SCHWEBEBAHN DER ZUKUNFT

Über den Roman ‚Schwebebahnen‘ von Hanns Josef Ortheil*

Obwohl die Rektorin der Volksschule wissenschaftlich, wahrscheinlich eher essayistisch, interessiert ist, kann auch sie in Bezug auf die Verachtung der Kreativität und Bevorzugung der traditionell mechanischen Wissensaneignung nicht über ihren Schatten springen. Sie schwingt sich sogar zu einer heute eher selbstverständlichen emotionalen Regung auf, indem sie das Sorgenkind umarmt. Der Konflikt des autistischen Kindes wird damit allerdings nicht gelöst, verstärkt sich noch im hart leistungsorientierten altsprachlichen Gymnasium. Allerdings kann ich, obwohl zur selben Generation gehörig, diese Art Geistfeindlichkeit nicht bestätigen. In meiner Erinnerung gab es nur einen Schüler, der Beethoven-Sonaten spielen konnte, auch bei Schulveranstaltungen spielte und dafür bewundert wurde, aber da war er in der elften Klasse.

Der neueste Roman von Hanns Josef Ortheil zeigt aus der Sicht des Kindes, das in der ersten Klasse ist, den Bildungs- und Gesellschaftskonflikt der Kreativität. Nachdem das Kind Josef in der Kölner Grundschule wegen seiner Weltfremdheit, wie man damals sagte, krachend gescheitert ist, lernt es bei seinem Vater Lesen und Schreiben, und die Familie zieht in die Eisenbahnersiedlung in Wuppertal. Dies lieferte dem Autor zwei wunderschöne Metaphern: die Welt der Eisenbahn und die faszinierende Schwebebahn, die immerhin – obwohl ein Meisterwerk der Ingenieurskunst – ein Mittelding zwischen Karussell und Fortbewegung ist. Diese Faszination trägt über das ganze Buch. In der Schule dagegen schwelt der Konflikt zwischen altem Lernen und zukunftsträchtiger Kreativität, allerdings abgemildert durch die investigativen Gespräche mit der Rektorin, fort. Dem kleinen Josef widerfährt aber noch ein weiteres Lebensglück: ab dem ersten Tag in der neuen Heimat hat er eine Freundin, die nicht nur mehr ist als Spielgefährtin, sondern auch ein weiteres Thema des Romans nämlich das Zusammenleben mit den damals so genannten Gastarbeitern. Die Familie von Mücke hat ein italienisch geprägtes Lebensmittelgeschäft, das im Laufe der Geschichte expandiert. Unbemerkt von den ultrakonservativen Zeitgenossen gibt es mittlerweile in jeder Kleinstadt unseres schönen Landes mindestens ein italienisches, ein griechisches und auf jeden Fall ein türkisches Restaurant. Den Fremdenfeinden zum Fraß vorgeworfen: Seit Himmler deutscher Innenminister war, gibt es Afrodeutsche. Eine Jungenbande im nahen Wald bezeichnet Mücke und Josef, die in ihrer Verfolgungsangst italienisch sprechen, folgerichtig als ‚hergelaufenes Pack‘. An mehreren Stellen des Buches ist die Perspektive des achtjährigen Kindes ohne erkennbaren Grund überdehnt. Mücke, die Freundin aus der zweiten Klasse, obwohl von Hause aus eher pragmatisch begabt und an die italienische Schlagermusik des Ladens ihrer Eltern gewöhnt, versteht auch die Musikalität Josefs. Dieser wiederum, der immer noch in der ersten Klasse ist, hört das Thema der Goldbergvariationen und improvisiert – nachdem ihm seine Mutter ein Glas Wasser bringen musste – eine erste eigene Variation. Überhaupt streift die Musikalität des kleinen Protagonisten an das Wunderbare, wenn nicht an das Wunder.

Aber vielleicht ist das die poetische Idee, die in der Sprache des Buches (und auch der anderen Bücher Ortheils) nicht so erkennbar ist. Die Sprache vermittelt vielmehr den Eindruck, dass das semibiografische Buch eine autobiografische Dokumentation sein könnte. Tatsächlich ist es aber höchstwahrscheinlich semifiktional, und darin liegt gerade seine Stärke und seine gute Lesbarkeit.

