NOBELPREIS ZWISCHEN BACH UND NEONAZIS

Obwohl der im Roman beschriebene Ort Kana leicht als Kahla in Thüringen und Hort der Neonaziszene erkennbar ist, ist genauso leicht der Parabelcharakter des Buches überdeutlich. Der oberste Neonazi des kleinen Städtchens südlich von Jena, genannt DER BOSS, liebt Bach und nimmt sich eines armen Waisenjungen aus dem Kinderheim an, kurzum, alle unvereinbaren Subkulturen werden hier neu gemischt. Das Personal des kleinen, eigentlich liebenswürdig-verschrobenen Örtchens scheint aus einem Musterbuch des Kleinstadtbewohners zu stammen. Da ist der vom BOSS adoptierte Junge Florian Herscht, ein Riesenbaby von ungeheurer Kraft, man ahnt schon zu Beginn, dass er sie noch brauchen wird. Er ist genauso sympathisch, everybody’s darling, wie sein Vorbild aus der vorangegangenen Weltliteratur: Lennie Small aus John Steinbecks großem, wenn auch kurzem Roman OF MICE AND MEN. Er ist der Freund der alten Frauen und der Hochhausbewohner, und er ist so glücklich, dass er im siebten Stock des Hochhauses eine eigene Wohnung besitzt, mit einem Stuhl und einem Tisch und einem Bett. Dort kann er aber mit seinem Laptop keine Bachkantaten hören, denn es gibt kein Internet. Dieses ganze wunderbare Leben verdankt er dem BOSS, der ihn vom Hochhaus zu den Einsätzen abholt, bei denen sie mit Spezialmitteln und noch spezielleren Werkzeugen Graffiti entfernen, besonders von den nationalen Heiligtümern der Bachgedenkstätten in Thüringen. Die Leiterin der Bibliothek gehört zu den Freundinnen und Freunden Florians ebenso wie der pensionierte Physiklehrer Adrian Köhler, von dem er zudem lernt, dass die Welt zu Nichts zerfällt, wenn die Politik nicht schnellstens reagiert. Florian schreibt deshalb mehrere Briefe an Angela Merkel und versucht auch, im Reichstag vorstellig zu werden. Kleinstadtmilieustudien werden nicht nur mit Frau Schneider und Frau Burgmüller vorgelegt, zwei konkurrierenden Nachbarinnen und omnipräsenten, aber unbrauchbaren Zeitzeuginnen, sondern auch mit der – Frau Ritter aus Köthen nachempfundenen – völlig körperlich und geistig verwahrlosten Mutter des Nazis:

Die Geburt des [NATIONAL][SOZIAL][ISMUS] aus der Asozialität.

Eine Extrastudie widmet Krasznahorkai dem Festhalten an den alten Essgewohnheiten Bockwurst, Schweineleber und Köstritzer Bier. Es gibt wohl kein Buch, in dem mehr Bockwurst gegessen wird. Aber wir verstehen: die Essgewohnheit ist auch ein Widerstand gegen Burger und Döner. Jedoch wie Weihnachten nie mehr so sein wird wie in der Kindheit, so wird die DDR nicht wieder auferstehen, soviel Bockwurst ihre followers auch in sich hineinstopfen mögen.

Die Kleinstadtidylle ist nach 1990 durch demografische und ökonomische Prozesse zerstört worden, die nicht direkt von einem Staat zu verantworten waren, weder vom untergegangenen noch vom eben aufgehenden. Zurück blieb ein verwahrloster Topos mit so gesehen obdachlosen Menschen. In dieses Vakuum stieß der mentale Linksradikalismus (BANKEN ENTEIGNEN) genauso wie der latente Neonazismus (DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN), überhaupt jede vereinfachte Antwortoption und jedes autoritäre Reglement. Das Dilemma menschlichen Zusammenlebens ist hier zu sehen: entweder ein optionales Overprotecting oder die mögliche Verwahrlosung. Selbst die antiautoritärste Demokratie benötigt einen Grundkonsens, gern mithilfe eines liebenswerten Charismas, während auch die härteste Autokratie nicht ohne eine demokratische oder wenigstens merkantile Klammer, die dem Führer widersprechen,  auskommen kann.

Das eine System basiert auf Emphase, dem permanent skandierten kalten Unsinn, das andere auf Empathie, dem immer erneuerten Versuch der warmherzigen Annäherung.

Eine Ausnahme oder ein Zwischenglied ist der Lehrer. Da er sein Wissen unmittelbar weitergibt, glaubt er, es auch unmittelbar empfangen zu haben, er hält es und sich für absolut und schon sitzt er in der ungewollten Autoritätsfalle, obwohl er eigentlich nur durch Einfühlung existieren kann. Adrian Köhler versucht vergebens, die falsche Interpretation zu stoppen und verfällt in Demenz als der notwendigen Zivilisationskrankheit. Keine Autorität kommt ohne Kataklysmus aus, ob er nun im kleinen Städtchen Kahla im Untergang der Porzellanfabrik oder in der prächtigen Metropole Lissabon passiert, wo einst und deshalb die Aufklärung geboren wurde. Das Erdbeben mit Tsunami all inclusive ereilt Kahla wie Lissabon.

