IM FALSCHEN ZUG

Geschichte eines Stolpersteins

1

Mein Vater hatte die größte Gerberei weit und breit, bis Pommern hinauf und bis in den Barnim hinunter. Er war durch seine Gerberei und seinen Fleiß wohlhabend geworden, lief aber jahraus, jahrein mit seinen Arbeitssachen, die einen unangenehmen Geruch verströmten, durch die Stadt, was aber nicht allzu häufig vorkam. Wenn er etwas auf dem Bürgermeisteramt zu erledigen hatte oder kleine Besorgungen anstanden, schickte er seinen Prokuristen, seine Frau, also meine Mutter, oder später, seit ich zusammenhängend sprechen konnte, auch mich. Er war reich, aber er hatte die etwas eigenartigen Vorstellungen, dass sein Reichtum seinen Ursprung in der geografischen Lage seines Unternehmens hätte und dessen Fortbestand vom Schicksal durch mein Erscheinen vorbestimmt sei. Er hatte noch mehrere Kinder, aber mein Bruder Hugo fiel tatsächlich schon 1915 noch fast zu Beginn des Krieges. Mein Bruder Kurt interessierte sich nicht für Geschäfte und Gewerbe, nur für die alten Schriften. Er war der einzige Fromme von uns, aber das hat ihm dann letztendlich auch nicht geholfen. Meine Schwester Margarethe war wenig selbstständig, sie wollte eigentlich nur heiraten und las gerne Zeitschriften, in denen der noch ledige, aber furchtbar reiche Großherzog im benachbarten Strelitz abgebildet war. Wenn man bedenkt, dass es in der Zeit vor dem Weltkrieg schon emanzipierte Frauenzimmer gab, auch in unseren Kreisen, dann war unser Gretchen schwach und gestrig. Aber wir hatten sie trotzdem sehr lieb, jedoch hat sie dann keinen guten Mann gefunden und blieb erst dem Geschäft unseres Vaters, dann meinem Geschäft und mir zeitlebens verbunden. Die Hoffnungen meines Vaters richteten sich also auf mich, auch weil ich ohnehin der älteste war.  

Unsere Gerberei lag außerhalb der eigentlichen Stadt, aber natürlich in Sichtweite. Die Ucker teilt sich hier in zwei Arme, von denen der eine, kanalisierte, schneller fließt, weshalb er DIE SCHNELLE heißt. Die Schnelle begrenzte unseren Betrieb auf der Ostseite, westlich lag die Straße nach Neubrandenburg, nördlich waren Feuchtwiesen bis hin zur Zuckerfabrik, dahinter das Gaswerk, an der Straße schlossen sich kleine Handwerksbetriebe und einzelne Häuser an. Unser Haus lag mit dem Giebel zur Straße, trotzdem konnten wir aus dem Wohnzimmerfenster die riesige Marienkirche sehen, die sich in meinem Gedächtnis für immer eingebrannt hat, wo ich auch war und ungeachtet dessen, wofür sie – außer ihrer architektonischen Majestät – noch steht. In der Gerberei verbraucht man sehr viel Wasser, und unser Wasser kam aus dem nicht weniger majestätischen Unteruckersee. Es floss dann nach Ueckermünde ab und ins Stettiner Haff. Später, als ich schon kein Kind mehr war und unternehmungslustig und wissbegierig, fuhr ich mit dem Fahrrad, teils auf der Reichsstraße, teils auf wunderschönen Feldwegen an der Ucker entlang, ab Nieden und Nechlin heißt sie dann Uecker, um zu erforschen, wie lange man die Farb- und Gerbreste unserer Produktion sehen kann. Schon im großen Ueckertal bei Pasewald gab es keine Spuren mehr von uns. Die ganze Prozedur unserer Gerberei erschien mir widerwärtig. Die toten Felle, der Verwesungsgeruch, die Chemikalien, das verunreinigte Wasser des unschuldigen Flüsschens, das alles ekelte mich. Wenn mein Vater auf jemanden ärgerlich war, dann sagte er, dass er ihm das Fell über die Ohren ziehen wolle. Mir wurde dann speiübel, denn ich sah es täglich vor mir.  Gleichwohl war mir der Reichtum meines Vaters angenehm und er machte mich auch angenehm vor meinen Mitschülern in der Knabenschule am Mitteltorturm. Es ist leicht möglich, dass ich an diesem Tag meiner ersten Fahrradtour beschloss, auf keinen Fall Gerber zu werden. Auch wenn ich mich nicht an den genauen Tag meines Beschlusses erinnern kann, bin ich doch sicher, dass es in jenem Jahr war, als ich dreizehn Jahre alt wurde und sich so vieles veränderte. Mein Körper zeigte mir, dass ich ein Mann würde, und der Blick auf den Kalender bewies, dass ich zu Großem bestimmt war. Denn es begann eine neue Zeit, ein neues Jahrhundert, ein Aufbruch, den ich ganz gewiss zu meinen Gunsten würde nutzen können.   

Die Zeitungen damals waren voll von den Versprechungen für das neue und wieder einmal goldene Zeitalter, das nun begänne. Wir Jüngeren, besonders die Knaben und Jünglinge, waren angetan vom Siegeszug des Automobils, von dem der Kaiser, wiewohl er sieben Automobile besaß, sagte, dass es keine Zukunft hätte und er weiter an das Pferd glaube. Im Bahnhofsviertel gab es den Rossschlächter Blaumann, übrigens seit 1846, also länger als unser Geschäft, der hatte jetzt schon Hochkonjunktur. Die Gutsbesitzer der umliegenden Dörfer kauften Lokomobile oder die ersten Traktor-Zugmaschinen von Lanz aus Mannheim. Die reichen Leute schafften ihre Kutschen ab und kauften sich Automobile. Die Kutscher wurden Wagenlenker. Die Pferde wurden Salami. Aber hier bei uns stimmte die Welt noch, die Weiden waren voll, die Bierkutscher brüllten. Aber wir sahen uns jedes Automobil aufmerksam an.

Die Älteren dagegen bevorzugten als Objekt ihrer Bewunderung das Telephon. Jetzt könne man, sagten sie, gleichzeitig in der Heimatstadt und in der Reichhauptstadt sein. Mein Vater hatte einen der ersten Telephonapparate in Rantzlau. In der Schule und in den politischen Versammlungen, soweit man davon hörte, war viel von der deutschen Sache die Rede. Aber mein Vater, der alles praktisch und unter dem Vorzeichen seines blühenden Gewerbes sah, erklärte alle Tümer, das Deutschtum wie das Judentum, das Empire wie den american way of life und auch das hinterwäldlerische Russentum zu Irrtümern. Deutschtum, sagte er, ist nichts als ein Irrtum. Es kommt nicht auf die Herkunft an, sondern auf die Zukunft. Jeder will seine Waren verkaufen, deshalb erklärt er den andern für falsch, unmodern, erblich belastet, qualitativ schlecht. Tum heißt immer Neid, und aus Neid wird schnell Gier. Das steht alles schon in den alten Schriften. Lass es dir von deinem Bruder Kurt erklären. Selbstverständlich, sagte er weiter, sind meine Leder besser als die vom Gerber Mamlock aus Preußisch Stargard. Wenn ich das nicht glaubte, könnte ich meinen Laden zumachen, und du mein Junge, würdest nichts als heiße Luft und kaltes Wasser aus der Schnelle erben. Er lachte laut, voller Selbstbewusstsein und Würde. Und ich lachte aus vollem Herzen und gerne mit, denn ich liebte meinen Vater. ‚Ist der Mamlock aus der Steinstraße dieser Konkurrent?‘ fragte ich. ‚Nein,‘ sagte mein Vater, ‚sein Vater. Der Mamlock aus der Steinstraße ist leider ein Beispiel, das man nicht nachahmen sollte. Er kann nur handeln. Aber statt nur mit dem zu handeln, was auf seinem Firmenschild steht, handelt er im Hinterzimmer seines Ladens mit allerlei Schmuddelei. Das ist kein Verbrechen, aber auch keine saubere Sache. Wir bleiben bei unserm Handwerk, das nach außen schmutzig sein mag, das wir aber reinen Herzens betreiben können.‘ So versuchte mein Vater mir die hehren Grundsätze, ja die Ethik des Handwerks beizubringen. Und das hatte auch durchaus Erfolg, ich wurde später ein gewissenhafter Kaufmann, rechnerisch und moralisch. Aber, was mein Vater noch nicht einmal ahnen konnte, und er ist zum Glück auch rechtzeitig gestorben, um mit sich selber im Reinen zu bleiben, was er nicht wissen konnte, war, dass dieser eine Grundsatz nicht ausreichen würde, um unser Leben zu Sinn und Erfolg zu bringen.

Er ahnte ebenfalls noch nicht, dass ich seinen vergifteten Laden nicht erben wollte, um nichts auf der Welt. Ich liebte meinen Vater, aber ich hasste sein schmutziges Gewerbe. Ich war dem Geld nicht abgeneigt, aber es durfte nicht stinken.

Und ich ahnte noch nicht, dass ich, gerade dreizehnjährig, einen Abscheu und Widerwillen gegen jede Vorbestimmung entwickelte. Nach Meinung der meisten Lehrer und Väter war der Weg des Menschen auf der einen Seite durch seine Herkunft bestimmt. Der Gerbersohn wird wieder Gerber, der Gutsbesitzersohn wird Gutsbesitzer oder General. Der Kameruner bleibt ein Sklave, wenngleich er jetzt die einklassige und erstklassige deutsche Dorfschule durchlaufen darf, bevor er schuften muss. Auf der anderen Seite mussten zur Herkunft auch Fleiß und Wohlanständigkeit hinzutreten.

Mein Bruder Kurt, der ununterbrochen las, las nicht etwa nur fromme Bücher, wie er uns glauben machen wollte. Er las auch Philosophen und Romane. Eines Tages lag eines dieser Bücher aufgeschlagen auf dem Tischchen neben seinem Bett. Ich las den Satz DENN DAS BESTE, WAS EINER IST, MUSS ER NOTHWENDIG FÜR SICH SELBST SEIN und hatte mein Lebensprogramm gefunden. Ich war noch so jung, schickte mich gerade an, aus den kurzen Hosen und Leibchen herauszuwachsen, und wusste schon, was ich wollte. Ich wollte Ich sein, nichts weiter. Hatte Gott selbst nicht gesagt: Ich bin Ich? Was bedurfte es weiter Zeugnis? Welches Schicksal auch kommen würde, ich müsste stets versuchen, es auf meine Weise zu umgehen oder auszuführen. Wo ich ein unsichtbares Gängelband entdeckte, müsste ich es zerschneiden, zerstückeln und zernichten. Plötzlich schien mir mein vor mir liegendes Leben in einem wunderbaren Licht, in fast goldenem Glanz: wohin mich einer schicken würde, ich würde das Ziel verfehlen, was ein Jemand von mir wollen würde, ich wollte es verweigern und stattdessen meinen Weg gehen, wie steinigt jener Pfad, der meiner wäre, auch sein würde. Der trockene Ernst der meisten Leute rührt daher, dass sie an den Drahtfäden des Schicksals wie Puppen anhängen. Dagegen würde ich, wenn mir gelänge, was ich an diesem Tag angesichts des Satzes aus dem Buche des weisen Mannes mit dem schlohweißen Haar beschloss, wie der einzige Mensch in diesem Marionettentheater handeln. Die zumeist schläfrigen Zuschauer würden den Unterschied gar nicht oder erst zu spät bemerken. Welche Pläne das Schicksal mit mir auch haben würde, ich würde sie kühn durchkreuzen.

Meine Lehrer waren die ersten, an denen ich mein neues Ideal versuchte. Sie schwangen den Rohrstock und schlugen ins Leere. Zumal ich auch gute Leistungen in allen Fächern vorweisen konnte, waren ihre Vorhaltungen und Ermahnungen, die sie auch meinem Vater zukommen ließen, ganz unnütz und in den Sand geschrieben.  Überhaupt ging unsere Schule, wiewohl sie architektonisch hübsch anzusehen war, ganz anders als die roten neogotischen Klinkerbauten, welche die Stadt dominierten und mit der tatsächlichen Gotik auf das beste harmonierten, ganz anders, moderner, menschennäher war unser Schulbau, und die ihr zugrunde liegende Pädagogik am Menschen, jedenfalls an mir, vorbei. Sie zielte auf einen Menschen, der sich bereitwillig seinem Schicksal ergeben soll, immer auf dem vorgeschriebenen Pfad wandeln würde. Ein Mensch sollte das sein, dem das Vaterland mehr wert war als er selbst, die endliche Regel mehr galt als das lebenslange und unendliche Lernen. Lernen war ihnen kein Forschen, sondern ein Kopieren. Aber sie bemerkten nicht, dass es keine Kopien waren, die sie erzeugten, noch nicht einmal Kopien, sondern Karikaturen. Es gab keine Jugend, nur Greise, junge und alte, die bärtig und übellaunig, die Hände auf dem Rücken, blind durch die Stadt und ihr Leben wandelten. Am krassesten war das alles im Militär zu sehen, und davon war unsere kleine Stadt voll, voller als von Gotik. Allein die riesige Kaserne des 64. Infantrieregiments thronte beinahe bedrohlich über der Stadt. Während die Marienkirche in der Betrachtung Staunen erzeugte, brachte dieser Bau nur Schrecken hervor. Schon als Knabe dachte ich: ihr wahrer Gott war der Krieg, den beteten sie inständig an und hassten ihre Nachbarn. Am meisten meschugge waren die Soldaten, wenn sie betrunken waren, kurz vor dem Zapfenstreich. Dann zeigten sie ihr wahres Gesicht: es war zur Null geschrumpft, abwesend, löchrig, öde und blöde.

Mein Vater wollte, dass ich bald, noch vor dem Einjährig-Freiwilligen Jahr von der Schule abginge, um bei ihm im Geschäft als sein Lehrling einzutreten. Ich dagegen wollte das Abitur ablegen, um einen guten Start ins Leben zu haben, gleichgültig, ob ich studieren könnte oder nicht. Zum Fache hatte ich mir etwas Praktisches und Lebensnahes ausgewählt, nämlich die Ingenieurwissenschaften, die ich an der technischen Hochschule in Charlottenburg mir aneignen wollte. Mein Vater war empört und sagte, es gäbe auf der Welt nichts Ehrenvolleres als einen Handwerksberuf in deutschen Landen auszuüben. Sein ganzes Leben, sagte er, habe er auf diesen einen Moment hingelebt, mir, seinem ältesten und liebsten Sohn, das Erbe, den Betrieb, die Ehre und nicht zuletzt das angehäufte Vermögen zur weiteren Nutzung und Vermehrung zu übergeben. Er würde verstehen, sagte er, wenn ich nach altem Handwerksbrauch zunächst ein oder zwei Jahre durch Europa wandern wollte. Er würde auch verstehen, sagte er, wenn ich ganz ohne erkennbaren Sinn eine längere Reise unternehmen wollte, um mir die Welt anzueignen, bevor ich meine Pflicht und Schuldigkeit hier in unserem ehrwürdigen Städtchen antreten wollte. Das alles würde er verstehen. Aber was nicht ginge, wäre die Desertation, das Verschwinden aus dem Tribut vor der Leistung nicht nur meines Vaters, sondern der Väter überhaupt.

Zum ersten Mal, abgesehen von den Geplänkeln mit den müden Lehrern, musste sich mein Wille und meine Vorstellung bewähren. Ich sagte etwa dies: Vater, ehrwürdig ist an diesem toten Städtchen nur die gotische Maria. Alles andere ist Schall und Rauch. Mein Bruder Kurt kicherte in sich hinein, der Rest der Familie war entsetzt darüber, dass es ein Sohn wagte, nicht nur seinem Vater zu widersprechen, sondern den Widerspruch auch noch mit der Schmähung der Väter, der alten Schriften und jedweder Heimat überhaupt zu begründen.

Ich muss nun eingestehen, dass es mir weder im ersten noch im zweiten Anlauf gelang, mich tatsächlich zu lösen. Mir fehlten die Kraft und die Courage, mein Bündel zu schnüren und ohne Segen und Geld wegzugehen. Das Nomadentum war gerade einer der Vorwürfe, die unseren Kreisen immer wieder von vaterländischer Seite gemacht wurden. Der Deutsche wäre heimattreu, hieß es, unsereiner dagegen zu ewiger Wanderschaft verdammt. Zwar schmetterten die Sozialisten WACHT AUF VERDAMMTE DIESER ERDE, aber in mir gefror das Blut allein bei dem Gedanken, meinen Vater zu verraten. Ich war kein Sozialist und wollte auch keiner werden, obwohl aus unseren Kreisen viele dort mitmachten. Zudem war ich schon wach, wie ich glaubte, denn ich hatte damals an der Ucker, wo sie schon Uecker heißt, geschworen, dem Schicksal, was es auch brächte, zu widerstehen.