Während die Schule als das Konfliktfeld dargestellt wird, das sie auch heute noch ist, werden die Narrative der noch allmächtigen, reichen und stets gegenwärtigen katholischen Kirche ausführlich und ziemlich unkritisch geschildert und übernommen. Zwar zweifeln die beiden Kinder anlässlich ihrer bevorstehenden Kommunion an der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut, aber die Erwachsenen, der Autor und die Leser bleiben scheinbar bei dieser abenteuerlichen Erklärung stehen. Diese Erzählung funktioniert nur, wenn die ganze Welt katholisch ist und Zweifel staatlicherseits verfolgt werden. Viel interessanter ist die Rolle des Gemeindepfarrers, der gleichzeitig ein Ordensmann ist. Er ist ein wirklicher Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in dieser Industriegemeinde, die man sich – mit Ausnahme der Schwebebahn – als ziemlich düster vorzustellen gewohnt ist. Im Gemeindesaal steht ein Bösendorfer-Flügel, an dem Josef sozusagen Tag und Nacht üben kann. Die Mutter baut auf Kosten des Erzbistums Köln, das heute einen eher schlechten Ruf hat, eine Bibliothek auf, die so schnell wächst, dass bald eine zweite Bibliothekarin eingestellt werden muss. Das Buchzeitalter scheint in einem Aufbäumen zu enden. Aber ist die digitale Welt nicht eine ebenso literarische, nur mit einem anderen Trägermedium? Jetzt wehrt sich auch die Verbrennermotorlobby, und wir wissen noch nicht, ob die Zukunft der Menschheit das Elektroauto oder gar kein Automobil oder gar nicht ist. Sollte die minutiöse Darstellung der katholischen Glaubenswelt kritisch gemeint sein, so ist das schwer erkennbar. Vielmehr erscheint sie als der stabilere Teil gegenüber der heute staatlich dominierten Bildungspolitik. Man kann wohl kaum der Erfahrungswelt des Autors widersprechen, aber da es sich um einen Roman und nicht um Memoiren handelt, dürfen wir uns schon zweifelnd zurücklehnen und hoffen, dass es nicht nostalgisch gemeint ist.

Da es heute relativ weit weniger Kinder gibt, ist ihr individualistischer Raum um so größer. Zwar kollidieren immer noch einzelne Kinder mit der Welt der Erwachsenen, aber sie werden auch besser aufgefangen als in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In jeder Schule gibt es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Die Eltern haben ausgedehnte, manchmal sogar überdehnte Rechte. Die inzwischen völlig veraltete föderale Struktur verhindert jedoch die dringend notwendige Reformierung der Bildung, so dass immer wieder einzelne repressive oder ressentimentale Elemente zum Vorschein kommen. Immer noch ist die anekdotische Evidenz wichtiger als die immer noch zu langsam vordringenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das notwendige Tempo der Modernisierung ist keine Idealvorstellung, sondern wird von der rasanten Technikentwicklung vorgegeben. Seit dreißig Jahren beklagen wir, dass die Kinder und Jugendlichen den Lehrern digital überlegen sind. Die Antwort darauf ist die Veränderung des Punktesystems der Bewertung, die insgesamt schon längst fragwürdig ist.

Über all das nachzudenken, fordert dieser neueste Roman Ortheils heraus. Liebevoll wird der kleine Individualist geschildert. Liebevoll erscheint aber auch seine kleine Kernfamilie, eine wahrhafte Verwirklichung des Kinderspiels Vater, Mutter, Kind. Das wird besonders deutlich als der Vater einen Schlaganfall erleidet. Diese kleine Familie ist beinahe eine paradigmatische Vorwegnahme heutiger Verhältnisse. Allerdings gibt es nun neue Probleme und Konflikte. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft wird ebenso liebevoll erzählt. Dabei geht es nicht um die Idealisierung der Migranten, denn der jüngste Bruder der Mutter von Mücke, der aus Sizilien eilends herbeigeschaffte Manager der kleinen Großfirma, ist als Macho und Manchesterkapitalist durchaus unsympathisch. Das hindert die beiden Familien aber nicht, ein Modell der Zukunft zu leben. Deshalb meine Quintessenz und Forderung: Lasst uns nicht nach der Herkunft, sondern nach der Zukunft fragen und sagen!  

