PARADOX

Nr. 214

Jemand, der nicht einsieht, dass Schwesterlichkeit Brüderlichkeit zur Voraussetzung hatte, weil die Welt war, wie sie war, ist wie einer, der seine Eltern vor seiner Geburt umgebracht hat und sich dann wundert, dass er nicht da ist. Man kann die Vorgeschichte, die gesamte Geschichte ignorieren, aber nicht ungeschehen machen. Henry Ford meinte, als er Geschichte zu Quatsch erklärte, sicher das Auswendiglernen von Geschichtsdaten einerseits, andererseits das konservative Festhalten an ungeprüften oder nur scheinbar bewährten Überlieferungen. Zum Beispiel war man früher der Ansicht, dass das Verprügeln eines Menschen durch berechtigte Personen, wie zum Beispiel Väter, Lehrer, Polizisten, noch niemandem geschadet hätte. Dass die verprügelten Menschen willig in den Krieg zogen, umso williger, je mehr Mühe man sich gab, sie zu erniedrigen und zu motivieren, wird völlig ausgeblendet. So wie das Verprügeln für legitim gehalten wurde, sah man auch das Töten im Krieg. Überhaupt neigen wir dazu, einfache Zusammenhänge, zum Beispiel Kausalzusammenhänge, zugunsten komplizierter Zusammenhangsverästelungen zu bevorzugen. Wir vernachlässigen, was uns zu kompliziert erscheint. Die heutigen Medien, die der Gipfel demokratischer Meinungsbildung zu sein schienen, sind gerade die Meisterstücke des Ausblendens allgemeiner Zusammenhänge. Man könnte dies den Google-Filter nennen: gib dich selbst bei Google ein, und du hältst dich für bedeutend, weil du glaubst, dass die ganze Welt dich so sieht, wie du dich in deinem Google-Spiegel. Das elektronische Echo verfolgt dich nicht nur, sondern es überhöht dich. Du plapperst nach, was andere dir jeden Tag einflüstern, und glaubst, dass du eine dezidierte Meinung zu allen, aber auch allen Lebensfragen der Gesellschaft und der Geschichte  hast. Das wurde durch fünfzig Jahre Talkshows eingeübt. Aber die heutigen Stichwortgeber und Einflüsterer sind nicht mehr Politiker, über deren Kompetenz schon beinahe wieder Einvernehmen herrscht, sondern bist du selbst mit der riesigen Gruppe der Menschen, die die Welt auch so sehen wie du. Die Eliten, von denen die Eisenbahn, das Automobil, das Internet abstammt, werden in Bausch und Bogen übel beleumdet. Aber als Unglück wird nicht die eigene Schwäche, das eigene Defizit, vielleicht auch die zufällige Verknüpfung widriger Umstände angesehen, sondern die Eliten, die Demokratie als die herrschende Regierungsform, der Fremde, der mit bittendem Blick am Gartenzaun steht.

Obwohl bei jedem der ebenfalls allgegenwärtigen Medikamente ein Zettel liegt, auf dem steht, dass beispielsweise der Kopfschmerz zwar schwindet, aber dafür auf Dauer die Niere geschädigt wird, das Herz gewinnt, aber der Magen verliert, obwohl also jeder von uns schon einmal solch einen Zettel wenigstens teilweise gelesen hat, negieren viel Menschen, dass jede Handlung, jeder Fakt auch tausend Gegenhandlungen und Echos hat. Wir blenden aus, was uns irritiert. Und dann irritiert, was wir zuvor ausgeblendet haben, wenn es nämlich ein anderer Mensch sagt, der nicht zu unserem Kreis gehört. Die Gruppe, der Freundeskreis, die soziale Schicht ersetzt, was früher Rasse, Klasse, Nation, Religion war. Die Globalisierung und Demokratisierung schieben sich nur langsam über die Menschheit, obwohl ständig von der zunehmenden Geschwindigkeit die Rede ist. Schneller sind immer die anderen. Obwohl bei jedem der letzten Kleinkriege, dem Eingreifen des Westens etwa in Bürgerkriege, umständlich betont würde, dass und wieviel und warum Zivilisten Opfer kriegerischer Handlungen sein könnten, und wodurch das gerechtfertigt wäre, nämlich durch den endlichen Sieg der Demokratie und der Globalisierung, glauben immer noch viele Menschen, dass eine Tat eine Tat ist und nicht tausend Gründe und tausend Nebenwirkungen hat.

Unsere Gesellschaft hat viele Jahrhunderte dafür gebraucht, herauszubekommen, dass Strafe weder wirklich abschreckt noch als Rache legitimiert werden kann. Schon im Alten Testament und parallel dazu in den Gesetzen des babylonischen Königs Hammurapi steht das Talionprinzip, das sich gegen Rache und Willkür richtete, und anscheinend wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert entdeckt, dass die Menschheit blind würde, wenn sie das konsequent und buchstabengetreu anwendete. In den Jahrzehnten der Stabilisierung der Demokratie gab es immer wieder Rückfälle in das alte Strafdenken und eine Minderheit hat sich immer wieder auf eine Gruppe von Menschen konzentriert, die aus der allgemeinen Vergebung fallen sollten. In Amerika, aber auch während des Kalten Krieges in Europa waren das zum Beispiel die Spione, dann die Mörder. Seit es immer weniger Mörder gibt, jedenfalls in Japan und Europa, sind es nun die Sexualstraftäter, besonders wenn es Fremde sind. Wie schon die Morde, werden die meisten Sexualstraftaten in der Familie begangen. Ein solcher Täter plant seine Tat wahrscheinlich weniger als der Kaufhausräuber, von denen es scheinbar auch immer weniger gibt. Wahrscheinlich wird die Abschreckung nicht viel helfen. Es hilft viel mehr Prävention, die Voraussicht, dass ein Kind in irgendeiner Weise gestört ist, könnte verhindern, dass es später, wenn es erwachsen ist zum Straftäter wird. Andererseits, das haben wir hier schon oft geschrieben, wird unser Sicherheitsdenken immer perfekter, so wie unsere Sicherheit und unser Wohlstand wachsen. Unser Fokus richtet sich auf die verbleibenden Taten. So wie wir den Terror nur zur Kenntnis nehmen, wenn er vor unserer Haustür stattfindet, und dahin projizieren wir ihn auch, so erscheint uns die Berichterstattung der Sensationen so, als ob unser grauer Alltag umstellt mit Sensationen wäre. Statt dessen wird über den Fehler eines Politikers genauso langte berichtet und diskutiert wie über die brüchige Ehe eines Schauspielers wie über die Beziehungstat in einem Einfamilienhaus in Tübingen, weil es keine wirklichen Sensationen gibt. Wir empfinden es nicht als Sensation, dass es seit dem letzten Krieg keinen wirklichen Krieg mehr gegeben hat. Statt dessen schauen wir gebannt auf die allerdings wirklichen schrecklichen Taten einiger Terrorgruppen. Weil fast alle Krankheiten von der Erde verschwunden sind, wird jeder einzelne Virus, man möchte beinahe sagen, als Sensation begrüßt. Und schließlich hungern zum Glück, zum Glück, immer weniger Menschen.

Und deshalb sind diese eigenartigen Meinungen von Minderheiten, dass wir wieder mehr Strafen, dass wir gar die Todesstrafe brauchen, dass Politiker zurücktreten müssen oder verhaftet werden sollten, dass die Polizei in jeder einzelnen Familie Untaten verhindern kann, dass das Böse wie die Vogelgrippe eingeschleppt wird, dass Kleidungsstücke verboten werden müssen, diese Meinungen sind zum Scheitern verurteilt. Das letzte Kleidungsstück, das in Deutschland verboten war, war die ‚Nietenhose‘, so wurden die Jeans von den Funktionären der DDR genannt. Und wo sind sie jetzt?

Nicht nur Demokratie und Globalisierung werden triumphieren, sondern auch die Innerlichkeit, die Vergebung und die Liebe.

DIE WELT, DIE ICH MIR WÜNSCHTE

Nr. 213

Als ich ein kleiner Junge war, gab es wenige Autos und wenige Autofahrer, und sie hatten noch den Grundsatz gelernt, dass Motorkraft vor Muskelkraft geht. Autos hatten Vorfahrt. Die Muskelkraft wurde auch dem Geist vorgezogen, und so wurden wir Kinder, je nach der Kraft unserer Erziehungsberechtigten und weniger Berechtigten mit Ohrfeigen, Kopfnüssen, Ohrendrehen und auch mit der einen oder anderen ‚Tracht Prügel‘ zur vermeintlichen Ordnung gerufen. Aber was war das für eine Ordnung? Die Erwachsenen hatten gerade den zweiten Krieg ihres Lebens verloren, aber sie konnten und wollten nicht einsehen, dass damit auch alle ihre wirklich falschen Ordnungs- und Gedankengebäude zusammengebrochen waren. Ruinen waren nicht nur die Kirchen und Schulen, die Fabriken und Wohnhäuser, sondern auch die Pfarrer und Lehrer, Fabrikdirektoren und Hausbesitzer. Einmal waren sie Ruinen im wörtlichen Sinne: ihnen fehlten Arme, Beine, Augen… Vielleicht kommt daher das Wort Elternteil. Zum anderen aber verstanden sie die Welt nicht mehr und brüllten daher ihre Gedankenfragmente in die Ruinen, in denen wir, die Kinder jener Zeit, geduckt saßen. In die beiden deutschen Länder hinein, die allerdings am Anfang noch viele Klammern, wie etwa Verwandte und Radiosender, hatten, wurde die Vision des jeweiligen Siegers verbreitet. Dass der Kommunismus nur aus mehr oder weniger epigonalen Textbausteinen bestand, so wie vor ihm der Nationalsozialismus auch, war schon deshalb nicht gleich erkennbar, weil über den Kommunismus eine Folie des Antifaschismus gelegt wurde. Die Volksweisheit, dass man die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt, galt in beiden Deutschländern. Auch im Westen ist die Demokratie erst angenommen worden, als wir schon mitten im Generationskonflikt feststeckten.