Statt Sozialist zu werden, kaufte ich mir über die nun folgenden Jahre die Hefte von Rustins Selbstlernmethode ‚Der deutsche Kaufmann und sein Rechnungswesen‘. Was mir im ersten Anlauf trockene Theorie zu sein schien und meinem Widerwillen dennoch trotzte, erwies sich im Laufe der Jahre als treuer Gefährte wachsenden Wissens. Immer stellte ich mir ein Geschäft vor, das eine weniger widerwärtige Produktion innehätte, vielmehr vielleicht gar keine Produktion, sondern eine Distribution: ein schönes Ladengeschäft in einer freundlichen Stadt. Dazu imaginierte ich eine bildschöne und liebreiche Frau, die treu und zärtlich an meiner Seite stünde, und eine kleine Schar hell aufgeweckter Kinder, denen ich ihre spätere Bestimmung nie und nimmer vorschreiben wollte. Alle Knaben wollen Polarforscher oder wenigstens Lokomotivführer werden, aber werden dann Handwerker wie ihr Vater, ziehen Frau und Kinder dem Abenteuer vor. Die Mädchen wurden damals bekanntlich nicht gefragt, hatten sich noch mehr zu fügen als die Knaben. Aber meinem Leben blieb es vorbehalten, den weiblichen Anteil schätzen zu lernen. Denn ich hatte eine sehr tüchtige und treue Schwester und später eine ebenso bewundernswerte, noch dazu gleichnamige Frau. Die Kinderschar blieb bis auf unsere geliebte Inge aus.

Während der Konflikt über die Jahre hinweg schwelte, erlernte ich neben dem Rechnungswesen aus den Selbstlernbriefen, die ich mir von meinem kärglichen Taschengeld absparte, das ungeliebte und giftige Handwerk. Mit meinem Vater sprach ich nur das Nötigste und kränkte ihn ohne notwendige Ursache. Hätte ich unser späteres Schicksal auch nur geahnt, so hätte ich in den Boden versinken müssen vor Scham. Aber ich glaubte damals, dass die Welt die Verwirklichung unserer Vorstellungen wäre, ungetrübt, frei von Zwecken. Dass der Mensch auch des Menschen Wolf werden könnte, wurde mir erst viel später in Triest klar. In Triest habe ich oft gedacht, dass die vielen Drachen, die man in den Märchen getötet hatte, Menschen waren, die zum Ungeheuer, zum Ungeziefer geworden waren.

Das Traurige ist, dass unser Streit durch ein schreckliches Ereignis beendet wurde, das gleichzeitig das Ende der bis dahin bekannten und geliebten Welt bedeutete: der Weltkrieg brach aus, indem Serbien frech sein Haupt erhob. Aber statt milde zu lächeln, befahlen unsere Kaiser uns alle zu den Waffen. Und alle gingen freudig hin – und marschierten geradewegs in die Ewigkeit. Ich ging widerwillig hin, konnte aber aus zwei Gründen meinen Plan, mich fremdem Willen zu widersetzen, nicht erfüllen. Der erste Grund war die Übermächtigkeit des Ereignisses, dem ich mich sozusagen als pazifistisches Elementarteilchen gegenübersah. Der zweite Grund war, dass ich die Bedrohung falsch herum sah: nicht das kleine Serbien bedrohte uns, sondern wir wurden von uns selbst bedroht: von unserer Habgier und Herrschsucht, von unserem Verlust des weisen Lächelns, vom Wahn der Stärke und der Impotenz der Macht. Die Generäle schrien ihre Befehle in den Wind, und wir verloren Meter um Meter. Das Jahrhundert war schon tot, noch ehe es richtig begonnen hatte. Die schönen Hoffnungen alle: nun lagen sie in der Erde vor Verdun und Langemarck. Wir hatten gerade so viel Land erobert, dass wir unsere toten Kameraden beerdigen konnten.  

Mein Bruder Hugo fiel schon 1915 in Flandern. Auch er war Vaters Hoffnung gewesen. Neue Wörter kamen auf, die schreckliche Dinge benannten: Gaskrieg, Tank, verschüttet, verstümmelt, zum Krüppel geschossen, Stellungskrieg, Kriegsblinder. 1916 wurde der erste gut ausgebildete Blindenhund einem Kriegsblinden übergeben, obwohl es schon seit Herculaneum bekannt war, dass Hund und Mensch sich gut und gegenseitig helfen können. Je länger der Krieg dauerte, desto weniger gab es zu essen, von Munition und Waffen ganz zu schweigen. Daran konnte auch Rathenau nichts ändern, der jetzt der Minister für Kriegswirtschaft geworden war. Rathenaus Familie stammte genau wie ich aus unserem guten alten Städtchen Rantzlau. Ich selbst wurde verschüttet und konnte von da an nicht mehr gut hören. Hitler war blind im Behelfslazarett in Pasewald, aber ich konnte ihn nicht hören. Hätte ich ihn verstanden, wäre uns manches erspart geblieben. Niemand aus unseren Kreisen verstand ihn. Es war unvorstellbar, was er sagte, selbst wenn er brüllte und kreischte. Es war ganz und gar unverständlich. Ich kannte keinen, der ihn verstand, aber Millionen trotteten hinter ihm her, marschierten im Gleichschritt in den Tod.         

Ein Gutes hatte aber der Krieg: ich zog endlich, nämlich als er zu Ende war, von zuhause weg und ging nach Hamburg. Hamburg hatte ich nicht nur ausgewählt, weil alle, die ich kannte, nach Berlin gingen. Hamburg hieß eine freie Stadt und war es auch. In Hamburg sollte mir ein großes Glück blühen, das sich aber dann in mein größtes Unglück verkehrte, und nicht nur meines.

2

                                                                                                            9. November 1918

Sehr geehrter Herr Jacobsohn,

wir haben Ihren lieben Brief dankend erhalten und erwidern freundlichst Ihre herzlichen Grüße. Es erscheint uns als ein großes Glück und als ein Wink des Schicksals, dass gerade ein Kaufmann wie Sie, noch dazu aus einer gutsituierten Familie, sich um die Wohnung im Erdgeschoss bewirbt. Der Krieg hat ja manches durcheinander gebracht, aber die guten Familien behalten doch die Oberhand.  So wie Sie aus einer alten Handwerksfamilie stammen, sind wir seit Generationen Kaufleute. Auch das Haus befindet sich seit einer Generation in unserem Besitz. Wir sind sehr stolz darauf, aber wir teilen es auch gerne mit solch lieben Menschen, wie Sie einer zu sein scheinen. Seien Sie uns also herzlich als Mieter und Mitbewohner, vielleicht sogar als Nachbar und Freund willkommen. Über alles Geschäftliche, was ja leider immer unvermeidlich ist, werden wir uns schnell einig, machen Sie sich da bitte keine Sorgen über. Seien Sie lieb gegrüßt bis zu unserem Wiedersehn.

Herzlichst Ihre Grete Ahlers.

                                                     Februar 1939     

Mein lieber Jacob,

schon das Wort Fuhlsbüttel tut tief im Herzen weh, wenn man weiß, dass Du nur dort bist, weil Du uns schützen wolltest. Beinahe genauso schlimm ist es, dass die Nachbarn, die von uns wissen, auf mich zukommen und sagen: ach, liebe Frau Ahlers, das war doch ein so netter Mann, Ihr Mann, unvorstellbar, dass er Ihnen das antun konnte. Das ist fast genauso schlimm, wie Dich dort zu wissen, wo seit vielen Jahren die Schwerverbrecher sitzen. Ach, in Santa Fu ist Ihr Mann?, fragen manche, und ich muss dann – wahrheitsgemäß bitter – sagen, das ist nicht mein Mann. Die tapfere Inge dagegen sagt weiter, dass Du ihr Vater bist, denn vom Vater kann man sich nicht scheiden lassen. Aber sie will sich auch gar nicht scheiden lassen. Wenn sie vielleicht auch nicht das ganze Drama versteht, so liebt sie Dich doch weiter als ihren Vater, und ich liebe Dich weiter als meinen Mann, denn vor Gott sind wir weiter Mann und Frau. Auch Deine Schwester Grete, die so fleißig und tüchtig im Geschäft ist, lässt Dich grüßen, frägt ständig nach Dir, und ist Dir dankbar und unvermindert zugetan. Inge hat nun ihre Lehre als Verkäuferin begonnen und sie macht mir große Freude und erhält nur gute Zeugnisse. Das Geschäft läuft gut, wenn Du uns auch sehr fehlst mit Deiner Weitsicht und Deinem Instinkt für Mode und Frauen und Farben und Geld. Ach, Jacob, es ist alles so traurig, aber ich will Dir das Herz nicht noch unnötig schwer machen, denn am schwersten von uns allen hast Du es da in Deinem dunklen Kasten. Deswegen kann ich Dir nur sagen, wie unendlich dankbar wir Dir sind, wie unendlich liebevoll wir in jeder Stunde des Tages und vielen Stunden der Nacht an Dich denken und Dich in unser Gebet einschließen. Halte durch, sei so tapfer, wie Du bisher warst. Denn einmal kommen bessere Zeiten, wird wieder Licht sein, wo sich jetzt dunkle Wolken mit ihren mächtigen Schatten versammeln und sich uns als Steine in den Weg stellen. Eines Tages werden die zwei Jahre um sein. Weißt du noch, wie schnell das halbe Jahr, seit Du bei uns eingezogen warst, vergangen ist und wir so glücklich geheiratet haben?  Und dann kam die Inge aber gar nicht, wie wir gleichzeitig befürchtet und erhofft hatten. Aber wir haben es bis heute nicht bereut, nicht wahr? Was da in diesem halben Jahr entstanden ist, wenn es auch noch nicht die Inge, sondern nur die Liebe war, hat ein ganzes Leben – bis jetzt – gehalten und wird, das versichere ich Dir vor Gott, auch noch den Rest des Lebens halten.  Halte die Ohren steif, es grüßt Dich Deine „geschiedene“ Frau Else.

31. Dezember 1940

Mein lieber Jacob, mein lieber, lieber Mann,

endlich und gerade zu Weihnachten bist Du frei. Und Du hast recht, es ist egal, wo man frei ist. Freisein ist wichtiger als Hiersein. Das ganze Dasein ist ein Suchen nach Freiheit. Man sieht es bei der Stubenfliege am Fenster, wie sie verzweifelt den Weg sucht und ihn nicht finden kann. Sie versteht die Scheibe nicht, so wie wir das Leben nicht verstehen. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber irgendjemand scheint die Hand über uns zu halten, so dass Du nun endlich vor dem Fluch fliehen kannst. Glaub mir, es gibt genug Deutsche, die den Fluch nicht teilen, die wissen, dass es, wenn es einen Gott gibt, nur einen Gott gibt, der für alle Menschen da ist. Ich weiß, dass es sie nicht gibt, aber das Böse in mir will es immer wieder fragen, ob es die Frau gibt, mit der Du Rassenschande betrieben haben willst? Es gibt sie, weil Du uns mit dieser Lüge gerettet hast, die Inge aus allem herausgehalten hast. Ich habe an Eides statt ausgesagt, dass die Inge christlich erzogen wurde. Noch lieber hätten sie gehört, dass die Inge nationalsozialistisch erzogen wurde. Aber das erschien mir dann doch zu dreist. Du hast es besser gemacht. Der Rechtsanwalt hat mir Einblick in die Gerichtsakten gegeben. Du hast so schön gelogen, dass die Welt in ihrem Sinne wieder stimmt: wie Du Rassenschande mit dieser Frau betrieben hast, die es gar nicht gibt, wie Du Deine über alles geliebte Tochter Inge hasst, weil sie von mir, Deiner „geschiedenen“ Frau „christlich“ erzogen wurde. Wenn ich so weiterschreibe, wissen wir zum Schluss vor lauter Gänsefüßchen nicht mehr, was Wahrheit ist und was Lüge. Und so ist auch diese ganze Zeit:  wenn man die Wahrheit sagen will, muss man lügen, und wenn man lügt, sagt man aus Versehen die Wahrheit und kommt ins KL.  Der Kamerad von Dir brachte uns deinen Brief, so dass wir gleich wussten, dass alles gut gegangen ist. Ich habe ihm Schnittchen gemacht und Kaffee gekocht, und er sagte uns, wie lange er das hat vermissen müssen. Aber er hat nicht gesagt, warum er im Zuchthaus war. Früher, als Mädel, habe ich immer gedacht, im Zuchthaus sitzen nur Schwer-verbrecher, die ihre Mutter ermordet oder eine Bank ausgeraubt und den Bankdirektor erschlagen haben, aber nun sitzen im Zuchthaus auch solche Menschen wie Du und Dein Kamerad, die anderen geholfen haben, die sich wie die Märtyrer im Mittelalter geopfert haben, nicht für eine große Sache, wie sie immer sagen, sondern für einen geliebten Menschen. Du hast ihnen mit Deiner Aktion und mit Deinem Opfer den Wind aus den Segeln genommen, hast sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Und, mein lieber Jacob, ist das nicht das Größte, was man tun kann, für andere Menschen da sein und auch selber weiterleben?

Um das Geschäft musst Du Dir keine Sorgen machen. Deine Schwester und ich führen es, so gut wir können, ganz in Deinem Sinne fort. Letzten Sommer haben wir sogar eine Hilfskraft einstellen müssen, denn es gibt immer Reisende, die sich hierher verlaufen, wie wir immer scherzhaft sagen. Im Winter dagegen kommt nur die Stammkundschaft. Aber unsere Hilfskraft freut sich über jede Mark, die sie dazu verdienen kann und grollt uns nicht, wenn wir sie nicht brauchen. Denk Dir nur, ihr Mann musste in den Krieg ziehen, obwohl er schon fünfundvierzig Jahre, aber ein ausgebildeter Reservist ist. So hat jeder sein Päckchen zu tragen. Dass Du aber auch im Obdachlosenasyl verbringen musstest, wenn es auch nur wenige Tage waren! Für das Neue Jahr wünschen wir, Deine Schwester, Deine Tochter und natürlich ich, Deine Frau ohne Anführungszeichen, alles Gute und Glück auf den Weg, wohin er Dich auch führen mag.

Deine Else, die Dich liebt und küsst und herzt.

                                               12. Januar 1942

Mein lieber Jacob,

ich hoffe, dass Du unsere Geburtstagsgrüße rechtzeitig erhalten hast. Wir können uns hier nicht vorstellen, wie Dich unsere Briefe erreichen und auf welchen verschlungenen Wegen Deine Antworten treulich zu uns gelangen. Krieg ist Krieg und Post ist Post, sagte mein Großvater immer, der Briefträger und Feldwebel war. Ich musste erst im Brockhaus Lexikon nachsehen, was überhaupt ein Partisan ist und wo Triest liegt. Du bist in der Welt und wir sitzen hier immer noch im Hinterstübchen von unserem Laden. Ich getraue mich kaum, Dir meinen Dank für das, was Du für uns und für Deutschland tust, auszudrücken, aus Angst, der Brief könnte mitgelesen werden. Man hört so viel Schlechtes und Böses in dieser schlechten und bösen Zeit. Warum müssen wir Paris besitzen und was suchen wir in Russland? Wir als Ladenbesitzer wissen doch am besten, dass man anderen Menschen nicht einfach etwas wegnehmen kann. Der Führer sagt immer, dass wir durch unsere höhere Rasse berechtigt sind, aber ich glaube, dass eine höhere Rasse ja gerade uns zwingt, Recht und Ordnung einzuhalten. Außerdem: wer von uns beiden soll und will denn eine höhere Rasse sein? Du bist doch nicht weniger deutsch als ich, und ich bin nicht mehr deutsch wie Du, und was soll denn deutsch anderes sein als die Sprache?  Und den Glauben haben wir beide nicht, Du nicht den Deinen und ich nicht den Meinen. Und bei unserer Inge haben wir den Glauben doch nur vorgeschoben, weil sie es so hören wollten, da müssen plötzlich die selbst die Nationalsozialisten Christen sein. Denk Dir nur, dass der Pfarrer in unserer Gustav-Adolf-Kirche im Talar seinen Arm zum Hitlergruß erhebt – das ist Gotteslästerung und Rassenschande! Ach, jetzt denke ich schon selber so wie die neuen Herren, die alles verderben.

