39387 ANDERSLEBEN

 

Nr. 202

Vielleicht sind die Menschen, darunter die Politiker und Polizisten und Richter in Sachsen nicht rechter als anderswo, aber staatstreuer. Vielleicht wird, genauso wie in der DDR, nichts rechts oder links oder gut oder schlecht oder nützlich oder unnütz belohnt oder bestraft, sondern treu oder nicht treu. Und wie sich der Staat als Staat treu bleiben soll oder treu bleiben will, so wollen sich auch seine Zweifler und Gegner treu bleiben. Sie wollen Zeichen setzen, weil sie glauben Zeichen setzen zu sollen.

Vielleicht teilt sich überhaupt die Menschheit mehr in Bewahrende und Aufbrechende. Die Aufbrechenden müssen sich als Verächter des Alten beschimpfen lassen. Den Bewahrenden dagegen wird vorgeworfen, dass sie das Neue, den Fortschritt behindern. Den Fortschreitenden wird hinterhergerufen, dass es schändlich ist, den Raum der eigenen Geschichte zu verlassen. Wer aber das Elternhaus als Gefängnis erlebt, der freut sich über die Befreiung von außen. Bringt nur eine agrikulturelle Maschine Nutzen oder auch das Hünengrab auf dem Hügel? Ist ‚Nutzen‘ überhaupt die geeignete Kategorie, um unser Leben zu beschreiben? Ist vielleicht alles ewiger Generationskonflikt?

Der größte Irrtum ist, dass es eine wenn auch noch so kleine Wahrheit gibt. Niemand hat einfache Antworten auf die immer komplexer werdenden Fragen. Denn Globalisierung heißt nicht nur, dass mein Frühstück aus Argentinien und mein Koch aus Pakistan stammt, sondern auch, dass der Schaden, den ich anrichte, irgendwann im Süden Afrikas ankommt. Die alten Witzworte, dass uns etwas interessiert ‚wie die Wasserstandsmeldung‘ oder nahegeht ‚wie der in China umkippende Sack Reis‘ werden uns noch im Halse steckenbleiben. Wer also Alternativen sucht, sollte an Tätigkeiten denken, nicht an Thesen. Um zu verdeutlichen, dass sich Philosophie und Technik perspektivisch nicht so sehr unterscheiden, wie man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen könnte, begeben wir uns in ein Gedankenexperiment: Man kann die scheinbar unendliche und grenzenlose Technikentwicklung auf zwei Grundprinzipien reduzieren, nämlich Mobilität der Körper und Mobilität der Gedanken. Dann wäre das Smartphone eine Variante des Marathonläufers und des Rauchzeichens und der Stau auf der A9 eine Permutation des Mongolensturms. Die heutige technische Entwicklung wäre nichts anderes als die ständige Verkleinerung der Dinge bei gleichzeitiger Erhöhung ihrer Nutzgeschwindigkeiten. Dann erscheinen die zeitgenössische Einfallslosigkeit der Philosophie des letzten Jahrhunderts oder das Fehlen wirklicher Geistesriesen nicht mehr als Mangel. Genau wie in der Technik würden dann die einmal und für immer erkannten Grundprinzipien in tausend Variationen fortgeschrieben, was auch Arbeit ist. Das Warten auf Lösungen in einer gelösten Welt erschiene dann als sinnlos, nicht das vermeintliche geistige Vakuum der Philosophie.

Es gibt vielleicht zwanzig Zinstheorien. Es gibt überall auf der Welt wachsenden Reichtum und wachsende Möglichkeiten des Ausgleichs von Armut und Reichtum, wie zum Beispiel Handel, Entwicklungshilfe und Flucht. Trotzdem gibt es immer wieder Gruppen oder einzelne Menschen, die glauben, dass das Elend oder das Wohl der Welt im Zins läge. Wer über den Zins klagt, liebt das Haus nicht, in dem er lebt. Von dem Brot, das wir essen, lebt auch der Bäcker. Man hat nicht zu wenig Geld, sondern zu viele Wünsche. Aber statt dankbar zu sein, dass wir nicht mehr hungern wie unsere Vorfahren, dass wir nicht mehr an der Pest sterben, dass es keinen Krieg gibt, statt dankbar dafür zu sein und die aufzunehmen, bei denen Krieg ist, popeln wir lieber solange in der Geschichte herum, bis wir einen Schuldigen an einem Krieg gefunden haben, den wir beschimpfen und bekämpfen können. Am Bürgerkrieg in Syrien können die Amerikaner schuld sein oder die Russen, der syrische Diktator oder der Kolonialismus, der Waffenhandel oder der Ölpreis, der Kampf zwischen den Schiiten und den Sunniten oder die Kreuzzüge, der zweite Weltkrieg oder der erste, der Kommunismus oder der Kapitalismus. Wem hilft es, wenn wir einen oder zwei oder alle immer wieder benennen? Wem hilft es, wenn wir einem Flüchtling oder einem Obdachlosen helfen? Den Waffenhandel beenden Wahlen und nicht Beschimpfungen. Bildung bringt mehr Freiheit, und die Erkenntnis, dass es keine absolute Freiheit gibt, bringt nichts.

In einem Laden in einem sächsischen Städtchen kann man die Treue zum permanenten Protest sehen, wie aber auch die Lösung der menschlichen Probleme in der Tätigkeit. Kunst ist die Alternative für denjenigen, dem sein Leben zu eng erscheint. Denn Politik ist immer mehr Verwaltung und Veraltung als Innovation oder gar Revolution. Immanuel Kant bewunderte jenen Herrn in Potsdam, der mehr Herrentum abgeschafft hat als die köpferollenden Revolutionäre in Paris und Petersburg. Aber auch das Preußentum ist pervertiert, und der letzte deutsche Kaiser ist eher der Vorläufer vom totalen Krieg als der Nachfahre jenes weisen Preußenkönigs gewesen.

In diesem Laden werden Blätter verteilt, die Lösung für Probleme versprechen, die keine sind, die Politik als etwas kritisiert, was sie nicht ist und meistens auch gar nicht sein kann. Dass Politik visionär gigantische Menschheitsprobleme löst, kommt ganz selten vor, und es ist geradezu lächerlich, einen gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten als  Schattenwirtschaftsexperten anzusehen. Da wird links schneller zu rechts als man den Kopf wenden kann.

Die Welt wird besser, wenn wir alle etwas tun, denn ob es tatsächlich für die Verbesserung ist oder dagegen, können wir meistens nicht erkennen. Noch stehen in unserm Land tausende Denkmale herum, die unterstellen, dass Menschen mit Krieg Opfer für ihr Land, das sie verkleinerten, für uns, die sie nicht kannten, für ihre Kinder, denen sie den Vater raubten, gebracht hätten. Noch nicht einmal die simple Erkenntnis, dass Frieden immer ist und Krieg nur ganz selten, hat bisher ein Denkmal erhalten.

Ob man also in einem alten Laden alte Bücher, zum Beispiel von Kant, verkauft, oder ob man in einem Blog alte Gedanken wägt, das bleibt sich gleich, wichtig ist nur, dass man etwas tut. Man hört schon wieder die Rufe der Empörer: Beliebigkeit, wo bleibt die Wahrheit, wo bleibt die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit bleibt immer in der Asymptote des Tuns.

MENSCHENMÄKELEI

Nr. 201

Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen, lässt Lessing seinen Nathan aus dem Berliner Nikolaiviertel sagen, und setzt damit die erste Antirassismusformel. Die zweite stammt von einem Mathematiker, Cavallo-Sforza, und sie besagt, dass die Unterschiede zwischen zwei Gruppen immer kleiner sind als die innerhalb einer Gruppe.

Aber Menschenmäkelei gibt es nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen den Geschlechtern, den Alters- und sozialen Gruppen. Rassen- oder Klassenhass sind also nur bestimmte historische Erscheinungsformen oder auch nur Namen der einen und selben, oft auch organisierten Menschenmäkelei.

Übrigens lässt Lessing in seinem Nathan nicht nur gewöhnliche Vertreter ihrer Völker oder Religionen aufeinandertreffen: Nathan haben die Christen die Frau und sieben Söhne verbrannt, ein Schicksal von Hiobsausmaßen, wie es erst in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘ wieder erscheint, der Tempelherr kommt mit einem Kreuzfahrerheer, verliebt sich in ein jüdisches Mädchen und ist der Neffe des muslimischen Sultans, der Kurde und nicht Araber ist, was auch heute noch zu mancher Mäkelei und manchem Mord Anlass gibt, der das Christenheer (’so widerspricht sich Gott in seinen Werken nicht‘) zwar auch militärisch schlägt,. seinen größten Sieg aber mit Geld erringt, das ihm im Drama Nathan besorgt, in der Wirklichkeit wohl aber vorhanden war. Auch die Nebenfiguren sind voller wunderbarer Widersprüche: der Patriarch ist ein Fundamentalist, der keine Einwände gelten lässt: ‚tut nichts, der Jude wird verbrannt‘, Daja, die einfältige Christin dient dem reichen Juden, des Klosterbruders einfacher Glaube wird schamlos missbraucht, und der Finanzminister des Sultans spielt lieber Schach.

Aber wenn wir uns einfach umsehen, dann finden wir alle diese widersprüchlichen Menschen innerhalb unseres Horizonts. Die Globalisierung trägt aber nicht nur zu Verschärfung der Ansichten bei, sondern schärft auch unsern Nathanblick. Die Menschen sind sich ähnlicher, als wir alle annehmen. Die Biologen sprechen schon lange von, ich glaube, 99,98% Übereinstimmung. Und je mehr man Menschen aus der ganzen Welt beobachten kann, sei es durch Reisen, Flucht oder Fernsehen, desto mehr wird man auch deren Übereinstimmung sehen und desto stärker wird diese Übereinstimmung zunehmen.

Der hohe Grad der wachsenden Übereinstimmung und die Sinnlosigkeit der Menschenmäkelei sollten uns zu der Überlegung führen, dass man sich Menschen nicht aussuchen kann und dass sie auch nicht ausgesucht werden und ausgesucht worden sind.  Der Garant, dass das Leben weitergeht, ist die pure Quantität. Erst aus den tausend Bedingungen, auf denen ein Mensch steht, ergibt sich seine manchmal besondere Qualität. Der große Bach sah vielleicht seine Mitmenschen oft müßig (sitzen, streiten, schreiben) und sagte deshalb, eine von seinen tausend Bedingungen hervorhebend, dass er einfach fleißig gewesen sei und dass, wer eben so fleißig sei, es eben soweit bringen werde. Der große Shakespeare wiederum fand, dass wir alle übereinstimmend wie ein unperfekter Akteur auf Bühne stehen, alle. Und der große Michelangelo hat seine Wirbelsäule genauso bei der Arbeit verbogen wie die von ihm geliebten Marmorarbeiter in Carrara.

Diese tausend Bedingungen sind ein Wechselspiel von Zufall und Freiheit. Aber man darf nicht vergessen, dass selbst die einfache Stubenfliege, musca domestica, manchmal, wenn sie an einem Fenster Gefangene ihres falschen Weltbildes ist, mehr Energie für die Freiheit, für den freien Willen, für die Durchsetzung dieser einen, bitter notwendigen Bedingung aufwenden muss, als sie tatsächlich zur Verfügung hat. Das Ergebnis ist, dass sie tot auf dem Fensterbrett zur barocken Metapher der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit verkommt.