Indes tritt zu den gewalttätigen Neonazis eine weitere Bedrohung: die Wölfe, die uralte Urangst des Menschen, der sich immer mehr von der Natur entfernt. Der Wolf als Metapher für sich selbst und den Flüchtling und die Pandemie ist die verkörperte Irrationalität. Der Mensch, selbst wenn er an Gott glaubt, glaubt sich rational, demgegenüber kommen die genannten Monster aus dem Off der Unvernunft.

Der Staat bleibt hilflos und unsicher, die Polizei tappt im Dunkeln, weil sich das Paralleluniversum der Neonazis als Stecknadelkopf im Heuballen entpuppt hat.

Jeder Glaube an den Staat ist Aber-, wenn nicht Irrglaube.

Der Staat sind bestenfalls wir, aber dieser Fall kann wohl kaum eintreten, solange bezahlte Büttel von verlorener Macht träumen.

Das Buch spielt mit einer Art Unstrukturiertheit und spiegelt damit das zunächst unstrukturierte Leben, das uns erst nekrologisch logisch wird. Andersherum gesagt: nur im Kunstwerk können wir den Sinn oder den Unsinn des Lebens erkennen. Das tägliche Leben erschließt sich uns nur schwer. Wir wissen nicht, warum unser Nachbar stirbt oder drei Häuser weiter das siebte Kind geboren wird. Deswegen steht auf vielen Grabsteinen WARUM, aber keine Antwort, und Memoiren dienen eher dazu, die Gründe zu verschleiern, statt sie aufzuklären. Dies könnte durch ständigen Perspektivwechsel innerhalb eines Absatzes oder sogar eines Satzes erreicht werden. Dadurch entstünde im Leser eine Unmittelbarkeit, eine Dichte, die den Memoiren eines alten Kindes dokumentarische Züge verliehen. Dieselbe Wirkung erreicht Krasznahorkai aber dadurch, dass es in seinem 400 Seiten starken Buch nur einen einzigen Punkt gibt, den Schlusspunkt. Es gibt auch keinen Absatz und die Kapitelüberschriften sind Zitate vorheriger Kapitel. Dadurch können wir Leser glauben, dass der Roman das Leben so wiedergibt wie es ist: unstrukturiert, unverständlich, unglaublich, unverfroren, unwiederholbar, unhaltbar, unendlich. Aber der Schein trügt. Man ahnt es: Florian Herscht wird es beenden, so wie unser aller Leben eben endet. Am Schluss sterben sie alle wie die Fliegen, wie bei Hamlet. Aber die schönste Pointe, nach der die böseste der Bösen, Karin, durch Genickbruch zu Tode kam, ist, dass die Pistole der toten Bösen noch einmal losging und HERSCHT mit den beiden vom Naturschutz geschändeten Wölfen stirbt, im Kopf hört er aus dem Stabat Mater von Pergolesi/Bach TILGE HÖCHSTER MEINE SÜNDEN. Ja, das wäre schön.  

„…ich verhalte mich nur deshalb so zu den Dingen, weil ich nicht an das Leben glaube, das man uns aufzwingen will, dass wir kaufen sollen und dann wegschmeißen…“ [S. 264]

„…die Angst war so groß, dass die Realität diese Angst nur gestört hätte,  denn auf die Realität kann man leicht, aber auf die Angst kann man nur schwer verzichten…“ [S. 281]

Laszlo Krasznahorkai, HERSCHT 07769, übersetzt von Heike Flemming,

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2021

09.10.2025

Laszlo Krasznahorkai wird den Literaturnobelpreis 2025 erhalten. Wir gratulieren!

TRANSIT IN EBERSWALDE

Am schwersten ist es beim Schreiben, die Beweglichkeit der Welt und der Menschen einzufangen. Leichter ist es, die Welt so zu beschreiben, als wäre sie ein Gemälde von Pieter Brueghel. Diese bewegliche Beschreibung nannte Michail Bachtin den polyphonen Roman und in diesem Roman tritt jedes Wort in Dialog mit dem Leser. Bachtin wurde von Stalin verbannt und schrieb als Buchhalter und später deklassierter Lehrer an einem Lehrerbildungsinstitut seine bahnbrechenden Werke. Sein Schicksal und seine Bedeutung sind gut mit Lew Theremin oder dem Raketenkonstrukteur Koroljow vergleichbar, die sogar in GULAGs verbannt wurden.

