DIE GEGNER SIND ALLE IM INTERNET

Nr. 227

Ein Brief

 

Liebe D.T.,

endlich habe ich nun das von dir geschenkte Buch gelesen und verstehe, warum du es mir geschenkt hast. Viele Schreibende – bei den Lesenden erfährt man es nicht – sind in dieser uns so schnell erscheinenden Zeit – aber ein Blick in den Salomon, Shakespeare und die Barockdichtung zeigt: die fanden die Welt auch zu schnell, bloody tyrant time – fasziniert von der Gleichzeitigkeit der Menschen und Dinge. Wir erleben als nebeneinander stehend, was unsere Vorfahren noch schön sortiert nacheinander erfuhren. Genossen haben sie es auch nicht, sie litten unter dem, was sie sahen, wir leiden an der heutigen Welt und eines unserer klagenden Lieblingsworte ist deshalb auch ‚heutzutage‘, was immer so klingt, wie ein resignierender Greis im Kreis seiner technikbegeisterten Enkel.

Einen alternde Professor, der mit der plötzlich vorhandenen Zeit und dem leeren Raum um ihn her hadert, beschreibt Jenny Erpenbeck aus der Pankower Erpenbeck-Literatur-Dynastie in ihrem jüngsten und hochaktuellen Roman GEHEN, GING, GEGANGEN. Modellhaft stellt er unsere vielfach zerrissene und auf wundersame Weise Gleichzeitigkeit repräsentierende Welt dar. Er kann auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht so recht fassen, dass er im vereinten Deutschland nicht nur lebt, sondern hochangesehen und wohlhabend ist. Zwar wurde das Orchester, in dem seine Frau einst Bratsche spielte, abgewickelt, aber sie hatte, wie wir auf den letzten Seiten erfahren, noch drei weitere Probleme, nämlich dass sie nach einer Abtreibung keine Kinder mehr bekommen konnte, dass ihr Mann eine Klischeegeliebte hatte, nämlich eine Studentin, und dass sie deshalb dem Alkohol in diesen kleinen billigen Chantréfläschchen, die es an der Kasse gibt, verfallen war. Dieses Vakuum füllt der alternde Professor mit seiner Beschäftigung, denn zunächst ist es mehr Interesse als Engagement, für eine Gruppe westafrikanischer Flüchtlinge, die er auf dem Oranienplatz zufällig gesehen hat. Am meisten wundert er sich darüber, dass wir als aufgeklärte, höchstmoderne, mit schnellster Informationstechnik ausgerüstete Menschen nicht in der Lage sind zu unterscheiden, ob wir etwas wollen oder etwas uns will. Würden wir mehr auf die Afrikaner hören, so wäre die Antwort schnell gefunden: Wer das Mittelmeer in lecken Schlauchbooten ohne Steuermann überlebt, mit dem hat Gott etwas vor. Wer kurz vor dem Verhungern ist, dem zeigt das Schicksal einen Ring, der in einer für einen einzelnen Menschen viel zu großen Villa sinnlos herumlag, wie der Leser weiß, schon seit Jahrzehnten. Aber da begibt sich der Dieb, obwohl er sein Überlebensproblem kurzfristig gelöst hat, in ein unlösbares moralisches Dilemma, das mit seinen kindlichen Thesen und unserem übertriebenen Rechtsverständnis kollidiert. Er tritt, obwohl die Erzählerin die Schuldfrage letztlich offen lässt, nach dem möglichen Diebstahl nicht mehr auf und muss sich selbst verleugnen. Wir lehnen aber diese einfachen klaren Denkstrukturen ab und nennen sie kindlich. Wenn wir bei Verstand geblieben sind, lehnen wir aber auch die Produkte eines kranken, bürokratischen Ungeistes ab, der zum Beispiel Duldung als Aussetzung der Abschiebung definiert. Demnach wäre Leben auch nur die Aussetzung des Todes und der Bürokrat in einem üblen Sinne allmächtig. Vielmehr ist der Professor in seiner Ostvilla das Sinnbild, nach dem wir handeln könnten und nach dem er auch im letzten, fast utopisch zu nennenden Kapitel handelt: er füllt sein Sinnvakuum mit Menschenliebe und seine Bibliothek mit lieben Menschen. Um das als richtig, machbar und notwendig zu erkennen, muss er aber erst eine Berliner Odyssee durchlaufen, vom Altersheim, das jetzt ein Flüchtlingsheim ist, aber dann umgebaut wird, nach Spandau und von da in das Kirchen- und Wohnzimmerasyl.

Und genau dort in Spandau, liebe D.T., du hast es vielleicht geahnt, kam auch ich in der ersten Flüchtlingskrise vor zwanzig Jahren zu meinem Interesse an der Verwandlung von Papierfetzen in Menschen. Genau wie damals in Spandau, sind auch hier die Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, und das ist allemal besser als in einer Turnhalle, die noch dazu gebraucht wird. Die Kaserne dagegen braucht niemand mehr. In ihren großen, für Appelle und hallige, louisarmstrongmäßige Befehlsschreie gedachten Fluren stehen noch die russischen Bezeichnungen aus der Besatzungszeit. Wenn ich noch länger dorthin gehe, entdecke ich im Keller vielleicht auch noch die Uniform eines toten Wehrmachtshauptmannes. Oben kochen meine Ostafrikaner ihre scharfen Saucen und brutzeln deutsche Hühner zu äthiopischen Kostbarkeiten um. Wie der Professor aus dem Buch erhalte ich als einziger Besteck, ich kann die Suppe nicht mit dem Brot, das injera heißt, essen. Eine weitere schöne Parallele sind die Autofahrten. Die Menschen, die uns an der Kreuzung stehen sehen, vier Schwarze und ein verrückter weißer alter Mann, verstehen die Welt nicht mehr. Und damit haben sie recht: es ist schwer zu verstehen, dass die Welt sich gerade wieder, vielleicht wirklich aller fünfzig Jahre, in einem Umbruch befindet. Wir wissen es nicht, aber vielleicht bringt dieser Umbruch wieder einen Schub Gerechtigkeit. Der fiktive Professor und der reale Dorfschullehrer hören jedenfalls die gleichen Geschichten aus West- und aus Ostafrika: jeder Cent, der hier durch Sparen und billigstes Essen übrig bleibt, wird nach Hause geschickt. Dort muss eine Schwester aus dem Gefängnis in Libyen freigekauft werden, hier wird ein Stück Land für die ganze Familie in Ghana gekauft.

Im Roman, den ich nicht gleich gelesen habe, weil mein Vorurteil gegen dokumentarische Literatur manchmal Zeit haben will, wird ganz deutlich der Gewinn gezeigt, den wir alle von den Flüchtlingen und überhaupt von allen Migranten haben: die Welt, die wir als Erfahrung brauchen, kommt zu uns. Migration ist so gesehen ein Pizzadienst der Weisheit. Unser Sinnvakuum füllt sich langsam, nicht ohne Rückschläge auf.  Das überflüssige (ich hoffe, dass die mitlesenden Ökonomen das leicht verachtende Wortspiel erkennen) Geld wird sinnvoll unter die Menschheit gebracht. Die Umweltkatastrophe, die durch unsere maßlose Energieverschwendung beschleunigt wird, kann durch die Aufnahme von Menschen aus anderen Weltgegenden abgebremst werden. Die Besinnung auf traditionelle Techniken könnte dies noch unterstützen, zum Beispiel Fahrräder aus Bambus, die in Ghana hergestellt werden. In Westafrika gibt es begnadete professionelle Autobastler, die aus von uns aufgegebenen Ruinen keine Nobelkarossen, aber doch fahrtüchtige Flitzer machen. Aus Ostafrika kam einst der Kaffee und kommt er noch, aber wir, die wir ihn lieben, verachten seine Erfinder. Vielleicht war der Finder des Kaffees wirklich ein Ziegenhirt in der äthiopischen Provinz Kaffa, der beobachtete, dass seine Ziegen munterer waren, wenn sie von einem bestimmten Strauch gefressen hatten. Auch er konnte in der Mittagssonne eine Aufwachdroge gut gebrauchen.

Gestern war ich im Heim verabredet, aber es war niemand da. Später wird eine Botschaft nach der anderen bei Facebook eingehen. In der Küche brutzelte ostafrikanische Köstlichkeit und ein Baby schrie. Und zum zweiten Mal merkte ich, dass sich schwarze Babies (a boy or a girl?) von alten weißen (stupiden?) Männern gern und gut beruhigen lassen. Die Mutter freute es.

Unsere Welten sind offensichtlich nicht nur kompatibel, sondern komplementär. Wenn jeder einen Flüchtling aufnähme, gäbe es keine mehr. Und in noch einem Punkt geht es mir und sollte es uns allen wie dem alternden Professor in dem Roman gehen: Ich kenne nur Sympathisanten. Die Gegner haben sich alle ins Internet verzogen.

 

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Knaus 2015

HEUTELAND IST MORGENLAND

 

Nr. 226

Der erbitterte Widerstand gegen Angela Merkel ist auch ein Restvorurteil gegen Frauen. Frauen hatten bis 1918 in Deutschland kein Wahlrecht und kein Recht, ein Konto zu eröffnen, selbst dann nicht, wenn sie eine beträchtliche Summe  geerbt hatten, weil die herrschende Meinung den Frauen nicht das Recht absprach, aus Gehässigkeit, aus Machtwillen, aus Demagogie, sondern die Fähigkeit. Man war vor 1918 der festen Überzeugung, dass Frauen und Schwarze über andere, nämlich geringere geistige Fähigkeiten verfügten als Männer. Diese Erkenntnis kam daher, dass es offensichtlich keine Frauen in führenden Positionen gab, keine Dichterinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen. Selbst den Ausnahmen unterstellte man Hilfebedürftigkeit. Maria Theresia regierte nur deshalb so erfolgreich, weil ihr nach außen erst ihr Mann und dann ihr Sohn zur Seite gestellt war, so dass damalige Frauenfeinde die österreichische Politik genau andersherum sehen konnten. Nicht die Vergangenheit war besser, sondern die mangelnde Erkenntnis war einfacher. Früher stimmte die Welt noch, ist der Satz, den man genauso oft hören kann wie: früher war alles besser. Wenn nur alte, weiße, blöde Männer zur Regierung taugen, dann ist nicht die Regierung besser, sondern die Erkenntnis der Fehler und Richtungsweisungen leichter. In den Vereinigten Staaten von Amerika spielt sich gerade eine solche Erkenntnistragödie ab. Die Botschaft, es sei doch alles ganz einfach, den Terror beendet man mit Einreiseverboten, mangelnde Wirtschaftskraft mit Protektionismus und das ewige Zaudern schwarzer, weiblicher, liberaler und junger Menschen mit Aktionismus. Jedoch weiß jeder Mensch: Aktionismus ist blind, weil er wütend wird. Und Wut ist nicht das Gegenteil von Zaudern. Demokratie ist auch nicht zaudern, sondern abwägen, überlegen, erörtern.

