als uns selber verleihen. Dann dürfen sie unsere Loyalität einfordern und uns jeden Befehl geben, auch den zum Töten.

An dieser Stelle merken wir, dass das Problem nicht lösbar ist. Wenn man die Demokratie, also die Enthierarchisierung, bis zum letzten Ende durchdenkt, dürfen wir auch keine Tiere und Pflanzen töten. Eine Lösung des Problems käme einer dritten Ernährungsrevolution gleich: alle Nahrung für Menschen müsste synthetisch aus unbelebter Materie gewonnen werden. Allerdings würde dann zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine natürliche Hierarchie entstehen: wir würden den Tieren und Pflanzen etwas zugestehen, auf das wir selbst aus Einsicht verzichten.

Aber sollen wir und dürfen wir bis dahin auf den jetzt für gut erkannten Grad von Denken und Empathie verzichten? Nein, natürlich nicht. Demnach gibt es keinen Grund, einen Menschen zu töten. Wer es trotzdem tut, setzt sich über dieses seit allen Zeiten geltende Gebot hinweg und wird nach den jetzt geltenden, nicht vergeltenden Regeln aus der Gemeinschaft geschlossen, und das ist wörtlich zu verstehen. Demnach darf man sich auch nicht auf das Unrecht eines staatlichen oder religiösen Systems einlassen. Das ist viel verlangt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Unholde von Herodes bis Kim Jong Un zählbar sind, genauso wie ihre Tage. Die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn es anders wäre. Seit der Steinzeit folgen wir in der überwiegenden Mehrheit lichten Leitfiguren. Allerdings kann man nicht bestreiten, dass es dazwischen immer wieder auch schwarze Tage und Jahre gibt.

Oft kann man lesen, dass in der Gegenwart die Christen die meistverfolgte Gruppe sind, viele Muslime fühlen sich verfolgt und stellen ihrerseits Listen getöteter Muslime auf. Wir werden mitschuldig, wenn wir Opfer auch noch nachträglich diskriminieren: der Grund ist gleichgültig, das Töten ist das Verbrechen.

Wer von heute noch ‚Judenvernichtung‘ oder Ermordung aus ‚rassischen Gründen‘ spricht, macht sich nachträglich an den unschuldigen Opfern schuldig. Es gibt keinen Grund, einen Menschen zu töten. Es gibt keine Rasse. Das bösartige Wort Vernichtung im Zusammenhang mit dem Holocaust kommt von dem Gift ‚Zyklon B‘, das nach Meinung seiner Hersteller ein ‚Ungeziefervernichtungsmittel‘ war, auch da schon falsch gebraucht, denn es gibt nur in einer hierarchischen utilitaristischen Relation ‚Ungeziefer‘. Wir haben uns hier schön öfter auf Kafka bezogen, der als erster Neuzeitseher den Versuch einer Empathie in das Wesen eines Käfers gemacht hat, und deshalb steht im ersten Satz seines berühmten Textes das Zeitgeistwort ‚Ungeziefer‘, während es im Fortgang der Geschichte zum unwissenden Kommentar von Ignoranten herabgestuft wird.

Wer heute noch sagt: in Auschwitz wurden Zigeuner ermordet, macht sich mitschuldig, denn er übernimmt – vielleicht nicht absichtsvoll, aber in jedem Fall gedankenlos – einen Teil der absurden Scheinbegründung der Mörder. Das Grundgesetz wurde schon mehr als fünfzig Mal geändert, aber wir schaffen es nicht, das falsche und böse Wort ‚Rasse‘ aus ihm zu entfernen. Fragt man hochbezahlte Oberbürokraten, zum Beispiel promovierte Referenten vom Bundespräsidialamt, so begründen sie auf zwei Seiten, dass sie bei der Sprache der Täter bleiben, damit das Perfide des Mordes auch heutigen Menschen klar wird.

Unabhängig von juristischen Bewertungen, zum Beispiel dem Unterschied zwischen Totschlag und Mord, sind solche Scheinbegründungen und solche Wörter überhaupt weit hinter dem Bewusstseinsstand der überwiegenden Mehrheit der heutigen europäischen Bevölkerung zurückgeblieben. Die weitaus meisten heutigen Menschen in Europa morden nicht nur nicht, sondern wissen, dass es keinen Grund gibt und geben kann, einen Menschen zu töten. Die meisten heutigen Menschen in Europa wissen, dass die Unterschiede innerhalb einer Gruppe von Menschen immer größer sind, als die Unterschiede zwischen den Gruppen.

PORTRÄT EINES FLÜCHTLINGS

 

Nr. 181

für A.M.

I

Er mag es nicht, wenn er etwas nicht kann oder weiß. Sein Ausgleich dafür ist, wenn er übersetzen  oder den anderen helfen soll. Er heißt Abraham, aber er ist kein Urvater, sondern ein Ursohn. Er ist aus der Ursuppe des 21. Jahrhunderts, ein Resultat uralter Kultur, sein Land war die erste christliche Zivilisation in Schwarzafrika, ein Resultat aber auch des Kolonialismus, des unseligen Separatismus, des AK-47-Bürgerkriegs, der IT und schließlich der Globalisierung, von der wir glauben, dass sie zwar unser Frühstück bereichert, aber uns sonst eher hindert beschaulich vor uns hin zu leben. Nervös tippt er in sein Smartphone alle Wörter ein, die er nicht sofort versteht. Am witzigsten ist seine Screenshotsammlung unverständlicher Gedanken.

Wir wiederholen gerade das Perfekt, Haptom sagt: ich habe eine Sparkasse gekauft. Wir lachen alle. Sie sind erst sechs Monate hier, die meisten von ihnen haben abenteuerliche Verhältnisse verlassen oder eine abenteuerliche lebensbedrohliche Flucht hinter sich oder beides, aber dass wir ständig über irgendetwas lachen können, verbindet uns. Dann braucht Berhane einen Schreibblock. Das geht so: Wie heißen diese? Heißt! Ich brauchen diese. Brauche! Säße im Raum ein Pegidamann oder eine Pegidafrau (wir bleiben dabei, sie gesondert zu erwähnen, obwohl sie es ablehnen), würden sie wahrscheinlich schreien: du hast ihnen den kleinen Finger gegeben, und das war schon ein Finger zuviel, und sie wollen dir die Hand abhacken, das Herz ausreißen. Die Schreibblöcke kaufe ich nur, wenn sie unter 69 Cent kosten. Ich glaube, dass sie die Schreibblöcke und Stifte als selbstverständliche Zugabe zum Lernen nehmen. Und sind sie das nicht? Und sind sie nicht ein Zeichen von Bildungssehnsucht? Im Museum der Kreisstadt, das wir auch schon besucht und wo wir viersprachig einen Marienaltar mit dem schwarzen König Caspar diskutiert haben, liegt auch die verdorrte, mumifizierte Hand eines Verräters der Brandenburger an die Pommern oder umgekehrt. Da musste ich nichts erklären.

Ich schicke Abraham an mein Auto, um Schreibblöcke zu holen, die ich immer bei MacG* kaufe, der bei mir MacRefugee heißt. Abraham ist schon in meinem Auto mitgefahren, an seiner Heckscheibe steht die Adresse meines Blogs, die meinen Vornamen, mit dem sie mich anreden, enthält. Es ist natürlich ein Risiko, ihm den Schlüssel zu geben, denn die Lust ein Auto zu fahren, und sei es nur wenige Kilometer, könnte größer sein als diese ewige Disziplin, dieses ewige Warten auf das Leben, diese ständige Zurückhaltung, dieses lähmende Nichtstun in dem Würfelcontainer hinter der Russenkaserne, die vorher eine Wehrmachtskaserne war. Neben dem Asylbewerberheim steht ein ruinöses Kasernengebäude, das niemandem gehört, der es Flüchtlingen zur Verfügung stellen wollte oder könnte. Die Flüchtlinge wohnen also nicht nur im Ghetto, sondern auch in den Slums. Gegenüber aber ist eine sehr schön restaurierte Schule mit Sportplatz, wo sie auch Fußball spielen, dahinter eine kleine feine Wohnsiedlung mit teuren Appartements.

