MERKELISMUS ODER TEAR DOWN THIS WALL

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Nr. 281

Sollte Merkel die laufende Legislatur nicht überstehen, so werden ihre Kritiker sagen, dass sie an ihren Fehlern scheiterte. Ihre Befürworter aber können triumphieren: ein solch langes Scheitern hat es in der deutschen Politik noch nie gegeben. Möglicherweise erhält sie sogar eine eigene Kategorie (wie Quislinge, Gaullismus, Reagonomics, Thatcherismus): Merkelismus. Darunter würde man eine autokratische Herrschaft verstehen, die die Demokratie nicht beschädigt.

Die meisten Autokraten können und wollen mit Demokratie nichts anfangen, weil sie glauben oder glauben wollen, dass jede Mitsprache zu Mitbestimmung und damit zu Schwächung führt. Oppositionspolitiker, Journalisten, dann Generäle und Richter werden entlassen, eingesperrt oder gleich erschossen. Die nächste Stufe ist ihre Diskreditierung als Agenten eines feindlichen Systems. Und schließlich wird die Demokratie selbst als unfähig und schädlich für das Volk denunziert, welches diesen einen wunderbaren Führer verdient hat, wenn es ihm folgt. Das Volk ist immer, wer folgt. Jeder, der eine Gesellschaft auch nur einigermaßen nüchtern betrachtet, sieht, dass es Volk immer nur als definierte Menge geben kann, zum Beispiel als Staatsvolk, nie aber als ein undefinierter und undifferenzierter Brei von Menschen, die ihre Interessen aufgeben. Wer glaubt, dies träfe nur auf afrikanische oder lateinamerikanische Gesellschaften zu, fahre nach Belgien. Andersherum gesagt: es gibt deshalb verschiedene Politiker und Politikansätze, weil es Menschen mit verschiedenen, aber jeweils legitimen Interessen gibt. Die pluralistische Gesellschaft ist keine Gnade, die von oben gewährt wird, sondern Basisdemokratie, von unten gewachsene Vielfalt. Das Erschrecken über den von den Rechten so genannten Genderwahn ist die Ablehnung des Pluralismus. Sie glauben, Pluralismus sei gemacht, um die alte Ordnung zu stürzen. Unterdrückung ist Chaos, nicht Ordnung.

Jedem, der die Welt betrachtet, könnte klar sein: in den meisten Ländern geht es demokratisch zu, allerdings in verschiedenen Graden, Abstufungen oder sogar Arten. Die USA, eines der ältesten demokratischen Länder, haben die meisten Strafgefangenen und die meisten Opfer von Mord und Totschlag. Deutschland und Japan sind das ziemliche Gegenteil davon, unterscheiden sich aber deutlich im Arbeits- und Sozialsystem. Skandinavien ist die Musterschülergegend. Dass aber auch die Diktaturen und Autokratien divers auftreten, wird wohl erst jetzt richtig deutlich. Solange wir vor allem über Hitler, Stalin und Mao Tse Tung geredet haben, erschien Diktatur eineindeutig. Aber schon Piłsudski und Petain waren eine kategoriale Herausforderung. Putin, Erdoğan und Rodrigo Duterte stellen uns vor interpretative, aber sogar auch wirtschaftliche Schwierigkeiten, von den König Salman, einschließlich Kronprinz Mohammed, und Reformkönig Mohammed VI. ganz zu schweigen.

Am äußersten Rand der Demokratie, da wo sie in die Unbeweglichkeit übergeht, herrscht der Merkelismus.

Alle drei größeren CDU-Kanzler, Adenauer, Kohl und Merkel, hatten Rudimente des Autoritarismus in ihrer Amtszeit. Adenauer, dessen politische Begriffe aus dem neunzehnten Jahrhundert stammten, in dem er sein Studium und sein Referendariat abschloss, hatte kein Problem mit den Nazis Globke und Gehlen oder der Schließung der SPIEGEL-Redaktion. Zu seiner Entlastung muss man sagen, dass er seiner ersten Wahl 73 und bei seinem Rücktritt bereits 87 Jahre alt war. Kohl, von dem der schöne Brauch und auch das Wort ‚Aussitzen‘ stammt, was auch nicht gerade der Inbegriff demokratischen Handelns ist, erwies sich zum Schluss als Inhaber völlig veralteter und undemokratischer Moralbegriffe. Sein ‚Ehrenwort‘ in der Spendenaffäre galt ihm mehr  als der Rechtsstaat und dessen politische Würde. Er war zur Karikatur seiner selbst geworden.

Merkel stammt aus der DDR, was mit ihrem Demokratieverständnis insofern nichts zu tun hat, als sie erst 1989 und eher zufällig in eine politische Laufbahn geriet. Darüber hinaus ist es völlig albern, ihr ihre Tätigkeit, wenn es überhaupt eine war, in der FDJ vorzuwerfen. Das waren formale Funktionen, die fast jeder Mensch in der DDR einmal kurz innehatte. Ihre Gegner wollen ihr etwas vorwerfen, wissen aber nicht, was. Denn eigentlich verkörpert Merkel den Typ Politiker, den auch sie bewundern, dessen Autorität nicht aus dem Charisma, sondern aus dem Autoritarismus stammt.

Seit wann wurde Merkel als bedeutende Politikerin wahrgenommen? Seit der Finanzkrise mit der Bankenrettung und der Griechenlandkrise mit den Bürgschaften und der schleichenden Übernahme der griechischen Wirtschaft. Viele Menschen haben aber nicht das autoritäre an diesem neuen Agieren bemerkt, sondern das angeblich oder tatsächlich geflossene Geld. Die meisten Menschen haben keine Ahnung von Geld. Das ist auch nicht schlimm, weil sich niemand (niemand!) eine oder gar dreikommaneunacht Billionen Euro vorstellen können. Mit der Zahl Tausend hört unser Vorstellungsvermögen normalerweise auf. Das Wort Bankenrettung ist heute noch ein Pejorativ. Noch plastischer war ihr neuer Regierungsstil bei der Abschaffung (offiziell: Aussetzung) der Wehrpflicht zu beobachten. Während die CDU jahrelang die Wehrpflicht zu einer heiligen und nationalen Mission erklärt hatte, erschien es so, als ob der steinreiche und hochadlige Verteidigungsminister Reichsfreiherr von und zu Guttenberg im Alleingang diese dringend notwendige Modernisierung vorgenommen hätte. Dass er dann über seine wahrscheinlich gekaufte Dissertation, die er nicht nur nicht geschrieben, sondern auch nicht gelesen hatte, stolperte, bestätigt nur, dass Merkel damals schon bereit war, für den neuen Politikertyp (Macron, Kurz, Lindner, Kühnert, Trudeau) Platz zu machen, gleichgültig ob mit oder ohne Doktortitel. Fast noch deutlicher war die Wende in der Kernkaftwerkspolitik. Auch hier verharrte die CDU Jahrzehnte auf einem völlig überholten und schädlichen Standpunkt, da wir weder die Risiken der Atomkraft einschätzen noch die Brennstäbe entsorgen können. Der Tsunami, der das japanische Kraftwerk Fukushima hinwegfegte und unermessliches Leid brachte, drehte auch die Kanzlerin um hundertundachtzig Grad, ohne jemanden oder gar ein Gremium zu befragen.

Europa und Deutschland wurden schließlich gespalten durch ihren zum soundbite* verkommenen Satz aus der Bundespressekonferenz vom 31.August 2015:  Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Statt dessen wird der stark verkürzte Satz heute eher als ein Befehl einer überdrehten Kanzlerin zitiert: Wir schaffen das, wir haben das zu schaffen, wenn ich das will. Gerade ihre erbitterten Gegner im rechten Lager, denen die Art gefallen müsste, hören sozusagen das Gegenteil. Wenn Gauland als Bundeskanzler rufen würde: Wir schaffen das nicht, schließt die Grenzen!, würden sie jubeln. Aber was wäre das für ein Land? Dann wäre Deutschland ein schwaches Land, das in einer Krise paranoid reagiert, dessen Autoritarismus dann tatsächlich Befehlscharakter hätte.  Denn, erinnern wir uns an den Spätsommer 2015, als die Kanzlerin uns ermutigen wollte und als Millionen Menschen zu den Bahnhöfen und in die provisorischen Flüchtlingsheime strömten um zu helfen. Das war gemeint mit: Wir schaffen das!

Die Demokratie ist hingegen durch Merkel nicht angetastet worden. Fast könnte man sogar sagen, das Merkel-Paradoxon besteht darin, durch ihren autoritären, personalen Leitungsstil die Demokratie länger erhalten zu haben als das im Moment möglich ist. Allerdings erleben wir nicht das Ende der Demokratie, sondern eine Krise.

* ein anderer soundbite, nur wenige Meter von Merkels Satz entfernt gesprochen, war ‚tear down this wall‘. Reagan meinte am 12. Juni 1987 natürlich Mr. Gorbatchev, aber wenn wir heute die Welt meinen, wird der Satz nur noch richtiger.

HEIMAT II

 

Nr. 280

Ich bin in eine Gruppe hineingeboren worden, die weder eine Familie war, noch eine Heimat hatte. Wie gehetzt zog sie von einer brandenburgischen Kleinstadt in die nächste. Als ich fünf Jahre alt war, stand ich auf dem Turmbahnhof der Kleinstadt Doberlug-Kirchhain, deren sorbischen Namen die Nazis in einen deutschen gewandelt hatten, auf dem Weg zu meinen französisch benannten Verwandten. Dort glaubte ich zum ersten Mal, die Welt verstanden zu haben: es kreuzten sich zwei Bahnlinien der Nordsüd- und der Ostwestrichtung. Um die Welt zu verstehen, benötigst du n! Fakten und Synapsen – und schon hast du es. Wem die Zahl zu hoch erscheint, der lege erst einmal immer die doppelte Anzahl Fakten und Synapsen auf die Felder seines Schachbrettes. Damit kannst du jeden Großmufti in dir überwinden.

In diesen Kleinstädten gab es Vertriebene, die bei uns im Osten aber Umsiedler hießen, und bei denen es Mittagessen aus Schlesien, Ostpreußen, Hinterpommern und dem Warthe- und dem Sudetengau gab, ja, sie sagten Sudetengau, obwohl in der Zeitung Bruderland stand. Wie eine Antizipation des in der gegenwärtigen Jugendsprache wieder üblichen und fast inflationären Wortes Bruder, das der Bibel, Schiller und dem gesamtdeutschen Vokabular genauso vertraut war wie der sozialistischen Propaganda, kommt mir heute das merkwürdige Wort Bruderstaat vor. Denn der Staat ist niemandes Bruder. Nur der Bruder kann dem Bruder Bruder sein. Da ich keinen Bruder hatte, musste ich mir welche suchen.