Die großen autokratischen Regierungen des neunzehnten Jahrhunderts, die meist auch gleichzeitig monarchisch waren, wurden durch die Abschaffung der einfachen, dichotomischen Sichten ausgehöhlt. Erst nach dem Sturz des Kommunismus 1989 wurde den meisten Menschen klar, dass die große politische Differenz nicht zwischen links und rechts bestand, sondern zwischen autoritär, was zeitweilig auch totalitär genannt wurde, und liberal. Allerdings sind sowohl Freiheit als auch Ordnung als Leitbilder menschlichen Zusammenlebens notwendig. Während aber die Freiheit das wichtigste Ideal und Ziel der Menschen ist, kann die Ordnung immer nur ein begrenztes notwendiges Übel sein. Natürlich hatte Rousseau recht, wenn er schrieb, dass die rechtliche Definition des Raumes oder des Besitzes  der Beginn der Gesellschaft ist, weil sie den ersten Vertrag darstellt. Aber auf Rousseau können sich die Ordnungshüter gerade nicht berufen. Er ist ihnen zum Glück verdächtig. Alle Versuche, den Besitz in Gemeineigentum zu überführen sind dann gescheitert, wenn dies als die neue Ordnung ausgegeben wurde. Allerdings gibt es berühmte Ausnahmen, wie die Allmende, die gemeinsame Weide. Aber es gibt, als Gegenargument, auch das Allmendedilemma, das schädliche Suchen nach dem eigenen Vorteil zulasten der anderen. Man kann es gut mit einem schönen, leider wahren Satz von Goethe aus den ‚Maximen und Reflexionen‘ umschreiben: ‚So eigenartig widersprechend ist der Mensch: zu seinem Vorteil will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang.‘[163]

Vielmehr ist die Lösung der Ungerechtigkeit unter uns Menschen in Bildung und allgemeinem Wohlstand zu finden. Das sind beides langwierige, letztlich nur demokratisch zu erlangende Eigenschaften. Die soziale Durchlässigkeit, sozusagen die Abschaffung der Klassen, ist eine große Errungenschaft, aber sie geht einher mit dem Verlust der elitären, apriorischen Eigenschaften einer vorbestimmten Führung. Wenn jeder und jede nach oben gelangen kann, dann fehlt es, dem Anschein nach, an wirklicher Führung. Deshalb wird von sozialrevolutionärer Seite immer wieder das Auseinanderklaffen von arm und reich betont, das es auch tatsächlich gibt. Allerdings lebt ein Prozent unserer Bevölkerung in märchenhaftem Reichtum, ein Prozent lebt in bitterer, unwürdiger, meist auch unnötiger Armut. Aber dazwischen ist die eigentliche Errungenschaft der Industriegesellschaft: achtundneunzigprozentiger allerdings1 abgestufter Wohlstand. Allerdings2 ist die Befreiung vom Hunger nicht identisch mit dem Erreichen einer Zufriedenheit. Allerdings3 ist allgemeiner Wohlstand nicht Problemlosigkeit. Allerdings4 schaffen weder Wohlstand noch Demokratie den ständigen Widerspruch zwischen Evidenz und Tatsache aus der Welt. Der neue informationelle Zustand scheint dabei sogar eher kontraproduktiv zu sein. Aber auch er ist nicht abschaffbar. Informationelle Isolation ist heute weniger denn je möglich, wünschenswert ist sie ja ohnehin nicht. Nordkorea wird an der einfachen, durch Internet und Fernsehen verbreiteten Tatsache zugrunde gehen, dass Südkorea gar nicht arm ist, obwohl es nach der Logik der Herrscherdynastie arm sein müsste.

Obwohl Autokraten immer mit der Evidenz spielen, um es harmlos zu sagen, sind sie doch immer wieder erfolgreich. Nach einer langen Periode der Liberalität, der Demokratie und auch des Wohlstands sehnen sich mehr Menschen nach autokratischen Verhältnissen, in denen sozusagen die Welt noch stimmt: Mann noch Mann ist und Frau Frau, in denen Männer herrschen und Waffen das Sagen haben, in denen schwarz und weiß deutlich unterscheidbar sind, der Feind außen ist, der Freund innen. Ob Hitler, Honecker oder Höcke glauben, was sie schreien, wissen wir nicht. Es ist aber auch nicht sehr wichtig.

Innenpolitisch machen wir gerne den Wandel zur Demokratie am Jahr 1968 fest. Die Spiegelaffäre war überstanden, Brandt wurde Kanzler und kniete in Warschau, die linken Studenten mutierten von niederzuknüppelnden Staatsfeinden zur Elite. Aber es wird vergessen, dass noch zehn Jahre lang in Baden-Württemberg Filbinger regierte und der CDU die höchsten jemals erreichten Wahlergebnisse einfuhr. Filbinger kämpfte nicht nur gegen linke importierte Studenten, sondern auch gegen einheimische Bauern, die den Rhein für wichtiger erachteten als Atomkraftwerke. Und Filbinger reagierte und regierte nicht nur mit Wasserwerfern, sondern auch mit der Untergangslüge, die gerade wieder modern wird: wenn wir das Atomkraftwerk Wyhl nicht bauen, wird es in zehn Jahren hier dunkel sein. Wenn wir Europa und Amerika nicht zumauern, wird das Abendland untergehen.

morgenland

Evidenz ist oft nicht Erkenntnis, sondern dummer Spruch. Erkenntnis ist so schwer wie Wohlstand und Demokratie. Das dauert.

In seinem zweitberühmtesten Zitat beklagt Hamlet nicht, dass die Welt aus den Fugen, dass etwas faul im Staate, sondern dass ausgerechnet er, der Zauderer und Prokrastinierer, berufen sei, sie einzurichten. Dass wir uns berufen fühlen, Schicksalsschläge hinzunehmen, besonders hartes Leid zu tragen oder die Welt zu verbessern, ist doch auch nur eine Frage der Projektion, nicht des Projekts. Die meisten Menschen folgen ohnehin nur der Musik, befolgen Befehle und folgen damit ihrer eigenen Vergangenheit, unabhängig davon, ob sie erfolgreich war. Gruppe scheint ihnen wichtiger als Erfolg.

WO WAREN 1967 DIE ACHTUNDSECHZIGER?

Nr. 225

Wir Menschen schwanken in unseren Erwartungen gern zwischen der Apokalypse und dem tausendjährigen Reich. Unsere historischen Emotionen und Dimensionen pendeln vom Minimum auf das Maximum und zurück. Als tausend noch eine große Zahl war, fielen die beiden Begriffe auch gern zusammen. Ein Hauptgrund für diese der täglichen Langeweile widersprechenden Vorstellung ist unser dichotomisches oder bipolares Weltbild. Wir sind immer die Guten, die anderen dürfen das Böse verkörpern. Unser Reich ist das Ende der Geschichte, alles andere muss und wird untergehen. Diese Sicht erzeugt Selbstgerechtigkeit und die schadet einer Idee immer mehr als der äußere Feind, den einzuladen wir so gerne verpassen. Statt sie einzuladen, werden die anderen, die auf der anderen Seite gerne als die Antipoden angesehen, die also nicht nur anders sind, sondern auch noch auf dem Kopf stehen. Diese ganze Feindrhetorik beruht auf dem Unterschied von Evidenz und Tatsache. Erst seit kurzem ist uns bewusst, dass wir Tatsachen nicht so leicht aufnehmen können, wenn überhaupt. Die Relativität von oben und unten hat es den damals herrschenden, ob nun bewusst oder unbewusst, leichtgemacht zu erklären, dass in Australien niemand leben kann, es sei denn, er sei vom bösen Geist besessen, es sei denn, die Erde ist eine Scheibe, es sei denn, die Berichterstatter lügen allesamt. Das war die Erfindung der Lügenpresse. Wir können nicht glauben, dass das, was wir sehen, nicht das ist, was ist, sondern nur das, was wir glauben. Unsere Gewissheit über oben und unten wurde zum ersten Mal erschüttert, als wir eine Milchkanne an unserem Arm herumschleuderten und die Milch nicht auslief. Aber es gibt keine Milchkannen mehr. Eine Karikatur über die europafressende Rothschildbank hat es immerhin schon bis in ein Sozialkundebuch (Autor der Karikatur: David Dees, Anstöße 2, 2012) des Klettverlages geschafft.

Seit vielen Jahren bedauern wird die Abschwächung des Rechtslinksschemas. Merkel wird die Zerstörung des Konservatismus, Schröder die Aufweichung der Sozialdemokratie vorgeworfen. Tatsächlich leben wir in einem reichen Sozialstaat mit Schützen- und Vertriebenenvereinen, mit rechten und linken Parteien, mit einer sehr großen Bandbreite von Meinungen und politischen Absichten. Die Wähler   wählen seit vielen Jahren die Partei oder die Parteien, die Beständigkeit versprechen. Aber Beständigkeit ist nicht identisch mit Konservatismus oder Sozialdemokratismus. Wählen ist nicht nur eine rationale, sondern auch eine emotionale, traditionelle, zeitgeistbelastete, flüchtige Entscheidung. Kaum einer prüft die Parteiprogramme oder die Kandidaten. Jeder, der auf Tatsachen schwören würde, wenn man ihn fragte, folgt hier dem nebulösen Gefühl von Sicherheit und Unsicherheit, von Bündnis und Nationalstaat, von Europa und dem Dorf, in dem seine Großmutter lebt.

1968, und die Jahreszahl ist auch eher Symbol als Tatsache, vollzog sich ein Wandel von der formal schon seit 1917 installierten Demokratie – oder jedenfalls dem Ende von fünf monarchischen Großreichen – zur wirklich gelebten Demokratie mit freien Wahlen, freier Presse, mit Emanzipation der Frauen und der Schwarzen, mit der Revolution und dem bittersten Konservatismus. Am 2. Juni 1967 wurde der schöngeistige Student Benno Ohnesorg in Westberlin von einem blindwütigen Polizisten erschossen, der sowohl Nazi, wie die Hälfte seiner Kollegen, als auch Stasi-Agent war und trotzdem das Denkschema von vor 1917 zu verteidigen glaubte. Ihn trifft der Vorwurf: Wenn wir die Schläger schlagen, sind wir die Schläger. Aber Benno Ohnesorg war kein Schläger, Randalierer, Revolutionär oder dergleichen. Eher war er die Ahnung von dem neuen empathischen, interessierten, hilfreichen Menschen.

Die Frage, die sich jetzt aufdrängt, nachdem genau wieder fünfzig Jahre vergangen sind, ist, ob die Welt sich wieder umkehrt, die Populisten, die Rechten, die Rechtskonservativen das Denken bestimmen werden.

Diese Frage kann niemand beantworten. Wieder kann man nur glauben, obwohl man glaubt, Tatsachen zu sehen. Aber wir wollen noch einmal auf 1917 und 1967 zurückblicken. Vielleicht haben 1917 mehr Menschen den Krieg für sinnlos gehalten als 1914, wo doch eine satte Mehrheit den Krieg als Lebensgefühl und legitime Methode verstanden hatte. Aber niemand hat auch nur im entferntesten geahnt, dass vier Kaiser  einfach von der Bildfläche verschwinden würden. 1967 hat selbst der sozialdemokratische Pfarrer als Bürgermeister von Westberlin die Weltordnung durch feinsinnige Kunststudenten gefährdet gesehen.