Nach einer ganzen Weile kommt Frau Schäfer mit Abraham. Er hat etwas linkisch versucht, das Auto von Frau Dahms, auch ein VW, zu öffnen, wurde dabei von den Frauen des Grundbildungskurses beobachtet, so nennt man die Alphabetisierung von Leuten, die es schon können könnten, aber versäumt haben. Aber niemand hat gedacht, dass er ein Auto klauen wollte, durch meine Schlüssel war allen klar, dass er etwas holen sollte. Ich muss ihm ohnehin die Zentralverriegelung erklären, denn wenn man zu lange drückt, geht das vordere Fenster auf. Er steckt die Niederlage nur deswegen so gut weg, weil ich freundlich bleibe und nicht mit ihm schimpfe. Alle Flüchtlinge kommen aus autoritären Systemen. Ein Junge aus Afghanistan ist in den ersten Stunden immer panisch aufgesprungen, wenn er mich gesehen hat. Jetzt springt er auch noch auf, aber nur, um mir die Hand zu geben und zu lachen.

Abraham sitzt in der vorderen Reihe neben seinen besten Freunden und drei Syrern, die fast alle Aufgaben sofort verstehen, die alles über englische Referenzübersetzungen erschließen und unglaublich schnell im Smartphone nachschlagen oder notieren. Das Problem ist, dass in den hinteren Reihen nicht so schnell gedacht wird. Da hinten haben sie ständig Probleme und Termine. Man muss bedenken: manche sind nur drei Jahre zur Schule gegangen, andere zwölf, manche sind ungeheuer zielstrebig, andere leben vor sich hin. Ich kenne einen Tschetschenen, der jeden Tag mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt. Er kann kein Wort Deutsch, aber auch kein Wort Russisch. Was will er wo?

In der Pause wird am Smartboard Musik gehört. Die Musik aus Abrahams Land ist die typische Mischung aus Folk und Pop mit unterlegter afrikanischer Percussion. Es gibt einige berühmte Sänger, berühmter sind aber die Radrennfahrer und die Marathonläufer. Der jüngste Marathonweltmeister kommt aus jenem Land, aber der legendäre Leibschnellläufer des Kaisers von Abessinien, der den Weltmarathon nebenbei gewann, war auch von dort. Abraham ist auch so ein Marathontyp: ein Meter neunzig groß, ungeheuer schlank und drahtig, aber auch sehr nachdenklich, er ist der fitte Leser, den sich vielleicht Friedrich Nietzsche, der kränkliche Denker, vorgestellt hatte, als er seinen widersprüchlichen, zum Missbrauch einladenden Menschentyp erdachte. Am Wochenende fährt auch er mit einem Fahrrad durch die Kreisstadt, die genau so groß ist wie seine Heimatstadt. Diese kleine Stadt, die nur dreißig Kilometer vor dem Nachbarland liegt, aus dessen nationalistischer Umklammerung sich Abrahams Heimat in einem dreißigjährigen Krieg unter unsäglichen Mühen und Opfern löste, war in diesem Krieg, als Abraham ein kleiner Junge war, ganz zerstört. Es gibt bei Wikipedia genau vier Fotos von dieser Stadt, Auf einem Foto bindet gerade ein Mann sein Kamel an eine blecherne Garagentür, die Luft flimmert aus der Hochebene herüber, die immer trocken und immer sehr, sehr heiß ist. Es ist wie ein Szenenfoto aus dem Film HIGH NOON. Es ist etwas überfällig auf diesem Foto.

Die mögliche Zerrissenheit der Welt, die auf der einen Seite Pest, Hunger und Krieg als grausiges triadisches Kontinuum produziert und wieder produziert, auf der anderen aber Fettleibigkeit, Überdruss und Missgunst (jenes tired with all these aus Shakespeares Sonett 66) als nicht weniger grausiges Markenzeichen reicher Länder, hat aber auch eine wunderbare Verbindung: die elektronischen Nerven im Äther dieser Welt melden der einen Seite, was die andere tut und der anderen, was der einen fehlt. Wir wissen voneinander, wir leben nicht mehr, wie noch unserer Großeltern, im wissentlichen Vakuum. Uns kann keiner mehr losschicken: erobere mal eben Stalingrad, denn dort leben die Barbaren und Untermenschen. Niemand kann mehr einen anderen zum Untermenschen erklären, selbst jede Grundschulbildung widerspricht dem vehement. Nur dieses Festhalten am Alten und Falschen aus Trotz, aus Verbohrtheit, aus einem zu spät gekommenen pubertären Widerstand lässt den einen Menschen Angst vor dem anderen haben. Selbst das Verbrechen flieht uns, und wenn es uns trifft, stiehlt es Weckgläser aus den Kellern überalterter Angsthäsinnen. Im Kreisblatt steht dann: dreiste Ganoven raubten Schätze…

Diese nicht geheime ätherische Verbindung, dieses allgegenwärtige Wikipediawissen, man mag es als faktologischen Unsinn schelten, weil ihm manchmal der Zusammenhang fehlt, diese ständige Abrufbarkeit früher nur durch umständliche Expeditionen zu erlangender Kenntnis sollte uns vor Ignoranz und vor allem vor Verbarrikadierung schützen. Wenn wir uns hätten abschotten wollen, dann hätten wir das Fernsehen (das Wort sagt es ja schon) und das mobile Telefon nicht erfinden und verkaufen dürfen. Sie wissen alles über uns, bevor sie hierherkommen. Ich weiß, was in Ndjamena, das ist die Hauptstadt des Tschad, eine Wohnung kostet, die mir von der Größe und von den Heizkosten her gefallen könnte. Sie hat kein Wasser, keinen Strom, kein Internet, aber kostet auch nur zwanzig Euro. Ein Kamel habe ich auch schon im vorigen Kurs geschenkt bekommen. Unsere Welt ist wohl nicht zerrissen, sondern geteilt. Sie strebt, wie alles, nach Vereinigung, nach Entbabelung.

