BUSHALTE

Ihr Lieben,

meine Fotos und Gedichte handeln nicht von mir, schon gar nicht vordergründig. Sie handeln von der Welt, indem sie die Welt abbilden und beschreiben. Diese Bushaltestelle steht schon eine Ewigkeit hier, das sieht man am Material: Betonfertigteile. Der ungepflegte Zustand spricht nicht etwa Bände vom Geldmangel der Kommunen und Busunternehmen, sondern vor allem auch von der Ungenutztheit. Es fahren nur sehr, sehr wenige Menschen mit dem Bus. Eigentlich gibt es nur zwei Gruppen: die Schüler und die Rentner, Grundsicherungsempfänger und Migranten, dabei ist die zweite Gruppe marginal klein, aber auch die erste Gruppe nicht gigantisch groß. Die weitaus meisten Menschen fahren mit dem Auto. Die Bierflasche weist auf eine Nebenfunktion. Vielleicht hat es geregnet oder die Sonne schien. Dass wir uns in der Ewigkeit treffen werden, ist unvermeidlich, und von niemandem besser gesagt als von Dr. Dr. Schillers Franz von Moor, dass der Mensch am Ende als Morast an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt [Die Räuber, IV2].

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Das passt doch zu dieser Bushalte hier auf dem Land. Sie zeigt außerdem den Unterschied zwischen dem Land- und dem Stadtleben: die Städte werden immer voller, während das Land sich leert und vergreist, die Menschen auf dem Land hadern aber nicht mit dem Bus, den es angeblich nicht gibt und nach 20.00 Uhr auch tatsächlich nicht gibt, sondern mit der Stille, die von dem Mangel an Menschen herrührt, besonders dem Mangel an Kindern und Jugendlichen. Diese demografische Besonderheit – da die meisten Menschen weltweit in Städten leben – wird nun aber nicht sich selbst angelastet, sondern dem Staat, der Regierung, wo nicht dem ‚Weltjudentum‘. Ich habe dafür schon einmal ein Erlebnis aus einem Dorf zwischen Prenzlau und Brüssow angeführt. In diesem Dorf gibt es einen schönen Spielplatz. Er wurde von der hierzulande größten Windenergiefirma (Enertrag, jährlicher Umsatz 1.000.000.000 €), die ihren Sitz zwei Dörfer weiter hat, als Ausgleichsfläche finanziert. In diesem Dorf gab es einst zwei Schulen mit drei Gebäuden. Die Bewohner nun, ich traf sie auf diesem Spielplatz, glauben, dass man ihnen die Schulen nahm, sozusagen im Staatsprogramm Abbau Ost. Die eine Schule war eine Betriebsschule mit zentraler Ausbildungsfunktion DDR-weit für Schäfer und andere Landwirte, die andere war eine  polytechnische zehnklassige Oberschule (POS). Für diese gibt es einfach keine Schüler mehr, auch nicht in der Kleinstadt Brüssow. Brüssow hat in der ehemaligen zentralen Berufsschule für Brunnenbauer eine gut ausgestattete und gepflegte Grundschule, im Gutshaus aber, das einst die siebenten bis zehnten Klassen beherbergte, residiert heute die monumentale Stahlkunst des Bildhauers Volkmar Haase mit einem bemerkenswerten Museum und einer noch beeindruckenderen Freifläche im ehemaligen Schlosspark, der noch davor Ort einer Grenzburg war. Die wenigen Schüler aus den Dörfern hier ringsum müssen mit dem Schulbus nach Prenzlau oder nach Löcknitz – das ist ein Vorort von Stettin – fahren. Die Betriebsschule schloss, weil der Betrieb, als er unrentabel wurde, schloss. Das ist schon lange her. Im