Niemand kann die Zukunft voraussehen. Aber das überlange Festhalten an veralteten Vorstellungen hat immer eher zum Gegenteil dessen geführt, was es wollte oder vorgab zu wollen. Dass es oft einfach um Macht und Geld geht, hat auch nicht zur Glaubwürdigkeit von Politik beigetragen. So wie wir nicht wissen können, ob etwas Tatsache, Meinung oder Ideologie sei, so können wir auch nicht wissen, ob jemand selbst an das glaubt, was er sagt. Wenn wir andererseits immer von Manipulation, Betrug und Verführung ausgehen, muss es ein Skript geben, das jemand kennt und ausnutzt. Aber das Leben hat kein Skript, noch nicht einmal feste Regeln. Ineinandergeschachtelt unterliegen wir biotischem Verhalten, das wir aber aushebeln können (‚Antibabypille‘), sozialem Verhalten, das wir aber manipulieren (Halluzinogene, Populismus) und einem informationellen System, das zwischen Omnipotenz und Infarkt schwankt, wie wir selbst. Vielleicht sind wir in den letzten hundert Jahren aber auch geschickter zum Vorausahnen geworden. Kriege scheiden als Konfliktlösung aus. Mauern dienen keinesfalls dem Handel, der die Voraussetzung zum Wohlstand ist. Teilen ist das Grundprinzip des Sozialstaats und sollte in der Welt nicht gelten? Empathie hat sich nicht nur theoretisch (Jesus, Gandhi), sondern auch praktisch als Basisverhalten bewährt, ebenso wie Emanzipation. Wir glauben heute nicht mehr an die Schädlichkeit oder Besessenheit der Antipoden. Wir sollten gewitzt genug sein, überhaupt gegen anti zu sein. Besonders Ideologien, die sich auf anti stützen oder stützten, haben sich nicht bewährt. Da alle Ideologien für die Macht missbraucht wurden, sollten wir sie überhaupt überdenken oder auf ein Minimum beschränken.

Rechts hebelte die Mitte aus und gebar Links. Links vergaß sich in Selbstgefälligkeit und gebar erneutes Rechts. Was kommt, wird weder links noch rechts sein. Bis dahin können wir schon einmal an alle Wände sprühen: Mr. Trump tear down this wall. 

CELANs TODESFUGE

Es kann ihnen und uns kein Trost sein, dass der Tod auch Meister aus anderen Ländern war, ihnen nicht, weil sie nicht auferstehen können von den Toten, uns nicht, weil unsere Vorväter die Untaten auf ihr und unser Gewissen geladen haben. Der Dichter entkam den einen Schergen und entkam den anderen Schergen knapp, aber er entkam nicht seinem Gewissen und seiner Erinnerung. Er wurde derjenige, der die törichte Frage für absurd erklärte, ob man nach Auschwitz schreiben könne, man müsse, war seine Antwort, man müsse nach Auschwitz schreiben, auf dass das nicht zu Verstehende gefühlt würde. Sein Gedicht wurde das berühmteste und auch das beste, aber der Preis dafür war sehr hoch: sein Leben.

Es wurde schon oft hineininterpretiert: der einzige Reim in dem Gedicht besteht aus den blauen Augen des Mörders und seinem zielgenauen Schuss. Vielleicht ist es Zufall, dass sich das Gedicht an dieser Stelle reimt. Was es zu einem großen Kunstwerk macht, ist der Gesang des schrecklichen Details, das Rezitativ der Trauer, die Banalität des bösen Briefeschreibers. Das Lager bestand nicht nur aus Schrecken und Tod, sondern auch aus diesen fortwährenden trivialen Befehlen: grabt schneller, grabt tiefer, grabt weiter an eurem Grab, eine Olympiade des Grabens, des Grauens und des Abgrunds. Dieses Gedicht zeigt, dass der Superlativ des Abgrunds nicht nur in der Größe des teuflischen Projekts lag, sondern auch in jedem einzelnen Opfer und jedem einzelnen Täter. Jeder Täter musste ein Maximum an Bösem in sich anhäufen und nach außen dringen lassen. Und jedes Opfer musste ein Maximum an Leid tragen und mit in das vor ihm liegende Grab nehmen. Darüber darf kein Gras wachsen, so nötig uns Gras sonst ist. Immer wieder gibt es Unmut darüber, dass wir, so lange danach, immer noch mit Verantwortung gestraft sind. Der Grund ist dieses unerträgliche Maximum an Leid, das die Opfer auf sich nehmen mussten. Jeder einzelne dieser Menschen hat ein Recht darauf, dass an ihn gedacht wird. In Löcknitz, einem vorpommerschen Städtchen, gab es nur zwei oder drei jüdische Familien, eine davon, die Familie Schwarzweiss, besaß das einzige Kaufhaus am Ort. Der letzte Besitzer hatte den heute peinlichen Vornamen Adolf. Eines Tages traf ich drei alte Frauen, und sie erzählten mir von dem Tag, an dem die drei Familien, voran Dolfi Schwarzweiss, aus ihren Wohnungen getrieben wurden, zum Bahnhof gehen mussten, nach Stettin gebracht wurden. Weiter wollten die drei Frauen nichts wissen. Wir wissen, dass nach Stettin das Todeslager kam, und aus dem Gedicht wissen wir, dass er, der Mörder, Briefe schrieb, dass Dolfi Schwarzweiss und seine Tochter Esther zum Graben singen mussten. Sie stehen im Totenbuch von Mecklenburg und in der Gedenkstätte Yad Vashem. Aber nur ihr Name ist erhalten. Als die Russen kamen, wurde gerade ihr Kauf- und Wohnhaus, in dem auch ein kleiner Betraum war, zerstört. Nichts erinnert mehr an die drei Familien von Löcknitz. Nur das Gedicht.

Dieses Gedicht ohne Satzzeichen, mit nur einem Reim, mit unerträglichem Refrain des Todes, dieses Gedicht lehrt uns, wie falsch es ist, immer noch die Sprache der Täter zu sprechen, nicht deutsch, das ist auch die Sprache der Opfer und des Dichters. Die Sprache der Täter sagt nämlich, dass dort nicht Menschen ermordet wurden, sondern angeblich eine bestimmte Gruppe von Menschen. Wer das betont, glaubt, wie wir wissen, an die Berechtigung seiner Morde. Aber wir? Wir glauben nicht an die Berechtigung zu töten. Wir lassen nur noch den Selbstmord und den Tyrannenmord als Ausnahme vom universellen Tötungsverbot bestehen.

Das ist nicht die Folge des Gedichts, wohl aber die Folge dieser Taten, und die hat dieses Gedicht zuerst und gültig beschrieben. Zu recht wird vom Wirtschaftswunder gesprochen, schon zu unrecht wird es nur westlich der Elbe gesehen. Aber ganz unrecht ist: warum wir nicht – oder zu wenig oder zu langsam – sehen, dass es nach diesem Krieg auch ein Moralwunder gegeben hat. Die Todesstrafe ist abgeschafft, der Krieg wurde für immer geächtet: Nicht der andere ist uns feind, sondern der Krieg. Nicht der Fremde ist  Ursache des Kriegs, sondern der Hunger.

Die Intoleranz steht am Pranger, alle Kinder und Jugendlichen lesen Rousseau und Kant, die Mündigkeit ist Verfassungsgebot, vielleicht am wichtigsten: alle fahren in alle Länder, also alles Fremde wird uns nah.

Fakt und Kontrafakt gehen in diesem Gedicht ineinander über wie im Leben. Wer will entscheiden, ob ‚das Grab in den Lüften’ die Metapher für das Undenkbare ist, oder das reale Bild verbrannter, zu Rauch gewordener Menschen, oder der ewige Ort, hoch oben, aller unserer Seelen?

Das Absurde kann nur im Absurden gezeigt werden, aber das Gedicht ist alles andere als surreal. Es heißt Fuge, weil es die stärkste Verdichtung des Grauens zeigt. Alle Mittel der Kunst werden ausgeschöpft, darunter erschreckend Neues, aber es liest sich trotzdem wie der Bericht eines Überlebenden. Tatsächlich hat sich Celan in die Rolle seiner Mutter versetzt, aus ihrer Sicht, die nicht überlebt hat, ist der Bericht. Er hat sich sein Leben lang Vorwürfe gemacht, dass er überlebt hat, sie nicht. Er war jung. Er ist zweimal weggelaufen, einmal vor den Deutschen, einmal vor den Russen, er, der so gut russisch konnte, dass er die Gedichte des erschossenen Mandelstam kongenial übersetzt hat und, wenn er betrunken war, russische Lieder gegrölt hat, mitten in Paris. Wie seine Heimat war er multilingual. Wie seine Heimat ist er untergegangen. Die Seine in Paris nahm ihn auf, nachdem der Pruth in Czernowitz ihn verstoßen hatte.

Eine Reihe von uns unbekannten Dichtern, die aber alle mit Celan bekannt waren, haben ähnliche Gedichte geschrieben. Celans Gedicht ist das dichteste, das deshalb zurecht das berühmteste wurde und er der berühmte Autor. Es ist schade, dass die anderen Dichter fast oder ganz vergessen sind (Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Immanuel Weissglas), aber das darf uns nicht hindern, Celan zu bewundern. Er selbst hat am meisten unter der von ihm bewusst gewählten – und von manchen Plagiat geschimpften – Intertextualität gelitten. Sein Gedicht ist eine Kompilation aus all den anderen Gedichten, aber auch das Denkmal gewordene Abbild des Schreckens. Besser als ein Geschichtsbuch lässt es uns fühlen (wer nicht hören will, muss fühlen), wie es wäre, wenn wir die Opfer oder die Mörder wären. Als einziger hat Celan es geschafft. Er litt auch darunter, dass dieses Gedicht in den Lesebüchern steht, aber da gehört es hin, zu uns.