Soweit ich unser Lexikon verstehe, das Partisanen mit Parteigängern zunächst übersetzt, befassen sich diese, also auch Du, damit, dem Feinde, also uns, ohne steten Zusammenhang zum dortigen Heer, zu schaden, wo sie nur können. Das tust du recht, denn auch in Jugoslawien haben wir nichts zu suchen. Das ist nicht nur meine feste Überzeugung, sondern scheinbar auch Deine. So langsam verstehe ich Deinen Lebensplan. Du hast Dich eines Verbrechens bezichtigt, das Du nicht begingst, um die wahren Verbrecher, die Gestapo, von dem, was sie als Verbrechen ansehen, abzulenken. Um unsere Inge zu schützen, hast du Dich zum Verbrecher erklärt, und folgerichtig haben sie Dich dann auch verfolgt. Aber wie hast Du es geschafft, dass sie Dich nach Deiner verbüßten Strafe auswiesen statt ins KL einwiesen? Zum Glück hattest Du in Deiner Gemeinde – so wie ich in meiner Gemeinde – ohne recht eigentlich Mitglied zu sein, Deinen Mitgliedsbeitrag bezahlt, so dass sie Dich, nachdem Du aus dem Zuchthaus entlassen warst, in einer Obdachlosenunterkunft unterbrachten und Dir sodann halfen, unser Heimatland zu verlassen. Aber warum schickten sie Dich nach Jugoslawien, von dem wir früher kaum etwas wussten, als dass sie dort ihren König umgebracht haben? Jedenfalls habe ich das damals in der Zeitung gelesen.  

Aber wissen wir denn überhaupt etwas über das Warum? Wir Menschen tun gerne so, als wenn wir das, was wir tun, zuvor gedacht und geplant hätten. Aber kannten wir uns, als Du damals bei uns eine Wohnung suchtest? Konnten wir ahnen, dass wir innerhalb eines halben Jahres uns verlieben würden, zusammenziehen, verloben, verheiraten würden? Das konnten wir alles nicht wissen. Und als dann Deine Eltern nacheinander starben, war es da nicht Fügung statt Willen, dass Deine liebe Schwester, die noch dazu den gleichen Vornamen wie ich hat, so dass wir mich nach meinem zweiten Vornamen umbenannten, dass diese Deine Schwester eine so liebe und fähige Ergänzung unseres Lebens und Strebens sein würde? Und wieviel Freude machte uns unsere Inge. Hätte sie nicht auch böse, unartig, entartet gar werden können, den Nazis nachlaufen, einen Hitlerjugendführer lieben können, ihre Eltern denunzieren, das alles hätte sie auch machen und sein können. Gut, es gibt da die Erziehung. Aber gibt es nicht auch die Verführung?  Man hört so viel Böses, dass man sich über das Gute, das uns bisher widerfuhr, nur freuen kann, freuen und von Herzen dankbar sein kann. Ob die Güte wohl obsiegen wird?

Es grüßt Dich von Herzen

Else

                                                  27. Juli 1943

Mein lieber Jacob,

noch im vorigen Jahr schrieb ich Dir, dass die Güte obsiegen wird, dass alles gut wird, dass wir uns wiedersehen. Widersehen können wir uns, aber es steht nichts mehr in unserer Straße. Vorgestern und gestern fielen hunderte Bomben von den feindlichen Flugzeugen. Aber sind es denn wirklich unsere Feinde? Gibt es denn Feinde? Oder werden nicht vielmehr mehr oder weniger zufällig Menschen und Völker zu Feinden erklärt und andere zu Freunden verklärt. Wer kennt sich da noch aus? Das Gute ist, dass Inge in der Berufsschule war, Grete war Einkaufen und im Schutzraum dort, und ich konnte hier im Nachbarhaus rechtzeitig im LSR verschwinden. Als wir nach zwei Stunden herausdurften, war die Straße weg. Alle Häuser waren mehr oder weniger kaputt. Es war schrecklich. Aber war es nicht auch schrecklich, was deutsche Soldaten den Menschen in allen unseren Nachbarländern angetan haben?

Ich war ganz verzweifelt, aber noch am Abend, wir saßen in einer Notunterkunft der NSV, fingen Grete und Inge an, Pläne für die Zukunft zu schmieden. ‚Wir müssen,‘ sagte Inge, ‚wenn der Vater zurückkehrt, das Geschäft und die Wohnung komplett wieder aufgebaut haben, und sogar vergrößert und verschönert muss es wieder auferstehen. Denn der Vater hat alles für uns getan, dass wir leben, so müssen auch wir für ihn alles tun, damit er gut leben kann.‘ Da staunst Du, wie erwachsen und verständig die Inge in den Jahren geworden bist, die Du nicht hier warst. Wir haben überlegt, wo Läden frei geworden sind, entweder, weil Juden enteignet worden waren, das nennt sich jetzt ‚arisieren‘, oder weil die Besitzer bei Bombenangriffen ums Leben gekommen sind. Bombenangriffe – das gab es ja im Weltkrieg nicht. So ist alles anders geworden. Inge schrieb eine Liste mit solch freigewordenen Läden und wir teilten auf, wer in den nächsten bombenfreien Tagen welche Straßen und Häuser begutachten sollte. So haben wir buchstäblich in der größten Katastrophe gleich wieder neu angefangen. Bürgermeister Krogmann hat angesichts der vielen tausend Toten gesagt: Wir müssen leben und kämpfen, damit unsere Toten leben. Aber wir drei Frauen haben noch am Abend beschlossen, dass wir leben und kämpfen müssen, damit die Lebenden weiterleben können.

Hast du auch genug zu essen? Hier ist ja alles knapp, aber es reicht, wir drei Frauen essen nicht so viel wie ein Mann. Wir müssen immer lachen, wenn wir an Deinen Appetit denken müssen, besonders an deine Erklärung. Jetzt, wo Du nicht mehr die giftigen Dämpfe aus der Gerberei Deines Vaters riechen musst, kannst Du all das essen, was Du früher aus Ekel aufsparen musstest. Aber wir freuen uns, wenn Du wieder hier bist, dass wir für Dich Essen kochen können. Auch die Inge kocht schon recht gut, und wenn sie bis dahin keinen Mann gefunden hat, wird sie auch für Dich kochen, so wie Grete und ich es gerne tun werden.

So Gott will, sage ich immer, wenn der Krieg vorbei sein wird und wenn Hamburg wieder aufgebaut ist. Von Rantzlau haben wir nichts gehört, außer, dass es nicht zerstört und zerbombt ist. Nach dem Krieg kannst Du hinfahren und die Stätten Deiner Kindheit und Jugend aufsuchen. Kurt soll noch da sein. Aber es werden jetzt so viele Juden deportiert. Das sind alles so neumodische Wörter: arisiert, evakuiert, deportiert, Alliierte, Partisanen. Wollen wir hoffen, dass die letzteren über die ersten gewinnen, vor allem Du, mein lieber Jacob.  

Viele Grüße von Deinen drei tapfer in die Zukunft schauenden Weibern

Else, Grete und Inge

3

   Triest, Januar 1953

Sehr geehrte Frau Ahlers,

mein Name ist Nermin Bosniaković, ich bin ein ehemaliger Kommandeur der Tito-Partisanen, der vor allem verantwortlich war für die Zusammenarbeit mit unseren italienischen Partnern. Deshalb war unser Sitz hier in Triest, unweit der slowenischen Grenze. Einer unserer Kämpfer war Jacob Jacobsohn aus Hamburg. Wir haben ihn alle sehr geschätzt und geliebt, denn er war ein guter Kämpfer. Aber er war nicht gut, weil er gut kämpfen konnte, sondern weil er gut kämpfen wollte. Er war eigentlich Kaufmann und Pazifist, insofern als Partisan ungeeignet. Aber er war auch ein Deutscher, und von daher gründlich, fleißig und gerecht. Und sein Gerechtigkeitssinn sagte ihm, dass Deutschland gerade auf der falschen Seite steht. Er hat uns erzählt, wie er, immer einen Schritt vor seinen Verfolgern, erst seine Tochter, dann seine Frau, also Sie, vor der Verfolgung bewahrt hat. Ich schicke Ihnen alles, ein paar Fotos, seine Aufzeichnungen, Ihre Briefe und wenige Dokumente, alles, was ich von ihm vorgefunden habe. Er hatte in den wenigen Stunden, in denen er Pause hatte, begonnen, seine bemerkenswerte Lebensgeschichte aufzuschreiben, seine Kindheit in der kleinen norddeutschen Stadt Rantzlau als Sohn eines Gerbers. Er liebte wohl seinen Vater, aber er wollte nicht Gerber werden. Dann traf er Sie und alles wurde gut. Aber dann kamen die Faschisten an die Macht, und alles wurde schlecht. Er wich ihnen geschickt aus und traf endlich uns, und alles hätte gut werden können. Er hat für uns übersetzt, er hat uns das Verhalten der deutschen Offiziere und Soldaten erklärt, die deutsche Seele und die deutsche Angst. Wäre er noch ein bisschen länger bei uns geblieben, so hätte er sogar in die deutsche Abteilung, die Telmanovci, eintreten können. Aber er geriet in Triest in einen Hinterhalt und in eine Kontrolle der Wehrmacht und wurde enttarnt. Und dann musste er, der die Bahn so liebte und so gerne Bahn gefahren ist, in den falschen Zug einsteigen. Am 8. Dezember 1943 wurde er, wie wir erst viel später erfahren haben, in Auschwitz ermordet. Friede seiner Asche! Pokoj njegovom pepelu!

SONY DSC

ALLE JAHRE WIEDER…


Würde oder Leitkultur

Eine Kultur, die sowohl durch das eigene Leben als auch durch die Gesellschaft leitet, kann nur ein Regelwerk sein, das mindestens mittelfristig eine gewisse Rigidität aufweist. So muss etwa eine Regel oder Tugend hier bei uns sowohl zu Schillers Gedicht ‚Von der Glocke‘, bei dem schon die Diskrepanz zwischen deskriptiver und normativer Intention auffällt, als auch zu den Auschwitz-Mördern und später zu den Arbeitgebern der Gastarbeiter passen. Es ist schon eine sprichwörtliche Kritik am Konzept der Leitkultur, dass ein so gespreiztes Spektrum nur Sekundärtugenden enthalten kann. So muss etwa der junge Mann aus der ‚Glocke‘, der um die Liebe seines Lebens wirbt, genauso pünktlich und zuverlässig sein, wie der professionelle Mörder in Treblinka oder die Bundestagsabgeordnete der Grünen. Aber: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung und Sauberkeit sind nicht kausal mit Deutschland verbunden. Kein Belgier oder kein Türke ist verhindert, diese und ähnliche Sekundärtugenden zu besitzen, kein Deutscher ist verpflichtet, pünktlich zu sein oder die Rechtschreibregeln außerhalb von Amt und Schule einzuhalten. Dass ein Türke oder ein Belgier, wenn er hier bei uns arbeitet, eventuell pünktlicher wird, als er bei sich zuhause war, zeigt, dass es eben gerade keine angeborene Kultur, sondern angewöhnte Wirtschaftsweise ist, pünktlich oder ordentlich zu sein. Diese Sekundärtugenden werden auch gerne ‚preußisch‘ genannt und verraten mit diesem Etikett ihre Herkunft im Protestantismus, wie Max Weber[1] annahm, und im Militarismus, der bis 1945 ebenfalls Wesensmerkmal des Deutschtums zu sein schien, dann aber plötzlich einem ausgeprägten Pazifismus wich. Der Pazifismus, der auch die – wie sich jetzt zeigt – sträfliche Vernachlässigung der Verteidigungsfähigkeit einschloss, mag seine Ursachen in der nach zwei verlorenen Weltkriegen späten Einsicht, aber auch in der Projektion des Militarismus auf die nun befreundeten Siegermächte gehabt haben. Weder der Bellizismus noch der Pazifismus sind also Bestandteile einer irreversiblen oder autochthonen Kultur, die für Ankömmlinge programmatisch oder gar verpflichtend ist. Zur Pflicht wusste schon Goethe, dass sie nicht in der Ausübung irgendwelcher Tugenden besteht, sondern in der Forderung des Tages[2].   

Es stellt sich vielmehr die Frage, ob nicht das pandemische Auftreten der Idee der Leitkultur ein immer wieder versuchtes Remake des Autokratismus oder sogar eines tausendjährigen Reiches ist. Dabei müssen wir gar nicht nur und immer an das äußerst kurzlebige Nazireich denken, dessen eherne Werte in die Scherben zerfielen, die sie vorher selbst besungen hatten[3]. Letztlich geht jede Ideologie von einer universellen und langwährenden Wirkung aus. Schon das allein widerspricht jedem Nationalismus. Bis auf die katholische Kirche hat aber keine das 1000-Jahre-Limit geknackt. Nun aber sind auch ihre Tage gezählt. So wie eine offene Idee nicht in einem geschlossenen System überleben kann, so kann eine geschlossene Ideologie nicht in einer offenen Welt bestehen. Die Welt wird nicht nur durch Demokratie und Wohlstand immer offener, sondern auch durch eine jeden Schlupfwinkel der Welt erfassende Kommunikation. Dabei ist nicht nur das Medium selbst die Botschaft[4], sondern teils versteckt, teils offen gibt es eine wachsende Zahl von Botschaften. So wie das Christentum seine paganen Vorfahren einfach, leichtfertig und bösartig überschrieb, so erleben wir jetzt eine Metamorphose des Christentums.

Eine ‚Leitkultur‘ kann also bestenfalls der pathogene Ausfluss autokratischer Fantasien sein, der das Rad der Geschichte mit einem Kettenschloss arretieren will. Die Schubphasen der uns bekannten Geschichte, Hochkulturen, Renaissance, Aufklärung und Demokratie sind einerseits gerade durch den kulturellen Austausch bei gleichzeitiger Tendenz zum Individualismus bestimmt, andererseits und demzufolge müssen sie ein ganz anders geartetes verbindendes Element haben. Dieses Element muss die Freiheit des Einzelnen genauso intensiv schützen wie die Rechte der Gesamtheit. Anders gefragt: was hat ein Auschwitzmörder mit Albert Schweitzer gemeinsam?

 Soweit wir sehen, gibt es nur ein Konzept, das den Mörder, ohne seine Schuld zu tilgen oder gar zu vergeben, und Albert Schweitzer, ohne ihn in den Schmutz der üblen Nachrede zu ziehen, beschreibt: das der Würde.

Das erste Strafgesetzbuch, das dem Täter seine Würde beließ, ohne seine Schuld zu schmälern, stammt von Anselm Ritter von Feuerbach. Er schaffte nicht nur per Gesetz die Folter als untaugliches Mittel der Wahrheitsfindung ab, sondern begründete stattdessen die Kriminalistik als Methode der Verbrechensaufklärung. Ein Geständnis ohne Folter lässt dem Angeklagten seine Würde, gesteht er nicht, was er getan hat, verzehrt ihn sein Gewissen.

Ein solches Konzept der Würde widerspricht jedem ahistorischen Regelwerk. Dieses korrespondiert allerdings mit einem starken und erzieherisch-restriktiven Staat. Diesem Staat wird zugetraut, dass er, obwohl er die Komplexität der Welt und ihre mannigfachen Probleme offensichtlich und nachweislich nicht meistert, ebenjene Probleme selbst schafft. Am deutlichsten wird das wohl in der absurden Idee vom ‚Großen Austausch‘. Keine Regierung, weder der Entsende- noch der Empfängerstaaten wird der Probleme der Migration Herr, und trotzdem verdächtigt man sie, dass sie das viel größere Projekt des Austauschs einer ganzen Bevölkerung betreiben könnten.

Die zunehmende Komplexität der Welt führt also auf der einen Seite zu einer wachsenden Ratlosigkeit mit entsprechend verwirrten Regierungen, auf der anderen Seite aber zu neuer Sehnsucht nach Autoritarismus und Kommunarität unter einem omnipotenten Führer. Diese Führer sind es, die ebenso wie alle Argumente gegen die uniformierte und uninformierte Leitkultur sprechen: ersetzen sie doch das Charisma, das sie nicht haben, durch einen pomphaften pseudoreligiösen Kult, als dessen Ziel, Zweck und Ende sie schließlich selbst dastehen. Es spricht übrigens auch gegen die guten und originären Religionen, wenn sie sich in Kulten, Kutten und leeren Ritualen verlieren, statt der Menschheit ihre menschlichen Lehren zu vermitteln, wie zum Beispiel: DU SOLLST NICHT TÖTEN. DU SOLLST ANDERE SO BEHANDELN, WIE DU VON IHNEN BEHANDELT WERDEN WILLST. DU SOLLST ALLE MENSCHEN LIEBEN, SELST DEINE FEINDE, DENN DANN HAST DU KEINE MEHR. Stattdessen zählen sie ihre Sammelgroschen und bügeln ihre Talare, in denen der Muff von tausend Jahren Nichtsnutzigkeit stinkt.

