FREIHEIT UND ORDNUNG II

 

Nr. 205

[Man verliert eine Heimat nach der anderen. JOSEPH ROTH]

Früher war alles gut. Früher war alles sicher. Selbst die Menschen, die im bitteren Winter 1945 bei minus 20 Grad über die Kurische Nehrung vor den Russen, die sie als Monster und Schicksal angesehen haben, geflohen sind, empfinden ihre davor liegende Kindheit als Idylle. Schuld ist als Projektion immer fern und stark, Idylle dagegen nah und schwach. Die Menschen, die heute auf Nussschalen über das Mittelmeer kommen, werden trotz ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit als Bedrohung gesehen. Beide Gruppen wurden und werden als Fremde beschimpft und gedemütigt. Tatsächlich ist jemand, der unter widrigen Umständen vor Gefahr und Chaos flieht, stark und ein anderer, der sich hinter Staat und Tradition verbirgt, schwach.

1

Die Menschen im Nordosten wählten aber nicht eine autoritätsaffine Partei, weil sie besonders viel Angst vor den wenigen Fremden in ihrem bevölkerungsarmen Land haben. Vielmehr wirkt in ihnen besonders der sechsmalige Wechsel eines Staatssystems als Verlust des Staates. Das gleiche Gefühl gibt es aber auch in Norwegen, wo seit 100 Jahren der gleiche Staat und die gleiche Familie (sogar die Familie wie in Dänemark) herrscht. Im Bewusstsein derjenigen Menschen, die der Demokratie misstrauen, herrscht der Staat eben nicht mehr. Je mehr Demokratie es in einer Gesellschaft gibt, desto weniger Staat muss es geben. Da aber der Staat große Teile der einst rein religiösen Barmherzigkeit als Sozialstaat adaptiert hat, wirkt er gerade in jenen Bevölkerungsteilen noch omnipotent, die sowohl wirtschaftlich abhängig als auch bildungsfern sind. Es besteht sogar ein Kausalzusammenhang zwischen der Abhängigkeit und der Weigerung zu lernen. Die Gegenleistung für soziale Absicherung oder Barmherzigkeit war in autoritären Systemen die Akzeptanz der Strafe. In der Demokratie und im Sozialstaat ist diese Gegenleistung die zunehmende Selbstständigkeit. Dieses Verhältnis wird als asymmetrisch empfunden.  Dasselbe Fünftel, das die autoritätsaffine Partei gewählt hat, ist im  Rentenalter und hat früher in der Landwirtschaft gearbeitet. Der Grund für die relativ günstige Altersstruktur im Jahre 1990 war nicht die hohe Geburtenquote, sondern die niedrige Lebenserwartung durch die härteren Arbeitsbedingungen, den hohen Alkoholkonsum und die schlechte medizinische Versorgung. Als Erinnerung bleibt aber: die Zeit vor 1990 war glücklich, denn es gab Kinder, Kinderkrippen, Schulen und einen funktionierenden Staat, der ordentlich bestrafte, was zu bestrafen war. 1945, als Mecklenburg mit Flüchtlingen überfüllt war, gab es eine ähnliche Staatsnostalgie gegenüber dem nationalsozialistischen Wahn. Man verliert eine Heimat nach der anderen, schrieb der große Erzähler Joseph Roth.

2

Das Gefühl belogen worden zu sein, ist aus den Untergängen beider Diktaturen überliefert. Soeben ist der einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger gestorben. Er hatte unter anderem herausgefunden, dass wir Menschen nicht rational kaufen und verkaufen, dass wir kein homo oeconomicus sind. Und obwohl das eine triviale Erkenntnis ist, gehen die meisten nach wie vor davon aus, dass sie besonders clever einkaufen, wählen und verreisen, dass wir belogen und betrogen werden, dass der Bäcker um die Ecke einen Versorgungsauftrag hat, dass die Preise ständig steigen und die Löhne kräftig sinken. Die letzten Politiknobelpreisträger Deutschlands waren Brandt und Rathenau, sie gingen nicht vom rationalen mündigen Bürger, sondern davon aus, was letztendlich für Europa gut sein wird. Das war in beiden Fällen der politische und wirtschaftliche Ausgleich mit jenen Ländern, die Deutschland im jeweiligen Krieg überfallen und ausgeplündert hatte. Der Wähler lebt vom Erfahrungsschatz seines Großvaters und von der Menschenkenntnis seiner Großmutter. Das Spannungsfeld zwischen Erlebtem und Erzähltem wird in unserem eigenen Leben nicht als Lüge erlebt, aber erst im Nekrolog logisch. Bei jedem anderen unterstellen wir aber Unwahrhaftigkeit. Dass Wahrheit nicht erreichbar ist, mag den meisten von uns dämmern, also verlangen wir Wahrhaftigkeit, die wir selbst nicht zu geben bereit sind. Mit der quantitativen und qualitativen Zunahme der Medien nehmen auch der Focus auf bestimmte Ereignisse und die Unschärfe zu. Denken wir uns kurz zurück in die Zeit, als wir HEUTE, AKTUELLE KAMERA und TAGESSCHAU nacheinander sahen. Wo war da die Lügenpresse? Was wir sehen, ist immer der statistische Schnitt aus Evidenz und Abbild gekoppelt mit der von uns projizierten Wahrhaftigkeit. Die Medien haben nicht nur aus technischen Gründen zugenommen, sondern auch, weil wir alle wesentlich mehr Freizeit haben als unsere Voreltern. Diese freie Zeit wird nun mit genau dem gefüllt, was mit ihr entstanden ist: der medialen Aufbereitung sowohl der Welt als auch unserer Unterhaltungssucht.

 

3

Letztendlich ist die Wahl der falschen Partei durch zwanzig Prozent der Bevölkerung sogar ein Sieg der Demokratie. Diese Menschen haben vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben bemerkt, dass ihre Stimme gefragt ist und Wert hat, nicht nur in dem Sinne, dass sie einer Partei ins Parlament geholfen haben, sondern auch dass sie durch die eigentlich verachteten Medien wahrgenommen werden. Das ganze Land spricht von ihnen, den Rentnern aus Vorpommern, die stumpfsinnige und schwere Arbeit in der Landwirtschaft verrichten mussten, die dafür – so glauben sie – viel zu wenig Rente bekommen, die eine geringere Lebenserwartung als alle anderen in der Republik haben und deren Enkel in Bayern und Holstein, in Westfalen und Württemberg arbeiten. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben haben sie etwas entschieden, nicht ganz freiwillig, denn die Partei, die sie gewählt haben, hat genau das gefordert, was sie fühlen. Und was sie fühlen ist eine Ablehnung der Gegenwart, ein kollektiver Widerspruch gegen alles, was vom Westen her kommt, was ihre Vergangenheit in Frage stellt, was sie nicht verstehen, weil es für sie nicht evident ist. Demokratie herrscht nicht, schrieb einst Erich Fried, und genau dieses Nichtherrschen wird hier als Mangel empfunden und soll nun, wenn schon nicht von Udo Pastörs, so doch von Gauland und Petry beendet werden. Die Flüchtlinge der Kanzlerin, die auf den Hauptstraßen der kleinen gottverlassenen Städte zu dritt auf einem Fahrrad  zu sehen sind, sind dabei nur das Vehikel des Volkszorns. Man kann hier beinahe nicht anders als dieses populistische Wort von Goebbels zitieren. Denn einen Volkszorn kann es nicht geben, weil es kein Volk gibt. Wir reden hier von den Rentnern in Mecklenburg-Vorpommern, die AfD gewählt haben, das sind 20 Prozent von etwas mehr als einer Million Wahlberechtigten. Weil es das Volk nicht gibt, ist Demokratie eine so wichtige Errungenschaft. Schon zwei Menschen denken nicht mit einer Stimme, wenn sie sich auch manchmal einstimmig fühlen. Auch früher war vieles unsicher, vor allem das Leben selbst. Früher war alles schlechter.

SONY DSC

Krähe

Fotos:

Das Gefängnis zu Prenzlau

Krähenkolonie im Stadtpark Prenzlau

FREIHEIT UND ORDNUNG

 

Nr. 204

Freiheit ist wie ein Vakuum und so gesehen wenig wünschenswert. Ordnung dagegen ist wie eine heillos mit Regeln überfüllte Rumpelkammer. Trotzdem gibt es nur zwei Lebensalter, in denen wir Freiheit der Ordnung vorziehen: die Pubertät und das Greisenalter. Im Greisenalter müssen wir keine Rücksichten mehr nehmen, aber es entsteht der gleiche Widerspruch wie in der Pubertät: wir wollen unabhängig sein und sind noch oder schon wieder abhängiger als dem freiheitssüchtigen Menschen recht sein kann. Die durch Ordnung gebändigte Abhängigkeit wird am deutlichsten in der abhängigen Erwerbsarbeit. Sie zeigt auch das Dilemma, in dem wir stecken, dass die Vorbedingung identisch mit dem Endergebnis ist. Es ist schwer, aus diesem Zirkel wenigstens soweit herauszukommen, dass mehr als ein Grabstein von uns bleibt. Das Leben darf nicht die Reise sein, die man nur macht, um von ihr erzählen zu können. Denn wir wissen alle, auch wenn wir es lange verdrängen, die Reise endet genauso wie die Erzählung.