ADENAUER ALS NARZISST

Nr. 223

Schon allein sein Dienstmercedes 300 C Langversion ist heute eine Freude. Mit ihm fuhr er 1958 zu General de Gaulle, seinen Dienstmercedes nahm er nach Moskau mit. Jeden Morgen fuhr er mit ihm auf einer Fähre über seinen geliebten Rhein. Als Adenauer vor fünfzig Jahren starb, war er schon ein steinalter Mann, der zweimal Witwer geworden war, drei politische Systeme überlebt und das vierte wesentlich mitgeprägt hatte. Er starb so gesehen mit einem guten Gewissen. Wie in einem Menschenleben, so ist es auch mit einem Land: hinterher kommt uns alles, was geschah, notwendig vor, richtig, schön. Das Leben wird erst nekrologisch logisch. Die Kunst des Lebens und Überlebens und damit auch der Politik besteht aber gerade darin, dass man nicht weiß, ob das, was  getan wird, sich auch als richtig und gut erweist. Ein schönes Beispiel ist das Werk von Adenauers östlichem Widerpart, die Mauer. Die Wirkung einer Mauer ist, umgekehrt wie das Leben, zunächst evident. Aber ob sich dann auch ein wirklicher Nutzen oder gar Sinn einstellt, ist bei der Berliner Mauer doch eher zu bezweifeln. Wäre sie sinnvoll gewesen, dann hätten wir Ostmenschen unser Schicksal angenommen. Da wir aber täglich in unseren Zeitungen lasen, dass morgen alles besser wird, waren wir zu Verzicht und Demut nicht bereit. Die bedeutendste Leistung von Adenauer dagegen ist eben jene Öffnung nach Westen hin gewesen, die ein paar Jahre später von Brandt durch die Öffnung nach Osten ergänzt wurde. Jahrzehntelang hatte es eine erbitterte Konkurrenz zwischen Frankreich und Deutschland gegeben, wirtschaftlich, kulturell, hegemonisch. Immer wieder fanden sich auf beiden Seiten des Rheins verbohrte Politiker, die den Zwist anheizten und zum Krieg reifen ließen. Drei verheerende Kriege mussten uns schwächen, bis sich Adenauer und de Gaulle in der wunderschönen Kathedrale zu Reims die Hände reichten. Schon lagerten vierhundert Journalisten mit Fotoapparaten und Schreibmaschinen an den geschichtsträchtigen Orten, aber noch wollten die Menschen Symbole und Metaphern sehen, Händedruck statt Großkonferenz. Es ist heute unvorstellbar, dass Europa damals von drei charismatischen Greisen geführt wurde: Churchill, de Gaulle,  Adenauer und auch Amerika bis 1961 einen greisen Präsidenten hatte, der noch dazu ein ehemaliger Fünfsternegeneral war.

Wahrscheinlich haben die Zeitgenossen etwas ganz anderes als größte Leistung Adenauers gesehen. Er reiste 1955 als erster westlicher Staatschef nach Moskau, um diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion aufzunehmen und die letzten 10.000 Kriegsgefangenen zurückzuholen. Beides gelang ihm nicht ohne Schwierigkeiten. Als die ehemaligen deutschen Soldaten, die sich entscheiden konnten, ob sie nach Ost- oder Westdeutschland entlassen werden wollten, in Friedland bei Hannover eintrafen, war Adenauer anwesend und eine alte, tränenüberströmte Frau versuchte immer wieder, ihm die Hände zu küssen. Adenauer wollte das einerseits abwehren, weil er ein eher distanzierter Mensch war, andererseits verstand er natürlich die Geste und genoss sie. Die alte Frau benahm sich traditionell, sie dankte – bildlich gesprochen – dem Bischof an Gottes statt, da kein Heiland greifbar war, griff sie sich den Verkünder. Politik und Religion waren immer noch eins, wenn auch diese unheilvolle Verbindung schon schwer beschädigt war. Wir können heute nur spekulieren, aber doch annehmen, dass sich die meisten Kriegsgefangenen und ihre Familienangehörigen für unschuldig hielten. Niemand lebt gern mit seiner Schuld. Wir Menschen suchen uns gerne unsere Perspektive aus: mal wollen wir lieber Täter sein, dann wieder scheint uns die Opferrolle angemessen. Aber das Kaninchen, das geschlachtet wird, eines der grausamen Bilder aus meiner Kindheit, tötet nicht noch vorher schnell tausend Mäuse oder Bienen, weil sie unter ihm zu stehen scheinen.

Das Politikverständnis von Adenauer war von dem Ulbrichts also nicht so sehr verschieden. Beide sahen sich als Heilsbringer, die nicht nur eine Botschaft, sondern auch Lösungen hatten. Beide misstrauten ihren Mitarbeitern und Nachfolgern. Beide waren autoritär. Beide waren alt. Warum aber der eine sein Land einmauern ließ, der andere es aber gerade im Gegenteil öffnete, ist eine der unsinnigen Warumfragen, die man nicht beantworten kann.

Erst einem anderen Bundeskanzler ist dann ein Paradigmenwechsel im Politikverständnis gelungen. Willy Brandt hat sich nicht als Heilsbringer gesehen, obwohl er nicht weniger charismatisch war als Adenauer, sondern als erster Bürger seines Landes. Er bat die Nachbarn um Vergebung für etwas, das er nicht mitgetan hatte. Er war übrigens in seinem ersten Wahlkampf, – im zweiten durch gentleman agreement nicht mehr, er verzichtete im Gegenzug auf die Nennung des Altnazis Globke -, von den Konservativen und auch von Adenauer persönlich sowohl als uneheliches Kind als auch als Vaterlandsverräter bezichtigt worden. Fast scheint es so, als ob in dem Wort Volksverräter dieser Ungeist wieder erwacht, wenn auch nur bei einer Minderheit. Auch der vorgestern inaugurierte 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird mit seiner patriotischen Argumentation nicht erfolgreich sein, wie sich schon mit den machtvollen Demonstrationen am nächsten Tag zeigte. Die Zeiten des Einmauerns und Händeküssens sind vorbei. Jeder Politiker braucht eine Portion Narzissmus, um den politischen Alltag zu überstehen, aber Narzissmus ist kein politisches Programm. Übrigens ist schon Narziss an sich selbst und überhaupt gescheitert. Narziss und Echo scheinen jedoch wieder auferstanden.

DAS MATHEMATIKGEBÄUDE

Nr. 222

für a.r.s

Wenn die Großstadt und das Wetter zusammenstoßen, erscheint es uns oft wie ein Weltuntergang. Dagegen versinkt die Großstadt nur in jener Umwelt, die sie auch ohne die Millionen Menschen wäre. Die Spatzen, Rehe und Wölfe, die früher hier lebten, erlebten auch die Inkommodität des Schneesturms. Aber sie waren nicht so viele, sie hatten keine Lobby, sie waren von Gott verlassen. Der Schneesturm hinderte an diesem Tag selbst die Kanzlerin Deutschlands, rechtzeitig zur Eröffnung der Elbphilharmonie nach Hamburg zu kommen. Wo früher die Rehe und Wölfe waren, ist jetzt das Einsteinufer, das man vor lauter Schnee kaum erkennen konnte. Ein graues Hochhäuschen, im Stil dem Anbau des Rathauses Wedding nicht unähnlich, ist vom Einsteinufer aus gesehen das Portal in die Welt der Mathematik und Informatik. Endlose Gänge, herauskopiert aus science-fiction-Filmen der sechziger Jahre, Automatiktüren, wenige Menschen, diese in sich versonnen und verschlossen. Man läuft mit dem Klischee im Kopf mit dem Kopf durch die offenen Wände. Tatsächlich gibt es keine bessere Metapher für die Offenheit der Gesellschaft, die einerseits ihren Ursprung zweifelsfrei in Jean Jacques Rousseaus Gedanken, andererseits ebenso zweifelsfrei in der Visionswelt John von Neumanns hat, als die Gänge und Übergänge, die Fenster, beinahe möchte man sagen windows, und sich von Zauberhand öffnenden Türen in einem Mathematikgebäude. Man kommt sich in dieser unwirklichen Welt wie Harry Potter und das verwunschene Kind vor, der Twitter als Zauber entlarvt, der keiner ist.

Das Äußere des Gebäudes verblasste an diesem Tag im Schneesturm, hat aber auch sonst schwer zu kämpfen gegen die Siegessäule, gegen die verblichene Königin Sophie Charlotte und den legendären Ernst Reuter, der aber auch lange nach Werner von Siemens kam, der nicht nur das Telefon, damals noch mit ph, als Kommunikationsmittel verbreitete, viele vergessen, dass dieses kleine Berlin, in dem noch vor kurzem die Wölfe am Einsteinufer heulten, der Beginn einer gigantischen technischen Umwälzung war, sondern auch die U- und die Straßenbahn mit Elektromotoren erfand und in die Geschichte losschickte, der irgendwie verlassen den Gebäudekomplex zu bewachen scheint; er hatte hier Vorlesungen gehalten. Von außen wirkt das Gebäude also wie eine ins Unscheinbare abgeglittene Mikroutopie. Innen finden es die angehenden Mathematiker, Informatiker und Ingenieure, die aber alle Siemens als Vorbild haben, etwas veraltet. Nun gibt es aber kaum ein Institut, vielleicht vom Elektronenbeschleuniger der Hamburger Universität abgesehen, in dem schneller gedacht wird, demzufolge die Dinge auch schneller veralten. Tatsächlich ist die Innenarchitektur, die man mit drei Strichen nachzeichnen kann, keineswegs veraltet. Sie ist vielmehr eine Bestandsaufnahme der Industriegesellschaft. Rote Rohre geben die Begrenzungen, Geländer und fast den gesamten Schmuck ab. Ein Dubai der Petrolchemie ist hier vorweggenommen, ein Spiegel und eine abgekürzte Chronik der Ruhrgebiete und Liverpools und Lothringens, insofern auch eine gesamteuropäische Wallonie, in der aber Zahlen produziert werden. Und diese Omnipräsenz der Industrie ist es, die unseren mathematischen Vordenkern wie eine abgelebte Vergangenheit vorkommt. Es fehlt nicht viel, und die Industrie der Rohre und Schlote scheint genauso lange her zu sein wie das Einsteinufer mit seinen heulenden Wölfen und flüchtenden Rehen. Das zweite Element ist sogar eine architektonische Vorwegnahme: nämlich Sichtbeton, von dem der finnische Architekt Pekka Einari Salminen sagt, dass er der Naturstein des einundzwanzigsten Jahrhunderts sei. Aus Sichtbeton bestehen hier anachronistische Alkoven, kleine Amphitheater und offene Gänge wie in der Kölner Philharmonie. Sie sind verspielt, aber nicht veraltet. Aber können wir wissen, wie diese Schnelldenker und Zukunftsplaner, die hier in babylonische Gespräche vertieft sind, fühlen? Nicht nur der Architekt muss eine Mitte finden zwischen Zeitgeist, Tradition und Zukunft. Schnell sind wir mit dem Urteil zur Hand, aber die Entscheidung liegt in den Tiefen der Jahrhunderte. Erst wenn ein Gebäude Jahrhunderte überstanden hat, können wir es groß oder klein nennen. Das gleiche gilt für Texte, Bilder, Musik, in Zukunft auch für Filme. Form follows function ist hier keinesfalls der Verzicht auf Zierrat. Davon zeugt auch das dritte Element, die Unzahl von Aluminiumlampenschirmen, die insofern inzwischen ein metaphorischer Witz geworden sind, als es in den Büros eine Unzahl von Bildschirmen gibt, ja das ganze Leben der Menschheit sich von den Lampenschirmen ab- und den Bildschirmen zugewandt hat. Form follows function heißt bei so einer dynamischen Institution wie der alten Charlottenburger Technischen Hochschule, der heutigen weltberühmten Technischen Universität, aber auch Abriss. So wird es wohl auch hier sein, weshalb ein Requiem benötigt wird, dessen Name – Ruhe – für Gebäude aber untauglich ist. Der drohende Abriss ist auch noch aus einem anderen Grund mehr als bedauerlich, hatten doch die Architekten einst versucht, mit einer fast ganz gläsernen Südfassade ökologische Vorstellungen vorwegzunehmen, Menschen wie Pflanzen in ein Glashaus zu setzen und dem Klima höchst schädliche Klimaanlagen zu verbannen. Dass ausgerechnet im kalten Deutschland, durch das die Schneestürme und Wölfe heulen, der Sommer ein Problem für diesen wunderbaren Versuch darstellte, ist bedauerlich. Aber Mathematiker sind nicht die einzige Sorte Mensch, die man nicht beauftragen kann, jeden Abend auf das Thermometer zu sehen und für die notwendige Nachtauskühlung die Fenster zu öffnen. In dem Moment sehen wir aus dem Fenster, draußen steht Siemens, der den Elektromotor nicht nur für Straßenbahnen dachte. Kann er uns unterstützen, nachts die Fenster zu öffnen und damit dem Bau und seiner Idee zum Fortbestehen verhelfen?