Als ich ein kleiner Junge war, träumte ich von einem Fahrrad und von fernen Ländern. Mit dem Fahrrad fuhren die sich langsam wieder einordnenden Väter zur Arbeit. Es hatte keinen sportlichen Aspekt, sondern diese Schwerfälligkeit und Langsamkeit der Väter und Großväter, die für die Arbeit zuständig waren und nicht für das Vergnügen. Trotzdem lernte ich früh Fahrradfahren, ohne Hoffnung auf ein eigenes. Von fernen Ländern zu träumen war leicht. Noch war die grüne Grenze, so wurde sie genannt, offen. Mein Taschengeld dagegen reichte noch nicht einmal für eine Bahnsteigkarte. Ich hatte kleine Stapel von Briefmarken und Geldnoten geerbt, die materiell nichts wert waren, aber meinen Horizont erweiterten. Mit meinem ältesten Freund habe ich Landkarten in den Sand gemalt. Figuren und Wörter in den Sand zu malen, ist nicht nur ein Ausdruck von Abwesenheit, sondern auch von Vision, Traum, Fantasy, die man damals noch mit PH und IE schrieb. Wir haben damals von Ländern geredet, die niemand kannte und die es auch gar nicht mehr gab: Montenegro, Bosnien, Estland und San Marino, das es zwar gab, das faktisch im Schutz seiner Unbekanntheit lag, gegen die aggressive Kirche aber auch ein Heer ausgebildet hatte. Die letzte Todesstrafe wurde in San Marino 1468 vollzogen. Österreich erklärte San Marino den Krieg und Großbritannien warf trotz Neutralität und Grenzkennzeichnung durch riesige weiße Kreuze Bomben ab, und allein daran kann man die Unsinnigkeit und den Nichtsnutz von Aggression, Militär und Macht sehen. Demokratie und Kommunismus waren in San Marino sogar zeitweilig vereint, als kommunistische Kapitänregenten gewählt worden waren. Mit solchen Problemen haben wir uns beschäftigt, als wir kleine Jungen waren.

Als ich ein kleiner Junge war, waren Männer noch Männer und Frauen noch Frauen, rechts war rechts und links war links, Schwarze waren Schwarze und Weiße Weiße, und so weiter, das ganze dichotomische Lexikon herauf und herunter. Aber jeder in meiner brandenburgischen Kleinstadt kannte die Katzenfresserin und den alten Mann in Frauenklamotten. Jeder wusste, dass der Oberkommunist früher Nazi war. Später kannte jeder den berüchtigten Satz von Filbinger: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Der erste Schwarze, den ich gesehen habe, wurde von einer Kindergruppe freundlichst begrüßt: Neger, Neger, Schornsteinfeger sangen sie oder waren es wir, die so sangen? Der erste Schwarze, mit dem ich befreundet war, wurde von den Konkurrenten seiner Leute erschossen, weil er in der falschen Befreiungspartei war. Der Befehlsgeber der Mörder ist der heute absurdeste Führer eines afrikanischen Landes. Heute kommt mir selbst die politisch korrekte Bezeichnung colored nations oder Schwarze inkorrekt vor, weil es keine Unterschiede gibt.

Als ich ein kleiner Junge war, träumten wir von Maschinen, die die Straßen fegen würden, denn die Straßen wurden von Losern gefegt und der Beruf galt als das allerletzte, was man erreichen konnte, wenn man nichts erreicht hatte. Der Müll wurde von Pferdewagen abgeholt, auf denen dreckige schlechtbeleumdete alte Männer saßen, die direkt aus den Geschichten aus der Murkelei von Hans Fallada entstiegen zu sein schienen. Hans Fallada ist der Dichter, der nicht so hieß, wie er hieß, der drogensüchtig und hochbegabt, Mörder ohne Abitur und Kreator ohne Studium gleichzeitig war, und obwohl er in der bürgerlichen Gesellschaft als ‚dauernd untauglich‘ galt, ist er bis heute äußerst erfolgreich. Wir träumten von Maschinen, die die Teller wüschen und die Dinge bauten, die wir verbrauchen würden, wenn wir so reich wären, wie wir heute sind. Wir träumten solange von Maschinen, sie waren auch in unseren Lesebüchern abgebildet und entsprangen der Fantasy von Fantasten gleich uns, bis wir von Maschinen umstellt, in Maschinen eingeschlossen, Gefangene unserer Fantasy waren. Wer sich schon einmal in einem Gebäude befand, nachdem die Alarmanlage eingeschaltet hatte, weiß, wovon hier die Rede ist. Wieder sind es die Romanschreiber und Filmemacher, die Maler und Fantasten, die uns die Alternative einer nie alternativlosen Welt zeigen: Jean Tinguely baute mit seinen absurden Maschinen die absurde Welt nach. Lange Zeit ist die Musik, die aus Geräuschen und Krach besteht, missverstanden worden: auch sie malt, wie Rembrandt, die Welt ab und nach: laut und sinnlos zieht sie ihren Umweg. Was uns früher als reine Dichotomie erschien, zeigt heute sein wahres Gesicht als Unschärfe.

Warum ist denn das Leben falsch? Es ist falsch, weil es nicht richtig sein kann. Es kann nur gut sein, wenn du aus der Maschinenwelt hinaustrittst, wenn du auf das falsche, aufgezwungene, vorgeschriebene, aus Text- und Legobausteinen bestehende Leben der anderen verzichtest, wenn du aufhörst, über den Verzicht der anderen zu lachen. Du musst dich selber nach dem Weg fragen, nicht deine Navigationsmaschine, du musst dich selber bewegen, nicht nur auf das Gaspedal deines Selbstbewegermaschine genannten Semiautomaten drücken, das Selbstbewegende bezog sich auf den Verzicht auf Pferde, die so schön und schnell und treu sind. Die Renaissance des Fahrrads in Amsterdam und Kopenhagen und Münster und Berlin, die Renaissance des Gesprächs, wenn die Geräte abgeschaltet sind, die Renaissance der maschinenlosen Welt jenseits der Schlachthöfe und jenseits der Betonvorstädte ist vielleicht die Alternative, die Zukunft der Menschheit, der Menschheit, nicht der weißen absurden stupiden Automateneuropäer in ihren fliegenden und sausenden kohlenstoffdioxiderzeugenden und energieverbrauchenden Kisten mit Monitoren und Kopfhörern und Telefonen, die alles können außer Espresso und Liebe. Glaubt mir, unser Leben ist ein Sinus, kein Kreuz.

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STORDEUR: Der indische Junge in der TINGUELY-Maschine. Amsterdam 2016

SPIEGELVERWERTUNGSGEMEINSCHAFT

 

Nr. 212

Das Wort TEILEN erlebt nach einem Jahrhundert des SAMMELNS eine Renaissance, wenn nicht eine Hochkonjunktur. Das müsste uns nicht beruhigen oder beunruhigen, weil wir seit langem wissen: Steine sammeln, Steine zerstreuen, und man kann es auf den Feldern tatsächlich beobachten. Ein Traktor mit Arbeitsleiste und einem Arbeiter zieht seine Runden und sammelt die Steine, die die Eiszeit zuvor verstreut hatte. Manche Steine wurden zu Häusern oder Schlössern oder auch Straßen verdichtet, andere liegen in Söllen, jenen Wasserlöchern der Eiszeit, wieder andere bedecken Gräber, und man fragt sich, wie haben unsere Vorfahren vor dreitausend Jahren derart schwere Steine bewegen können. Die Antwort ist seitdem: mit ihrem Geist. Vielleicht schalteten sie auch zwischen ihren Geist und die Aufgabe eine Megamaschine. Das Auf und Ab des Lebens fand schon immer seine Metapher in solchen symbolischen, aber gleichzeitig auch nützlichen Tätigkeiten.

Während im Westen schon immer der Grundsatz galt: eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift, war hinter dem Eisernen Vorhang klar: eine Zeitschrift aus dem Westen ist der verdichtete, ja komprimierte Blick in den Westen, also in die Welt, durch ein zufälliges Fenster. Das zufällige Fenster konnte ein Kofferraum sein, der sich aus ganz anderem Grund geöffnet hatte, aber neben Sandwiches und Klopapier eben auch den Spiegel enthielt. Die Tasche eines Westverwandten konnte es sein, der keine Angst vor der Zollkontrolle gehabt hatte, die natürlich keine Zollkontrolle, sondern eine verlängerte Zensurmaßnahme war. Westeuropäer und Ostrentner teilten sich damals in die absolut ängstlichen, die nichts schmuggelten, und die mutigen, die ein Buch oder eine Zeitschrift nicht als verboten anerkannten. Es ist immer wieder lächerlich zu sehen, wie Diktatoren oder Potentaten sich vor dem Wort und dem Witz fürchten. Sie können nicht ohne Groll regieren. Alles Schlechte wird einem imaginären Feind zugeschrieben und alles Gute dem ebenso imaginären Freund angelastet.