DON’T ASK WHERE YOU COME FROM, ASK WHERE YOU ARE GOING!

*Hanns Josef Ortheil ‚Schwebebahnen‘, Roman, Luchterhand, München 2025

EFFI BRIEST ERKLÄRT DIE WELT

Weder liebte Effi Briest den Major Crampas, noch war Baron von Instetten wirklich wütend über die nur in einer Zettelsammlung überlieferte, auch längst vergangene und verjährte Affäre seiner Frau mit dem verhassten Major. Wozu also die ganze Aufregung und die quasilegitime Bestrafung der beiden Delinquenten, zumal Instetten am Schluss einräumt, dass auch sein Leben verpfuscht ist?  Was sich zunächst wie ein Dreiecksdrama, eine Ehetragödie oder eine der damals modernen Duell-Geschichten liest, erweist sich bei näherem Hinsehen als durchaus hinter- und tiefgründiges Modell zur Erklärung vieler heutiger Probleme. Dabei hat der gute alte Fontane nicht etwa tatsächlich in die Zukunft gesehen, sondern er hat in seiner Gegenwart die Keime jener Probleme erahnen können, die uns heute plagen oder jagen.

Man könnte den Roman als eine dichotomische Weltsicht der notwendigen Empathie gegen die bloße stets vorhandene Emphase althergebrachter Ordnungsschnipsel ansehen. Ordnung kann kein kohärentes Weltbild sein, weil die Welt sich in Zeiten der Brüche immer wieder rasant fortbewegt. Ordnung verleitet zu Ausnahmen, zu Korruption und Segregation. Hamlet beklagt nicht, dass die Welt aus den Fugen sei, sondern dass er berufen scheint, sie wieder einzurenken, ‚to set it right‘. Die Ordnungsfanatiker überschätzen sich und ihre Ordnung. Jede Ordnung kann nur von gestern sein, der einzelne Mensch ist normalerweise schon mit einem tropfenden Wasserhahn überfordert. Aber auch die Weltverbesserer benötigen Assistenzsysteme, Menschenliebe allein bleibt zwar richtig und wichtig, aber relativ wirkungslos. Trotzdem ist die Signalwirkung der Tropfen auf die heißen Steine nicht zu unterschätzen. Für das zwanzigste Jahrhundert kann man sagen, dass der Schrecken der beiden Welt- und der vielen Kolonialkriege vor allem auch demografisch verblasst gegen die Leuchtkraft der Menschenfreunde, deren Beispiel und deren Wirkmächtigkeit mit wachsender Bildung der auch zahlenmäßig wachsenden Weltbevölkerung bekannter und bedeutender wird: Lew Graf Tolstoi, Bertha Freifrau von Suttner, Elsa Brandström, Janusz Korczak, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Martin Luther King, Nelson Mandela…

Jedoch schwebt über dem Buch die Morgenröte der Emanzipation. Keineswegs geht es nur um die überfällige Emanzipation der Frauen. Doch ist die erste notwendige Emanzipation die der Frauen als den Männern  ebenbürtige, gleichwürdige Partnerinnen. Diese Notwendigkeit zeigt Fontane in seinem großartigen Psychogramm der Effi, die mit siebzehn Jahren wie ein Objekt auf den Heiratsmarkt geworfen wird. Die besondere Delikatesse besteht darin, dass der Baron von Instetten, der sie heiraten will, schon ihrer Mutter hinterherlief, die jedoch den bodenständigen, aber etwas brummigen Gutsbesitzer von Briest dem charmanten, aber kalten und kaltschnäuzigen Karrieristen vorzog. 

Die Überfälligkeit indessen kann man leicht an der Schuldfrage der Trennung Instettens von Effi erkennen, die mit der vollständigen Unterdrückung der Würde und der Aktivität dieser lebenslustigen jungen Frau einhergeht. Heute würde jeder einfache Amtsrichter ausführlich die Frage diskutieren wollen, warum Effi überhaupt nach einem Ausweg aus ihrer erzwungenen Passivität suchen musste. Dass sie selbst die repressive Art Instettens ihr gegenüber als ‚Erziehung‘ erkennt und benennt, ist der Beginn ihres misslungenen Ausbruchs. Sie erkennt den inszenierten Spuk als wohldosierten Psychoterror. Aber erst als sie die Frau des Ministers bittet, ihr eine Besuchserlaubnis der Tochter Annie zu verschaffen, und erst als dieser Besuch desaströs endet, weiß Effi, dass die Schuld, dass der Fehler keineswegs nur bei ihr gelegen hatte. Ihr bleiben nur Resignation und Tod. 