Dem Zeitgeist zu widerstehen heißt ja nicht nur, durch den Schneesturm mit Sandalen zu gehen. Ein Balance aus Funktion und Tradition ist schon schwer genug. Die bildliche Vision zum Beispiel eines Schiffes muss die Elbphilharmonie mit dem Gesundbrunnencenter teilen, einer Mall für eher Arme. Wer sich über Kosten aufzuregen angewöhnt hat, solle, nebenbei bemerkt, sich klarmachen, dass die achso teure Elbphilharmonie, ein Palast des Wohlklangs und der Bildung, gerade einmal so viel gekostet hat, wie ein Kriegsschiff (Fregatte vom Typ F125) oder zehn Eurofighter. Aber auch die Balance aus Funktion und Vision ist schwerer herzustellen, als man im ersten Moment glauben mag. Auch Visionen können sich nur aus Bildern der Welt, wie sie ist, speisen. Gebäude sind eher wie Fotografien ein erstarrter Moment, nicht ohne Dialog, aber ohne substantielle Fortentwicklung. Natürlich passt sich ein Haus seinen Bewohnern oder Nutzern an, aber sein Fundament sollte es lieber nicht antasten. Selbst Raum und Klang kommen, wie in der Elbphilharmonie, nicht sofort überein, brauchen den Dialog, den Kompromiss, das taktile Feingefühl. Überhaupt sollte man mit voreiliger Kritik vorsichtiger umgehen. Viele Dinge und Gedanken erschließen sich erst spät, manche sogar erst, wenn sie bereits vergangen sind.

Was hatte ich eigentlich im Mathematikgebäude zu suchen? Nichts, ich hatte die vergessene Brotbüchse eines Zahlenmagiers und Visionärs gefunden und sie ihm gebracht. Kinder sind das beste, was man machen kann.

Das Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin wurde von Georg Kohlmaier und Barnabas von Sartory (1927-2000) entworfen, der hier in einem kleinen Dorf begraben liegt und an den ein Kunsthof erinnert.

siehe auch baunetz vom 25.11.2015

RASSENWAHN

 

Nr. 221

Seit Himmler deutscher Innenminister war und die angestrebte Rassenreinheit des deutschen Volkes verkündete und für seine SS auch anstrebte, gibt es schwarze Deutsche. Seit Hitler Oberbefehlshaber der deutschen Armee war und die Erweiterung des angeblich knappen Lebensraumes versprach, sind Breslau und Stettin polnisch. Trotzdem gibt es immer noch Politiker, die davon schwatzen, dass Deutschland Deutschland bleiben muss. Wenn man nach fünfzig Jahren zum ersten Mal die Stätten seiner Kindheit wieder aufsucht, dann kann man gut verstehen, was es heißt, dass eine Sache gleichzeitig sich treu bleibt und sich verändert. Das Haus, das nicht gepflegt wird, verfällt, das Haus aber, das in einem historischen Zustand konserviert wird, steht im krassen Gegensatz zu seiner Umgebung. Wenn wir das Schloss Versailles besuchen, versetzen wir uns ins siebzehnte Jahrhundert. Im Spiegelsaal sehen wir in blinden Spiegeln den ersten deutschen Kaiser und alle deutschen Fürsten. Sie haben sich selber vertrieben, indem sie den ersten Weltkrieg – zum Glück – verloren. Wir wollen uns nicht vorstellen, wie sich ein verführtes Volk, das einen solchen Krieg begeistert zu beginnen sich bestimmen ließ, als Sieger aufgeführt hätte. Noch einmal, diesmal aber schon entgeistert, ließen sich unsere Vorfahren bewegen, nicht nur in den Krieg, sondern auch in den Völkermord zu ziehen, ein Wort, das auszusprechen sich so viele scheuen. Es läuft einem auch kalt den Rücken herunter, wenn man es ausspricht. Wiederholt sagten wir schon: es kommt zum Glück weniger darauf an, wo man herkommt, viel wichtiger ist es, wohin man gehen will und auch tatsächlich geht. Das Europa von 1950 bis 2015 ist die Antwort auf all diese unsinnigen, unmenschlichen und gottlosen Kriege. In diesem Bruch von 2015 zeigte sich, wie unsinnig es ist, wenn man von einem Ende der Geschichte ausgeht, wie es Hegel und Francis Fukuyama wohlmeinend annahmen. Keine Geschichte hat ein Ende, auch die Geschichte nicht. Die Geschichten (stories) gehen weiter, weil sie gelesen werden. Die Leser leben und bringen in dieses Leben ihr Wissen und ihre Gefühle und ihren narrativen Akkumulator ein. Und die Geschichte (history) hat kein Ende, weil die Menschen das Gute und das Böse nicht widerspruchslos annehmen. Zwar gibt es in jeder Diktatur eine Kommodierung, eine Anbequemung sogar an die offensichtlich falschen Regierungsmethoden . Aber es gibt in jeder Demokratie auch einen Widerstand auch gegen die offensichtlich guten Verhaltensweisen. Die Widerständler können schon nicht mehr ertragen, dass sich ihr Land gerade in einer Hochkonjunktur befindet, keine Inflation, kein Außenhandelsdefizit. Trotzdem muss Merkel weg. Die follower des Autokraten nehmen dagegen jede Schmach und jede Unbequemlichkeit hin. In Istanbul fällt der Strom aus, die Inflation steigt und wird bald die Zehnprozentmarke erreicht haben, auch in dem Punkt scheint Russland Vorbild zu sein, der Bürgerkrieg weitet sich jetzt nach den Kurden auch auf den IS aus, mit dem es vorher eine Art Stillhalteabkommen gegeben zu haben scheint. Trotzdem ist Erdoğan der Stolz der Türken.

Ein Teil des an sich natürlich berechtigten Widerstands, hier unterscheiden sich Demokratie und Diktatur fundamental, kommt aus der Vergangenheit, die selbst dann verklärt wird, wenn sie, statt einfach zu verschwinden, unter brachialem Lärm zusammenbrach. Die Widerständler halten überlang an Prinzipien oder Erscheinungen fest, die offensichtlich in der Gegenwart nicht mehr gebraucht werden. Oder wozu brauchen wir das Gefühl, dass Breslau, das im vorigen Jahr mit großem Erfolg Kulturhauptstadt Europas war, eigentlich eine deutsche Stadt ist?

Heute endet eine Ausstellung der ‚Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen‘  im Kronprinzenpalais, die gefördert wurde vom Bundesinnenministerium, das aber ausdrücklich auf einen Beschluss des Bundestages verweist. Und das ist auch notwendig, denn die Ausstellung ist sowohl technisch absolut gestrig. Wie in den fünziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden Fotos auf Stellwände gezogen, Stellwand nach Stellwand, immer ein altes Foto und ein neues Foto. Aber schlimmer noch ist der Inhalt. Der Titel ist irreführend du führte mich fälschlich in diese Ausstellung, denn er lautet: ‚Verschwunden. Orte, die es nicht mehr gibt‘. Ich hatte also an Orte gedacht, die zum Beispiel durch den Braunkohleabbau verschwunden sind. Aber auch sie sind nicht eigentlich verschwunden, denn sie leben in den Erinnerungen ihrer einstigen Bewohner fort, manchmal wurde die Kirche umgesetzt, der Friedhof. Gemeint sind aber Orte, die heute zu anderen Ländern gehören. Inwiefern zum Beispiel Stettin verschwunden ist, konnte die Ausstellung nicht erklären. Ich kaufe hin und wieder in Stettin ein, habe im vorigen Sommer eine sehr schöne Weiterbildung über den Vergleich der beiden wiederaufgeblühten Städte Greifswald und Stettin gemacht. Meine Kollegen waren begeistert und überrascht. Da ist nichts verschwunden.

Ich vermute, dass so ziemlich jeder Mensch weiß, warum diese Städte, Dörfer und Landschaften heute nicht mehr zu Deutschland gehören. Nicht aber die Ausstellung. Sie gibt folgende ‚Ursachen des Verschwindens‘ an: ‚Entvölkerung, Kriegszerstörungen, Grenzziehungen, Entfernen von Symbolen, Kirchenfeindlichkeit und Atheismus, Preussenhass [originale Falschschreibung] und Klassenkampf, Enteignung und Planwirtschaft, städtebauliche Neuordnungen, selektiver Wiederaufbau‘.  Nicht der Krieg war schuld, den Deutschland begonnen hatte, sondern der falsch geschriebene ‚Preussenhass‘? Nicht der Rassenwahn unserer Vorfahren war schuld, sondern der Atheismus der Feinde? Es gibt keine Rassen und was Himmler und Hitler da anstifteten und unsere Vorfahren ausführten, war kein Wahn, sondern leider Wirklichkeit.

Wenn wir aber diese Wörter nicht aus unserem Wortschatz entfernen, wird der unselige Geist weiter, wenn auch nur heimlich und marginal, über uns herrschen. Allerdings darf man den Wortschatz nicht administrativ ändern, dann erscheint den potentiellen Widerständlern die Demokratie als Diktatur und der Autokrat als Problemlöser.

Diese Stiftung, so jedenfalls legt es die Ausstellung nahe, ist immer noch freiwillig und sogar mutwillig und wider besseren Wissens im Gefängnis veralteter Vorstellungen. Der einzige Lichtblick in diesem muffigen Gestern war ein Film über einen in Polen verbliebenen deutschen Bauunternehmer, der in  Raciborz  das Eichendorffdenkmal ausgegraben hat, in der Ruine des Eichendorffschlosses in Łubowice eine Gedenkstätte betreibt und Eichendorff als Dichter der europäischen Romantik sieht.