Wir wohnten dann in einer Kleinstadt mit einer Russenkaserne. Die Soldaten waren eingesperrt. Wenn sie flohen, flohen sie nicht immer vor dem Sozialismus und der Mangelwirtschaft ihrer Blechnäpfe, sondern oft auch, was ich damals noch nicht wusste, vor der Dedowtschina genannten grausamen Herrschaft der dienstälteren über die blutjungen, wie Kinder wirkenden Soldaten. Tödlichen Ausgang der Dedowtschina gibt es auch heute noch.

Die Offiziere konnten sich zwar frei bewegen, aber sie waren geächtet und sie verachteten die Deutschen. Meine ersten Worte in einer fremden Sprache habe ich dort im gemeinsamen Spiel mit den Kindern der Offiziere erlernt und auch am Abendbrottisch. Sie waren sehr freundlich, aber die Väter wollten immer wissen, was mein Vater im Krieg gemacht hat. Zum Glück hatte ich keinen Vater, jedenfalls kannte ich keinen. Noch schlimmer ging es meinen Cousins: sie hatten keine Mutter, denn die war in Russland im Gulag. Aber das sagte man hinter vorgehaltener Hand.

Der erste Afrikaner, mit dem ich lange Gespräche führte und der viele Wochenenden bei mir verbrachte, war ein Partisan aus Südrhodesien, der in der DDR geschult wurde. Er zeigte mir an der Havel, wie er am Sambesi den Krokodilen entkommen war. Auf dem zugefrorenen Ruppiner See lief er und rief er: I am Jesus! Sein Pech war, dass er dem falschen Volk angehörte. Die Anhänger des bis vor kurzem dienstältesten und neben Isaias Afewerki und Kim Jong Un absurdesten Diktators der Welt erschossen ihn, als er in seine Heimat Zimbabwe zurückkehrte, um sie zu befreien.

Es hat mir sehr geholfen, dass meine ersten wirklich schönen und vertrauten Städte im Ausland zwei deutsche Städte waren: Danzig und Hermannstadt. In Danzig verschwanden damals gerade die Kaschuben, deren Verwandte ich aus Lübbenau kannte, und immer wieder geben sich Menschen zu erkennen, die auf der Gustloff oder auf der Kap Arkona Königsberg, Danzig oder Stettin entkommen konnten. Viele Jahre bereiste ich Siebenbürgen, sah noch die Geschlechtertrennung in den Dorfkirchen und die Äpfel an den Weihnachtsbäumen. Jetzt, ein Viertel Jahrhundert nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen zurück in die Heimat, wie sie sagen, obwohl sie heute noch von der süßen Heimat Siebenbürgen singen,  stürzen auch die Türme ihrer schönen, schönen Kirchenburgen ein.

Was ich also seit dem Turmbahnhof, der Russenkaserne, dem schlesischen Himmelreich und der Lügenbrücke in Sibiu  verstanden zu haben glaubte, war die Bikulturalität, wenn nicht sogar die Multikulturalität, obwohl es das Wort noch gar nicht gab. Ich bleibe im Konjunktiv, weil es einen Indikativ der Zukunft nicht geben kann.

Das Gegenargument wäre der uralte Pejorativ vom vaterlandslosen Gesellen. Ich dagegen glaube, dass es viel schwerer ist, Heimat als einen unverwechselbaren, monokulturellen Ort zu bestimmen, als anzuerkennen, dass wir jedes Fleckchen Erde mit anderen teilen.

Hört man sich Nationalhymnen oder Regionallieder an, so wird in jedem Song das Gleiche besungen und beschworen: das Vaterland, die Muttersprache, die Kindheit, die Wälder, Wüsten, Täler, Höhen, die süßer nie klingen als an eben dieser einen einzigen Stelle, von denen es unzählige gibt. Gläubige glauben zudem, dass ihre wahre Heimat im Jenseits ist. Kein Ort ist so schön, dass man nicht einen zweiten kennen würde. Also ist Heimat auch Gewohnheit, Erinnerung, Prägung. Man könnte von einem topical imprinting sprechen: wir sind von dem Ort geprägt, den wir zuerst gesehen haben. Später sagen wir: das ist unsere Heimat. Die meisten Menschen sagen: das war meine Heimat. Immer mehr Menschen sagen: das wird meine Heimat, weil Migration keine Ausnahme ist.

Man muss noch einen Gesichtspunkt bedenken. Die meisten Menschen früherer Zeiten waren an einen Ort gebunden. Für sie war Heimat immer auch Gefängnis. Ihre weiteste Reise war in die Kreisstadt. Urlaub gab es für die allermeisten nicht. Eine wichtige Quelle der Fernerkundung waren der Militärdienst und der Krieg. Er speiste Fremdenangst und Völkerhass, aber auch Neugier und Sprachkenntnis. Trotzdem kennt jeder die Geschichten, wie im ersten Weltkrieg die Waffen schwiegen und stattdessen plötzlich Weihnachtslieder erklangen. Das bekannteste Weihnachtslied seit zweihundert Jahren ist: Silent Night. Wenn man es von Mahalia Jackson gesungen hört, kann man ihre und seine Heimat vergessen.

Von dem großen Weltreisenden und Welterforscher Alexander von Humboldt stammen zwei schöne Erkenntnisse: dass es nämlich keine Weltanschauung ohne Weltanschauung geben könne und dass alle Menschen, die er getroffen habe, und das waren solche in allen Weltgegenden, gleich intelligent und emotional gewesen wären. An diesem Beispiel kann man auch lernen, dass eine Gegend, in diesem Falle Berlin, sowohl Heimat des größtmöglichen Kosmopolitismus, heute würden wir eher sagen größter Multikulturalität sein kann, wie auch Herd und Heimat maximaler Menschenverachtung.

Man kann also auf der einen Seite beklagen, dass Menschen an einem zufälligen Örtchen kleben. Man kann genauso beklagen, dass andere Menschen keinen solchen Ort haben. Nie war es aber richtig oder gut, Menschen für den Ort, die Hautfarbe, den Zufall ihrer Geburt zu verurteilen oder sogar zu bekämpfen. Im Falle des Mordes sollte man allerdings neu bedenken: ein Mord ist immer eine infame Tötung aus Berechnung, aus niederen Beweggründen, dazu zählen auch Mordlust und Sexualität, mit Häme und nach Plan. Warum muss man also die falschen und widerwärtigen Motive der Mörder sprachlich konservieren? Es gibt keine ‘rassische’ oder ‘rassistische’ Verfolgung. Es gibt keine Rassen. Es gibt keine Heimat. Niemandem gehört ein Land.

TRIVIA:

Alle Menschen waren/sind/werden Brüder/Schwestern. Du sollst deines Bruders Hüter sein. Die Grenze zwischen Nomaden und Sesshaften verläuft in den Menschen, nicht zwischen ihnen. Ich bin, weil wir sind: Ubuntu. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Es gibt nur eine Erde. Geld kann man nicht essen. Man ist als Mensch vergessen, wenn man nichts hinterlässt, was überall gilt. Wetteifert um gute Taten. The more I give the more I have.  Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.

[Randbemerkung der Randbemerkung: Jugendliche erfanden das Rad, eine Frau war der erste Autofahrer, ein Linkshänder relativierte das All, ein Schwarzer kreierte die moderne Musik und ein Schwuler den Computer. Hört auf, euch zu feiern.] 

HEIMAT

 

Nr. 279

Heimat ist ein typisch deutsches, unübersetzbares Wort, so wie Sehnsucht oder Heimweh. Aber haymatlos ist ein türkisches Wort. Das heißt, dass andere Sprachen dieses unübersetzbare, diese mystische gerne übernommen haben. Heimat meint eine Idylle, die aber, wenn sie zerbricht, Splitter von Hass hinterlässt. Solche Idyllen sind immer ahistorisch und tautologisch wie Regelwerke, also weder wahr noch evident.

War es nicht vielmehr so, dass die Menschen, als sie noch mehrheitlich und aus Existenzangst an Orte gebunden waren, den Begriff Heimat als einen Trost gegen die Angst des Existenzverlustes verstanden? Hieß Heimat damals nicht: nicht in den Krieg müssen, nicht vor dem Krieg, vor dem Hunger und vor der Pest fliehen müssen? Hieß es nicht bleiben müssen, aber leben können. Das gleiche Dilemma, aber umgekehrt, durchlebt der moderne flexible und mobile Mensch: er kann besser existieren, wenn er sein Haus verkauft und die besser bezahlte Stelle tausend Kilometer entfernt übernimmt. Tausend Kilometer waren früher die ferne, die unerreichbare Weite, wochenlanges Reisen. Heute ist man nicht nur in ein paar Stunden da, sondern findet dort die gleichen Lebensbedingungen vor wie zuhause. Ist es das, was die Heimatschützer bedauern?

War es nicht vielmehr so, dass die Allmacht des Krieges in Europa zwar vor siebzig Jahren endete, aber die Flucht und Vertreibung den Heimatbegriff mehr besetzten als die neu gewonnene Mobilität? Leider hat diese Flucht und Vertreibung, deren Ausmaß so groß war, dass man von einem Jahrhundert nicht nur des Völkermords, sondern auch der Völkerflucht sprechen muss, gezeigt, dass nicht etwa nur das tatsächlich fremde und exotische Leben abgelehnt wird, sondern auch seinesgleichen, wenn es von fernher kommt. Genauso stellte sich heraus, dass man unter ‚Zigeunern‘ nicht Juden, Sinti, Roma und Jenische meinte, sondern vermeintlich heimatlose Nomaden. Andererseits war Heimatlosigkeit gleichzeitig ein Opferbegriff.