Die Partnersuche wird von vielen Menschen als ein ganz aktiver Prozess verstanden. Selbst in Ländern oder Zeiten, in denen ein Pulk dicker Tanten die passende Braut nach einer Bedingungstabelle aussuchte, platzt der Bräutigam vor Stolz über seine Wahl. Niemand, der gerade eine Braut oder einen Bräutigam gefunden hat, zweifelt an der Wahl. Aber jeder kennt auch den schönen mathematischen Satz des Sokrates: ob du heiratest oder nicht, später wirst du es bereuen.

Bei allen anderen Menschen ist der Zufall, der sie zu uns brachte, klarer erkennbar, bei Kollegen, bei Urlaubsbekanntschaften sogar signifikant, der alte Mann in den Bergen, das junge Mädchen am Brunnen, sie alle sind das Mosaik oder das Paradigma der Menschenbegegnung. An der Bosheit der Tyrannen kann man ebenfalls das harte Wirken des Zufalls sehen: der böse König Herodes musste alle Knaben seines, wenn auch nicht großen, Landes töten lassen, um den einen, der durch Flucht ausgewichen war, nicht zu treffen. Demografisch spielt das, mögen die Zahlenfetischisten unter uns nörgeln, genauso wenig eine Rolle wie die fehlenden jungen Männer in dem ebenfalls kleinen Land Eritrea, nur moralisch sind solche Diktatoren unhaltbar, Herodes und Yesaias Afewerki.

Und trotzdem muss man nicht Fatalist werden oder die Welt als ein Abbild bloßer Zahlenverhältnisse sehen. Vielmehr ist es umgekehrt, die Zahlenverhältnisse sind die immer schlechten Abbilder der Welt. Schopenhauer war wohl ein großer Skeptiker und Pessimist, aber von ihm stammt der fast umwerfende Gedanke, dass wohl jeder Junge einen Käfer zertreten, aber kein Professor einen Käfer erschaffen kann. Das erste Wunder, das als unmittelbare Folge aus diesem Satz folgt, ist, dass heute weit weniger Knaben Käfer zertreten als früher. Wir sind für das Wunder sensibilisiert. Die Bildung ähnelt sich übrigens auch weltweit und nimmt bekanntlich zu, wie auch die Kunst selbst für Analphabeten immer erreichbarer und allgegenwärtiger wird. Immer mehr Menschen werden aus anerzogener Rücksicht Vegetarier.

Das zweite Wunder, das aus dem Satz des großen Skeptikers folgt, ist, dass Käfer und Mensch sich nur in einer Richtung begegnen können. Weil die Zeit irreversibel ist, ist das Leben unteilbar. Was uns begegnet ist nicht nur Zufall, sondern eben auch immer Wunder. Es stirbt nicht nur ein Käfer, sondern es vergeht ein Wunder für immer. Und was zurecht für Käfer gilt, fragen wir in gut lessingscher Manier, sollte nicht für unsere Mitmenschen gelten? Fragen wir uns nicht ständig, woher wir kommen, sondern freuen wir uns auf das gemeinsame Stück Weg.

Mit der Menschenmäkelei dagegen ist es wie mit dem Zorn: sie verbrauchen mehr Energie als die Freude einbringt, sie sind also nicht nur für andere, sondern auch für uns ein Desaster. Statt immer wieder zu überlegen, was wir an anderen ablehnen oder gar verbieten könnten, sollten wir lieber viel öfter sagen: Dich schickt der Himmel. Das ist mathematisch und moralisch exakt.

BOSNISCHE PFEFFERMÜHLE ODER FRIEDENSPFLICHT

Nr. 200

Haben wir keine Feinde, weil wir keine Flugzeugträger haben, oder haben wir keine Flugzeugträger, weil wir keine Feinde haben?

 

Friedenspflicht ist ein Wort aus dem Streikrecht und bedeutet dort, dass nicht gestreikt werden darf, während die Tarifverhandlungen laufen. Merkwürdigerweise ist noch niemand darauf gekommen, dass das Wort auch eine weitaus allgemeinere Bedeutung haben sollte und könnte. Wir sind im täglichen Leben zum Frieden verpflichtet, weil wir nicht im Streit leben können. Staaten müssen miteinander auskommen, wenn sie nicht ihren Wohlstand gefährden wollen, ja, Wohlstand hat Frieden als eine Vorbedingung. Wer rüstet, findet kein Ende. Rüstung ist immer unersättlich, weil sie auch stündlich veraltet. Die Spuren der Rüstung wirken lange nach, sind sozusagen nachhaltiger als befürchtet. Zwischen Prenzlau und Stettin gibt es im Wald ein Rüstungsdepot der Wehrmacht, das aussieht, als hätte man es gestern verlassen. Im schönen Wald bei Neustrelitz, der den Geist der Königin Luise von Preußen atmet, die dort ihre schönsten, aber auch ihre letzten Stunden verlebte, spürt man die Hangars der Atomraketen mit dem martialischen Namen SS-20. Die Antwort darauf, den amerikanischen Stützpunkt Ramstein, gibt es heute noch. Übrigens entstand er, als die Wehrmacht Teile der Reichsautobahn als Start- und Landebahn nutzte. Rüstung kommt also immer zurück, wie ein mathematisch gesteuertes Schicksalssystem. Ramstein ist die Reinkarnation der V-Raketen aus Peenemünde. Das V stand, man erinnert sich nur mühsam und widerwillig, für Vergeltung. Vergeltung hat nach einer zu langen Karriere bei den rachsüchtigen Menschen endlich ausgedient.

Die Europäische Union befindet sich offensichtlich in einer Sinnkrise, nicht etwa in einer Wirtschaftskrise. Selbst die Jugendarbeitslosigkeit der südlichen Länder ließe sich nach deutschem Vorbild wenn nicht bekämpfen, so doch wesentlich entzerren und lindern. Nur in Berlin werden OSZs geschlossen. Wir sollten diese Sinnkrise nutzen, um der Union einen Entwicklungsschub zu geben, der ihr gleichzeitig den teilweise verloren Sinn wiedergeben kann.

  1. Alle Länder der Union stellen keine Waffen mehr her und beteiligen sich nicht mehr am Waffenhandel. Natürlich sind die Waffen nicht schuld an Krieg und Mord, aber sie tragen zu einem sozusagen effizienten Mordsystem bei. Deutschland beteiligt sich glücklicherweise seit über siebzig Jahren nicht mehr an Kriegen und Kriegshandlungen. Die Zahl der Tötungsdelikte geht drastisch zurück. Dies ist gleichermaßen der humanen Rechtsprechung gedankt. Deutsche Waffen können beträchtlichen Schaden anrichten und sie tun das auch, aber der Schaden in unserer Exportstatistik ist wahrlich gering. Waffenexporte machen weniger als ein Prozent unserer Exporte aus, was ungefähr fünf Prozent Weltmarktanteil entspricht. Da wir aber nach den USA und Russland und neben Frankreich und China einen der vorderen Plätze im Welthandel mit Waffen belegen, wäre die Signalwirkung eines deutschen Verzichts beträchtlich. Jeder weiß, dass Deutschland einmal hochgerüstet war und den zweiten Weltkrieg begonnen und immerhin fünfeinhalb Jahre lang geführt hat.
  2. Die Union tritt aus der NATO aus, bleibt ihr aber assoziiert und freundschaftlich verbunden und beteiligt sich an Friedenseinsätzen mit UNO-Mandat finanziell und logistisch. Für Katastropheneinsätze und andere humanitäre Aufgaben wird ein gesamteuropäisches Berufsheer geschaffen. Für einen Übergangszeitraum bleibt das Raketenabwehrsystem der NATO mit Zentrum in Ramstein bestehen.
  3. Waffen werden auch im Inneren mittelfristig geächtet. Das Gewaltmonopol des Staates wird einerseits gestärkt und verstärkt durchgesetzt, andererseits langsam entwaffnet. Die Landespolizeien verfügen ab sofort über keine Waffen mehr. Die Bundespolizei konzentriert sich auf Gewaltbekämpfung und unterhält bewaffnete Sondereinsatzkommandos, deren Verwendung jeweils parlamentarisch kontrolliert wird. Das Ziel ist gewaltfreies Assekuranz- und Verantwortlichkeitsdenken.
  4. Die Medien, Kunst, Kultur, Unterhaltung und Schule verpflichten sich, zunehmend und bemerkbar auf militaristische, rassistische und gewaltverherrlichende Inhalte zu verzichten. Da jedes Verbot wie Gewalt wirkt, müssen wir den freiwilligen Verzicht stärken.
  5. Alle Autoren schwächen den Glauben an Hierarchien und Institutionen, Zeichen, Grade, Kreuze, Siege, Feinde, Verschwörungen, Alternativlosigkeiten und Monokausalitäten, Strafen und Technik. Diese Liste kann von jedem und jeder ergänzt, korrigiert, umgestellt werden. Statt dessen sollten wir uns gegenseitig ermutigen, wieder an das Gute, an den Menschen und all die Lehren und Imperative zu glauben, die im Laufe der Menschheitsgeschichte gedacht und gefühlt wurden. Der Glaube an Gott ist immer auch ein Glaube an Menschen, der Glaube an Menschen ist immer auch ein Glaube an Gott, an das Transzendente, das uns verbindet. Warum sollte nicht, nachdem Kunst und Kommunizieren einen solchen Aufschwung genommen haben, auch das Denken und das Vertrauen, wie das Glauben in den verschiedenen, langsam zusammenwachsenden Gemeinschaften, gestärkt werden können?
  6. Die Union nimmt jedes Jahr Flüchtlinge auf und integriert sie in die gesellschaftlichen Systeme der Mitgliedsländer. Dabei sollte man weitgehend individuell vorgehen, den Menschen als Menschen sehen und nicht als Zahl. Dies sorgt für die ständige Korrektur unserer Sichten auf die Welt, die Menschen und die Union selbst. Empathie ist die wichtigste Menschensicht und Menschenpflicht. Als Nebeneffekt dürfen Flüchtlinge auch von den zuständigen Gremien und Experten als Wirtschaftsfaktor einbezogen werden.

Wir bleiben heute ausnahmsweise einmal konkret.