In brennender Hitze bietet eine im Innern dunkle neogotische Kirche Trost und Erfrischung, die sogar – wie sich gleich zeigen wird – in Erbauung überführt werden kann. Eberswalde ist die einzige städtische Siedlung in Preußen, in die im achtzehnten Jahrhundert Schweizer Religions- und Wirtschaftsflüchtlinge gelangten. Die meisten bevorzugten Dörfer, wie zum Beispiel Linow bei Rheinsberg (‚Ruppiner Schweiz‘) oder Nattwerder, heute ein Stadtteil von Potsdam. Eine der Linower ähnliche Fachwerkkirche mag am Eberswalder Markt gestanden haben. Sie wurde baufällig und im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts durch einen bemerkenswerten Neubau ersetzt. Zwar wurde der Entwurf des Wettbewerbssiegers nicht verwirklicht, er stammte von dem Schöpfer der Hartungschen Säulen, die in Berlin Verkehrsgeschichte geschrieben hatten, aber die gebaute Kirche ist heute dennoch ein, wenn auch makelhaftes, Kleinod. Denn sie wurde im zweiten und letzten Weltkrieg hart getroffen. Die Antifa-Jugend führt deshalb an einer Mauer in der Eisenbahnstraße einen Graffito-Kampf gegen die Fa-Jugend: wurde Eberswalde wie Anklam und viel früher Freiburg im Breisgau durch die Nazi-Luftwaffe oder durch allied Aliens zerstört? Heute, nach gelungener Wiederaufbauarbeit, stellt sich allerdings auf der Website der Kirchengemeinde die Frage nach der Zukunft. Die wenigen Beter benötigen in der Innenstadt noch nicht einmal eine, geschweige denn zwei große und schöne Kirchen.

In der Kirche befinden sich äußerst freundliche Einladungen zum Verweilen, auf denen mehrfach betont wird, dass man nicht verpflichtet ist zu spenden oder sich taufen zu lassen. Auch die Adresse der Wiedereintrittsstelle fehlt dankenswerterweise. Stattdessen hört man leise Musik, die sich zunächst wie ein einzelnes und auch einstimmig gespieltes Orgelregister anhört. Aber von der architektonisch interessanten Eule-Orgel auf der Empore kann die Musik nicht kommen. Da immer noch der dunkle Kirchenraum dominiert, verzögert sich die Analyse der mysteriösen Musik. Sie könnte von einem Theremin stammen, dem ersten elektronischen Musikinstrument, lange vor der Hammond-Orgel. Zusammen mit seinem Erfinder war es lange verschollen und vergessen. Nun klingt es wie ein klagend verflötetes Flageolettcello und ganz entfernt auch nach einer frühen Hammond-Orgel. Auf dem Büchertisch liegt, passend zur Herkunft der Kirche, Anna Seghers‘ Roman TRANSIT. Wer zu lesen beginnt oder sogar bis zuende liest, wird höchst erstaunt sein über die Aktualität eines über achtzig Jahre alten Buches:

„Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

Der Roman beschreibt in geradezu filigranen Winkelzügen die immer wieder verhinderte Abfahrt nicht nur des namenlosen Protagonisten, sondern ganzer Heerscharen ungeduldig Wartender. Die Bürokratie, einst geschaffen, um die eigenen Leute zu schützen, erweist sich als die größte Hürde bei der Rettung von Menschen. Im Altarraum tauchen nun plötzlich Inge Keller und Jürgen Holtz auf, zwei gendervertauschte Uraltgreise, die das sechsundsechzigste Sonett von Shakespeare tänzeln:

„…und hohles nichts nur hochgezoomte tollerei / und reinste treue ohne glück in schwur und zwist / und goldne ehre ganz beschämend deplatziert / und mädchentugend hingeworfen zum verhuren / und rechte perfektion als schaden vorgeführt / und kraft springt hinkend aus den guten spuren / und kunst wird mundtot durch autorität / und die gelehrte narrheit kontrolliert den sinn / und simple wahrheit ist zur dummheit umgedreht / und güte vom bösen boss gefesselt als verbrecherin…“

Das sind zehn böse Unds, von denen so viele glauben, dass sie erst in der neuesten Neuzeit gälten. Davon handelt der Roman. Er gibt detailliert Auskunft über menschliches und unmenschliches Verhalten an einem Staudamm der Gefühle. So viele Menschen fliehen vor dem Bösen und landen in der Dummheit oder Verbohrtheit. Dabei ist es gleichgültig, wovor man flieht, denn der Fliehende hat abgeschlossen mit seiner Vergangenheit, die er nur mit seinem Gesicht mit sich durch die Welt trägt. Erst jetzt erschließt sich: das Buch stammt von der ersten Dichterin der bürokratischen Diktatur des Proletariats. Honecker, so könnte man denken, schaltet seine aus Westberlin importierten Pornofilme auf Pause und liest dieses Buch. Es ist unvorstellbar. Sie, die Dichterin, kam fünf Jahre vor ihrem Mann aus dem mexikanischen Exil und reihte sich ein in die erzwungene Arbeitereinheitsfront, besah sich Schauprozesse gegen ihre Freunde, schwieg zu Ausbürgerungen und Zuchthausstrafen und genoss ihren Ruhm. Sie war neben dem frühverstorbenen Brecht die einzige Weltliteratur in unserem kleinen verfluchten Land, mit immerhin drei Büchern, von denen im Osten nur Das siebte Kreuz Kult war, und das auch nur in der Anfangszeit. Am Ende ihres Lebens, das ihr wie ein Wartesaal in Marseille vorkam, soll sie nur noch betrunken gewesen sein. Aber vielleicht ist das auch nur ein böswilliges Gericht.