War es nicht vielmehr so, dass Heimat einfach ein volkstümliches Synonym für Konservatismus war, für eine geschichtsvergessene Vergangenheitssucht? In einer ahistorischen Heimat lebte nach dieser Vorstellung ein homogenes, sich immer gleich (‚treu‘) bleibendes Volk. Es wurde, teils mit Absicht, vergessen, dass wir nicht nur in einer Wirklichkeit leben, sondern auch immer in dem Narrativ derselben. Das Narrativ nennen wir dann Ideologie, wenn wir es strikt ablehnen oder aber wenn es uns als das einzig richtige erscheint oder erscheinen soll. Aber wer will das zum Schluss noch unterscheiden können? Lebt man in einer Autokratie, so scheint einem deren Feindbild plausibel, weil wir schon als Individuen lieber an die Schuld der anderen glauben. Lebt man dagegen in einer pluralistischen Gesellschaft, so flüchtet sich der von ihr überforderte oder vernachlässigte Teil gerne in Verschwörungstheorien, die keineswegs neu sind. Geblieben sind uns die Worte und Bilder Sündenbock, Brunnenvergifter und Drahtzieher, die Befürchtung von der Entführung der Kinder und der sexuellen Übergriffe durch fremde hochpotente junge Männer. Mit dem Drahtzieher ist keineswegs der Beruf gemeint, der lange Zeit Spezialwissen und große Geschicklichkeit erforderte und in Altena im Sauerland sein Zentrum hatte. Wir meinen damit den ebenfalls fast ausgestorbenen Marionettenspieler. So viele Menschen können sich nicht in einem System systemloser Zufälle vorstellen. Sie blenden Schicksalsschläge und jahrzehntelange Erfolglosigkeit aus und glauben sich ihres Glückes Schmied.  Ganz sicher kommt diese Vorstellung aus der Kindheit, wo wir wirklich so weitgehend von unseren Eltern abhängen, dass wir unser ganzes Leben von ihnen, die längst tot sind, geführt werden wie Marionetten.

Wer an solch eine Heimat glaubt, der stellt sich eine ahistorische, tautologische Leere vor, die genauso wenig zurückkommt wie das Weihnachten unserer Kinderzeit. Besser ist es, sich das Heimatdorf oder den Herkunftsstadtteil als soziales Biotop vorzustellen, in dem, wie von Darwin beschrieben, alles miteinander vernetzt ist, nicht als Zweck-, sondern als Verhaltensgemeinschaft. Teleologische  Modelle des achtzehnten und utilitaristische des neunzehnten Jahrhunderts mag man als Vorboten der Freiheit begrüßen. Nur in solch einem sozialen Biotop lässt sich das Paradox lösen, dass wir nach Freiheit streben, aber Ordnung brauchen, dass Ordnung aber, je weiter sie Raum und Herrschaft gewinnt, Freiheit geradezu erstickt. Nur in solch einem vernetzten Raum kann sich das Individuum und mit ihm die Kreativität entwickeln, ohne an sozialer Beziehungs- oder gar Hilflosigkeit zugrunde zu gehen. Damit einher geht allerdings ein schleichender Prozess der Atomisierung sowohl der sozialen Beziehungen als auch der Kommunikation. Auf der einen Seite sitzen vereinsamte alte Menschen in Pflegeheimen, auf der anderen Seite gehen junge Menschen unter dem Schirm ihrer Kopfhörermusik durch überfüllte Städte. Während aber die allermeisten jungen Menschen ihre Kopfhörer sofort abnehmen, wenn sie angesprochen werden, können die meisten alten Menschen nicht mehr aus ihrem Pflegeheim entspringen, sie sind zudem Gefangene ihrer Geschichten. Sie leben in einer gedachten Heimat, in der immer Weihnachten ist.

Heimat ist also schwerlich das, was hinter uns liegt. Wir sollten, statt ständig in den verzerrenden seitenverkehrten Rückspiegel zu blicken,  lieber versuchen, unsere Ideale und Träume nicht zu gering anzusetzen und Schritt für Schritt zu verwirklichen. Heimat liegt vorne. Heimat ist das, wo wir hinwollen. Das kann das Dorf unserer Kindheit sein, in dem ein einziger Landwirt zehnmal so viel produziert, wie früher das ganze Dorf mitsamt den städtischen Erntehelfern. Das kann der Jungle der Großstädte sein, in denen immer mehr Menschen Ersatz für einen individuellen Lebenssinn finden. Auch in den armen Ländern finden die Menschen mehr Ersatz als Existenzgrundlage. Allerdings leben wir im Zeitalter der Megastädte. Das lässt sich planmäßig nicht verhindern oder auch nur verändern, genauso wenig wie man homogene Völker schaffen kann, seit achtzig Jahren wissen wir zudem, dass es keine Rassen gibt. Die Zukunft lässt sich nicht voraussehen, deshalb auch nicht planen und gestalten; die Vergangenheit kann man ebenfalls nicht verändern oder verhindern.  Wir müssen mit der Gegenwart leben. Wir müssen den Zufall akzeptieren. Wir müssen das Narrativ als der Wirklichkeit gleichgeartet anerkennen. Wir müssen mit dem Raum auskommen, in den uns das Leben oder sogar unser Wille gestellt hat. Das ist keinesfalls Fatalismus, sondern im Gegenteil eine Freiheit, die ihre Bedingungen mitbedenkt, eine Ordnung, die niemanden einsperrt oder wegschickt, ein Kanon mit unendlich vielen freien Stimmen, die sich alle auf ‚tun‘ reimen.

Das ist alles nicht neu, muss aber immer wieder, in jeder Generation, an jedem Ort, neu gedacht werden. Wiederholung ist zwar die Schwester der Langeweile, aber auch die Mutter der Weisheit.

ENTFESSELTER DEMOKRATISMUS

 

Nr. 278

Vor fünfzig Jahren haben sich so viele Menschen, in der Tschechoslowakei, in West- und Ostdeutschland, vielleicht in ganz Europa, mehr Demokratie gewünscht. Als Willy Brandt Bundeskanzler wurde, verkündete er folgerichtig, dass er ‚mehr Demokratie wagen‘ wolle. Für die nächste Bundestagswahl wurde das Wahlalter auf 18 gesenkt. Eine ganze Generation der Bundesrepublik wurde nach dem Jahr 1968 benannt und steht für das Streben nach und die Ermöglichung der Demokratie.

Seitdem sind fünfzig Jahre vergangen. Demokratie ist in weiten Teilen der Welt selbstverständlich und unverzichtbar geworden. Die Tage der Diktatoren sind gezählt, die Diktatoren selbst kann man an den Fingern von vier Händen abzählen. Trotzdem gibt es eine neue Wendung. Vielen erscheint die Demokratie langsam und sogar schwerfällig. Viele sehnen sich in einer kleiner werdenden Welt, man kann es auch Globalisierung nennen, nach Heimat. Selbst die Emanzipation winziger sexueller Minderheiten erzeugt Verunsicherung. Das Tempo der Innovationen nimmt zu. Diese scheinbaren Verschlechterungen lassen für viele die offensichtlichen Verbesserungen in den Hintergrund treten: Krieg, Hunger und Pest, die so langen Begleiter der Menschheit, sind fast völlig verschwunden. An der Pest im starben im 14. Jahrhundert fünfundzwanzig Millionen Menschen, das war mehr als ein Drittel Europas. Im ersten und zweiten Weltkrieg starben 100 Millionen Menschen. Hunger gibt es in Europa nur noch bei wenigen Obdachlosen. Weil sie diese offensichtlichen Verbesserungen nicht sehen, sehnen sich viele Menschen nach einer rückwärtsgewandten Sicherheit und nach Autoritäten, die es in der Tat nicht mehr gibt. Statt dessen gibt es Gremien, die jede Frage, zum Beispiel im Moment die Regierungsbildung, in winzige Häppchen, um nicht zu sagen Elemente, aufteilen und ewig diskutieren.

Das stört so viele Menschen, weil sie  erstmalig in der Geschichte der Menschheit sehen und hören können, wie sie regiert werden und was sonst noch auf der Erde passiert. Zum einen haben sie heute viel mehr Zeit als alle Generationen vor ihnen. Man darf sich nicht täuschen lassen, dass das subjektive Empfinden der Zeit (‚bloody tyrant time‘) nicht mit dem tatsächlichen Zeitvolumen übereinstimmt. Das liegt wieder daran, dass sich in die Lücke ganze Industrien der Unterhaltung und des Zeitvertreibs geschoben haben. Seit der Erfindung der Schellack-Schallplatte, seit 1948 aus Vinyl, heute auch so genannt, durch Emil Berliner nur zehn Jahre nach Edisons Phonographen, ist Kunst und jede andere Information beliebig reproduzierbar. Aus Samuel Morses Telegraph, dessen Ver- und Entschlüsselung noch beim Nutzer lag, wurde schließlich ein weltweites Netz von Informationsflüssen zunächst im Radio, dann im Fernsehen, dann im Internet. Wie ein umgekehrtes Kollateral können und werden Einzelinformationen zusammengefasst und bilden so Stämme vermeintlicher Wahrheiten. Dem Konsumenten dieser großen Datenflüsse kann nicht mehr deutlich werden, wie subjektiviert jedes einzelne Bild und  jeder einzelne Ton ist. Den größten Anschein von Authentizität ergibt dabei das Fernsehen, das heute auch beliebig wiederholbar im Internet residiert, assistiert von Millionen und Abermillionen Videoclips bei Youtube. Rund um die Uhr können also unzählig viele Informationsschnipsel konsumiert werden. Das ist auch kein Problem, wenn die Konsumenten über eine gute Bildung, also über das Vermögen verfügen, die Informationen einordnen und werten zu können. Das Verhältnis zwischen Informationsmöglichkeit und Wertung kann man sich etwa so vorstellen wie das Verhältnis zwischen einem Taschenrechner und Mathematik.

Die bisher größte Revolution ist allerdings bisher unbemerkt geblieben. Sie besteht darin, dass heute fast jeder Mensch auf der Welt Informationen nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren kann. Wir befinden uns in der Phase, wo die Produktion der bisherigen Medien, also vor allem der Printmedien und des Fernsehens, nachgeahmt werden. Es gibt praktisch keinen Menschen mehr auf der Welt, der, wenn er etwas ironisch meint, nicht mit den Zeige- und Mittelfingern An- und Ausführungszeichen nach der Art US-amerikanischer Fernsehmoderatoren andeutet. Es ist ungefähr so, als hätten alle Ureinwohner Amerikas, nachdem Kolumbus sie heimgesucht hatte, nach Gold ausgeschaut. Dieser Vergleich zeigt, was sich seit dem späten Mittelalter geändert hat. Würde heute ein Kolumbus, mit welchen Motiven auch immer, einen neuen Erdteil entdecken, dann wüssten wir das nicht nur wenige Minuten später, sondern wir würden von dieser Minute an unsere Meinungen dazu wild in der Welt herumposten. Das wieder wäre nicht so schlimm, wenn es wirklich unterschiedliche und vor allem begründete Meinungen wären. Tatsächlich aber ist es immer nachgeahmtes Fernsehen, nachgeahmter Zeitungskommentar. Auch das wäre nicht so schlimm, wenn nicht ganz viele Menschen, das, was sie Nachgeahmtes wiedergeben, für Wahrheit, wenn nicht sogar für Fakt hielten.