Die Kritik an der Freiheit meint also eher die Kritik an dem weltfremden Wunsch nach dem Vakuum der absoluten Unabhängigkeit. Denn sobald ich mich auf einen anderen Menschen zubewege, und sei es, um ihm zu helfen, begünstige ich eine doppelbindige Abhängigkeit, die des Schutzsuchenden an mich und meine an die Hilfsbedürftigkeit. Ein beliebter Vorwurf der Ignoranten ist also das Helfersyndrom. Man könnte statt dessen sagen, hätten alle Menschen das Helfersyndrom, wäre die Welt zwar nicht problemlos, aber wenigstens ohne Not. Etwas nicht zu tun aus Angst, dass das Ergebnis nicht das gewünschte sein könnte, ist absolut unsinnig. Das Ergebnis ist so wenig das gewünschte, wie es überhaupt Dinge mit nur einer Ursache gibt. Es gibt keine. Am leichtesten kann man sich Multikausalität vorstellen, wenn man ein weißes Blatt Papier vor sich auf den Tisch legt und versucht, einen Gedanken, den man gerade hatte, darauf schriftlich auszuführen. Man schreibt immer etwas anderes,  als man denkt. Und man denkt immer etwas anderes, als man gerade schreibt. Da helfen, glauben die Ignoranten, nur Regeln. Ja, sagen die Neinsager, da helfen Regeln nur insoweit, wie sie zeitweilig und provisorisch gemeint sind, weil Regeln, Gesetze, Ordnungen und selbst Traditionen immer nur zeitweilig und provisorisch sein können. Wenn wir uns ein Kind vorstellen, das laufen lernt, so ist es auf unsere Hilfe angewiesen, es schwankt von Elter zu Elter, deren Plural ihm zum ersten Mal bewusst wird, ist an das Gefühl gebunden, welches ihm fragile, manchmal durch Jähzorn oder Unfähigkeit gebremste Sicherheit gibt, aber es ignoriert seinerseits die Regeln der Ignoranten. Unter Ignoranten wollen wir in diesem Text Menschen verstehen, die tatsächlich glauben, dass ein Leben nur die eine Dimension der Ordnung hätte, sie glauben es sogar zu wissen. Allerdings wird der Spielball der Fakten immer schneller. Die Notwendigkeit eines Regelwerks wird durch seine Umstürzbarkeit aufgehoben und neu bestätigt. Das Leben hat keine Leitplanken, und sie sind für Motorradfahrer wenig hilfreich. Das Leben ist überhaupt, und wem sage ich das, keine Spazierfahrt in einer selbstbeweglichen und selbstnavigierenden Kutsche, sondern eher die unsichere Fahrt mit einem Mountainbike, das Kraft und Navigation und Geschicklichkeit, Erfahrung und Innovation von uns verlangt.

Auch wenn man das schon tausende Lebensalter währende Dilemma von Freiheit und Ordnung betrachtet. kommt man auf nur eine mögliche, aber selbst wieder dilemmatische Lösung, die so fragil ist, wie der Mensch oder Gott selbst: die Liebe. Sie bindet uns nicht nur an einen Menschen und die Menschheit, sondern auch an uns selbst.

Alle Energie wird Bindung und alle Bindung wird Energie, wenn sie nicht durch zu viel Ordnung und Tradition unnötig gebunden sind. Und Energie ist die Vorbedingung und das Ergebnis der Freiheit.  Freiheit ist, hinter den verworfenen Regeln den übergreifenden Sinn zu ahnen. Wenn die Vorbedingungen der Freiheit Bildung und Bindung sind, dann ist ihr Ergebnis Liebe.

CIMG8753

Fotos:

1 Grabstein neben der zur Konzerthalle umgebauten Marienkirche in Neubrandenburg

2 Fenster des ehemaligen Zucht- und Korrektionshauses Luckau

ROTHSCHILD UND FEUERBACH

 

Nr. 203

für Anselm

Seit fast genau zweihundert Jahren glauben Menschen daran, dass die Familie Rothschild die Welt beherrscht.

Vor fast genau zweihundert Jahren reformierte und verwissenschaftlichte Feuerbach das Strafrecht. Erstmalig wurde die Folter abgeschafft, es durften nur noch Strafen verhängt werden für Delikte, die auch tatsächlich und vor der Tat strafbewehrt waren. Er ist damit sowohl der Begründer des positiven Rechts als auch des Rechtsstaats. Bis heute wird die von ihm eingeführte Würdigung des Täters kritisiert. So viele Menschen bemerken nicht, dass in den letzten zweihundert Jahren, besonders aber in den letzten siebzig Jahren die Gewaltkriminalität abgenommen hat, besonders bei den Kapitalverbrechen. Das hängt natürlich nicht nur von der Reform des Strafrechts, sondern auch vom gewachsenen Wohlstand ab. Alle Weltverbesserung war wahrscheinlich in den Wind geredet, solange es Hunger, Pest und Krieg gab. Schweden ist das Land ohne Zäune, und der Ausdruck ‚hinter schwedischen Gardinen‘ hängt gerade mit der Zunahme des Wohlstands durch Eisen- und Stahlexport zusammen. Deutschland ist das Land ohne Mord. Scheinbar hängen wir Menschen, wenn wir am Alten hängen, nicht nur am guten Alten, sondern auch am  bösen. Ständig gibt es die Forderung nach mehr Polizei, höheren Strafen und sogar hin und wieder die Sehnsucht nach der Todesstrafe. Obwohl Erdoğan weiß, dass mit der Wiedereinführung der Todesstrafe weder der nächste Militärputsch oder Kurdenaufstand verhindert werden kann, dass das Tor zur Europäischen Union auf lange Zeit geschlossen bliebe, ist er ganz sicher, dass er damit an Urinstinkte anknüpfen und seine Zustimmungsrate erhöhen kann. Aber auch bei uns gibt es immer wieder diese Rache- und Talionsgelüste, obwohl die Probleme abnehmen.

Der alte Feuerbach hatte früh zweimal promoviert und habilitiert, war mit sechsundzwanzig Jahren schon Professor, wenig später Gerichtspräsident. In ganz Europa wurde er mit seiner Untersuchung des Falles Kaspar Hauser berühmt. Weniger ging es hier um dynastische Spekulationen, die sich allerdings wirklich bestätigten, sondern um das Menschenrecht, das jedem menschlichen Wesen – und sei es noch so sprachlos – eine Würdigung seiner Umstände zubilligt. Er ist der einer der ersten wissenschaftlich beschriebenen Fälle, der zeigt, dass es sich lohnt, die Persönlichkeit mit ihrem angeborenen Recht und ihrer garantierten Würde gegen die bloße Phänomenologie zu stellen. Ein Fakt ist eben nicht der erste Anschein, sondern das wissenschaftlich unterfütterte Bild, mehr Theorie als Begriff. So frühvollendet der alte Feuerbach auch war, so früh starb er am Schlaganfall. Aber er hinterließ eine ebenso bewundernswerte Familie wie er selber war. Der Mathematiker Karl Wilhelm Feuerbach, sein zweiter Sohn, nimmt in einem Punkt seines Lebens das Schicksal Alan Turings vorweg: statt seine mathematische Hochbegabung zu schätzen, wurden ihm zeitgeistgemäße und haltlose juristische Vorwürfe gemacht, die zu seinem Tode führten. Am bedeutendsten war aber sein Sohn Ludwig, der Philosoph, der als Begründer des Atheismus galt und deshalb Lehrverbot an deutschen Universitäten erhielt, was seinen Einfluss noch verstärkte. Spätere Theoretiker haben ihn als den frommen Atheisten bezeichnet, weil seine Lehre vom guten und göttlichen Wesen des Menschen handelt. Es ging ihm nicht um die Ablösung Gottes, sondern um die Ablösung schädlicher Institutionen und des Glaubens an Strukturen statt an Menschen. Seine Lehre, dass Gott das menschliche Wesen, das Gute und Abstrakte im Menschen sei, geht über Hegel hinaus, dessen Weltgeist schon vom Namen her immer noch anthropomorph ist. Die Kritik am Christentum als Institution teilt er mit seinem Zeitgenossen Nietzsche, aber er geht weit darüber hinaus, indem er die Religion als etwas dem Menschen Innewohnendes erkennt.  Der Ruhm der Familie Feuerbach erreichte einen letzten Höhepunkt mit dem Maler Anselm Feuerbach, der ein Sohn des Archäologen war. Seine Bilder sind ein bedeutendes Narrativ am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sie sind ein Abschied von der alten Welt.  Mit ihm endet auch das Jahrhundert der Feuerbachfamilie.

Statt nun aber die Familie Feuerbach zu verehren, wird die andere deutsche Familie mit fünf Söhnen geschmäht. Obwohl ihre große Bedeutung und ihr überdimensionaler Ruhm im neunzehnten Jahrhundert lag, genau von 1815 bis 1914, wird ihr Nimbus hundert weitere Jahre überdauern. Selbst Heinrich Heine, nicht nur Romantiker, sondern auch von allerschärfstem Verstand, welcher nur durch seine Freundschaft mit Karl Marx getrübt wurde, glaubte, dass das Geld der neue Gott und Rothschild sein Prophet sei. Der dritte geldgeile Großgeist, der zum falschen Zeugnis über den Rothschildclan beitrug, war Balzac. Er kolportierte die Legende, dass Nathan Rothschild den Sieg über Napoleon bei Waterloo erkauft hätte. Wer Waterloo und Wavre kennt, weiß dass es anders war. Neben Wellington, ‚ich wünschte es wäre Nacht und die Preußen kämen‘, war es Blücher,  dem die Menschheit diesen Sieg dankt, und Blücher war in dem kleinen mecklenburgischen Dörfchen Galenbeck vom Schweden zum Preußen geworden.