Nur wenige Kilometer von den fiktiven Orten Hohen-Cremmen und Schwantikow entfernt, nämlich in der Ofenstadt Velten, arbeitete eine Frau an der Emanzipation der Frauen. Auch sie hatte einen zwanzig Jahre älteren Mann, der aber bis zum bitteren Ende zu ihr hielt. Er gab seine Apotheke auf, zog mit ihr nach Berlin, wo sie sich einem Gewerkschaftsführer und dem Alkohol ergab. Aber mehr als zwanzig Jahre kämpfte sie mit Reden auf Kongressen, mit Zeitungen und Aktionen für die Gleichberechtigung der Frau: Emma Ihrer. An ihrer Seite war lange Zeit die später ikonische Clara Zetkin, die tatsächlich auch eine, vielleicht die erste Salonkommunistin war, befreundet mit dem Stuttgarter Großunternehmer Robert Bosch[1], dem König der Zündkerzen, verheiratet erst mit einem russischen Arzt, dann mit einem viel jüngeren deutschen Maler. Zuletzt residierte sie als dicke, alte, berühmte Frau in Moskau und in einer Riesenvilla in Birkenwerder.

Die Emanzipation der Frauen dauerte bestimmt 150 Jahre lang, wenn man sich die gegenwärtige AfD-Fraktion im Bundestag ansieht, dauert sie noch an. In vielen Bereichen, bei den Ärzten[2] und Lehrern zum Beispiel, hat sich die Verteilung umgekehrt, bei den Schulabschlüssen ebenfalls. Eine weitere Nebenwirkung ist auch die erneute Unschärfe der Vaterrolle. Gesellschaftliche Prozesse, ob angestoßen oder spontan, laufen nicht ohne Friktionen ab, so nannte Carl von Clausewitz in seinem berühmten Buch die Differenzen zwischen den Intentionen und den tatsächlichen Geschehnissen, besonders aufseiten der Angreifer.     

Während die Frauen ziemlich genau die Hälfte der Menschheit sind, sind die Kinder nur ein Drittel. Bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren sie bloße Kopien der Erwachsenen, zu deren Ebenbild sie mehr dressiert als erzogen wurden. In unserem Teil der Welt ist es ebenso unvorstellbar, wie groß der Anteil der Kinder an der Subsistenzwirtschaft und sogar auch an der Erwerbsarbeit war und ist. Auch ohne Schläge blieb, wie in unserem Roman deutlich, wenn auch nur kurz zu lesen ist, noch viel autoritäre Gewalt übrig. Als Effi Briest endlich den Mut und die Methode findet, wie sie nach Jahren zu einer Besuchserlaubnis kommen kann, wird sie von dieser Rigorosität nicht nur überrascht, sondern erschlagen. Die Tochter benimmt sich – offensichtlich auf Weisung ihres Vaters und dessen Angestellten – wie eine dressierte Puppe. Auf alle Fragen der hoch erregten Mutter antwortet sie mit einem eisigen ‚Oh gewiss, wenn ich darf.‘ Pädagogen wie Fröbel[3], Pestalozzi, Diesterweg oder Montessori waren es, die den Weg aus der pädagogischen Sackgasse wiesen, aber selbst noch nicht gehen konnten. Geblieben sind eine Unzahl von Pestalozzi-Schulen, Holzspielzeug und das schöne Wort Kindergarten in vielen Sprachen. Und ist es nicht ein schöner Gedanke zu erfahren, dass Fröbel in einem Gutshaus[4] gleich dem Briestschen, Zeit, Raum, Muße und reichlich Literatur vorfand, um zu erkennen, dass die Bildung und Erziehung vom Kopf auf die Füße gestellt werden müssen.  Geblieben ist aber auch die Achtung vor der kindlichen Persönlichkeit, die endlich erreichte pädagogische Balance zwischen Freiheit und Ordnung. Eine Schule kann – wie ein Krankenhaus und eine Feuerwehr – nicht wirklich demokratisch sein, sie muss aber Demokratie lehren, als Ideal verehren und immer genügend Spielraum geben. Ellen Key, eine einst sehr berühmte Schriftstellerin, der wir das ‚Jahrhundert der Frauen‘ und das ‚Jahrhundert des Kindes‘ verdanken, zitiert einen zeitgenössischen Dichter mit dem schönen Gedanken, dass wir in Kindern Prinzen ahnen, doch dann die Könige vermissen.[5] Trotzdem ist der Raum für Kreativität ungleich größer denn je geworden, ja, die Kreativen sind der neue Adel.