Jede Leitkultur ist notwendig ahistorisch und gleichzeitig an die eigene Vergangenheit gefesselt. Jede Würde ist nackt und bloß der Unbill aller Unverständigen ausgesetzt und muss sich nur aus sich selbst heraus entwickeln. Geholfen wird ihr von einer Vernunft und Bildung, die nicht lediglich angetastet, sondern oft mit Füßen getreten wird. Man muss keinem Verein beitreten, um gut zu sein. Es reicht, gut zu sein. SEI GUT!


[1] Max Weber, Protestantismus und Kapitalismus

[2] Goethe, Maximen und Reflexionen

[3] ‚…wir werden weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt…‘

[4] Marshall McLuhan

FROSCHSCHENKEL UND WILLKOMMENSKULTUR

Dass Platos Höhlengleichnis, dass also jemand, der gefesselt in einer kerzenbeleuchteten Höhle gelebt hat und nach draußen gelangt, dann doch die Höhle für die Welt hält, wird so gerne verdrängt, weil man es vielleicht nie durchdacht hat oder weil man sich vor dieser Erkenntnis fürchtet. Niemand will derjenige sein, der die Welt mit den Bildern auf einem Monitor verwechselt. Im Gegenteil, fast ein jeder und eine jede glaubt seinen Monitor als die Welt.

Dass wir weiterhin nur erkennen können, was wir schon erkannt haben, oder anders gesagt, dass wir stets alle je vom Mutterleib an gehörten Kommentare in jede Sinneswahrnehmung hineindeuten, ist eine zweite Prämisse der Unerkennbarkeit und gleichzeitig der Unentrinnbarkeit der Welt.

Dass sich deshalb so viele, Milliarden von Menschen, unter den Schutz und Schirm von Religionen, Ideologien und Verschwörungen begeben, ist allzu verständlich.  

Daraus folgt möglicherweise, dass die Krise der Demokratie, die wir im Moment zu erleben glauben, vielleicht vielmehr eine Krise der Informationsinflation ist. Fernsehen und soziale Medien bilden die Welt hyperredundant ab. Der Bürgerin und dem Bürger erscheint es durch die Omnipräsenz in den Medien so, als wäre beispielsweise das Gendern bereits allgegenwärtig und eine Forderung nicht von einer Randgruppe progressiver Parteipolitiker, sondern der Politik als Ganzer. Überhaupt trägt die Personalisierung des Politikbetriebs zu diesem Eindruck Entscheidendes bei. ‚Die Politik‘ wird als allmächtige, kaiserähnliche Person vorgestellt, so wie Gott, wenn man ‚der liebe Gott‘ denkt oder sagt.

 Der jahrhundertelange Wechsel zwischen autokratischen und demokratischen Regierungsformen lässt den Staat, also die Regierung, als mächtiger erscheinen, als er tatsächlich ist und sein kann.

Wir wollen das an fünf Beispielen untersuchen: die Westbindung der Bundesrepublik durch Adenauer, die Ostbindung Ostdeutschlands durch Ulbrichts Stalinismus, die neue Ostpolitik Willy Brandts, die Wiedervereinigung durch Kohl und schließlich die Flüchtlingspolitik Merkels.

Unsere These dabei ist, dass das Regierungshandeln das Leben der Bürgerinnen und Bürger höchstens zu fünf Prozent tangiert.

Trotz Adenauers politisch weitsichtiger Aussöhnung mit dem Nachbar- und Bruderland Frankreich, mit dem es eine zweihundert Jahre währende organisierte Feindschaft gegeben hatte, konnte keines der ebenso lange tradierten nationalistischen Stereotype (Froschfresser, Spaghettifresser, Tagediebe) kurzfristig überwunden werden. Erst die Reisefreiheit durch Wohlstand und Grenzöffnung erbrachte eine realistischere Sicht. Zeitgenössisch wurde als seine größte Leistung angesehen, dass er die letzten zehntausend Kriegsgefangenen aus dem ‚Reich des Bösen‘ zurückgeholt hat.

Der Stalinismus erschien der älteren Generation als eine Kontinuität autoritärer Herrschaft. Angehörige der sowjetischen Besatzungsmacht spielten im Leben der Bevölkerung keine Rolle, sosehr jetzt auch eine angebliche Freundschaft erfunden wird. ‚Die Freunde‘ war eher ein Pejorativ, hinter der vorgehaltenen Hand sagte man ‚die Russen‘. Beides war falsch. Mit Ulbricht verschwand, wenn auch nur sukzessive, der Stalinismus  und wich einem gemäßigten Konsumismus. Im übrigen wurde Ulbricht bei uns im Osten von der überwältigenden Mehrheit als Gleichzeitigkeit von Original und Karikatur wahrgenommen. Das hat nach ihm erst Tino Chrupalla wieder geschafft, dessen oft auch grammatisch falschen Kombinationen von Satzbausteinen so erheiternd wirken wie weiland Ulbrichts sächsisches Zeitungsdeutsch.

Dass Willy Brandt durch seine Annäherungspolitik den Ostblock zu Fall gebracht haben will, wollte 1989 niemand – weder im Osten noch im Westen – mehr glauben. Zwar wird er weiter als großer Kanzler verehrt, aber wohl eher emotional als Sympathieträger.

Kohl sah mit großem Wohlwollen auf sich selbst, wie er in Strickjacke Gorbatschow die Wiedervereinigung abtrotzte und abkaufte. Im Prenzlauer Berg dagegen dachten die yesusgleichen Stasiopfer, sie hätten allein durch die Sitzblockaden vor der Gethsemane-Kirche Honecker nach Lobetal verjagt. Dagegen glaubt die heutige AfD mit der Aneignung der ‚Wir sind das Volk‘-Formel die Wiedervereinigung nachträglich adaptieren zu können.  

Der Gipfel des Auseinanderklaffens von Regierung und Volk dürfte aber durch Merkels legendären Satz, dass ‚wir…es schaffen‘, erzeugt worden sein. Wahrscheinlich hat sie ganz pragmatisch die technische Seite der Aufnahme der Flüchtlinge gemeint, und sechs Millionen Flüchtlingshelfer standen auch bereit. Seit dem Tag geht aber erdspaltenartig der Riss zwischen der Rückbesinnung auf christliche Werte der Nächstenliebe und rassistischer Xenophobie. Gerade heute wieder – am 07.07.2024 – hat Alice Weidel im Sommerinterview behauptet, Angela Merkel hätte mit dem Schengen Abkommen die Flüchtlingswelle ausgelöst. Angela Merkel war aber 1985 Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften der DDR in Ostberlin. Dass es jedoch um einen größeren Zusammenhang als Merkels Sätze geht, zeigt sich darin, dass in fast allen europäischen Ländern autokratische Herrschaftsformen zumindest in Erwägung gezogen werden.

Der Osten Europas, nicht nur der Nordosten Deutschlands, kannte lange Zeit vor dem Fall des iron curtain bereits Nachrichten, die den Charakter regierungsamtlicher Mitteilungen hatten, Manifestationen statt Vermutungen und Interpretationen. Besonders auch die Berufung auf die mit vielen Titeln attributierten Herrscher war hyperredundant. Diese Rolle haben heute die sehr oft nicht näher bezeichneten Experten übernommen.

Auch Dementis spielen keine große Rolle mehr. Man entlässt gute wie schlechte, falsche wie wahre Informationen als Massenware in den Raum und in die Zeit. Durch die schiere Menge relativieren sie sich selbst.

Die rechtsäußeren Politiker müssen also nicht, wie sie immer versprechen, das alte Parteiensystem zerstören, denn sie sind ja gerade Symptom seiner Auflösung, sondern sie ersetzen das eine hyperredundante Narrativ durch das andere. Welche Frage man ihnen auch stellt, sie antworten stets mit der Bedrohung von außen, die sie zu bekämpfen vorgeben. So gesehen leben sie schon in der Diktatur, die sie erst aufbauen wollen.

 Nicht nur die Fremden sind nicht wirklich willkommen, auch das Neue überhaupt wird misstrauisch abgewehrt. Nicht nur die Regierung, auch das Volk selbst blockiert die Modernisierung. Es gilt immer noch das Bild der Angst vor der Eisenbahn, deren tatsächliche Unfälle ins Apokalyptische gesteigert wurden. Selbst die heutige allgegenwärtige Kritik an der Bahn hat noch Reste der alten Abwehr. Schließlich wissen wir alle durch Erfahrung: IN JEDER REFORM LAUERT EIN SCHSMA.

DAS ZEITALTER DER STREICHQUARTETTE

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird.*

Ein Jahrhundert lang herrschte der Bachchoral als Maß oder Norm der perfekten Vierstimmingkeit. Er ging dann später zusammen mit dem Gospel seinen Weg in Jazz und Pop, schließlich in die Epoche der Allgegenwart von Musik. Überall auf der Welt laufen heute Menschen mit Kopfhörern, die aus den Endgeräten** der gespeicherten und ewig reproduzierten Kommunikation den musikalischen Teil in die Ohren von Milliarden Menschen transportieren. Genauso streng vierstimmig und damit die vier menschlichen Stimmlagen abbildend, aber weitaus elitärer kam dann ab 1800 das Beethovensche Streichquartett daher. Das Bürgertum hatte in Städten wie Wien, wo Beethoven lebte, oder Hamburg oder London den Konzertbetrieb übernommen, aber auch die Hausmusik aus den Kantorenhäusern in die normale bürgerliche Familie transferiert. Die gesamte Kammermusik des neunzehnten Jahrhunderts war für den häuslichen Gebrauch gedacht. So wie heute in jedem Haushalt ein Fernsehgerät und ein Computer steht, so stand hundertfünfzig Jahre lang in jedem bürgerlichen Wohnzimmer ein Klavier. Der Bruch ist doppelt: der Wohlstand breitete sich auf alle Menschen – sogar weltweit – aus, aber die Aktivität nahm gleichzeitig ab. Allerdings gibt es heute wesentlich mehr Freizeit und demzufolge auch mehr aktive musikalische Betätigung als zu jeder andren Zeit.

Man kann die Beethovenschen Streichquartette aber auch anders deuten.

Während die Klaviersonaten, wie vorher auch schon Bachs Wohltemperiertes Klavier, die Emotionen eines Menschen abbilden und ausdeuten, man denke nur an den hämmernden Beginn der Waldstein-Sonate, zeigen die Streichquartette das menschliche Miteinander.

Innerhalb eines strengen Rahmens werden Argumente nicht nur ausgetauscht, sondern solange moduliert, verändert, variiert, permutiert, bis sich eine schlüssige Lösung findet. Aber wir wissen: beim nächsten Hören wird die Lösung anders klingen oder es ist plötzlich keine Lösung mehr oder sie ist nicht mehr schlüssig, sondern weist auf Zukünftiges hin. Nichts im Fluss der Musik ist absolut. Musik ist das getreue Abbild der Relativität, das gilt natürlich auch umgekehrt. So gesehen wundert es nicht, dass Einstein Musiker war.  Es entwickelt sich mit dieser Musik eine Kultur des Dialogs, auch des Streits, die aber immer in der abgeschlossenen Form bleibt. Das ist das genaue Gegenteil des heutigen Framings. Das freie Spiel der Alternativen in einem Streichquartett oder einer Podiumsdiskussion oder eines liebenden Paares wird beim Framing in ein Deutungsraster gepresst, an dem sich auch die oft gegensätzlichen Parteien erkennen.  Schließlich geht es nur noch um die gegenseitige Erkennung der Herkunft oder der Identität.

Alle Gruppen erodieren, alle Identitäten verändern sich. Aber damit ist leider noch nicht der ideale, von Beethoven herbeigesehnte Zustand, dass es nur noch Menschen gäbe, erreicht. Auch Schiller muss noch auf das Elysium warten. Auf der einen Seite sehen wir Weltbürger und Wutbürger. Auf der anderen Seite sehen wir die Lordsiegelbewahrer der alten Identitäten Nation, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, Ideologie, Hierarchie.

Die Seite der Bewahrer spielt sozusagen den unendlichen Stimmton a= 440 Hertz und lässt keine Veränderung zu. Tatsächlich ist der so genannte Kammerton selbst relativ und im Laufe der Jahrhunderte immer höher geworden.  Tatsächlich ist sogar ein Ton dann veränderbar, wenn er auf einer beweglichen Quelle installiert wurde, das ist bekannt als Doppler-Effekt.

Die andere Seite sucht nicht die neue Identität. Ihr Problem ist vielmehr, dass wahrscheinlich oder möglicherweise Identität nicht mehr geeignet ist, den Zustand des Menschen in Relation zur Welt zu beschreiben. So wie die Naturforscher eines Tages verängstigt feststellen mussten, dass die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft nicht mehr ausreichen, um die Natur zu beschreiben, so sehen die Menschenforscher sich heute vor dem begriffstheoretischen Abgrund des Menschen in einer Welt ohne Hunger, ohne (Welt-)Krieg, ohne Pest, mit ungeheurer Mobilität von Menschen, Dingen und Gedanken.  Obwohl es viel mehr Menschen gibt als je zuvor, sind sie auch erkennbarer und verbundener als je zuvor. Ihre schwindende Ungleichheit sehen sie als überwindbar an, während die ungleich stärkeren Ungleichheiten früherer Zeiten als unüberwindbar galten. Ihre Gleichheit lernen sie als Gleichartigkeit und Gleichberechtigung schätzen. Ihre Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit erkennen sie wie Schuppen, die ihnen von den Augen fallen. Und plötzlich haben sie alle das gleiche Ideal: die Freiheit, die bis zur Unkenntlichkeit verschleierte Frau im Iran, der homosexuelle Priester im Vatikan, der junge Ziegenhirt in Eritrea, die Büroarbeiterin in Hongkong, der Neonazi in der Uckermark, das vom Polizisten mit der Pistole bedrohte Straßenkind in Brasilien, die Opiumbauernfamilie in Afghanistan, der suizidgefährdete junge Inuit auf Grönland, sie alle können plötzlich erkennen: die Vergangenheit begann nicht mit der Sklaverei und die Zukunft endet nicht in der Autokratie.

Parteien und traditionelle Herrschaftsinstrumente erodieren da, wo dieses wahrlich nicht neue Ideal aufscheint, ihm folgt aber immer als Schatten das Gespenst des autoritären, hierarchischen Führers in seiner erbarmungswürdigen Endlichkeit, zu der die Hymnen des Scheiterns gespielt werden: …LAND …LAND ÜBER ALLES.

Das heißt doch nicht, dass nicht jeder sein Land oder seine Region als die beste der Welt empfinden kann. Das wird schon deshalb noch lange so bleiben, weil weit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung die Welt nur aus dem Fernsehen und aus dem Internet kennt. Es ist mit den heutigen Mitteln, Flugzeug, Kreuzfahrtschiff, auch nicht wünschenswert, dass es mehr werden, so sehr man den Benachteiligten das Reisen wünschen mag.

Dieses Widerstreben in der formalen Einheit findet sich im Streichquartett. Der gegenwärtige Zustand der Diskurskultur kann kaum anders beschrieben werden, als dass sich die Kontrahenten gegenseitig mit Streichquartetten und Wohnzimmerklavieren bewerfen.  Der Austausch im Moment, und nicht nur in Deutschland, beruht wohl eher darauf, sich Identitäten an den Kopf zu werfen. Die Argumente verkümmern zu Ziegenkotkügelchen. In der Uckermark wird im August wieder ein Schuljahr mit durchschnittlich siebenundzwanzig Schülern je erster Klasse beginnen. So entwickelt sich im besten Fall Durchschnitt. In Kenia beträgt die Alphabetisierungsquote knapp 80%, aber in den Klassen sitzen bis zu 80 Schülern und die unausgebildeten Lehrer arbeiten mit vorgefertigten Unterrichtsprogrammen auf Tablets.  Die Finanzminister der Welt sind aufgefordert, sich Beethovens Streichquartette anzuhören, den Verteidigungsministerien sämtliche Mittel zu STREICHEN und sie in den Bildungsbereich zu transponieren. In meiner Aufnahme der Streichquartette von Beethoven spielt der erste Geiger eine Stradivari-Geige aus dem Jahre 1686. Wo und wann solch ein Handwerk blüht, muss man um die Gesellschaft keine Sorge haben***.