HAYMATLOS II

Nr. 199

Der Druck auf die Emigranten und Immigranten erhöht sich sichtbar, wenn die Flucht oder die Wanderung als Verrat, politisches Versagen oder gar politische Provokation bewertet werden. So wurden Kleidung, Möbel und Wohnungseinrichtungen sowohl der geflohenen als auch der in die Ghettos und Konzentrationslager deportierten Deutschen jüdischen Glaubens geplündert und verhökert. Einige Jahre nach dem Mauerbau gab es in der DDR spezielle, meist provisorisch eingerichtete Läden, in denen das zurückgelassene Leben der Republikflüchtigen, so der offizielle Terminus, billig zu haben war. Mit dem zunehmenden Wohlstand und der Normalisierung der moralischen Wertskala drehte sich das Verhältnis langsam um. Eine polnische Familie, die von den an Russland abgetretenen Gebieten Ostpolens nach dem von Deutschland erhaltenen Westpolen vertrieben worden war, hat das ehemals deutsche Haus samt seiner Einrichtung bis in die sechziger Jahre, mitten im kalten Krieg, für den Fall konserviert, genau so erhalten wie sie es – nach ihrer Meinung unrechtmäßig – übergeben bekommen haben. Und die westdeutsche Familie hat es bei einem tränenreichen Besuch genau so vorgefunden wie sie es verlassen haben. Überhaupt sind die deutschen Ostgebiete, ein nicht minder trauriges wie aber auch ermutigendes Beispiel dafür, dass es Vergebung und Ausgleich geben kann. Auch unser Verhältnis zu Frankreich spricht für den Triumph einer menschlichen Moral. Die heutigen Möbelbörsen arbeiten umgekehrt: sie stellen Altmöbel für Arme und Flüchtlinge zur Verfügung. Ein Schrank ist zwar keine Heimat, aber ein Land mit Repression, Krieg, Verfolgung und bitterer Armut auch nicht,

Vielleicht ist es aber alles auch ganz anders. Die Verwirrung der Sprachen war wirklich eine Strafe, ob nun von Gott, der Natur, der Evolution oder der immer noch nicht wiederentdeckten Natur des Menschen. Alle Versuche der Nationalisten, Rassisten, Militaristen, religiösen Fanatiker und überhaupt Rechthaber, die Welt zu separieren, parzellieren, zu spalten, zu zerreißen und zu zerstören, sind gescheitert. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Gewaltherrschaft. Die letzten Diktatoren verlassen, wie die sprichwörtlichen Ratten, ihre sinkenden Schiffe. Das waren skurrile blutrünstige Gestalten, an die wir Menschen nur geglaubt haben, weil uns der Mut fehlte, den wirklich Guten einfach zu folgen: liebt eure Feinde, dann habt ihr keine mehr; wetteifert um gute Taten; getan ist, was ihr tut, nicht was man euch tut. Es fehlt uns nicht an Maximen, aber immer noch an Mut, ihnen einfach zu folgen. Dabei ist die billigste Formel: man muss tatsächlich bei sich anfangen.

Was wir gerade erleben, wäre dann das letzte Aufbäumen dieser seit Jahrtausenden gewalttätigen und widerwärtigen Welt, der es schwerfällt sich von den Grundsätzen der Kurzdenker, überhaupt von Grundsätzen zu lösen. Nachdem es im neunzehnten Jahrhundert einen Höhepunkt der Vernunft und Regelhaftigkeit gegeben hatte, löste sich sowohl das naturwissenschaftliche wie auch das religiös-staatsrechtliche Bild von der Zwanghaftigkeit der Regelwerke auf. Je mehr Regelwerke im Orkus der Selbstauflösung verschwanden, desto mehr dämmert uns Menschen, dass Freiheit keiner Grenzen und Stacheldrähte bedarf. Zwar muss zunächst ein Gesetzeswerk gegossen und Besitztum abgesteckt werden, aber nur, um Menschen hervorzubringen, die satt und frei sind und ihr Leben selbst gestalten wollen und können. Der wahre Gesetzgeber ist der, welcher sein Volk lehrt und bekehrt, ohne Gesetze zu leben, und das Volk ist die Welt.

Alle bisherigen Schulen haben noch immer jeden Gedanken in ein Gesetz umgeformt und jeden verfolgt, der das anders sah. Wenn wir jede Verfolgung beenden, brauchen wir keine Gesetze mehr und übrig bleiben die Gedanken, zu denen jeder nicht nur ermächtigt, sondern auch befähigt wird. Allerdings ist keine Gedanke denkbar, der nicht mit Liebe gekoppelt wird.

Wer gerade einen Schiffsuntergang beobachtet, kann nicht erkennen, dass das Wasser die Quelle allen Lebens ist. Wer seinen Blick auf den Terror einer winzigen Minderheit und auf die Propaganda eines verbliebenen falschen Rests konzentriert, kann nicht erkennen, dass um ihn herum ein neues Leben entstanden ist und entsteht: Verbrüderung, die in Wirklichkeit auch eine Verschwisterung ist, Teilen als Sinn des Reichtums, Globalisierung statt der Errichtung von Mauern und Zäunen, Überwindung auch der Sprachbarrieren durch die viel gescholtenen Kommunikationsmöglichkeiten, von denen ihr erster Urheber, Samuel Morse noch glaubte, dass sie keinen Sinn machen würden.

An der weltweiten Verbreitung des Wortes BRO kann man sehen, wohin die Richtung geht. Seine Quelle kannte bestimmt nicht Schillers Worte, aber Schillers Geist ist ein Destillat seines Geistes: eine Mischung aus Matthäusevangelium und Jazz. Aber der Jazz selbst ist schon das eigenartigste Substitut von Bachchoral, Mehterhane* und Rhythmus der sklavischen Baumwollpflücker in Alabama. Wir verdanken das Wort BRO ebenso wie die gesamte moderne und weltverbindende Musik den einst am meisten verachteten Menschen: den schwarzen Sklaven Amerikas, dem Inbegriff der Heimatlosigkeit und Verlassenheit, sometimes I feel like a motherless child. Aber zu dieser zarten Klage kam das donnernde Schlagwerk der osmanischen Eroberer und die elektronische Erlösung aus der Sprachlosigkeit. Wir haben früher als köstlichen Witz empfunden, die drei berühmtesten Juden in Jesus, Marx und Einstein zu sehen. Der Witz bestand in der Entthronung von Marx, der damals bei uns als einziger Weltverbesserer galt. Aber heute müsste man als den Schöpfer der modernen Welt eher Emil Berliner, den Erfinder der Schallplatte, sehen. Außerdem ist er eine schönes Symbol für das ewige Wandern der Menschen: er ging von Hannover nach Amerika und dann wieder von Amerika zurück nach Deutschland, und sein Name ist ohnehin Metapher.

 

* osmanische martialische Militärmusik

HAYMATLOS

Nr. 198

Am Rande ostdeutscher Städte findet sich oft eine Ansammlung alter Gebäude, teils verfallen, teils rekonstruiert. Es sind ehemalige Wehrmachtskasernen, und wer in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Welt hätte verstehen wollen, der hätte wissen können, dass ein Krieg bevorsteht. Aus diesen Wehrmachtskasernen ging dann der Schrecken hervor, der gar nicht im einzelnen aufgezählt werden kann, weil er biblische Ausmaße hat, nur der tausend Frauen wollen wir gedenken, die sich am 2. Mai 1945 in einer dieser kleinen Städte gemeinsam mit ihren Kindern das Leben nahmen, aus Angst vor den kommenden Gräueltaten, die auch tatsächlich kamen, weil Rache – hin und her und wieder hin, bis, so glaubte man, in alle Ewigkeit – von allen Beteiligten als passende Antwort  gesehen wurde. In diese Wehrmachtskasernen zog dann die siegreiche Rote Armee ein. Aus einem unseligen Gebiet wurde eine terra incognita, eine unbekannte Zone.

Vielerorts stehen Ruinenstädte als ungewolltes Mahnmal einstiger und heutiger Verkommenheit. In einer sehr schönen kleinen Stadt hat man die Kreisverwaltung und ein OSZ in diesen doppelten Kasernen- und Unheilskomplex gesetzt, um damit das Schicksal dauerhaft zu wenden. Viele ältere Menschen, wissen gar nicht, was ein OSZ ist, als sie jung waren, gab es noch die klassische Berufsschule mit neun Zehnteln Lehrlingen als Lernende. Ein bekannter diesbezüglicher Hoax ist der Handwerksmeister, der einen Lehrling nicht einstellen konnte, weil der beim Aufnahmegespräch nicht zwei mit zwei multiplizieren konnte, multiplizieren gar für einen Pejorativ hielt. Tatsächlich ist ein großer Teil der Handwerksleistungen in die Dumpingzone geraten, in der Lehrlinge einfach zu teuer und nicht handhabbar sind. Denn gegen die Multiplikationsschwäche spricht, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen ein Abitur macht, das natürlich auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Wie jeder seinen Schmerz und seine Schwierigkeiten als die größten glaubt, so sind auch seine Schule und sein Abitur die schon damals denkbar härtesten gewesen. Ein OSZ hat nur noch ein zehntel Lehrlinge und der Rest sind diejenigen Jugendlichen, die vom Handwerk und von der Welt vergessen wurden und die nun Schulabschlüsse unter entspannten Bedingungen nachholen, Berufsorientierungen über sich ergehen lassen, Berufe lernen, deren Zertifikate weniger wert sind als die Lebenserfahrung, die auch auf dem Arbeitsmarkt nützlich sein kann, und die schließlich das Fach- oder Vollabitur machen, um endgültig im postmodernen Leben angekommen zu sein.

In einer anderen kleinen Stadt gibt es, gleich wenn man auf der Bundesstraße aus Richtung Süden kommt, auf der einen Straßenseite einen neuen Schulkomplex, obwohl in derselben Stadt auch schon Schulen leerstehen, und Eigentumswohnungen, auf der anderen Straßenseite eine Ruine, die schon durch ihre Farbe als ehemalige Kaserne erkennbar ist, und ein Asylbewerberheim, das durch zwei Containerbauten ergänzt wird.

In dieser Stadt gab es einst ein slawisches Heiligtum, an dessen Stelle jetzt eine im letzten Krieg zerstörte und nicht vollständig wieder aufgebaute Kirche steht, in deren Jugendkeller einst der Kommunist Wolf Biermann, dem ein Verhältnis mit Margot Honecker nachgesagt wurde, gegen den Kommunismus ansang. In dieser Stadt wurden ebenjene Slawen assimiliert, das ist die Hochform von Integration oder Inklusion, deren Heiligtum man gerade umgewidmet hatte. In dieser Stadt lebten einst geachtete und integrierte Juden, die sich selbst als Deutsche mit einer abweichenden, aber engverwandten Religion sahen. Ihre Synagoge war ein typischer neoklassizistischer Bau des neunzehnten Jahrhunderts an der Wasserpforte, wo also die Stadtmauer den Durchgang zum Wäschewaschen hatte. Heute steht dort ein Denkmal. Fast ein Jahrhundert lang lebten in dieser Stadt genau zu Dritteln Deutsche, Juden und Franzosen. Letztere waren gekommen, weil sie in ihrer Heimat aus Konfessionsgründen verfolgt und in Preußen aus ökonomischen Gründen aufgenommen wurden. Ihre Spuren sind nicht in einem Denkmal surrogiert, sondern in den Nachnamen einiger weniger Bewohner und in den Kirchengemeinden von zwei oder drei Dörfern der Umgegend. Im neunzehnten Jahrhundert dominierte die Einwanderung aus Polen. Sie hatte ihren Ursprung in den Schnitter genannten Saisonarbeitern der teils großen, hier in der Uckermark aber eher ärmlichen Güter, das sind große Landwirtschaftsbetriebe, die teilweise heute noch als ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) fortbestehen. LPG ist jetzt Autogas an Tankstellen. Einige russische Nachnamen resultieren aus der Liebe, die im ersten Weltkrieg russische Kriegsgefangene zu deutschen Mädchen empfanden. Wurden sie nach dem zweiten Weltkrieg vom NKWD gefunden, so verbrachten sie als vermeintliche Verräter Jahre im GULAG. 1930 waren in dieser Stadt von 1800 russischen Mennoniten siebzig, vor allem Kinder, gestorben, die zu Fuß aus Moskau, wo 13.000 von ihnen wochenlang den Roten Platz belagert hatten, um ihre Ausreise zu erzwingen, gestorben, Die anderen zogen nach Paraguay weiter. Von den nach dem letzten Krieg in diese kleine Stadt und ihre Umgebung gezogenen Flüchtlingen erwähnen wir nur den Maler K., der auch zu Fuß aus seiner ehemaligen Heimat, der Batschka in Kroatien floh, und vor ein paar Jahren im Bestsellerroman eines bosnischen Kriegsflüchtlings, dessen Eltern inzwischen, weil sie hier nicht bleiben konnten, in Amerika wohnen, wieder auftauchte.