Es interessiert fast niemanden mehr, dass schon seit dem 19. Jahrhundert die Existenz von Tatsachen angezweifelt wird. Seit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik wissen wir, dass das meiste auf der Welt Prozesse sind, dynamische, bewegliche oft auch paradoxe Erscheinungen. Jeder Fakt hat tausend Gründe, jeder Grund hat tausend Folgen, und tausend ist immer Metapher, weil wir n nicht fassen können. Tausend ist die letzte fass- und vorstellbare Zahl.

Daraus folgt, dass Demokratie nicht nur ein Ideal der Mitbestimmung ist, nach der sich die so lange versklavte Menschheit gesehnt hat, sondern auch das getreue Abbild einer naturwissenschaftlichen und technischen Weltsicht, die in der langsamen Abschaffung einmaliger und vor allem monokausaler Fakten besteht. ‚Der Mensch kann nicht fliegen‘, musste sich noch der Schneider von Ulm anhören, bevor er starb und verdammt wurde. ‚Ich werde einer Frau in Hosen keine Rederecht geben‘, musste sich die sozialdemokratische Abgeordnete Lenelotte von Bothmer, SPD, noch 1970 sagen lassen. Ihr Kontrahent war, wen wundert es, der CSU-Mann Jäger, der auch für die Todesstrafe eintrat. ‚Familie ist Mann und Frau‘ – aber was macht, wer nicht Mann oder Frau ist? Wer das für linksgrünsversifften Genderwahn hält, gehe ins Berliner Alte Museum und sehe sich den mehr als zweitausend Jahre alten Berliner Hermaphroditen an.

Demokratie ist also auch die Antwort auf die Auflösung der ewigen Wahrheiten. Wenn es keine ewigen Wahrheiten mehr gibt, dann muss das Programm für jeden einzelnen Tag immer neu verhandelt werden. Den Auftakt dazu gab Rousseau, als er schrieb, dass Gesellschaft Vereinbarung ist und nicht, wie man bis dahin annahm, Naturgesetz.

Der Zweifel war früher individuell und schweigend. Heute tritt er immer in Massen,  lautstark und millionenfach reproduziert auf. Die Reproduktionen wirken nicht nur verstärkend, sondern bilden eine eigene Wirklichkeit. Bildlichkeit und Wirklichkeit verschmelzen zu jeweils neuen Wirklichkeiten. Zum Schluss ist alles wahr und nichts mehr.

JOBSPOSTEN ODER PERSONALVERSAMMLUNG DES UNHEILS

 

Nr. 277

Jobsposten ist schwedisch und heißt Hiobsbotschaft, eine extrem schlechte, schicksalhafte Nachricht. Bei inflationärem Gebrauch meint man überhaupt das Böse im Leben, vom verpassten Bus bis zum verprassten Sparbuch. Man muss das nicht nachlesen: Hiob ist einer der Propheten des Alten Testaments. Er ist ein äußerst erfolgreicher und vermögender Mann. Die Geschichte betont, dass er auch seine vielen Kinder als Reichtum ansieht. Sein Pech ist, dass Gott und der Teufel über ihn eine Wette beschließen. Der Teufel darf alles tun, was Hiob vom Glauben abbringen könnte. Und so häufen sich die Unglücksfälle, alles Hab und Gut wird verbrannt oder im Wunde verweht, und das dreimal. Hiob verflucht Gott, aber glaubt weiter an ihn. In der Weltliteraturgeschichte taucht dieselbe Wette noch einmal auf: Goethe lässt Faust genauso scheitern. Schon bei Hiob gibt es keine erkennbare Schuld, denn er weiß nichts von der Verschwörung hinter seinem Rücken. Für uns, die Leser, ist aber klar, dass es  menschengestaltliche Verursacher gibt: den Teufel oder Gott oder beide. Hiob mag vielleicht dreitausend Jahre alt sein, gleichalt mit Ödipus. In der griechischen Tragödie gab es eine kleine Schuld und dann Strafen, die in keinem Verhältnis zu der Verfehlung standen. Der Vater von Ödipus, Laios, war ein sexuell übergriffiger Typ, dafür musste sein Sohn, dessen Unheil vorausgesagt war und das durch die Durchstechung seiner Füße und seine Aussetzung verhindert werden sollte,  seine Mutter Iokaste, die Frau von Laios, heiraten, nachdem er seinen Vater getötet hat, Iokaste nimmt sich das Leben, die vier inzestuösen Kinder sterben alle eines unnatürlichen Todes, Ödipus blendet sich und geht ins Exil, wo er stirbt.

Seit der Antike glauben wir zu wissen: Schuld sind immer die anderen. Schuld hat immer Menschengestalt. Die Folge von Schuld scheint immer unverhältnismäßig. Wir flüchten immer ins Gegenständliche, weil wir nicht wissen wollen oder können, dass die Abstraktionen, die Begriffe, ebenfalls menschengemacht sind, aber natürlich nicht vom einzelnen Menschen.

Dabei könnten wir wissen, dass es keinen Fakt gibt, falls es überhaupt Fakten gibt, der weniger als 1000 Ursachen hätte. Es gibt keine Ursache, keinen Ausgangspunkt, der nicht 100 Kollaterale bilden würde, so wie man sich den Blutkreislauf oder einen zweigreichen Baum vorzustellen hat. Wir sind so sehr auf unser falsches monokausales anthropomorphes Weltbild abonniert, dass es sogar Menschen, die Ursache und Dörfer gibt, die Urwegen heißen. Urwegen liegt in Transsylvanien und heißt, weil es kaum noch Deutsche dort gibt, jetzt Gârbova. Und Adrian Ursache heißt der Reichsbürger, der versucht haben soll, einen auf ihn schießenden Polizisten zu erschießen. Aber das lässt sich im Prozess nur schwer nachweisen. Was mag sein Urahn begonnen haben? Aber auch das Unheil ist unendlich.

Der klassische Denkfehler der Umkehrung von Ursache und Folge sowie die Personalisierung der Schuld konnten wir in den letzten Jahren bei der Flüchtlingskrise beobachten. Ohne sich klar zu machen, wann die hier im Sommer 2015 Eingetroffenen losgewandert sind, taten die Kritiker der Einwanderung so, als ob Merkels bemerkenswerter Satz ‚Wir schaffen das‘ eine Einladung an die verbliebenen Menschen weltweit gewesen wäre. Wenn wir uns erinnern, war das auch gerade die Zeit, als Pegida und AfD ihren Kampf gegen die vermeintliche Islamisierung aufgenommen hatten. Der bis dahin diffuse Widerstand gegen eine allzu glatte und erfolgreiche Regierung, die aber manches persönliche Problem nicht lösen kann, fand seine Themen. Die vermuteten Personen hinter der Islamisierung sind merkwürdigerweise die Amerikaner, die gerade mit Krisen über Krisen beschäftigt sind, und natürlich, besonders in Osteuropa, die Juden. Diese beiden Gruppen hätten ein Interesse an der Destabilisierung Europas und würden das vor allem mit einem Bevölkerungsaustausch verwirklichen wollen. Globalisierung, ein zu abstrakter Prozess, als dass man ihn fassen und verstehen könnte, wird einfach auf beiden Seiten personalisiert. Der Urheber ist der Jude und der Leidtragende ist der blonde Deutsche. Begleitet wurden diese Parolen, denn eine Diskussion, ein Austausch, war es nie, von der ständigen Betonung der Dummheit der Deutschen und der Politiker. Es wurden sogar Länder wie Saudi-Arabien als Vorbild für hartes Durchgreifen und rigide Einwanderungspolitik benannt. Im Iran, einem anderen durchsetzungsfreudigen Land, würde Adrian Ursache nicht im weißen Hemd mit zwei Verteidigern diskutieren können, ob er geschossen hat, ob er schießen wollte oder ob er schießen konnte, er würde an einem Baukran hoch über der Stadt als Exempel hängen. Das ist es, was wir nicht wollen und was Säkularisierung nicht will.

Die Säkularisierung, also die Verweltlichung, die Abkehr von den starren Formen ritualisierten religiösen Denkens, braucht auch einen vorstellbaren Schuldigen. Bei Luther war das noch der Teufel, dann im neunzehnten Jahrhundert der Pfarrerssohn Nietzsche, und hier, wo ich wohne, ist es die DDR. Obwohl Wichern 1848, zeitgleich mit Marx, sein Manifest gegen den Glaubensabfall veröffentlich hat, obwohl der rechtskonservative Generalsuperintendent Büchsel in derselben Zeit durch Hausbesuche seine Kirchenbesucher zusammensammelte, obwohl also die Säkularisierung seit fast zweihundert Jahren die Kirche zur Erneuerung geradezu einlädt, wird hier alleine die schwache, zum Schluss wie ein morsches Kartenhaus zusammengebrochene Diktatur als Schuldiger gesehen. Es waren Personen, die den tatsächlich erwünschten Atheismus vertraten. Es ist wahr, dass die Versöhnungskirche in der Bernauer Straße durch die DDR-Diktatur gesprengt wurde, weil sie im Grenzbereich stand. Aber keine fünf Kilometer entfernt davon wurde die Jerusalemkirche ebenfalls gesprengt, weil sie dem Springerhochhaus, das ganz gewiss eine wichtige politische Funktion hatte, im Weg stand. Zwar war sie eine Kriegsruine, aber sie machte einem Symbol der Säkularisierung Platz: ein freies, wenn auch nicht von jedem gemochtes Medium gegen den geweihten Boden. Man kann Boden und Waffen und Personen nicht heiligen, sooft das auch versucht wurde. Dieses Beispiel dient nicht der nachträglichen Entschuldigung der DDR, sondern der Entpersönlichung der Schuld. Säkularisierung gibt es schon lange und überall. Sie ist auch ein Grund, warum wir keine Islamisierung fürchten müssen. Zwar kann niemand die Zukunft voraussagen, aber es spricht sehr wenig für eine plötzliche Aussetzung der Säkularisierung. Vielmehr scheinen sich ihre Gegner in fundamentalistischen Gruppen zusammenzufinden, die die bürgerliche Ordnung erheblich stören, aber wahrscheinlich nicht beseitigen können.