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II

Nach dem Unterricht fahren wir zu dritt in die Nachbarkreisstadt, um für Abraham ein Keyboard zu kaufen. Er muss unbedingt Musik aus seinem Heimatland machen. Früher wurden uns diese Keyboards für wenig Geld hinterhergeworfen, alle Berliner Trödler, die ich fragte, hatten gar keins mehr. Die Zeit der Keyboards scheint zuende. Ich will eigentlich auch, dass er es selber ausprobiert. Ich hatte ihn am Vortag schon gefragt, ob wir nach P. fahren wollen, um es zu kaufen. Nein, sagte er, er sei so müde, habe Kopfschmerzen, tired with all these. Manchmal fehlt nur, dass er ein Shakespeare-Sonett zitiert, so sehr spricht er Englisch wie ein Musterschüler aus den Kolonien. Aber dann sagt er wieder irgendein deutsches Insiderwort. Dann glaube ich, dass er längst Deutsch kann, den Flüchtling nur spielt, so wie wir alle den Sesshaften spielen. Schreiben ist schwerer. In der Nacht schreibt er mir über Lord Zuckerbergs Facebook, dass er mir für das PDF-Wörterbuch dankt, dass er jetzt nicht müde sei und dass er das Keyboard haben will. Aber, wie viel wird es kosten, wie viel? Wie oft haben wir im Deutschkurs geübt: was kostet das, was kostet jenes. Das waren also seine Müdigkeit und sein Kopfschmerz! Den Arzt spiele ich dir gerne, würde es bei Shakespeare heißen, wenn er jetzt auch hier wäre. Auf der zwanzig Kilometer langen Fahrt diskutieren wir eine ganze Welt, die ganze Welt. Die Landwirtschaft, fragt er, wird hier mit Maschinen gemacht? Ist das dort ein Feld? Ich denke: ist das hier ein Reisebus? Warum, will Abraham wissen, helfen sich die Menschen in Deutschland nicht? Bei ihm zuhause wären die Kinder dafür da, den Eltern zu helfen. Da gibt es nichts zu helfen, sage ich, wir haben schon alles, meine Söhne studieren. Aber wenn ich Hilfe brauche, dann kommen sie. Ich gebe ihm mein Telefon und sage: probiere es aus, ruf an! Er hat in der Kreisstadt einen Mann von Fahrrad stürzen sehen, der war ganz blutig. Niemand hat ihm geholfen. Dabei muss man hier doch nur anrufen und schon kommt eine Ambulanz. In Afrika, sagt er, musst du den Kranken zum Arzt tragen. Das ist manchmal sehr weit, aber immer würden sich vier Männer finden, die das täten. Vielleicht war der Mann betrunken und die potenziellen Helfer ekelten sich vor ihm. Nein, sagt Abraham, das hätten sie vorher nicht wissen können. Alkohol kann man erst riechen, er demonstriert es mir lebhaft, als wir gerade einen Traktor überholen, wenn man den Atem spürt. Gut, mein letztes Argument, vielleicht war es ein stadtbekannter Trinker. In einem sehr heißen Sommer habe ich in dieser Kreisstadt schon einmal einen Krankenwagen für einen solchen Menschen geholt und mir die volle Kritik der herumstehenden Gaffer eingehandelt. (Im Kaiserreich hatten sie Angst vor der Verkafferung, jetzt sieht es manchmal aus, als hätten wir uns selbst vergaffert.). Nein, sagt Abraham traurig, man muss immer helfen. Draußen schleichen die Kilometer vorbei, weil wir schon wieder hinter einem Laster sind. Er glaubt, dass es daran liegt, dass die Menschen hier die Bibel nicht lesen.  Er hätte mit Menschen gesprochen, die sagten, dass sie keine Bibel brauchten. Daran läge es, er ist voll überzeugt. Aber Abraham, sage ich, alles, was du hier lesen kannst, alles was gemacht wird, vom Sozialstaat bis zur Feuerwehr, stammt aus der Bibel, so wie es anderorts aus dem Koran oder aus der Weisheit der Ahnen oder der Bäume  stammt. Es ist nicht wichtig, woher das Gute kommt, sondern wohin es geht, nämlich zu unserm Nächsten und zu unserem Feind. Die Menschen helfen sich vielleicht nicht mehr so viel, aber sie brauchen auch weniger Hilfe. Du vergisst, sage ich, dass wir über eine Million Flüchtlinge aufgenommen haben. Eine Million?, fragt er erstaunt. Jetzt kann ich nachsetzen: Wir haben sie aufgenommen, weil wir Matthew seven seven verwirklichen. Er sieht mich fragend an. ASK AND IT SHALL GIVEN YOU. Warum hat das nicht Händel vertont? Warum wird es nicht auf youtube gerappt? Aber würde es gerappt, verkäme es zu schnell zu einer Missionierungsschnulze: gib dem Hungrigen dein Brot, Brot, Brot… SEEK AND YOU SHALL FIND. Was sie alle vergessen, dass seit Hegel jeder Satz auch andersherum gehen muss: FIND AND YOU SHALL SEEK. Zu viele von uns glauben, dass, wenn sie einmal etwas gefunden haben, die Suche für immer beendet sei. Sie schlagen auf ihre Nachbarn ein: das, was ich gefunden habe, muss die Wahrheit, muss das Ende sein. Und das dritte, sage ich und klopfe gegen die Windschutzscheibe, er weiß immer, wann mir ein Wort fehlt…KNOCK…sagt Abraham…genau, sage ich: KNOCK AND IT SHALL BE OPENED TO YOU. Das haben wir gemacht. Das habt ihr gemacht, sagt er, aber warum gehen die Menschen nicht auf die Flüchtlinge zu? Warum redet niemand mit uns? Weil sie Angst haben, weil sie keine andere Sprache können als die ihrer Voreltern und des Konsums. Ja, sagt er, P. ist wie meine Heimatstadt, klein und traurig. Er weiß das Wort FREMDE, Fremdheit, fremd sein. Und ich erinnere mich, wie ich ans Smartboard schrieb: flüchten, Flucht, Flüchtling, Fluch. Fluch? Ach, sagten sie da alle, ach.

 

III

Da sitzt er, mein nachdenklicher Marathonläufer der Entbabelung der Welt, da sitzt er in meinem alten Auto und denkt über die Welt nach. Er kann es nicht leiden, wenn er etwas nicht kennt oder kann, einen USB-Stick, die Verwirrung einer Googleanfrage, die Verbindung oder Entbindung der Bibel mit oder von Europa.

Tatsächlich war einst in einer teuflischen Nacht in dieser Kreisstadt, in der wir jetzt endlich angekommen sind, die Kirche eingestürzt. Der Grund war aber nicht die Gottlosigkeit der Menschen, wie ein Barockdichter, wenn er in jener Nacht dabei gewesen wäre, gedichtet hätte, und die Gottlosigkeit findet ihren Grund nicht in dieser oder jener Diktatur, wie ein geistloser Pfarrer aus der Nachbarschaft nicht müde wird immer wieder zu tönen, der Grund, warum die Kirche in jener Nacht einstürzte, waren 1000 statische Details, die von Stararchitekten ignoriert worden waren; die 1000 Gründe, warum die Menschen scheinbar gottlos werden, liegen im Wohlstand, im Sozialstaat, in der Säkularisierung, in der Wissenschaft, in der Vereinzelung, die ihrerseits Folge des Wohlstands und der Vergreisung ist, die ihrerseits wieder im besseren Lebensstand und in den wenigen Kindern zwei ihrer tausend Gründe hat. Einfach ist es immer nur für die Populisten, die anderen wissen mit Shakespeare, dass da mehr Dinge im Himmel und auf der Erde sind, als sich unsere Schulweisheit ausdenken kann. Gehe einmal mit den Augen eines Fremdlings durch Deutschland und Europa! Selbst der Streit, der gerade Europa zu zerreißen scheint, heißt: SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN? Das klägliche nein ist kaum zu hören unter all dem lauten und fröhlichen JA und halleluJAh von Händel und Mozart und  Rapp und Cohen und Pop.

Die Verkäuferin in dem Secondhandladen muss heute ihre Kinder von der Schule abholen. Das scheint so anstrengend und ungewöhnlich zu sein, dass sie in den nunmehr fünfundzwanzig Jahre veralteten hässlichen Ostton verfällt, der uns damals in den Läden verkündete, was es alles nicht gab. Aber als sie unser Interesse sieht, wird sie schnell freundlicher. Ganz vorsichtig spielt Abraham seine erste Melodie. Auf der Rückfahrt träumt er davon, auf einer Hochzeit zu spielen. Gott hat die Welt mit Babel gestraft, aber schon immer mit Musik versöhnt.

Die Muslime, sagt Abraham, der Ursohn, sind immer im Streit, wie gestern, als uns ein Kurde und ein Araber Syrien erklärten. Ich muss lachen, obwohl es eigentlich zum Heulen ist. Und sie stehlen: Berhanes Handy ist weg. Wir sind sogar zur Polizei gegangen, sagt Abraham traurig. Abraham, sage ich, es gibt doch aber nicht nur zwei Menschen, den guten und den bösen. Es gibt viele Menschen: einer ist böse. Ein anderer ist Christ. Einer ist Mann, ein anderer Frau. Einer ist der Fremde, der andere Freund. Der nächste ist Muslim. Wieder ein anderer ist gut. Und das bist du. Wir lachen alle. Wir sind da. Der Pförtner des Asylbewerberheims ist erstaunt und ein bisschen böse. Wir sind froh über unseren heutigen Beitrag zur Entbabelung der Welt.  Danke, sagen sie beide, so viel mal Danke. Ihr müsst euch nicht bedanken, sage ich. Ihr seid doch das Geschenk.

YHPRUMs LAW

 

Nr. 180

Alle negativen Sichten, darunter auch Murphy’s law, tragen zu unserer Entlastung und Erheiterung bei. In den letzten zwei-, dreihundert Jahren ist nicht nur die Leistungsgesellschaft entstanden, sondern gleichzeitig die Mußegesellschaft verschwunden. Das heißt, dass sich der Rechtfertigungsdruck erhöht hat. Parallel dazu verlief aber auch die Säkularisierung, was wiederum bedeutet, dass jahrtausendalte bewährte Rechtfertigungsgründe von heute auf morgen gestrichen wurden. Und schließlich ist, fünftens, in derselben Zeit die Assekuranzkultur entstanden, die Vorstellung also, dass man auf alles, was vorhanden ist ein Recht hat oder erwerben kann und dass man dieses Recht bei einer Versicherungsgesellschaft hinterlegen kann. Die absurdeste dieser Vorstellungen ist die Lebensversicherung.