Ebenfalls ein Drittel der Menschheit sind die Bewohner jenes Kontinents, der auch die Wiege der Menschheit war, Afrika. Die Hälfte der Afrikaner sind Kinder, so wie die Hälfte Frauen und Mädchen sind. Instetten als Angehöriger der oberen Bürokratenschicht, gleichzeitig auch dem noch herrschenden Adel angehörig, sieht Afrika ganz sicher als reines Objekt des Kolonialismus, diesen als natürliches Instrument des Europäers. Aber er erkennt auch die moralische Überlegenheit des Mangels an allzu starren moralischen Grundsätzen. Er denkt sich Afrika als einen Kontinent ohne Grundsätze, ohne Moral, ohne gesellschaftliche Regeln. Damit fällt er einerseits auf das rassistische Konstrukt des Kolonialismus herein. Andererseits sieht er Afrika aber auch als eine Alternative zur moralisch erstarrten – wie wir heute sagen – westlichen Welt: ‚weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen!‘[6] Merkwürdigerweise hat auch ein anderer preußischer Staatsdichter, der sogar mit einer lebenslangen königlichen Pension alimentiert worden war, die Umkehrung der moralischen Verhältnisse zwischen Europa und Afrika äußerst expressiv beschrieben. Emanuel Geibel schrieb wohl um 1848 eine lange Ballade[7], in der er einer afrikanischen Mutter nicht nur eine unerhörte Klage in den Mund legt. Er lässt sie sagen, dass ihr Sohn (‚mein schwarzer Knabe‘ – in Verkennung des rassistischen Konstrukts) ein glückloses, ja, lebloses Leben haben wird. Er lässt sie all die vermeintlichen ethischen Errungenschaften des europäischen Christentums referieren. Aber der Gipfel ist doch die Schlusspointe, wenn sie – falsch – voraussagt, dass sich all das erst ändern wird, wenn der Mississippi rückwärts fließt, ‚wenn die Christen Menschen werden.‘ Dieses Gedicht hat eine ungeheure, fast alttestamentarische Wucht, und sage nicht, dass sie unerhört war. Denn schon der Expressionismus, der auf Geibel und Fontane folgte, erkannte Menschen in den offiziell als minderwertige Minderheiten gescholtenen Gruppen.

Natürlich kann man dem bornierten adligen bürokratischen Baron von Instetten nicht solche Interpretationen zutrauen. Aber Fontane und Geibel waren ihrer Zeit mehr voraus, als sich durch ihr Gesamtwerk erschließt. Wir meinen, angeregt durch die beiden Oberpreußen, dass die Zukunft der Menschheit in den Kindern liegt, das ist trivial, aber vor allem auch in den Afrikanern zu finden sein wird, die in einem Jahrhundert die europäischen Jahrhunderte seit der Renaissance aufzuholen hatten und aufholten. Seit sie nicht mehr mit Hunger und Unbildung zu kämpfen haben, und wenn sie nicht mehr in Streit und Krieg sich zu finden glauben, dann werden sie die kreative Zukunft der Menschheit sein. Das glaube ich umso mehr, seit man dem Untergang Nordamerikas, Chinas und Europas zusehen kann.   