In den osteuropäischen Großstädten gab es deutschsprachige, vor allem jüdische Sprachinseln, aber auch die deutschen Minderheiten, die außer in Rumänien zu Miniminderheiten geschrumpft waren, hatten Kulturräume, in denen der SPIEGEL auslag. Meist waren es alte und zerlesene Exemplare, aber manchmal war auch ein ganz neuer darunter. In Warschau und Bukarest gab es noch jüdische Gemeinden und  Theater, und in deren Lesestuben konnte man sich einfinden. Tee erhielt der Exot aus Ostdeutschland umsonst. Von daher kommt unsere Vorstellung, dass eine Zeitschrift mehr ist als eine Zeitschrift, dass die Komprimiertheit des Wissens, aber auch der Luxus einer eigenen Meinung etwas Bewahrenswertes ist. Im Osten wurde ohnehin vielmehr gesammelt, legendär war unser Plastiktütenwahn, die Ansicht, dass Verpackung selber eine bewahrenswerte Qualität sei. Da wir Brutto nicht verstanden, konzentrierten wir uns auf Netto und Tara. Der Mangel erzeugt immer eine Art ansaugendes Vakuum. Diebstahl wird toleriert, wenn er einen  staatlich gelenkten Mangel ausgleicht. Dass man  damit das Gesamtsystem noch mehr schädigt, war uns nicht bewusst. Aber wenn es uns bewusst war, dann wurden wir für verrückt gehalten. Zum Beispiel fand mein Aufruf ‚Wer sich nicht anstellt, muss nicht anstehen.‘ kein Gehör. Im Westen wurde zur gleichen Zeit die Losung eines ebenfalls kaputten Dichters bevorzugt: ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht.‘ Die gesamtdeutsche Antwort auf beide zerrissenen Teilthesen kann nur lauten: MACHT, WAS EUCH KAPUTT MACHT, GANZ.

Eine kompakte Zeitschrift erzeugt nicht nur kompaktes Wissen, sondern auch Altpapierberge. Diese kann man sammeln wie ein Mensch von damals, diesseits des Eisernen Vorhangs, man kann sie recyceln wie ein Bürger diesseits des nur noch fragmentarisch vorhandenen eisernen Vorhangs, oder aber man kann ein geistig-materielles Recycle-Programm mit einer Teilhabe mehrerer genossenschaftlich verbundener Personen ins Leben rufen. Das haben wir getan.

Durch ein Abonnement statt bisher teils sehr aufwändiger und sogar unsinniger Einzelkäufe wird der Arbeitsplatz des Verteilers gesichert. Das ist keine so leichte Aufgabe. Ich kenne einen Informatikstudenten, der ein paar Monate lang nicht nur die Zeitungen und Zeitschriften in Berlin-Kreuzberg verteilte, sondern die dazugehörigen Datensätze im Kopf hatte und auf den Wegen zwischen den Abonnenten an einer App arbeitete, die das alles verarbeitete. Sodann haben wir den Abonnenten, das bin ich für den Printteil, für den elektronischen Zugang, der rabattgestützt daranhängt, konnte ein Student der Volkswirtschaft an einer Eliteuniversität gewonnen werden. Die Printhefte gehen dann in ein weiteres uckermärkisches Dorf, wo sie zweitgelesen werden. Nach einer gewissen Zeit der Sammlung werden die Hefte dann nach Berlin-Reinickendorf zu einem Studenten der Sozialwissenschaften befördert, der damit seinen Rückstand des Lesens im allgemeinen und der Politik im Besonderen aufholen will. Das macht er seit Jahr und Tag sogar mit freiwilliger Kontrolle.

Warum kann man nun nicht, so fragen die Befürworter von Genossenschaften und Teilgemeinschaften schon mehrere Jahrhunderte lang, auch andere Güter so teilen und einer Gemeinschaft nutzbar machen? Dem steht offensichtlich das künstlich, durch Aufklärung, Wohlstand und Demokratie, vielleicht auch nur durch die industrielle Massenproduktion geschaffene Individuum gegenüber, das Ideale und Teilideale von Besitz und Unabhängigkeit in sich trägt, die nicht zu verwirklichen sind. Es macht gerade den Reiz des Lebens aus, dass einerseits unverwirklichbare Ideale den andererseits nicht zu beseitigenden Widersprüchen, deshalb heißen sie so, gegenüberstehen. Wie Vater und Sohn oder Mutter und Tochter sich gegenüberstehen, obwohl sie zu einem hohen Prozentsatz identisch sind, so sehen sich Ideal und Wirklichkeit unversöhnlich an. Der Sohn wird zum Kompromiss, wenn er Vater wird. Der Wohlstand hat nicht nur zur Hungerfreiheit geführt, sondern auch zur Sammelleidenschaft. Das ist keineswegs neu, steht schon im AltenTestament, aber neu ist seine Inflation. Wir haben zum ersten Mal Gesellschaften, in denen die Menge und sogar Mehrheit der Menschen mehr als satt ist.

Und so könnte eine neue Zeit des Teilens und der Genossenschaften gekommen sein. Es wird immer wieder behauptet, dass der Mensch an sich böse, egoistisch oder gewaltbereit sei. Wäre das so, sage ich seit langem, wären wir seit langem schon nicht mehr. Der Impuls das Kind zu schützen war immer größer als der, das Kind zu verwerfen. Das ist der Grund, warum die Menschheit, seit wir uns selbst reflektieren, wächst. Dieses Wachsen empfindet sogar wieder eine Minderheit als bedrohlich. Angst ist eine Tatsache, aber keine Entschuldigung für das Böse. Das Fremde ist sicher oft mit Angst besetzt, aber es ist auch immer die Quelle des Fortschreitens.

LUTHERs FACEBOOK

 

Nr. 211

In der Fülle der Feiertage, die unseren Alltagstrott erschüttern, Reformationstag, Halloween, Allerheiligen, Allerseelen, spielt merkwürdigerweise das Erdbeben von Lissabon keine Rolle. Ein Jahr lang werden wir über Luther hören, was wir noch nie gehört haben und was wir vielleicht gar nicht hören wollen. Nicht nur der aggressive Antisemitismus und Antiislamismus der Neuzeit gehen auf ihn zurück, auch seine Katastrophen-  und Höllenprojektionen wirken bis in die Gegenwart. Unbestritten ist sein Einfluss auf Bildung, Wohlfahrt und Chancengleichheit. Man kann ihm nicht genugtun. Aber kann man denn dem kleinsten und unbedeutendsten Menschen gerecht werden? Kann man den Nachbarn beurteilen, den Freund, die Ehefrau, den Ehemann, den Kollegen, die Vorgesetzte, die Eltern, die Kinder? Ein frühes Produkt der Neuzeit, an deren Beginn eben auch Luther steht, ist das Individuum und die Erkenntnis, dass es mehr Gründe und Gegengründe als Menschen und Ameisen gibt.

Am Allerheiligentag 1755 wurde Lissabon, das damals die Hauptstadt eines großen Weltreiches, des lusophonen Dreiecks war, von einem Erdbeben der Stärke neun, einem Tsunami und einem flächendeckenden Großbrand heimgesucht. Und es ist vielleicht einer der ersten Punkte der Menschheitsgeschichte, wo wir merkten, dass wir eben nicht heimgesucht wurden, sondern dass wir Teil der Natur sind, die nicht nur schön ist. Jeder kennt den Satz des Außenministers und späteren Kanzlers des portugiesischen Reiches angesichts der Verheerung, immerhin waren fast neunzig Prozent der teils wunderschönen Bausubstanz zerstört und die Hälfte der Einwohner tot, ‚begraben wir die Toten und ernähren wir die Lebenden‘. Das ist nicht nur ein äußerst mutiger Pragmatismus, das ist die Erkenntnis, dass wir Teil eines schönen und schrecklichen Gesamtsystems sind, das wir nur sehr bruchstückhaft verstehen. Der Kanzler musste erst aus seiner Gruppe heraustreten, um dies zu erkennen und um hilfreich zu handeln. Leider ist es oft so, dass die Herausgetretenen eine neue Gruppe der Wahrheitsbesitzer bilden, die wartet, bis das nächste Erdbeben ihre Wahrheit zerstört und ihren Führungsanspruch annulliert.

Dafür gibt es keine Lösung. Immer wieder werden Teile der Menschheit auf einfache Wahrheiten hereinfallen. Aber es gibt immer weniger Kriege. Immer wieder werden Menschen glauben, dass andere an ihrer Armut schuld sind. Aber es gibt immer weniger Hunger. Das Mehr an Bildung, das es erfreulicherweise auch gibt, scheint manchmal in neuen Medien zu ertrinken. Aber so ist es nicht. Die neuen Medien, zu Luthers Zeiten das Flugblatt, heute zum Beispiel Facebook, verstärken nur etwas, das da sein muss. Sie sind Medium, nicht Botschaft. Schwer zu erkennen ist beispielsweise die Gleichzeitigkeit: die neuen Medien trafen gleichzeitig auf Menschen, die endlich in der Demokratie angekommen und ihrer überdrüssig waren. Die von Nietzsche behauptete Verwechslung von Aktiv und Passiv tritt um so deutlicher hervor, je mehr Möglichkeiten das Passiv hat. Es möchte wahrgenommen werden, zunächst als Individuum, als Mensch, dann als Frau, als Kind, als Wähler, als Schwarzer, als Homosexueller. Es geht nicht um die Befreiung zum Konsum, sondern um die Emanzipation zur Bildung, zur Chancengleichheit, zur Elite. Alle Elitetheorien sind gescheitert. Am lächerlichsten war es, eine bestimmte Hautfarbe oder Herkunft a priori zur Elite zu erklären, die Weißen, die Adligen, die Arbeiter. Das ist schwer zu erkennen, wenn man in einer dieser Gruppen feststeckt. Dazu braucht man einen Marques de Pombal oder Luther, darf aber nie vergessen, dass diese, außer dass sie Revolutionäre sind, auch vom Zeitgeist bestimmt sind und bleiben. Luther blieb Antisemit, Pombal ging über Leichen und erlaubte den soeben verbotenen Sklavenhandel nun für die aufstrebende Kolonie Brasilien.

