EINBAHNSTRASSE

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Wer in der DDR zur Schule ging und gar studierte, dem blieb keine Wahl als zu glauben, was man ihn lehrte, dass nämlich der Gedanke das Abbild der Realität sei. Auf die Idee, dass die Realität auch ein Abbild der Gedanken sei, durfte man, zumindest in Prüfungen, nicht kommen. Behauptete gar ein pickliger Pfarrerssohn AM ANFANG WAR DAS WORT so wurde er zum Gespött seiner Mitschüler. Wer heimlich Nietzsche las, wusste, dass die meisten Menschen nicht wussten, dass sie nicht tun, sondern getan werden[1]. Nietzsche schreibt in der MORGENRÖTE, dass es der grammatikalische Grundschnitzer der Menschen sei, aktiv und passiv zu verwechseln. Diese Erkenntnis ist hochaktuell: Viele von uns glauben, wenn sie eine Parteilosung in die Kommentare schreiben, dass das ihre Erkenntnis oder ihre Meinung sei. Selbstverständlich hatten die meisten Menschen auch zu Nietzsches Zeit keine eigene Meinung, aber sie konnten sich auch nicht und nirgends artikulieren. Hinzu kommt die Demokratie, die im neunzehnten Jahrhundert wohl eher ein Ideal war, die es jedem ermöglicht, alles zu sagen. Diejenigen mit den unsagbarsten Aussagen berufen sich am lautesten auf diese garantierte Freiheit des Wortes. Das Ergebnis ist nicht nur keine Zurückhaltung, sondern der Aberglaube, ein aktiver Mensch mit eigener Meinung zu sein.

So findet sich am Tag bestimmt hunderte Male die alte NPD- und neue AfD-Aussage, dass wir, gemeint ist Deutschland, nicht das Sozialamt Europas oder der Welt seien. Die das schreiben, glauben felsenfest, dass sie selber darauf gekommen sind und dass es unumstößlich wahr sei, denn sie wissen, dass ihr Sozialamt begrenzte Kassen hat.

Diese hohle Phrase zeigt eine weitere Verwechslung an, nämlich die von der Interpretation und Fakt. Das Wort Fakt kommt aus dem lateinischen ‚facere‘ = machen. Ein Fakt ist das Gemachte, ob nun von Gott, der Natur oder von uns Menschen. Die meisten Fakten kennen wir aber nur durch deren Interpretationen im Elternhaus, in Schulen und Universitäten. Zurzeit am meisten gescholten sind die Interpretationen in den Medien, deren Übermächtigkeit man beklagen, deren Wahrhaftigkeit man aber nicht ohne weiteres in Zweifel ziehen kann.

Wir leben in einem Wald von Interpretationen, der uns hindert, die Bäume zu sehen, ganz zu schweigen von der Welt. Mit dem Beginn der Industrialisierung zerriss unsere Nabelschnur zur Natur. Masaccio[2] war der erste, der eine dreidimensionale Welt so reproduzierte, dass man sie für die Wirklichkeit halten konnte. Aber auch schon die Pyramiden erschienen ihren Zeitgenossen und den heutigen Touristen nicht als Gedankenkonstrukte, sondern als Wirklichkeiten. Die Welt, die uns umstellt, besteht aus Kunst und Technik. Hinter wessen Haus Kiefern rauschen, ist sich oft nicht bewusst, dass 95% unseres Waldes Forst ist, also Kulturlandschaft. War Claire Zachanassian[3] noch ein satirisch überhöhtes  Kunstprodukt, so laufen durch die nördlich-westliche Welt heute viele von der Medizin und Medizintechnik am Laufen gehaltene Menschen.

Daraus folgt, dass angesichts der Technisierung und Poetisierung der Welt die Bedeutung von Bildung und Glaubwürdigkeit noch wächst. So wie mit dem Zuwachs an Computern keineswegs der Papierbedarf sank, so wird auch die Bedeutung der Lehrer mit der Inflation an Fakten und Interpretationen steigen. Es ist ein großer Erfolg des Fortschritts und der Demokratie, dass jetzt 90% aller Menschen lesen und schreiben können. Aber die neue Herausforderung an alle Bildungseinrichtungen, an alle Religionen und Philosophien, an alle Eltern und Großeltern wird es sein, die Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit zu entwickeln und zu stärken.

In einer von Algorithmen beherrschten Welt wird Vertrauen zur wichtigsten Lebenskraft.   


[1] NIETZSCHE, 1844-1900, Morgenröte, 120

[2] MASACCIO, Maler der Frührenaissance, 1401-1428

[3] DÜRRENMATT, Besuch der alten Dame

4 Gedanken zu “EINBAHNSTRASSE

  1. Da klingt sehr viel Bildungsoptimismus mit, denn ich angesichts der gefährlichen Narretei in dieser Welt nur bedingt teile. Interessant aber von deinen Ideologieerfahrungen in der DDR zu lesen. In meiner Wiener Jugendwelt verbanden sich die Ideologie des Kalten Krieges mit dem Post-Nazi-Traumata der Mütter und Väter. Darüber sollte ich auch mal schreiben ….

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  2. Angesichts Deines klösterlichen Gedankenganges liest es sich vermutlich besonders blasphemisch, wenn ich hier schreibe, dass ich aufhörte zu glauben just in dem Moment, in dem ich erschrocken feststellte, das Gott mir leidtat. Ich hatte nämlich leichtsinnigerweise mir vorgestellt, wie es sein müsste, alles Leid der Welt wahrzunehmen – gleichzeitig und in seinem vollen Ausmaß. Globalisierung und mediale Fülle und Vielfalt versetzen nun uns Menschen fast in die Lage, alles Schreckliche, das in der Welt geschieht (nein, nicht wirklich alles, aber doch eine hinreichende Menge davon) fast im Augenblick des Geschehens zu erfahren. Und NATÜRLICH (!!!) können wir nicht damit umgehen. Es bewirkt, dass wir den Glauben an den Menschen verlieren.

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