Es wird also weder der allgemeine Fortschritt bedacht, dass das Leben heute auch um vieles leichter ist, noch gar Dankbarkeit gefühlt. Dankbarkeit zeigt man vielleicht einmal, weil es Konvention ist. Aber hat man sie auch als wirkliches Gefühl? Täglich wird von Politikern oder anderen Personen gesagt, dass sie sich zum Beispiel  betroffen zeigten oder empört zeigten. Hinter dieser Formulierungsschwäche verbirgt sich unser echtes Problem, dass wir nicht Anteil nehmen, sondern Anteilnahme zeigen, nicht mitleiden, sondern Beileid wünschen, eher eine Betroffenenvertretung gründen als betroffen sind. Mit der Inflation der Menschen und des Geldes kam auch die Inflation der Geschichten und Gefühle. Die Anonymisierung des Bösen versteckte sich hinter der bürokratischen Formel, dass man nur seine Pflicht tue. Das ist auch heute noch so, aber das Böse ist nicht mehr das Böse, weil es ebenso kontrolliert und hinterfragt wird wie das Gute. Das Böse zieht sich sozusagen in die rauen Berge der kalten Diktaturen zurück, von denen es immer weniger gibt. Und wenigstens wird jede einzelne Untat von einem, wenn auch normierten und medialisierten, so doch universellen Aufschrei begleitet. Die meisten Diktatoren werden, wenn man ihrer habhaft werden kann, vor ein internationales Tribunal gestellt. Mit dieser nachvollziehenden Strafe wird nicht Gerechtigkeit hergestellt, weil man keine Toten aufwecken kann, aber der Spielraum für das Böse wird deutlich immer kleiner.

Es entschuldigt uns in gewissem Maße die unfassbare Menge an Menschen und ihre ebenso unbegreifliche Vernetzung. Seit Samuel Morse wissen wir in weit mehr als Windeseile, was in weit entfernten Gegenden der Welt passierte. Soeben ist unser Lieblingswort geworden.  Soeben noch beklagten wir die Vereinzelung des Menschen in der Großstadt, schon kommt eine Million Flüchtlinge mit je einem Smartphone in der Hand zu uns. Ein paar Wochen später spielen die Flüchtling Fußball in der Kreisklasse, trainieren die Kinder auf dem Dorf, haben ein eigenes Theater, machen Musik. Wozu die französischen Flüchtlinge, die vor dreihundert Jahren in die Uckermark kamen, Jahre brauchten, auch weil sie sprachlich, religiös und kulturell isoliert waren, das passiert heute in wenigen Wochen. Selbst wenn die heutigen Flüchtlinge genauso im räumlichen und informationellen Ghetto verbleiben wollten, über Facebook sind sie längst mit ihren neuen Nachbarn verlinkt und verklinkt. Das Smartboard des Deutschkurses der Flüchtlinge ist gleichzeitig ein Fenster in die Welt. Es hat viel von der archaischen Vorstellung der Magie, die jetzt eine Magie des schnellen Lernens ist. Das Smartboard verhält sich zur Kreidewandtafel und zum Fenster wie ein Kompass zu evolutionären Algorithmen. Und dabei muss man bedenken, welche große Schritte der Menschheit der Kompass und die Schiefertafel einst waren.

Weil es der Menschheit so viel besser geht als vor fünfzig oder hundert Jahren, von fünfhundert und tausend ganz zu schweigen, glaubt sie es sich leisten zu können oder zu müssen, einen teils scherzhaften, teils aber auch bitter ernsten Kult des Lächerlichen und Negativen zu zelebrieren. Was früher auf einzelne Figuren projiziert wurde, Till Eulenspiegel etwa, Hoca Nasreddin, die Figur des Kaspar im Puppenspiel, den realen Hofnarren oder den Totengräber im Hamlet, die Narrenkappe überhaupt als reale Metapher. Alles das haben wir modernen Menschen in das Gesetz der Butterstulle (закон бутерброта), auch Murphy’s law getan und damit die Schuld für das Misslingen genauso individualisiert, wie wir den Dank weggekürzt haben.

Wir wären mental gut beraten, wenn wir unseren Blickwinkel einfach auf die fünfzig Prozent jeder Dinge legten, die uns gelingen. Dazu müssten wir zugeben, dass wir eher froh sind und dankbar sein sollten. Uns hindert fatalerweise unsere ebenfalls enorm gewachsene Bildung. Sie sät zurecht in alles Zweifel. Aber diese Zweifel, so angebracht sie bei den wieder schon sprichwörtlichen fünfzig Prozent sind, so unangebracht sind sie, wenn, in der anderen Hälfte, offensichtliche Tatsachen unseren Vorstellung, die ein Alptraum oder eine Wunschbild sein kann, zuwiderlaufen. Das nennt man kognitive Dissonanz, ein Missklang zwischen unserer Wahrnehmung und unserem durch oft beträchtliche Bildung gestützten Weltbild. Diese Differenz wäre mit einem optimistischen Blick nicht mehr interpretierbar. Deshalb bleiben wir so gerne auf unserem Missmut sitzen. Es ist wesentlich leichter in den Chor der Pessimisten einzustimmen als immer wieder seine Stimme zu erheben und auf die Erfolge zu verweisen. Die Last der Erwartung ist allemal größer als die Entlastung durch das Schwarzsehen.

Geblieben ist uns die Lächerlichmachung der Vergangenheit, die auf der anderen Seite verklärt wird. Das Festnetztelefon ist uns nicht Vorläufer unseres geliebten und unentbehrlich gewordenen Smartphones, sondern ein altertümliches Folterinstrument, das nichts konnte, ein besseres Hörrohr. Einem Flüchtling kann man ein Telefon auch kaum erklären, die gesamte dritte Welt hat diese Stufe übersprungen.

Die Medien, die Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Gewerkschaften und schließlich jeder einzelne von uns müssen die Welt immer wieder schlechtmachen, um selbst gut dazustehen. Dass zum Beispiel ein Krieg mit der angeblichen Verteidigung des Guten begründet wird, spricht doch nicht gegen das Gute, sondern gegen den Krieg. Jeder Krieg zerstört und ist durch nichts gerechtfertigt, es ist nur die Frage wo man mit der Kritik ansetzt. Es ist immer besser, die Schuld zuerst und am meisten bei sich zu suchen. Erstens ist dann der Täter schneller gefunden. Zweitens behalte ich mir den Nachbarn als Option offen. Drittens zeigt sich dann, dass der Schaden der Grenzen, der Abgrenzung, der Angst, der Feindschaft immer größer ist als der vermeintliche Nutzen eines Krieges. Liebe deine Feinde, denn hast du keine. Sei Mozart, sieh die Welt heiter, auch wenn du Probleme hast. Das Leben ist zu kurz, um sich zu ärgern. Das steht in allen Schriften, also höre auf zu fragen, was dein Nachbar ist oder isst oder liest.

DIE LEGENDE VON DER UNGLEICHHEIT DER MENSCHEN

In einem fernen Land lebte vor langer Zeit ein Mann, der hatte zwei Söhne. Er zog sie mit viel Liebe groß, denn was ist Erziehung mehr, als Liebe und Vorbild? Aber als sie erwachsen waren, wollten sie trotz aller Liebe hinaus in die Welt, um viel Geld und Ruhm zu verdienen. Doch beim Abschied ermahnte sie der Vater: nach fünfzig Jahren, wenn ein Menschenleben vorbei ist, kommt ihr wieder und berichtet eurer Heimat, was ihr erreicht und gewonnen habt.

Der ältere Sohn war über die großen Berge in den Norden gewandert. Dort war es kalt und dunkel. Aber es gab viel Wasser. Jedes Haus hatte einen Brunnen, der nie versiegte. Vor dem Dorf war ein kleiner See. Er hatte sich ein festes Haus gebaut. Das brauchte man hier, um über den Winter zu kommen. Hinter dem Haus war das Holz gestapelt, mit dem geheizt wurde. Hinter dem Haus war aber auch ein großer Garten, in dem Äpfel und Birnen, Kohl und Pastinaken in Hülle und Fülle wuchsen. Im Stall standen zwei Kühe, die sehr viel Milch gaben, und zwei Pferde, die jeden Wagen bewegen konnten. Auf den Feldern wuchs das Korn für das täglich Brot. In jedem Dorf gab es eine Mühle und eine Schule. Er heiratete eine Frau, die sein Hab und Gut zusammenhielt und mehrte. Bis auf ihre Sorgenfalten war sie sogar auch schön anzusehen. Die harten Sorgen hatten sie unfruchtbar gemacht. Das war eine Sorge mehr, und die Tränen darüber schmeckten salzig und bitter. Das Leben im Norden ist so schwer, sagten sie oft.