In dieser kleinen Stadt, in dieser ehemaligen Kaserne saß ich vor ein paar Tagen zum Kaffeetrinken in einem Raum, der mit abenteuerlichen, aber gemütlichen Möbeln ausgestattet ist, die, so berichteten mir die Bewohner, von Christa und anderen stammten, deren Namen sie nicht wussten. Im Fernsehen lief die Rede des Diktators, in der er vielleicht 1000 lachenden Jugendlichen erklärte, warum in diesem von ihm deformierten Land die Zukunft zu finden sein wird. Ein Siebtel der Bevölkerung ist vor dem Zwangsarbeitssystem, das keinen Wohlstand bringt, geflohen. Dann wurde das Fernsehen aus Höflichkeit auf einen deutschen Kanal umgeschaltet, und da lief die Tour de France, in der, ich glaube, auf Platz 81 Daniel Teklehaimanot mitfährt, und jeder, der die Tour de France schon einmal gesehen hat, weiß, was das für eine enorme Leistung ist. Sein supergutes Rennrad bekam er von dem Diktator geschenkt. Wir beschlossen, endlich unseren schon lange geplanten Ausflug zu machen, um noch mehr Refugees aus diesem Land zu treffen. Während dieser Fahrt, die inzwischen stattfand, trafen wir auf einen türkischen Dönerrestaurantbesitzer, der einen afghanischen Flüchtling beschäftigt. Wir trafen auf eine steinalte Frau, die mit ihrem Rollator jeden Tag zu dem Dönerrestaurant fährt und dort einen Kaffee geschenkt bekommt und deshalb jeden Tag zwei Euro siebzig übrig hat und glücklich in den zittrigen Händen hält. Vor dem Asylbewerberheim trafen wir einen superstolzen Romajungen aus Serbien, der in die Schule geht und wirklich sehr gut deutsch sprechen kann, ebenso wie einen Kochlehrling aus Somalia, der sich selbst, mit einem Englischwörterbuch, deutsch beigebracht hat, weil es in diesem Ort keinen Deutschkurs gab und gibt. Drei fröhliche Mamas aus jenem fernen Land kochten für uns Tee. An der Ostsee fuhren meine drei Refugees Riesenrad, denn der Mensch strebt immer zu dem und dorthin, was er gerade nicht hat und wo er gerade nicht ist. Auf der Rückfahrt trafen wir, wieder zufällig, mehrere junge Leute aus jenem Land. Einer hieß wie der Diktator aus dem Fernsehen.

 

‚haymatlos‘ ist ein türkisches Wort, so wie ‚zugzwang‘ ein englisches ist.

HERKUNFT BRAUCHT ZUKUNFT

Nr. 197

Mit 300 Kilometern in der Stunde dahineilende Vehikel nennen wir immer noch Eisenbahnen und den Haltepunkt, der ein Gewirr von Schienen, Treppen, Läden und Restaurants sein mag, einen Hof. Das Automobil verweist auf seine Vergangenheit als Pferdekutsche, indem sein Kraftäquivalent Pferdestärke heißt. Als sich das Radio als Massenmedium ausbreitete, war es eher ein kleines Theater, und so ist der Chef eines Rundfunksenders weiterhin Intendant. Die Vergangenheit ragt also zweifelsfrei in die Zukunft hinein. Name und Design vieler Dinge von heute verweisen auf ihr Gestern. Und oft, wenn wir ein Morgen denken, geben wir ihm die Gestalt von gestern. Auch die Lösungen von vielen Problemen werden in der Vergangenheit gesucht. Aber werden sie auch da gefunden? Wir alle hängen an der Vergangenheit, weil wir die Zukunft nicht kennen. Das ist aber kein Grund, die Vergangenheit als Schutzschild zwischen Gegenwart und Zukunft zu stellen.

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Bahnhof Oertzenhof in Mecklenburg-Vorpommern. Hier enden Adel, Eisenbahn und  DDR. Keine Zukunft für diese Herkunft.

Wir haben auch Angst vor der Zukunft, obwohl wir nicht zugeben können, dass es die Gegenwart ist, die uns gefällt. Das sind zwei wichtige Gründe, in die Vergangenheit zu fliehen. Die politische Richtung heißt Konservatismus, und sie kam auf, als wieder einmal alle alten Werte zu brechen schienen. Die Konservativen stellen das neue gerne als Chaos, die neuen Herrscher, wenn es welche gibt, als Ochlokraten dar. Dabei stammt die Vorstellung, dass jede Herrschaftsform eine Verfallsform habe und sich so ein Kreislauf des Guten und Bösen in der Geschichte ergäbe, von dem römischen Geschichtsschreiber Polybios, der ein Ideengeber von Scipio Africanus, dem Sieger im Dritten Punischen Krieg, war. Nach dieser Theorie verfällt die Demokratie zwar zur Herrschaft der schlechtesten, aber herrschen die schlechtest möglichen Politiker eine Weile, so finden sich neue Demokraten, die unter unsäglichen Opfern den an die Herrschaft geratenen Pöbel, der sich als demokratisch ausgibt, vertreibt. Wahre Demokratie benötigt zur Rechtfertigung nur Wahlen, keine inszenierten Reichstagsbrände, Militärputsche und Bürgerkriege, die in inszenierten Volksfesten der eigenen Anhänger enden. Die Monarchie mündet nach Polybios in die Tyrannei und die Aristokratie in die Oligarchie. Viele Menschen halten die derzeitigen großen Demokratien für die Herrschaft von Oligarchen, eine Handvoll Mächtige, die die Gewinne unter sich aufteilen. Das liegt auch daran, dass keiner gerne zugeben mag, dass seine Gegenwart gerade erträglich oder sogar erfolgreich sei. Die Angst vor dem Neuen und vor dem Fremden lässt uns in das Vertraute und Vergangene fliehen. Würde man das Gedankenexperiment weiter zurückgehen, so würde einem schnell klar, dass die glücklichen Sklaven, die die Feinde der Demokratie sein müssen, in Wirklichkeit Gefangene ihrer Illusion sind. Sie werten ihre Ketten zu Schmuck und Zuckerwerk auf, weil sie Angst vor der Freiheit haben. Der Mensch, schreibt der Begründer der Demokratie, wird frei geboren, doch überall liegt er in Ketten. Das Böse, erwidert der Erfinder des Konservatismus, siegt allein schon dadurch, dass oder wenn die Guten nichts tun.

Manche Gedanken sind rhetorisch so gut, dass man sie nicht aufgibt, zum Beispiel das Bild und das Wort Sonnenuntergang. Seit wir fotografieren können, sind wir in die Sonnenuntergänge ganz vernarrt. Täglich werden in die sozialen Netzwerke etwa zwei Milliarden Fotos eingespeist, davon sind bestimmt zehn Prozent Sonnenuntergänge. Und trotzdem geht die Sonne nicht unter, sondern die Erde dreht sich so, dass wir die Sonne sehen oder nicht sehen und auch den Moment zwischen Sehen und Nichtsehen sehen können. Was evident oder plausibel ist, muss noch lange nicht wahr sein, und was wahr ist, muss noch lange nicht real sein.

A demonstrator protesting the shooting death of Alton Sterling is detained by law enforcement near the headquarters of the Baton Rouge Police Department in Baton Rouge, Louisiana

A demonstrator protesting the shooting death of Alton Sterling is detained by law enforcement near the headquarters of the Baton Rouge Police Department in Baton Rouge, Louisiana, U.S. July 9, 2016. REUTERS/Jonathan Bachman TPX IMAGES OF THE DAY. Wer ist hier die Herkunft und wer kann nur die Zukunft sein?

 

So ist es auch mit Odo Marquards Slogan über das Verhältnis von Herkunft und Zukunft. Er stammt aus einen gleichnamigen Büchlein aus dem Jahre 2003 und steht dort über einem gleichnamigen Essay. Marquard versucht darin, seine Angst vor der Zukunft nicht nur in Worte, sondern überhaupt in eine Kategorie zu fassen. So erklärt er den Computer, wie es damals unter älteren Menschen üblich war, zu einer besseren Schreibmaschine. Und so wie das Automobil den Begriff der Pferdestärke in sich trägt, so übernimmt der Computer die Tastatur der Schreibmaschine, jenes QWERTZUIOP, das kein Wort, kein Begriff, aber ein Inbegriff ist. Die nächste Generation der natives, der im elektronischen Zeitalter Aufgewachsenen, tut sich schwer mit Tastaturen und herkömmlichen Computern, ist eins geworden mit dem Smartphone, das zwar auch QWERTZUIOP verwendet, aber vor allem durch seine Allgegenwart, beinahe hätte ich geschrieben Omnipotenz auffällt. Es gibt eine schöne Karikatur, die den sozusagen historischen Hans Guckindieluft aus Hoffmanns Struwwelpeter zeigt, wie er träumend in den Fluss läuft, weil er abwesend ist. Aber die natives sind ja nicht abwesend, sondern auf eine ganz neue Art anwesend, die nicht mit der Schreibmaschine oder der Eisenbahn oder den Pferdestärken zu tun hat. Sie sind in einer globalisierten Welt anwesend, die keine Bücher und keine Faktenschule braucht. Diese Welt relativiert die Realität genauso wie sie sie abbildet. Sie lässt den Traum der Romantiker wahr werden, dass wir in einem kontinuierlichen Narrativ statt in der wirklichen Welt leben. Schlegel hielt es für wünschenswert, die ganze Welt zu poetisieren und eben das tut das Smartphone. Wie eine Droge ist es eine Bewusstseinserweiterung und nicht eine verlängerte Schreibmaschine. Gleichwohl leben wir also nicht nur in dem beginnenden Zeitalter der Allgegenwart von Kunst, sondern auch in der Epoche, in der am meisten geschrieben und gelesen wird. Und auch die Bücher bleiben erhalten und bilden ihrerseits eine Parallelwelt. Die Vergangenheit ist eine conditio sine qua non, eine Bedingung der Gegenwart und der Zukunft, aber kein Rückzugsgebiet für ängstliche, übervorsichtige oder gar rückwärtsgewandte Menschen. Wer denkt, kann nur vorwärts denken, nur wer grübelt, blickt zurück. Wer glaubt, dass Lösungen für gegenwärtige Probleme in der Vergangenheit lägen, der muss auch den Hunger, den Krieg, die Pest, die Unterdrückung, die undurchlässigen Grenzen, die Verachtung, den Rassismus, die Prügel hinnehmen, die damals die Begleiterscheinung der Ordnung waren. Außerdem erscheint die Ordnung immer nur als Ordnung. Tatsächlich ist Ordnung Chaos, Auflösung und helle Aufregung. Aber im Chaos einer Menschenmenge setzt sich nicht nur der Tod durch, sondern auch die Rettung, die mit der Gefahr, wir zitieren schon wieder einen Romantiker, wächst. So vieles muss sich bessern. Aber so vieles hat sich auch schon gebessert. Und so braucht Herkunft Zukunft. Hast du ein Problem gelöst, so ist der Optimismus größer als die Summe der verbleibenden Probleme.

