WEIHNACHTSBRIEF 2022

 

antwort: leidenschaft für gott

kann nur leidenschaft für menschen sein

was du meinem geringsten bruder getan hast

hast du mir getan und nicht umgekehrt

nicht mit symbolischen yesuspuppen spielen

sondern jedem kind aufmerksamkeit schenken  

wir müssen keinem kult folgen

-lass deine linke nicht wissen was deine rechte tut-

sondern einfach der nächstenliebe

und der ehrfurcht vor dem leben

An einem Freitag im Advent rief mich unser Bäckerladen an, um mir zu sagen, dass mein Dinkelvollkorn trotz der gestrigen Absage doch da sei. Die polnische Verkäuferin, die sehr freundlich und beliebt ist, hatte nicht verstanden, dass das zurückgelegte Brot für mich war. Sie wollte nichts falsch machen. Das ist der Vorteil der Kleinstadt und des Landlebens. Seitdem ich keine Klasse mehr in Berlin habe, verstärkt noch durch Corona, betätige ich mich hier, und das wird dankbar angenommen. Die Mitarbeit beim Zensus hat mein Verständnis für die indigene Bevölkerung vertieft. Wenngleich ich diese Kenntnis nicht verlauten lassen darf, ist sie doch in mein Weltbild eingezogen. Meine Welt ist sozusagen um ein Uckermarkstädtchen reicher geworden. Ich habe meinen Gaststatus aufgegeben. Bald werde ich mein halbes Leben hier verbracht haben. Meine Arbeitsstellenbilanz war auch nicht schlecht: vierzig Jahre an einer Schule, die allerdings wie ein Chamäleon mehrmals ihre Farbe wechselte. Lange Zeit war es uns sogar gelungen, den genius loci zu erhalten: eine Schule mit menschlichem Antlitz. Gern würde man in diesem beschaulichen Bilanzstil fortfahren, wenn da nicht der Krieg wäre, dessen neue apokalyptische Reiter Inflation, Energiekrise und Flucht heißen. Aber halt: vergleicht man die Flucht der Ostpreußen und Hinterpommern vor der Roten Armee im Jahre 1945 mit der Flucht der Ukrainer im März 2022 nach Polen und Deutschland, so sieht man sofort, dass die fünfundsiebzig Jahre dazwischen nicht umsonst waren. Die aktuellen Flüchtlinge kamen in Autos und Bussen, sie wurden überwiegend freundlich aufgenommen. In unserer kleinen Stadt ist es schnell gelungen, für Wohnraum, Deutschkurs, Schule und Behördenerträglichkeit zu sorgen. Die Probleme blieben klein und lösbar. Die Energiekrise ist bisher nur Befürchtung, der Holzpreis stieg zwar enorm, verharrt aber unter dem Gaspreis. Die Inflation ist für unsere Verhältnisse beträchtlich, behindert aber das Konsumverhalten der hiesigen Bevölkerung nicht. Gegen die Bösartigkeit oder Verworrenheit der Welt kann man nur konkret handeln. Man muss etwas Konkretes tun, damit es auch für einen selbst besser wird. Jeder Tropfen auf den heißen Stein kühlt die Wut und höhlt den Stein, jedenfalls letztendlich. Das waren alles immer nur als Fertigteile gelieferte Ausreden. Tatsächlich wird das Paradox zum Spagat: die guten Zeiten haben wir uns jahrzehntelang zum Idyll beschworen. Am Ende des kalten Krieges  wurde der abseitige und pseudoreligiöse Gedanke von Hegel durch Francis Fukuyama zur Weltformel erhoben: Das Ende der Geschichte. Demokratie schien überall angestrebt und gelebt zu werden. Schon damals haben wir die großen Ausnahmen übersehen, China, den politischen Islam, die Macht des Militärs, die auch weiter im Westen – wenn auch nicht gerade bei uns – gepflegt wurde. Wir haben übersehen, dass die nicht aufhaltbaren schleichenden Prozesse der Säkularisierung und Globalisierung auch tiefe Löcher reißen, Leere hinterlassen, wo sich früher Nationen, Götter und Rituale befanden. Das Böse und die Bösen wurden dagegen immer schon zur Apokalypse gesteigert, deren große Anziehungskraft wir ebenfalls unterschätzt haben: ‚den entrollten Lügenfahnen / folgen alle. Schafsnatur‘ heißt es schon im ‚Faust‘.

Wem sollen wir folgen? Wer wird uns folgen? Ist folgen überhaupt die gute Bewegung? Alles fließt kann auch heißen, dass alles wegfließt oder überschwemmt oder austrocknet. Wünschen wir uns, dass wir wegwerfen, was weggeworfen werden muss, und dass wir festhalten, was festgehalten werden will, und dass wir gut unterscheiden lernen. 

Trotzdem: kommen aus Moor, das vielleicht zurück zur Natur findet, die besten Wünsche für ein gutes Jahr.

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4 Gedanken zu “WEIHNACHTSBRIEF 2022

    • ‚die welt ist gut‘ beschreibt ein attribut der welt, eins von einer billion bekannten attributen, es ist wichtig, es ist sogar lebenswichtig, aber warum sollte ein anderes nicht ‚bösartigkeit‘ oder ‚verworrenheit‘ sein, zumal eine lösung dagegen schon im gleichen satz steht, nämlich nicht ideologie, sondern konkretes handeln.

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      • Das Wesensmerkmal der Welt kann ich für mich, da ich ohne sie nicht bin, als gut bezeichnen. Ein etwas anderes ists, dass ich als Mensch zwischen gut und böse entscheiden soll und kann. Zur Einsicht an mir selbst, versuche ich mich dieser Aufgabe tagtäglich zu stellen. Wenn ich verwirrt bin, heisst es noch nicht, dass ich zugleich schon böse bin. Zu meiner Grundeinstellung erwarte ich von mir, dass ich mich vor einer Tat für das bessere entscheide. Das heisst nicht, dass die Tat im Nachhinein besehen auch gut wirklich gewesen ist. Da ich böse und gut zugleich bin, habe ich nicht für jede Schwierigkeit, die auf mich zukommt eine Lösung parat.

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  1. solche unterschiede sind oft auch nur sprachlicher art. ich meine, dass die güte der welt nur ein wesensmerkmal ist, nicht das (einzige) wesensmerkmal. der neue gedanke ist, dass wir, da wir nicht auf jede schwierigkeit eine lösung haben, einfach konkret (also am anderen menschen) handeln sollen oder anders ausgedrückt: wenn ich einem menschen helfe, verbessert sich auch das gesamtsystem. die sogenannten realisten kritisieren das gern als tropfen auf den heißen stein und verkennen dabei dessen wirkung. in jedem fall aber: danke für dein lesen und kommentieren!

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