Der Mensch verändert sich, man mag das bedauern, unser Haus verändert sich, die Stadt, in der wir leben, ist morgen eine andere als sie heute war. Ein Land verändert sich auch, wenn es keinen Krieg gibt. Veränderungen sind die Ergebnisse des Generationskonflikts, von Einwanderungen und Auswanderungen, von Leben und Tod. Das Dorf Wallmow, hier gleich um die Ecke, ist zweimal komplett nach Amerika ausgewandert und dreimal komplett durch Einwanderer ausgetauscht worden, aber nicht durch Politiker, die das wollten und anordneten, sondern durch Wanderung, durch Migration, durch freie Menschen.

Jeder verteidigt seine Idylle. Es gibt keine Idylle.

HILFSSCHULE DER DIKTATOREN

 

Nr. 220

Die Schule der Diktatoren ist eine bitterböse Komödie von Erich Kästner, die 1957 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde. Sie handelt davon, dass verschwörerische Drahtzieher, so die höchst aktuelle Wortwahl, austauschbare Ersatzdiktatoren bereitstellen. Auch die Verschwörer sind austauschbar. So ist nichts real außer den Hintermännern. So kommt vielen heute die Welt vor und Kästner, der kettenrauchende Spötter, hätte wieder einmal recht gehabt. Dass man halbwegs begabte Schauspieler dazu bringen kann, die ziemlich dürftigen Stilmittel eines Diktators nachzuahmen, ist einleuchtend, aber warum lernen eigentlich Diktatoren nicht? Wie sind sie denn nach oben gekommen? In einer Demokratie wirkt es immer wieder verstörend, wenn ein völlig inkompetenter Mensch eine zeitlang eine Position einnimmt, die Fachkenntnisse voraussetzt. Man kann Kompetenz auch spielen, sagen Felix Krull und Tom Henks. Es gibt in der Politik also noch eine andere Dimension als die Kompetenz, und das ist die Loyalität. Auch der demokratische Politiker braucht Stimmen und Claqueure.  Der Diktator lebt allein von ihnen. DER SPIEGEL, der soeben seine siebzigsten Gründungsausgabe feierte, hatte zum Beispiel einen grinsenden Stoph mit martialischer Armeegeneralsuniform als Titel (29/1959) und fragt scheinheilig oder naiv: Was will der DDR-Verteidigungsminister. Wir wissen heute, dass er gar nichts wollte, nur nach oben. Er hatte einen schlechten Ruf, aber alles geschafft, nach dem Verteidigungsminister wurde er Ministerpräsident, dann Staatsratsvorsitzender, dann wieder Vorsitzender des Ministerrats. Er war für nichts verantwortlich und seine letzte Rede ging so: Fragen Sie Herrn Honecker. Dann trat er ab und starb. Allerdings bleibt er ein Muster für den ergebenen Parteisoldaten, der außer zustimmen nichts kann und muss. Man wird nicht umhinkönnen anzunehmen, dass auch heute Parteien, die zu lange regieren, dies nicht nur mit kompetenten Leuten tun.

Der Diktator kann nur überhaupt keine Gegenstimmen mehr ertragen, das mag in seiner Regierungspartei, die schon längst zu einem Abstimmungs- und Jubelverein verkommen ist, Sinn machen. Aber warum müssen alle Journalisten, Dichter, Lehrer, Staatsanwälte, überhaupt Regierungsbeamte verfolgt oder sogar erschossen werden? Vielleicht, erstens, sind die Diktatoren genau jene Politiker, die von einem bestimmten Teil ihres Volkes dazu auserkoren sind, den gewünschten Polizeistaat zu errichten. Es sind das die Menschen, die tatsächlich glauben, dass, als die Köpfe noch abgeschlagen wurden, weniger gemordet wurde. Faktisch ist es nicht so. Der Staat, der sich anmaßt, das eherne Gesetz zu brechen, erzeugt Gesetzesbrecher. Die Kriminalität sinkt, wenn das Gesetz und der Staat das Leben und die Würde des Menschen achten. Gerade die Gewaltverbrechen gehen, wie bei uns in Deutschland, krass zurück. Man kann ziemlich sicher sein, dass auch die Neubürger sehr schnell diesen Zusammenhang lernen werden. Verbrechen insgesamt sind allerdings weder durch den Polizeistaat noch durch sein Gegenteil zu verhindern. Die zweite Möglichkeit wäre, dass die Diktatoren intelligenter und gebildeter sind als gemeinhin angenommen. Dann könnte es sein, dass sie die Menschen nur glauben machen wollen, dass jetzt der Staat gekommen sei, in dem endlich alles rechtens und richtig sei. Mit Recht wird immer auch Gerechtigkeit verbunden, wobei übersehen wird, dass zum Beispiel die soziale Durchlässigkeit der Wohlfahrt und Bildung viel wichtiger ist als Gerichtsurteile. Der potentielle Delinquent ist immer in der Schule besser aufgehoben als im Gefängnis. Selbst bei Hitler, wenn man seine allerdings umstrittenen Gespräche mit Herrmann Rauschning zur Grundlage nimmt, könnte dieser zweite Fall vorliegen, wenn man nicht auch wüsste, wie er 1934 und 1945 gegen seine getreuesten Mittäter wütete. Stalin aber, der seine zweite Frau am Abendbrottisch erschoss und aus dem Fenster warf, scheint an die Allmacht der Strafe und Abschreckung tatsächlich und immer geglaubt zu haben.

Die dritte Möglichkeit ist, dass sie einfach und tatsächlich panische Angst hatten. Die hatten und haben sie tatsächlich, denn sie glauben, dass die Gegenseite, heute oft Gutmenschen genannt, zu ebenderselben Rache greifen wird, wenn sie die Möglichkeit dazu hat. Das passiert auch, wenn die Gegenseite gar nicht die Gegenseite ist, wie zum Beispiel bei Ceauşescu Weihnachten 1989. Viertens schließlich, dafür sprechen alle diese unsäglichen Biografien, kann es sein, dass die Diktatoren einfach keine andere Idee hatten und haben, als die ihnen zu Hause eingebläut wurde. Damit schließt sich der Kreis zur ersten Möglichkeit.

Wie kommt man ausgerechnet Weihnachten auf diese Gedanken?

E.T.A. Hoffmann hat eine der schönsten Weihnachtsgeschichten geschrieben, Nussknacker und Mausekönig. In dieser Geschichte versetzt sich der große Dichter und mit ihm seit genau zweihundert Jahren seine Leser in die Kinder, die zugleich die Protagonisten der Geschichte und der Geschichte in der Geschichte sind. Realität, falls es sie überhaupt gibt, geht mit der märchenhaften Fiktion ein perfektes Bündnis ein. Immer tiefer gelingt es der Erzählung, die möglichen Gefühle wirklich zu machen. Die Hässlichkeit wird zur Schönheit. Das sogar von Gneisenau und Scharnhorst gelobte Militärische der Erzählung wird zum Kinderspiel. Der Nussknacker gewinnt nicht nur den Krieg, sondern auch das Herz. Vielleicht ist es das, was die Diktatoren fürchten.

An Hoffmann ist es so faszinierend, dass er, während wir kaum unsere eindimensionalen Pflichten erfüllen können, neben seiner Tätigkeit als Kammergerichtsrat Kapellmeister in Bamberg war, Komponist, Bühnenbildner, Dichter und Karikaturist. Nur der erste und die letzten beiden Berufe kollidierten miteinander. Er bekritzelte in Preußen hochgeachtete und weit überschätze Akten, er machte sich über nichtswürdige Kollegen lustig. Schließlich wurde er, obwohl hochgeachtet, polizeilich verfolgt, sogar durch den Innenminister Kaspar Freiherr von Schuckmann persönlich. Hoffmann hatte in seiner Erzählung Meister Floh ein Wort (‚mordfaul‘) aus den Akten der Untersuchungskommission benutzt, das der Innenminister als Beweis für den geplanten Umsturz durch einen Studenten angesehen hatte und Hoffmann dadurch kannte, dass er widerwilliges Mitglied dieser Kommission war. Er hatte zum Beispiel in einem Gutachten den so genannten Turnvater Jahn, der später auch der Großvater der Nationalisten wurde, von rechtlicher Verantwortlichkeit freigesprochen, Gesinnung, meinte Hoffmann sehr heutig, sei keine Straftat. Aber Hoffmann wurde nicht nur vom Innenminister verfolgt, sondern auch von seiner Syphilis. Es war ein schrecklicher Wettlauf. Die Syphilis gewann, der Innenminister beschimpfte Hoffmann noch lange nach dessen Tod. Er, der Freiherr von Schuckmann, der Weihnachten 1755 geboren worden war, liegt heute in einer sehr schönen Gruft in Battinsthal in Vorpommern, die im Schinkelstil für ihn errichtet wurde. Man findet sie kaum. Hoffmann dagegen ruht in den Herzen der Kinder aller Altersstufen und aller Erdteile, wenn sie die wunderbare Geschichte von Nussknacker hören oder sehen, denn Tschaikowski, noch so ein gefährlicher Träumer, hat sie mit genauso wunderbarer Musik für ein Ballett versehen.

BETRACHTUNG ZUM 34. NEUJAHRSGEDICHT

rst-vademecum 34   für  2017

 

bloßes grübeln macht uns krank

bitterböses kreisverkehren

zeitgeistkübel die vergären

und zum schluss bleibt zoff und zank

 

weiß wer wie titanic sank

kann er auch das all belehren

wo sich tausend gründe queren

schwindet nichts im schredderschrank

 

und wer schwächelt kann nicht zehren

früher half das hirn zu leeren

dass man fliegenpilze trank

 

dass wir wieder wildwuchs werden

statt empörer mit beschwerden

hilft uns nur gedankengang

 