PALIMPSEST IST DAS SCHICKSAL ALLER BOTSCHAFTEN.

Ein polyphones Gewirr von Bleibenden und Fliehenden, die sich untereinander und gegenseitig behindern, verspotten, betäuben und helfen. Die Geschichte ist ganz und gar unideologisch. Kommunisten spielen in ihr eine geringere Rolle als etwa die Frau, die zwei Doggen in Pflege nimmt und dafür ein Einreisevisum erhält. Der mexikanische Konsul, den es wirklich gegeben hat, kommt öfter vor als alle Nazis und spanischen und italienischen Faschisten zusammen. Und obwohl das zum Zeitpunkt der Niederschrift und der größten Rezeption gar nicht absehbar war, kann man heute sagen: und so ist es auch. Der gutwillige Konsul ist der Pate des Europas geworden, von dem die damaligen Flüchtlinge träumten. Aber Europa konnte erst gut werden, nachdem Millionen Menschen flohen, ermordet wurden und Krieg führten, nachdem im kalten Krieg das alles noch einmal, aber eher theoretisch durchgespielt wurde, wenn auch eine Mauer zu Flucht und Jagd und Ermordung verleitete.

„…Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf Konsulaten Transit nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart…“

Der heiße Tag ging zuende. Leider spielte niemand auf der schönen Orgel oder auf dem Theremin ‚Abend wird es wieder‘ oder ‚Der Mond ist aufgegangen‘. Stattdessen schob sich durch die quietschende Nordpforte ein kranker Nachbar aus dem Lied und aus der Stadt in die dunkle Kirche, die nur durch ihre Freundlichkeit erhellt war. In Wirklichkeit aber kam er aus dem Transit, das in seinem Land መተላለፊያ hieß.  

Er war in dem Krisenjahr 2015 über das Mittelmeer zu uns gekommen und der Fahrschullehrer mit der schmutzigen Schaufensterscheibe hätte nur das Buch lesen müssen, das in der Kirche der Schweizer Migranten ausliegt. Aber lag es damals schon aus? Oder liegt es erst aus, seitdem die neuen Migranten kamen? Er hätte es, wann auch immer, lesen können: „…was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“  Der Junge war also durch den höllenheißen Sudan gekommen, das ging noch, durch Libyen, das war die Hölle, auf einer Schaluppe über das Mittelmeer, dort lag er fast die ganze Zeit auf dem Boden, weil er der kleinste war, dann von der italienischen Polizei mit Latexhandschuhen hart angefasst, dann durch Italien, in Mailand hat ihm eine Dame ein Frühstück in ihrer Wohnung gemacht, in Paris gab es eine Frühstücksstube kostenlos, in Aachen stand ein mürrischer alter Mann bereit, der ihn in sein Auto lud, damit er sich ordentlich bei der Polizei melden konnte, dann kam er nach dem unaussprechlichen und unsäglichen Eisenhüttenstadt, wo sie keine Flüchtlinge mochten, obwohl so viele Wohnungen leerstanden und auf den Spielplätzen nur Hunde kackten und keine Kinder spielten, dann lernte er Deutsch, dann bekam er sein erstes Praktikum, seine erste Arbeit, wurde wegen Corona gefeuert, sie feuern immer die schwächsten zuerst, hire and fire only the poorest, dann bekam er eine gute Arbeit, er ist aber auch sehr fleißig und sehr freundlich. Nun ging er daran, seinen zweiten Traum zu erfüllen. Der erste Traum war eine kleine Wohnung, die hatte er als WG, zusammen mit seinem Freund in einer winzigen Zweiraummansarde, die Möbel stammten von einem alten Mann, der einsam im Pflegeheim gestorben war, dessen entfernte Verwandten aus dem noch entfernteren Schwerin hatten im Kaufland annonciert: Möbel zu verschenken und eine Gitarre. Und der zweite Traum war die Fahrschule. Auch hier ging zunächst alles gut. Er bestand auf Anhieb die Theorie, fuhr leidlich gut, gut, alles verstand er dann doch nicht, es dauerte etwas länger, aber seine Freunde erzählten ihm, dass es bei ihnen auch so war. Doch dann häuften sich die Beschimpfungen des Fahrschullehrers mit der schmutzigen Schaufensterscheibe. Seine Tiraden wurden so schmutzig und gottverlassen wie sein Schaufenster. Jedenfalls kündigte der Junge, nachdem er so viel Geld bezahlt hatte. Der Fahrschulbesitzer mit der schmutzigen Scheibe und Seele verhinderte aber ein halbes Jahr lang, dass der Junge, der inzwischen ein junger Mann geworden war, sich in einer neuen Fahrschule anmelden konnte, indem er ihm seine Unterlagen, den Nachweis, dass er gefahren war, vorenthielt. Und der Grund war vielleicht gar nicht einmal, dass er ihm schaden oder sich rächen wollte. Der Grund war vielleicht, dass die Kladde, die Unterlagen, mit der Hand geschmiert, von Schmalzstullen besudelt, gar zu unordentlich für einen deutschen Fahrschullehrer waren, der noch dazu eine stadtbekannte schmutzige Schaufensterscheibe hatte.