 

Die blogs mit Nummer sind neue Texte, die ohne Nummer dagegen stammen aus dem alten untergegangenen rochusthal.blog.de, sie weichen im Umfang manchmal ab. 

VERSÖHNUNG

Nr. 196

Wo zwei Menschen zusammen sind, gibt es Widerspruch. Konsens dagegen findet in der Gruppe statt. Und: man kann schlecht schweigen. Das sind die Grundthesen menschlicher Kommunikation. Aus diesen drei Sätzen lässt sich aber auch eine ganze widersprüchliche Welt reproduzieren.

Gruppen haben das Bestreben, sich zu spalten. Die Schüler von Jesus etwa hatten sich schon zerstritten, bevor der Meister tot war. Eine Frau wollte ihm die Füße salben, da schrien sie: Wozu dienet dieser Unrat? Eltern brachten ihre Kinder zum Segnen, da wurden sie unwillig. Petrus verleugnete den Meister, Thomas glaubte nicht an die Auferstehung, aber Judas wurde als Verräter angesehen, obwohl er nur tat, was in der Bibel vorgesehen war. Auf allen Bildern  der nächsten zweitausend Jahre ist er rothaarig mit Schurkenblick, beim Abendmahl sieht er in die andere Richtung. Es vergehen keine dreihundert Jahre und schon herrscht unter den Christen Mord und Totschlag über der Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war. Bei den Nachfolgern des Propheten Mohammed beginnt der Streit mit seinem Tod: wer ist das rechte Oberhaupt  und Kalif, der Schwiegervater Abu Bakr oder der Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib. Bis auf den heutigen Tag dauert der Streit, selbst darüber, ob es gut ist, dass dadurch der Ölpreis sinkt, herrscht Uneinigkeit. Sprichwörtlich war die Spaltung der Linken, deren erbitterter Kampf gegeneinander nicht nur skurrile Formen annahm, sondern den Kampf gegen den Kapitalismus vergessen ließ. So hat das kleine Albanien, als es kommunistisch war, nicht nur 600.000 Einmannbunker gegen die Amerikaner gebaut, sondern auch Tonnen von Propagandamaterial und starke Kurzwellensender gegen die Helfer der Imperialisten in Peking, Moskau, Belgrad und Ostberlin geschleudert. Tirana war mit jedem verfeindet. Die Selbstzerlegung einer rechten Partei dagegen kann man immer wieder, wie auch gerade jetzt, beobachten.

Ein Schisma ist natürlich immer auch Machtkampf rivalisierender Personen und Untergruppen. Aber dahinter scheint auch immer die Frage zu stehen, ob eine Bewegung mehr Selbstzweck oder mehr Weltzweck ist. Vielleicht sollte man dies das abrahamitische Dilemma nennen, nicht weil es Abraham gehabt hätte, sondern weil die Christen mehrere hundert Jahre darüber stritten und dieser Streit sich auch durch den Koran zieht*. Wer glaubt, dass sein Sinn in Loyalität bestünde, kann nicht gleichzeitig die Welt verbessern, wer die Welt verbessern will, kann nicht gleichzeitig loyal sein. Das gilt auch dann, wenn der Grund, loyal zu sein, einst die Weltverbesserung, und der Grund zur Weltverbessrung die Loyalität oder Gruppenzugehörigkeit war.

Versöhnung ist nur dann unmöglich, wenn beide Seiten das gleiche glauben: nihil esse innovandum, nichts ist zu erneuern. Dann stirbt jede Gruppe den Infarkttod und die Welt bleibt stehen.

Versöhnung ist aber dann möglich, wenn beide Seiten ein drittes erkennen, das sie gemeinsam haben oder haben könnten. Dass ausgerechnet Charles de Gaulles, der General und konservative Politiker, zum Mitbegründer der französisch-deutschen Aussöhnung wurde, mag verwundern, wenn man ihn nur für das hält, was er auf den ersten Blick war: ein rechtskonservativer General, der ständig von der Größe Frankreichs schwafelte. Stattdessen war er aber auch ein Befehlsverweigerer und, nachdem er in Kriegsgefangenschaft geraten war, ein permanenter Ausbrecher und Freiheitssucher. In diesem Bestreben lernte er den wesensverwandten späteren Marschall der Sowjetunion Michail Tuchatschewski kennen, der ebenfalls schon mehrfach geflohen war und dem die letzte Flucht auch gelang, und die beiden befreundeten sich und sind sich später auch noch begegnet. Tuchatschewski sprach fließend französisch, de Gaulle konnte sehr gut deutsch, beide interessierten sich für die Kriegführung der Zukunft, auf beide wurde später nicht gehört. Beide entstammten übrigens Adelsfamilien und waren sehr gebildet, Tuchatschewski zudem noch künstlerisch interessiert und begabt. Das mag sie zusammengeführt haben.

Zukunft und Versöhnung brauchen also gerade nicht Herkunft, sondern Offenheit und Freiheit als hohes Gut, das all die verlogenen Begriffe der Vergangenheit ablösen muss, die auf Gruppenzugehörigkeit oder Loyalität allein beruhen. Jede Gruppe ist Therapie. Aber jede Therapie ist auch tödlich, wenn sie nach der Gesundung fortgeführt wird.

Auf deutscher Seite stand für die Versöhnung der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer zur Verfügung. Würde man ihn nur aus der Sicht etwa der Spiegelaffäre oder seines Altersstarrsinns beurteilen, so wäre er noch rechter als de Gaulle. Aber noch als erster Dezernent, also bevor er Bürgermeister wurde, schuf er ein ‚Rheinisches Schwarzbrot‘ aus Topinambur, das ihm zwar den Spottnamen Graupenauer, aber auch das Überleben und die Dankbarkeit vieler Kölner einbrachten. Die erste orthotrope** Brücke der Welt geht, nach dem Sieg im Zweiten Kölner Brückenstreit, in dem er sich mit der verhassten KPD verbündete, auf Adenauer zurück. Auch er war also ein Konservativer mit der Fähigkeit zur Öffnung. Nicht sicher kann man sich sein, ob er im Falle der Gefangenschaft geflohen wäre oder durch Verhandlungen und Innovationen erreicht hätte, dass das Lager aufgelöst und die Gefangenen freizulassen sind. Legendär ist sein Einsatz für die deutschen Kriegsgefangenen, die daraufhin tatsächlich im Jahre 1955 nach Hause entlassen wurden. Ob sie es als ihr Zuhause wiedererkannten, sei bezweifelt. Für sie galt auch Williams Faulkners schöner Beitrag zu unserem Thema: Das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen.

Für die ebenso notwendige und ebenso gelungene Versöhnung mit unserem östlichen Nachbarn Polen fehlt eine solche personale Dimension. Hier wirkte der von de Gaulle und Adenauer implantierte Europagedanke. Ironischerweise hat die gerade im Absterben begriffene Sub- und Unkultur der sogenannten Polenmärkte zum Abbau der Vorurteile  einer ungebildeteren und ärmeren Bevölkerungsgruppe  beigetragen, die sonst vielleicht im nationalen Dünkel steckengeblieben wäre.

Es ist kaum bekannt, dass es regelmäßige Gipfeltreffen der französischen, polnischen und deutschen Politik gibt, die wegen der geometrischen Verhältnisse der drei Flaggen zueinander und wegen des ersten Treffpunkts Weimarer Dreieck genannt werden. Um die Bevölkerungen unserer drei Länder und um ihre Beziehungen untereinander muss man sich ohnehin keine Sorgen machen.

Vielmehr sollten wir versuchen, unsere Erfahrungen beim Abbau falscher Gruppenloyalitäten weiterzugeben. Zurecht entstehen immer neue Loyalitäten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie unweigerlich auch immer zum Dissens führen, wo sie nicht offen bleiben, Freiheit als wichtigsten Wert sehen und sich zu erneuern vermögen.

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Masaccio-Trompeter 1426

 

Fotos: Mülheimer Brücke in Köln, Masaccio-Trompeter verkündet einen Sohn und Versöhnung

Das Wort Versöhnung kommt nicht von Sohn, sondern von Sühne, wie man aus dem Weihnachtslied ‚O du fröhliche‘ hätte wissen können, wenn einen nicht das Vorurteil des schlechten Reims gehindert hätte.

* Brief des Paulus an die Römer 4,3; Brief des Jakobus 2,21; Sure 5 Al Maedah

** durch sich selber getragene

DAS ÜBERSCHÄTZTE BÖSE

 

Nr. 195

Das sogenannte Böse, schrieb schon Konrad Lorenz, wird nicht nur in dem Sinne überschätzt, als es tautologisch für eine eigenständige Kraft gehalten wird, was er mit dem Wort Automobilkraft vergleicht. Das Böse wird auch in seiner Wirkung maßlos überschätzt. Wenn die Absichtserklärung des Bösen die Zerstörung des Gesamtsystems war, dann ist die Wirkung gleich Null.

Als Graf Stauffenberg vergeblich versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, drohte dieser unter anderem mit einer wörtlichen Blutrache, er werde, schrie er, die Sippen dieser Verräter auslöschen. Tatsächlich wurde das jüngste und fünfte Stauffenbergkind im Konzentrationslager Ravensbrück geboren. Es gibt ein Foto, auf dem die neunzigjährige Nina Gräfin Schenk zu Stauffenberg mit neunzig Familienangehörigen zu sehen ist, und sie hat das Foto ausdrücklich als Antwort auf Hitlers unsinniges Racheversprechen machen lassen. Die Familie war und ist zudem superreich. Stauffenberg war Hitlers Idol wie schon in seiner Kindheit der kleine Wittgenstein, der wie er ganze Wagneropern pfeifen konnte, sonst aber hochbegabt, schwerreich und stockschwul war, was Hitler alles bewunderte und imitierte. Ludwig Wittgenstein war, weil sein Vater es für gut erachtete, ein Jahr lang auf einer öffentlichen Schule, nämlicher jener Realschule in Linz, die zum gleichen Zeitpunkt, allerdings nicht erfolgreich, von dem kleinen Hitler besucht wurde. Es gibt eine  gemeinsames Jahrgangsfoto.