Der alte Rothschild stammte aus dem Frankfurter Ghetto, seine Eltern starben früh und so ist er ein frühes Beispiel eines selfmademan, wozu man neben Geist auch Durchsetzungsvermögen benötigt. Reiche Menschen hat es schon vor den Rothschilds gegeben, aber soviel Kapital konnte erst im Kapitalismus entstehen. Das neunzehnte Jahrhundert ist nicht nur eine Geschichte der Romantik, der Traum vom allumfassenden Narrativ, sondern auch der fast grenzenlosen Wertschöpfung, die in ihrer Fortsetzung durch Ford und Rathenau angesichts des wachsenden Wohlstands aus der Betrachtung fiel, aus der Betrachtung, nicht aus der Wirklichkeit. Der Reichtum Deutschlands beispielsweise beruht immer noch auf Wertschöpfung, denn der Export ist nur das Ergebnis dessen, dass wir mehr produzieren – und also mehr Wert schöpfen – als wir selbst verbrauchen können. Das hat übrigens Rathenau als einer der ersten erkannt. Keinesfalls sind wir reich, weil andere arm sind, wohl aber haben wir die Verpflichtung zu teilen.

Auf der einen Seite sollten wir darüber nachdenken, was es bedeutet, Menschen zu ghettoisieren, was sozusagen der banlieue-Fehler der postmodernen Gesellschaften ist, andererseits muss uns klar sein, welche übermenschlichen Anstrengungen unternommen werden müssen, um aus dieser Bannmeile herauszukommen. Das wichtigste Ergebnis von Bildung muss die soziale Durchlässigkeit sein. Niemand darf im Gefängnis seiner Herkunft schmachten oder geschmäht werden!

Nachdem er durch Münzverkäufe reich geworden war, war es das höchste Ziel des alten Rothschild, Hoffaktor, also privilegierter Händler eines Fürsten zu werden, er träumte nicht von Geld- und Weltherrschaft. Aber er hatte eine wunderbare und hochintelligente Frau und zusammen hatten sie, wie es damals bei arm und reich üblich war, viele Kindern, darunter fünf Söhne. Diese wurden Gründer und Filialleiter der Bankhäuser in Wien, London, Neapel und Paris. Der älteste, mit seinem Vater gleichnamige Sohn blieb in Frankfurt und übernahm das Stammhaus, während der dritte Sohn, Nathan, in London der erfolgreichste und reichste war. Zwei anekdotische Faktoren mögen zu dem Irrglauben über die Weltherrschaft beigetragen haben. Erstens haben die Rothschilds Europa mit einem privaten und kryptischen Kommunikationssystem überzogen, ein Netz von Boten mit einer Geheimsprache, das überflüssig wurde, nachdem die Erfindung des Historienmalers Samuel Morse wirksam war und jedermann immer schneller kommunizieren konnte. Die Familie Rothschild ist also höchstens ein Beweis dafür, dass solche Kommunikation tatsächlich gebraucht wurde, was ihr Erfinder nicht annahm. Und zweitens ist die immer größer werdende Familie bald zu Parallel- und Kreuzcousinenheiraten übergegangen. Im Familienzusammenhalt sah man den Garanten für wachsenden Reichtum. Den Gipfel dieser ethisch wahren, genetisch aber verheerenden Ansicht hat Nicolas Berggruen, mit den Rothschilds nicht verwandt, erreicht, indem er sich zwei von ihm geclonte Kinder machen ließ. Jeder Gedanke ist gut, aber jeder zum Prinzip erhobene Gedanke wird falsch und immer falscher. Die Vernunft ist unendlich und universell, nicht der Unverstand.

rothschild und feuerbach

39387 ANDERSLEBEN

 

Nr. 202

Vielleicht sind die Menschen, darunter die Politiker und Polizisten und Richter in Sachsen nicht rechter als anderswo, aber staatstreuer. Vielleicht wird, genauso wie in der DDR, nichts rechts oder links oder gut oder schlecht oder nützlich oder unnütz belohnt oder bestraft, sondern treu oder nicht treu. Und wie sich der Staat als Staat treu bleiben soll oder treu bleiben will, so wollen sich auch seine Zweifler und Gegner treu bleiben. Sie wollen Zeichen setzen, weil sie glauben Zeichen setzen zu sollen.

Vielleicht teilt sich überhaupt die Menschheit mehr in Bewahrende und Aufbrechende. Die Aufbrechenden müssen sich als Verächter des Alten beschimpfen lassen. Den Bewahrenden dagegen wird vorgeworfen, dass sie das Neue, den Fortschritt behindern. Den Fortschreitenden wird hinterhergerufen, dass es schändlich ist, den Raum der eigenen Geschichte zu verlassen. Wer aber das Elternhaus als Gefängnis erlebt, der freut sich über die Befreiung von außen. Bringt nur eine agrikulturelle Maschine Nutzen oder auch das Hünengrab auf dem Hügel? Ist ‚Nutzen‘ überhaupt die geeignete Kategorie, um unser Leben zu beschreiben? Ist vielleicht alles ewiger Generationskonflikt?

Der größte Irrtum ist, dass es eine wenn auch noch so kleine Wahrheit gibt. Niemand hat einfache Antworten auf die immer komplexer werdenden Fragen. Denn Globalisierung heißt nicht nur, dass mein Frühstück aus Argentinien und mein Koch aus Pakistan stammt, sondern auch, dass der Schaden, den ich anrichte, irgendwann im Süden Afrikas ankommt. Die alten Witzworte, dass uns etwas interessiert ‚wie die Wasserstandsmeldung‘ oder nahegeht ‚wie der in China umkippende Sack Reis‘ werden uns noch im Halse steckenbleiben. Wer also Alternativen sucht, sollte an Tätigkeiten denken, nicht an Thesen. Um zu verdeutlichen, dass sich Philosophie und Technik perspektivisch nicht so sehr unterscheiden, wie man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen könnte, begeben wir uns in ein Gedankenexperiment: Man kann die scheinbar unendliche und grenzenlose Technikentwicklung auf zwei Grundprinzipien reduzieren, nämlich Mobilität der Körper und Mobilität der Gedanken. Dann wäre das Smartphone eine Variante des Marathonläufers und des Rauchzeichens und der Stau auf der A9 eine Permutation des Mongolensturms. Die heutige technische Entwicklung wäre nichts anderes als die ständige Verkleinerung der Dinge bei gleichzeitiger Erhöhung ihrer Nutzgeschwindigkeiten. Dann erscheinen die zeitgenössische Einfallslosigkeit der Philosophie des letzten Jahrhunderts oder das Fehlen wirklicher Geistesriesen nicht mehr als Mangel. Genau wie in der Technik würden dann die einmal und für immer erkannten Grundprinzipien in tausend Variationen fortgeschrieben, was auch Arbeit ist. Das Warten auf Lösungen in einer gelösten Welt erschiene dann als sinnlos, nicht das vermeintliche geistige Vakuum der Philosophie.

Es gibt vielleicht zwanzig Zinstheorien. Es gibt überall auf der Welt wachsenden Reichtum und wachsende Möglichkeiten des Ausgleichs von Armut und Reichtum, wie zum Beispiel Handel, Entwicklungshilfe und Flucht. Trotzdem gibt es immer wieder Gruppen oder einzelne Menschen, die glauben, dass das Elend oder das Wohl der Welt im Zins läge. Wer über den Zins klagt, liebt das Haus nicht, in dem er lebt. Von dem Brot, das wir essen, lebt auch der Bäcker. Man hat nicht zu wenig Geld, sondern zu viele Wünsche. Aber statt dankbar zu sein, dass wir nicht mehr hungern wie unsere Vorfahren, dass wir nicht mehr an der Pest sterben, dass es keinen Krieg gibt, statt dankbar dafür zu sein und die aufzunehmen, bei denen Krieg ist, popeln wir lieber solange in der Geschichte herum, bis wir einen Schuldigen an einem Krieg gefunden haben, den wir beschimpfen und bekämpfen können. Am Bürgerkrieg in Syrien können die Amerikaner schuld sein oder die Russen, der syrische Diktator oder der Kolonialismus, der Waffenhandel oder der Ölpreis, der Kampf zwischen den Schiiten und den Sunniten oder die Kreuzzüge, der zweite Weltkrieg oder der erste, der Kommunismus oder der Kapitalismus. Wem hilft es, wenn wir einen oder zwei oder alle immer wieder benennen? Wem hilft es, wenn wir einem Flüchtling oder einem Obdachlosen helfen? Den Waffenhandel beenden Wahlen und nicht Beschimpfungen. Bildung bringt mehr Freiheit, und die Erkenntnis, dass es keine absolute Freiheit gibt, bringt nichts.

In einem Laden in einem sächsischen Städtchen kann man die Treue zum permanenten Protest sehen, wie aber auch die Lösung der menschlichen Probleme in der Tätigkeit. Kunst ist die Alternative für denjenigen, dem sein Leben zu eng erscheint. Denn Politik ist immer mehr Verwaltung und Veraltung als Innovation oder gar Revolution. Immanuel Kant bewunderte jenen Herrn in Potsdam, der mehr Herrentum abgeschafft hat als die köpferollenden Revolutionäre in Paris und Petersburg. Aber auch das Preußentum ist pervertiert, und der letzte deutsche Kaiser ist eher der Vorläufer vom totalen Krieg als der Nachfahre jenes weisen Preußenkönigs gewesen.

In diesem Laden werden Blätter verteilt, die Lösung für Probleme versprechen, die keine sind, die Politik als etwas kritisiert, was sie nicht ist und meistens auch gar nicht sein kann. Dass Politik visionär gigantische Menschheitsprobleme löst, kommt ganz selten vor, und es ist geradezu lächerlich, einen gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten als  Schattenwirtschaftsexperten anzusehen. Da wird links schneller zu rechts als man den Kopf wenden kann.