Nachbemerkung: Berlin verdankt übrigens eine Reihe schöner und bemerkenswerter Kirchen dem Terrorismus. Kaiser Wilhelm I. ließ jedesmal wenn er lebend einem Attentat entkam, eine Kirche bauen. So auch die Zionskirche von August Orth, der ein großer Akustiker und, als er zeitlang keine Aufträge hatte, der Erfinder der Berliner Ringbahn war. Auch die Säkularisierung schenkte Berlin Kirchen. Die letzte Kaiserin Auguste Victoria ließ gegen den, wie sie meinte, um sich greifenden Atheismus, Kirchen bauen, darunter die Bethanienkirche in Berlin-Weißensee, die baugleich auch in Danzig-Zoppot als Erlöserkirche steht.

WUT, WÜRDE ODER WELTHERRSCHAFT

 

Nr. 276

Wir sehnen uns schon vom Mutterschoß an nach Dogmen.

We are dogma-prone from our mother’s wombs.

Simon Foucher, Dissertation sur la recherche de la vérité, 1673

 

In drei Bereichen unseres Lebens versuchte mein voriger blog zu zeigen, dass es besser ist, immer wieder neu zu lernen statt sich nach vorgegebenen und damit immer überlebten Regeln zu richten: unser Verhältnis zu Geschlechterrollen, unser Verhältnis zur Natur und zum autoritären oder vernetzten Staat. Das brachte mir sehr viele, teils wütende Kommentare auf der österreichischen Plattform Fisch und Fleisch ein. Gleichzeitig gab es in der vorigen Woche dort einen Aufruf, die oft krasse Polemik zwischen links und rechts zu mäßigen. Ich antworte also auf einen der Kommentare und leiste damit gerne meinen Beitrag zur Entpolemisierung.

 

Wir sehnen uns nach Dogmen, obwohl wir wissen, dass sie ahistorisch sind. Der Unterschied zur Freiheit, nach der wir uns ebenso vergeblich sehnen, ist, dass Dogmen uns vom Denken befreien sollen, Freiheit uns aber nur durch Denken erreichbar ist.

Die sprichwörtliche Flut der Informationen, die Inflation der Texte führt dazu, dass Texte oft nur noch gescannt werden, überflogen statt gelesen, referiert statt nachgedacht. Mancher liest nur noch die Referate der Referate der Referate. Statt offen zu sein für neue Argumente, die man durchdenken, annehmen oder ablehnen kann, wird ein Text nur noch daraufhin betrachtet, ob sich altbekannte ‚gegnerische‘ Zitate finden, wahrscheinlich auch umgekehrt, ob sich altbekannte ‚eigene‘ Zitate in genügender Menge finden, um den Text als einen eigenen anerkennen zu können. Aber Texte, Argumente und Länder gehören uns nicht. Die Stadt Mumbai gehört weder den vierzig Leoparden, die in ihr leben, noch den zwanzig Millionen Menschen. Der Begriff der Alphatiere war aus der Beobachtung von domestizierten Wölfen gefunden worden. Wahrscheinlich hat die Populärwissenschaft (‚Tierdokus‘) ihn deshalb bis heute verwendet, weil er dem Wunschdenken vieler Menschen entspricht, die Natur möge genauso funktionieren wie wir. Die Stadt Königsberg/Kaliningrad, ein weiteres Beispiel,  gehört weder den Pruzzen noch den Russen noch den Deutschen. Die meisten Menschen wissen schon lange nicht mehr, nach welchem König die Stadt einst benannt wurde, wer die Pruzzen sind und wer Kalinin war.

Der Aberglaube, dass man auf die Welt kommt, die man dann besitzt, ist mit dem Landbesitz und dem Geld verbunden. Das sind beides späte Konstrukte, und sie sind keineswegs nur erfolgreich. Der Finanzkapitalismus wird zum Beispiel von linken wie rechten Gruppen scharf attackiert, ohne dass sie beachten, dass der Kapitalismus nur eine Methode ist, die Wirtschaft zu bündeln. Da alles historisch ist, gibt es, anders als in der materiellen Welt, immer auch eine Gleichzeitigkeit. Also können wir auf die eindeutigen Nachteile des Kapitalismus nur verzichten, wenn wir auch seine nicht weniger eindeutigen Vorteile aus unserem Leben bannen. Statt mit Schaum vor dem Mund Forderungen an andere zu stellen, sollten wir lieber aufhören, pro Jahr 37 kg Plastikmüll zu produzieren und 50 kg Schweinefleisch zu verbrauchen. Der Fleischverzehr geht tatsächlich schon zurück, es gibt in Deutschland knapp 10 Millionen Vegetarier. Statt sich nun zu freuen, dass es eine weitere Gruppe von Menschen gibt, die aus einem anderen Grund als die Massentierhaltung auf Schweinefleisch verzichten, wird diese Richtung insgesamt als ein Nachgeben gegenüber der vermeintlichen Islamisierung gesehen. Lächerlicher kann man nicht argumentieren.

Krieg wird von vielen als naturgegeben angesehen. Damit wird die Natur als ahistorisch qualifiziert. Evolution ist aber nicht die Beschreibung einer Aufwärtsentwicklung, sondern einer oft schmerzlichen Entwicklung, bei der genauso viele Pflanzen- und Tierarten aussterben wie entstehen. Leben ist ein Prozess und kein Baugerüst. Aber selbst für das Baugerüst bedarf es keines Sturms, um es über kurz oder lang umzustürzen und in seine Elemente zurückzuverwandeln. Weltherrschaft ist ein historisches Konstrukt aus der Zeit der Nationen, die ebenfalls ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts sind. Die zeitweilige Auflösung dieses Strebens nach Weltherrschaft haben ausgerechnet zwei Besitzer damals weltgrößter Konzerne praktiziert: der Antisemit Ford und der Jude Rathenau. Rathenau wollte kein Jude sein, aber das kann man sich nicht aussuchen, Ford wollte keine Juden haben, aber das kann man sich nicht aussuchen. Heute kann man sich nicht aussuchen, ob der Wohnungsnachbar Muslim oder Afrikaner ist, und es spricht auch nichts dagegen. Rathenau hat Deutschland nach dem verheerenden, auch von seinen Kriegszielen her falschen ersten Weltkrieg in die Reihe der gleichberechtigten Nationen zurückgeführt. Sein Modell des Exports führte einerseits zu Wohlstand, andererseits zur Globalisierung. Wer also Globalisierung ablehnt, sollte nicht ihre Abschaffung fordern, die unmöglich ist, sondern nach Niger auswandern. Niger ist außerdem ein gutes Beispiel für die Historizität und Sinnlosigkeit von Grenzen.

Noch nie wurde also in einem Text von mir die Forderung nach Weltherrschaft gestellt. Weder glaube ich, dass sie Deutschland oder den USA oder irgendeinem anderen Land zustünde, noch befürchte ich, dass die Inder oder die Chinesen oder die Afrikaner sie an sich reißen würden. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie man aus dem Satz ’sehen wir in den Afrikanern lieber die Brüder und Schwestern, von denen wir seit Jahrhunderten reden‘ einen Anspruch auf Weltherrschaft von irgendjemandem herauslesen kann. Ich schreibe nicht von Weltherrschaft, sondern von Würde. Mit Wut zernichten wir unsere eigene Würde, mit Weltherrschaft die der anderen. Es ist möglich und wünschenswert, dass die Geschwindigkeit der Innovationen so hoch bleibt, wie sie derzeit ist. Das könnte bedeuten, dass in den nächsten dreißig Jahren weltweit Arbeitsplätze entstehen, von denen wir jetzt noch genauso wenig erahnen, wie vor dreißig Jahren das Smartphone. Zum Beispiel könnte der Abbau seltener Erden, die für die rasant wachsende Elektronik unverzichtbar sind, vermenschlicht werden. Das historische Beispiel dafür ist der Steinkohlenbergbau im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts. Seine Vermenschlichung brauchte mehr als 150 Jahre. Setzt man jetzt die Geschwindigkeitserhöhung für Innovationen der letzten Jahrzehnte an, so ist das Ziel der Menschenwürde keineswegs utopisch. Betrachtet man gleichzeitig die Veränderung unseres Fokus, die Anerkennung unserer Verantwortung, so sieht man, wie rasant auch der Hunger, die Pest und der Krieg zurückgedrängt wurden. Nicht das Denken und der Optimismus sind unrealistisch, sondern das ahistorische Festhalten an Regeln und Voraussagen. Wir irren immer, wenn wir eine alte und historische Kategorie in die Zukunft zu übertragen versuchen: Karl Marx wollte mit einer Klasse gewinnen, die es gar nicht mehr gibt, Adolf Hitler wollte gar mit einer Rasse gewinnen, die es nicht geben kann. Soviel zu links und rechts. Immer wenn wir glauben, die Ordnung gefunden zu haben, wird sie vom Freiheitstraum zerbrochen.

LERNEN IST BESSER ALS REGELN

 

wer die Sagen hat das Sagen

Nr. 275

Eines der bitterbösen Zornthemen der neuen Rechten ist der von ihnen so genannte Genderwahn. Absichtlich wird die Erkenntnis einfach umgedreht: es geht nicht um Anerkennung und Integration von Phänomenen, die es schon immer gab, sondern umgekehrt: neue Probleme entstünden durch falschen Sexualkundeunterricht und eben jenen Genderwahn der linksgrünsversifften 68er Gutmenschen.