Land Brandenburg gibt es, wie in Berlin und NRW, OSZs, die gebündelt Ausbildungsberufe anbieten. Es kann also sein, dass eine Berufsschülerin aus diesem Dorf zur Berufsschule nach Elsterwerda fahren muss. Das sind rund dreihundert Kilometer und mehr als drei Stunden mit dem Auto oder der Bahn. Aber das ist genauso wie einst, als die Lehrlinge noch in dieses Dorf, in diese Schule mit Internat fuhren. Das alte Internat wurde an Privatleute verkauft, nicht sehr glücklich, ich glaube es steht unter Denkmalsschutz, es ist ein früher Typenbau. Die Berufsschule dient heute als ‚Dörphuus‘, die POS wurde auf Kosten der Enertrag abgerissen. Dort steht jetzt der ebenfalls von der Enertrag bezahlte Spielplatz. Es gibt keine Kinder mehr und nur noch wenige Jugendliche. Zwei Schulbusse kommen hier an, aus jedem steigen zwei bis vier Schülerinnen und Schüler. Dieses Dorf, es heißt Klockow, hat noch zwei Besonderheiten. 1945 kamen hier mehre hundert Flüchtlinge der deutschen Minderheit aus der Batschka an, die vertrieben worden waren und zu Fuß nach Deutschland wanderten. Sie verteilten sich dann auf weitere Dörfer oder wanderten auch weiter. Zu diesen Flüchtlingen gehörte der damals 15jährige Herwig Birg, der später der bedeutendste Demograf der Bundesrepublik wurde und all das voraussagte, was von den Politikern verdrängt, in der Wirklichkeit aber eingetreten ist. Der damals 16jährige Donauschwabe Robert Zollitsch musste mit ansehen, wie sein Bruder erschossen wurde. Er hat es später bis zum – ich hoffe vergebenden – Erzbischof von Freiburg gebracht. Hier ist der bedeutendste Enkel dieser donauschwäbischen oder Batschka-Flüchtlinge ein mittelgroßer Bauunternehmer mit einem riesigen, vollverkitschten Haus geworden. Die zweite Besonderheit: bis Anfang der 1960er Jahre gab es hier einen Bahnhof, auf dem sich zwei Nebenbahnlinien trafen, Pasewalk – Klockow als Schmalspur (genannt KKP), Klockow – Prenzlau als Normalspur (genannt Prenzlauer Kreisbahn). Nur noch Teile der Trassen sind zu sehen, besonders gut an der Straße von Bröllin nach Pasewalk, und das ehemalige Bahnhofsgebäude gehört dem ehemaligen Schulleiter, der immerhin geschichtsbewusst Großfotos am Haus hat, sonst aber lange Jahre der Anführer der Lamentier-Partei war: nicht die demografischen Prozesse, der Staat ist schuld! Diese beiden Bahnen waren vor allem Zuckerrübenbahnen, hatten aber auch immer Personenwaggons. In den letzten Jahren gab es drei Zugpaare. Also wie lange musste man auf den nächsten Zug warten?!     

So grinst die Ewigkeit aus jeder Bushaltestelle, inzwischen auch aus jedem zweiten Bahnhof. Die Dinge vergehen wie Mensch und Tier, Pflanze und Stein. ‚Selbst die festen Felsen beben…‘ dichtete Goethe im Angesicht des Erdbebens von Lissabon, das, in unserer symbolischen Denkweise, die Aufklärung ausgelöst hat, die soeben wieder Schlag auf Schlag einstecken muss. Allerdings darf uns weder vor dem Auf und Ab der Dinge und Prozesse noch vor der rasanten Veränderung der Kommunikation bange sein.  Sollten so viele verrannt in Permanentkommunikation sein, dass sie einen Brief nicht mehr verstehen, so müssen wir mehr Briefe schreiben. Die schweigende Öde dürfen wir mit brennender Fantasy bevölkern.