Die Welt wird besser, wenn wir alle etwas tun, denn ob es tatsächlich für die Verbesserung ist oder dagegen, können wir meistens nicht erkennen. Noch stehen in unserm Land tausende Denkmale herum, die unterstellen, dass Menschen mit Krieg Opfer für ihr Land, das sie verkleinerten, für uns, die sie nicht kannten, für ihre Kinder, denen sie den Vater raubten, gebracht hätten. Noch nicht einmal die simple Erkenntnis, dass Frieden immer ist und Krieg nur ganz selten, hat bisher ein Denkmal erhalten.

Ob man also in einem alten Laden alte Bücher, zum Beispiel von Kant, verkauft, oder ob man in einem Blog alte Gedanken wägt, das bleibt sich gleich, wichtig ist nur, dass man etwas tut. Man hört schon wieder die Rufe der Empörer: Beliebigkeit, wo bleibt die Wahrheit, wo bleibt die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit bleibt immer in der Asymptote des Tuns.

MENSCHENMÄKELEI

Nr. 201

Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen, lässt Lessing seinen Nathan aus dem Berliner Nikolaiviertel sagen, und setzt damit die erste Antirassismusformel. Die zweite stammt von einem Mathematiker, Cavallo-Sforza, und sie besagt, dass die Unterschiede zwischen zwei Gruppen immer kleiner sind als die innerhalb einer Gruppe.

Aber Menschenmäkelei gibt es nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen den Geschlechtern, den Alters- und sozialen Gruppen. Rassen- oder Klassenhass sind also nur bestimmte historische Erscheinungsformen oder auch nur Namen der einen und selben, oft auch organisierten Menschenmäkelei.

Übrigens lässt Lessing in seinem Nathan nicht nur gewöhnliche Vertreter ihrer Völker oder Religionen aufeinandertreffen: Nathan haben die Christen die Frau und sieben Söhne verbrannt, ein Schicksal von Hiobsausmaßen, wie es erst in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘ wieder erscheint, der Tempelherr kommt mit einem Kreuzfahrerheer, verliebt sich in ein jüdisches Mädchen und ist der Neffe des muslimischen Sultans, der Kurde und nicht Araber ist, was auch heute noch zu mancher Mäkelei und manchem Mord Anlass gibt, der das Christenheer (’so widerspricht sich Gott in seinen Werken nicht‘) zwar auch militärisch schlägt,. seinen größten Sieg aber mit Geld erringt, das ihm im Drama Nathan besorgt, in der Wirklichkeit wohl aber vorhanden war. Auch die Nebenfiguren sind voller wunderbarer Widersprüche: der Patriarch ist ein Fundamentalist, der keine Einwände gelten lässt: ‚tut nichts, der Jude wird verbrannt‘, Daja, die einfältige Christin dient dem reichen Juden, des Klosterbruders einfacher Glaube wird schamlos missbraucht, und der Finanzminister des Sultans spielt lieber Schach.

Aber wenn wir uns einfach umsehen, dann finden wir alle diese widersprüchlichen Menschen innerhalb unseres Horizonts. Die Globalisierung trägt aber nicht nur zu Verschärfung der Ansichten bei, sondern schärft auch unsern Nathanblick. Die Menschen sind sich ähnlicher, als wir alle annehmen. Die Biologen sprechen schon lange von, ich glaube, 99,98% Übereinstimmung. Und je mehr man Menschen aus der ganzen Welt beobachten kann, sei es durch Reisen, Flucht oder Fernsehen, desto mehr wird man auch deren Übereinstimmung sehen und desto stärker wird diese Übereinstimmung zunehmen.

Der hohe Grad der wachsenden Übereinstimmung und die Sinnlosigkeit der Menschenmäkelei sollten uns zu der Überlegung führen, dass man sich Menschen nicht aussuchen kann und dass sie auch nicht ausgesucht werden und ausgesucht worden sind.  Der Garant, dass das Leben weitergeht, ist die pure Quantität. Erst aus den tausend Bedingungen, auf denen ein Mensch steht, ergibt sich seine manchmal besondere Qualität. Der große Bach sah vielleicht seine Mitmenschen oft müßig (sitzen, streiten, schreiben) und sagte deshalb, eine von seinen tausend Bedingungen hervorhebend, dass er einfach fleißig gewesen sei und dass, wer eben so fleißig sei, es eben soweit bringen werde. Der große Shakespeare wiederum fand, dass wir alle übereinstimmend wie ein unperfekter Akteur auf Bühne stehen, alle. Und der große Michelangelo hat seine Wirbelsäule genauso bei der Arbeit verbogen wie die von ihm geliebten Marmorarbeiter in Carrara.

Diese tausend Bedingungen sind ein Wechselspiel von Zufall und Freiheit. Aber man darf nicht vergessen, dass selbst die einfache Stubenfliege, musca domestica, manchmal, wenn sie an einem Fenster Gefangene ihres falschen Weltbildes ist, mehr Energie für die Freiheit, für den freien Willen, für die Durchsetzung dieser einen, bitter notwendigen Bedingung aufwenden muss, als sie tatsächlich zur Verfügung hat. Das Ergebnis ist, dass sie tot auf dem Fensterbrett zur barocken Metapher der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit verkommt.

Die Partnersuche wird von vielen Menschen als ein ganz aktiver Prozess verstanden. Selbst in Ländern oder Zeiten, in denen ein Pulk dicker Tanten die passende Braut nach einer Bedingungstabelle aussuchte, platzt der Bräutigam vor Stolz über seine Wahl. Niemand, der gerade eine Braut oder einen Bräutigam gefunden hat, zweifelt an der Wahl. Aber jeder kennt auch den schönen mathematischen Satz des Sokrates: ob du heiratest oder nicht, später wirst du es bereuen.

Bei allen anderen Menschen ist der Zufall, der sie zu uns brachte, klarer erkennbar, bei Kollegen, bei Urlaubsbekanntschaften sogar signifikant, der alte Mann in den Bergen, das junge Mädchen am Brunnen, sie alle sind das Mosaik oder das Paradigma der Menschenbegegnung. An der Bosheit der Tyrannen kann man ebenfalls das harte Wirken des Zufalls sehen: der böse König Herodes musste alle Knaben seines, wenn auch nicht großen, Landes töten lassen, um den einen, der durch Flucht ausgewichen war, nicht zu treffen. Demografisch spielt das, mögen die Zahlenfetischisten unter uns nörgeln, genauso wenig eine Rolle wie die fehlenden jungen Männer in dem ebenfalls kleinen Land Eritrea, nur moralisch sind solche Diktatoren unhaltbar, Herodes und Yesaias Afewerki.

Und trotzdem muss man nicht Fatalist werden oder die Welt als ein Abbild bloßer Zahlenverhältnisse sehen. Vielmehr ist es umgekehrt, die Zahlenverhältnisse sind die immer schlechten Abbilder der Welt. Schopenhauer war wohl ein großer Skeptiker und Pessimist, aber von ihm stammt der fast umwerfende Gedanke, dass wohl jeder Junge einen Käfer zertreten, aber kein Professor einen Käfer erschaffen kann. Das erste Wunder, das als unmittelbare Folge aus diesem Satz folgt, ist, dass heute weit weniger Knaben Käfer zertreten als früher. Wir sind für das Wunder sensibilisiert. Die Bildung ähnelt sich übrigens auch weltweit und nimmt bekanntlich zu, wie auch die Kunst selbst für Analphabeten immer erreichbarer und allgegenwärtiger wird. Immer mehr Menschen werden aus anerzogener Rücksicht Vegetarier.

Das zweite Wunder, das aus dem Satz des großen Skeptikers folgt, ist, dass Käfer und Mensch sich nur in einer Richtung begegnen können. Weil die Zeit irreversibel ist, ist das Leben unteilbar. Was uns begegnet ist nicht nur Zufall, sondern eben auch immer Wunder. Es stirbt nicht nur ein Käfer, sondern es vergeht ein Wunder für immer. Und was zurecht für Käfer gilt, fragen wir in gut lessingscher Manier, sollte nicht für unsere Mitmenschen gelten? Fragen wir uns nicht ständig, woher wir kommen, sondern freuen wir uns auf das gemeinsame Stück Weg.

Mit der Menschenmäkelei dagegen ist es wie mit dem Zorn: sie verbrauchen mehr Energie als die Freude einbringt, sie sind also nicht nur für andere, sondern auch für uns ein Desaster. Statt immer wieder zu überlegen, was wir an anderen ablehnen oder gar verbieten könnten, sollten wir lieber viel öfter sagen: Dich schickt der Himmel. Das ist mathematisch und moralisch exakt.

BOSNISCHE PFEFFERMÜHLE ODER FRIEDENSPFLICHT

Nr. 200

Haben wir keine Feinde, weil wir keine Flugzeugträger haben, oder haben wir keine Flugzeugträger, weil wir keine Feinde haben?