Nicht das oft unermessliche Leid der Erniedrigten und Beleidigten steht bei den Ordnungsfanatikern im Zentrum, sondern die Ordnung, die Regel. Verfolgt wird die Ausnahme. Auch frühere Generationen sind nicht entschuldigt, denn das Gebot der Nächstenliebe ist älter als dreitausend Jahre, seit zweitausend Jahren Bestandteil von Sonntagspredigten, Schulunterricht und Staatsreligion, aber schwer zu verinnerlichen, denn jede geduldete Ausnahme von der Regel wurde als existenziell bedrohlich gefunden. Früher wurden Söhne, bevor sie geboren waren, schon in die Wirtschaft hineingedacht. Wurde eine Tochter geboren, war man enttäuscht und begann, Heiratschancen zu berechnen. Wurde aber ein Hermaphrodit geboren, und das alte deutsche Wort Zwitter zeigt, dass es das schon immer gegeben hat, dann war man entsetzt bis zur Mordbereitschaft. Das war die gute alte Zeit, gelebtes Christentum. Man glaubte an die soziale Epidemik abweichenden Verhaltens, obwohl der empirische Befund ein anderer war. Tatsächlich hat eine Variation keine Auswirkungen auf die Mehrheit. Die normative Kraft des Faktischen verändert nicht die Mehrheitsverhältnisse, schon deshalb nicht, weil auch das Narrative eine normative Kraft hat. Körperliche, psychosomatische oder psychische Besonderheiten wurden verheimlicht, verurteilt oder sogar verfolgt. Wir lehnen heute körperliche Strafen bis hin zur Todesstrafe ab, insofern sind die ehemals verfolgten Phänomene überhaupt nicht mehr wichtig. Aber für die Betroffenen ist jetzt endlich die Zeit des offenen Lebens angebrochen. Niemand muss sich mehr verstecken, jeder, jede und jedes kann sich outen und Respekt der Mehrheit einfordern. Die Glotzerei auf den Straßen hat aufgehört, Schwulenklatschen gehört der Vergangenheit, kein Wohnungsvermieter oder Hotelbesitzer interessiert sich für das Intimleben. Eltern sind allerdings immer noch überfordert, indem sie antizipierend das an ihren Kindern verstehen und eventuell auffangen müssen, was diese selbst noch nicht benennen und erklären können. Die Normalität der Gleichheit und Gleichberechtigung zieht endlich in Europa ein. Genug Hexen mussten über die Jahrhunderte sterben.

Mensch und Raubtier hätten nicht gemeinsam Platz in der Natur, das Böse müsste weichen. Sogar in der Großstadt können gefährliche Tiere mit dem Menschen zusammen leben, wenn dieser nicht glaubt, dass er der Herr sei. Wieder ist es die Hierarchie der Norm oder die Norm der Hierarchie, die glauben macht, dass sie die natürliche Ordnung sei. Tatsächlich aber gibt es in der Natur keine Hierarchie und in der menschlichen Gesellschaft auch nur in der vordemokratischen und patriarchalischen Zeit. Weder hat es sie im Matriarchat noch in der Zeit der Jäger und Sammlerinnen gegeben. Aus der historischen Ordnung der gleichberechtigten und gleich innovativen Jäger und Sammlerinnen wurde mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit und dem damit ermöglichten Bevölkerungszuwachs die Sorge um die Kinder zur Hemmung der Gleichberechtigung. Das sind alles verschiedene historische Lebensmuster, keinesfalls gibt es nur eines, weder zeitlich noch räumlich. Auch heute gibt es parallele Lebensweisen. Die Lebensweise erschien nur solange homogen, wie Zeit und Raum der Erkenntnis eng begrenzt waren. Der vermeintliche Fortschrittsvorteil der 1000 Jahre europäisch-christlicher Kultur ist teuer erkauft mit Mord, Totschlag, Kolonialismus, Umweltzerstörung. Wie oft muss man das eigentlich noch sagen? Wolf und Bär wurden ausgerottet, weil sie als Konkurrenten in der als Jagdgebiet des Menschen aufgefassten Natur erschienen. Der Preis dafür ist ein fortwährendes Ungleichgewicht, eine Überpopulation an Rehen und Wildschweinen. Gleichzeitig wurden durch die Monokulturen weitere Tierarten fast gänzlich vertrieben: der Feldhase, einst Symbol der Fruchtbarkeit, Feldhamster und Siebenschläfer als Metapher der Vorsorge und Vorratswirtschaft. Mag manch einer den starken Rückgang der Insekten und Vögel als undramatisch empfinden, der Wolf steht uns, wir haben es hier schon mehrfach beschrieben, besonders nahe. Er ist das erste domestizierte Tier. Wir haben ihn als Teil unserer Natur adaptiert. Gleichzeitig ist er uns aber Symbol des Bösen, des Raubs, der Grausamkeit. Diese Ambivalenz müssen und können wir mit neuem Verständnis auflösen. In Mumbai, ehemals Bombay, das ist eine ziemlich große Stadt in Indien mit über 20 Millionen Einwohnern, 28.000 pro Quadratkilometer, leben 40 Leoparden, und nicht nur im Sanjyi-Gandhi-Nationalpark, der fünfzigmal so groß ist wie der Berliner Tiergarten. Die stark verkürzte Begründung für dieses nicht immer harmonische, aber doch auch natürliche Zusammenleben ist in einer Religion zu finden, die nicht den Menschen an die Spitze einer Hierarchie setzt. Damit ist die Einsicht gewonnen, dass sich nicht der Leopard, sondern der Mensch ändern muss. Davon sind die Jäger der Ueckermünder Heide, einem der dünnstbesiedelten Gebiete  der Welt (25/km2), meilenweit entfernt. Die Feindschaft entstand in Zeiten der Not, sie sollte die Zeiten des Wohlstands nicht überdauern.

Wenn also Not herrscht, ist Autokratie verständlich, aber nicht hilfreich. Hierarchie ist historisch  erklärbar, aber nicht begründbar. Warum klammern sich zehn Prozent der heutigen Menschen an Denk- und Herrschaftsmodelle der Vergangenheit? Autokratie ist immer im Angebot, weil es immer Politiker gibt, die den schnellen Weg zu einer sonst nicht üblichen Machtfülle suchen und finden. Erst mit dieser Machtfülle wird Bereicherung und Korruption sinnvoll. Weiterhin gibt es immer eine Asymmetrie zwischen den Generationen. Die junge Generation beherrscht die innovativen Methoden, aber es mangelt ihr an Inhalt und Sinn, die Alten dagegen haben Sinn und Inhalt in Überfülle. Statt nun, wie soeben das Dreikönigsgymnasium in Köln, die Schüler des Leistungskurses Informatik (12. Klasse) zu Managern zu schicken, die ein erhebliches Defizit ihres Methodenkatalogs entdecken und mit ihren jugendlichen Mentoren überwinden können. Sie bremsen an denselben Stellen wie die dümmsten und reaktionärsten AfD-Propagandisten: sie glauben, dass der Schaden, das Niemals-100%-Sein, die Überfremdung und Dekulturisierung stärker sind als der Nutzen und die Innovation. Wir erleben einen gewaltigen Umbruch, die von Nietzsche vorausgesagte Umwertung aller Werte. Aber das wird kein – und war noch nie ein – Austausch mit einer beliebigen anderen, bereits vorhandenen Kultur. Jeder, der hierher kommt, lernt Deutsch und hört die Glocken läuten. Aber neben der Sprache gibt es weitere Kommunikationsmöglichkeiten, das Bild, das Symbol, den Film, das Narrativ. Wer die Sagen hat hat das Sagen. Insofern ist, und das scheint mir ganz natürlich, die Jugend erst einmal im Vorteil. Das ist das einzige, was immer schon so war. Sodann wird es aber auch Verschiebungen räumlicher Art geben. China überholt uns alle, was den Ausstoß an Industrieprodukten betrifft. Umweltmäßig befindet es sich im Liverpoolkapitalismus. Indien geht den besseren Weg über Bildung für alle, dieser ist aber naturgemäß länger und schwieriger. Das größte Potential sehe ich in Afrika. Zunächst erschreckend ist in Afrika der Bevölkerungszuwachs, Afrika wird 2050 zwei Milliarden Einwohner haben, davon die Hälfte unter 17 Jahren. Jeder sieht die Bedrohung, die davon auszugehen scheint, kaum einer sieht die Chance. In 32 Jahren wird sich die Welt, die Weltwirtschaft, die Informationstechnologie und das Umweltverhalten der Menschen so krass verändern, dass die dann alten Menschen in den Industrienationen deutlich im Nachteil sein werden. In Afrika und weltweit werden Arbeitsplätze entstehen, von denen heute keiner etwas ahnt, so wie vor zehn Jahren (vor zehn Jahren!) keiner die universelle und komplexe Bedeutung des Smartphones voraussagen konnte. Kumulativ wächst also nicht nur die Zahl der Personen, sondern auch ihr Geist, ihr Potential. Schon heute ist es falsch, sich unter Afrikanern – und Indern, Chinesen – ausgemergelte Analphabeten vorzustellen. Sehen wir in ihnen lieber die Brüder und Schwestern, von denen wir bisher schon so viel geredet haben.

Wolf und Mensch können wir uns aufgrund unseres bisherigen sowohl dichotomischen als auch aggressiven Weltbildes besser vereint vorstellen. Aber vielleicht schaffen wir es, die heute vorherrschende Kultur durch eine Teiresias-Kultur zu ersetzen: Teiresias war sowohl Mann als auch Frau, blind und Seher, sterblich und unsterblich.

DEN WEG SUCHEN – NICHT DEN STOCK

 

Nr. 274

Dreizehnter Hauptsatz

Seid nicht wie die Blinden

die den Stock suchen

aber nicht den Weg        Stordeur

 

 Als vor fünfzig Jahren die erste Singleschallplatte der Beatles erschien (Love Me Do, 5. Oktober 1962), stand an den Telefonzellen der Spruch: Fasse dich kurz. Ganze Industrien verdienen heute daran, dass wir uns lang fassen und kein Mensch würde sich jetzt noch das Wort verbieten lassen, das endlos lange, oft sinnlose Gespräch. Gerade der Titel dieser Schallplatte im Gegensatz zu den späteren Songs der Beatles zeigt, wie sehr sich verrechnet hätte, wer aus diesem banalen Englisch (lieb mich, tu es!) den Schluss gezogen hätte, dass der Inhalt hinter dem Medium zurückbleiben könnte. Die Angst, dass es morgen schlechter sein könnte als heute, ist einerseits eine Kriegserfahrung, andrerseits pessimistisch-neidische Rechthaberei und insofern jeweils Generationskonflikt. Zwar geht das Niveau der Botschaften mit der Zunahme der Menge tatsächlich zurück, aber nicht auf das Level des reinen Mediums, wie Marshall MacLuhan meinte. Er betrachtete auch vorwiegend das dümmste Medium, das Fernsehen, bei dem sich obrigkeitliche oder elitäre Auswahl und Wahrheitsanspruch mit dem Massenkonsum auf kommerzieller Basis verbindet. Nicht abzusehen sind dagegen die Folgen, wenn eine Milliarde Menschen bei Facebook kommunizieren. Zwar hat wahrscheinlich keiner von ihnen eine Botschaft, die alle betreffen könnte, aber die letzten verbliebenen Diktatoren dürfen schon ein mal in Vorangst ihres Absturzes zittern. Es entsteht nicht nur eine neue Struktur der Mitteilung, sondern auch eine neue Kultur. Es wird sich erweisen, dass die Beobachtung von Watzlawick, dass man nicht nicht kommunizieren kann, eine Prophezeiung war, vielleicht sogar eine sich selbst erfüllende. Dagegen spricht, dass es nicht absehbar ist, wieviel vom technischen Fortschritt verwerflicher Kommerz und wieviel auf der anderen Seite erfreuliche Innovation ist. Und weil wir das nur im Einzelfall wissen können, können wir die Verwerflichkeit nicht auf alle Produkte projizieren. Wir neigen immer dazu, einen Teufel zu suchen, und sei es im Detail. Tatsächlich sind wir auch mit schnellster Technik nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. In dieser neuen Mitteilungskultur, die sich zu neunundneunzig Prozent mit sich selbst befassen wird, können neue kulturelle Leuchttürme entstehen.