Es machte wenig Sinn, wenn man in den Schulen das Fach Revolutionskunde einführte. Schon sinnvoller lehrbar erscheint aber der Gedanke der Innovation, den wir uns immer noch zu sehr technisch und ökonomisch vorstellen. Wir lernen in der Schule nicht nur die Kulturtechnik des Schreibens, sondern auch, Texte zu verfassen. Hunderte von Jahren wurde die Schrift selbst als Gegenstand des Lehrens und Lernens betrachtet. Texte, selbst die von Lehrern bestehen aber immer noch aus Textbausteinen und Analogien. Durch diese Einschränkung, so wird argumentiert, können auch beschränkte Schüler zu höherer Einsicht gelangen. Es ist eben viel mühseliger, für jeden Schüler, für jeden Menschen nicht nur einen Pfad zu finden, sondern seinen. Das Paradox ist, dass es, je mehr Menschen es gibt, auch desto mehr Wege geben müsste. Aber wir dürfen uns von Paradoxa und Rückschlägen nicht irritieren lassen.

Die Hassbotschaften in den Medien sind ärgerlich, aber auch vergänglich,  aber auch ein Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins. Es wäre doch merkwürdig, wenn Selbstbewusstsein nur in Kombination mit Gutmenschentum auftreten würde. Statt dessen gelingt es immer wieder, beide durch das Schüren von Ängsten zu schwächen. Darin war Luther mit seinem leibhaftigen Teufel leider auch ein Meister.

Warten wir auf den Feiertag, an dem auf einem Lutherdenkmal oder in Pombal ein bedenkenswürdiges Graffito steht.

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ERST BESITZEN UNS DIE ELTERN, DANN SIND WIR VON IHNEN BESESSEN

 

Variationen über ein eigenes Thema

 

Der Spielraum des Menschen ist nicht groß. Hat er viele Geschwister, so wird er zwar in ein meist wunderbar funktionierendes soziales Netz hinein geboren, aber sein Raum, Individualität zu entwickeln, ist naturgemäß klein. In klassischen Wohnungen früherer Zeiten war das meist unbenutzte Wohnzimmer, das fast nur der Repräsentation und Weihnachten oder Bayram diente, stets viel größer als das Kinderzimmer. Die Kinder, dachte man, sind doch noch klein, sie benötigen keinen Raum. Die Hierarchie zwischen Kindern und Eltern war eindeutig und verkehrtherum.

Auch das Gefüge zwischen Eltern und Kindern ist komplexer als es durch den Begriff der Hierarchie abgebildet werden kann. Lange Zeit nahm man an, dass Hierarchie eine natürliche Ordnung sei, wie überhaupt alles, was war, für natürlich, alles andere, was nicht in das Raster passte, für widernatürlich erklärt wurde. Erst im neunzehnten Jahrhundert begann man zu ahnen, dass Hierarchie eine Herrschaftsstruktur, keinesfalls aber eine natürliche Ordnung sei. Lange hielt sich noch der Aberglaube von den Alphatieren. Erst spät entdeckte man die Schwarmintelligenz, das Verhalten als Orientierung. Konrad Lorenz beschrieb bis dahin für ewig gehaltene Muster (‚Mutterinstinkt‘) als Verhalten, dessen Impuls angeboren, dessen Ausführung weitgehend zufällig ist. Seine kleinen Enten folgten dem Fernlenkspielzeugauto. Und bei jedem Schritt der Weltentdeckung riefen die Traditionalisten, dass man die Welt zerstören wolle, und sie meinten ihr Weltbild.

Eltern und Kinder hängen also nicht hierarchisch zusammen, obwohl der erste Eindruck so ist. Das ebenfalls von Konrad Lorenz beschriebene Kindchenschema lässt von vornherein auch fremde Eltern zu, die Extremfälle sind und bleiben Wölfe als Menscheneltern und Menschen als Wolfseltern. Das spannungsvolle Verhältnis zwischen Menschen und Wölfen scheint in die später durch Domestikation erlebte Symbiose hinzuführen. Die Verlängerung des menschlichen Lebens erst zeigte, dass die falsch gedachte Hierarchie sich gänzlich umkehrt. Alte und pflegebedürftige Menschen hat es zwar schon immer gegeben, aber nicht in dieser großen Anzahl. Aber es scheint nicht nur um die symmetrische Aufgabenumkehrung zu gehen.

Ganz ohne Hierarchie, selbst bei revolutionärster Ablehnung sind mehr Väter und Mütter in uns als uns lieb und förderlich sein kann. Die Natur oder Gott, beide jedenfalls weiser als die Traditionalisten und Oberinterpretierer und Dauerbesserwisser, haben Kontinuitäten und Diskontiniutäten eingebaut und zugelassen, die sowohl den Fortbestand als auch die Fortentwicklung, Sesshaftigkeit und Nomadentum, Aussterben und Neugeburt, auch Renaissance oder Reinkarnation genannt, ermöglichen.

Wenn wir uns eine Familie mit sieben Kindern und zwei Eltern vorstellen, dann hat jedes Kind den genetischen Baukasten der Eltern zu Verfügung, aber er hat nicht nur zwei Bestandteile, sondern tausend mal tausend mal tausend. Ein Teil, der kontinuierliche, wird auf biotischem Weg weitergegeben, der diskontinuierliche Teil wird sozusagen ausgesucht. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht identisch, obwohl es oft, auch ihnen, so erscheint.

Die Spannungen und Entspannungen zwischen den Eltern und den Kindern sind auch jeweils differenziert und tragen zur Auswahl oder Ablehnung, Verstärkung oder Abschwächung bei.

Nicht zu unterschätzen sind die gesellschaftlichen Rollen, der Zeitgeist. So ist die Vaterrolle nach fünftausend Jahren Patriarchat inzwischen die fragilste und umstürzendste geworden. Hier drängt sich die Metapher des großen Krieges auf: Der letzte große Krieg war die letzte große Jungmännerermordung, aber auch Kinderermordung, nach dieser kehrte sich das Vaterbild radikal um. Demografisch spielt das übrigens keine große Rolle.

Die großen Erzählungen von Vätern und Söhnen sind, sofern sie von Opfern reden, wie bei Ikarus, Isaak (Ismael) oder Jesus, getreue Abbilder der Vorstellungen der jeweiligen Zeit und nicht umgekehrt. Allerdings steht zwischen uns der Provenienzstreit, also die Frage, woher das Narrativ eigentlich kommt. Eine Ausnahme und damit ein möglicher Neubeginn scheint das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu sein (Lukasevangelium, Kapitel 15). Es ist schon deshalb bemerkenswert, weil es viel mehr verlorene Väter gibt und man lange davon ausgegangen ist, dass dies auch besonders schädlich für die Entwicklung der Kinder ist. Demgegenüber zeigt das Gleichnis vom verlorenen Sohn die Beschädigung des Vaters. Es zeigt die Abhängigkeit des Vaters von seinen Söhnen, es zeigt, dass der Autor nicht von einer Hierarchie ausgegangen ist. Allerdings gibt es für eine so alte Geschichte sehr viele Interpretationen, und keine sollte den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben. Aus der Geschichte geht auch nicht eindeutig hervor, ob der Sohn wegen seiner Armut zurückkehrt oder wegen seiner Sehnsucht. Vielmehr wird die Sehnsucht als Erinnerung dargestellt. Wir sehnen uns immer nach idealen Zuständen, ohne sie je gehabt zu haben oder erreichen zu können. Trotzdem bleibt das Paradies eine Vorstellung, die gleichzeitig in die Vergangenheit wie in die Zukunft verlegt wird.

Das Missverhältnis oder, besser gedacht, das gedachte Missverhältnis zwischen Kontinuität und Diskontinuität ist es , das uns Sorgen macht. Wir leiden genauso darunter, wenn wir unseren Eltern zu ähnlich sind wie unter der vermeintlichen zu großen Entfernung von ihnen. Vielleicht ist es ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Sesshaftigkeit und Wanderung: wenn wir an einem Ort sind (‚Heimat‘, ‚Verbannung‘), wünschen wir uns fort, sind wir in der Fremde (‚Urlaub‘, ‚Flucht‘), wünschen wir uns nachhause. Dazwischen gibt es Kult und Tradition, Drogen und Kunst, Sehnsucht und Sicherheiten. Wirklichkeiten werden behauptet, aber wer sie nicht benennen und analysieren kann, sollte vorsichtig mit ihnen umgehen. Wohl dem, der eine Großmutter hat (zitiere ich meine Großmutter), die noch jede Wirklichkeit in das schönste Märchen umdeuten und umdichten kann und uns damit mehr Richtung gibt, als alle Traditionen und Wegweiser und Wirklichkeiten zusammen. Vielleicht gehen wir ein Leben lang mit den Geschichten unserer Großmütter schwanger.