Von C.G. Jung stammt der schöne Satz, dass Denken schwer sei und dass darum die meisten Menschen urteilen. Dürfte man für urteilen, das noch einigermaßen neutral klingt, das alte Wort richten einsetzen, dann hätte man den Kommentarteil ganzer sogenannter sozialer Medien – gibt es denn auch asoziale Medien? – auf einen Satz heruntergebrochen. Indes gibt uns das Vademecum 34 einen anderen Ausweg nicht nur zu bedenken, sondern auch zu begehen: das Grübeln. Wer grübelt nicht, aber wer weiß nicht auch, dass Grübeln endlos ist, eine Schleife, ein bitterböser Kreisverkehr ohne Ende. Dabei ist ein Kreisverkehr eigentlich hilfreich, besser, kürzer, optionaler als eine Kreuzung mit oder ohne Vorfahrt. In der barocken Manier der Hyperbel werden die Endlosschleifen des Grübelns mit den sprichwörtlichen Kübeln (achten Sie auf den Binnenreim!) voller Unrat, in diesem Fall des Zeitgeists, verglichen. Wer einen solchen Kübel voll Zeitgeistscheiße je auf den Kopf geschüttet erhielt, weiß, dass er ohne Zank, Zoff, Streit und vielleicht sogar Hass nicht wird weiterleben können. Die für die ersten beiden Quartette (Vierzeiler) eines Sonetts übliche Aufzählung der Schlechtigkeiten der Welt wird diesmal, es ist immerhin das vierunddreißigste Mal, mit einer Betrachtung über die Dummheit oder jedenfalls Sinnlosigkeit der Warumfragen fortgeführt. Die vermeintliche oder tatsächliche Bösartigkeit der Welt wird also hier in den immer  sinnlos wiederholten Fragen gesehen. Zwar sind Fragen an sich weiterführender als Antworten, die auf ein Ende, einen Abschluss, eine Lösung hindeuten, aber Fragen zu stellen, die keiner beantworten kann, ist genauso falsch wie Antworten zu geben, die zur vorschnellen Befriedung führen. Das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. In seiner berühmten Antrittsvorlesung ‚Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?‘ hat Prof. Dr. Dr. Schiller seinen Studenten in einer schier endlosen Aufzählung vor Augen zu führen versucht, wieviele, nämlich unendliche viele, Elemente notwendig wären, die Frage nach dem WARUM zu beantworten. Sein bildhafter Vergleich war die einfach erscheinende Frage: Warum wir hier in diesem Raum zu dieser Stunde zusammenkamen? Spielen Sie diese Frage einmal auf einer der nächsten Silvesterpartys durch, gerne auch mit ein paar Flüchtlingen, die Sie hoffentlich dazu eingeladen haben. Das Vademecum nimmt nun genauso launig die Frage als Beispiel, dass, wer wüsste, warum und wie die Titanic sank, auch das All mit all seinen Alliterationen belehren könnte, das der Lenker aller Dinge geschaffen haben mag, wenn es ihn gibt, und hier verbietet sich der fast schon abgestorbene Konjunktiv, weil der wahrhaft Glaubende durch ihn verletzt sein könnte. Überall queren sich Gründe und Wirkungen. Im postfaktischen Zeitalter, von dem einige glauben, dass es als Antimerkelismus jetzt erst begann, das aber genauso alt ist wie das faktische Zeitalter, verwechseln so viele Menschen die Tatsache mit der Meinung. Man kann sich jeden Fakt in Sekundenschnelle – wir wollen nicht sagen: beschaffen, dazu bedürfte es eines online-3-D-Druckers – vergegenwärtigen, genauso schnell sind Meinungen eingeholt, aber jetzt kommt das wirklich Neue: jede noch so absurde Meinung wird auch in Sekundenschnelle bestätigt. Wir können also kiloweise Meinungen produzieren und vernichten, Sekunden später sind sie wieder auferstanden (sozusagen aus den Ruinen des Aktenschredders [erinnern Sie sich ruhig einmal an die Monate und Jahre nach 1990, als Kilometer über Kilometer Akten von ihren fassungslosen Verfassern zerrissen und dann von arbeitslosen Losern wieder zusammengeklebt wurden]), das Echo hallt aus dem Netz wider. Wenn Storm noch Nachtigall auf Widerhall reimte, so reimt sich Stordeur heute Schredderschrank und Netzecho zusammen.

Das Sonett folgt seit der Renaissance strengen Regeln. Das rst-vademecum spielt seit vierunddreißg Jahren mit den Regeln und dem streng gegliederten Inhalt, aber auch darin folgt es nur den Vorbildern. Nach den beiden Quartetten erscheinen die beiden Terzette (Dreizeiler). Sie wechseln langsam zu der erwünschten Erkenntnis, die in diesen Neujahrsgedichten ironisch dazu aufrufen, dem Autor gedanklich zun folgen. Früher war das Vademecum ein Lehrbuch, eine Prüfungsvorbereitungskladde, im englischen Sprachraum gar eine Lebensanweisung für Lehrlinge von Samuel Richardson, dem Erfinder des Briefromans, des Frauenromans und des Liebesromans. Diese, auch wieder ironisch gemeinte Aufforderung beschränkt sich diesmal auf die letzte Zeile, allerdings wird in der vorletzten Zeile auch schon vor Empörern mit ihren ewigen Beschwerden gewarnt. Empörer hat es natürlich schon immer gegeben. Das Geschwafel der Wasch- oder Marktweiber war sogar einem einzigen Geschlecht zugeordnet, das damals zur faktischen Untätigkeit verurteilt war, aber war es auch zur Meinungslosigkeit gezwungen? Vielmehr können wir, und die Brüder Grimm sind unsere Zeitzeugen, davon ausgehen, dass das Narrativ bei den Frauen so gut aufgehoben war, dass der Ort des Erzählens zum Substantiv des kreativen Tuns wurde: die Spinnstube, das Spinnrad, das Spinnen. Die Gleichheit der Tätigkeiten der Spinnerin und der Spinne führte auch zu dem antihierarchischen Gedanken des Netzes, der Vernetztheit, der Gleichrangigkeit aller Gedanken und Fakten und ihrer mystischen, heute elektronischen, Verbundenheit. Man kann die Spinne täuschen, indem man statt durch eine Fliege, musca domestica, durch eine Stimmgabel die Schwingung erzeugt, die die Spinne glauben macht, dass die Zeit zum Essen gekommen sei. Nicht die Vorsorge oder der vermeintliche Egoismus ist der Unterschied, sondern das soziale Netz der Vorsorge, die Breite der Nächstenliebe oder Fremdenliebe, um nicht zu sagen Feindesliebe – denn allein durch sie wird bewirkt, dass es keine Feinde mehr gibt -, aber das predigt der berühmteste Jude der Welt, der den Christen ein Heiland, den Muslimen ein Prophet, den Menschen aber anscheinend ein Gräuel ist, seit zweitausend Jahren vergeblich. Wenn dich etwas ärgert, sagte er wohl auch, reiß es aus, und unser Vademecum-Dichter dichtet dazu passend: dass und wenn man es nicht beim Empören belassen sollte, dann gingen auch die Beschwerden wie von selbst weg. Wie. Das Spiel mit dem über drei Strophen gleich bleibenden Reim wird, ganz zur Bestätigung des Inhalts im letzten Terzett in zwei Paarreimzeilen aufgegeben. Aber der Rapper hört hier mit: nur zugunsten einer Assonanz wird der Reim aufgegeben, vielleicht, um moderner zu wirken, vielleicht hofft der Autor, von Banksy an einen Zaun gesprüht zu werden, vielleicht, weil er den Inhalt dann letztendlich doch nicht nach dem Reim verbiegen wollte. Denn man muss sagen: das Barockzeitalter, wiewohl es für immer vorbei ist, war groß im Variieren und Permutieren, aber genauso unsinnig groß im Worteverdrehen. Das erste Terzett lebt von der Anspielung auf die Allgegenwart der Drogen aller Art. Solange der Mensch denken kann, vernebelt er sich sein Hirn, und muss er es auch vernebeln, denn es ist zwar von riesiger Fasskraft, aber die Welt ist größer. Der Mensch muss sortieren, ordnen, naturwidrig hierarchisieren, archivieren. Die Welt ist nicht nur zu groß für das Hirn, sondern auch zu schwer und zu böse. Jedenfalls erscheint ihm, dem kleinen Menschen, jeder zweite Stein zu schwer, jede Falle zu tief, jedes Tier zu böse, das Schicksal – falls das mehr sein sollte als die Auflistung der Lebensfakten – gegen ihn gerichtet, immer nur gegen ihn. Aber neben ihm sind noch sieben Milliarden anderer Menschen, die sieht er nicht, der kleine Mensch. Deshalb ist er klein. Aber er wird groß und größer, wenn er sich daran macht, die Welt zu malen, zu tanzen, zu schreiben, zu singen, auf dem eigens dafür gebauten Klavier nachzuspielen, auf dem Theater nachzuspielen, auf dem Fußballplatz nachzuspielen, gar auf dem Schachbrett nachzuspielen, wir haben uns so sehr in das Wort nachspielen verliebt, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir die Welt nachspielen oder die Welt uns. Denn: am Anfang war das Wort, egal ob wir jetzt glauben, dass es das Wort Gottes war oder das Wort des sich aufrichtenden Primaten, der seine Greif- und Bastelhand mit Wohlgefallen betrachtete, es ist einerlei, was wir glauben, wichtig ist nur, dass wir glauben. Denn das Glauben kommt zuerst und ist konstant, das Wissen ist dem Glauben nachgeordnet und immer historisch. Was wir gestern wussten, haben wir nicht nur vergessen, wir können es auch getrost vergessen.

Stellen wir uns vor, dass ein Yanomami-Indianer aus dem Amazonasdelta in der Berliner Philharmonie die dritte Beethoven-Sinfonie hören und niemand sich daran stören würde, dass er barfüßig und halbnackt wäre. Vielleicht würde er die für uns wunder- und leicht deutbare Musik als Lärm empfinden, als Rauschen, als einschläfernd, als Droge wie einen Fliegenpilz-Cocktail, wir wissen es nicht. Aber was wir wissen: von unserem Genuss, von unserem Verständnis, von unserer Interpretation trennt ihn nur sein Vorleben, so wie unser Vorleben uns von dem Verständnis der Yanomami-Musik trennt. Nur ein dummer Hierarchieglaube, der falsche Glaube, dass es über- und untergeordnete Systeme gäbe, konnte uns dazu bringen anzunehmen, dass unser Verständnis der Welt einschließlich der dritten Beethovensinfonie das bessere, weil höhere sei. Nur ein blinder Technikglaube konnte uns verführen, die Schäden unserer Lebensweise zu übersehen. Vom Abschlachten der Indianer und in diesem Jahr von achtundvierzig Millionen männlicher Küken bis zur CO2-Sättigung der Erdatmosphäre durch Energieverschwendung spricht alles gegen uns und für die Indianer. Das erkannt zu haben, ist das Verdienst von Rousseau, dem wir auch den Gedanken des Gesellschaftsvertrags verdanken, der mit seinem edlen Wilden sich dem Zivilisationsmenschen haushoch überlegen glaubt, darauf spielt unser Vademecum in der zwölften Zeile an. Weshalb sich also der Yanomami eine Beethovensinfonie nicht sofort aneignen kann, sondern erst Übung in dieser Tonsprache braucht, so wie man für jede neue Sprache Zeit und Übung benötigt, leuchtet sofort ein. Aber warum versteht der gewöhnliche Mitteleuropäer angeblich ein in seiner Sprache geschriebenes Gedicht nicht, obwohl er acht, neun, zehn oder zwölf, gar dreizehn Jahre zur Schule gegangen ist? Er versteht es nicht, weil er solange zur Schule gegangen ist.