Demokratie und Pluralismus werden aber verhindern, dass es zu einer neuen Monokultur alter oder neuer Wahrheiten kommt. Je komplizierter und komplexer die Abbildung, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Unschärfe. So gesehen ist ein Gemälde genauer als das gesamte Wikipedia-System zusammen. Das ist das Paradoxon der neuen Welt. ‚Das ist nur noch nicht erforscht,‘ war der Leitspruch des neunzehnten Jahrhunderts. Das zwanzigste Jahrhundert überraschte uns dann mit den überflüssigsten Dingen: dem Pappbecher und der Atombombe (Jean-Luc Goddard). Auch bei ihnen konnte man nicht absehen, wohin sie die Menschheit führen würden: In einen ziemlich umfassenden Frieden und in das tiefe Nachdenken über unser dilemmatisches Verhältnis zur Natur. Das Problem der Entsorgung von Plastikbechern und nuklearen Brennstäben wird uns dazu führen, dass wir nichts mehr herstellen, was dann entsorgt werden müsste. Die Entsorgung wird wieder durch die Vorsorge ersetzt werden.

Die neue Schule,  die neue Orientierung  und die neue Sorge um den Menschen lässt sich modellhaft zeigen am Schicksal eines blinden Jungen aus Californien [Daniel Kish, Spiegel 22/2004], der seine Eltern bat, ihm ein Fahrrad zu schenken. Der Aufschrei seiner Eltern glich dem Widerstand des alten Europa gegen eine Bildungsreform: Lehrer, die mit dem Röhrenradio aufgewachsen sind, schreiben Formeln und Merksätze mit Kreide an Tafeln; ihnen gegenüber sitzen dreißig Schüler mit Smartphones, mit denen sie sich unterhalten. Blinde Jungen können nicht Fahrrad fahren, sagten die Eltern. Kish ist heute weltweit gesuchter Mobilitätstrainer, dessen Echomethode so einleuchtend wie befremdlich ist. Wir glauben nicht an eine Orientierung außerhalb des Normalen. Andererseits glauben wir, dass man ohne die normale Orientierung – Verkehrsschilder, ewige Wahrheiten, Formeln, Dichotomie, Hierarchie – nicht existieren kann. Die Überbetonung der neuen Instrumente gegenüber den alten Wahrheiten liegt an deren rasanter, revolutionärer Entwicklung, die weder ihre Nutzer noch ihre Kritiker wirklich verstehen können,  und an dem kumulierenden Versagen der alten Systeme. Die herkömmliche Schule macht aus sehenden Kindern blinde, die statt zu sehen Regeln abtasten und dafür mit Zuckerstückchen belohnt oder mit dem Entzug von Zuckerstückchen bestraft werden. Dabei ist ein ‚aggiornamento‘ (Johannes XXIII., 11. Oktober 1962) nicht möglich, es wird immer bei einem gewissen Anachronismus oder Generationenkonflikt bleiben. Eine Gesellschaft kann ebensowenig ihre Sozialleistungen gegenüber dem Markt optimieren (Pareto-Optimierung). Unsere aus dem neunzehnten Jahrhundert geprägte Vorstellung von Gleichgewicht, Gerechtigkeit und Optimierung ist überholt. Gleichwohl versprechen Politker in Hoffnung auf ein unaufgeklärtes Wählervolk immer wieder die Lösung der Probleme. Man kann Probleme immer nur auf Kosten anderer Probleme lösen. Die Welt ist nicht dichotomisch, sondern dilemmatisch.

Die Natur des Menschen scheint aber auf Harmonie abzuzielen. Deshalb arbeiten wir seit dem Neolithikum nicht nur an der Rationalisierung von Jagd und Sammeln und der Mobilität, sondern auch an der Herstellung einer immer perfekteren Traumwelt. Sie benutzt die gleichen Instrumente wie die Jagd und die Mobiltät. Deshalb vielleicht erscheint es der jungen Generation so, dass man sich, um zu überleben, nur der Instrumente bedienen muss. Und das ist ja auch so, zumal die Instrumente von den Älteren konstruiert und bereitgestellt wurden. Allerdings bleibt gleichzeitig ungelöst die Teilnahme am Markt für ein Siebtel der Weltbevölkerung und mehr als die Hälfte der eigenen Bevölkerung. Aus diesem Grund leben wir nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der es soziale Unterschiede weniger durch die Geburt als vielmehr durch Bildung und Aktivität gibt. Insofern ist den heute Jungen durchaus zu raten, mehr als die Instrumente den eigenen Kopf zu benutzen, Kreativität vor die Orientierung zu stellen, einen eignen Beitrag vorzubereiten, sei er nun eine Marktlücke, eine technische Innovation oder ein neuer Traum in der immer größer werdenden Traumfabrik. Diese Sicht ist übrigens schon vor zweihundert Jahren von Wilhelm Freiherrn von Humboldt in Anlehnung an Moses Mendelssohn zum Ideal der Bildung erhoben worden: je entschiedener der Mensch seine Individualität ausprägt, desto mehr nähert er sich der Vollkommenheit.  Man könnte dies als Berliner Konfession zum neuen Bildungsideal ausrufen. Dabei stört uns nicht im geringsten, dass die bayrischen Grundschüler ‚besser zuhören‘. In Berlin gibt es die befriedigendere Aufgabe: glückliche Menschen sind nicht interessant [kraftklub].

Der Stock, den man statt des Weges sucht, ist übrigens auch ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, hergestellt von autoritären Erwachsenen mit ihren Röhrenradios, in denen die Hierarchien toben.

VOM TEILEN DES GLÜCKS

Nr. 273

Zwölfter Hauptsatz

Glück ist das einzige

was sich verdoppelt

wenn man es teilt                      Schweitzer

 

Das ist ein Spruch für Kalenderblätter, im besten und im doppelten Sinn. Ein Lottogewinn verdoppelt sich nicht, wenn man ihn teilt. Er ist aber auch kein Glück. Wovon Schweitzer ganz offensichtlich genug hatte, daran mangelt es immer mehr Menschen: Lebenssinn. Wer ihn früh fand, für den ist das Leben Glück, das man teilen kann. Wer ihn sucht, für den kann die Suche Abenteuer und Glück sein. Wer nur seine Tage abbummelt und verbringt und verludert, kann kein Glück finden. Zum Glück hat unsere westliche Zivilisation alle existentiellen Probleme gelöst, so dass auch Menschen Lebenssinne haben können, deren unmittelbarer Nutzen für die anderen nicht gleich zu erkennen ist. Nutzen ist ohnehin eine zu kurz gedachte Beurteilung, kein Mensch taugt nichts. Der Reichtum der Gesellschaft zahlt sich für den einzelnen aus. Welches bessere Ziel könnte andererseits eine Gemeinschaft haben, als das Glück jedes einzelnen?

Es scheint sogar die Umkehrung zu stimmen: die Unzufriedenheit, die sich aus dem Weiterwirken fundamentaler, existentieller Probleme ergibt, wird von vielen Betroffenen als Unglück empfunden, dessen Ursachen sie immer wieder außerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft suchen, aber selten finden. Gemeinschaften, Gesellschaften und Kulturen unterscheiden sich sicher in vielen Punkten. Aber sie haben doch auch mehr als eine Gemeinsamkeit: das Individuum kann erst aus der Masse heraustreten, wenn es von der unmittelbaren Sorge um das tägliche Brot entbunden ist. Mit leerem Magen kann man weder studieren noch demokratisch denken. Exzesse sind nur erklärbar, weil unglückliche Menschen verführbarer sind: hinter jedem Ende ihres Unglücks vermuten sie das Glück. nur so ist verständlich, dass unglückliche Menschen von einem ins nächste Unglück stürzen.

Streng genommen stimmt das natürlich nicht, denn das Glück eines hungernden Menschen kann ein Stück Brot sein, das Glück eines satten der Verzicht auf ein Stück Brot. Aber diese streng genommene  Gedankenführung ist doch reichlich zynisch. Ein Stück Brot ist kein Glück, sondern sollte selbstverständliche Voraussetzung menschlichen Seins sein. Würden wir ein Stück Brot als Glück anerkennen, wäre uns und den Betroffenen die Motivation genommen, für bessere Verhältnisse zu sorgen.

Vater Schweitzer, Mutter Tereza, Bruder King und andere Heilige der Neuzeit sind die Kronzeugen dafür, dass höchstes und höchst teilbares Glück das Wirken für andere ist. Dabei brauchen wir dank dieser Vorbilder keine Heiligen mehr. Heiligkeit ist ja nur ein weiteres Attribut für Güte, Glück und Hoffnung. Das Charisma der Güte bessert uns schon. Der Sozialstaat hat nicht nur die Nehmerseite, die immer beachtet und kritisiert wird, sondern auch die viel größere und schönere Geberseite. Wenn wir uns freuen können, dass alle existentiellen Probleme gelöst wurden, heißt das nichts anders, als dass wir sie gelöst haben. Die bürokratisch-finanztechnische Verschleierung der Güte lässt uns vergessen, dass wir jeden Monat einen Armen speisen und tränken, ihm Obdach und Halt geben. Sobald wir ironisch in diese biblische Sprache verfallen, wird uns klar, dass wir ethische Forderungen höchster Qualität erfüllen. Und das ist nicht etwa nur im christlichen Abendland so, sondern überall dort, wo Wohlstand herrscht. Man kann nur ein Brot teilen, das man hat. Alle Kulturen und ihre Gedankengebäude streben die Güte und das Glück als Ziel an und weisen sie gleichzeitig als Hauptlebensmethodik aus.