Goebbels erfand, um den unbedingten Rachewillen der Nazis auszudrücken, ein neues Verb: statt die Städte Großbritanniens ‚auszuradieren‘, was schon das Bild der Landkarte mit der Realität vermischte, ordnete er an, sie zu ‚coventrieren‘, also nach dem Vorbild von Coventry vollständig zu zerstören. Das gelang auch beispielsweise bei den Städten Freiburg im Breisgau und Anklam in Vorpommern. Das ist furchtbar, aber der Anspruch, alles was sich der Naziführung entgegenstellte, erbarmungslos zu vernichten, wurde noch nicht einmal im Ansatz erfüllt.

Großbritannien gehört nach wie vor zu den führenden Nationen der Welt. Auch Anklam hat es nach siebzig Jahren geschafft, den Turm der Nikolaikirche, wenn auch in anderer Form, zu rekonstruieren. Die Welt hat sich von dem falschen und schädlichen Begriff der Rasse getrennt und ein globalisiertes, multikulturelles Kapitel begonnen. Jetzt wird deutlicher, dass die Kriege und Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts der Rückzug des nationalistischen, rassistischen, überhaupt des hierarchisch-konservativen Denkens und Handelns war. Es hat so gesehen keine fünfzig Jahre gedauert, um aus dem tiefsten Mittelalter der dichotomischen Bewertung und Ermordung von Menschen – der ist richtig, jener ist falsch – zur langsamen Verwirklichung des überfälligen Slogans ‚All men become brothers‘ zu gelangen. Dass Schiller nicht Männer und Frauen meinte, die natürlich nicht Brüder werden können, sondern soziale und geopolitische Grenzen beseitigen wollte, kann man aus der Urfassung von 1785 erlesen: Bettler werden Fürstenbrüder.

Auch die ansonsten vergessenen Punischen Kriege, die uns aber die römische Kultur brachten, werden von den Rechten als Sieg menschlichen Willens und menschlicher Fähigkeiten, von den Linken aber, nach Brecht, als Warnung vor dem Krieg gedeutet. Tatsächlich gab es aber nicht nur Scipio Africanus, sondern auch Hannibal, nicht nur den Untergang Karthagos, sondern auch den Roms. Kriege sind falsch, weil keiner wirklich gewinnt. Scipios Sieg über die Bürokratie – er zerriss vor den Augen des Senats die Belege über das verbrauchte Geld – und sein Satz über die 96% unserer Reaktion auf die 10% dessen, was uns passiert, sollten uns wichtiger sein als alle Berichte über Schlappen und Schlachten. Sein Schwur, Karthago dem Erdboden gleichzumachen und Salz zu verstreuen, um es für immer unbewohnbar zu halten, ging in Brechts berühmten Satz ein, aber war genauso wenig zu verwirklichen, wie alle bösen Schwüre und Taten.

Der Tyrann Herodes ließ eine ganze Kohorte Knaben ermorden, weil er die Ankündigung, dass ein neuer König der Juden geboren worden wäre, genau so wörtlich verstand wie der sprichwörtlich gewordene römische Beamte Pontius Pilatus, der nicht nur Jesus ans Kreuz nageln ließ, sondern auch das Schild IESUS NAZARENUS REX IUDAEORUM. Beide irrten sich gewaltig, denn geboren und ermordet war der Gründer einer globalen Bewegung, die später sowohl die römische Kultur und Sprache als auch den griechischen Humanismus mit in die Zukunft transportierte. An Herodes und Pilatus erinnern wir uns nur wegen Jesus, gleichgültig ob er nun Gottes Sohn oder einer der wichtigsten Denker der Weltgeschichte ist. Seine Sätze sind wichtiger als seine Herkunft. Die Wirkung seiner Sätze wird mehr durch die menschliche Überhöhung als durch das überschätzte Böse behindert. Das erste Konzil von Nicäa war genauso wenig göttlich inspiriert, sondern vom trivialen Zeitgeist bestimmt, wie jedes andere Konzil.

Ein vorletztes perfides Beispiel, das sogar die völlige Umkehrung eines bösen Wortes und darauffolgender böser Taten belegt, sind die Worte des amerikanischen Viersternegenerals Westmoreland, dass er die Vietnamesen in die Steinzeit zurück bombardieren werde. Diese unsinnigen Worte, denn die Zeit ist bekanntlich irreversibel, gingen damals durch die Nachrichtensendungen der ganzen Welt, die sich empörte und letztlich obsiegte. Einer derjenigen Wehrpflichtigen, die ihren Gestellungsbefehl vor dem Weißen Haus verbrannten, wurde wenig später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA bezahlen heute jährlich dreistellige Millionensummen für die Wiedergutmachung der in dem verheerenden Krieg angerichteten Schäden. Auf der anderen Seite stehen 90 Millionen Vietnamesen, die allerdings nicht wohlhabend sind.

Der letzte deutsche Kaiser hielt im Jahre 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung deutscher Truppen eine auch rhetorisch schreckliche Rede. Auslöser war die Ermordung des deutschen Botschafters Clemens Freiherr von Ketteler. Ketteler selbst war, wie wir heute sagen würden, eher der Inbegriff von Multikulturalität, zu seinen Verwandten zählen sowohl der von Bismarck im Kulturkampf inhaftierte Arbeiterbischof von Ketteler, als auch der französische Marschall Louis Franchet d’Espery und die amerikanische Präsidentenfamilie Bush. Wilhelm sagte: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Statt sich über die Brutalität der Worte zu ereifern, die für den Nationalsozialismus programmatisch waren, sollten wir endlich realisieren, dass nichts davon verwirklicht wurde. Das Böse bleibt Programm. Es ist nicht verwirklichbar. Es ist nicht existent, sondern immer wieder nur eine zeitweilige Summe aller falschen Entscheidungen.

 

Bild: Der Masaccio-Trompeter von 1426 verkündet das Gute.  

HIOB UND GRÜNSPAN. Botschaft oder Fanal

HIOB ALS BOTSCHAFT

 

Hiob gehört zu den großen Erzählungen, die uns gleichzeitig bewegen und trösten sollen und auch können. Hiob sieht seinen Erfolg übertrieben groß und sein Leid erdrückt ihn. Sein Erfolg ist – mit Ausnahme seiner Kinder – Haben und sein Leid ist Krieg und Krankheit, also für die Zeit, in der er lebt: Sein. Er findet sich auserwählt für übergroße Not und Ungerechtigkeit. Aber er ist nicht auserwählt. Keiner ist auserwählt. Da er, wie wir alle, alles richtig gemacht hat, trifft ihn jede Strafe zu unrecht. Überhaupt: warum glaubt er denn, dass er bestraft wird. Oder: glaubt nicht jeder an seine Unschuld? Würde jeder die Schuld bei sich suchen, wären die Täter schnell gefunden.

 

Jede Strafe ist unrecht. Die spiegelnden Strafen waren bloße Rache, sie vermehrten das Leid, statt es zu vermindern. Auch heute noch glaubt eine knappe Mehrheit, dass Strafe gerecht sei. Daraus, dass die Untat ungerecht ist, folgt nicht, dass die Strafe gerecht sei.  Gerecht wäre vorbeugendes Verhindern  der Untat und liebevolle Wiedereingliederung des Täters. Wenn eine Wiedergutmachung am Opfer nicht möglich ist, so erhöht sie doch die Bilanz des Guten in einer Gesellschaft. Das universelle Tötungsverbot muss noch mehr  durch Waffenverbote und -ächtung unterstützt werden. In Europa und Japan nimmt die Zahl dieser Untaten drastisch ab, während sie in Ländern mit Armut und Waffen erschreckend  und fast antik hoch bleibt.

So ist es auch mit dem Lohn, dem Verdienst oder Gewinn, den man sich aus seinen Taten erhofft. Wir würden alle Hiob sozusagen überwinden, wenn wir  es verstünden, Gutes zu tun, um es sofort zu vergessen. Stattdessen erwarten wir Dank und Lohn. Es schmerzt, wenn der Verdienst zum Bettler gemacht wird. Aber der wirkliche Gewinn liegt immer im Zugewinn an Seelenfrieden. All die dilemmatischen, schier unlösbaren Probleme der Menschheit, sie nähern sich mikrometermäßig ihren Lösungen, wenn wir anderen helfen, ohne zu fragen und ohne Lohn zu erwarten. Es gibt keinen böseren Verdienst als Finderlohn. Der Lohn der Treppe ist das oben, nicht noch etwas.

 Die höchste Instanz zur Beurteilung unseres Lebens ist Gott, aber er gab uns ein Gewissen. Und deshalb muss ein jeder Mensch mit seiner Schuld leben. Niemand kann sie ihm nehmen und niemand nimmt sie ihm. In den griechischen Tragödien, die zur gleichen Zeit entstanden wie das Buch Hiob, geraten die Menschen unschuldig in schuld. Auch Hiobs Leid geht auf die Wette Gottes mit seinem Widersacher, dem Satan, zurück, liegt also nicht in Hiobs Leben. Viele Täter erschrecken vor ihrer Untat. Sie wissen nicht, wie sie dazu gekommen sind. Es gibt immer nicht nur einen Grund, warum etwas geschieht. Vielmehr benötigt man, um ein Ereignis zu erklären, mehr Gründe als man je finden kann. Das geht soweit, dass man eigentlich gar keine Warumfragen stellen kann: niemand kann sie beantworten. Zu groß ist die Masse der Gründe und Gegengründe, der Tatsachen und Rechtfertigungen.

Wir müssen in diesem Geflecht von Taten und Untaten, von Schuld und Sühne leben, wir haben keinen anderen Ort als diese Welt. So gesehen gehören Hiob und Grünspan in die große Reihe der Märtyrer. Das sind Menschen, die standhalten, obwohl sie wissen, dass sie scheitern, unter der Last fremder Schuld zusammenbrechen werden, die     das auf sich nehmen, was andere ganz offensichtlich falsch machen. Aber die anderen sind das herrschende System, sie glauben erst recht Recht zu haben. In diesem Netzwerk von Taten und Untaten hat niemand recht. Der Fehler ist nicht die einzelne Tat, sondern das bestehen auf ihr, das Rechthabenwollen, gefolgt vom Wahrheitpachten. Dann kommen schon die Kreuzzüge und dreißigjährigen          Weltkriege. Gott ist keine Burg, in der man Recht hat. Gott ist innen, nicht außen.

Das Leben folgt keiner Rechenkunst. Kein Kalkül ist möglich. Während der Pest müssen die Uhrmacher schweigen. Wir werden von dem, was wir Glück nennen, genauso überrascht, wie von dem, was uns Unglück scheint. Jähe Wendungen des Lebens sind genauso wenig vorhersehbar wie lange Strecken der Langeweile. Deshalb brauchen wir Hoffnung, Erzählung, Schlaf, Droge, Ablenkung, Trost. Die Hoffnung wird am meisten kritisiert, manche glauben gar, dass nur Narren hoffen. Hoffen hängt mit Wahrscheinlichkeit zusammen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Lottogewinn ist zum Glück genau so klein wie für den Blitzschlag. Die Wahrscheinlichkeit dagegen, dass wir jemanden erfreuen können, ist groß, wenn  wir nur genug dafür tun. Jeder hofft zurecht, dass er ein besserer Mensch werden kann. Niemand wird zum Narren, der hofft und harrt, erzählt und tröstet, schläft oder sich betäubt, wenn die Schläge des Schicksals zu hart scheinen. Wenn Sinus das Kreuz des Lebens ist, dann ist Cosinus die Lust des Strebens.