 

Friedenspflicht ist ein Wort aus dem Streikrecht und bedeutet dort, dass nicht gestreikt werden darf, während die Tarifverhandlungen laufen. Merkwürdigerweise ist noch niemand darauf gekommen, dass das Wort auch eine weitaus allgemeinere Bedeutung haben sollte und könnte. Wir sind im täglichen Leben zum Frieden verpflichtet, weil wir nicht im Streit leben können. Staaten müssen miteinander auskommen, wenn sie nicht ihren Wohlstand gefährden wollen, ja, Wohlstand hat Frieden als eine Vorbedingung. Wer rüstet, findet kein Ende. Rüstung ist immer unersättlich, weil sie auch stündlich veraltet. Die Spuren der Rüstung wirken lange nach, sind sozusagen nachhaltiger als befürchtet. Zwischen Prenzlau und Stettin gibt es im Wald ein Rüstungsdepot der Wehrmacht, das aussieht, als hätte man es gestern verlassen. Im schönen Wald bei Neustrelitz, der den Geist der Königin Luise von Preußen atmet, die dort ihre schönsten, aber auch ihre letzten Stunden verlebte, spürt man die Hangars der Atomraketen mit dem martialischen Namen SS-20. Die Antwort darauf, den amerikanischen Stützpunkt Ramstein, gibt es heute noch. Übrigens entstand er, als die Wehrmacht Teile der Reichsautobahn als Start- und Landebahn nutzte. Rüstung kommt also immer zurück, wie ein mathematisch gesteuertes Schicksalssystem. Ramstein ist die Reinkarnation der V-Raketen aus Peenemünde. Das V stand, man erinnert sich nur mühsam und widerwillig, für Vergeltung. Vergeltung hat nach einer zu langen Karriere bei den rachsüchtigen Menschen endlich ausgedient.

Die Europäische Union befindet sich offensichtlich in einer Sinnkrise, nicht etwa in einer Wirtschaftskrise. Selbst die Jugendarbeitslosigkeit der südlichen Länder ließe sich nach deutschem Vorbild wenn nicht bekämpfen, so doch wesentlich entzerren und lindern. Nur in Berlin werden OSZs geschlossen. Wir sollten diese Sinnkrise nutzen, um der Union einen Entwicklungsschub zu geben, der ihr gleichzeitig den teilweise verloren Sinn wiedergeben kann.

  1. Alle Länder der Union stellen keine Waffen mehr her und beteiligen sich nicht mehr am Waffenhandel. Natürlich sind die Waffen nicht schuld an Krieg und Mord, aber sie tragen zu einem sozusagen effizienten Mordsystem bei. Deutschland beteiligt sich glücklicherweise seit über siebzig Jahren nicht mehr an Kriegen und Kriegshandlungen. Die Zahl der Tötungsdelikte geht drastisch zurück. Dies ist gleichermaßen der humanen Rechtsprechung gedankt. Deutsche Waffen können beträchtlichen Schaden anrichten und sie tun das auch, aber der Schaden in unserer Exportstatistik ist wahrlich gering. Waffenexporte machen weniger als ein Prozent unserer Exporte aus, was ungefähr fünf Prozent Weltmarktanteil entspricht. Da wir aber nach den USA und Russland und neben Frankreich und China einen der vorderen Plätze im Welthandel mit Waffen belegen, wäre die Signalwirkung eines deutschen Verzichts beträchtlich. Jeder weiß, dass Deutschland einmal hochgerüstet war und den zweiten Weltkrieg begonnen und immerhin fünfeinhalb Jahre lang geführt hat.
  2. Die Union tritt aus der NATO aus, bleibt ihr aber assoziiert und freundschaftlich verbunden und beteiligt sich an Friedenseinsätzen mit UNO-Mandat finanziell und logistisch. Für Katastropheneinsätze und andere humanitäre Aufgaben wird ein gesamteuropäisches Berufsheer geschaffen. Für einen Übergangszeitraum bleibt das Raketenabwehrsystem der NATO mit Zentrum in Ramstein bestehen.
  3. Waffen werden auch im Inneren mittelfristig geächtet. Das Gewaltmonopol des Staates wird einerseits gestärkt und verstärkt durchgesetzt, andererseits langsam entwaffnet. Die Landespolizeien verfügen ab sofort über keine Waffen mehr. Die Bundespolizei konzentriert sich auf Gewaltbekämpfung und unterhält bewaffnete Sondereinsatzkommandos, deren Verwendung jeweils parlamentarisch kontrolliert wird. Das Ziel ist gewaltfreies Assekuranz- und Verantwortlichkeitsdenken.
  4. Die Medien, Kunst, Kultur, Unterhaltung und Schule verpflichten sich, zunehmend und bemerkbar auf militaristische, rassistische und gewaltverherrlichende Inhalte zu verzichten. Da jedes Verbot wie Gewalt wirkt, müssen wir den freiwilligen Verzicht stärken.
  5. Alle Autoren schwächen den Glauben an Hierarchien und Institutionen, Zeichen, Grade, Kreuze, Siege, Feinde, Verschwörungen, Alternativlosigkeiten und Monokausalitäten, Strafen und Technik. Diese Liste kann von jedem und jeder ergänzt, korrigiert, umgestellt werden. Statt dessen sollten wir uns gegenseitig ermutigen, wieder an das Gute, an den Menschen und all die Lehren und Imperative zu glauben, die im Laufe der Menschheitsgeschichte gedacht und gefühlt wurden. Der Glaube an Gott ist immer auch ein Glaube an Menschen, der Glaube an Menschen ist immer auch ein Glaube an Gott, an das Transzendente, das uns verbindet. Warum sollte nicht, nachdem Kunst und Kommunizieren einen solchen Aufschwung genommen haben, auch das Denken und das Vertrauen, wie das Glauben in den verschiedenen, langsam zusammenwachsenden Gemeinschaften, gestärkt werden können?
  6. Die Union nimmt jedes Jahr Flüchtlinge auf und integriert sie in die gesellschaftlichen Systeme der Mitgliedsländer. Dabei sollte man weitgehend individuell vorgehen, den Menschen als Menschen sehen und nicht als Zahl. Dies sorgt für die ständige Korrektur unserer Sichten auf die Welt, die Menschen und die Union selbst. Empathie ist die wichtigste Menschensicht und Menschenpflicht. Als Nebeneffekt dürfen Flüchtlinge auch von den zuständigen Gremien und Experten als Wirtschaftsfaktor einbezogen werden.

Wir bleiben heute ausnahmsweise einmal konkret.

HAYMATLOS II

Nr. 199

Der Druck auf die Emigranten und Immigranten erhöht sich sichtbar, wenn die Flucht oder die Wanderung als Verrat, politisches Versagen oder gar politische Provokation bewertet werden. So wurden Kleidung, Möbel und Wohnungseinrichtungen sowohl der geflohenen als auch der in die Ghettos und Konzentrationslager deportierten Deutschen jüdischen Glaubens geplündert und verhökert. Einige Jahre nach dem Mauerbau gab es in der DDR spezielle, meist provisorisch eingerichtete Läden, in denen das zurückgelassene Leben der Republikflüchtigen, so der offizielle Terminus, billig zu haben war. Mit dem zunehmenden Wohlstand und der Normalisierung der moralischen Wertskala drehte sich das Verhältnis langsam um. Eine polnische Familie, die von den an Russland abgetretenen Gebieten Ostpolens nach dem von Deutschland erhaltenen Westpolen vertrieben worden war, hat das ehemals deutsche Haus samt seiner Einrichtung bis in die sechziger Jahre, mitten im kalten Krieg, für den Fall konserviert, genau so erhalten wie sie es – nach ihrer Meinung unrechtmäßig – übergeben bekommen haben. Und die westdeutsche Familie hat es bei einem tränenreichen Besuch genau so vorgefunden wie sie es verlassen haben. Überhaupt sind die deutschen Ostgebiete, ein nicht minder trauriges wie aber auch ermutigendes Beispiel dafür, dass es Vergebung und Ausgleich geben kann. Auch unser Verhältnis zu Frankreich spricht für den Triumph einer menschlichen Moral. Die heutigen Möbelbörsen arbeiten umgekehrt: sie stellen Altmöbel für Arme und Flüchtlinge zur Verfügung. Ein Schrank ist zwar keine Heimat, aber ein Land mit Repression, Krieg, Verfolgung und bitterer Armut auch nicht,

Vielleicht ist es aber alles auch ganz anders. Die Verwirrung der Sprachen war wirklich eine Strafe, ob nun von Gott, der Natur, der Evolution oder der immer noch nicht wiederentdeckten Natur des Menschen. Alle Versuche der Nationalisten, Rassisten, Militaristen, religiösen Fanatiker und überhaupt Rechthaber, die Welt zu separieren, parzellieren, zu spalten, zu zerreißen und zu zerstören, sind gescheitert. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Gewaltherrschaft. Die letzten Diktatoren verlassen, wie die sprichwörtlichen Ratten, ihre sinkenden Schiffe. Das waren skurrile blutrünstige Gestalten, an die wir Menschen nur geglaubt haben, weil uns der Mut fehlte, den wirklich Guten einfach zu folgen: liebt eure Feinde, dann habt ihr keine mehr; wetteifert um gute Taten; getan ist, was ihr tut, nicht was man euch tut. Es fehlt uns nicht an Maximen, aber immer noch an Mut, ihnen einfach zu folgen. Dabei ist die billigste Formel: man muss tatsächlich bei sich anfangen.

Was wir gerade erleben, wäre dann das letzte Aufbäumen dieser seit Jahrtausenden gewalttätigen und widerwärtigen Welt, der es schwerfällt sich von den Grundsätzen der Kurzdenker, überhaupt von Grundsätzen zu lösen. Nachdem es im neunzehnten Jahrhundert einen Höhepunkt der Vernunft und Regelhaftigkeit gegeben hatte, löste sich sowohl das naturwissenschaftliche wie auch das religiös-staatsrechtliche Bild von der Zwanghaftigkeit der Regelwerke auf. Je mehr Regelwerke im Orkus der Selbstauflösung verschwanden, desto mehr dämmert uns Menschen, dass Freiheit keiner Grenzen und Stacheldrähte bedarf. Zwar muss zunächst ein Gesetzeswerk gegossen und Besitztum abgesteckt werden, aber nur, um Menschen hervorzubringen, die satt und frei sind und ihr Leben selbst gestalten wollen und können. Der wahre Gesetzgeber ist der, welcher sein Volk lehrt und bekehrt, ohne Gesetze zu leben, und das Volk ist die Welt.