Der jüngere Bruder hatte mehr Glück. Er wanderte in den warmen Süden, wo die Menschen dankbar und fröhlich sind. Ihm genügte eine kleine leichte Hütte, die ihn vor dem Regen schützte. Mittags konnte er zwar nicht arbeiten, denn es war zu heiß. Aber er vergnügte sich in der schattigen Hütte mit seiner jungen, stets lachenden Frau. Das Wasser mussten sie allerdings aus einem kleinen Fluss holen, der drei Meilen vor dem Dorf floss. Im Sommer trocknete er jedoch aus. Dann hatten sie das Wasser aus einem sehr weit entfernten Brunnen zu holen und dafür auch zu zahlen. So kam es, dass ihre Rücklagen von feuchten Wintern in trockenen Sommern schmolzen. Sie hatten nur eine einzige Ziege, deren Milch nur für die kleineren Kinder reichte. Manchmal machten sie einen Käse aus der Milch. Aber wenn sie keinen Käse hatten und auch keine Milch mehr da war, aßen sie ihr Brot trocken und lachten dazu. Besonders ihr kleinster Sohn konnte sehr schön singen und Witze machen. Sie tranken sozusagen ihre eigenen Freudentränen. Täglich dankten sie der Sonne für ihr Erscheinen.

Als nun die fünfzig Jahre vergangen waren, wanderten die beiden Brüder in ihre Heimat zurück. Der jüngere Bruder aus dem Süden musste mit dem Schiff über das Meer fahren. Das kostete sein ganzes Geld. Zum Glück war John Maynard ihr Steuermann (‚In the long run we are all dead.‘), sonst wären sie nicht angekommen. Aber trotz der ganzen Odyssee und der Gefahren und Risiken nahm seine Vorfreude zu. Der ältere Bruder ging über die Berge und durch die Täler. So, dachte er, ist auch mein Leben gewesen, ein ständiges Auf und Ab, ein Haschen nach Schatten und Glück, ein Unglück kam selten allein. Der Vater war tot, aber die Großcousins neugierig. Sie fühlten sich zur Abnahme der Beichte berechtigt und bestanden darauf. Der ältere Bruder sagte: Ich habe viel Gold gewonnen in meinem schweren Leben. Aber ich habe es vergraben, damit es mir nicht gestohlen wird. Es wird heute viel gestohlen und veruntreut. Es herrscht der kalte Neid. Du kannst nicht vorsichtig genug sein. Vorsicht und Sparsamkeit, man kann auch sagen Angst und Geiz, das ist die Maxime meines Lebens und ich wünschte, sie würde zum allgemeinen Gesetz. Seine Frau weinte dazu. Der jüngere Bruder sagte: ich habe kein Gold. Ich habe nichts vergraben. Aber ich habe fünf Söhne und fünf Töchter. Hier sind sie, damit sie uns Freude machen. Seine Frau musste lachen.

IMMER WIDER SCHWEINEFLEISCH

 

 

In einer Londoner Schulmensa wurde vor einigen Monaten  aus praktischen Gründen Schweinefleisch aus dem Angebot genommen. Wenn so etwas passiert, empören sich für gewöhnlich besorgte Nationalisten, die befürchten, dass es zu ein Islamisierung kommen könnte. In diesem Fall hat sich aber auch der Guru der Atheisten zu Wort gemeldet, auch er glaubt die Menschheit vom Bösen erlösen zu müssen und vor allem zu können. Bei ihm besteht das Böse nun darin, dass Eltern mit ihren Kindern in ihren religiösen Traditionen leben, wozu es beispielsweise gehört, auf Schweinefleisch zu verzichten oder Almosen zu spenden. Der Guru schlägt nun vor, dass die Kinder statt auf ihre Eltern auf ihn hören sollten.

Die Salafisten versuchen tatsächlich, Europa ihre Regeln aufzuzwingen. Sie bestraften die Redaktion eines bis dahin unbedeutenden französischen Satireblattes mit einem Massaker, bei dem es mehrere Tote gab. Die Folge war, dass diese Zeitschrift heute eine zehnmal größere Auflage hat. Die Redaktion hat im Moment keine Verwendung für das viele überflüssige Geld.

In Deutschland dagegen fanden sich am Ende des Jahres 2014 in einigen Städten, vor allem aber in Dresden, ein paar tausend Menschen an jedem Montag zusammen, um gegen die schon erwähnte von ihnen befürchtete Islamisierung zu demonstrieren. Außerdem warfen sie den Medien vor zu lügen und der Regierung unfähig zu sein. Der Begriff und die Vorstellung der Islamisierung hat eine lange Geschichte. Als Deutschland noch einige wenige und zudem recht kleine Kolonien hatte, verbot man den dort tätigen Menschen, sexuelle Kontakte mit der indigenen Bevölkerung, weil man eine ‚Verkafferung‘ befürchtete. Im Nationalsozialismus gab es das ebenso böse Wort von der ‚Verjudung‘. Man versuchte, Minderheiten mit substantivierten Verben abzuwehren. Das Ergebnis ist aber, dass die Mehrheit über ihr Verhältnis zu den Minderheiten nachdenkt oder nachfühlt und zu dem Ergebnis kommt, dass sie eigentlich keine Probleme damit hat, ob oder dass ihr Gemüsehändler freitags betet.

Eine Initiative, eine Tat führt also nicht immer zu dem erwünschten Ergebnis, manchmal zum Gegenteil, wofür wahrscheinlich das Wort Untat erfunden wurde.

Als wir noch im Hunger lebten, waren die Schweine oder andernorts die Schafe unsere Hausgenossen. Wir ernährten sie und sie ernährten uns. Damals wurde weder über Effizienz noch über Energiebilanz nachgedacht. Das Denken vollzog sich vielmehr in ebenso engen Bahnen wie der Überlebenskampf. Aber nicht nur der Hunger war allmächtig, sondern auch die heute als falsch angenommene Ansicht, dass der Mensch der Natur überlegen sei, dass er sie sinnlos opfern könne. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat einerseits den Hunger besiegt, andererseits aber ethische Vorstellungen außerkraft gesetzt, die uns im neunzehnten Jahrhundert noch nahe waren. Ich meine nicht das vermeintliche Recht zum Schlachten an sich, sondern das Schlachten in Würde.

Wir müssen jedes Argument ergreifen, das uns aus der Sackgasse der Massentierhaltung herausführt. In Niedersachsen gibt es 100.000.000 Hühner und Puten, aber nur acht Millionen Menschen. In Deutschland werden rund 27 Millionen Schweine und 13 Millionen Rinder gehalten, wir sind der viertgrößte Fleischproduzent der Welt nach den Giganten China, USA und Brasilien, vor Indien und Russland. Trotzdem ist die Landwirtschaft mit nur einem Prozent am Bruttoinlandsprodukt beteiligt. Schweine werden durch ganz Europa gekarrt. Neuerdings sieht das Bundesamt für den Güterverkehr hin und wieder nach, ob sie während der Fahrt genügend Wasser haben. Schweine erhalten Antibiotika, wodurch Menschen, die sie essen, resistent werden. Eine der größten medizinischen Errungenschaften, der Sieg über die Entzündung, wird durch unsere Fressgier zunichte gemacht. Zu Futter zermahlene Schafe führten einst dazu, dass Rinder und Menschen die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bekamen, allgemein bei Menschen verbreiteter Rinderwahn blieb zum Glück aus. Eischaum verbreitete Salmonellen in Altersheimen, da trafen zwei ungesunde Konzentrationen aufeinander. Legebatterien sind aber seit 2012 in Europa verboten, Altersheime dagegen nicht. Die häufigsten Todesursachen in den reichen Ländern sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die, kurz gesagt, dadurch entstehen, dass Menschen, die sich zu wenig bewegen, zu viel essen.

Niemand kann die Ernährung der Menschen oder die Landwirtschaft von heute auf morgen revolutionieren, schon deswegen nicht, weil die Angst vor dem Hunger tief in uns verankert ist und leicht instrumentalisiert werden kann. Es gibt sogar Menschen, die neidisch auf Flüchtlinge sind.

Aber wir können weniger essen und uns mehr bewegen. Wir können auf besonders ungesunde Nahrungsbestandteile verzichten. Wir können auf die Subventionen für die Landwirtschaft verzichten, dann würden sich die Preise und damit auch die Produktionsmethoden langsam ändern. Vorher könnten wir schon die Preise für Brot und Milch anheben, damit weniger verschwendet wird. Wir könnten überlegen, wo wir schrittweise Pastoralismus statt Massentierhaltung einführen können, punktuell gibt es das sogar schon in der EU. Vielleicht geben wir endlich unsere Arroganz auf und lernen von den Massai und den Tuareg, nach denen wir schon einmal vorab und unter Einfügung eines o ein Auto benannt haben. Auch in der Mongolei gibt es Pastoralismus, allerdings gehört sie auch nicht zu den von uns zum Lernen bevorzugten Ländern. Pastoralismus ist eine natürliche Weidewirtschaft und sie führt uns gedanklich zu einem seit Jahrzehnten diskutierten Denkmodell, dem Allmende-Dilemma (1968). Immer noch gehen die meisten von uns von allgemein leicht lösbaren Problemen, von der Unerschöpflichkeit und Beherrschbarkeit der Natur, von der Hierarchie als natürlicher Ordnung und der Allmacht des Menschen aus.