Das Leben ist kein Kalkül. Es hat demzufolge mit Zahl und Geld nichts zu tun. Das Geld ist nur eine Projektion der Zeit, die wir zur Verfügung haben und für     etwas ausgeben. Genauso wenig ist das Leben digital abbildbar, wenn uns das     auch   Netz und Filme und Spiele immer wieder suggerieren wollen. Das Leben bleibt das Leben aus Fleisch und Blut, fragil, verletzlich, kostbar. Das Leben hat     Würde und muss seine Würde behaupten, nur die Dinge haben einen Preis. Die besten Dinge aber sind die Geschenke, die Gaben, die ebenfalls keinen Preis, sondern eine Würde haben. Der schönste Satz, den ein Mensch zu einem anderen sagen kann, ist deshalb: du musst dich nicht bedanken, denn du bist das Geschenk. Das Leben ist kein Kalkül, und das einzige, was keine Inflation hat, ist das Wunder.  

Liebe ist die weiteste und größte Lösung aller unserer Probleme und unseres Schicksals. Sie eröffnet neue, weite Horizonte, weil sie sich anderen Menschen zuwendet.  Wenn die maximale Kommunikation dadurch zustande kommt, dass ein liebendes Paar in einem leeren Zimmer schweigt, dann schließt dies aber auch die gesamte Menschheit aus. Deshalb ist Liebe, wie jeder weiß, mehr als die individuelle Liebe zwischen zwei Menschen. Liebe, die die Menschheit einbezieht, ist Nächstenliebe oder Solidarität. Jedem Menschen ist das Kindchenschema eingeboren, viele haben das Helfersyndrom. Wer kalt ist, wird erfrieren. Wem kalt ist, wird geholfen. So funktioniert Gemeinschaft, ohne die wir nicht sein können. Gehe in ein fremdes Dorf irgendwo auf der Welt: man wird dir Tee bringen und deine Schuhe trocknen! Alles, was du brauchst, um keine Angst zu haben, ist Liebe, aber alles, was du brauchst, um zu lieben, ist, keine Angst zu haben. Liebe ist aber auch geben, ohne nehmen zu wollen. Nicht zufällig stammt einer der schönsten Sätze des Weltdenkens aus einer Liebestragödie: the more i give, the more i have: je mehr ich geb, je mehr ich hab. [Shakespeare, Romeo und Julia]

Die tiefste Lösung aber für den Menschen ist der Glaube. Mit ihm und sich ist der Mensch allein. Wir glauben an etwas, das größer ist als wir, und wir bauen Häuser, die mehr sind als Schutz vor Regen und Sonne. Mit dem Tod aber können wir nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Es ist nicht wichtig, wie wir das, woran wir glauben, nennen, wenn es nur größer ist als wir selbst und die Summe von unseresgleichen. Hiob und Grünspan stellen sich einen Gott vor, den es nicht geben kann, der ihr Leben verwettet und verspielt. Das ist menschlich, aber nicht göttlich. Nur Ultraorthodoxe können sich den Teufel als Tatsache, aber den Frieden  als bloße Metapher vorstellen. Tiefer Friede kommt aus tiefem Glauben. Das ist die Tiefe des Menschen. Glaube ist immer einsam. Gruppe dagegen ist Therapie und auch oft nötig. Die Frage, ob Hiob wirklich glaubt oder nur aus opportunistischen Gründen seinen Glauben bekennt, ist ebenso unbeantwortbar wie universell und unnütz. Wir wissen letztlich nicht, ob jemand, der sagt, dass er uns liebt, nicht sich und seine Befriedigung meint. Wir müssen es glauben, wir wollen es glauben, wir sollen es glauben. Aber genauso wenig wissen wir, wenn wir annehmen, dass wir glauben, ob wir uns nicht Vorteile bloß von der Einhaltung der Regeln, der Traditionen und Rituale versprechen. Wer – außer Grünspan – wäre kein Opportunist?

Hiob ist die Parabel für die Inflation schlechter Nachrichten. Aber sind es auch schlechte Dinge? Ist Hiob zum Schluss nicht stark und demütig, und ist freiwillige Demut nicht der Stärke gleichzusetzen? Hiob belehrt uns, aber wir wollen ihm nicht nacheifern, im bösen nicht, aber auch im guten nicht. Aber jeder von uns kennt einen: der den Schmerz ausgehalten hat, der das böse Schicksal angenommen hat, genauso wie vorher das gute. Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt, der unser Leben verwetten könnte, wenn er wollte, und der den Weg jeder einzelnen Ameise vorbestimmt. Aber wir wissen und glauben, dass es unsere Aufgabe ist, nicht aufzugeben, wieder aufzustehen, dem Nachbarn zu helfen, Gutes zu tun. Es ist gleich gültig, ob wir die Aufgabe als von Gott gegeben annehmen oder mit der Muttermilch der Menschlichkeit in der Vatersprache der Güte aufgenommen oder sogar beides, das ist gleich gültig, wenn wir nur mehr tun als haben zu wollen und sein zu sollen. Wir müssen mehr sein wollen: Geber und Gabe gleichzeitig.

 

GRÜNSPAN ALS FANAL

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Woher wusste er, dass seine Tat schon am nächsten Tag in den Schlagzeilen aller europäischen Zeitungen stehen würde? Die Zeit ist nicht nur manchmal reif für Erfindungen oder Kriege, sondern auch für Fanale. Nicht alle Fanale jedoch werden gehört und gesehen. Sein Fanal ist von den Nazis willig aufgegriffen, von allen anderen, Europäern und Amerikanern, aber ignoriert worden. Die Nazis hatten endlich einen Beweis und die anderen, wer weiß, sahen sich in einem Vorurteil bestätigt. Aber in welchem? Wir alle wissen heute, dass es eine Verschwörung der Menschen aus dem schtetl[1] nicht gegeben haben kann. Vielmehr ist Grünspan ein Vorbote der Schulversagergeneration. Allerdings zählt dazu leider auch Hitler. Während man früher als Schulversager keine Chance hatte, ist das Widersetzen gegen die Welt der Erwachsenen bei manchen ein Synonym für Innovation, die, wie im Falle Hitlers aber auch ein Rückgriff sein kann. Grünspan dagegen wollte ein Signal dagegen setzen, dass der Staat sich das Recht anmaßen kann zu bestimmen, wer wo und wann sein darf oder soll. Die Freizügigkeit gehört zur Demokratie wie die Freiheit überhaupt, die Selbstbestimmtheit und  die Intimsphäre. Er sah etwas verletzt, was zum Menschen gehört, aber damals noch nicht Allgemeingut war. Die Länder, die nicht so antisemitisch wie Deutschland und Polen waren, öffneten sich aber auch nicht sofort und vollständig für den zu erwartenden Flüchtlingsstrom, sondern gaben den Deutschen insgeheim Recht: ein Jude aus Polen zu sein bedeutete damals nichts Gutes. Fügt man dann noch Frau und Linkshänder hinzu, werden alle Vorurteile durch den Namen Curie hinweggefegt. Grünspan wollte zeigen, dass es unrecht ist, dass man erst zweifacher Nobelpreisträger sein muss, um überall geduldet zu werden. Dulden ist auch das falsche Wort. Jeder Mensch muss überall ganz selbstverständlich sein, dann wird die Welt bewohnbar. Der Streit zwischen Freiheit und Ordnung darf nicht Menschen opfern. Loyalität schließt den Tod nicht ein. Hätte Grünspan die heute zugängliche Literatur gelesen, so hätte er wissen können, dass in diesem Sinne seine Tat auch ‚falsch‘ war. Selbst wenn Tyrannenmord als Ausnahme vom Tötungsverbot bestehen bleibt, so kann man sich nicht beliebige Projektionsopfer wählen. Töten ist immer falsch, aber die Schuld am Töten kann man jetzt nicht Grünspan aufbürden, der intelligent genug war, aber nicht genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Grünspan wollte nicht gezwungenermaßen staatenlos sein, aber auch nicht freiweiliig tatenlos. In bezug auf die Wahl seiner Mittel ist Grünspan ein Opfer des Zeitgeistes, aber für das, was er tat, gehört er auf die Liste der Weltinnovatoren. Grünspan ist der Vorkämpfer gegen jede Willkür der Behörden, die schon Hiob und Hamlet beklagten und die auch heute noch so viel Schaden anrichtet, obwohl die Behörden wissen können, dass sie Diener und nicht Herrscher sind. Auch ist er das letzte mögliche Signal gegen den Racheimpuls, der in jedem von uns als archaisches Element steckt, dem von Goebbels schon einen Tag nach Grünpans Tat brutal und alttestamentarisch nachgegeben wurde, der aber für immer geächtet ist durch die Unverhältnismäßigkeit. Das Leid wird durch Rache immer verstärkt, vergrößert. Dagegen verbessert sich das Gesamtsystem, wenn man etwas für andere tut. Das gilt sogar auch für die Grünspan-Initiative. Denn wir wissen heute, dass man Menschen nicht hindern darf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Leben – und wieviel mehr fliehen – heißt aber immer Risiko. Man kann das Leben genauso wenig optimieren wie Märkte, Regierungen und Wasserströmungen. Auch dafür ist Grünspan ein Zeuge. Er ging mit fünfzehn Jahren ohne Schulabschluss von seinen Eltern weg und es ist ihm alles gescheitert, außer in die Geschichte als leuchtendes Fanal einzugehen. In dem Punkt ähnelt er Gavrilo Princip. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, sieht er nicht glücklich aus. Er ist gerade von der französischen Polizei verhaftet worden. Glücklichsein scheint nicht der Sinn des menschlichen Lebens zu sein, nur zu leben, ohne etwas zu tun, aber auch nicht.