Alle bisherigen Schulen haben noch immer jeden Gedanken in ein Gesetz umgeformt und jeden verfolgt, der das anders sah. Wenn wir jede Verfolgung beenden, brauchen wir keine Gesetze mehr und übrig bleiben die Gedanken, zu denen jeder nicht nur ermächtigt, sondern auch befähigt wird. Allerdings ist keine Gedanke denkbar, der nicht mit Liebe gekoppelt wird.

Wer gerade einen Schiffsuntergang beobachtet, kann nicht erkennen, dass das Wasser die Quelle allen Lebens ist. Wer seinen Blick auf den Terror einer winzigen Minderheit und auf die Propaganda eines verbliebenen falschen Rests konzentriert, kann nicht erkennen, dass um ihn herum ein neues Leben entstanden ist und entsteht: Verbrüderung, die in Wirklichkeit auch eine Verschwisterung ist, Teilen als Sinn des Reichtums, Globalisierung statt der Errichtung von Mauern und Zäunen, Überwindung auch der Sprachbarrieren durch die viel gescholtenen Kommunikationsmöglichkeiten, von denen ihr erster Urheber, Samuel Morse noch glaubte, dass sie keinen Sinn machen würden.

An der weltweiten Verbreitung des Wortes BRO kann man sehen, wohin die Richtung geht. Seine Quelle kannte bestimmt nicht Schillers Worte, aber Schillers Geist ist ein Destillat seines Geistes: eine Mischung aus Matthäusevangelium und Jazz. Aber der Jazz selbst ist schon das eigenartigste Substitut von Bachchoral, Mehterhane* und Rhythmus der sklavischen Baumwollpflücker in Alabama. Wir verdanken das Wort BRO ebenso wie die gesamte moderne und weltverbindende Musik den einst am meisten verachteten Menschen: den schwarzen Sklaven Amerikas, dem Inbegriff der Heimatlosigkeit und Verlassenheit, sometimes I feel like a motherless child. Aber zu dieser zarten Klage kam das donnernde Schlagwerk der osmanischen Eroberer und die elektronische Erlösung aus der Sprachlosigkeit. Wir haben früher als köstlichen Witz empfunden, die drei berühmtesten Juden in Jesus, Marx und Einstein zu sehen. Der Witz bestand in der Entthronung von Marx, der damals bei uns als einziger Weltverbesserer galt. Aber heute müsste man als den Schöpfer der modernen Welt eher Emil Berliner, den Erfinder der Schallplatte, sehen. Außerdem ist er eine schönes Symbol für das ewige Wandern der Menschen: er ging von Hannover nach Amerika und dann wieder von Amerika zurück nach Deutschland, und sein Name ist ohnehin Metapher.

 

* osmanische martialische Militärmusik

HAYMATLOS

Nr. 198

Am Rande ostdeutscher Städte findet sich oft eine Ansammlung alter Gebäude, teils verfallen, teils rekonstruiert. Es sind ehemalige Wehrmachtskasernen, und wer in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Welt hätte verstehen wollen, der hätte wissen können, dass ein Krieg bevorsteht. Aus diesen Wehrmachtskasernen ging dann der Schrecken hervor, der gar nicht im einzelnen aufgezählt werden kann, weil er biblische Ausmaße hat, nur der tausend Frauen wollen wir gedenken, die sich am 2. Mai 1945 in einer dieser kleinen Städte gemeinsam mit ihren Kindern das Leben nahmen, aus Angst vor den kommenden Gräueltaten, die auch tatsächlich kamen, weil Rache – hin und her und wieder hin, bis, so glaubte man, in alle Ewigkeit – von allen Beteiligten als passende Antwort  gesehen wurde. In diese Wehrmachtskasernen zog dann die siegreiche Rote Armee ein. Aus einem unseligen Gebiet wurde eine terra incognita, eine unbekannte Zone.

Vielerorts stehen Ruinenstädte als ungewolltes Mahnmal einstiger und heutiger Verkommenheit. In einer sehr schönen kleinen Stadt hat man die Kreisverwaltung und ein OSZ in diesen doppelten Kasernen- und Unheilskomplex gesetzt, um damit das Schicksal dauerhaft zu wenden. Viele ältere Menschen, wissen gar nicht, was ein OSZ ist, als sie jung waren, gab es noch die klassische Berufsschule mit neun Zehnteln Lehrlingen als Lernende. Ein bekannter diesbezüglicher Hoax ist der Handwerksmeister, der einen Lehrling nicht einstellen konnte, weil der beim Aufnahmegespräch nicht zwei mit zwei multiplizieren konnte, multiplizieren gar für einen Pejorativ hielt. Tatsächlich ist ein großer Teil der Handwerksleistungen in die Dumpingzone geraten, in der Lehrlinge einfach zu teuer und nicht handhabbar sind. Denn gegen die Multiplikationsschwäche spricht, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen ein Abitur macht, das natürlich auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Wie jeder seinen Schmerz und seine Schwierigkeiten als die größten glaubt, so sind auch seine Schule und sein Abitur die schon damals denkbar härtesten gewesen. Ein OSZ hat nur noch ein zehntel Lehrlinge und der Rest sind diejenigen Jugendlichen, die vom Handwerk und von der Welt vergessen wurden und die nun Schulabschlüsse unter entspannten Bedingungen nachholen, Berufsorientierungen über sich ergehen lassen, Berufe lernen, deren Zertifikate weniger wert sind als die Lebenserfahrung, die auch auf dem Arbeitsmarkt nützlich sein kann, und die schließlich das Fach- oder Vollabitur machen, um endgültig im postmodernen Leben angekommen zu sein.

In einer anderen kleinen Stadt gibt es, gleich wenn man auf der Bundesstraße aus Richtung Süden kommt, auf der einen Straßenseite einen neuen Schulkomplex, obwohl in derselben Stadt auch schon Schulen leerstehen, und Eigentumswohnungen, auf der anderen Straßenseite eine Ruine, die schon durch ihre Farbe als ehemalige Kaserne erkennbar ist, und ein Asylbewerberheim, das durch zwei Containerbauten ergänzt wird.

In dieser Stadt gab es einst ein slawisches Heiligtum, an dessen Stelle jetzt eine im letzten Krieg zerstörte und nicht vollständig wieder aufgebaute Kirche steht, in deren Jugendkeller einst der Kommunist Wolf Biermann, dem ein Verhältnis mit Margot Honecker nachgesagt wurde, gegen den Kommunismus ansang. In dieser Stadt wurden ebenjene Slawen assimiliert, das ist die Hochform von Integration oder Inklusion, deren Heiligtum man gerade umgewidmet hatte. In dieser Stadt lebten einst geachtete und integrierte Juden, die sich selbst als Deutsche mit einer abweichenden, aber engverwandten Religion sahen. Ihre Synagoge war ein typischer neoklassizistischer Bau des neunzehnten Jahrhunderts an der Wasserpforte, wo also die Stadtmauer den Durchgang zum Wäschewaschen hatte. Heute steht dort ein Denkmal. Fast ein Jahrhundert lang lebten in dieser Stadt genau zu Dritteln Deutsche, Juden und Franzosen. Letztere waren gekommen, weil sie in ihrer Heimat aus Konfessionsgründen verfolgt und in Preußen aus ökonomischen Gründen aufgenommen wurden. Ihre Spuren sind nicht in einem Denkmal surrogiert, sondern in den Nachnamen einiger weniger Bewohner und in den Kirchengemeinden von zwei oder drei Dörfern der Umgegend. Im neunzehnten Jahrhundert dominierte die Einwanderung aus Polen. Sie hatte ihren Ursprung in den Schnitter genannten Saisonarbeitern der teils großen, hier in der Uckermark aber eher ärmlichen Güter, das sind große Landwirtschaftsbetriebe, die teilweise heute noch als ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) fortbestehen. LPG ist jetzt Autogas an Tankstellen. Einige russische Nachnamen resultieren aus der Liebe, die im ersten Weltkrieg russische Kriegsgefangene zu deutschen Mädchen empfanden. Wurden sie nach dem zweiten Weltkrieg vom NKWD gefunden, so verbrachten sie als vermeintliche Verräter Jahre im GULAG. 1930 waren in dieser Stadt von 1800 russischen Mennoniten siebzig, vor allem Kinder, gestorben, die zu Fuß aus Moskau, wo 13.000 von ihnen wochenlang den Roten Platz belagert hatten, um ihre Ausreise zu erzwingen, gestorben, Die anderen zogen nach Paraguay weiter. Von den nach dem letzten Krieg in diese kleine Stadt und ihre Umgebung gezogenen Flüchtlingen erwähnen wir nur den Maler K., der auch zu Fuß aus seiner ehemaligen Heimat, der Batschka in Kroatien floh, und vor ein paar Jahren im Bestsellerroman eines bosnischen Kriegsflüchtlings, dessen Eltern inzwischen, weil sie hier nicht bleiben konnten, in Amerika wohnen, wieder auftauchte.