VIER JAHRE KRIEG

In einem uckermärkischen Dorf steht an einem Haus mit weißer Farbe geschrieben: wir siegten, unsere Sache ist richtig – in russischer Sprache und kyrillischen Großbuchstaben. Aber der erste Eindruck täuscht: nicht die Russen siegten im zweiten Weltkrieg, sondern die Sowjetunion. Es kann also sein, dass es ein Ukrainer war, der den selbstbewussten Satz damals so ordentlich an das Haus schrieb. Heute regen sich viele alte Menschen über Graffiti auf, obwohl sie schon damals mehr als üblich waren, aber von Erwachsenen gemalt! Und die Sowjetarmee siegte aus genau den wichtigsten Gründen, die auch heute gelten: sie waren die Angegriffenen und daher, laut Clausewitz‘ berühmtem Buch, in der besseren Position. Sie hatten die bessere Motivation und die stärkere Resilienz, so wie heute die Ukraine. Und ihnen wurde auch geholfen: etwa 15-20% der Kriegsmaterialien kamen aus den USA. Die Bezahlung waren die riesigen Goldmengen, die auf der Nordroute mit Eskorten von Kriegsschiffen und U-Booten die USA erreichten.

Der zweite Weltkrieg, in der Sowjetunion und – heute – in Russland Großer Vaterländischer Krieg genannt, dauerte 1418 Tage, an denen die Rote Armee im Schnitt 2 km pro Tag vorankam. Darin eingerechnet ist das Zurückweichen bis kurz vor Moskau und bis Stalingrad. Die sowjetische Militärdoktrin ging für einen künftigen Krieg von 30 km pro Tag mit Panzerverbänden aus. Sie hat sich vielleicht das rasante Vorrücken der Zweiten Belorussischen Front unter Marschall Rokossowski von der Oder bis zur Elbe ab 25. April 1945 zum Vorbild genommen, der schon vorher, 1944, 600 km in zwei Monaten während des sowjetischen Blitzkrieges zurückerobert hatte.

Aber obwohl die russische Armee unter sehr großen Opfern vorankommt, sie hat in vier Jahren 1% des ukrainischen Territoriums erobert, die anderen Gebiete waren schon von den russisch unterstützten Freischärlern besetzt worden, gelingt es ihr weder Territorien noch Städte und Dörfer zu halten. Auch der Donbass ist nur zu einem Teil von russischen Nachfolgetruppen besetzt. Immer wieder behaupten die Russen, etwa Pokrowsk und Kupjansk, zwei Kleinstädte nahe der Grenze, erobert zu haben, aber immer werden am folgenden Tag Fotos mit ukrainischen Fahnen, Soldaten und Präsidenten veröffentlicht.

Die ukrainische Zivilbevölkerung wird im bitteren Winter 2026, im vierten Jahr des Krieges, mit der Zerstörung ihrer Infrastruktur, insbesondere Wasser, Strom, Heizung, terrorisiert. Aber es gelingt den Russen nicht, den Widerstand der Ukrainerinnen und Ukrainer zu brechen. Es ist übrigens den siegreichen Alliierten im zweiten Weltkrieg trotz unvergleichlicher und auch immer wieder umstrittener Bombardierungen[1] nicht gelungen, den Glauben der Bevölkerung an den letztlichen Sieg ihres Verbrecherregimes zu verhindern. Sie glaubten an den ihren Sieg, bis sie in ihren Kellerlöchern die amerikanischen oder sowjetischen Panzerketten hörten. Wie sollte denn also der viel kleinere Terror der Russen auf die resilienten Verteidiger wirken? Das ist genauso aussichtslos wie das zentimeterweise Vorrücken einer bis zur Lächerlichkeit und bis zur Widerlichkeit verkommenen und zerfledderten Armee. 