Stand das nicht alles schon in dem Buch? Stand da nicht, dass das Leben wie eine Flucht ist, die Gegenwart ein Transit zwischen Vergangenheit und Zukunft? Und dass Transit ein Auf und Ab, eine ewige Sinuskurve, ein Kreuz ist, das du tragen musst?

Eigentlich ist die dunkle Kirche der einstigen Schweizer Migranten, die längst vergessen und verwest sind, auch ein Transitraum, für jene zumindest, die daran glauben, dass es irgendwie weitergeht. Und, sagte der weitgereiste junge Mann, irgendwie muss es weitergehen, schön, dass wir sprechen konnten und dass es einen so schönen Raum zum Sprechen gab.  

Eberswalde 13.7.2021  

DIE NEOBRANDENBURGISCHE REVOLUTION

 

Nr. 346

I

Von 1248 an wurde in einer winzigen norddeutschen Stadt eine riesige, wunderschöne Kirche gebaut. Das Problem der Verzierungen löste der uns unbekannte Baumeister, indem er mit gebrannten Formsteinen die Wimperge (spitzhohe Tür- und Fensterverzierungen) und Fialen (Türmchen) nachahmte, die im Süden Europas, etwa in Florenz, Reims oder Köln, aus Stein gemeißelt sind. Somit entstand einer der prächtigsten Ostgiebel im ganzen Norden Europas. Mehrmals stürzte die Kirche ein, im Dreißigjährigen Krieg haben sich Christen, die nicht nur nicht töten, sondern sogar ihre Feinde lieben sollen, gegenseitig in ihr massakriert. Dann aber wurde der geniale großherzogliche Baumeister Friedrich Wilhelm Buttel, ein Schüler Schinkels und Zeitgenosse Stülers, mit der vollständigen Rekonstruktion beauftragt. Das Ergebnis war ein Meisterwerk, zeitgleich entstand seine neogotische Schlosskirche in der benachbarten Residenzstadt. Das neogotisch umgeformte hochgotische Backsteinmeisterwerk wurde eines der beliebten Motive des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Das Großherzogtum ging im ersten Weltkrieg unter, die kleine Stadt und die großartige Kirche erst im zweiten Weltkrieg. Wie durch ein Wunder oder als eine symbolische Vorbedeutung blieb aber, wie im benachbarten Prenzlau, der Ostgiebel fast unzerstört stehen. Als Ruine musste die Kirche die weitere Zerstörung der mittelalterlichen Stadtstruktur mitansehen. Die Chefarchitektin, eine Schülerin des Bauhausschülers Selman Selmanagić aus Srebrenica in Bosnien, tat ihr möglichstes, die Vergangenheit aus der Stadt zu verbannen. Nur die fast vollständig erhaltene Wehranlage einschließlich der vier Tore und 27 Wiekhäuser überdauerte sowohl den Krieg als auch den Bauwahn. Zum Ende der DDR gab die Kirche den imposanten Bau, der immer noch Ruine war, an den ungeliebten Staat ab, der aber mit seinen Umbauplänen nicht recht vorwärtskam. Nach der Wiedervereinigung gewann der finnische Architekt  Pekka Salminen den Wettbewerb zum Umbau der Marienkirche in eine Konzertkirche. Pekka Salminen gehört zu den TOP- und Großarchitekten der Welt. Bevor wir jetzt seine Konzertkirche betreten, sollte man sich das Grand Theatre in Wuxi ansehen. Wuxi ist eine Stadt in China, die doppelt so groß ist wie Berlin. Salminen hat Großbüros in Helsinki und Shanghai.