In dieser kleinen Stadt, in dieser ehemaligen Kaserne saß ich vor ein paar Tagen zum Kaffeetrinken in einem Raum, der mit abenteuerlichen, aber gemütlichen Möbeln ausgestattet ist, die, so berichteten mir die Bewohner, von Christa und anderen stammten, deren Namen sie nicht wussten. Im Fernsehen lief die Rede des Diktators, in der er vielleicht 1000 lachenden Jugendlichen erklärte, warum in diesem von ihm deformierten Land die Zukunft zu finden sein wird. Ein Siebtel der Bevölkerung ist vor dem Zwangsarbeitssystem, das keinen Wohlstand bringt, geflohen. Dann wurde das Fernsehen aus Höflichkeit auf einen deutschen Kanal umgeschaltet, und da lief die Tour de France, in der, ich glaube, auf Platz 81 Daniel Teklehaimanot mitfährt, und jeder, der die Tour de France schon einmal gesehen hat, weiß, was das für eine enorme Leistung ist. Sein supergutes Rennrad bekam er von dem Diktator geschenkt. Wir beschlossen, endlich unseren schon lange geplanten Ausflug zu machen, um noch mehr Refugees aus diesem Land zu treffen. Während dieser Fahrt, die inzwischen stattfand, trafen wir auf einen türkischen Dönerrestaurantbesitzer, der einen afghanischen Flüchtling beschäftigt. Wir trafen auf eine steinalte Frau, die mit ihrem Rollator jeden Tag zu dem Dönerrestaurant fährt und dort einen Kaffee geschenkt bekommt und deshalb jeden Tag zwei Euro siebzig übrig hat und glücklich in den zittrigen Händen hält. Vor dem Asylbewerberheim trafen wir einen superstolzen Romajungen aus Serbien, der in die Schule geht und wirklich sehr gut deutsch sprechen kann, ebenso wie einen Kochlehrling aus Somalia, der sich selbst, mit einem Englischwörterbuch, deutsch beigebracht hat, weil es in diesem Ort keinen Deutschkurs gab und gibt. Drei fröhliche Mamas aus jenem fernen Land kochten für uns Tee. An der Ostsee fuhren meine drei Refugees Riesenrad, denn der Mensch strebt immer zu dem und dorthin, was er gerade nicht hat und wo er gerade nicht ist. Auf der Rückfahrt trafen wir, wieder zufällig, mehrere junge Leute aus jenem Land. Einer hieß wie der Diktator aus dem Fernsehen.

 

‚haymatlos‘ ist ein türkisches Wort, so wie ‚zugzwang‘ ein englisches ist.

HERKUNFT BRAUCHT ZUKUNFT

Nr. 197

Mit 300 Kilometern in der Stunde dahineilende Vehikel nennen wir immer noch Eisenbahnen und den Haltepunkt, der ein Gewirr von Schienen, Treppen, Läden und Restaurants sein mag, einen Hof. Das Automobil verweist auf seine Vergangenheit als Pferdekutsche, indem sein Kraftäquivalent Pferdestärke heißt. Als sich das Radio als Massenmedium ausbreitete, war es eher ein kleines Theater, und so ist der Chef eines Rundfunksenders weiterhin Intendant. Die Vergangenheit ragt also zweifelsfrei in die Zukunft hinein. Name und Design vieler Dinge von heute verweisen auf ihr Gestern. Und oft, wenn wir ein Morgen denken, geben wir ihm die Gestalt von gestern. Auch die Lösungen von vielen Problemen werden in der Vergangenheit gesucht. Aber werden sie auch da gefunden? Wir alle hängen an der Vergangenheit, weil wir die Zukunft nicht kennen. Das ist aber kein Grund, die Vergangenheit als Schutzschild zwischen Gegenwart und Zukunft zu stellen.

SONY DSC

Bahnhof Oertzenhof in Mecklenburg-Vorpommern. Hier enden Adel, Eisenbahn und  DDR. Keine Zukunft für diese Herkunft.

Wir haben auch Angst vor der Zukunft, obwohl wir nicht zugeben können, dass es die Gegenwart ist, die uns gefällt. Das sind zwei wichtige Gründe, in die Vergangenheit zu fliehen. Die politische Richtung heißt Konservatismus, und sie kam auf, als wieder einmal alle alten Werte zu brechen schienen. Die Konservativen stellen das neue gerne als Chaos, die neuen Herrscher, wenn es welche gibt, als Ochlokraten dar. Dabei stammt die Vorstellung, dass jede Herrschaftsform eine Verfallsform habe und sich so ein Kreislauf des Guten und Bösen in der Geschichte ergäbe, von dem römischen Geschichtsschreiber Polybios, der ein Ideengeber von Scipio Africanus, dem Sieger im Dritten Punischen Krieg, war. Nach dieser Theorie verfällt die Demokratie zwar zur Herrschaft der schlechtesten, aber herrschen die schlechtest möglichen Politiker eine Weile, so finden sich neue Demokraten, die unter unsäglichen Opfern den an die Herrschaft geratenen Pöbel, der sich als demokratisch ausgibt, vertreibt. Wahre Demokratie benötigt zur Rechtfertigung nur Wahlen, keine inszenierten Reichstagsbrände, Militärputsche und Bürgerkriege, die in inszenierten Volksfesten der eigenen Anhänger enden. Die Monarchie mündet nach Polybios in die Tyrannei und die Aristokratie in die Oligarchie. Viele Menschen halten die derzeitigen großen Demokratien für die Herrschaft von Oligarchen, eine Handvoll Mächtige, die die Gewinne unter sich aufteilen. Das liegt auch daran, dass keiner gerne zugeben mag, dass seine Gegenwart gerade erträglich oder sogar erfolgreich sei. Die Angst vor dem Neuen und vor dem Fremden lässt uns in das Vertraute und Vergangene fliehen. Würde man das Gedankenexperiment weiter zurückgehen, so würde einem schnell klar, dass die glücklichen Sklaven, die die Feinde der Demokratie sein müssen, in Wirklichkeit Gefangene ihrer Illusion sind. Sie werten ihre Ketten zu Schmuck und Zuckerwerk auf, weil sie Angst vor der Freiheit haben. Der Mensch, schreibt der Begründer der Demokratie, wird frei geboren, doch überall liegt er in Ketten. Das Böse, erwidert der Erfinder des Konservatismus, siegt allein schon dadurch, dass oder wenn die Guten nichts tun.

Manche Gedanken sind rhetorisch so gut, dass man sie nicht aufgibt, zum Beispiel das Bild und das Wort Sonnenuntergang. Seit wir fotografieren können, sind wir in die Sonnenuntergänge ganz vernarrt. Täglich werden in die sozialen Netzwerke etwa zwei Milliarden Fotos eingespeist, davon sind bestimmt zehn Prozent Sonnenuntergänge. Und trotzdem geht die Sonne nicht unter, sondern die Erde dreht sich so, dass wir die Sonne sehen oder nicht sehen und auch den Moment zwischen Sehen und Nichtsehen sehen können. Was evident oder plausibel ist, muss noch lange nicht wahr sein, und was wahr ist, muss noch lange nicht real sein.

A demonstrator protesting the shooting death of Alton Sterling is detained by law enforcement near the headquarters of the Baton Rouge Police Department in Baton Rouge, Louisiana

A demonstrator protesting the shooting death of Alton Sterling is detained by law enforcement near the headquarters of the Baton Rouge Police Department in Baton Rouge, Louisiana, U.S. July 9, 2016. REUTERS/Jonathan Bachman TPX IMAGES OF THE DAY. Wer ist hier die Herkunft und wer kann nur die Zukunft sein?

 

So ist es auch mit Odo Marquards Slogan über das Verhältnis von Herkunft und Zukunft. Er stammt aus einen gleichnamigen Büchlein aus dem Jahre 2003 und steht dort über einem gleichnamigen Essay. Marquard versucht darin, seine Angst vor der Zukunft nicht nur in Worte, sondern überhaupt in eine Kategorie zu fassen. So erklärt er den Computer, wie es damals unter älteren Menschen üblich war, zu einer besseren Schreibmaschine. Und so wie das Automobil den Begriff der Pferdestärke in sich trägt, so übernimmt der Computer die Tastatur der Schreibmaschine, jenes QWERTZUIOP, das kein Wort, kein Begriff, aber ein Inbegriff ist. Die nächste Generation der natives, der im elektronischen Zeitalter Aufgewachsenen, tut sich schwer mit Tastaturen und herkömmlichen Computern, ist eins geworden mit dem Smartphone, das zwar auch QWERTZUIOP verwendet, aber vor allem durch seine Allgegenwart, beinahe hätte ich geschrieben Omnipotenz auffällt. Es gibt eine schöne Karikatur, die den sozusagen historischen Hans Guckindieluft aus Hoffmanns Struwwelpeter zeigt, wie er träumend in den Fluss läuft, weil er abwesend ist. Aber die natives sind ja nicht abwesend, sondern auf eine ganz neue Art anwesend, die nicht mit der Schreibmaschine oder der Eisenbahn oder den Pferdestärken zu tun hat. Sie sind in einer globalisierten Welt anwesend, die keine Bücher und keine Faktenschule braucht. Diese Welt relativiert die Realität genauso wie sie sie abbildet. Sie lässt den Traum der Romantiker wahr werden, dass wir in einem kontinuierlichen Narrativ statt in der wirklichen Welt leben. Schlegel hielt es für wünschenswert, die ganze Welt zu poetisieren und eben das tut das Smartphone. Wie eine Droge ist es eine Bewusstseinserweiterung und nicht eine verlängerte Schreibmaschine. Gleichwohl leben wir also nicht nur in dem beginnenden Zeitalter der Allgegenwart von Kunst, sondern auch in der Epoche, in der am meisten geschrieben und gelesen wird. Und auch die Bücher bleiben erhalten und bilden ihrerseits eine Parallelwelt. Die Vergangenheit ist eine conditio sine qua non, eine Bedingung der Gegenwart und der Zukunft, aber kein Rückzugsgebiet für ängstliche, übervorsichtige oder gar rückwärtsgewandte Menschen. Wer denkt, kann nur vorwärts denken, nur wer grübelt, blickt zurück. Wer glaubt, dass Lösungen für gegenwärtige Probleme in der Vergangenheit lägen, der muss auch den Hunger, den Krieg, die Pest, die Unterdrückung, die undurchlässigen Grenzen, die Verachtung, den Rassismus, die Prügel hinnehmen, die damals die Begleiterscheinung der Ordnung waren. Außerdem erscheint die Ordnung immer nur als Ordnung. Tatsächlich ist Ordnung Chaos, Auflösung und helle Aufregung. Aber im Chaos einer Menschenmenge setzt sich nicht nur der Tod durch, sondern auch die Rettung, die mit der Gefahr, wir zitieren schon wieder einen Romantiker, wächst. So vieles muss sich bessern. Aber so vieles hat sich auch schon gebessert. Und so braucht Herkunft Zukunft. Hast du ein Problem gelöst, so ist der Optimismus größer als die Summe der verbleibenden Probleme.