Statt dessen müssen wir den Altruismus durch Erziehung, Ethik und auch Religion stärken. Wir müssen immer wieder zeiCIMG1971gen, dass er auch evolutionär die einzige letztlich erfolgreiche Überlebensstrategie ist. Auch Nachhaltigkeit sollten wir nicht als Modebegriff diskreditieren, sondern als dringende Aufgabe der Menschheit betrachten. Sie geht von der Analyse unserer verschiedenen Energiebilanzen aus.

Wenn wir auf ein neues Problem stoßen, also zum Beispiel das Angebot und die Nachfrage von Schweinefleisch in einer Schulmensa, deren Kunden zum Teil  Muslime sind, sollten wir weder die Muslime kritisieren, was uns ohnehin nicht zusteht, noch den Betreiber der Mensa, was auch marktwirtschaftlich eher Schaden anrichtet, sondern wir sollten uns fragen, was wir daraus lernen können. Man sollte immer Mitmenschen das Leben zu erleichtern suchen. Man sollte aber auch, gleichgültig ob die Energie- und Effizienzbilanz von Schweinefleisch gegenüber Rind und Schaf günstiger oder ungünstiger ist, einfach die Gelegenheit ergreifen, etwas richtiger zu machen als bisher. Toleranz heißt nicht nur den anderen zu dulden – denn in diesem Wort liegt auch die Möglichkeit der Unduldsamkeit -, sondern auch von ihm, wo möglich, zu lernen. Niemals kann es falsch sein, wenigstens zu überprüfen, ob man etwas lernen kann. Was ist eigentlich das Gegenteil von lernen?

HEIMAT

 

Nr. 179

Ich bin in eine Gruppe hineingeboren worden, die weder eine Familie war, noch eine Heimat hatte. Wie gehetzt zog sie von einer brandenburgischen Kleinstadt in die nächste. Als ich fünf Jahre alt war, stand ich auf dem Turmbahnhof der Kleinstadt Doberlug-Kirchhain, deren sorbischen Namen die Nazis in einen deutschen gewandelt hatten, auf dem Weg zu meinen französisch benannten Verwandten. Dort glaubte ich zum ersten Mal, die Welt verstanden zu haben: es kreuzten sich zwei Bahnlinien der Nordsüd- und der Ostwestrichtung. Um die Welt zu verstehen, benötigst du n! Fakten und Synapsen – und schon hast du es. Wem die Zahl zu hoch erscheint, der lege erst einmal immer die doppelte Anzahl Fakten und Synapsen auf die Felder seines Schachbrettes. Damit kannst du jeden Großmufti in dir überwinden.

In diesen Kleinstädten gab es Vertriebene, die bei uns im Osten aber Umsiedler hießen, und bei denen es Mittagessen aus Schlesien, Ostpreußen, Hinterpommern und dem Warthe- und dem Sudetengau gab, ja, sie sagten Sudetengau, obwohl in der Zeitung Bruderland stand. Wie eine Antizipation des in der gegenwärtigen Jugendsprache wieder üblichen und fast inflationären Wortes Bruder, das der Bibel, Schiller und dem gesamtdeutschen Vokabular genauso vertraut war wie der sozialistischen Propaganda, kommt mir heute das merkwürdige Wort Bruderstaat vor. Denn der Staat ist niemandes Bruder. Nur der Bruder kann dem Bruder Bruder sein. Da ich keinen Bruder hatte, musste ich mir welche suchen.

Wir wohnten dann in einer Kleinstadt mit einer Russenkaserne. Die Soldaten waren eingesperrt. Wenn sie flohen, flohen sie nicht immer vor dem Sozialismus und der Mangelwirtschaft ihrer Blechnäpfe, sondern oft auch, was ich damals noch nicht wusste, vor der Dedowtschina genannten grausamen Herrschaft der dienstälteren über die blutjungen, wie Kinder wirkenden Soldaten. Tödlichen Ausgang der Dedowtschina gibt es auch heute noch.

Die Offiziere konnten sich zwar frei bewegen, aber sie waren geächtet und sie verachteten die Deutschen. Meine ersten Worte in einer fremden Sprache habe ich dort im gemeinsamen Spiel mit den Kindern der Offiziere erlernt und auch am Abendbrottisch. Sie waren sehr freundlich, aber die Väter wollte immer wissen, was mein Vater im Krieg gemacht hat. Zum Glück hatte ich keinen Vater, jedenfalls kannte ich keinen. Noch schlimmer ging es meinen Cousins: sie hatten keine Mutter, denn die war in Russland im Gulag. Aber das sagte man hinter vorgehaltener Hand.

Der erste Afrikaner, mit dem ich lange Gespräche führte und der viele Wochenenden bei mir verbrachte, war ein Partisan aus Südrhodesien, der in der DDR geschult wurde. Er zeigte mir an der Havel, wie er am Sambesi den Krokodilen entkommen war. Auf dem zugefrorenen Ruppiner See lief er und rief er: I am Jesus! Sein Pech war, dass er dem falschen Volk angehörte. Die Anhänger des heute dienstältesten und neben Isaias Afewerki und Kim Jong Un absurdesten Diktators der Welt erschossen ihn, als er in seine Heimat zurückkehrte, um sie zu befreien.

Es hat mir sehr geholfen, dass meine ersten wirklich schönen und vertrauten Städte im Ausland zwei deutsche Städte waren: Danzig und Hermannstadt. In Danzig verschwanden damals gerade die Kaschuben, deren Verwandte ich aus Lübbenau kannte, und immer wieder geben sich Menschen zu erkennen, die auf der Gustloff oder auf der Kap Arkona Königsberg, Danzig oder Stettin entkommen konnten. Viele Jahre bereiste ich Siebenbürgen, sah noch die Geschlechtertrennung in den Dorfkirchen und die Äpfel an den Weihnachtsbäumen. Jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen zurück in die Heimat, wie sie sagen, obwohl sie heute noch von der süßen Heimat Siebenbürgen singen,  stürzen auch die Türme ihrer schönen, schönen Kirchenburgen ein.

Was ich also seit dem Turmbahnhof, der Russenkaserne, dem schlesischen Himmelreich und der Lügenbrücke in Sibiu  verstanden zu haben glaubte, war die Bikulturalität, wenn nicht sogar die Multikulturalität, obwohl es das Wort noch gar nicht gab. Ich bleibe im Konjunktiv, weil es einen Indikativ der Zukunft nicht geben kann.

Das Gegenargument wäre der uralte Pejorativ vom vaterlandslosen Gesellen. Ich dagegen glaube, dass es viel schwerer ist, Heimat als einen unverwechselbaren, monokulturellen Ort zu bestimmen, als anzuerkennen, dass wir jedes Fleckchen Erde mit anderen teilen.

Hört man sich Nationalhymnen oder Regionallieder an, so wird in jedem Song das Gleiche beschworen: das Vaterland, die Muttersprache, die Kindheit, die Wälder, Wüsten, Täler, Höhen, die süßer nie klingen als an eben dieser einen einzigen Stelle, von denen es unzählige gibt. Gläubige glauben zudem, dass ihre wahre Heimat im Jenseits ist. Kein Ort ist so schön, dass man nicht einen zweiten kennen würde. Also ist Heimat auch Gewohnheit, Erinnerung, Prägung. Man könnte von einem topical imprinting sprechen: wir sind von dem Ort geprägt, den wir zuerst gesehen haben. Später sagen wir: das ist unsere Heimat. Die meisten Menschen sagen: das war meine Heimat. Immer mehr Menschen sagen: das wird meine Heimat, weil Migration keine Ausnahme ist.

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Man muss noch einen Gesichtspunkt bedenken. Die meisten Menschen früherer Zeiten waren an einen Ort gebunden. Für sie war Heimat immer auch Gefängnis. Ihre weiteste Reise war die Kreisstadt. Urlaub gab es für die allermeisten nicht. Eine wichtige Quelle der Fernerkundung waren der Militärdienst und der Krieg. Er speiste Fremdenangst und Völkerhass, aber auch Neugier und Sprachkenntnis. Trotzdem kennt jeder die Geschichten, wie im ersten Weltkrieg die Waffen schwiegen und stattdessen plötzlich Weihnachtslieder erklangen. Das bekannteste Weihnachtslied seit zweihundert Jahren ist: Silent Night. Wenn man es von Mahalia Jackson gesungen hört, kann man ihre und seine Heimat vergessen.