Das Gewölbe der Kirche war durch den Druck des Dachstuhls und des Brandes eingestürzt, jedoch die Außenwände, der von Buttel restaurierte Turm und vor allem der weltberühmte Ostgiebel standen noch. Eine deutsche Besonderheit ist es, dass alle Groß- und viele Mittel- und sogar Kleinstädte ein Theater und ein Orchester haben. Das ist ein Vorteil der nachteiligen jahrhundertelangen Kleinstaaterei. Der Auftrag lautete also, in die bestehende Außenhaut, in die historische Form einen hochmodernen Konzertsaal zu stellen. Salminen hat den Konzertsaal aus Sichtbeton, Stahl und Glas in diese historische Hülle hineingeschoben, aber beide offen gelassen. Ein Konzertsaal hat außer der Statik und dem Aussehen noch das Problem der Akustik. Maßstäbe hat hier Schinkel gesetzt, der unglückliche August Orth war ein Meister der Akustik wie auch nach ihm Hans Scharoun. Von diesem stammt auch die Aufhebung der konträren Platzierung des Orchesters. In der zweiten Berliner, der Scharoun-Philharmonie ist das Orchester in der Mitte aufgestellt. In der Konzertkirche gibt es einen rechteckigen, zweigeteilten Zuhörerraum. Akustisch äußerst interessant sind die Sitzreihen hinter dem Orchester. Gewagt ist die sichtbare Stahlkonstruktion der absolut transparenten Empore. Die letzte erhaltene Wandmalerei an der Nordseite der Westwand wirkt wie ein hypermodernes Gemälde und vollkommen aus der Zeit gefallen. Das letzte Element zu einem perfekten Konzertsaal stiftete ein Maschinenbaufabrikant, der jetzt bescheiden in der vierten Reihe sitzt, die große Orgel von Schuke in Berlin und Klais in Bonn, mit 71 Stimmen, in Norddeutschland nur zu vergleichen mit der Orgel in der Elbphilharmonie Hamburg, ebenfalls von Klais, und der historischen Orgel im Schweriner Dom von Altmeister Ladegast.

Der ehrenvolle und bescheidene Maschinenbaufabrikant hört dann beispielsweise das Orgelkonzert von Francis Poulenc, ein opulentes Werk, wie geschrieben für diese Orgel und diesen Raum, ein Werk zwischen Choral und Clownerie. Das auf die Streicher reduzierte Orchester versucht der Orgel zu folgen, aber vier Pauken jagen beide von Innovation zu Innovation. Poulenc verwendet eine alte, eher abseitige Form, das Orgelkonzert, um eine Sprache zu finden, die zwischen mathematisch-permutativem Barock und expressionistischem Klangcluster schwebt. Geschrieben wurde das wunderbar kraftvolle Werk 1938 für die Mäzenin Prinzessin de Polignac, die eine Tochter des amerikanischen Nähmaschinenkönigs Isaac Singer war, der es vom Wanderschauspieler zum perfektionistischen Superingenieur und Multimillionär gebracht hatte. Ihr wesentlich älterer und homosexueller Gatte wurde zur Figur des Swann in Marcel Prousts À la recherche du temps perdu. Ihr wunderschönes Palais in Venedig malte Claude Monet.

II

Diese nicht ausgedachte Klimax zweier korrespondierender Künste führt uns zur notwendigen Umfunktionierung und Reformierung von drei wichtigen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Ideenführungssystem

Alle bisherigen Ideologien sind zu bestenfalls bürokratischen, oft aber auch terroristischen Führungs- und Kontrollsystemen verkommen. Der derzeitige Kontrollwahn der Volksrepublik China übertrifft bei weitem den von George Orwell im Voraus beschriebenen. Die von ihm gedachte Spanne von 1948 – Stalinismus und McCarthyismus – bis 1984 – der Ostblock kurz vor dem Zusammenbruch – ist gerade einmal das Frühembryo heutiger chinesischer Zustände, deren Dimensionen alles überschreiten, was bisher vorstellbar war. Vorbild einer ideologischen Führungsmacht mit totalitärer Kontrollfunktion mag die 1000 Jahre herrschende katholische Kirche gewesen sein, deren reformierter Ableger aber ebenfalls dem Reiz der Staatskirche mit Überwachung der anvertrauten Menschen unterlag und jahrhundertelang frönte. Nur die beiden islamischen Länder mit funktionierender Wirtschaft, Saudi Arabien und Iran, haben ein annähernd vergleichbares System mit seinen grausigen Folgen hervorgebracht, allerdings in einer historisch unvergleichbar kurzen Zeit. Sie sind weltpolitisch, ungeachtet ihrer Bedrohung für Israel, unbedeutend. Vielmehr ist die geschürte Angst europäischer Rechtspopulisten vor einer islamischen oder gar islamistischen Macht Ausdruck jenes Strebens oder Sehnens nach einer Führung durch Ideen, die durchaus auch durch Personen repräsentiert sein können.