 

Die blogs mit Nummer sind neue Texte, die ohne Nummer dagegen stammen aus dem alten untergegangenen rochusthal.blog.de, sie weichen im Umfang manchmal ab. 

VERSÖHNUNG

Nr. 196

Wo zwei Menschen zusammen sind, gibt es Widerspruch. Konsens dagegen findet in der Gruppe statt. Und: man kann schlecht schweigen. Das sind die Grundthesen menschlicher Kommunikation. Aus diesen drei Sätzen lässt sich aber auch eine ganze widersprüchliche Welt reproduzieren.

Gruppen haben das Bestreben, sich zu spalten. Die Schüler von Jesus etwa hatten sich schon zerstritten, bevor der Meister tot war. Eine Frau wollte ihm die Füße salben, da schrien sie: Wozu dienet dieser Unrat? Eltern brachten ihre Kinder zum Segnen, da wurden sie unwillig. Petrus verleugnete den Meister, Thomas glaubte nicht an die Auferstehung, aber Judas wurde als Verräter angesehen, obwohl er nur tat, was in der Bibel vorgesehen war. Auf allen Bildern  der nächsten zweitausend Jahre ist er rothaarig mit Schurkenblick, beim Abendmahl sieht er in die andere Richtung. Es vergehen keine dreihundert Jahre und schon herrscht unter den Christen Mord und Totschlag über der Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war. Bei den Nachfolgern des Propheten Mohammed beginnt der Streit mit seinem Tod: wer ist das rechte Oberhaupt  und Kalif, der Schwiegervater Abu Bakr oder der Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib. Bis auf den heutigen Tag dauert der Streit, selbst darüber, ob es gut ist, dass dadurch der Ölpreis sinkt, herrscht Uneinigkeit. Sprichwörtlich war die Spaltung der Linken, deren erbitterter Kampf gegeneinander nicht nur skurrile Formen annahm, sondern den Kampf gegen den Kapitalismus vergessen ließ. So hat das kleine Albanien, als es kommunistisch war, nicht nur 600.000 Einmannbunker gegen die Amerikaner gebaut, sondern auch Tonnen von Propagandamaterial und starke Kurzwellensender gegen die Helfer der Imperialisten in Peking, Moskau, Belgrad und Ostberlin geschleudert. Tirana war mit jedem verfeindet. Die Selbstzerlegung einer rechten Partei dagegen kann man immer wieder, wie auch gerade jetzt, beobachten.

Ein Schisma ist natürlich immer auch Machtkampf rivalisierender Personen und Untergruppen. Aber dahinter scheint auch immer die Frage zu stehen, ob eine Bewegung mehr Selbstzweck oder mehr Weltzweck ist. Vielleicht sollte man dies das abrahamitische Dilemma nennen, nicht weil es Abraham gehabt hätte, sondern weil die Christen mehrere hundert Jahre darüber stritten und dieser Streit sich auch durch den Koran zieht*. Wer glaubt, dass sein Sinn in Loyalität bestünde, kann nicht gleichzeitig die Welt verbessern, wer die Welt verbessern will, kann nicht gleichzeitig loyal sein. Das gilt auch dann, wenn der Grund, loyal zu sein, einst die Weltverbesserung, und der Grund zur Weltverbessrung die Loyalität oder Gruppenzugehörigkeit war.

Versöhnung ist nur dann unmöglich, wenn beide Seiten das gleiche glauben: nihil esse innovandum, nichts ist zu erneuern. Dann stirbt jede Gruppe den Infarkttod und die Welt bleibt stehen.

Versöhnung ist aber dann möglich, wenn beide Seiten ein drittes erkennen, das sie gemeinsam haben oder haben könnten. Dass ausgerechnet Charles de Gaulles, der General und konservative Politiker, zum Mitbegründer der französisch-deutschen Aussöhnung wurde, mag verwundern, wenn man ihn nur für das hält, was er auf den ersten Blick war: ein rechtskonservativer General, der ständig von der Größe Frankreichs schwafelte. Stattdessen war er aber auch ein Befehlsverweigerer und, nachdem er in Kriegsgefangenschaft geraten war, ein permanenter Ausbrecher und Freiheitssucher. In diesem Bestreben lernte er den wesensverwandten späteren Marschall der Sowjetunion Michail Tuchatschewski kennen, der ebenfalls schon mehrfach geflohen war und dem die letzte Flucht auch gelang, und die beiden befreundeten sich und sind sich später auch noch begegnet. Tuchatschewski sprach fließend französisch, de Gaulle konnte sehr gut deutsch, beide interessierten sich für die Kriegführung der Zukunft, auf beide wurde später nicht gehört. Beide entstammten übrigens Adelsfamilien und waren sehr gebildet, Tuchatschewski zudem noch künstlerisch interessiert und begabt. Das mag sie zusammengeführt haben.

Zukunft und Versöhnung brauchen also gerade nicht Herkunft, sondern Offenheit und Freiheit als hohes Gut, das all die verlogenen Begriffe der Vergangenheit ablösen muss, die auf Gruppenzugehörigkeit oder Loyalität allein beruhen. Jede Gruppe ist Therapie. Aber jede Therapie ist auch tödlich, wenn sie nach der Gesundung fortgeführt wird.

Auf deutscher Seite stand für die Versöhnung der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer zur Verfügung. Würde man ihn nur aus der Sicht etwa der Spiegelaffäre oder seines Altersstarrsinns beurteilen, so wäre er noch rechter als de Gaulle. Aber noch als erster Dezernent, also bevor er Bürgermeister wurde, schuf er ein ‚Rheinisches Schwarzbrot‘ aus Topinambur, das ihm zwar den Spottnamen Graupenauer, aber auch das Überleben und die Dankbarkeit vieler Kölner einbrachten. Die erste orthotrope** Brücke der Welt geht, nach dem Sieg im Zweiten Kölner Brückenstreit, in dem er sich mit der verhassten KPD verbündete, auf Adenauer zurück. Auch er war also ein Konservativer mit der Fähigkeit zur Öffnung. Nicht sicher kann man sich sein, ob er im Falle der Gefangenschaft geflohen wäre oder durch Verhandlungen und Innovationen erreicht hätte, dass das Lager aufgelöst und die Gefangenen freizulassen sind. Legendär ist sein Einsatz für die deutschen Kriegsgefangenen, die daraufhin tatsächlich im Jahre 1955 nach Hause entlassen wurden. Ob sie es als ihr Zuhause wiedererkannten, sei bezweifelt. Für sie galt auch Williams Faulkners schöner Beitrag zu unserem Thema: Das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen.

Für die ebenso notwendige und ebenso gelungene Versöhnung mit unserem östlichen Nachbarn Polen fehlt eine solche personale Dimension. Hier wirkte der von de Gaulle und Adenauer implantierte Europagedanke. Ironischerweise hat die gerade im Absterben begriffene Sub- und Unkultur der sogenannten Polenmärkte zum Abbau der Vorurteile  einer ungebildeteren und ärmeren Bevölkerungsgruppe  beigetragen, die sonst vielleicht im nationalen Dünkel steckengeblieben wäre.

Es ist kaum bekannt, dass es regelmäßige Gipfeltreffen der französischen, polnischen und deutschen Politik gibt, die wegen der geometrischen Verhältnisse der drei Flaggen zueinander und wegen des ersten Treffpunkts Weimarer Dreieck genannt werden. Um die Bevölkerungen unserer drei Länder und um ihre Beziehungen untereinander muss man sich ohnehin keine Sorgen machen.

Vielmehr sollten wir versuchen, unsere Erfahrungen beim Abbau falscher Gruppenloyalitäten weiterzugeben. Zurecht entstehen immer neue Loyalitäten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie unweigerlich auch immer zum Dissens führen, wo sie nicht offen bleiben, Freiheit als wichtigsten Wert sehen und sich zu erneuern vermögen.

SONY DSC

Masaccio-Trompeter 1426

 

Fotos: Mülheimer Brücke in Köln, Masaccio-Trompeter verkündet einen Sohn und Versöhnung

Das Wort Versöhnung kommt nicht von Sohn, sondern von Sühne, wie man aus dem Weihnachtslied ‚O du fröhliche‘ hätte wissen können, wenn einen nicht das Vorurteil des schlechten Reims gehindert hätte.

* Brief des Paulus an die Römer 4,3; Brief des Jakobus 2,21; Sure 5 Al Maedah

** durch sich selber getragene