Von dem großen Weltreisenden Alexander von Humboldt stammen zwei schöne Erkenntnisse: dass es nämlich keine Weltanschauung ohne Weltanschauung geben könne und dass alle Menschen, die er getroffen habe, und das waren solche in allen Weltgegenden, gleich intelligent und emotional gewesen wären. An diesem Beispiel kann man auch lernen, dass eine Gegend, in diesem Falle Berlin, sowohl Heimat des größtmöglichen Kosmopolitismus, heute würden wir eher sagen größter Multikulturalität sein kann, wie auch Herd und Heimat maximaler Menschenverachtung.

Man kann also auf der einen Seite beklagen, dass Menschen an einem zufälligen Örtchen kleben. Man kann genauso beklagen, dass andere Menschen keinen solchen Ort haben. Nie war es aber richtig oder gut, Menschen für den Ort, die Hautfarbe, den Zufall ihrer Geburt zu verurteilen oder sogar zu bekämpfen. Im Falle des Mordes sollte man allerdings neu bedenken: ein Mord ist immer eine infame Tötung aus Berechnung, aus niederen Beweggründen, dazu zählen auch Mordlust und Sexualität, mit Häme und nach Plan. Warum muss man also die falschen und widerwärtigen Motive der Mörder sprachlich konservieren? Es gibt keine ‚rassische‘ oder ‚rassistische‘ Verfolgung. Es gibt keine Heimat. Niemandem gehört ein Land.

TRIVIA:

Alle Menschen waren/sind/werden Brüder/Schwestern. Du sollst deines Bruders Hüter sein. Die Grenze zwischen Nomaden und Sesshaften verläuft in den Menschen, nicht zwischen ihnen. Ich bin, weil wir sind. Ubuntu. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Es gibt nur eine Erde. Geld kann man nicht essen. Man ist als Mensch vergessen, wenn man nichts hinterlässt, was überall gilt. Wetteifert um gute Taten. The more I give the more I have.  Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.  

DAS MERCEDESPUTZGEN

 

[getan ist was du tust nicht was man dir tut]

Nr. 178

 

Von der türkischen Wanderung können wir nur einen Bruchteil sehen: der über Istanbul hinaus bis Westberlin, München, Frankfurt, Wolfsburg reichte. Jene weitaus mehr Ostanatolier, die in Istanbul blieben, wurden Istanbuler, die anderen wurden Berliner, Frankfurter, Hamburger. Der angebliche Mangel an Integration ist eine Wahrnehmungsverzögerung. Solange die indigene Bevölkerung (die um 1960 auch alles andere war als indigen) die sogenannten Gastarbeiter als Gäste sah, konnten diese sich auch als Gäste fühlen. Das änderte sich nicht durch das Eingreifen der Politik, sondern durch die Wirkung des eigenen Verhaltens, die Gastarbeiter bekamen Kinder, die Eingeborenen lernten die Verkaufskultur der neuen Gemüseläden schätzen. Fast gleichzeitig mit diesem komplementären Verhalten der beiden nicht homogenen Gruppen kamen der Behaviorismus aus Amerika und die Verhaltensbiologie aus Wien. Man hätte wissen können, was man jetzt weiß, aber man weiß es erst jetzt: die Menschen sind so, wie sie sich verhalten, nicht wie sie sich verhalten möchten oder verhalten sollten. Das heißt nicht, dass es keine Ideale oder Imperative gäbe, sondern dass das Verhalten der ersten Gruppe nicht weniger normativ für die zweite Gruppe ist als das Verhalten der zweiten für die erste. Hinzu kommt, dass es selten nur zwei aufeinander treffende Gruppen gibt. In den fünfziger und sechziger Jahren wirkten sich das Hollywood- und Rock’n’Rollverhalten, verstärkt durch die tatsächlich anwesenden Amerikaner, und das der französischen und italienischen Nachbarn ebenfalls prägend aus. Überhaupt gab es im Westen Deutschlands den vorsichtigen Beginn der Globalisierung, kommentiert und gebremst durch Nazirichter und einige rechtskonservative Politiker. Auf der anderen Seite standen aber Willy Brandt, Heinrich Böll und Günter Grass. So hat eine ganze Generation Salingers Fänger im Roggen in der Übersetzung von Böll gelesen. Vergleichbare Leitbilder gab es im Osten nicht, auch der kulturelle Austausch blieb hier marginal. Immerhin können die meisten älteren Ostbürger wenigstens eine andere Schrift deuten.

Die Frage also, ob das Essener Busexperiment, wenn es in fünfzig Jahren unter umgekehrten Vorzeichen wiederholt wird, im Ergebnis gleich bleibt, kann man positiv beantworten, wenn auch ohne jede Garantie. Allerdings muss man die Naivität der Frage durch ein großes ALLERDINGS bremsen. Fünfzig Jahre gelten seit Goethe und Kondratieff als eben jene Mittelfrist, in der sich Basisinnovationen und Verhaltensweisen so grundlegend ändern, dass die Welt ausgetauscht erscheint. Wir hatten deshalb den Honeckersatz vom Januar 1989 als unfreiwillige Karikatur dieses Austauschs ansehen können. Allerdings muss man sagen, dass die Berliner Mauer eher eine Metapher oder Marginalie als ein tatsächliches gravierendes Ereignis war. Man muss sie nur in Beziehung setzen zu den wirklich großen Innovationen dieser Zeit: der Atombombe als letztem Waffensystem, dem Computer als Modellierung und Mobilisierung der Welt und Automobil und Flugzeug als größtem Mobilitätsschub der bisherigen Geschichte.

Wenn man in den siebziger,  achtziger und neunziger Jahren durch bestimmte Straßen von Offenbach, Rüsselsheim oder Kreuzberg ging, sah man das deutscheste Verhalten: tausende von Männern putzten ihr Statussymbol – auch das Wort kam damals auf – und ihre Mobilitätsmetapher – denn in Wirklichkeit gingen sie zur Arbeit um die Ecke -, den 123er Mercedes, mit dem sie in die Heimat fuhren, die ihnen durch ihre Kindheit tränenfeucht nah war, durch ihre Kinder aber immer rationalpragmatisch ferner wurde. Das Putzen des Mercedes war also kein nationales oder rationales Verhalten, sondern vom Mercedes, vom Sozialstatus, vom Zeitgeist vorgegeben. Wir werden es noch erleben, dass das Zweite Fahrradzeitalter alle in Europa lebenden Stadtbewohner erreichen wird, egal, wo ihre Großeltern gelebt hatten.

ALLERDINGS widersetzt sich das Leben allen Berechnungen. Das Gegenteil des Lebens ist Kalkül. Einen Tod kann man berechnen, wie Franz von Moor es tat, aber das Leben folgt komplexeren Bedingungen. Deshalb wäre es unsinnig, Gutes zu tun, um Gutes zu erhalten. Do ut des – gib damit dir gegeben wird – ist ein Rechts- oder Vertragsprinzip. Eine Hand wäscht die andere ist ein ironischer Spruch bestenfalls aus dem Alltagsleben. Aber eigentlich beschreibt er Korruption. Schließlich ist das zwar auch aus dem Volksmund kommende, dann aber in die Spieltheorie übergegangene tit for tat bestenfalls eine Strategie, die im Spiel oder im Gefängnis aufgehen kann. Sie erkennt schon das Wesen und das Fundament des menschlichen Handelns: die Kooperation, die sich evolutionär aus dem Pflegeverhalten ergeben hat. Wir können nicht ohne Pflege überleben. Es ist immer wieder schwer zu erkennen, dass damit nicht vor allem die Pflege gemeint ist, die uns angetan wurde und wird. Als Kind wissen wir noch, wie beschämend es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein. Wir versuchen, uns aus der mütterlichen oder väterlichen Fürsorge, die zunehmend als Klammerung empfunden wird, zu emanziperen. Aus dem protecting wird allzuschnell und allzuleicht overprotecting. Und das hat einen ganz einfachen Grund: es bereitet Freude und Genugtuung, zu geben und zu helfen, zu beschützen und zu pflegen, zu retten, zu bewahren und wiederzubeleben. Alles Leben ist Renaisssance.