DIE WELT IST AUS DEN FUGEN

Nr. 210

Die Welt ist nicht aus den Fugen. Auf der einen Seite war sie noch nie ‚in den Fugen‘, auf der anderen Seite sagt diesen berühmten Satz eine Kunstfigur, ein Zauderer mit Atemnot, der sich noch nicht einmal für die Frau entscheiden kann, die ihn liebt. Er schickt also sie in den Wahnsinn und die Welt in das Chaos. Aber da ist die Welt schon. In dem berühmten Theaterstück werden Politiker gezeigt, die damals mit Mord und Totschlag, heute mit Filz und Fake ihre kleine Politik besserwisserisch durchsetzen wollen, nicht weil sie besonders schlecht und böse wären, sondern weil sie Menschen sind wie du und ich. Aber wir, die Konsumenten von Politik, sind andere geworden. Wir sind keine Analphabeten mehr, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Wir sind keine unmündigen Elemente eines zwar funktionierenden, aber doch hierarchisch-autoritären Systems. Das nächste ABER muss gleich folgen: und autoritäre und hierarchische System funktionieren nur soweit und solange ihr Zusammenbruch mit drastischen Strafen vorweggenommen und gleichzeitig verhindert wird. Wer das System bedroht, wird bedroht. Dadurch verrohen die, wie Rousseau meinte, anfangs idealen Sitten. Die Demokratie versucht nun das Gegenteil, sie macht die Menschen nicht nur mündig, sondern auch zu Produzenten der Verhältnisse. Allerdings stößt sie dabei auf fast gleich erbitterte Widerstände wie seinerzeit und seinesorts der Autoritarismus. Gegen ihn richtet sich der Freiheitswille des Individuums, den man an jeder Stubenfliege am Fenster beobachten kann, an jedem Käfer. Gegen die Freiheit der Demokratie richtet sich der Ordnungszwang, dem wir ebenso unterliegen. Wir glauben, und alle Religionen und Philosophien bestärken uns in diesem Glauben seit Jahrtausenden, dass die Welt ursprünglich oder eigentlich geordnet, aber durch den bösen Willen und Unverstand immer wieder ins Chaos abzurutschen gefährdet sei. Das ist der Grund, warum sich jede Ordnung, sei sie nun autoritär oder liberal, für alternativlos erklärt. Das gilt im übrigen auch für Texte. Man könnte keine Politik machen, wenn man an Alternativen glaubte. Wenn man sich alte Bundestagsdebatten anhört, dann kann man das sehr schön illustriert finden: jeder Redner – zum Beispiel Strauß und Wehner – geht zwar auf die Argumente der anderen Seite ein, aber nur, um festzustellen, dass lediglich die eigene Politik das Problem lösen kann und wird.

Es gibt allerdings zwei Auswege, die sich natürlich, wie alles auf der Welt, überschneiden und nicht etwa unversöhnlich gegenüberstehen. Das Wort unversöhnlich scheint einen gemeinsam Sohn doch nur auszuschließen, denn praktisch, das weiß jeder, gibt es, wo Menschen aufeinander treffen, immer auch Söhne und Töchter. Der erste Ausweg ist ein charismatischer Führer. Führer scheuen Diskurs. [Arbeitshypothese: Könnten die Führer die Lösung sein, wenn sie den Diskurs zuließen?] Sie demonstrieren ihre Macht und glauben, dass jedes Problem mit ebendieser Macht zu lösen sei. Aber die Macht ist nur eine taube Nuss, ebenso wie das Talent, wenn es keinen Inhalt, keinen Fleiß, kein Abarbeiten der Einzelfälle gibt. Es hilft selbstverständlich nicht, wenn die Menschen nur in Gruppen eingeteilt werden: Freund und Feind, innen und außen, schwarz und weiß. Das Charisma des Führers erlaubt die einfachen, unglaubwürdigen Lösungen. Aus Erfahrung weiß man eigentlich, dass es nicht geht. Alle autoritären Gesellschaften verweisen deshalb auf die Weisheit des Führers oder der führenden Gruppe, bei aller Rechthaberei oder Besserwisserei, wer bezeichnet sich selbst schon als weise? Darauf setzt die Autorität. Sie glaubt, dass sie nur durch Gegengewalt gestürzt werden kann. Tatsächlich aber haben sich alle Diktaturen durch ihre Inkompetenz selbst gestürzt. Das Hitlerreich hat die eigenen Kirchtürme bombardiert, um nicht zugeben zu müssen, dass es zurecht verlor, das zusammenbrechende Sowjetreich hat, hier bei uns, alles was nicht niet- und nagelfest war mitgenommen, wohlwissend, dass es in die Armut zurücktorpediert würde. Putin bombardiert Syrien, um zu verdecken, dass es im eigenen Land durch eigene Schuld weder Äpfel noch Käse gibt.

Diskurs scheut Führer. [Arbeitshypothese: Könnte der Diskurs die Lösung sein, wenn er Führer zuließe?] Der Diskurs demonstriert eher die Unmöglichkeit, ein Problem zu lösen als die Möglichkeit. Den Kompromiss empfinden viele Menschen als Schmach. Es ist schwer einzusehen, dass man selbst nicht recht hatte oder nichts zur Lösung beitragen konnte. Das Ausdiskutieren jedes Problems dauert manchmal Generationen. Deshalb sehnen sich die Menschen in diskursiven Systemen so oft nach Ordnung, Charisma, vielleicht einfach nur Anhaltspunkten. Eine Demokratie ist also schlecht beraten, immer wieder aufs neue, aus Kostengründen, wegen der Rationalität oder aus anderen Gründen, Ordnungen zu beseitigen. Demokratie ist ohnehin schon schwer zu verstehen, wenn dann auch noch die Kreisverwaltung schließt oder der Name des Heimatortes in eine anonyme Bezeichnung geändert wird, verlieren die Menschen Vertrauen und Orientierung.

Viele vermuten daher als Urheber von Ereignissen einen Masterplan oder sogar eine Weltherrschaft. Der Prinz in unserem Titelzitat beklagt nicht etwa, dass die Welt aus den Fugen, sondern dass ausgerechnet er dazu berufen sei, sie wieder in Ordnung zu bringen. So gesehen sind wir alle Egoisten. Wir glauben, dass wir gemeint sind. Wir können uns nicht für anonym halten, weil wir einen Namen haben. Wir haben einfach vergessen, dass wir, um einen Namen zu haben, uns erst einen Namen machen müssen. Wer aber in der Demokratie seine Namenlosigkeit beklagt, wie will der in der Diktatur glücklich werden? Er kann nur erfolgreich sein durch den Ausschluss anderer, und das verbietet nicht nur die Menschlichkeit, sondern das verbieten auch alle Religionen und Philosophien, allerdings im Kleingedruckten. Der Preis des Sieges ist das, was man nicht hören will. Niemand lässt sich gerne belehren von Menschen, die unter ihm stehen. Wie soll er da verstehen, dass niemand unter ihm steht.

Die Welt ist nicht aus den Fugen. Sie verbessert sich nur langsamer, als wir gehofft haben. Niemand ist allein berufen, die Welt zu verändern. Keiner kann allein die Probleme der Menschheit lösen. Nur der Diskurs selbst ist alternativlos, allerdings sollte er das Charisma zulassen. Charismatiker sollte man weder erschießen oder ans Kreuz nageln, weil man niemanden erschießen oder kreuzigen darf, noch unterdrücken, weil man niemanden unterdrücken sollte, noch nach ihrem Tod diskreditieren, weil man keinem Toten Schlechtes nachreden muss, denn man kann ihn nicht mehr ändern.

Vielmehr müssen wir lernen, den Diskurs und das Charisma auszuhalten. Unsere Medien sind nicht unsere Kompetenz, sondern nur unser Krückstock.

WEHRKRAFTZERSETZUNG

Nr. 209

Hätte es mehr Menschen gegeben, die an der Zersetzung der Wehrkraft gearbeitet hätten oder arbeiten würden, so gäbe es weniger Gewalt, Krieg, Bürgerkrieg, Unterdrückung und Diktatur. Diese Erkenntnis ist so trivial, dass man sich kaum traut, sie aufzuschreiben. Merkwürdigerweise gibt es aber immer noch und immer wieder Menschen, die das Wort im nationalsozialistischen Sinn verwenden, von der AfD bis zur katholischen Kirche in einer sogenannten Morgenandacht [NDR kultur 5.September 2016, 8.50 Uhr].

Sprache verändert sich, Sprache ist selten authentisch. Mit der Zunahme kommunikativer Mittel scheint die Deckungsgleichheit von Sprache und Zeitgeist zuzunehmen. Der Raum für individuelle Sprache ist, obwohl immer mehr Menschen schreiben, reden und chatten, fast nur noch professionellen Schreibern vorbehalten. Aber vielleicht war das schon immer so und wird oder wirkt nur jetzt verstärkt? Auch formal ändert sich die Sprache innerhalb eines Menschenlebens. In den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in der geschriebenen Sprache noch das Dativ-e, ältere Menschen sprachen es auch noch mit, aber vielleicht nur in Zitaten. Heute weiß kein Mensch mehr, was das ist. Und es ist auch nichts anderes, als eine verzichtbare grammatische Tradition, genauso wie der Genitiv, der gerade verschwindet. Und es sind keineswegs Migranten, die solche Sätze sagen oder schreiben: ‚wir gedenken den Opfern‘, ‚aus allen Herren Länder‘. Anglismen werden eingedeutscht oder unverdeutsch übernommen, wie seinerzeit Franzismen oder Latinismen, auch war es einst Mode zu gräzisieren: Melanchton nannte sich da ein Herr Schwarzerdt. Das alles sollte uns nicht beunruhigen.