Die Rechtspopulisten wie die Islamisten wollen Segregation und Autoritarismus. Das ist wieder zum Scheitern verurteilt, wie es schon mehrfach gescheitert ist. Eine nennenswerte linke Idee gibt es nicht mehr, und das ist, wenn man an ihre Staatgläubigkeit denkt, auch gut so. Allerdings sehnen sich die Menschen nach einer Gerechtigkeit, die niemanden ausschließt. Die scheint im Sozialstaat skandinavischer, kanadischer und deutscher Ausprägung der Verwirklichung nahe zu sein. Allerdings fehlt ihr die Idee, die Botschaft. Der Staat hat keine Idee, außer sich selbst, das wissen wir seit Max Weber. Es mag damals in Nicäa* richtig gewesen sein, aus dem charismatischen Wanderprediger und Topdenker mit weit größerer Ausstrahlung als Seneca einen Gottessohn und Teil einer Dreigottheit zu machen und seine Lehre zur Staatsdoktrin zu erheben. Das Ergebnis war allerdings nichts als Staat, Totalkontrolle und Unterdrückung. Die Botschaft verschwand hinter dem Kreuz. Möglicherweise wirkte das Kreuz sogar als Drohung für alle Abweichler. Noch heute heißen mittelalterliche Türme in norddeutschen Städten Fangel- oder Hexenturm. Es war der afroamerikanischen Kirche vorbehalten, die Verhältnisse zumindest gedanklich wieder umzukehren: Must Jesus bear the cross alone? Die Ideen sind also da, es sind die vielbeschworenen europäischen Werte, die teils von dem vornicänischen Yesus, teils von der Aufklärung stammen. Das sind nicht die Elemente von Sonntagspredigten, sondern schwer verständliche und schwer vermittelbare, immer noch unerfüllte und neue Forderungen: seine Feinde zu lieben, weil man dann keine mehr hat, nur zu richten, wenn man selbst frei von Untaten wäre, so zu leben, dass die Maxime des eigenen Handelns allgemeines Gesetz werden könnte, jeden Versuch, ein Recht des Stärkeren zu postulieren, durch Vereinbarung abzublocken, permanent von der Gleichheit aller Menschen auszugehen, deren Folge die allgemeine Solidarität ist. Schließlich müssen wir alle lernen, dass lernen sinnvoller als regeln ist. Regeln können nur zeitweiliger Support sein, das wusste schon König Salomo.

Demokratiereform

Mehrere Jahrhunderte lang haben sich alle fünfzig Jahre (Goethe**, Kondratieff***) die Lebensumstände, Technologien, aber auch Krisenzyklen verändert. Das ist der Grund, warum heute noch alte Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Sie brauchen nicht nur Gehhilfen, sondern auch Gehilfen. Offensichtlich war unser Blick für die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Demokratie durch den Zusammenbruch des Ostblocks verstellt. Eine ganze Phalanx nichtvisionärer Politiker, mit Ausnahme von Deng Xiaoping, beherrschte gerade zu diesem Zeitpunkt die Weltpolitik, so dass der Eindruck entstand, der Rest der Welt schwenke endlich in die sozialstaatlich gebremste Marktwirtschaft und die westlich dominierte Demokratie ein. Aber das Scheitern der einen Idee ist nicht der Beginn einer neuen Idee, nur in dem Ausnahmefall, dass eine alte Idee scheitert, weil eine neue da ist. Diktatoren wurden selbstverständlich geächtet, bis sich herausstellte, dass Diktaturen auch beträchtliche Vorteile haben, nicht nur für den Diktator selbst und seine nepotische Clique. Selbst eine segregationistische, autoritäre Idee ist mehr Idee als die allgemeine Annahme ewigen Fortschritts und konsensualer Omnipotenz. Dabei ist der autoritäre Blick in die Vergangenheit bei vielen Menschen nicht so unbeliebt, wie die andere Hälfte der Menschheit denken mag.

Es gibt keine einfache Lösung und keinen geraden Weg aus dieser Sackgasse. Volksbefragungen, noch dazu zum jetzigen Zeitpunkt, würden zu einem zeitweiligen Überhang der Ignoranz führen. Zudem ist der direkt-demokratische Prozess noch langwieriger als der repräsentativ-demokratische, der aber auch jede Überschaubarkeit und Transparenz verloren zu haben scheint. Vielleicht könnte Prozessstraffung und Regionalisierung der Politik eine neue Richtung vorgeben. Die AfD ist nicht nur entstanden, weil sich ein Zehntel der Bevölkerung nach markigen Sprüchen, einfachen Antworten und Rehabilitierung der Nazisprache sehnte, sondern weil deren Abgeordnete auch vorführen und nutznießen wollten, wie lukrativ die Demokratie für ihre Betreiber ist. Das ist ein uralter Vorwurf und ein unauflösliches Dilemma: aber, selbst wenn nur Reiche Politik machen würden, gäbe es nicht nur Bismarck und Kennedy, sondern auch Guttenberg und Trump. Eine wieder schärfere Profilierung der Parteien kann man sich nicht wünschen, weil solche Prozesse ganz offensichtlich nicht volitiv verlaufen. Hinzu kommt, dass wir momentan verunsichert darüber sind, ob Parteien überhaupt noch die geeigneten Interessenvertreter sind. Jedenfalls gibt es in Europa schon mehrere Bewegungen, die an die Stelle fest umrissener Programmparteien getreten sind: Cinque Stelle in Italien, Wiosna in Polen und En marche in Frankreich****.  Das ist vielleicht der Sieg der klaren Metaphern über die verklausulierten Programme. Die Politiksprache muss sich umgehend von der Juristen- und der Bürokratensprache abkoppeln. Es ist für uns mittlerweile unerträglich, dass Politiker Juristen und Bürokraten folgen, denen sie Visionen vorgeben sollten. Diese Art der Politiksprache ist der Grund, warum so viele Menschen einfach Sätze (‚Wir schaffen das‘) genauso wenig verstehen wie Fragebögen und Regierungserklärungen. Politisch gescheiterte Rhetoriker sind die willkommene Stütze für diese These: Westerwelle, zu Guttenberg, Lindner, Gysi, Lafontaine, Wagenknecht. Selten fällt geschliffene und apodiktische Rhetorik mit erfolgreicher und angenommener Politik zusammen: Bismarck, Rathenau, Brandt, Schmidt. Politik heißt nicht, jemanden zu überreden, sondern uns alle mitzunehmen.