Baron von Instetten hat einen Freund, Wüllersdorf, der sozusagen seine gute Kehrseite ist, eine Mischung aus Kompetenz und Loyalität, die sich sonst so oft feindlich gegenüberstehen. Wüllersdorf hört von Roswitha, der treuen Bediensteten von Effi, die sich in deren Schicksal gut einfühlen kann, weil sie selbst ein Kind verloren hat. Wüllersdorfs Satz über sie ‚Die ist uns über‘ war der Leitstern der DDR-gestützten Interpretation des berühmtesten Fontane-Romans. Tatsächlich aber ist Roswitha als eine der ganz wenigen Figuren aus dem Arbeitermilieu die Repräsentantin der letzten zu emanzipierenden Gruppe. Drei Geistesgrößen arbeiteten mit gigantischen Irrtümern an der Lösung der ‚sozialen Frage‘, wie die notwendige Emanzipation der arbeitenden Schichten im neunzehnten Jahrhundert genannt wurde. Bekanntlich schlug Karl Marx eine wortreiche, vierzig Bände umfassende Lösung vor, die er die ‚Expropriation der Expropriateure‘ nannte. Er schlug vor, die Ökonomie durch eine bewaffnete Revolution einfach umzudrehen: die Arbeiter sollen gleichzeitig Arbeiter, Besitzer und Konsumenten sein. Immerhin kam es auf einem Sechstel der Welt zu einer Versuchsanordnung. Johann Hinrich Wichern dagegen glaubte – umgekehrt -, dass die Armut der Arbeiter auf ihren Mangel an Glauben zurückzuführen sei. Er erfand daraufhin die ‚Innere Mission‘ – außer den Afrikanern sollten also auch die europäischen Armen zum Christentum hin zurückmissioniert werden – und den Adventskranz. Geblieben sind von den beiden immerhin die linke Partei einschließlich Sahra Wagenknecht und die Diakonie. Nietzsche, der Musterschüler aus Schulpforta, hatte wenigstens einen wirklich großen Gedanken beizutragen, der aber in Vergessenheit geriet und ohnehin nicht besonders praxistauglich war und ist: die Umwertung aller Werte. Die Lösung der ‚sozialen Frage‘, der Emanzipation aller Minderheiten und Teilgruppierungen kam durch eine legendäre Figur, die ebenfalls, wenn auch nur indirekt in unserem Roman vorkommt: Bismarck, der eiserne Kanzler. Allerdings nennen ihn alle nur ‚der Fürst‘, topografisch wird er östlich hinter Kessin – das steht für Swinemünde – angesiedelt. Er befriedete die Arbeiter und alle anderen Armen durch ein ausgeklügeltes System von Sozialversicherungen. Dadurch wurde der Liverpool-Kapitalismus gebändigt. Die großen demografischen Verschiebungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts lassen auch diese langfristige Lösung ins Wanken geraten. Solange allerdings genügend Geld vorhanden ist, lässt sich alles mit Sondervermögen und Schuldenaufnahmen verkleistern.

So gesehen hat Fontane nicht nur eine Gesellschaftskritik vorgelegt, eine fast satirische Vorführung starrer Rollensysteme. Es ist zudem eine unechte Dreiecksgeschichte. Er hat – wenn auch nur angedeutet – die Lösung sozialer Spannungen und Ungleichgewichte skizziert, notwendige Emanzipationen antizipiert. In einem leichten Erzählton wird nicht nur die Biografie einer sympathischen Person geliefert, sondern ein Gesellschaftspanorama ausgebreitet, das mehr als lesenswert ist. Was fehlt, ist der philosophische Tiefgang von Tolstoi, dessen Roman ‚Anna Karenina‘ schon vorlag. ‚Nora‘ von Ibsen zeigt die absurde Variante, die mit dramatischer Wucht die Bühnen bis heute erschüttert. Ob man aber heutige Abiturientinnen und Abiturienten mit diesen Geschichten erschüttern kann, das bleibt zu bezweifeln.     


[1] ‚Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich reich bin, sondern ich bin reich, weil ich gute Löhne zahle.‘

[2] nein, nicht bei den Ärzt*Innen und Lehrenden, denn zu Effi Briests Lebzeiten gab es nur Ärzte und Lehrer

[3] ‚Kommt, lasst uns unsern Kindern leben.‘

[4] in Groß Miltzow nahe Woldegk als Forstamtsaktuar bei Otto Ulrich von Dewitz

[5] Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes, S. Fischer, Berlin 1902, S. 181

[6] Fontane, Effi Briest, 35. Kapitel

[7] in: Des Mägdleins Dichterwald, Auswahl deutscher Gedichte für Mädchen, Halle 1897, S. 198