02. 02. 2020

Foto: Gash Barka Agordat

*Beethoven an Struve 1795

**ironische Anspielung auf ‚GRIME‘ von Sybille Berg

***www.medienschmiede.online

SIEBEN GEGENARGUMENTE

Prenzlau, 12. Juni 2024

Hallo U.,

1

Alle selbsternannten Retter (also alle Populisten) müssen die Welt erst zur Katastrophe herabzoomen, um dann ihre zweifelhaften Dienste anbieten zu können. In Deutschland nagen die Menschen nicht am Hungertuch und erhalten auch keine Minilöhne kurz über dem Bürgergeld. Der durchschnittliche monatliche Bruttoverdienst liegt bei 3.700 € (Vergleich: Dänemark: 5.000, Bulgarien 600), die Durchschnittsrente bei 1.700 €, im Osten um knapp 100 € höher, weil im Westen die Frauen weniger gearbeitet haben. Der Billiglohnsektor, den niemand schönreden wird, kommt durch neue Dienstleistungen auf der einen Seite und Mangel an Ausbildung auf der anderen Seite zustande.  Auch die Wirtschaft insgesamt steht nicht schlecht da, obwohl es einige Probleme gibt, die wir nicht gewöhnt sind: Lieferengpässe, hohe Energiepreise, Inflation bis maximal 11%, jetzt aber wieder bei etwa 2%. Und übrigens – grün-ideologisch gesprochen – ist Wachstum keinesfalls das alleinige Kriterium einer funktionierenden Wirtschaft. In China wird ein viel höheres Wachstum mit enormen ökologischen Schäden erzwungen, in Russland mit forcierter Rüstungsindustrie, in diesen beiden Ländern gibt es eine geradezu asoziale Verteilung.

2

Der Jugoslawienkrieg kam dadurch zustande, dass sich die Bundesländer der Föderation für selbstständig erklärten und Serbien mit dem Anspruch der Führungsmacht versuchte, diese Föderation mit militärischer Gewalt zu erhalten. Die NATO griff erst ein, als ein deutlich schwächeres Land, nämlich Bosnien, dem Bombardement der Serben ausgesetzt war. Serbien operierte zudem mit so genannten ethnischen Säuberungen, also der Vertreibung und Ermordung der indigenen Bevölkerung. Ziel der NATO war es natürlich, weder Serbien zu erobern noch die Regierung zu stürzen, sondern nur die militärische Gewalt zu beenden, was auch gelang.  Die serbische Regierung berief sich damals, so wie heute auch die russische, auf ein Recht zum Irredentismus, also der Zusammenführung sprachlicher Inseln.

3

Alle israelisch-palästinensischen Konflikte sind von der palästinensischen Seite ausgegangen. Die einzige Ausnahme ist der Sechs-Tage-Krieg von 1967, der als Präventivschlag nach eineindeutiger Bedrohung durch die Nachbarländer Syrien, Jordanien und Ägypten bei Unterstützung durch alle arabischen Länder und der Sowjetunion begann. Auch die jetzige Auseinandersetzung begann durch einen Terrorschlag der Hamas. Wir unterstützen traditionell Israel mit Waffen und Logistik, den Palästinensern wird dagegen von uns humanitär, besonders mit Lebensmitteln, Hafenanlagen, medizinischer Hilfe und Fluchtmöglichkeiten geholfen. Besonders tun sich hier der amerikanische Außenminister Blinken und die deutsche Außenministerin Baerbock hervor, die nie ohne einen 100-Millionen-Dollar-Scheck für die Bevölkerung ankommen.

4

In der Migrationspolitik treffen zwei Ereignisströme zusammen, die Klimaveränderung und das enorme Nord-Süd-Wohlstandsgefälle auf der einen Seite, die christlich-abendländische Aufnahmebereitschaft und der Fachkräftemangel auf der anderen Seite. Die kleinen Städte leiden zudem unter Arbeitsmangel bei Wohnraumüberfluss, die großen Städte genau umgekehrt. Das sind tatsächliche Diskrepanzen, die von der Politik angegangen, ich wage nicht zu sagen: optimiert, werden müssen. Alles andere ist billige Propaganda.

5

Der Quelle Oskar Lafontaine, woher alle deine Argumente stammen, ist leider nicht zu entnehmen, worin nun die besondere Gefahr der grünen Ideologie besteht, zumal ein wichtiger Eckpfeiler grünen Denkens, der Pazifismus, in beiden Regierungsbeteiligungen in seiner krassen Form aufgegeben werden musste. Es liegt der Verdacht nahe, dass die selbsternannten Retter Deutschlands, nachdem sie eine Katastrophe herbeigeredet haben, auch ein Feindbild brauchen. Wie Sahra Wagenknecht, selbst wenn sie Bundeskanzlerin würde, Frieden zwischen Russland und er Ukraine stiften will, bleibt ihr Geheimnis, genauso, wie sie den Reformstau Deutschlands beenden will, wahrscheinlich durch Enteignung der Banken.

6

Wir stimmen überein, dass sich das Parteiensystem in ganz Europa in Auflösung befindet, dass es den etablierten Parteien fast nur noch um rein rechnerische Regierungsmacht geht und dass die alten Ideen Konservatismus, Liberalismus, Sozialdemokratismus und Grün nicht mehr das ganze Spektrum der neuen Probleme abdecken.

Und das alles willst du mit Leuten lösen, denen es – jedenfalls gemessen an der Quantität und der Qualität ihrer Argumente – ganz offensichtlich um noch viel weniger geht: nämlich um Geld und Ruhm.

7

Argumente kann man übrigens nach wie vor bei Prof. Dr. Dr. Friedrich von Schiller lernen:

STAUFFACHER                  KommunitarismusTELL      Liberalismus
Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.Beim Schiffbruch hilft der einzelne sich leichter.
So kalt verlasst ihr die gemeine Sache?Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.
Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.Der Starke ist am mächtigsten allein.
SCHILLER, Wilhelm Tell, I,3

Mit den besten Grüßen

MIT SICHERHEIT NICHT AFD

Gedanken zu einem Wahlplakat

Die Prenzlauer AfD wirbt auf ihren Plakaten unter anderen mit dem Slogan ‚Sicherheit statt Multikulti‘. Das ist ganz sicher eine Anspielung auf die alte und damals sehr wirkungsvolle Parole ‚Freiheit statt Sozialismus‘. Damals verstand jeder den Bruch der Kategorien, denn in dem einen wählbaren System stand die Freiheit laut Verfassung und in der Tat im Vordergrund, auf der anderen Seite – nicht nur des Eisernen Vorhangs – konnte man der menschenfreundlichen Utopie nachjagen, deren menschenfeindliches Erscheinungsbild allerdings offen lag.

Heute nun ist es wenig sinnvoll, zwei grundverschiedene Aspekte miteinander in Beziehung zu setzen. Unter Multikulturalität, im Volksmund multikulti genannt, versteht man das Nebeneinander verschiedener kultureller Herkünfte. Man kann die Kultur seiner Herkunft niemals 1:1 weiterleben. Eine Moschee in Berlin, etwa in einem Hinterhof im fünften Stock in einem Geschäftshaus im Berliner Wedding, ist nicht wie eine Moschee in Istanbul, umgekehrt kann man  das Schattendasein einer Kirche in Istanbul nicht mit dem Kölner Dom oder der Kirche Santa Maria Novella in Florenz vergleichen, zumal sich die beiden letzteren jeweils neben einem Bahnhof befinden. Ein fünfzehnjähriger Katholik in Prenzlau, der mit seiner Mutter fröhlich zum Familiengottesdienst geht, hat eine andere Kultur als ein fünfundneunzigjähriger Kardinal in Rom, der gegen den Papst intrigiert. Aber selbst ein Land, das, wie die AfD vorschlägt, über tausend Jahre keine Einwanderung zulässt, kann seine Kultur nicht konservieren. Wir denken hier an die Mongolei, einst ein Groß- und Weltreich, nun ein viermal so großes Land wie Deutschland mit so viel Einwohnern wie Hohen Neuendorf. Im Gegenteil: wer starr auf seiner Kultur besteht, sie rein von jedem äußeren Einfluss halten will, dem entgleitet sie aus den Händen, auch dafür ein tausendjähriges Beispiel ist die katholische Kirche. Also: multikulti ist ein Attribut einer weltoffenen Gesellschaft, Sicherheit dagegen eine Eigenschaft staatlicher Ordnung.

Unter Sicherheit verstehen wir vor allem die Sicherheit für den Menschen, für sein Leben und seine Unversehrtheit. In Deutschland haben wir eine Tötungsrate von 0,8, das heißt 0,8 Menschen werden pro Jahr, bezogen auf 100.000 Einwohner getötet. Statistisch gesprochen wird in der Uckermark also kein Mensch pro Jahr getötet. In Russland beispielsweise, einem seit zwanzig Jahren mit straffer Hand geführten Land (um es freundlich auszudrücken), liegt die Tötungsrate mit 6,8 fast zehnmal so hoch. In Brasilien, einem Land mit langjähriger rechtspopulistischer autokratischer, jetzt aber linkspopulistischer autokratischer Regierung, liegt sie mit 21,3 im Mittelfeld, denn es gibt Länder mit weit höheren Werten. In absoluten Zahlen kommt Brasilien aber auf knapp 50.000 getötete Menschen pro Jahr, die Hälfte der Uckermarkbevölkerung.

Welche Sicherheit verspricht uns also die AfD? Sollte sie ein Land meinen, in dem es keine Verbrechen, keine Unregelmäßigkeiten gibt, so ist sie gut beraten, bei sich selbst anzufangen. Hannes Gnauck zum Beispiel ist ein Bundeswehrangehöriger, der vom MAD verfolgt wird und dem es verboten ist, eine Kaserne zu betreten und Uniform zu tragen. In einer Diskussion vor wenigen Tagen war er zu feige, sein Vergehen zu benennen, das angeblich, nach seiner Meinung, geringfügig sei. Besser wäre es doch gewesen, uns zu sagen, worum es sich handelt. Stattdessen zieht er die Militärstaatsanwaltschaft, den Inbegriff staatlicher Ordnung und Sicherheit, in Zweifel. Gegen die Spitzenkandidaten für die Europawahl, Krah und Bystron, wird wegen Vorteilsnahme und Spionage ermittelt. Der Parteivorstand  grinst etwas von Unschuldsvermutung. Das ist richtig, nur die beiden wollen nicht Malermeister werden, sondern Abgeordnete im Europaparlament. Sie wollen eine Partei vertreten, die Sicherheit verspricht, aber von ihren rechtspopulistischen Kolleginnen und Kollegen gemieden wird.

Warum wirbt die AfD, statt mit recycelten Losungen der Altparteien, nicht mit dem, wofür sie wirklich steht: Nationalismus, Autokratie, Segregation. Dann wüssten wir, woran wir sind und wo wir unsere Kreuze nicht machen sollten.

ULTRABRUTALE HORRORSHOW

Über Joachim Wohlgemuths Roman ‚Egon und das achte Weltwunder‘ und Anthony Burgess‘ Roman ‚A Clockwork Orange‘

Im Wikipedia-Artikel über die kleine Kreisstadt Prenzlau steht bei den berühmten Menschen ein DDR-Schriftsteller namens Joachim Wohlgemuth. Er schrieb, neben vielen anderen, noch unbekannteren Büchern einen Roman[1] über einen Jungen, der durch ein sozialistisches Jugendprojekt, das vorher schon die Hitlerjugend verfolgt hatte, geläutert wird. In einem weit gefassten Sinne handelt es sich um eine Konditionierung eines bis dahin nicht ganz angepassten Jugendlichen. Eine Schlägerei ohne ersichtlichen Grund brachte ihn für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Der Roman beginnt an dem Tag, an dem er aus dem Gefängnis kommt und seinen Freunden, die er nun – erster Schritt der Besserung – für falsch hält, aus dem Weg gehen will. Das gelingt jedoch nicht, er lernt aber beim nächsten Abend mit viel Alkohol ein hübsches, etwas sarkastisches Mädchen kennen, das – zweiter Schritt der Besserung – die Tochter des Kreisarztes ist. Prenzlau wird im Buch durch die riesige Marienkirche gekennzeichnet, im Film erkennt man als Wohnung des Kreisarztes und seiner Tochter deutich die heute noch stehende und soeben frisch restaurierte Villa in der Grabowstraße.

Beide Protagonisten gehen zusammen in dieses Jugendprojekt der Großen Friedländer Wiese, die schon seit fast zweihundert Jahren – zuletzt von der HJ – trockengelegt werden soll. Dort nun beginnt ihre Liebe, aber der eigentliche dritte Schritt der Besserung und Anpassung kommt durch die FDJ, den Prenzlauer Jugendklubleiter und den Lagerleiter, der gleichzeitig herzkrank und herzensgut ist. Die Liebe wird im Buch zwar etwas langatmig, aber auch anrührend geschildert, im Film kommt sie als prüder und müder Akt daher. Das alles wird gar nicht unflott erzählt, aber immer wieder künstlich verlängert durch kleine hausbackene innere Monologe, deren Kohärenz sich oft nicht erschließt. Dazu gehört auch ein überlanger Brief einer Figur, die in der Handlung gar nicht vorkommt: die Exfreundin des Klubhausleiters. Überhaupt ist Komposition oder Konstruktion einer Geschichte wohl nicht das besondere Talent Wohlgemuths gewesen. Dagegen ist der Text an vielen Stellen witzig oder wenigstens fröhlich. Es gibt auch eine winzige zweite Ebene der Kritik an den Verhältnissen, so etwa, wenn der Jugendklubleiter, der Philosophie studiert hat, sich wundert, dass niemand in seinen Jugendklub kommen will. Erst der Protagonist Egon klärt ihn im Arbeitslager auf, dass am Jugendklub ein Schild angebracht ist: FÜR NIETEN IN NIETHOSEN VERBOTEN. Mit Niethosen waren Jeans gemeint, gegen die die DDR-Führung einen ebenso ausschweifenden wie aussichtslosen Kampf führte, den sie auch noch verlor. Zur kritischen Ebene, die aber marginal bleibt, gehört auch die Sichtbarmachung der Parallelität von HJ und FDJ, die sonst in der Literatur und im Leben der DDR tabu war. Der Protagonist hat einen Gegenspieler, der eine zeitlang im Westen gelebt hat, aber enttäuscht zurückkam und nun versucht, eine winzige Subkultur zu installieren. So redet man sich gegenseitig mit boy an, aber das ist das einzige englische Wort. Und man hat eine Band, in der auf Flaschen und Kämmen gespielt wird. In der Verfilmung von Christian Steinke klingt das aber gar nicht schlecht. 

Der Wikipedia-Artikel über Wohlgemuth klärt uns darüber auf, warum möglicherweise die Zensur dem sonst eher erfolglosen Autor dies durchgehen ließ: statt literarisch zu glänzen, machte er sich einen Namen als Funktionär des Literaturbetriebs und als Stasi-Zuträger. Der Neubrandenburger Schriftstellerverband war unter seiner Führung durch und durch verwanzt und von gegenseitiger Denunziation verseucht. Niemand weinte ihm eine Träne nach, sein Grab in Neubrandenburg-Carlshöhe wurde eingeebnet. Das Buch wurde in der DDR eine halbe Million Mal, also nicht schlecht, verkauft. Das achte Weltwunder war übrigens nicht das Mädchen selbst, sondern wäre ihre Verliebtheit, wenn sie sich denn bis dahin schon einmal verliebt hätte. Auch Wohlgemuths zweites Jugendbuch hatte einen schönen, aber verschenkten Titel Das Puppenheim in Pinnow. Aber warum erinnern wir uns seiner?

Im selben Jahr, 1962, erschien ein später weltberühmtes Buch[2] in London. Es wurde durch die hyperexpressionistische und exzentrische Bildsprache der Verfilmung durch einen Großmeister, Stanley Kubrick, zu einem Klassiker der Weltliteratur, zu einem der besten britischen Romane. Auch dieses Buch handelt von einem nichtangepassten Jungen und Anführer einer Gang, der durch zwei Morde und durch weitere ultrabrutale Verbrechen ins Gefängnis gerät, und dort neu konditioniert wird. Aber warum ist dieses Buch so stark, das andere dagegen schwach und vergessen?

Dieses Buch ist eine Dystopie, eine Parabel, aber auch eine krasse Satire. Etwa zu gleichen Zeit als diese beiden Büchern erschienen, schrieb der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz von der Verhausschweinung des Menschen. Damit ist nun keineswegs eine Verdreckung oder Verrohung im Sinne des Pejorativs gemeint, sondern die Selbstdomestizierung des Menschen. In den Jahrzehnten der Höhepunkte der Mechanik, der Ingenieurskunst, an der Schwelle zum elektronischen Jahrhundert – oder Jahrtausend -, kurz: im Anthropozän, glaubten und glauben viele Menschen an die Umgestaltungsmöglichkeit unserer Psyche. Psychopharmaka und Drogen, die auch in der Milchbar des ‚clockwork orange‘ eine Rolle spielen, können uns in den oder aus dem Wahnsinn treiben. Durch den zweiten Weltkrieg ist zudem die Fähigkeit von uns Menschen, Verbrechen gegen uns Menschen in bis dahin unerhörtem Ausmaß zu begehen, sozusagen unter Beweis gestellt worden. Viele Millionen Menschen starben durch deutsche, sowjetische, japanische und chinesische Schuld, angekündigt durch deutsche, türkische, belgische, britische und französische Genozide und Kolonialverbrechen. Seitdem schien alles möglich, und im Westen wie im Osten hatte man Angst vor einer verrohten und verrotteten und verbrecherischen Jugend.