Niemand von uns kann die Konsequenzen seines Handelns absehen, nur machen die meisten so wenig, dass  man die Folgen vernachlässigen kann. Es wäre also fatal, wollte man die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath als voraussehbares Signal zum Holocaust deuten. Also etwa so: Hitler hätte sich nicht getraut sechs Millionen Menschen umzubringen, wenn Grynszpan[2] nicht vorher den Botschaftssekretär erschossen hätte. Das ist absurd, so kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es nicht einmal so, dass die Nazioberen auf ein Signal gewartet haben. Dafür dass sie gewartet haben, spricht eigentlich nur der erste September 1939, wo sie den Anlass, das Signal auf perfide Weise selbst geschaffen haben. Auch zum neunten November 1938 kann man annehmen, dass Goebbels nachgeholfen hat, denn der Legationssekretär hatte außer den Schussverletzungen auch eine Krankheit, die er sich durch homosexuellen Geschlechtsverkehr zugezogen hatte. Wenn man ihn sterben ließ, und dafür spricht einiges, hatte man nicht nur einen Märtyrer mehr, sondern einen schwulen Nazi weniger. Indessen war Ernst vom Rath genauso wenig Nazi wie Grynszpan von der jüdischen Weltverschwörung beauftragt.  Vom Rath orientierte sich an seinem Onkel Köster, dem deutschen Botschafter in Paris, mit seiner kritischen Sicht auf die Nazis. Dieser Köster wurde wahrscheinlich von Hitler in Paris belassen, um dem Naziregime einen pluralistischen Anschein zu geben. Später wurde er ermordet. Grynszpan wurde von der Verzweilflung seiner ausweglosen Lage getrieben. Er hatte nirgendwo eine Aufenthaltgenehmigung. Als er hörte, dass seine Eltern und Geschwister nach Polen ausgewiesen worden waren, kaufte er sich vom ersparten Geld eine Waffe und ging in die deutsche Botschaft. Wahrscheinlich hat vom Rath ihn empfangen, weil er das genau so sah. Grynszpan ist ein Vorkämpfer der Freizügigkeit. Eigentlich wollte er dagegen protestieren, dass seine Eltern in ein Land ihrer Unwahl abgeschoben wurden, er aber nirgendwohin konnte, denn er war auch keine Pole mehr, Deutscher schon gar nicht, in Brüssel zeitweilig geduldet, in Paris illegal. Er war ein Europäer aus Hannover, der sich nach Geborgenheit sehnte, denn als er nach dem Einmarsch der Deutschen zufällig frei kam, begab er sich in die Obhut der französischen Behörden. Er war kein Anarchist. Was mag er dann im deutschen Gefängnis und im KZ Sachsenhausen getan und gedacht haben? Er folgte jedenfalls der Strategie seines französischen Verteidigers, indem er darauf bestand, dass er gar nicht hätte ausgeliefert werden dürfen und dass er vom Rath aus homosexuellen Kreisen kannte. Das rettete ihn vor einem Schauprozess mit Todesstrafe. Rettete ihm diese Argumentation auch das Leben? Vielleicht war es aber noch ganz anders. Grynszpan hatte sich eine Waffe gekauft, um den deutschen Botschafter zu erschießen. In der deutschen Botschaft angekommen, traf er auf Rath, den er kannte und der sich das Leben nehmen wollte, weil er diese furchbare Krankheit hatte. Rath riet ihm, ihn zu erschießen und den Botschafter zu verschonen. So haben sie beide in einem letzten Einvernehmen ihre Probleme gelöst. Wäre Grynszpan die Reinkarnation von Hiob, so hätte er überlebt. Er wäre vielleicht der US-Finanzminister geworden oder gewesen. Später glaubte er nicht mehr an Fanal und Rache, sondern an Worte. Er sagte zum Beispiel: Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meine. Er war in Satzkonstruktionen geflüchtet, denen niemand folgen konnte und sie deshalb lieber bewunderte als kritisierte. Er hatte erkannt, dass Zinsen, Schulden und Wachstum nicht nur rein quantitative Parameter sind, sondern auch durch die Qualität der dahinter stehenden Leistungen und Waren bestimmt sind. Das alles hätte er nicht wissen können, wenn er nicht an jenem neunten November den Mann erschossen hätte, der erschossen werden wollte, aber damit gelichzeitig das Fanal für die Würde des Menschen geliefert hat. Er war der moderne Hiob.

[1] jiddisch für Ghetto

[2] polnische Schreibweise

 

 

QUERULANTEN ODER QUERDENKER

Nr. 194

Wer zweimal widerspricht, wird als renitent ausgebuht. Im ranking der Rhetorik steht die Rechtfertigung allemal höher als der Rat, weshalb es nach einem Tag Diskussion schon keinen Fakt und keine Wahrheit, ja, auch keine Meinung mehr gibt, sondern nur noch Parteien. Der berüchtigte Satz von Kaiser Wilhelm, mit dem er alle zum Krieg peitschen wollte, dass er keine Parteien mehr kenne, sondern nur noch Deutsche, war ein populistischer Appell, bei dessen Wirkung man allerdings die überhöhte Autorität des Kaisers nicht unterschätzen darf, dieser Satz stimmt höchstens umgekehrt.

Der Sachverstand lässt sich also immer vom Gefühl überrumpeln. Er kapituliert vor der erdrückenden Faktenlage. Jeder Fakt hat tausend Ursachen, jede dieser Ursachen hat aber auch tausend Folgen, von denen 999 nichts mit der Intention zu tun haben. Statt diese Komplexität immer wieder zu bedenken – denn verstehen kann man sie nicht – folgen wir lieber dem einfachen Schema, dass im besten Fall die Intention gleich der Ursache und diese gleich dem Ergebnis sei. Wir glauben das, weil wir nicht wirklich in der Welt leben, sondern immer in imaginären Räumen. Unsere Welt, schrieb schon Schopenhauer, ist nichts als unser Wille und unsere Vorstellung. Und Andy Warhol setzte fort: I NEVER READ I JUST LOOK AT PICTURES. Und das alles ist immer so gedeutet worden, dass der manipulierte Wille als der authentische wahrgenommen wurde. Kaum jemand ist nicht manipuliert. Je mehr die Nachrichtenmittel, um mal ein Wort aus der völlig absurden und überholten Sprache der Militärs zu benutzen, wir zur Verfügung haben, desto imaginärer ist unsere Vorstellung. Der Satz wäre natürlich trivial, wenn nicht ein zweiter folgen würde: Aber je imaginärer unsere Vorstellung von der Welt ist, desto mehr nehmen wir sie auch für die Wirklichkeit. Das Verachten, beispielsweise, der Medien unterstellt eine bessere Kenntnis. Man glaubt lieber einem Einzelnen, der sich zum Augenzeugen, zum Inbegriff der Authentizität erklärt, als den gut aufgestellten und deshalb in der Regel gut informierten öffentlichen Medien. Wenn man eine bestimmte Tendenz sucht, zum Beispiel dass es nicht so gut ist, mit Russland im Streit zu liegen, dann glaubt man sogar RUSSIA TODAY. Merkwürdigerweise sind am glaubwürdigsten Bauprojekte, obwohl sie fast gar nichts mit Politik zu tun haben: Wer die dritte Bosporusbrücke gebaut hat, kann nicht lügen, denn sie ist Fakt, sie ist zu sehen. Man kann sie übrigens genauso wenig begehen wie ihre Vorgängerinnen, weil es andernfalls zu viele Selbstmörder gäbe. Als Peter Scholl-Latour, der omnipräsente Korrespondent der öffentlichen Medien Deutschlands, immer älter, aber nicht weniger präsent wurde, sagte er fast nur noch: ICH WAR DA als einziges und wichtigstes Argument. ICH WAR DA, sagte der Blinde, und ich hätte es sehen können. Indessen müssen nicht die Medien gescholten werden, die wir wollen und bezahlen,. sondern unser Medienkonsum. Wir setzen uns vor den Fernseher und verwechseln ihn mit einem Fenster. Wir nennen ein Computerprogramm WINDOWS und glauben, hinter dem Monitor wäre die Welt. Allerdings ist diese Verwechslung kein Produkt der Neuzeit. Der verzerrte Blick ist der gleiche wie in der Steinzeit, nur die Nachrichtenmittel haben sich geändert. Es mag eine qualitative Verstärkung von den Dogmen zu den Platinen geben, aber man darf auch wieder die quantitative Zunahme der Menschenmassen nicht unterschätzen. Jetzt wird ein ganz normaler Fake von einer Milliarde Menschen geglaubt, nicht mehr nur von einem Dutzend. Das Dutzend ist so unwichtig geworden, dass wir im Begriff sind, das Wort zu vergessen. Der Einzelne gerät in Vergessenheit, er zählt nur noch als Zahl.

Trotzdem haben es die Querdenker heute leichter. Sie können sich eine Öffentlichkeit schaffen, wo früher für sie mediale Dunkelheit war. Sie können darauf bestehen, dass sie immer wieder angehört werden. Jede Verwaltung wird gelähmt, wenn sie am Tag, sagen wir, tausend emails erhält. Das hält auf Dauer niemand aus. Eine Bank, der man das Darlehen in Eincentmünzen heimzahlte, müsste schließen. Im Internet kursieren nicht nur Verschwörungstheorien, die es aber seit  Beginn der Neuzeit gibt, sondern auch immer wieder fast gleichnishafte Geschichten über den Sieg des einfachen Mannes und der einfachen Frau über die Willkür der Behörden. Diese Willkür gibt es in rohen Ländern als Steinigung oder Aufhängen an Baukränen, in aufgeklärten Ländern als Gerichtsprozess oder Entmündigungsverfahren. Der Unterschied ist die Umkehrbarkeit des einen Verfahrens oder die Unumkehrbarkeit des anderen. Aber immer erklärt die eine Seite sich für Recht und Ordnung, Fortschritt und Volkswohl, die andere Seite wird dagegen als Querulant denunziert.

Das Dilemma, dass eine Behörde nur für glaubwürdig gehalten wird, wenn sie sich durchsetzt und erfolgreich ist, dass das aber nur unter Missachtung sozusagen von 999 Nebenwirkungen realisierbar ist, hat auch jeder einzelne Mensch. Seine Lösung heißt Scheitern. Und weil wir mit dem Scheitern nicht leben können oder wollen, bleibt es ein ewiges Dilemma. Ewig ist ein relativer zeitlicher Begriff., nichts ist ewig, aber alles lebt fort, alles stirbt, aber bleibt bewahrt.

Der EU-Austritt Großbritanniens ist ein gutes Beispiel für unser Gedankenexperiment. Die Briten sind nicht weniger oder mehr Querulanten als andere, aber ihre Regierung hat etwas getan, das eigentlich nur Diktatoren tun. Sie hat die Ursache des eigenen Versagens nach außen, in die EU, verlegt. Dann zeigt sich: es gibt gar nicht den oder die Briten. Britannien ist ein administratives Konstrukt wie alle anderen Länder der Welt. Der eine Bürger sieht sich als Schotte, der andere glaubt, er sei Europäer, der eine Christ, der nächste Jude oder Muslim. Noch vor kurzem war man wenigstens Mann oder Frau, so glaubte man und so wollen die rechtskonservativen Populisten ihren followern weismachen. Dass selbst die Eltern mehr Konstrukt als Tatsache sind, dafür stehen die Dioskuren auf der Piazza del Quirinale auf einem der sieben Hügel Roms. Sie sind Halbbrüder und gleichzeitig Zwillinge, sterblich und gleichzeitig unsterblich, von ihrem genetischen Schicksal ebenso domestiziert, wie die Pferde oder anderen mobiles, die sie domestizieren, wie wir alle, eine vollendete Metapher des Menschseins. Wo sie übrigens heute stehen, sind sie eine Kopie der Kopie der Kopie.

Wünschen wir uns für die Zukunft neben einem Leben ohne Verunglimpfung, und einer Behörde ohne Nebeninteressen auch eine Welt, in der man nicht querdenken muss, sondern einfach nur denken kann.

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Dioskuren