Wie aber kommt es, dass sich völlig unsinnige Wörter und idiomatische Ausdrücke aus der Nazizeit halten? Nur wenige Menschen glauben inzwischen an ‚Rasse‘ und ‚Rassenunterschiede‘. Qualitative Unterschiede zwischen geografischen Menschengruppen konnte man nur Menschen vermitteln, die nicht nur in ihrem Nationalstaat eingesperrt waren, sondern in ihrer Mehrheit nicht über die Kreisgrenzen hinauskommen konnten. Globalisierung und weltweite Migration stoßen nicht nur an die Staatsgrenzen, sondern auch an die Grenzen der Engstirnígkeit. Man hat Menschen nicht ‚aus rassischen Gründen ermordet‘, sondern man hat Menschen ermordet. Dafür gibt es keine Gründe. Es gibt auch keine Rassen. Wir nehmen einmal einen legalen Fall. Ein Mensch wird nach geltendem Recht zum Tode verurteilt. Der Staatsanwalt, der Richter und sein Henker sind Christen. Wer hat ihnen erlaubt, einem staatlichen Gebot zu folgen, das einem christlichen Verbot zuwiderlief? Natürlich ist es unproduktiv, über die Menschen der Vergangenheit zu urteilen. Es geht auch nicht um die Vergangenheit und die Verurteilung, sondern darum, dass wir uns begrifflich und sprachlich nicht von der Vergangenheit lösen können. Wir sprechen weiter von ‚Rassenwahn‘, ‚Rassismus’, ‚rassischen Gründen‘ und ‚Wehrkraftzersetzung‘, obwohl wir wissen oder wissen könnten, dass mit all diesen Worten tausende und abertausende Menschen umgebracht wurden. Vielleicht sterben diese Worte einfach aus, wenn die Menschen von der Erde gehen, die sie noch benutzen und verstehen? Obwohl wir die Lösung des Problems nicht wissen, erscheint uns der die Vorstellung, dass es eine reine Generationenfrage ist, zu einfach.

Es scheint vielmehr mit diesen Worten wie mit den Waffen zu sein. Wir können sie nicht aus der Hand legen. Wir glauben sie nicht aus der Hand legen zu können, weil dann die Welt zusammenbricht. Es könnte sein, dass an den Worten doch mehr ist, als die jetzige Modernität uns glauben machen will. Es könne sein, dass wir ohne diese Waffen und Worte hilflos dastehen. Sicher gibt es noch mehr Möglichkeiten, die Welt auf den empirischen Kopf zu stellen. Selten wird das Umgekehrte überprüft: Waffen und Worte können nicht nur töten, sondern haben schon millionenfach getötet. Der Mensch, wenn er glaubt, dass sein Gedanke, sein Glaube, sein Führer, sein Wort richtig ist, nimmt die Waffe und tötet seinen Bruder und seine Schwester. Der Brudermord ist eine der ältesten Parabeln. Die Sprachverwirrung als Strafe für Hybris, nationalen Wahn, übrigens auch Bauwahn, ist vergessen. Wenn aber der Google-Übersetzer die Antwort des modernen Menschen auf den Babel-Mythos sein sollte, dann stünde es schlecht um uns. Nein, die Antwort auf Babel sind die unzähligen Erzählungen, die sich weltweit verbreiten und die weltweit verstanden werden. Allerdings spielt die Hälfte von ihnen immer noch mit den Waffen und Worten der Vergangenheit. Dass die Matrix der Erde doch die Liebe sein könnte, lässt sich in den Geschichten der Gegenwart nur erahnen. Da hat sich nicht alles so radikal geändert, wie man es sich wünschen würde. Allerdings wird das schnelle Zusammenwachsen der Menschheit, die Überwindung der Aliteralität, die weitere Zunahme und Erhöhung der Geschwindigkeit der Kommunikation dazu beitragen, dass die aggressiven Züge menschlichen Miteinanders abnehmen. Der gegenwärtige Focus der medialen Berichterstattung verzerrt das Bild der tatsächlichen Verhältnisse. Die berechtigte Empörung über die Verletzung zunehmend akzeptierter pazifistischer Sichtweisen lässt die Verletzung selbst als vergößert und sogar zunehmend erscheinen. Gleiches gilt übrigens auch für den Hunger: während er abnimmt, erhöht sich die Empörung über die verbleibenden Opfer. Dadurch dass wir alles wissen können, können wir uns über so vieles empören. Tun wir das ein paar Jahre lang, so erscheint uns die Welt als wirklich schlecht und immer schlechter. Viele dieser Empörungen fangen so an: ‚in Zeiten wie diesen‘, was nichts weiter als eine nichtssagende Tautologie ist, oder mit dem berüchtigten ‚heutzutage‘, was erstens den Vergleich mit gestern heraufbeschwört, also eine gewisse empirische Weisheit, andererseits aber auch wieder unterstellt, dass alles schlechter wird. Trotz der Allgegenwart und Beinahe-Omnipotenz der Kirche gab es früher, bis zum und vor dem neunzehnten Jahrhundert, Verbrechen gegen das Eigentum, die körperliche Unversehrtheit und das Leben. Der Staat selbst beteiligte sich munter an der Verstümmelung seiner Untertanen und glaubte wohl wirklich an das Bett des Prokrustes. Die Priester sahen grinsend zu und freuten sich an der Durchsetzung einer, wie sie meinten, göttlichen Ordnung von Mord und Totschlag, Krieg und Gewalt.

Die Waffen aus der Hand zu legen scheint, wie man dieser Tage im Sicherheitsrat der UNO sehen kann, schwerer als schwer zu sein. Die Macht hält sie mit blutiger Hand fest. Aber Worte sollten leichter wegzuwerfen sein, wenn sie ihre Untauglichkeit mehr als erwiesen haben. Sie schaden, wenn man sie weiter benutzt, der Verständigung. Sie machen glauben, dass die Welt sich nicht aus dem unseligen Dreigestirn, das bei dem Propheten Jeremia zum erstenmal steht, Hunger, Krieg und Pest, befreien und emporwinden kann. Aber lies weiter:

Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde! Klagelieder Jeremias 339

WER NICHT HÖREN WILL

 

Nr. 208

Die schrecklichste Vergeltungsaktion hat gerade ihren fünfundsiebzigsten Gedenktag, und wir sollten sie nicht vergessen und dafür aber das Prinzip, das bis damals – und in vielen Teilen der Welt auch noch heute – allgemein akzeptiert wurde. Gegen die deutsche Besetzung der ukrainischen Hauptstadt Kiew gab es erheblichen Widerstand, dem einige hundert deutsche Besatzer zum Opfer fielen. Daraufhin beschlossen SS und Wehrmacht, als Vergeltung dafür alle verbliebenen Menschen jüdischer Herkunft zu erschießen. Das geschah dann auch um den Rosh Haschana Feiertag, an dem sich die Menschen sicher fühlten. Die Anordnung, der die Menschen folgten, lautete auch nicht auf Erschießung, sondern auf Umsiedlung. Sie wurden in eine Schlucht getrieben, die damals am Rande der Stadt lag: Babi Jar, Weiberschlucht. In sechsunddreißig Stunden wurden von deutschen betrunkenen SS-Männern, Polizisten und Wehrmachtssoldaten 33.771 Menschen erschossen. Von der Wehrmacht wurden danach die Wände der Schlucht gesprengt. Bis 1943 wurden in dieser Schlucht noch einmal doppelt soviele Menschen wie in den ersten beiden Tagen ermordet. Viel später, am 13. März 1961, kam es zu einer Flutkatastrophe, weil die Stadt Kiew versucht hatte, das Gelände zu nutzen, durch die Schneeschmelze rutschte aber die aufgefüllte Schlucht in ein Wohngebiet, zweitausend Menschen starben. Der Dichter Jewgenij Jewtuschenko, damals eine Ikone der jungen sowjetischen Poesie, beklagte in einem weltberühmt werdenden Gedicht, dass es noch nicht einmal ein Denkmal in Babi Jar gab. Dmitrij Schostakowitsch vertonte das Gedicht zum Unmut der Sowjetbehörden, die gerade begannen, den Stalinterror aufzuarbeiten, in seiner XIII. Sinfonie. In John Littells Roman DIE WOHLGESINNTEN wird das Massaker aus der Sicht der SS dargestellt. Jeder, der bis dahin an die Rechtmäßigkeit von Strafe und Vergeltung geglaubt hat, müsste eigentlich jetzt wissen, dass dieser Gedanke oder besser diese Gedankenlosigkeit auf einem doppelten Irrtum beruht.

NUR DIE HÖRTEN, MUSSTEN FÜHLEN:

Кто из жидов не выполнит этого распоряжения и будет найден в

другом месте, будет расстрелян.

 Babi Jar, 29. September 1941*

 

 

Überall, wo Menschen aufeinander treffen, versuchen sie, sich mit Überzeugung, Empathie und Liebe auf den im Moment als richtig erkannten Weg zu bringen. Dass es aber gerade in der generationsübergreifenden Erfahrungsweitergabe immer wieder zu Problemen kommt, zeigt sich in den jahrtausendalten Forderungen nach Strafe oder in der ebensoalten Resignation der jeweils anderen Seite. Allerdings stehen dem Menschen, wie allen Lebewesen, immer mindestens zwei völlig entgegengesetzte Strategien zur Verfügung: Anpassung und Widerstand. Oftmals erreichen beide so ziemlich dasselbe. Der gleiche Widerspruch scheint der zwischen Sesshaften und Nomaden zu sein. In einem geschlossenen System wird dabei der Sesshaftigkeit nicht nur der Vorzug gegeben, sondern sie wird zum Fortschritt erklärt. Wenn man aber den heutigen Wohlstand der sesshaften Industrienationen als Fortschritt gegenüber den verbliebenen Nomaden, also etwa Massai, Tuareg oder Roma, bezeichnet, dann muss man alle Kriege, alle Zivilisationskrankheiten, die Klima- und die Umweltkatastrophe ausblenden. Erst eine von Hunger, Pest und Krieg bereinigte Geschichtsbetrachtung zeigt den Vorteil des heutigen Zivilisationstyps gegenüber den Nomaden. Damit ist noch nichts über das Glück gesagt. Ein großer Teil der Menschen in den reichen Ländern leidet unter Adipositas, Herzkreislauferkrankungen oder psychischen Problemen. Die hohe Selbstmordquote der Inuit in Grönland ist ausschließlich auf das unglückliche Zusammentreffen der heutigen sesshaften Wohlstandsideologie mit einer traditionellen Lebensweise zurückzuführen.