Perfide ist es vom System Putin, die Söhne armer Familien zu kaufen, das heißt gegen eine hohe Summe, die das Leben dieser Familie deutlich verbessert, in die Armee zu verpflichten. Es gibt bis jetzt keine weitere Einberufung Wehrpflichtiger. Das wagt das Regime nicht. Dem Narrativ Putins, dessen einzelne Bestandteile sich widersprechen, wird zwar weitgehend gefolgt: die Ukraine ist kein souveräner Staat, die Ukraine wird von Nazis regiert und vereinnahmt, es ist ein Krieg gegen den Westen oder des Westens gegen Russland, das Russentum (Russkij Mir) repräsentiert das wahre Christentum, aber das Regime ist sich nicht sicher, wie weit der Glaube echt ist. Deshalb will es keine krassen Veränderungen, wie etwa eine Mobilisierung. Die Losungen an den Wänden und auf den Riesenpostern, die schleunigst erneuerten Lehrbücher, die Zensur und die Fakenews in den Medien, die Unterdrückung jeder Opposition – all das wirkt zwar, gibt dem Kreml aber keine Garantie seiner Macht.

Hierzulande wird gerne argumentiert, dass man eine Atommacht nicht besiegen kann. Das sagen zum Beispiel Oskar Lafontaine und Gabriele Krone-Schmalz, obwohl sie sich doch an den Vietnamkrieg und sein Ende am 2. Mai 1975 erinnern müssten. Starphilosoph Precht, die Reste des BSW und der Chrupalla-Flügel der AfD gehen davon aus, dass Russland eine Großmacht ist und deshalb noch nicht einmal provoziert, geschweige denn bekämpft werden darf. Die ‚Großmacht‘ hat knapp doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, aber ein Bruttoinlandsprodukt, das knapp halb so groß ist wie Deutschlands und dessen Herkunft aus dem Export von Rohstoffen, Getreide, Düngemitteln und Waffen besteht. Das Wachstum des BIP beruht auf der Kriegswirtschaft. Die Inflation betrug im Jahresdurchschnitt 2025 10%, betrifft aber vor allem Lebensmittel. Schon die Sowjetunion – und übrigens auch die gegenwärtige VR China – hatte und hat nicht verstanden, dass zu einer Großmacht auch eine großmächtige Wirtschaft und eine wohlhabende Bevölkerung (BIP/Kopf) gehören.

Weitere Argumentationen sind, dass es Völkerrechtsverletzungen auch durch die USA und durch die NATO gab und gibt. Als Beispiel wird gern die Zerstörung der serbischen Luftwaffe im Bosnienkrieg genannt. Es stimmt, dass dieser Einsatz nicht durch eine UNO-Mandat gedeckt war, aber er diente auch nicht der Eroberung. Im Gegenteil hat sich Serbien zweimal derselben irredentistischen Argumentation bedient wie heute Russland. Aber auch das war nicht der Grund für den NATO-Einsatz. Vielmehr haben wir damals den überfallenen Schwächeren (Bosnien und dann Kosovo) geholfen, und wir tun das heute wieder.       

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Böse nicht siegen wird, weil es nicht siegen kann und darf. Es gibt Beispiele für siegreiche Gewaltherrschaften, für Tyrannei und Krieg. Aber wo sind sie geblieben? Selbst langlebige Diktaturen, zumal in dynastischer Form, wie in Nordkorea oder in Haiti sind lächerliche, operettenhafte Kleinstaaten, natürlich nicht für die Einwohner. Die Halbwertzeit für eine Diktatur liegt nach unserer Erfahrung zwischen zwölf und vierzig Jahren, kein Menschenleben. Die Tiefenwirkung solcher ideologisierten Tyranneien ist allerdings auch nicht zu unterschätzen. Man sieht es, wie die Begriffe und Narrative der vergangenen Diktaturen wieder aufleben und ihr Tabu überwinden. Schreiben wir dagegen an! Zeigen wir unseren Kindern und Schülern, wohin das führt! Sorgen wir durch unser Wahlverhalten und durch unsere Teilnahme an der Demokratie für den Erhalt der Demokratie!


[1] Dresden                     13.Februar 1945

Berlin                             8. Juni 1940 – 18. März 1945

Hamburg                       28. Juli 1943 (Gomorrha)

Ruhrgebiet                   März -Juli 1943

Köln                               Mai 1940 – 2. Mai 1945

Frankfurt                       18. Und 22. März 1944  Tausend-Bomber-Angriffe