Der erste Teil des Buches zeigt eine sich steigernde Terrorisierung eines nicht benannten Stadtteils von London oder Manchester. Die Angst vor Terror, das Rufen nach dem starken Staat dominierte die Politik. Sobald aber Politiker die Grenze zum Autoritarismus überschreiten, werden sie vom Publikum, vom Verfassungsgericht oder von der Geschichte zurückgepfiffen. In unserer Story trifft es den ‚Minister des Innern, des Hintern, des Untern‘. Das Buch ist eine Dystopie, aber die satirischen Überzeichnungen machen sie nicht nur lesbarer, sondern den Schrecken auch erträglicher.

Im zweiten Teil erleben wir zunächst ein ganz normales Gefängnis. Der Protagonist Alex erweist sich als Oberopportunist und wird Gehilfe des Gefängnispfarrers. Aber dann kommt es zu einem weiteren Mord in der überbelegten Zelle. Nun bekommt Alex freiwillig das neue Konditionierungsprogramm: mit Elektroschocks und Ekelpharmaka wird ihm die Lust an der Ultrabrutale genommen. Ethische Bedenken gibt es nur vom stets betrunkenen Gefängnispfarrer.

Der dritte Teil lässt den Protagonisten das Programm seiner eigenen Gewaltspirale zurücklaufen. Als er schließlich bei dem Schriftsteller landet, dessen Frau an den Folgen von Alex‘ Gewalt starb, kehrt diese sich endgültig gegen ihn selbst um: die mit dem Schriftsteller verbundenen politischen Aktivisten wollen Alex durch ultrabrutal laute klassische Musik zum Selbstmord bringen, um damit die Regierung stürzen zu können.

Hier haben wir zwei der Besonderheiten, die den Roman so wirkungsvoll gemacht haben: die Liebe des Alex zu Beethoven und überhaupt zur klassischen Musik, die er mit Anthony Burgess und Stanley Kubrick teilt, und die besondere Jugendsprache. Burgess nimmt nicht einfach ein eher beliebiges ‚feindliches‘ Wort, sondern er konstruiert einen Soziolekt aus russischen Wörtern, den er Nadsat nennt, der dann aber gar nichts mehr mit den Russen zu tun hat, sondern eher wie eine Vorwegnahme der Rappersprache oder Nachahmung des Rotwelschen, einer Geheim- und Gruppensprache im 18. Und 19. Jahrhundert ist. Die schönsten eigenständigen und neuen Wörter sind horrorshow für хорошо[3] = gut und Gulliver für голова[4] = Kopf. Obwohl die Sprache eigens für diesen Roman konstruiert wurde, gibt sie ihm ein Höchstmaß an Authentizität. Allein durch diese Sprachkonstruktion, auf die Burgess während einer Reise nach Leningrad (Sankt Petersburg) kam, wird der Leser nicht nur in den Bann, sondern auf die Seite von Alex gezogen. Das ist besonders im dritten Teil wichtig, wenn wir Alex zum ersten Mal als Opfer sehen sollen. Und schließlich sollen wir das in den USA zunächst nicht gedruckte letzte Kapitel nicht als Moralkitsch – im Sinne des letzten Kapitels von Tolstois Auferstehung -, sondern als Möglichkeit lesen.

Schließlich ist A Clockwork Orange schon vom Titel her eine Parabel, welche die verschiedenen Möglichkeiten des Menschen zwischen Gut und Böse als fiktive Handlung erzählt, die gleichzeitig Satire und Tatsachenbericht zu sein scheint. Alex verliert durch das ultrabrutale Konditionierungsprogramm nicht nur die Lust zur Gewalt, sondern auch die Fähigkeit zum Genuss der Musik. Wenn Burgess selbst zunächst glaubte, das Buch sei zu didaktisch, so denken wir es heute eher als hochaktuelle Parabel mit sehr verschiedenen Deutungsmöglichkeiten und Figuren, die alle widersprüchlich, und das heißt realistisch, angelegt sind. Obwohl der fiktive Ort nicht erkennbar ist, erkennen wir die typischen Hochhaussiedlungen der suburbs und banlieus in Ost und West mit ihren fast identischen Wohnungen (zum Beispiel WBS70), dem Dauerfernsehen, den Arbeitssklaven, den austauschbaren Söhnen und Töchtern und Eltern (M & P). Inzwischen sind wir alle aber nicht nur Orangen in mechanischen Uhrwerken, sondern in elektronischen Zerkleinerungs- und Zermürbungsmaschinen.   


[1] Joachim Wohlgemuth, Egon und das achte Weltwunder, Verlag Neues Leben, Ostberlin 1962

[2] Anthony Burgess, A clockwork orange, London 1962

[3] chorosch‘o

[4] golow‘a

BRIEF AN EINEN GUTEN MENSCHEN

Prenzlau, 20.05.2024  8.00

Hallo A.,

das ist ein böses Erwachen für mich: ich habe das als sarkastischen Witz gemeint, dass der liebe Gott jetzt die Bösen holt, weder gibt es einen lieben Gott, noch straft er die Bösen und schon gar nicht belohnt er die Guten.

Der Unterschied ist die Demokratie, die Möglichkeit zu wählen und seine Meinung zu sagen. Du darfst für Russland sein und demonstrieren, du darfst die Hamas bejubeln, im Moment darfst du öffentlich nicht den bösen Spruch aufsagen from the river to the sea – palestine will be free. Wir unterstützen nicht den Krieg, wie du schreibst, sondern wir unterstützen Israel. Alle Kriege (bis auf den Sechs-Tage-Krieg 1967[1]) sind von der jeweiligen Palästinenserorganisation (jetzt Hamas, früher PLO) mit Unterstützung der Nachbarstaaten begonnen und geführt worden. Seit der norwegischen und deutschen diplomatischen Initiative Ende der neunziger Jahre sind wir für die Zweistaatenlösung, obwohl die Gründung Israels schon eine Zweistaatenlösung war: Israel und Jordanien. Die sogenannte Nakba (= Katastrophe, Unglück, Vertreibung der arabischen Bevölkerung) begann im großen Umfang am Tag nach der Gründung Israels (14. Mai 1948) mit dem Angriff der arabischen Nachbarn auf den soeben gegründeten Staat. Die Gründung Israels hat zwar den Makel der türkischen, französischen und dann britischen Kolonie, beruht aber auf einem UNO-Beschluss, der nicht nur durch die ehemaligen Kolonialmächte, sondern auch durch die UdSSR, die Ukraine und Belarus (die damals noch einzeln Mitglied waren!), den Ostblock, eine klare Mehrheit, es gab aber auch Gegner, wie zum Beispiel die Türkei, die arabischen Länder (soweit sie schon existierten), und Enthaltungen wie Äthiopien, wo selbst auch Juden lebten. Auch die jetzige furchtbare Auseinandersetzung wurde von der Hamas mit einem Überraschungsschlag und mit Geiselnahmen begonnen. Wir unterstützen das wiederum angegriffene Israel mit Waffen, aber die palästinensische Bevölkerung humanitär (Lebensmittel, medizinisch, Fluchtbewegungen). Jeder westliche Besucher, die sich die Klinke in die Hand geben, hat immer einen 100-Millionen-Dollar-Scheck in der Tasche. Die Amerikaner haben einen transportablen Hafen (Pier) gebaut, wir werfen Lebensmittel von Bundeswehrmaschinen ab. Die Solidarität der arabischen Nachbarn beschränkt sich auf Geschrei.

Der Vorwurf des Völkermords, der seit 1948 auf allen propalästinensischen Demonstrationen laut wird, trifft selbstverständlich nicht zu. Es gab und gibt keinen Plan wie im Falle des Genozids an den Herrero durch die deutsche Kolonialmacht, des Genozids an den Armeniern durch das osmanische Reich und die jungtürkischen Generäle, oder wie der Genozid an der europäischen jüdischen Bevölkerung, wie er auf der wannsee-konferenz beschlossen und dann durchgezogen wurde.

Ich habe dir doch erzählt, dass ich durch einen kleinen ukrainischen Jungen auf den erschossenen jiddischen Dichter Pinchas Kaganowitsch (DER NISTER) gekommen bin. Als ich seinen 1000-Seiten-Roman gelesen hatte, ist mir zum ersten mal klar geworden, dass sich die so genannten Ostjuden, die von Deutschland aus im Osten, vor allem in Polen, Belarus, der Ukraine und Russland gelebt haben, in einem doppelten Dilemma befanden: die Zionisten wollten nach Israel, das eine britische Kolonie war, nicht ein arabisches Land, ‚heimkehren‘ (das schreibe ich in Anführungszeichen, weil man nicht erwarten kann, dass man nach knapp 2000 Jahren auf dasselbe Land trifft), die Jiddischisten (dieser Begriff ist nicht so geläufig, es waren diejenigen, die sich hier in Osteuropa als Kulturnation organisieren, etablieren und proklamieren wollten) setzten auf die emanzipierte Teilnahme am europäischen Leben. Ein Teil von ihnen ging über Deutschland und Österreich nach Amerika, der größere Teil wurde im Holocaust ermordet. Beides erwies sich als nicht ausführbar. Das ist der Grund, warum wir Israel helfen.

Die Annahme, dass es eine Formel gäbe, nach der man die Schuldigen leicht erkennen könnte, ist falsch. Die Gründer des Staates Israel hatten nicht vor, die palästinensische Bevölkerung zu vertreiben oder gar zu ermorden. Allerdings waren sie wehrhaft. Wir wissen nicht, wer die Pipelines Nordstream I und II zerstört hat. Nimmt man die linke Formel (cui bono – wem nützt es), so zeigen sich mindestens fünf Nutznießer: die USA (tatsächlich!), Russland, die Ukraine, Polen und nicht zuletzt Deutschland.

Ich erkläre die einfache Tatsache, dass man nicht alles erklären immer gern mit dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933. Die kommunistische Erklärung (‚Braunbuch‘) war, dass die Nazis den Reichstag selbst angezündet haben, um die Kommunisten verfolgen zu können, die Nazis dagegen wiesen in einem Schauprozess nach, dass die Kommunisten den Reichstag angezündet haben, weil sie ein Signal gegen die Machtübernahme setzen oder sogar den Aufstand auslösen wollten. Die Archive sind seit langem offen, jedes Jahr erscheint mindestens ein Buch, aber wir wissen nicht, wer den Reichstag angezündet hat.

Die einfache Tatsache, dass man nicht alles erklären kann, kann man nur so erklären, dass es nichts gibt, das nur einen Grund hätte. Alles hat tausend Gründe und jeder Grund hat tausend Folgen. Spinoza schreibt: Jedes Ding kann zufällig (gelegentlich, durch einen Nebenumstand) Ursache der Hoffnung oder der Furcht sein[2].

Die Ukraine ist einerseits der Ort des allrussischen Gründungsmythos: der Kiewer Rus, daher kommt auch der Name, dann aber war sie immer Bestandteil anderer Imperien: Großfürstentum Moskau, Mongolisches Reich, Polen-Litauen (das damals ein Großreich war), von Katharina II. (gebürtige Zerbst-Anhaltinische Prinzessin aus Stettin), die eine große Imperialistin war (wie Iwan IV. und Putin der Schreckliche[3]), dann ins russische Reich integriert. Russland ist unter den folgenden Zaren, unter Lenin, Stalin und deren Nachfolgern immer ein imperialistisches Land gewesen. Unser Irrtum in Bezug auf Putin war, dass wir etwa von 2000-2010 an eine wenigstens teildemokratische Wende geglaubt haben (Denken ist immer auch Wunschdenken), so ähnlich wie bei Erdoğan. Der Hauptgrund aber waren die billigen Rohstoffe, besonders Gas und Öl. Schon damals haben wir gewusst, dass der wirtschaftliche Erfolg Russlands (es ist wirtschaftlich so groß wie Spanien oder Texas) fast ausschließlich auf dem Export seiner Fossilien beruht, und wir hätten es moralisch ablehnen müssen, weil die Bevölkerung nicht insgesamt wohlhabender wurde, das ist wieder so ähnlich wie in China. Der damalige Irrtum schließt nicht aus, dass wir heute manches besser machen. Wir unterstützen die Ukraine nicht nur, weil sie angegriffen wurde (wie Israel, Bosnien[4], Kosovo), sondern auch weil sie auf dem Weg in eine Demokratie sein könnte, weil sie – wie du mir selbst erzählt hast – selbstbewusste, moderne Bürger hat, keine Untertanen.

Es gibt Nazis in der Ukraine, wie in Russland, wie in Deutschland, wie in Italien, wie in Frankreich, wie in den USA (da kommen noch die Rassisten dazu). Aber das ist kein Grund, von außen einzugreifen. Wir haben damals die serbische Luftwaffe nicht zerstört, weil es serbische Nationalisten gab, denn es gibt sie immer noch, sondern weil die serbischen Nationalisten Bosnien angegriffen hatten. Erinnerst du dich an das zerbombte Hochhaus in Sarajevo und die vielen Friedhöfe, weiße für die Bosniaken, schwarze für die Serben?

Und ein letztes Wort zur Aufrüstung. Sie ist die Folge der erfreulichen Abrüstung der letzten dreißig Jahre und der berechtigten Angst, dass auch die USA dem Autoritätswahn (das ist die irrige Annahme, dass jemand für komplexe Probleme einfache Lösungen hat, die er demzufolge mit Gewalt nach innen und außen durchsetzen kann) verfallen könnten. Die Spaltung geht nicht wie im Kalten Krieg durch die Welt, sondern jetzt leider durch alle Länder. Ich sehe in Deutschland kein totes, wenn auch kein blühendes Land. Wir haben mehrere Krisen gleichzeitig. Man darf aber nicht übersehen, dass Deutschland und Japan (Nr. 3 und 4, in dieser Reihenfolge) unter den Wirtschaftsgiganten USA, China und Indien (nr.1, 2 und 5) mit 120 und 84 Millionen Einwohnern die kleinsten sind. Das ist das wahre Wirtschaftswunder!

Ultralinke, rechtsextreme und religiöse Fundamentalisten gefallen sich immer in apokalyptischen Szenarien[5], um ihre Anhänger bei böser Laune zu halten. Allein von der rechten Kritik der letzten zehn Jahre ist keine einzige Katastrophe eingetreten: weder ist der Euro zusammengebrochen, noch die EU, in Deutschland hat kein Bürgerkrieg begonnen, die Kriminalität ist nicht gestiegen, sondern gesunken, der politische Islam hat keine Chance, das Christentum zerstört sich selbst, weil es niemand mehr braucht. Den Linken fällt ohnehin seit Jahrzehnten nichts ein, als Banken enteignen zu wollen. Wie im Falle der Wagenknecht übernehmen sie bedenken- und gewissenlos auch rechte Sprüche, also will sie jetzt Banken enteignen und Asylanten über den Jordan jagen.

Die Zeiten sind schwer, aber einfache Lösungen machen sie nicht einfacher.  


[1] Er begann als Präventivkrieg, nachdem die Staatschefs von Ägypten, Nasser, Syrien, Hafez al Assad, und Irak, Abd as Salam Sarif,  die Vernichtung und Zerstörung Israels zum Staatsziel erklärt und sich mit sowjetischer Hilfe aufmunitioniert hatten.