Dem widerspricht nicht wirklich, dass es Situationen gibt, in denen Egoismus sich wie ein schwarzer Schatten vor die Kooperation schiebt, durch Todesangst zum  Beispiel. In der schlimmsten Schiffskatastrophe aller Zeiten überlebten vier Kapitäne und tausend Männer, es starben neuntausend Frauen und Kinder. Aber der zweite dreißigjährige Weltkrieg ist eben kein Modell des Lebens und das Leben ist eben kein Krieg aller gegen alle. Wenn alle Metaphern wörtlich zu nehmen wären, gäbe es keine. Eine Hand wäscht die andere, aber nicht deshalb. Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.

 

Wir dichten da nicht: wir rechnen.

Aber damit wir rechnen können,

hatten wir zuerst gedichtet.

           Friedrich Nietzsche

DIE MAUER WIRD NOCH IN HUNDERT JAHREN STEHEN…

Nr. 177

 

 

Es gibt einen kleinen Film, mag es nun ein Fake oder wirklich ein Experiment der Universität Duisburg-Essen sein, in dem in öffentlichen Verkehrsmitteln erneut die Segregation eingeführt wird, deren Abschaffung einst Martin Luther King und die ungeheuer mutige Rosa Parks im Montgomery Busboykott initiiert hatten. In Essen oder in dem Fake weigert sich nun die Mehrheit der Menschen oder der Schauspieler  in eine solche widersinnige und anachronistische Unordnung einzutreten. Was soll daran schlecht sein? Die Mehrheit der guten Menschen versichert sich von Zeit zu Zeit ihrer Mehrheit. Diese schweigende Mehrheit des Guten ist nur durch Demagogen und auch nur zeitweise zu beeinflussen. Demagogen nannte man früher die Populisten. Der eigentliche Mut des Busboykotts lag bei Rosa Parks, denn sie wusste ziemlich genau, dass ihre harmlose Aktion – nämlich auf dem Platz für Weiße einfach sitzen zu bleiben – für sie tödlich enden konnte. Für die Bewohner von Montgomery und die Besitzer der Busgesellschaft dagegen verwirklichte sich nur, was in der Bibel und in der amerikanischen Verfassung geschrieben steht. Deren Frage war falsch gestellt: woher nehme ich die Garantie, dass, wenn einmal die Schwarzen die Mehrheit haben, ich noch einen Platz im Bus bekomme. Die Frage ist ungefähr so sinnvoll wie die Frage des alten Mannes in Georg Kreislers Lied ‚Der Hund‘, was nämlich macht, wenn ein Krieg kommt und Welt untergeht, mein Hund.

Hamlet ist auch ein Fake und keine Wirklichkeit, wir lernen daraus trotzdem, dass wir uns mit überlanger Prokrastination nur schaden. Aber wir lernen aus Hamlet auch, dass es schwer ist, über seinen Schatten zu springen. Deshalb ist Veränderung ein ungeheuer langsamer Prozess, der hin und wieder von traumatischen Ereignissen durchbrochen wird. Die Ergebnisse von beiden Entwicklungslinien sind nicht voraussehbar, die Zeit ist andererseits irreversibel, unumkehrbar. Davon träumen die Fiktionen, an denen wir uns mehr und mehr erfreuen. Es gab einmal eine Zeit, wo viele Menschen Angst hatten, dass die Märchen durch ihre Grausamkeit den Kindern schaden könnten. Man nahm vielleicht an, dass jedes kleine Mädchen, das nicht schnell genug in seine neuen Schuhe zu schlüpfen imstande wäre, sich die Hacken abhacken würde. Der vielleicht berühmteste Märchenforscher und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim fand heraus, dass Kinder Märchen brauchen und die Grausamkeiten als Fake oder Fiktion erkennen. Kinder wollen immer wieder hören und sehen, dass das Gute siegt, so wie in dem Essener Bus.  Die alten Griechen, von denen wir die ersten großen Erzählungen auf der Bühne haben, unterschieden auch schon in Komödien, in denen man über die Fehler der Protagonisten lachen kann, und Tragödien, wo sie sterben und wir mit geläuterter Seele nach Hause gehen. Die große Erzählung von David und Goliath weiß nichts vom falschen Triumph der Schwachen, sondern von der Erneuerung der Eliten. Bekanntlich wird der siebte Sohn des Hirten, der seinen Brüdern nur das Essen bringen soll, König und Begründer einer Dynastie, und zwar nur weil er die bessere Technologie hat.

Globalisierung beginnt nicht mit Kolumbus, der übrigens weder Amerika entdecken wollte noch sonderlich über die Zukunft der Menschheit nachdachte, sondern der einfach reich und glücklich werden wollte, wie wir alle. Besonderen Wert legte er auf den Titel Vizekönig von Indien. Trotzdem kann man das Ignorieren der Globalisierung mit dem Ignorieren der Kartoffelgestalt der Erde vergleichen und als präkolumbianisches Denken bezeichnen. Genau genommen ist es aber auch gar kein Denken, sondern ein Beharren.

Manche Menschen behaupten, dass sie, wie in der Diktatur, bestimmte Dinge nicht mehr sagen oder eben fragen dürften, sie nennen das dann Meinungsdiktatur, Lügenpresse, Gutmenschenfaschismus. Aber sie fragen jedes Mal das gleiche: ob jemand ihnen die Garantie geben könnte, dass im Essener Busfake, wenn die anderen die Mehrheit haben, sie sich dann für uns genauso einsetzen wie wir jetzt für sie. Dieser merkwürdige Gedankengang unterstellt, dass jemand die Zukunft voraussagen könnte oder dass politische Konstrukte, wie Staat, Sozialversicherung oder LAGESO, eine größere Halbwertzeit als hundert Jahre haben könnten. Letztlich ist die Frage eine Variation des berüchtigten Honecker-Satzes vom 19. Januar 1989, der übrigens auch stark tautologisch und demagogisch war, dass nämlich die Mauer noch fünfzig oder hundert Jahre bestehen bliebe, wenn sich die Bedingungen nicht änderten. Bekanntlich änderten sich die Bedingungen schneller, als Honecker denken konnte.

Von der Globalisierung profitieren wir alle, indem wir unsern Reichtum dem Export verdanken. Dabei spielen Waffen zum Glück zahlenmäßig nur eine untergeordnete Rolle von unter einem Prozent. Hauptsächlich exportieren wir Autos, Maschinen, Chemie- und Pharmaziewaren sowie Elektronik. Von der Globalisierung profitieren wir aber auch ganz persönlich, indem wir ein Handy benutzen, in dem Seltene Erden verwendet werden, das ist die etwas irreführende Kurzbezeichnung für gar nicht einmal so selten auftretende Metalle, die aber schwer zu gewinnen sind.

Globalisierung ist aber auch die Reise in den Hotelkomplex irgendeines Landes, dessen Bewohner viel ärmer sind als wir, die aber auch, indem sie uns bedienen oder Seltene Erden fördern, von der Globaliserung Nutzen haben und nicht etwa nur an den Folgen des Kolonialismus leiden. Wir leiden übrigens auch an den Folgen des Kolonialismus, indem manche Menschen immer noch nicht wissen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind. Damals war Verbrüderung verboten, weil man Verkafferung befürchtete, ein Wort, das in den Köpfen einiger Menschen als archaische Angst herumspukt.

Schließlich aber ist die Globalisierung die Hauptursache dafür, dass die großen und wichtigen Länder der Welt keinen ernsthaften und großen Krieg mehr führen. Zwar gibt es noch Bürgerkriege, in denen auch Interessen der Nachbarländer oder sogar der Großmächte oder Möchtegerngroßmächte kollidieren. Aber alle diese bedauerlichen und überflüssigen Konflikte sind nicht mit dem Dreißigjährigen Krieg des siebzehnten Jahrhunderts (1618-1648) oder gar mit dem dreißigjährigen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts (1914-1945) vergleichbar.

Obwohl Nietzsche sich selbst eher als scharfsinniger Beobachter gesehen haben wird, weniger als Konstrukteur einer neuen Gesellschaft, hat er zur Konstruktion der Zukunft, also unserer Gegenwart, doch einige Bauteile geliefert: die Umwertung aller Werte und Abschaffung restriktiver Moral etwa und eben die notwendige Beseitigung der Grenzen.

 

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keinen Nachbarn mehr.

FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachlass 1883, KSA Band 10, S. 137

Angst und Verachtung sind die eigentliche Katastrophe. Die Lösung aller Katastrophen aber ist Zuversicht.