‚In einem kleinen Apfel, da sieht es lustig aus…‘ lernen wir als kleine Kinder und kein Kind kommt auf die Idee, dass hinter dem Lied, das den Apfel zur Metapher für ein Haus macht, das Haus aber im Gegenzug zur Metapher für den Apfel, das die Kindheit, das Keimen und Wachsen und Reifen erklärt, und heute etwas unverständlich eine anthropomorphe Sinnhaftigkeit unterstellt: die Kerne des Apfels träumen in dieser Dichtung davon, als fertige Äpfel am Weihnachtsbaum zu hängen. Leider, wissen wir heute und lernt jedes Kind, das zunächst von diesem entzückenden Lied begeistert war, gibt es einen Sinn nicht an sich, sondern nur, wenn wir ihn suchen und finden, was nicht jedem gegeben ist. Aber hinter dem Lied etwas anderes zu vermuten als der Text bildlich zeigt, auf die Idee kommt kein Kind und muss kein Erwachsener kommen. Wir werden durch Regeln verbildet. Wir suchen, wie manche Blinde, den Stock und nicht den Weg. Wir sehen, wie es früher hieß, den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir leben in einer Welt voller Metaphern – WELT1RAUM2BAHN3HOF4 – und wollen ein Gedicht nicht mehr verstehen? Es gibt neuerdings Texte, in denen die Autoren Metaphern in Anführungszeichen setzen – also etwa:  In ‚einem‘ ‚kleinen‘ ‚Apfel‘ da ‚sieht‘ es ‚lustig‘ aus -, in Talkshows, die schon an sich albern sind, machen viele Schwätzer die albernen amerikanischen Gänsefüßchen mit jeweils zwei Fingern ihrer beiden Hände und sagen dazu Ironiemodus ein oder aus; das alles führt dazu, dass wir einen Text lesen, sei er gut oder schlecht, sei er lang oder kurz, und sofort sagen: das verstehen wir nicht. Das verstehen wir nicht mehr, weil wir es nicht mehr verstehen wollen. Wir wollen es erklärt bekommen, wir wollen Regeln, Fußnoten, Links dazugeliefert erhalten. Wir sind es gewohnt zu googeln statt zu denken. Aber wer sich jetzt im Vorteil wähnt, weil er gar kein Internet hat, dem sei gesagt: noch dümmer, weil suggestiver, ist das Fernsehen. Die Menschheit verblödet nicht, sondern sie verfault. Sie schafft sich Maschinen, die das Denken, die Arbeit, die Kraftanstrengung abschaffen. Unser klassisches Beispiel dafür sind die elektrischen Läutewerke der Kirchenglocken, die gerade in dem Moment erfunden und angeschafft wurden, als ein Viertel der Menschen dazu verurteilt war, am Fenster zu sitzen und auf das Glockenläuten zu warten: denn wer schwächelt kann nicht zehren. Ohne Komma. Dann schlurft der Rentner zum Pfandflaschenverschluckautomat statt mit dem Pfandflaschenannehmer über das Wetter oder die Weltraumbahnhöfe Baikonur, Cape Canaveral oder  Kourou in Französisch-Guayana zu reden.

Denken Sie einfach darüber nach und legen Sie nicht jeden Text nach zwei Minuten aus der Hand, was neuerdings oft auch darunter steht: Lesezeit zwei Minuten. Wer einen Text liest, wird sein Autor. Lesezeit: ein Leben lang. Das ist keine Feststellung, sondern eine Aufforderung zum Lesen und Träumen, zum Verstehen und Missverstehen.

Marion Ette-Bollwerk

EMANZIPATION

Nr. 219

Das Fest ist gefeiert. Das Lametta ist verworfen. Es bleiben Müll und Gedanken. Weihnachten, einmal abstrahiert von all dem verkünstelten Kitsch, ist auch ein Tag der Emanzipation, nicht des Menschen zu Gott oder Gottes zu den Menschen, sondern des Menschen zu den Menschen.

Um den heutigen – gedanklichen und begrifflichen – Zustand der Welt zu schaffen, mussten zwei Prozesse aufeinanderzulaufen, und man kann den heutigen Umbruchszustand auch verstehen als ein Zuschlagen der Türen zu alten Befindlichkeiten und ein Spüren des allerersten Hauchs einer ganz neuen Atmosphäre. Die eine Linie ist die Emanzipation, die andere die Demokratie, beide haben eine gleiche Gegenseite, die aufzubrechen war, die Hierarchie.

Jesus, der Held von Weihnachten, wurde, wie sein Vorgänger Mose, durch einen flächendeckenden Knabenmord bedroht. Man stellte sich die menschliche Fortpflanzung sozusagen nach ihrem äußerlichen und sichtbaren Teil männlich dominiert vor und glaubte bis in die Neuzeit, dass man ein Volk dezimieren oder sogar ermorden kann, wenn man die Männer tötet. Frauen galten bis in die Renaissance hinein als bloße Gefäße der Virilität, nicht als ihr ebenbürtiges Gegenstück oder noch besser gleichartiges Komplementär. Nachträglich lässt sich leicht spotten: es ist umgekehrt, mit einem Mann kann man tausend Kinder zeugen, wenn man tausend Frauen hat, aber mit tausend Männern kann man nur ein Kind zeugen, wenn man nur eine Frau hat. Indessen wissen wir, dass Völker ohnehin keine konstanten Größen sind. Es gibt keine nationalen Eigenschaften, die Wertigkeiten abbilden würden. Neunundneunzig Prozent des genetischen Materials des Menschen sind identisch, nur ein Prozent zeigt sich als individuelle Besonderheit. Wo ist der Todesmut der Hunnen oder Mongolen anders als im Grab, wo er hingehört. Erfolg ist genauso flüchtig wie Misserfolg. Alle großen Reiche brachen sich an ihrer eigenen Hybris. Während ihrer Existenz aber verweisen sie immer auf Quantitäten, wie zum Beispiel EIN SECHSTEL DER ERDE oder WELTRELIGION, weil es Qualitäten nicht gibt. Religionen und Ideologien verbreiten sich demografisch und nicht nach dem Wahrheitsgehalt. Wahre Multikulturalität widersetzt sich der Dominanz, sonst wäre es keine Multikulturalität, sondern Hierarchie. Jugoslawien ist nicht am Zusammenleben der Völker oder Religionen gescheitert, sondern an der immer wieder durchgesetzten und zuletzt implodierten Dominanz der Serben.  Übrigens widersetzt sich jeder der Dominanz, und sei es durch Lethargie oder ihre Steigerung, den Tod.

Die Frau musste sich, so merkwürdig uns das heute vorkommen mag, in einem vieltausendjährigen Prozess emanzipieren. Viele Berufe, die früher Frauen verboten waren, sind heute sogar typisch, so gibt es in Westeuropa viele Lehrerinnen, Ärztinnen, Richterinnen. Die oberste Richterin der Welt ist eine schwarze Frau. Die Schwarzen, überhaupt die colored nations, deren gewitzteste Vertreter zurecht darauf verweisen, dass ihre Farbe weitaus konstanter ist als unsere, die wir erröten und erblassen, müssen an vielen Orten der Welt immer noch um ihre Anerkennung fürchten, werden diskriminiert oder schlecht behandelt. Im Gegenzug glauben viele Europäer und weiße Nordamerikaner, dass sie persönlich das Automobil erfunden hätten, weil sie weiß sind. Die neuesten fremdenfeindlichen Parteien behaupten, dass sie nicht gegen die Fremden sind, sondern gegen deren Religion.

Erst im neunzehnten Jahrhundert, in der Folge der Aufklärung konnte sich das Individuum als eigenständige Rechengröße durchsetzen. Bis dahin hat man Menschen nur als Angehörige von hierarchisch geordneten Gruppen wahrgenommen. Die theoretischen  Höhepunkte dieser schädlichen und falschen Ansichten von den Rassen, Klassen, Nationen und Glaubensgemeinschaften lagen im neunzehnten Jahrhundert, praktisch wurden sie alle in den Weltkriegen falsifiziert. Im neunzehnten Jahrhundert entstand aber auch durch Industrialisierung und Romantik gleichermaßen die neue Welt des universellen permanenten Narrativs, der Erzählung, die alle Menschen jederzeit und überall umfasst. Es ist eine Erzählung mit unendlich vielen seriellen Fortsetzungen. Das Smartphone ist sein Vehikel.

Die Emanzipation des Schwarzen wurde schon erahnt und gekoppelt mit der Emanzipation des Kindes durch das Auftreten der drei Könige aus dem Morgenland, deren einer vielleicht aus dem heutigen Äthiopien, dem damaligen Reich Axum kam. An der Bezeichnung und an ihrem Verbleib in Köln kann man schon die Verwirrung ablesen: auch Jesus wurde im  Morgenland geboren, die Könige kamen vielleicht eher aus dem Süden. Merkwürdigerweise werden solche Botschaften auch gerne vergessen. Der schwarze König wurde so gründlich vergessen, dass man heute dem erstaunten Flüchtling erklären muss: ja, wir kennen euch schon lange, die Botschaft von euch war schon lange vor euch da. Zwischen der alten Kenntnis und heute lagen schwarze Zeitalter.

Die drei Könige als Metapher für den Fremden, für den Migranten, ist die verschüttete Botschaft, obwohl in Italien und im Rheinland die Kinder sich die Gesichter schwärzen wie ein Othello, wenn sie am Tag der drei Könige um Geld und Güte singen.

Andererseits hat die Abwehr des Fremden auch gar nichts mit der Hautfarbe oder überhaupt mit der Herkunft zu tun. Als Ende 1944 und im ersten Halbjahr 1945 vielleicht zehn Millionen Deutsche aus den verlorenen Ostgebieten und aus Angst vor den jahrelang als Angstgespenst aufgebauten Russen flohen, wurden sie in Mittel- und Westdeutschland nicht freundlich aufgenommen. Der absurdeste Vorwurf war die Migration selbst. Allerdings haben die Geflohenen auch ihre Vertreibung kultiviert und natürlich nicht ihre Mitschuld. Das oder der Fremde wird auch dann abgelehnt, wenn es der eigene Verwandte ist, wie man übrigens auch auf jeder größeren Familienfeier beobachten kann.

Das alles habe ich am gestrigen Abend gedacht, als ich wieder einmal auf einem wackligen Stuhl (‚ach hier sind unsere Milliarden‘) im Asylbewerberheim saß. Die Konstellation, auf die man trifft, ist immer eine andere, mal ist der da, mal jener. Und gestern war dieser eine da, der mir schon lange seine Geschichte erzählen wollte. Es war eine Geschichte von seiner Familie, an die er immer denken muss, die aber auch nur mit ihm eine Chance hat, von Gefängnis, Soldaten, Handschellen, Flucht, Diskriminierung, Unverständnis. Dieser Flüchtling spricht immer sehr leise und eindringlich. Aber das kommunikative Rauschen des Weltnarrativs waren in diesem mehr als fragilen Refugium ein Smartphone, das auf dem zum Tisch umfunktionierten Regal lag und deutsche Unterhaltungsmusik reproduzierte, und ein Uraltfernsehgerät, das einen deutschen höchst fragwürdigen, verkitschten Liebesfilm in beträchtlicher Lautstärke anbot, den keiner wollte und der doch seinen Sinn hatte. Das war die Stunde dieser Geschichte. So wird diese Geschichte in das große Narrativ eingehen. Nie werde ich die – erzählten – sudanesischen Soldaten mit ihren Handschellen vergessen, die ein neunzehnjähriges Mädchen ins Gefängnis warfen, aus dem sie erst das Geld aus Deutschland befreien konnte.

Vielleicht ist es diesem Jahrhundert vorbehalten gewesen, den Fremden zu emanzipieren.