[2] Ethik, 50. Lehrsatz  (Spinoza, 1632-1677, ist der Begründer der modernen europäischen Philosophie, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit dem Schleifen von Linsen für alle berühmten Wissenschaftler, also so ein ähnlicher Mensch wie du) 

[3] Iwan IV. hieß ‚der Schreckliche‘, russisch ‚grosny‘, so heißt heute die Hauptstadt Tschetscheniens

[4] und wir haben nicht eingegriffen, um uns diese Länder anzueignen

[5] selbst das einzige lesbare rechtskonservative Buch heißt Der Untergang des Abendlandes

HELFEN WIRD WER HILFE BRAUCHT

Die Krise zwingt zum Nachdenken. Im Moment erscheint uns das Auf und Ab von Krise und Wohlfahrt gestört: seit der Finanzkrise, gefolgt von der Flüchtlingskrise, der Pandemie und dem Ukrainekrieg, befinden wir uns im fortwährenden Krisenmodus, so dass wir das eigentliche Desaster im Nebel der Angst gar nicht mehr glauben wollen.  Daraus folgt dreierlei:

1. Es wird bald wieder aufwärts gehen.

2. Wir haben uns zu früh gefreut.

3. Wir müssen tiefer nachdenken.

Alle apokalyptischen Szenarien, und es gibt deren immer viele, sind bisher nicht eingetreten. Am lächerlichsten und meistzitierten waren wohl die Weltuntergangsprognosen der Zeugen Jehovas für 1914, 1925 oder 1975. Deren Gründer Charles Taze Russell sah wohl den ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, vorher, aber nicht dessen Ergebnisse: Fünf selbst ernannte Weltimperien stürzten in sich zusammen. Auch der zweite Weltkrieg und der auf ihn folgende Kalte Krieg mündeten in Demokratie und Wohlstand. Daraus folgt nicht, – teleologisch -, dass Katastrophen die notwendige Vorbedingung für Paradiese sind. Es gibt nicht nur keine folgenlosen Paradiese, sondern auch kein Kalkül. Die wirklich großen Erzählungen wissen das und kommen ohne Mathematik aus, was einzelne Interpreten nie hinderte, Berechnungen aus diesen Erzählungen abzuleiten. Vielmehr ist es wohl so, dass die Geschichte nicht endet, weder im guten noch im bösen. Zwar ist alles endlich, aber eben nicht absehbar. So wie tiefe Krisen zum vorausgesagten Weltuntergang verleiten, so träumen wir in Wohlfahrtszeiten vom ewigen Paradies. Selbst der große Kant setzt seiner Schrift ‚Zum ewigen Frieden‘ voran, dass dies nur in dem Sinne des holländischen Gastwirts ironisch gemeint sein kann, der damit ein Bild eines Friedhofs beschriftete. Weiter zitiert Kant Antisthenes, der schon wusste, dass der Krieg und jede selbst gemachte Katastrophe mehr böse Menschen hinzufügen als sie wegnehmen.  

Sollte Putin tatsächlich das Böse planen, mit der Verhinderung des Weizenexports eine Hungerkrise in ohnehin schon armen Ländern heraufbeschwören und damit den Westen in eine noch tiefere Krise stoßen wollen, so kann man hieran sehen, wie verzweifelt falsch jedes Kalkül ist. Allein Deutschland hat 2015 eine Million, 2022 850.000 Flüchtlinge, diesmal aus der Ukraine, aufgenommen, nicht nur ohne Schaden zu nehmen: es war und ist fast nicht spürbar. Sieht man heute glückliche Familien aus Syrien und  Eritrea in Güstrow oder Gießen, so erinnert man sich an das Jahr 2015 mit seiner frohen und richtigen Botschaft: Wir schaffen das, whatever it takes. Andererseits führt eine der Quellen unseres Reichtums, die Globalisierung, Probleme mit sich, die wir früher – in der Euphorie des Aufschwungs – gerne übersehen haben, nämlich das Billigen des Billigen.

Alle Kategorisierungen und Klassifizierungen von Menschen, ja alle Definitionen sind falsch, weil sie nur richtig sind, wenn sie einen nicht anhaltbaren Prozess anhalten. Sie sind bestenfalls Denkpausen. Aus der Hautfarbe lässt sich allenfalls die Vitamin-D-Produktion ablesen, aus der Klasse oder Schicht der Traum vom Wohlstand für alle, und selbst das Geschlecht ist, über seine biologische Funktion hinaus, ein soziologisches Konstrukt. Eine Dragqueen in Pasewalk wirkt wie aus einer anderen Welt und ist doch dort gebürtig. Vielmehr scheint es Menschen und auch Gruppen zu geben, die der Hilfe bedürfen und solche, die helfen können. Sieht man aber genauer hin, so wird man leicht feststellen können: wer der Hilfe bedurfte, ist bereiter, sie auch zu geben. Noch präziser beobachtet, braucht jeder Mensch und jede Gruppe Hilfe und kann sie, erstarkt und der Krise entkommen, geben.

Wenn also die Maxime des menschlichen Handelns nicht mehr eine fabulöse, paradiesisch-sozialdemokratische und einklagbare Gerechtigkeit wäre, sondern – stupid – GEBEN*, dann wäre alles gewonnen und nichts mehr verloren. Man kann nichts falsch machen, wenn man bedingungslos bereit ist zu geben. Schnell merkt man dann, wie unwichtig materielle Güter und wie wichtig – als Beispiele – Lächeln, Strohhalme und Tropfen auf die heißen Steine sind. Geben, aber nicht aufgeben, lächeln, aber nicht schweigen, beharren, aber sich nicht im Recht glauben – das ist schwer, aber so ist das Leben.

Wider alle heute übliche Korrektheit scheint mir in Goethes Wahlverwandtschaften schon ein sehr ähnlicher Vorschlag zu stehen, der aber heute von Lobbygruppen verschrien und beklagt würde:

‚Man erziehe die Knaben zu Dienern und die Mädchen zu Müttern…‘**

Das Wort ‚dienen‘ ist durch die Klassentheorie, das Wort ‚Mütter‘ durch das Patriarchat beschädigt worden. Dennoch zitieren wir gern den großen Preußenkönig, der allen Beamten und sich selbst empfahl, sich als Diener zu sehen. Wir glauben, einer Sache zu dienen, schämen uns aber, einem Menschen zu dienen. Wir glauben an den Mutterinstinkt, sehen aber eine Frau degradiert oder nicht emanzipiert, die ihre Mutterschaft betont. Die Menschheit wird sich durch Geben emanzipieren, sich durch Dienen befreien und sich durch Spielen verewigen.

Vor einigen Tagen wurde ich gebeten, die ukrainischen Grundschulkinder, die mit ihren Müttern in unserer kleinen Stadt Zuflucht gefunden haben, zu beschäftigen, denn ein Großteil der Schüler begab sich auf eine lange vor dem Beginn des Krieges geplante Exkursion. Mir schien es ungerecht, so als würden die ukrainischen Kinder ausgeschlossen, denn die Exkursion ließ sich relativ leicht nachjustieren. Aber die Schulleiterin bestand auf der einmal gefundenen Lösung. Und siehe da: die Kinder genossen es, wieder einmal – wie schon in der Vorbereitungswoche – unter sich zu sein, ohne den unerbittlichen Zwang irgendetwas verstehen zu müssen. Vielleicht fällt es Kindern wirklich leichter, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Aber wir alle wissen, wie sehr Kinder auch einen strukturierten Alltag lieben, in dem sie ohne Uhr und Handy zur bestimmten Stunde essen oder lernen oder spielen können. Die Kinder waren an diesem Tag außerordentlich fröhlich, geradezu befreit, vertraulich und vertrauend. Wir fanden einen Geheimweg, begegneten einer spielverrückten Ziege und kreischenden Hühnern, immer schön die deutschen Wörter übend, die Gans, die Gänse, die Ente, die Enten, das Pferd, die Pferde, entlang der Stadtmauer –  городская стена. Die langsam älter werdende Stadtbibliothekarin freute sich über die fröhliche Gruppe und zeigte bereitwillig ihr Schätze, Gruselgeschichten, Kinderbücher, und ihre schönen Bilder, die meist unsere kleine Stadt darstellen. Sie vergaß ganz, dass bis zum Lesen in deutscher Sprache noch einige Zeit vergehen wird.

Auch im Dorfkonsum, in dem sich tatsächlich in dem Moment der pensionierte kommunistische Bischof mit der immer jünger und schöner werdenden Kunsthofbesitzerin traf, war der Aufruhr groß: kurz vor der Empörung fiel den neuen Besitzern die Lösung aller Probleme ein: mitfühlen, danken, geben. Die große Eispause wurde von der kleinen Stadt fast so beachtet wie in dem Film HIGH NOON. Der nächste Geheimpfad, am Sumpf – болото – und See vorbei, bot einen futuristischen Ausblick auf die Skulpturen von Volkmar Haase. Aber das rückwärtige Tor war verschlossen und auf dem Rückweg über die Straße war die Schönheit schon vergessen.

Die jüngste Anekdote bestätigt den wahrlich nicht neuen Gedanken.  

*’the more I give the more I have – for both are infinite’ SHAKESPREARE, Romeo and Juliet, II,2

**GOETHE, Wahlverwandtschaften, II,7

KEIN HÜSUNG

KEIN HÜSUNG – KEIN VERSCHOLLENER GEDANKE

‚Kein Hüsung‘ (1857) von Fritz Reuter in der Nacherzählung (1960) von Ehm Welk

Der Parvenü-Baron verweigert dem alten Gutsarbeiter den Arzt, lässt aber für den Edelhengst, der mit Koliken liegt, per Eilboten den Tierarzt kommen. Dazu kommen idealisierte philosophische Dialoge von Gutsarbeitern, deren Unbildung und Rückständigkeit eigentlich sprichwörtlich war.  – So stellt man sich die schematische Sozialkritik in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vor, aber Fritz Reuter gehörte nicht zum Vormärz und auch Ehm Welk war kein linker Scharfmacher. Beide hatten eher Biedermeier-Qualitäten, amüsante Anekdoten von Onkel Bräsig, von Durchläuchting sowie vom Nachtwächter und den Kindern des fiktiven Kummerow waren eher ihre Sache.

Indessen heißt das älteste Schulgebäude in Neubrandenburg, wo Fritz Reuter einst seine Bestimmung fand, heißen in Mecklenburg unzählige Straßen und heißt sogar eine Straße im Weltkulturerbe Hufeisensiedlung in Berlin Neukölln nach dem Buch, das früher in jedem norddeutschen Haushalt zu finden war: ‚Kein Hüsung‘, jetzt selbstverständlich ‚min…‘, ‚uns…‘ und so weiter Hüsung. Hüsung war das Niederlassungsrecht für nicht mehr leibeigene, aber doch noch sehr abhängige Gutsarbeiter in Mecklenburg und Pommern. Der Grundkonflikt und der Titel des Buches beschreiben die Verweigerung des grundsätzlichen Rechtes jedes Menschen auf eine Wohnstatt, Wohnung, Behausung, niederdeutsch Hüsung. Im Hochdeutschen gibt es jedoch einen feinen Unterschied zwischen Wohnungslosigkeit, Obdachlosigkeit und Unbehaustheit. Wenn es dem anrührenden Liebespaar des Versepos gelungen wäre, nach Amerika oder in die Großstadt zu entkommen, wie es Johann mehrfach vorschlug, dann wäre es nicht mehr obdachlos, aber trotzdem unbehaust gewesen, nämlich ohne eine vorher absehbare und garantierte Zugehörigkeit. Und genau das ist es, worunter heutige Kommunitarier leiden oder vorgeben zu leiden: dass heutige Menschen nicht mehr vorhersehbar zu traditionellen Gruppen gehören und gehören wollen. Die Kommunitarier sind getriggert vom Gendern, von Veganern und dritten Geschlechtern, von Parteien, die es ihrer Meinung nach gar nicht geben dürfte. Es geht ihnen im Gegensatz zu den Liberalen darum, zu einer Gruppe zu gehören, eben kein Individuum zu sein, das auf Rechte Anspruch hat, die sich nur aus seinem Menschsein ergeben. Der Liberale ist der Meinung, dass Deutsch eine Sprache ist, der Kommunitarier dagegen hält Deutsch für einen Zustand, eine vererbbare Zugehörigkeit, Qualität, Kultur und sogar Leitkultur, die weit über die Sprache hinausgehen: DEUTSCHSEIN HEISST, EINE SACHE UM IHRER SELBST WILLEN TUN[1]. Aber Achtung: auch der krasseste Individualist gehört zu einer Gruppe, nämlich zu den krassen Individualisten. Und auch der krasseste Kommunitarier mit seinem schönen und stolzen Nationalbewusstsein fährt wenigstens nach Holland zur Tulpenpracht und isst Kiwi aus Neuseeland oder Kartoffeln aus Israel.

Darüber streitet die Gegenwart, aber erstaunlicherweise ist diese Gegenwart in dem längst vergessenen, ja fast verschollenen Büchlein vorgeformt. 

Nicht nur der herz- und geistlose Pfarrer, vor allem auch der Kirchenpatron und seine extrem bigotte Gattin treiben die Verweltlichung, die Säkularisierung voran. Jahrhunderte und Jahrtausende als Staatskirche haben die Kirche zu einem Appendix jeden Staates gemacht, zu einem Werkzeug des Bösen, wenn der Staat auch böse war. Das gilt für jede Religion, in dem Punkt sind sie sich einig. Merkwürdigerweise gibt es Kirchenleute, die ausgerechnet den atheistischen Staat für den Niedergang von Kirche und Religion verantwortlich machen wollen. Dagegen war der Impuls für die Entstehung der Religionen gerade Hunger und Repression. Wer also behauptet, der Atheismus sei stärker als der Theismus, der kreuzigt Yesus und Bonhoeffer und Martin Luther King noch einmal. Umgekehrt ist es wohl: erscheinen Unterdrückung, Hunger, Diskriminierung am größten, so sind Glaube und Wissen Navigatoren und Helfer. Im Dunkel hilft nur das Licht. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit[2]. Jedoch geht es in unserem Büchlein nicht um die Theorie, sondern um die Praxis der Menschlichkeit. Es zeigt sich, dass der alte Kutscher Daniel diesen Humanismus als Gen mitbekommen hat und weitergibt: Er hilft dem starken und stolzen Knecht Johann, der vorher das Kind der Müllerwitwe aus der brennenden Mühle errettete, als der im Zorn über die himmelschreiende Ungerechtigkeit den selbstsüchtigen Baron mit der Mistforke (!) ersticht. Der Kommentar des aufgeklärten Freiherrn von Maltzan hingegen lautet: ‚Sein Tod ist Ergebnis seiner Borniertheit.‘ Das Gleiche, können wir heute sagen, gilt auch für die Kirche und die Monarchie. Es gilt übrigens auch, und das sollte uns froh und optimistisch machen, für Diktaturen und Autokratien: sie gehen an ihrer eigenen Borniertheit zugrunde! Umgekehrt schleppt das Gute immer den Bonus seiner Güte mit sich herum, was ihm einen Vorteil, einen manchmal minimalen Vorsprung, eine oft nur winzige Mehrheit sichert. Deshalb wird die Welt auch dann immer ein bisschen besser, wenn es schlecht um sie bestellt zu sein scheint. Wenn die Welt immer schlechter würde, wenn der Mensch nur aus Neid, Missgunst, dem vermeintlichen Recht des Stärkeren bestünde, dann gäbe es inzwischen weder die Welt noch den Menschen. Fritz Reuters schöner Spruch ‚Nimm dir nichts vor, dann schlägt dir nichts fehl.‘ heißt doch nicht, dass man sich nichts vornehmen soll, damit einem nichts fehlschlägt, sondern dass man, wenn man sich viel vornimmt, auch damit rechnen muss, dass nicht alles gelingt. Der Großteil der Fehlurteile und Fehler beruht nicht nur auf Theologie, wenn sie meint, Recht und Vorrechte zu haben, sondern auch auf Teleologie, die hinter den Ereignissen und Erscheinungen Zwecke vermutet, die sie letztendlich niemandem zuschreiben kann. Ein Artefakt hat einen Zweck, ein Fakt hat möglicherweise einen Sinn, den wir ihm zuordnen können. Am schwersten ist es vielleicht bei uns Menschen zu verstehen: ist der Lebenssinn uns mitgegeben als göttliches oder fatalistisches Etikett oder müssen wir ihn suchen und im besten Fall finden? Der berühmte Lebenssinn hat, soweit ich sehe, nur eine einzige Bedingung: das Leben desjenigen Menschen ist sinnvoll, das sich auf andere richtet.

Der alte Kutscher Daniel hilft auch der Mutter des Christkindes, Mariken, als sie aus ihrer Kate vertrieben wird und bei Schnee und Eis mit dem Baby in ein Vorwerk ziehen muss. Er zieht das Kind auf, nach dem Mariken stirbt oder in den Tod geht – die Umstände und die mögliche Intention sind hier kunstvoll verwoben. Und wie ein Symbol übergibt Daniel dann das Kind seinem Vater, der sich nach der 48er Revolution in seine alte Heimat zurückwagt, aber nicht, um da zu bleiben.