Immer wenn von Armut auf der Welt die Rede ist, macht jemand den Vorschlag, dass man doch einfach nur den Reichtum teilen müsste. Das zeigt, dass in allen Menschen dieser Teilungsgedanke tief verwurzelt ist, kulturell implantiert und immer abrufbar. Erst in letzter Zeit ist uns bewusst geworden, dass diese Art von Barmherzigkeit auch eine Abhängigkeit erzeugt, die für den Nehmer weitaus schlimmer ist als Armut, weil sie ihn nämlich lähmt, ohne dass sie sein Problem löst. Jede Problemlösung ist nun einmal dilemmatisch.

Der zweite Sinn des schönen Satzes von Schweitzer, nach dem Welthaushalt, ist der Seelenhaushalt jedes einzelnen. Wenn das Böse nicht substantiell ist, sondern die Auslassung des Guten – und wie wir gesehen haben normalen -, die Summe aller falschen Entscheidungen, dann ist seine Auslassung identisch mit Glück. Das würde einerseits heißen, dass man nur richtige Entscheidungen treffen darf. Davon abgesehen, dass dies wünschenswert wäre, ist es leider Unfug. Es ist so, als wollte man einem Menschen, der vor einer Weggabel steht, raten: ‚Nimm den richtigen Weg‘. Das geht leider nicht. Aber es gibt andererseits viele moralische Handreichungen, die uns zur Verfügung stehen, um das Böse zu meiden, was nur heißt, das Gute nicht zu unterlassen. seit Anbeginn der Menschheit oder des Denkens gibt es Analogerzählungen. Sie ermutigen, es so zu tun, wie der Held der Geschichte, des Bildes oder des Liedes, des Tanzes oder der Trance. Sodann wurden stets gute Geister projiziert, denen wir rechenschaftpflichtig sind. Niemand kann ausmachen, ob wir sie an die Wand gemalt haben oder ob sie da schon vor uns standen. Je weiter sich Kommunikation entwickelt, desto größer wird der berechtigte Glaube, dass es einen Sinn hinter all dem Unsinn gibt. Die Verschwörungstheorien sind übrigens nur die Umkehrung des Urvertrauens, das wir alle nicht nur haben, sondern auch brauchen. Und schließlich kann man sich all das, was jeder Mensch und die Menschheit braucht, auch immer wieder gedanklich erschließen. Dazu gibt es, und hier schließt sich der Kreis, eine Riesenmenge an Daten, wie man heute sagt, die Bibliothek des Guten, bestehend aus Gedanken, Geist und Güte. Man kann das Gute analog aufnehmen, durch die Kunst etwa, oder digital, durch Religion und Philosophie vermittelt. Niemand sollte entscheiden, was besser oder schlechter ist. Unsere Wege sind so vorgeformt, dass sie uns oft und immer öfter als immer schon vorhanden erscheinen. Wir hängen mehr von unseren Eltern ab, als wir glauben wollen. Unser Leben wird, je älter wir werden, desto algorithmischer.

All die Angst vor dem Fremden und vor sich selbst, jeder billige Rachegedanke, durch dessen Ausführung das Böse rein arithmetisch gestärkt wird, jede Rechthaberei und Glaube an Wahrheiten – Religion ist Weg, nicht Wahrheit -, all das führt uns vom Guten, und damit vom Glück weg. Wer böse ist, schadet sich selbst am meisten. Und das gilt natürlich auch umgekehrt: wer gut ist, nutzt sich am meisten. Die Lösung des Allmendedilemmas und gleichzeitig die beste Glücksformel ist: man hilft sich am besten, wenn man anderen hilft.

VOM WANDERN UND SURFEN

 

Nr. 272

Elfter Hauptsatz

Denn wo viel Weisheit ist

da ist viel Grämens

und wer viel lernt

der muss viel leiden                  Salomo

 

 

 

Der Satz klingt auf den ersten Blick wie die abgestandene Resignation eines Teilweisen oder wie amerikanische Billigkritik und Fastmalice an den Intellektuellen. Die Quelle mag ein pessimistischer König oder sein gequälter Ghostwriter sein, auf den zweiten Blick stellt sich der Satz als viel tiefer heraus, als er ist. Denn das Grämen geht zunächst der Weisheit voraus. Das Lernen als Investition sowohl für Problemlösungen als auch für ein glückliches Leben zu begreifen, fällt naturgemäß schwer, da es überwiegend  in der Periode des Lebens stattfindet, die zwar nicht natürlich glücklich, aber doch eher unbeschwert ist. Nie ist die Langeweile angenehmer ausgefüllt als in der Jugend. Selten wird Lernen als so quälender und störender Prozess empfunden als dann, wenn es am leichtesten fällt. Je mehr Geld es auf der Welt gibt, desto mehr Menschen glauben, dass es möglich sein muss, dessen Erwerb zu minimieren, seinen Anteil jedoch zu maximieren. Hinzu kommt, dass zweihundert Jahre lang sogenannte Beweise und Fakten für Weisheit gehalten wurden. Genau diese Fakten aber sind nie schneller zu erlangen gewesen als gerade jetzt. Jugendliche können ihr Smartphone schneller bedienen als ihre Lehrer sich räuspern. Aber selbst wenn man die ganze Welt verlinken könnte, erlangte man doch keine Weisheit. Weisheit ist eine Kombination aus Zusammenhängen und Güte. Selbst Wissen ist nicht additiv, sondern zumindest kumulativ, wenn nicht exponentiell. Zudem ist Weisheit, und das ist eine Binsenweisheit, nicht an Faktenwissen oder gar Abschlüsse gebunden, sondern eher an Geist, Erfahrung und Gefühl. Geist, Erfahrung und Gefühl aber widersprechen jeder Verankerung oder Verlinkung. Verankert ist ein Fakt in einem kohärenten Weltbild, verlinkt ist ein Fakt, der durch äußere oder innere Merkmale Zusammenhänge oder Scheinzusammenhänge herstellt oder herzustellen glaubt.

Es ist also schon einmal das Lernen selbst gemeint, das Leiden nicht hervorbringt, sondern begleitet. Noch besser ist es umgekehrt gesagt: das Leiden wird vom Lernen begleitet. Zwar geht von Weisheit auch tiefe Befriedigung aus, aber das Lernen ist eher lästig als befriedigend. Diese Belästigung durch das Lernen nimmt in dem Maße zu, wie die Faktenbeschaffung sich beschleunigt. Man könnte sagen: je länger das Suchen dauert, desto befriedigender ist das Finden, und umgekehrt, wo man nicht mehr suchen muss, freut man sich auch nicht über das finden. Das ist die eine Seite des Trugschlusses. Die andere Seite ist die Beliebigkeit von Wissen, nicht aber von Weisheit. Folgt man im Internet einer Spur, so ist es nicht die Spur des Wissens oder gar der Weisheit, sondern es ist die Spur von Filtern und Filtern der Filter. Der Einwand, dass das früher auch nicht anders war, wo der Weisheit suchende Wanderer etwa von Kloster zu Kloster ging, kann leicht entkräftet werden mit dem Hinweis auf die Mühe, die Zeit, die Kraft und die Muße, die der damalige Wanderer aufwenden musste oder gewann. Heute gewinnen wir Zeit, um sie zu verschwenden. Früher verloren die Menschen Zeit, die sie dann, als Sinn des Lebens zurückzuerhalten glaubten. Es ist die Zeit, die uns Angst macht. Es ist die Angst, die uns antreibt. Jedes Problem hat keine Lösung. Jede theoretische Lösung ist ein Dilemma, jede praktische eine Katastrophe.

Dass das Leben trotzdem nicht nur weitergeht, sondern schön ist, liegt daran, dass es Höheres gibt als Wissen, nämlich Weisheit und Vertrauen. Vertrauen wiederum gibt es zunächst in einer allgemeinen Form, nämlich als Glauben oder schnelles Denken.  Dass die Ungläubigen keine Hilfe haben, heißt doch nur, dass Unglauben nicht hilft, nicht mehr: das ist die Hölle. Das waren früher verankerte Sätze, heute sind sie verlinkt, gleichviel. Ein Satz wirkt nur, wenn man ihn denkt.

Ach, was macht uns alles Angst, und wir leben schon seit zwei Millionen Jahren weiter. Aber nicht, weil wir etwa unbesorgt wären, sondern im Gegenteil, weil wir die Weisheit und das Grämen, den Glauben und den Unglauben aushalten, das schnelle Denken und das langsame Denken, welches für das wirkliche Problemlösen notwendig ist. Die größte Lösung war wohl, dass wir evolutionär aus der zur Fortpflanzung notwendigen Sympathie die Liebe machen könnten, die die zweite und konkrete Erscheinungsform des Vertrauens ist. Es gibt keine Weisheit ohne Liebe. Hass macht nicht nur hässlich, sondern auch dumm.

Der Text des pessimistischen Königs Salomo, ob er nun von ihm selber oder seinem Lieblingsintellektuellen stammt, ob er nun der Auftraggeber oder der Ideennehmer war, ist also keineswegs pessimistisch. Er wendet sich gegen das reine Wissen und gegen das Unwissen gleichzeitig. Einerseits gibt er die Richtung vor: obwohl Wissenerwerb mit Leiden verlinkt ist, ist Wissen die Vorbedingung für Weisheit. Und obwohl Weisheit mit Grämen verbunden ist, wenn sie reine intellektuelle Reflexion bleibt, also die Überprüfung der Welt nach Sätzen, die selbst nur die Welt gespiegelt haben, ist sie höchst anstrebenswert. Allein ihre Menge wird in dem Satz des Salomo als wünschenswert gesehen. Sie muss mit der Zuwendung zum Menschen gekoppelt werden, damit das Grämen durch die Liebe aufgehoben werden kann.

Es sind die Weisen, die wir fragen. Es sind die Weisen, die uns immer wieder in Erstaunen versetzen durch ihre Güte, und was wäre Güte anderes als Weisheit gekoppelt mit Liebe. Surfen bleibt ein Gleiten über Sätze, meist noch nicht einmal dies, sondern nur über Zahlen und dürre Fakten. Wandern dagegen ist ein nachhaltiges Fortbewegen, das keinesfalls erfolgsorientiert sein muss. Vielmehr versteckt sich der Erfolg oft hinter dem Leid, über das wir uns gerne grämen, statt uns über den Erfolg zu freuen. Wandern, wie so viele Begriffe, sollte immer gleichzeitig faktisch und metaphorisch verstanden werden. Beides ist nachhaltig, beides bringt uns voran, beides lässt uns die Angst vor der Zeit, vor der Erkenntnis, vor dem Dilemma oder gar vor der Katastrophe, heute gerne Absturz genannt, vergessen. Auch vergessen ist Weisheit.