Nirgendwo ist das Verbrechen wirkungsvoller bekämpft worden als in den Wohlstandsdemokratien durch Strafminderungen, Wiedereingliederungen und vor allem durch die Abschaffung der drastischen Strafen wie Amputationen oder Tod. Allerdings muss man bedenken, dass es in den traditionellen Gesellschaften, aber auch in den Diktaturen kaum Statistiken gab oder gibt. Wir beschäftigen uns erst seit zweihundert Jahren wissenschaftlich mit dem Verbrechen oder Versagen. Auf der anderen Seite gibt es erst eine Gesellschaft in der ganzen Weltgeschichte und Weltgegenwart, die das Glück der Menschen zum Maß aller Dinge gemacht hat. Wir selbst rechnen eher mit Wohlstand und Wachstum, in den von uns abgelehnten Reichen sehen wir Unterdrückung, Erschießung und Straflager, aber das Glück wird bisher nur in dem kleinen Himalayaland Bhutan als ökonomischer und politischer Messwert anerkannt. Der junge König Jigme Singye Wangchuk wurde nach dem sicher unerheblichen Bruttosozialprodukt von Bhutan gefragt und reagierte spontan mit der Ausrufung des Gross National Happiness, des Bruttonationalglücks. Im gleichen Jahr heiratete er vier Schwestern einer mit dem Königshaus traditionell verfeindeten Familie. der Streit wurde durch die glückliche Ehe beendet. Der König trat 2006 mit einundfünfzig Jahren zugunsten seines sechsundzwanzigjährigen Sohnes, des Kronprinzen, zurück.

Alle Religionen und Philosophien betonen die Relativität des Menschen, seine gleichrangige Beziehung zu seinen Mitmenschen. Niemand kann also einen anderen Menschen strafen oder gar töten. Der berühmte Satz von Rousseau, dass zwar alle Menschen frei geboren würden, aber dennoch in Ketten lägen, trifft auch hier zu. Alle Menschen werden nicht nur frei, sondern auch gleich geboren, und trotzdem begründen sich immer wieder Hierarchien und entstehen Theorien zu Hierarchien. Selbst die unsinnige Volksphilosophie ‚Geld regiert die Welt‘ konstruiert eine Ungleichheit. Immer wieder setzt uns die Frühzeitigkeit der besseren Erkenntnis in Staunen: schon Voltaire wusste, was aus Papiergeld stets wird, das nämlich, was es schon immer ist: 0. Der Mensch wird von seiner Mutter geboren, die nur dadurch zur Mutter wird, dass sie den Menschen gebiert. Aber kaum ist er auf der Welt, steht schon ein von Machtfantasien geblendeter Vater mit dem Knüppel bereit, wenn er den neuen Menschen nicht schon vor dem Schlagen auf den Müll geworfen hat, wie bis zum Mittelalter üblich. Deshalb ist die dritte Komponente, die Brüderlichkeit, die wir heute besser Geschwisterlichkeit nennen, neben der Freiheit und der Gleichheit, relevant wie nie zuvor.

Deshalb ist jede moderne Gesellschaft, die die Würde jedes Menschen schützt, so hoch zu achten, trotz mancher traditioneller und neuer Fehler. Diese modernen Gesellschaften, in denen wir leben, lösen sich langsam von einem weiteren, immer überflüssiger werdenden Ordnungsprinzip, dem Nationalstaat. Sein Verschwinden wird genauso bitter empfunden, wie jedes Verschwinden von Irgendetwas. Die Annahme, dass ein Vater uns prügeln kann, wenn wir nicht hören, ist einige tausend Jahre lang für ein Naturgesetz gehalten und selbst vom weisen Salomo kolportiert worden. Die Hypothese, dass Mann und Frau zwei völlig verschiedene, sich auch qualitativ krass unterscheidende Wesen wären, ist zuungunsten der einleuchtenderen und wahrscheinlicheren, aber auch spät (Euler- oder Venndiagramm) entdeckten Theorie der Überschneidungen und Komplemente ebenfalls lange Zeit als unumstößlich angesehen worden. Bis in die Gegenwart reicht die Vorstellung, dass Menschen mit einer anderen Hautfarbe auch eine andere Achillessehne (oder irgendetwas anderes anderes) haben müssten oder wenigstens könnten. So ist es aber nicht. Wir haben alle die gleiche Achillesferse.

 

Foto: Mishanju

  • ‚Wer von den Juden dieser Aufforderung nicht folgt und sich an einem anderen Platz aufhält, wird erschossen.‘

DISTANZ

Nr. 207

Der Wohlstand gebiert Kinderlosigkeit, Massentierhaltung, Monokulturen und Müll. Die Umwelt verarmt in demselben Grad wie der Mensch aufblüht. Die hohe Lebenserwartung erzeugt Demenz, Hilflosigkeit und Alleinsein. Der Nationalstaat, dem heute doch eine beträchtliche Menge nachtrauert, hatte Grenzen, Mauern und Kriege als Begleiterscheinungen. Aber auch diese neuen Probleme können gelöst werden, wenn man beachtet, dass diese Lösungen wieder problematisch sind. Während man früher auf den Staat hoffte, dessen autoritäres Gehabe bis hin zur Todesstrafe man als Gegenleistung hinzunehmen hatte, bringen  Wohlstand und Demokratie aber auch jenen mündigen Bürger hervor, den die Aufklärung als Voraussetzung des demokratischen Zeitalters erträumte. Merkwürdigerweise hat die Bildung, obwohl sie nebst dem Wohlstand  zwingende Voraussetzung der Demokratie ist, selbst noch nicht ihre neue Dimension erreicht, vielleicht, weil sie zu lange in der falschen Vorstellung der Hierarchie des Wissens, des Staates und damit der Bildungsinstitution gefangen ist. Und im Gefängnis lernt es sich schlecht.

Jegliches hat also nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Preis. Je radikaler die Lösung eines Problems ist, desto umfassender sind auch die Kollateralschäden oder Nebenwirkungen. Das Individuum, der Mensch, der sich als Einzelwesen sieht und sehen kann, aber auch sehen darf, ist die Entdeckung des achtzehnten Jahrhunderts, aber erst jetzt kann sich der Einzelne, von einigen Grundbedürfnissen abgesehen, auf sich selbst zurückziehen, und also nicht zufällig ist jahrzehntelang von Selbstverwirklichung die Rede gewesen. Der Anspruch der Selbstverwirklichung ist zum Beispiel die individuelle Voraussetzung der sozialen Durchlässigkeit. Die Ideale können sich anders verteilen. Andererseits führt aber die Konzentration auf die Selbstverwirklichung zu einer Isolation, die die Verwirklichung anderer Individuen in unserem Umkreis verhindert, zum Beispiel der Kinder. Der sich selbst verwirklichende Mensch hat vorsichtshalber weniger bis keine Kinder, um gar nicht erst in den Konflikt zwischen den verschiedenen Verwirklichungsmöglichkeiten zu geraten. Am Rande ist zu erwähnen, dass dann oftmals das eine Kind mit Verwirklichungsmöglichkeiten überhäuft wird, die es wieder entindividualisieren, diesmal durch seine Helicoptereltern im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, diesmal durch einen Berg von Zuwendung, Supervision und Luxus.

Von Ludwig Feuerbach stammte der Begriff der Entfremdung, bei ihm die Entfremdung des Produzenten von seinem Produkt. Heute entfremdet sich der Mensch von sich selbst, er betrachtet sich im Spiegel seiner medialen Äußerungen. Das Foto von sich selbst, liebevoll selfie genannt, das Foto der Mahlzeit, das Hochzeitsfoto, fast sympathisch die Kinderfotos. Aber die Kinderfotos werden auch am meisten kritisiert, seien sie doch ein Angriff auf die kommende Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Sollte das heutige Kind einst Weltstar sein, dann könnte ihm die Eitelkeit seiner Eltern im Wege stehen. Auf der anderen Seite aber stürzen sich ohnehin mehrere hundert Journalisten auf den Lebenslauf eines Politikers oder Stars, um ihn auf Unwägbarkeiten, Lug und Betrug zu durchsuchen.

Diese Distanz wir auch in den Schulen gelehrt. Die Kinder und Jugendlichen lesen dort nach wie vor große und bedeutende Texte. Dann aber schreiben sie selber keine Erwägungen dazu, sondern folgen einem Regelwerk, das ihnen bestenfalls zeigt, wie man einen vorgefertigten Text aus Bausteinen zusammenbastelt. der Lehrer ist lediglich der Moderator zwischen dem Regelwerk und dem entfremdeten Kind. Das Kind lernt nicht, seine Gedanken aufzuschreiben. Es genügt vielen Lehrern, wenn da steht ‚Der Text hat mich zum Nachdenken angeregt.‘ Jede zeit hat ihre Modeausdrücke und Formeln, um etwas zu sagen oder nicht zu sagen. Barocke Texte scheinen nur aus Textbausteinen zu bestehen, und das neunzehnte Jahrhundert brachte uns nicht nur Grimms Märchen und Grimms Wörter, sondern auch die hyperventilierte Kanzleisprache mit ihrem ‚an sich‘ und ‚im Grunde‘, das sie Hegel entnommen hatte, ihrem ‚beziehungsweise‘, ’sozusagen‘ und ‚und so weiter‘, das sich oft als ‚et cetera‘ bildungssprachlich verkleidet. Das können wir nicht verbieten und auch nicht recht kritisieren, so verbreitet ist es. Aber warum muss in der heutigen Schule gelehrt werden? Die heutige Schule müsste doch durch die vielfältigen Hilfsmittel viel mehr Zeit haben um vielleicht nicht jedem Schüler, aber doch mehr als den Ausnahmen die Entwicklung einer eigenen Sprache zu ermöglichen. Dazu braucht man kein Smartboard, so praktisch das auch ist, sondern Ermutigung und eigene Kompetenz. Letztlich könnte man das Schreiben auch mit Bleistift und Papier erlernen. In jeder ersten Klasse im großen Landkreis Uckermark ist in diesem Jahr ein Flüchtlingskind. Vielleicht bringen sie neue Metaphern ein, die hier am Verdorren sind.

Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass Politik und Medien sich ebenfalls in Floskeln zurückziehen. Was auch passiert, die Bundeskanzlerin oder der Außenminister ‚zeigte sich betroffen‘. Schon wenn sie betroffen gewesen wären, wäre das wenig genug, weil es eine menschliche Selbstverständlichkeit wäre. Auch der linken Nachbarin sieht man ihre tatsächliche Betroffenheit an, wenn sie vom Tod der  rechten Nachbarin hört. Vielleicht ist die Formulierung erfunden worden, um die normale Empathie, zu der fast jeder Mensch fähig und willens ist, abzuheben und auf das Podest der Abgehobenheit zu stellen. Aber das ist nur eine Erklärung und keine Entschuldigung.

Vielleicht müssen wir auch, angesichts der Dauerpräsenz der Weltereignisse in unserem Hirn, über unsere stete Neigung zum Whataboutism nachdenken, jener schon in der Antike, natürlich unter anderem Namen, kritisierten Haltung, auf jede Schrecklichkeit mit einer anderen Schrecklichkeit zu antworten, um damit abzulenken und unsere Verantwortung zu blocken, falls es eine gibt. Denn auf der anderen Seit kann nicht jeder Mensch, obwohl die Empörer gerne so tun, für alles verantwortlich sein, was auf der Welt passiert. Vielmehr gilt: Würden wir unsere distanzierte Ausdrucksweise aufzugeben vermögen, dann hätten wir mehr Raum und mehr Kraft, die Probleme zu lösen, die uns in unserem unmittelbaren Umkreis reichlich gegeben sind. darüber hinaus können wir wählen gehen, und das ist mehr, als die Menschen in immer noch zu vielen Ländern der Welt können. Niemand ist gehindert, Gutes zu tun, aber jeder greift wie zu einem Rettungsring gern zu distanzierten Textbausteinen der Abwehr und Gleichgültigkeit. Die Kraft, die wir in ein verklausuliertes NEIN investieren, würde oft für ein schönes und optimistisches JA ausreichen.

DIE HOFFNUNG DER MENSCHHEIT

 

Nr. 206

Je trüber der Blick, desto kaputter ist die Welt. Das kann man zurzeit auch auf der politischen Bühne nicht nur hierzulande, auf der gerade unperfect actors in großen Dramen und noch größeren Mengen agieren, beobachten. Aber auch die europäische Bevölkerung ist von Verlustängsten und Minderwertigkeiten geschüttelt. In Europa wird in diesen Wochen und Monaten so geredet, wie in Pompeji am Vormittag des 24. August 79 hätte geredet werden können oder sogar müssen. Über das Datum wird seither übrigens gestritten, während die einen auf den absolut glaubwürdigen Beobachter Plinius den Jüngeren schwören, gehen die anderen von Essenresten und anderen Indizien aus. Was man auch beobachtet: es ist falsch.

Es gibt immer Zeichen des Untergangs. Auf einem Schiff ist es das ringsumher befindliche Wasser, das deutliche Züge des Untergangs zeigt. Alle Schiffe, die untergegangen sind, taten dies im Wasser. In einer Gesellschaft ist es der Mangel an Gleichgewicht. Obwohl die europäischen, nordamerikanischen und ostasiatischen Gesellschaften in den letzten zweihundert Jahren immer stabiler wurden, gab es immer wieder ein Aufflackern des ursprünglichen oder des endzeitlichen Chaos auf der einen Seite, auf der anderen aber die unerschütterliche Angst davor. Das Chaos selbst dagegen ist nur aushaltbar, indem man es konsequent leugnet. Die Menschen in Pompeji, auf der Titanic, der Gustloff und auf der Rampe in Auschwitz waren felsenfest davon überzeugt, dass sie nicht untergehen können. Dass aber selbst das Wunder ein Klischee sein kann, beschreibt der Roman Hiob von Joseph Roth, der sein großes Talent an den Teufel verkauft hat.

Das Glauben der Menschen – und das ist etwas anderes als der Glaube der Menschheit – befindet sich seit jeher in einem riesigen Dilemma: Gehen sie vom Untergang aus, so tritt dieser nicht ein,  leben sie in beschwingter Sicherheit, so leben sie nicht mehr lange. Aber dieses Dilemma ist gleichzeitig ein Trugschluss, denn das Leben richtet sich nicht nach dem Glauben der Menschen. Je mehr Wissenschaft es gibt, desto größer ist auch der Wissenschaftsglaube, den man genauso gut Wissenschaftsaberglaube nennen könnte. Je mehr Wissen es gibt, desto mehr Glauben gibt es und muss es auch geben. Es gibt überhaupt die Inflation von fast allem. Nur das Wunder ragt weiter einsam in die Welt und in unser Leben hinein. Leider wird es manchmal – und das hat sich überhaupt nicht geändert – gar nicht und nach wie vor nicht gesehen. Auf einer Wiese zum Beispiel gibt es das Wunder der Harmonie und der komplementären, ästhetischen Abhängigkeit, wie sie niemand besser als Darwin beschrieben hat, und wer an einen anthropomorphen Gott glaubt, der jede einzelne Ameise kontrolliert, der kann hier die Perfektion der Schöpfung anbeten. Inflation dagegen entsteht, wenn eine Tierart, zum Beispiel der Mensch mit einem Pestizid, speziell Herbizid, in diese Harmonie eingreift. Nach dem Einsatz eines Herbizids kommen die Pionierpflanzen als erste und zunächst einzige in Massen: Brennnessel, Distel, Klettenlabkraut. Das Ergebnis ist  DER STUMME FRÜHLING, in meinem Meyers Konversationslexikon von 1907 stünde jetzt: siehe dort.

Wenn man also auf eine mit Brennnesseln überfüllte Fläche gerät, dann ist nicht nur die göttliche Harmonie gestört, sondern auch unser Blick getrübt, der Fokus richtet sich auf die Bekämpfung der Brennnesseln, beim Klettenlabkraut muss man sich sogar zuerst einen Weg bahnen.

Und so – denke ich – haben wir uns auch den Blick für die  Lösung unserer Probleme dadurch verstellt, dass wir durch Problemlösungen neue Probleme zu den alten gefügt haben. Schon vor vierhundert Jahren hat Shakespeare darüber gespottet: The time is out of joint, o cursed spite that ever I was born to set it right. Natürlich ist niemand berufen, die angeblichen Krankheiten der Zeit – schon allein daran kann man die Satire erkennen – zu heilen. Wer immer das behauptet, hat die billigste Larve auf, als ein unperfect actor on the stage, und trotzdem wird die billigste Versprechung inflationär immer wieder geglaubt.

Die Lösung aller unserer Probleme liegt nicht im Rückwärtsgrübeln und Aberglauben an Wunderheiler, sondern in den nächsten Generationen. Wir Europäer haben den Glauben an unsere Kinder so nachhaltig aufgegeben, dass wir immer weniger Kinder haben. Begegnet uns ein fröhliches und neugieriges Kind, so erschrecken wir und es fallen uns tausend Probleme ein, die dieses Kind haben oder verursachen könnte. Unsere Kinder werden mit Ritalin und künstlich erzeugtem Schulstress für die Erwachsenenwelt kompatibel gemacht. Eine Gesellschaft, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung fröhliche Kinder sind, können wir uns schon lange nicht mehr vorstellen. Falsche Fröhlichkeit lassen wir uns in unseren Lieblingsspielzeugen, den Massenmedien, von sexistischen und immer wieder und nur die Politiker beschimpfenden Kabarettisten vortäuschen. Niemand scheint bemerken zu wollen, dass diese Kabarettisten und Bücherschreiber eben damit sehr viel Geld verdienen und Teil des Systems sind, das sie zu bekämpfen vorgeben. Millionenauflagen kann man haben, wenn man behauptet, dass die Gier der Kapitalisten an allem schuld sei. Gestern noch waren die Juden an allem schuld, morgen werden es die Flüchtlinge sein. Die Kartoffelkäfer aus Amerika und die Amerikaner, das Geld, die Schulden, die Zinsen, die Chinesen als gelbe Gefahr, die Achtundsechziger, die Polen, die uns alles wegkauften, die Muslime im allgemeinen und die Burkträgerinnen im besonderen, alle waren schon schuld an unserem Unglück. Aber wo ist unser Unglück?

Man sieht schon die Gegenargumente – aber sind es wirklich Argumente? – wie Maden aus verdorbenem Weißkohl krabbeln: Naivität, Romantik, Sonntagsreden, Unrealismus, Versöhnlertum, Synkretismus, Nestbeschmutzer und seit neuestem Gutmenschen.  Aber selbst wenn aus ihnen Fliegen werden – ihr wisst: musca domestica, unser treuer, unverzichtbarer Ekel -, so können sie doch nicht die Schönheit des unverdorbenen Weißkohls, der harmonischen Wiese und des fröhlichen und neugierigen Kinderlachens stören. Das Unglück der Welt gibt es tatsächlich, aber immer wieder lachen Kinder und freuen sich selbst da, wo die Erwachsenen Schimpf und Schande anhäufen.

Wir haben es nur vergessen. Die Kinder sind keine Last, sondern die Hoffnung der Welt. Und: ‚Es sind ja noch itzo ganze Völker, bey welchen die Schönheit so gar kein Vorzug ist, weil alles schön ist.‘ [Johann Joachim Winckelmann]