Globalisierung mit menschlichem Antlitz  

1968 ging von der schönen Stadt Prag eine Hoffnung für Ost und West aus. Denn man darf nicht vergessen, dass in diesem Jahr in Westeuropa und Amerika Studenten Ho-Ho-Ho-Chi-Minh brüllend durch die Städte rannten und gegen das System protestierten, das wir heute noch haben. In Prag, und sympathisierend in allen Ostblockstädten, forderten die Menschen ein Wirtschafts- und Regierungssystem mit menschlichem Antlitz. Deshalb übernehmen wir hier diesen Ausdruck für die globalisierte Wirtschaft, von der uns die Billigimporte aus 150 Ländern erfreuen. Uns erquickt auch der Gedanke, dass wir vom Export in 200 Länder profitieren. Aber für jede für uns negative Erscheinung wird sofort der Kapitalismus denunziert, der wir doch selber sind. Damit sind noch nicht einmal die rechten Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen gemeint. Rechte Argumentation entblödete sich nicht, die europäische Einwanderung in Amerika mit ihrer gegen die autochthone Bevölkerung gerichteten Aggression mit den Diktatur- und Armutsflüchtlingen zu vergleichen. Segregationistische Aggression ging in beiden Fällen von derselben Ideologie aus. Jedes Kind weiß, dass Könige in Afrika und Häuptlinge in Nordamerika den Einwanderern äußerst freundlich begegneten, bis sich deren leichenfressende Gier – seit Kolumbus – zeigte. Damit ist auch der Jammer über die Kinderarbeit in Pakistan oder Bangladesh oder Westafrika gemeint, ohne die noch mehr Menschen unter das Existenzminimum gerieten. Europa muss versuchen, von hieraus  den Standard für den Welthandel weiter zu bestimmen. Dazu müssen wir nur unsere Janusköpfigkeit oder Doppelzüngigkeit aufgeben. Wir dürfen keine Waffen mehr exportieren. Wir dürfen keine Waffen mehr herstellen. Wir müssen vom Prinzip der gegenseitigen Meistbegünstigung dann abgehen, wenn es gilt, unterentwickelte Volkswirtschaften zu unterstützen. Dem dient die Merkel-Müller-Initiative in Afrika, die sich im Schatten sinnentleerter Diskussionen über Obergrenzen und Schulschwänzen vollzieht. Über Chinas Menschenrechtsverletzungen darf nicht nur nicht hinweggegangen werden, sondern wir müssen versuchen, in Afrika unseren guten Ruf und unseren Einfluss weiter geltend zu machen, vor allem mit Investitionen. Das Befremden chinesischer Führer über unsere Empörung müssen wir genauso stoisch ertragen, wie die Chinesen einst die Niederschlagung des Boxeraufstandes***** und die Aneignung von Kiautschou (Bewegung des 4. Mai) ertragen mussten. Die Angst vor China muss sofort durch Handeln und Handel überwunden werden. Auch in dieser Beziehung müssen wir uns von der US-Politik abkoppeln. Trump macht es uns leicht.

III

So wie in die alte Kirche ein neuer Konzertsaal geschoben wurde, so wie die alte Form des Orgelkonzerts mit der Autohupenmusik des zwanzigsten Jahrhunderts gefüllt wurde, müssen wir in der alten Welt weiterleben, die wir kontinuierlich reformieren und immer wieder neu denken, statt ihrer Deformation tatenlos zuzusehen. Aber offensichtlich brauchen wir einen Architekten für dem Umbau der Welt.

 

 

*Konzil von Nicäa, Mai bis Juli 325, beschließt die Trinität, den Kanon der Bibel, die Göttlichkeit von Jesus (gegen den Arianismus), die Monopolstellung des Christentums im Römischen Reich, den Termin des Osterfestes und das Glaubensbekenntnis 

**Maximen und Reflexionen

***der fünfzigjährige Krisenzyklus wurde nach dem erschossenen sowjetischen Ökonomen Kondratieff (1892-1938) benannt

****fünf Sterne, Frühling, auf dem Weg

*****1900, profaschistische Hunnenrede Kaiser Wilhelms II., Beginn des 45jährigen Krieges, der am 8. Mai 1945 endete

 

 

schon bestellt?

03_Haus im Fluss