Beinahe noch deutlicher wird die Aktualität dieses unscheinbaren kleinen Büchleins beim zweiten von uns ausgewählten Thema, das man heute Migration nennt. Angeblich ist es dasjenige Thema, das die Gesellschaft heute am meisten spaltet. Inzwischen haben alle Parteien in den vorgeblichen Ruf des Volkes eingestimmt, dass die unkontrollierte Einwanderung gestoppt werden muss, die Populistinnen Weidel und Wagenknecht bleiben natürlich weit vorn. Aber warum sollte die Einwanderung gestoppt werden? Weder leiden wir an Geld- noch an Raummangel, im Gegenteil, wir suchen händeringend Fachkräfte. Diese kommen aber nicht, wie im Märchen die gebratenen Tauben, angeflogen. Man muss sie selbst ausbilden, und da hat Deutschland gute Karten, denn wir haben ein hervorragendes Ausbildungssystem, das sich allerdings zurzeit in derselben Krise befindet wie die Bahn, deren Schienennetz einst ebenfalls weltweit führend war. Wir sollten dringend überlegen, ob nicht unsere ständigen Abwehrdiskussionen Verdrängungen der teils bitteren tatsächlichen Krisen sind. Trotz aller Krisen und sinkenden Wachstumsraten sind wir soeben vom vierten auf den dritten Platz vorgerückt, was die Größe der Volkswirtschaft betrifft. Wir sind also nach den unterschiedlichen Giganten USA und China die dritten, der Grund ist allerdings – ich gebe es zu – das Abrutschen Japans vom dritten auf den vierten Platz. Weniger erfreulich ist, dass wir in der Ungerechtigkeitsquote gleichauf mit der fünftgrößten Volkswirtschaft liegen, nämlich Indien, das noch vor wenigen Jahren sprichwörtlich für seine Armut war. Die Schere zwischen arm und reich ist für meine Vorstellung ein nicht gelungenes Bild, weil es suggeriert, dass sich zwei gleich große Gruppen Menschen gegenüberstehen: die Reichen, die immer reicher werden, und die Armen, die immer ärmer werden. Gleich sieht man den Reichen aus der Nathanparabel[3] vor sich, der, obwohl er 99 Schafe besitzt, für seinen Gast das einzige Schaf seines armen Nachbarn schlachtet. Und da fällt uns, weil wir heute über Literatur reden, der ökonomisch dumme, rhetorisch wirksame Spruch des einst großen Bertolt Brecht ein: ‚Reicher Mann und armer Mann / standen da und sahn sich an. / Da sagt der Arme bleich: / Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.‘ Aber wir ergänzen gerne: Doch der Reiche gibt zurück: Ich bin schuld? Das ist dein Glück! Tatsächlich wird die Gruppe der Superreichen, jenes sprichwörtliche eine Prozent der Bevölkerung, immer reicher[4]. Das ist die asymmetrische Schere. Unser Büchlein lamentiert nicht zum tausendsten Mal über die angeblich schädlichen und bösen Ankömmlinge, sondern zeigt in der Geschichte die Gründe für die Auswanderung: Hunger, Unterdrückung, religiöser Fanatismus der Staatskirche, Überbevölkerung durch effektivere Landwirtschaft und beginnende Industrialisierung. Zwischen 1848, genau da spielt unsere Story, und der Zeit nach dem ersten Weltkrieg sind mehr als sechs Millionen Menschen aus Deutschland nach Amerika ausgewandert. Es sind vermutlich genau dieselben sechs Millionen, die zu viel gewesen wären und die absolut erfolgreiche Industrialisierung belastet, wenn nicht gar verhindert hätten. Unser Weg auf den dritten Platz führte über die Migration! Subjektiv bleibt es natürlich falsch und böse, wenn die Adligen Mecklenburgs sagten: dann geht doch nach Amerika, wenn Honecker und Isaias Afewerki[5] sagten: wir weinen ihnen keine Träne nach und die Geldtransferleistungen der Flüchtlinge klammheimlich in die stets positive Bilanz einrechneten. Aber auch der liebevolle Knecht Johann mit seinem heiligen Zorn will nach Amerika, wo er Freiheit glaubt. Der nicht weniger liebevolle alte Kutscher Daniel dekliniert die Dialektik von Freiheit und Hüsung durch, wenn das auch sehr idealisiert wirkt, sollten wir doch überlegen, ob wir das schöne Wort ‚Hüsung‘ nicht ins Hochdeutsche migrieren können. Migrationen sind also Antworten auf Krisen, Umbrüche, Kriege, immer sind sie auch Aufbrüche, Herausforderungen. Die radikale Gruppe der Gegner der Ein- und Auswanderung – denn ein echter Nationalist kann auch nicht die Auswanderung befürworten – bleibt sich indessen immer gleich. Selbst der große Benjamin Franklin wetterte gegen diejenigen deutschen Einwanderer, die krampfhaft an ihrer Sprache und ihren Gewohnheiten festhielten. Auch die französischen und wallonischen Refugiés in unserer Gegend wurden beargwöhnt und diffamiert, weil sie mehr als hundert Jahre lang nur französisch sprachen, eigene Schulen und Kirchen hatten und wirtschaftlich nicht schlecht dastanden. Die türkischen Einwanderer der Wirtschaftswunderjahre, also die dritte Generation, fangen jetzt an, in Rücksicht auf deutsche Ämter und Nachbarn, ihre Namen ohne diakritische Zeichen zu schreiben, zunächst aber bei der korrekten Aussprache zu bleiben. Henry Kissinger, ein früher Flüchtling – er war 15 Jahre alt -, blieb immer seinem Fußballverein SPVgg Fürth treu. Das beliebteste Gegenargument: das sind alles Ausnahmen, kontern wir damit, dass wir sagen: ja, die Migranten sind die Ausnahmen, ohne die es die Regel nicht gäbe.

Ehm Welk hat seine hochdeutsche Übertragung des Reuterschen Versepos sicher im Zusammenhang mit dem Drehbuch für den in Ost und West erfolgreichen DEFA-Film von 1954 gemacht. Im Film gibt es nur eine propagandistisch aufgesetzte Szene, am Schluss, als nämlich Johann aus der selbstgewählten Verbannung zurückkommt und seinen Sohn holen will. Man darf nicht übersehen, dass dieser Film zeitgleich mit dem propagandistischen Machwerk des Thälmann-Films in Babelsberg entstand. Der Anfang des Films wirkt pathetisch, aus heutiger Sicht übertrieben schauspielerisch mit viel zu alt wirkenden Schauspielern. Aber alle emotionalen Szenen sind auch heute noch frisch und anrührend. Besonders wird der schon im Buch herausragende Menschenfreund Daniel, der alte Kutscher, in einer Paraderolle von Willy A. Kleinau dargestellt. Kleinau zeigt hier Qualitäten, die zu dieser Zeit sonst nur Heinz Rühmann hatte, etwa im Hauptmann von Köpenick, der zur gleichen Zeit im Westen entstand. Es mag Zeitgeist und Zeitmode gewesen sein, Güte und Leid in dieser Weise verkoppelt darzustellen, aber es gehören dazu auch herausragende Schauspieler. Hanns Anselm Perten glänzt ebenfalls als Gutsbesitzer, der sich selbst richtet, aber tragischerweise den Knecht Johann mit hineinzieht. Dramatisch und realistisch, vom ganzen Dorf wahrgenommen, wird vorher gezeigt, wie Johann das Müllerkind aus den Flammen rettet. Das Verhältnis zwischen Mariken und Johann ist einerseits eine schöne Liebe, andererseits offenbart es aber, dass früher jeder Mann den Patriarchen spielen und jede Frau sich anlehnen musste. Der Spiegel schrieb damals: „Ehm Welk wies überzeugend nach, dass die Liebe immer noch das Brot der Armen ist und offerierte dann als volkserotisches Filmsujet die plattdeutsche Ballade ‚Kein Hüsung‘ von Fritz Reuter. Zusammen mit seiner auch schriftstellernden Ehefrau Agathe, geborene Lindner, machte Ehm Welk aus der Reuter-Dichtung einen saftigen Defa-Volltreffer.“[6]

Wenn also Karl Marx mit seinem zeitgleich zu unserer Geschichte erschienenen Manifest[7] irrte, indem er glauben machen wollte, dass man nur die ‚Expropriation der Expropriateure‘ installieren müsse und schon würde alles gut, wenn also Johann Hinrich Wichern mit seinem ebenfalls als Manifest[8] verstandenen Gedankenspiel irrte, dass Armut das Ergebnis schwindenden Glaubens sei, dann ist die Botschaft der schönen, traurigen und anrührenden Geschichte erstaunlich aktuell und wunderbar tiefgründig. Jedes neugeborene Kind sollte als Chance und Herausforderung, also als Christkind, verstanden, geachtet, geliebt und gefördert werden. Das wäre doch eine schöne Aufgabe für die nächsten zweitausend Jahre.  

Ich schenke dem Museum Angermünde eine Erstausgabe von Ehm Welks Nacherzählung ‚Kein Hüsung‘, VEB Historff Verlag Rostock, 1960, mit einem eingeklebten Originalbrief von Agathe Lindner-Welk. Anlässlich dieser Übergabe des ‚Objekts des Monats‘ am 06.04.2024 entstand dieser Text.  


[1] Richard Wagner

[2] Kant, Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, 1784

[3] Bibel:  2. Samuel 12; Koran: Sure 38, 21-27

[4] Steffen Mau et al., Triggerpunkte, 2023, S.

[5] Diktator von Eritrea

[6] Der Spiegel, Nr. 21, 1953, S. 31

[7] Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848

[8] Johann Hinrich Wichern, Thesen auf dem ersten evangelischen Kirchentag, 1848. Wichern verdanken wir aber wenigstens den Adventskranz und die Diakonie.

EHM UND ICH

Ehm-Welk-Literaturpreis des Landkreises Uckermark ging in diesem Jahr an mich [2010]

Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe, als ich neun Jahre alt war und mit meiner Kinderheimgruppe am Haus Dammstraße 26 in Lübbenau vorbeischlurfte, an dem die Tafel angebracht war und ist, dass in diesem Haus der Dichter Ehm Welk gelebt hätte und dass er der Verfasser der ‚Heiden von Kummerow‘ gewesen wäre. Das war im Jahre 1957, ich bin 1948 geboren, er hat 1939 da gewohnt, so dass es mir – damals – wie gestern vorkam. Heute liegt eine ganze Epoche zwischen ihm und mir. Merkwürdig ist weiter, dass die Gedenktafel dort hing, obwohl der greise Dichter in Bad Doberan ja noch lebte, schrieb und das Ansehen, das er in der DDR genoss, genoss. Man kann an der Gedenktafel aber auch sehen, wie bekannt seine Bücher und seine Figuren zu seinen Lebzeiten waren. Nicht mit der DDR, wohl aber mit der Veränderung der Welt und ihrer medialen Spiegelung verschwand der Autor vom Bildschirm, mit Ausnahme der drei Städtchen Bad Doberan, wo er starb, Lübbenau, wo er schrieb, und Angermünde, wo er nicht geboren wurde.

Geboren wurde er in Biesenbrow, das heute zu Angermünde gehört. Allerdings war seine Familie aus dem Spreewald eingewandert. Die Ruhelosigkeit, die in diesem familiären Umzug sichtbar wird, hat er sein ganzes Leben beibehalten, sein längster Wohnsitz war sein letzter. Während in seinen Büchern ein geradezu altmodischer Heimatbegriff gepflegt wird, ist er selbst eigentlich eher heimatlos umhergewandert. Dabei wurde er nur einmal vertrieben, nämlich aus dem heutigen Dołuje, das damals Neuenkirchen hieß, keine zwanzig Kilometer von uns entfernt.

Wenn ich auch nicht mehr weiß, was ich als neunjähriger Knabe angesichts der verfrühten Gedenktafel gedacht habe, so habe ich sie doch nie vergessen. Und ich vermute heute, dass diese Gedenktafel für mich eine Mahntafel war, nämlich daran zu denken, dass man, wenn man ein Talent hat, auch damit wuchern soll.

Ich bin ihm also als Kind begegnet. Kurz war dann in der DDR sein Lebensbericht eines alten Mannes beliebt, die ‚Lebensuhr des Gottlieb Grambauer‘, aber mir sagte die dualistische Philosophie des Lassmann und Fassmann nie besonders zu. Interessant ist es allemal, fast ein ganzes Jahrhundert im Leben eines Menschen zu spiegeln, zumal es sich noch fragt, wer da wen spiegelt.

Nach der Wende kauften wir uns ein Haus in der Uckermark. Damit zog auch erstmals in mein Leben, das bis dahin unstet wie seines war, Ruhe ein. Und nachdem diese Ruhe eingezogen war, beschlossen wir, statt den Rasen zu mähen, ihn lieber von Schafen abfressen zu lassen. Die Schafe, die wir wollten, waren Skudden, eine ostpreußische, eigentlich schon ausgestorbene Rasse, die es damals nur in Biesenbrow gab und die wir dort auch abholten. Da fiel mir Ehm Welk wieder ein.

Merkwürdig ist es schon, dass innerhalb eines Menschenlebens ein Wert verfällt, ein Schriftsteller fast vergessen ist, obwohl er sogar durch das relativ neue Medium Film unterstützt war. Für die Umwertung aller Werte, die von Nietzsche gewünscht und befürchtet wurde, braucht es wohl ein doppeltes Menschenleben von 100 Jahren.

Vieles ist ja auch wert, dass es zugrunde geht, so lautet nicht nur ein anders berühmtes Zitat, sondern so ist es ja auch. Gerade die kohärente Dorfgemeinschaft mag heute als Idylle erscheinen, ist ja aber damals auch der Hort der Autorität und des Schreckens gewesen. Das Dorf ist zudem, darauf weist eine heute berühmte Dorfschriftstellerin, Herta Müller, hin, ein Ort fortwährenden Sterbens. In der Stadt kann der Tod verdrängt und vergessen werden, auf dem Land ist er allgegenwärtig. Der Tod betrifft hier nicht nur Käfer und Lämmer, sondern auch die Menschen. Auf dem Dorf im Banat, aber auch in dem kleinen Städtchen Lübbenau fuhr ein reichgeschmückter und gedrechselter tiefschwarzer Leichenwagen, von schwarzen, mit schwarzem Tuch behangenen Pferden gezogen, ihm voran ging der schwarze Mann, der Pfarrer: ein schwarzer Tag für die Familie. Viele schwarze Tage hatte das Jahr des Dorfes.

In jedem Dorf verkünden Kriegerdenkmale, wie man mit Stolz die Söhne in den Tod geschickt hat. Im Dreschkasten blieb ein Bein ums andere. Kinder ertrinken auch heute noch in Dorfweihern. Alkoholiker lassen sich ihre Lebern zersetzen. Das alles sieht man im Dorf und übersieht man in der Stadt. Erschien beim Welk die Familie als Zuflucht, so ist sie bei Müller einer der Gründe zur Flucht. Orte sind nicht mehr Heimat, sondern Gedanken. Ob nicht Welk, der selber ein Getriebener war, auch den Wunsch eine Heimat zu haben, als Heimat angesehen hat?

Zudem mag man heute nicht mehr Welks Volkshochschulton lesen, der belehrend und gequält unterhaltend zugleich ist. Wir wollen heute Texte, denen die Authentizität aus allen Ohren quillt. Kein Wunder, dass die artifizielle Beschreibung einer doppelt untergehenden Kultur, die der Deutschen im Banat und die der kommunistischen Diktatur, die sich wie ein Erlebnisbericht liest, mit dem Nobelpreis des vorigen Jahres geadelt wurde. Fantasy drückt von der anderen Marktseite auf die Buchseiten, und ich verhehle nicht, dass der Käufer des Hauses in meiner Geschichte nicht aus idealistischen Gründen, sondern aus Fantasy-Vorstellungen märchenprinzähnliche Züge hat. Der vielleicht tatsächlich türkische Immobilienmakler, der die Stallanlagen in dem gedachten Dorf gekauft hat, sitzt in einem trockenen, wenn auch klimatisierten Büro in Frankfurt am Main und lässt sich durch keine noch so feuchte Träne rühren.

Immer sieht man eine Welt untergehen. Aber immer findet sich auch ein Chronist des Unterganges. Mag er auch zunächst belächelt werden, später liest man seine Chroniken, um zu erfahren, wie es war, um sich mit den Schwierigkeiten vergangener Zeiten zu unterhalten. Denn trotz aller Billigphilosophien herrscht ja doch eher Optimismus, die Dörfer haben sich neu belebt und neu bevölkert, neue Geschichten geschehen und werden aufgeschrieben, und selbst der sprichwörtlich ärmste Landkreis leistet sich einen Literaturpreis, der benannt ist nach einem sympathischen alten Volkshochschuldirektor, dessen Figuren für kurze Zeit allbekannt waren und der die Idylle auch nicht aufhalten konnte. Und heute krönt sich die zufällige Verbindung unserer beiden Lebens- und Schreibewege. Meine Großmutter, die eine große Verehrerin von Ehm Welk war, wäre heute jedenfalls stolz auf mich.

Ich danke meinen Lesern, der Uckermärkischen Literaturgesellschaft und dem Landrat für die Aufmerksamkeit!